Witzige Sünde

Christsein ist unmöglich ohne Sündersein. Sich „positiv“ zur grundlegend sündhaften Struktur des menschlichen Daseins zu bekennen bedeutet, nicht nur intellektuell den Gedanken annehmen zu können, dass Gott den Sünder liebt und annimmt, obwohl ihm die Sünde fern ist. Sondern es bedeutet, diese Liebe wirklich nachvollziehen und mitvollziehen, wirklich fühlen zu können.

Es ist übrigens falsch zu sagen, dass Gott „die Sünde hasst“ oder sie auch nur „ablehnt“. Vielmehr besteht das Wesen der Sünde in nichts anderem als in Gottferne, die von uns, den bewussten Individuen, ausgeht, nicht von Gott, und an der Gott nur insofern teilhat, als er die Möglichkeit unserer Entfernung von ihm zulässt, damit das Person gewordene Bewusstsein in uns an dieser Möglichkeit wachsen und reifen kann. Die Sünde ist Gott fern, aber seine Liebe zum Sünder überwindet und überbrückt die Entfernung. Das muss man nicht nur denken, sondern spüren können, um echt Christ zu sein.

Ohne Zweifel ist solches Sünder-Bewusstsein eine schwierige Übung, oder sagen wir es deutlicher: eine Zumutung.

Lebenserfahrung führt mit einer zwar nicht totalen, aber doch erheblichen Zuverlässigkeit an den Punkt der Erkenntnis, dass wir stagnieren, wenn wir Zumutungen ausweichen. Andernfalls hätte die christliche Botschaft historisch sicher keine Chance gehabt. Nach genügend Erlebnissen katastrophaler menschlicher Stagnation wird die christliche Botschaft attraktiv für ernsthafte Auseinandersetzung. Wie nähert man sich ihr?

Der grundsätzlich, präliminarisch und propädeutisch aus seiner Stagnation heraus christseinswillig gewordene Mensch hat zwei wesentliche Strategien entwickelt, sich diese Zumutung annehmbar zu machen: Er kann entweder versuchen, der Melancholie des Sünderseins eine Süße abzugewinnen, oder er kann es mit Humor nehmen.

Die Präferenzen für die eine oder die andere Strategie verteilen sich nicht zuletzt auch mit Rücksicht auf den Volkscharakter, der bekanntlich von geographischen Faktoren mitbestimmt wird.

In sonnenarmen nördlichen Breiten versteht man sich besonders gut auf die Kunst der Destillation, aus Melancholie Süße zu gewinnen. Dies bringt das strenge protestantische Christ- und Sündersein hervor.

In sonnendurchfluteten südlichen Gefilden hingegen dominiert jenes lebhafte Volksgemüt, in dem ein saftiger Humor gedeiht. Hier ist der schlitzohrige Katholizismus zuhause.

Deutschland ist eine mittlere Breite. Das kann zu einer besonders explosiven Mischung beider Strategien führen, wie ich sie etwa in Martin Luther verkörpert sehe. Es kann aber auch dazu führen, dass beide Strategien einander aufheben.

Deshalb verlief die internationale Front zwischen Katholiken und Protestanten auf deutschem Boden auch an ihren heißesten Tagen immer in einer gewissen kühlen Atmosphäre des verborgeneren, aber viel eigentlicheren Dualismus zwischen Christen und Nichtchristen.

Es wäre interessant zu eruieren, warum wo welche Bollwerke des Protestantismus in Deutschland erstarkten. Ich kann indes vorläufig aus eigenen Studien nur begründen, warum Bayern zu einem Bollwerk des Katholizismus wurde.

Gewiss ist es eine südliche deutsche Region. Aber das sind Baden und Württemberg auch, wo die Reformation Erfolge feierte und wo sich die beiden großen Konfessionen das Christentum etwa halbe-halbe teilen.

Zunächst einmal: Der Bayer stagniert besonders gerne. (Vom Alemannen wissen wir das Gegenteil.) Das erhöht, wie wir oben sahen, langfristig allgemein die selbsterkenntnisvolle Bereitschaft zu religiösen Zumutungen. Im Schwabenland sind demgegenüber traditionell auch die außerchristlichen Orientierungen besonders stark, nicht zuletzt die sanft-esoterischen, zumutungsreduzierten.

Warum aber ist Bayern so katholisch? Nun, das wiederum hat mit der spezifisch ausgeprägten bayerischen Humor-Kultur zu tun. Deren Herkunftsursachen lassen sich in einer Region mit gesamthistorisch besonders wechselvollen politischen Verhältnissen vermuten.

Die germanischen Grenzgebiete des antiken römischen Reiches mussten während eines über dreihundert Jahre dauernden Zusammenbruchs dieses Imperiums – von den Markomannenkriegen Mark Aurels ab 166 bis zur formellen Staatsauflösung 476 – die höchste Kunst einer heiklen halboffiziellen oder inoffiziellen regionalen Eigendiplomatie nach immer mindestens zwei Richtungen pflegen, um mit einiger Qualität zu überleben. Und auch die anschließenden einschneidenden politischen Grenzen folgten mindestens weitere drei Jahrhunderte lang, bis zur Reichsgründung Karls des Großen, dem Verlauf des alten römischen Rhein- und Donaulimes und verlangten von deren Anwohnern höchstes Geschick im Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen. Die Alemannen wurden derweil vom Schwarzwald geschützt und abgeschirmt.

In exponierter Lage erhalten die Vorzüge des Humors eine essenzielle Bedeutung für den alltäglichen zwischenmenschlichen Verkehr. Er erlaubt, Dinge leichthin und geradeheraus zu äußern, die in der Gebärde trockenen Ernstes das Gegenüber, dessen semantische Welt man vielleicht nur mit unzureichender Sicherheit teilt, allzu leicht erbosen könnten. Und so sind es zusammen mit den Bayern wenig verwunderlicher Weise gerade die Rheinländer, die sich in Deutschland neben ihrem milden, mit südlichen Reminiszenzen gesegneten Klima durch ihren Humor und ihren Katholizismus auszeichnen und fröhliche Sünder sind.

Prost.

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