Zurück zur Wahrheit

Eine verbreitete Simpel-Meinung lautet, Christen glaubten an eine Offenbarung der Wahrheit, weil sie nicht an die Vernunft glauben. Das ist zwar richtig. Aber das allein genügt nicht. Denn wer nicht auch der Versuchung widersteht, statt an die Vernunft an seine „Intuition“ zu glauben, landet bei „Gnosis“ und „Esoterik“, nicht im Christentum. Ob „Mensch gleich Sünder“, „Leben nicht führbar, sprich: Gnaden-Verwiesenheit“, „Nondualität alles Wirklichen“ oder „konsequente Gewaltlosigkeit alles Moralischen“: Es ist ein seltsames Merkmal der letzten Wahrheit, dass sie von den wohl weitaus Meisten nicht nur kontra-rational, sondern auch kontra-intuitional empfunden wird, weshalb man sie überhaupt erst dann als Wahrheit erkennt, wenn man sie nicht nur gegen den Widerstand der Logik – der gar nicht so groß ist, weil die Logik sich ohnehin sehr vieles zu adaptieren vermag -, sondern auch gegen den Widerstand seiner sogenannten, oft genug nur vermeintlichen „Intuition“ – der viel größer ist – akzeptiert hat; und es ist eben dieses kategorische, ausschließliche A-posteriori-Funktionieren und -Sinnergeben der letzten Wahrheit, welches das Konzept ihrer Vermittlung per „Offenbarung“ erforderlich, notwendig, zwingend macht.

Praktisch ausgedrückt: Das notorische menschliche Problem mit der Wahrheit ist nicht, dass sie so schwierig, so kompliziert wäre; sondern dass wir die ersten Male, die wir ihr begegnen, mit höchster Wahrscheinlichkeit nahezu achtlos an ihr vorübergehen, weil uns „intuitiv“ ausgeschlossen scheint, dass es sich dabei um die Wahrheit handeln könnte, und wir danach erst gegen den rasch anwachsenden Sisyphus-Berg unserer Irrtümer, diese Steinchen für Steinchen „rückbauend“, zu ihr um- und zurückkehren müssen. Und ohne die Vorstellung von „Offenbarung“ gibt es überhaupt keinen „vernünftigen“ Grund, warum überhaupt irgend ein Mensch jemals eine solche Umkehr vollziehen sollte.

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