Zu den frühen Christenverfolgungen

Zahlreiche angesehene Kirchenhistoriker vertreten heute die Auffassung, die frühen Christenverfolgungen seien in ihren Opferzahlen nicht sehr beträchtlich gewesen, sondern ihre entscheidende Bedeutung habe darin gelegen, dass sie eine theologische Debatte innerhalb der Kirche über die „schwach Gewordenen“ auslösten – wie etwa zahlreiche „Libelli“ vor allem aus der decischen Zeit belegen, kleine Schriftstücke, die Christen ein angebliches Kaiseropfer attestierten und ihre Inhaber, die von ihnen geschützt wurden, eine Menge Geld kosteten.

Dem zweiten Teil der Aussage, betreffs der eigentlichen theologischen Bedeutung der Verfolgungen, kann man meines Erachtens zustimmen. Aber den ersten Teil, die Vermutung eher niedriger realer Opferzahlen, muss man doch kritisch in Zweifel ziehen. Und zwar aus folgendem Grund.

Zweifellos haben die Heiligenlegenden viele Fälle nicht nur ausgeschmückt, sondern auch schlicht frei erfunden, in denen Märtyrer zu solchen wurden, indem sie das Kaiseropfer verweigerten. Dieser Hergang bietet sich selbstredend einer anschaulichen, effektvollen Dramatisierung an. In dieser Hinsicht gibt es wohl tatsächlich mehr literarische als reale Opfer.

ABER: Die Annahme, dieser Ablauf – Verdacht und Denunziation, behördliche Vorladung, feierliche Opferverweigerung, Hinrichtung durch die Obrigkeit – sei das dominierende Muster der Christenverfolgungen gewesen, ist an sich unrealistisch. Sie entspricht nicht unseren kulturhistorischen, ethnologischen und soziologischen Erkenntnissen über derartige gesellschaftliche Spannungsprozesse.

Tatsache ist: Die Christen sind im römischen Reich von Anfang an verfolgt worden. Zuerst wurden sie freilich aus römischer Sicht nicht von den „übrigen“ Juden unterschieden. Im Rahmen des Konflikts zwischen Römern und Juden, der schon vor Jesu Geburt begann, hatten die Juden im Sinne ihres Bilderverbots gegen Kaiserbilder in Jerusalem protestiert, was im Jahr 38 unter Caligula zunächst zum Verbot der jüdischen Religion in Italien führte. Im Jahr 49 wies Claudius gemäß einer Notiz bei Sueton jene Juden aus Rom aus, die sich als Anhänger des „Chrestos“ bezeichneten. Da hatten die Christen – falls „Chrestos“ sich auf sie bezieht, was aber recht wahrscheinlich ist – also schon versucht, zu argumentieren, dass sie keine Juden seien; dies wurde aber noch lange nicht anerkannt – und das Kernproblem dadurch ja auch nicht gelöst.

Unter Nero richtete sich zum ersten Mal ein „Volkszorn“ in Rom gegen Juden und Christen: Der Brand der Stadt, den man später den Kaiser selbst gelegt zu haben verdächtigte, wurde ihnen als Tätern angelastet. Dies plausibilisiert sich daher, dass Juden und Christen in den inneren Vierteln der Stadt, die abbrannten, nicht wohnen durften. Das Zentrum war den römischen Staatsgöttern heilig, weshalb Juden und Christen in den Außenbezirken wohnen mussten – wo sie das Feuer nicht betraf. Dadurch fiel ihnen umso leichter die Rolle der Sündenböcke zu. Das wäre aber dennoch nicht der Fall gewesen, wenn Juden und Christen zu diesem Zeitpunkt nicht längst schon als „die Anderen“ negativ profiliert gewesen wären.

Ab Domitian sind die Verfolgungen auf den ersten großen römisch-jüdischen Krieg 66-73 zurückzuführen. Von da an treten nach und nach die staatsbehördlichen Einzelfalluntersuchungen in den Vordergrund. Das Kaiseropfer als Probe schildert uns Plinius in einem Brief an Trajan, der diesem Vorgehen daraufhin zustimmt. Aber noch lange ist es der immer wieder gelegentlich aufwallende „Volkszorn“, dem bei weitem die meisten Christen zum Opfer fallen. So etwa unter Mark Aurel, als die Antoninische Pest ausbricht. Diesmal ist es der vom psychologischen Horror des Massensterbens genährte Aberglaube, der den Christen eine spirituelle Schuld zuweist. Dass es die ordentlichen Gerichte ausgerechnet des persönlich toleranten „Philosophenkaisers“ gewesen sein sollen, die in diesen Jahren die meisten Märtyrer verursacht haben, ist wenig glaubhaft.

Um 200 schrieb Tertullian: „Wenn der Tiber bis in die Stadtmauern steigt, der Nil aber nicht bis über die Feldfluren, wenn die Witterung nicht umschlagen will, die Erde bebt, wenn es eine Hungersnot, eine Seuche gibt, sogleich erhebt sich Geschrei: Die Christen vor die Löwen!“

Selbst einmal angenommen, Tertullian übertreibe ein wenig: Dies ist nicht das geistige Klima, in dem die hauptsächliche Lebensgefahr für einen Christen darin besteht, er könne vor einen römischen Beamten geladen werden, um in dessen Beisein vor ein Kaiserstatue ein wenig Wein in ein Feuer zu gießen.

Auch „Libelli“ brauchte man wohl kaum in erster Linie gegenüber Behörden, die solche vereinzelt exemplarisch eingeforderten Akte der Loyalität selber gewiss akribisch dokumentierten. Wenn man es mit der Annahme der Reise-Mobilität eines durchschnittlichen Bewohners des römischen Reiches nicht übertreiben will, sollte ein solcher Wisch zunächst einmal vor allem gegen erregte heidnische Nachbarn schützen.

Ab dem dritten Jahrhundert, der „Soldatenkaiserzeit“, verändert sich die Situation. Das Reich ist nun von außen sowie auch strukturell äußerst bedroht und instabil, was bis zu Mark Aurel nicht der Fall gewesen war. Das hat für die Christenverfolgungen zwei Konsequenzen: Erstens werden sie „argumentativer“. Sie sind stellenweise sicher immer noch emotional und abergläubisch, aber nun tritt das Argument des Hochverrats hinzu: Die äußere Bedrohungslage forciert die Forderung nach bedingungsloser innerer Loyalität.

Zugleich ist die Gruppe der Christen kontinuierlich gewachsen. Der Punkt, an dem eine wachsende Gruppierung etwa zwischen zwei und fünf Prozent ihrer Gesellschaft ausmacht, stellt ohnehin immer die gefährlichste Phase ihrer Entwicklung dar: Vorher ist sie noch unwichtig; hinterher bereits auf irreversible Weise „unvermeidlich“. Dazwischen wird sie logischerweise am meisten angegriffen.

Alle Studien zur Statistik der Frühen Kirche haben gezeigt, dass jeder Versuch vergeblich ist, historische Gesamtzahlen zu erfassen. Wo Herrscher das nicht zu ihrer Zeit selbst getan haben, sind die Daten Jahrhunderte später nicht mehr zu gewinnen – nicht einmal mehr ansatzweise. Aber jede Schätzung des gesunden Menschenverstandes zeigt, dass die Christen genau im dritten Jahrhundert zwischen zwei und fünf Prozent der Bevölkerung ausgemacht haben werden. Auch die meisten Wissenschaftler gehen davon aus. Eine klassische – wenn auch deswegen nicht unbedingt sakrosankte – Mutmaßung lautet: Um das Jahr 300 war die Bevölkerung des römischen Reiches auf 50 Millionen geschrumpft, und 2 Millionen davon waren bereits Christen. Das wären 4 Prozent. Diese Angabe liegt auf jeden Fall im Bereich realistischer Größenordnungen.

Die Gründe des Wachstums der christlichen Gemeinden sind hier nicht Gegenstand der Erörterung. Es werden aber unter anderem sicher wesentlich ihre karitativen Fürsorge-Strukturen gewesen sein, die im öffentlichen Bereich gerade im dritten Jahrhundert immer stärker kriselten.

Damit wurde die Loyalität der christlichen Bewegung massiv zum real- und machtpolitischen Problem, was sie noch bis unter Mark Aurels Sohn Commodus nicht gewesen war. Bis dahin hatte die Antipathie der Mehrheit gegen Juden und Christen höchstens nach Symbolpolitik verlangt. Ab etwa 200 ging es in der Auseinandersetzung mit den Christen erstmals konkret um die Autorität im Reich, um die Macht – auch wenn die Christen das vielleicht anfangs selber großenteils noch gar nicht so sahen.

Die zweite Konsequenz der Reichskrise des dritten Jahrhunderts ist ein relativer Mangel an amtlichen Dokumenten. Unsere Belegsituation ist für die römische Verwaltung der vorangegangenen Jahrhunderte wesentlich besser, genauer, vollständiger. Das zeigt ein Befund wie etwa die erstaunliche archäologische Feststellung eines größeren Gefechts unter massivem Einsatz römischer Torsions-Artillerie am Harzhorn um 235, woran gegen eine unbekannte Zahl von Germanen mehrere tausend römische Legionäre beteiligt waren. In den historischen Quellen fehlt von einem entsprechenden Feldzug aber jede Spur. Die Römer drangen also, vermutlich unter dem ersten „Soldatenkaiser“ Maximinus Thrax, mit starken Verbänden spektakulär tief in feindliches Gebiet vor – aber die dokumentarische Erfassung des Geschehens versagte im rasenden Wirbel der chaotischen Zeiten.

Daraus folgt, dass im Vergleich mit den behördlich optimal kontrollierten, weil von den Behörden selbst initiierten Ereignissen, wie etwa einem von der Illoyalität Verdächtigen exemplarisch eingeforderten Kaiseropfer, die Zeugnisse anderer Vorgänge zeitläuftebedingt relativ gesehen abnehmen. Dadurch entsteht der falsche Eindruck, Christenverfolgungen hätten sich im dritten Jahrhundert hauptsächlich in Gegenwart römischer Beamter, in Kaisertempeln und auf offiziellen Exekutionsplätzen abgespielt. Wahrscheinlich gab es „Pogrome“, die nicht dokumentiert sind, bei denen der Mob die von ihm Gejagten keineswegs erst gefragt hat, ob sie bereit sind, dem Kaiser göttliche Verehrung zu erweisen, ehe er sie gelyncht hat. In manchem oppidum, dessen Bevölkerung aus irgendeinem Anlass gruppendynamisch gegen die paar Dutzend bekannten Christen, die darin wohnten, entgleiste, lief gewiss alles viel rascher und formloser ab. Chronisten fehlten. Es war eine finstere Zeit.

Und doch wuchs das Christentum weiter. Schließlich vollzog Konstantin aus politischen Gründen eine abrupte Kehrtwende: Er entschied sich um der Geschlossenheit aller Kräfte gegen die äußeren Feinde willen, den inneren Spalt seines Reiches auf unkonventionelle, kühne, geniale Weise zu heilen: durch eine handstreichartige „Umwertung aller Werte“ – die Anerkennung des eben noch verfolgten Christentums. Ohne Not hätte er das nicht getan. Die Rede ist dabei ganz entschieden von politischer Not, nicht von persönlicher Seelennot des Herrschers.

Damit begann die große theologische Debatte um die „moralisch Gefallenen“.

Aber auch die Zahl der physisch Gefallenen im Kampf des Christentums um sein Überleben in den ersten drei Jahrhunderten sollte nicht unterschätzt werden. Auch wenn sie überwiegend gar nicht mit jenen – teilweise fiktiven – Personen identisch sind, die heute in unseren Martyrologien stehen. In einem geistlichen Sinne kann man aber vermutlich sagen, dass wir keineswegs „zu viele“ Verfolgungsmärtyrer in unseren Kalendern haben: Sondern die zahlreichen liturgisch Verehrten vertreten symbolisch die Stelle der durchaus vielen historischen Opfer ihres Glaubens zur Zeit der frühen Kirche, auch wenn deren reale Geschichten oft ganz andere gewesen sind.

Unabhängig von allen allgemeinen historisch-soziologischen Erwägungen aber bleibt festzustellen: Es ist die notorische theologische Darstellung des Christentums als einer unpolitischen religiösen Bewegung, die ihre lange, konsequente und brutale Verfolgung im römischen Reich so rätselhaft erscheinen lässt. Aber der historische Jesus ist eine entschieden politische Gestalt, und nicht nur die Römer erkannten das klar, sondern auch die frühen Christen waren sich dessen alle bewusst. Was uns heute daran irritiert und unseren Blick trübt, ist nur unsere spätneuzeitliche Gewohnheit, Religion und Politik zu trennen. Freilich: Die gewöhnlichen, beliebigen Mysterienreligionen der Spätantike waren vergleichsweise weit weniger politisch. Genau dieser Umstand begründete entscheidend gleichermaßen den Erfolg wie auch das Verfolgtwerden des Christentums. Seine Entpolitisierung begann erst mit der Konstantinischen Wende.

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