Wie ich den Propheten Mohammed verstehe

Ich finde es sehr wichtig, dass ein Christ ein einigermaßen fundiertes Verständnis des Islam hat.

Hier spreche ich über mein Verständnis des Propheten Mohammed, weil ich über meine Deutung der Gründe für die Entstehung des Islam spreche, nicht über dessen spätere Entwicklung, die man davon unterscheiden muss – so wie in allen anderen Religionen auch.

Ich sage „der Prophet Mohammed“, um mit dieser Wiederholung einer Glaubensformel ganz bewusst eine ökumenische Anerkennung zu äußern. Im folgenden spreche ich nur noch von „Mohammed“ und meine damit den historischen Menschen, der für mein Verständnis des von ihm gestifteten Glaubens sehr wichtig ist.

Mohammed lebte unter kulturellen Umständen, in denen sich der Monotheismus noch nicht durchgesetzt hatte. Seine Heimat, sozusagen vor den Toren des römischen wie des persischen Imperiums gelegen, war durch die diese Imperien mit südarabischen Luxusgütern versorgende Weihrauchstraße wirtschaftlich reich geworden und hatte sich infolgedessen in ihrer materiellen Kultur hoch entwickelt. Ihre geistige kulturelle Identität war für ihre Angehörigen aber offenbar bis dahin unbefriedigend geblieben. Vor diesem Hintergrund übte der mehr Orientierung gebende strenge Monotheismus, den Mohammed intuitiv als richtig erkannte, auch aus gesellschaftlichen Gründen auf die engere Herkunftsumgebung des Islam einen starken Reiz aus.

Mohammed war offenkundig über die jüdische wie über die christliche Religion gut unterrichtet. Das ist nicht allzu verwunderlich, denn Juden wie Christen zählten zu seinen direkten Mitbürgern. Er sah sich von ihnen aber einerseits religiös zurückgewiesen, andererseits hatten diese Religionen bei der von ihm gewünschten religiösen „Monokultivierung“ seiner Heimat offensichtlich auch bereits versagt.

Das Judentum wies ihn mit der einfachen Begründung ab, dass in ihm die Religion untrennbar mit dem von Gott erwählten Volk verbunden ist und das erwählte Volk mit der Geburt. Das Christentum stellte Mohammed nicht vor dieses, aber vor ein anderes Hindernis: Es hatte in den vorangegangenen gut zweieinhalb oder knapp drei Jahrhunderten bereits sein gesamtes äußerst komplexes wie differenziertes System symbolischer Aussagen über Wahrheiten außerhalb der Vernunft entwickelt. Die christliche Theologie ist verwinkelt. Zwar behaupten die Theologen, der christliche Glaube sei einfach, und auch ich selber glaube das; aber er ist erst und nur dann einfach, wenn es einem Menschen gelingt, ihn intuitiv in der Gesamtheit seiner Zusammenhänge zu erfassen – und das ist kein geringer Schritt. Deswegen wird er auch immer so prononciert als göttliche Gnade herausgestellt. Die intellektuelle Anstrengung, den christlichen Glauben zu verstehen, ist eine gewaltige. Sie führt zu entsprechend endlos verästelten Debatten. Noch heute würden viele Theologenkollegen nicht einmal meiner Charakterisierung unseres Fachgebiets als „System symbolischer Aussagen über Wahrheiten außerhalb der Vernunft“ zustimmen.

Aber meiner Ansicht nach ist es genau das, was Mohammed am Christentum stark abschreckte: Die Verbindung von tragenden Grundlagen weit außerhalb der Vernunft mit einer gegebenenfalls – das heißt für Intellektuelle – systemimmanenten ungeheuren Strapaze der Vernunft, dieses Außervernünftige um einer Mindest-Versöhnung willen in die Vernunft hereinzuholen. Ich persönlich erkenne in genau dieser Spannung die inkommensurable Größe und Energie des Christseins; erkenne aber an, dass diese Sichtweise nicht jedermanns Sache ist. Ich sehe im Christentum eine unausschöpfliche theologische Tiefe; bin aber selber der Auffassung, dass es falsch ist, jeden, den solche Unergründlichkeit eher skeptisch macht, für oberflächlich zu erklären.

Mohammeds Heimat war von einer sesshaften wie nomadischen Doppelkultur geprägt. Es waren seine städtischen jüdischen und christlichen Kaufmanns-Nachbarn, die die religiöse Diskriminierung des Monotheismus-Suchenden verkörperten. Daraus erklärt es sich, dass seine eigene religiöse Initiative sich schließlich wesentlich auf seine nomadischen Kulturgenossen stützte, die angesichts Mohammeds eigener sesshafter Sozialisation zunächst ja nur in einem etwas eingeschränkten Sinne seine Kulturgenossen waren. Es ist sicherlich aus praktischen Lebenszwängen zu begründen, dass die geistige Kultur von Nomaden – wiewohl keineswegs un- oder unterentwickelt – dezidiert klare, einfache Formen präferiert; und es ist von daher verständlich, dass das Christentum in Nomadenkulturen, wenn überhaupt, immer nur schwer heimisch wurde.

Mohammed empfand immerhin ganz deutlich, dass sein persönlicher Monotheismus nicht auf irgendwelchen Grundlagen außerhalb jener Tradition fußen konnte, die Juden und Christen gemeinsam ist. Gleichzeitig konnte er nicht direkt an Judentum oder Christentum anknüpfen. Eine indirekte Anknüpfung stellte sich ihm folglich als unausweichliche Notwendigkeit dar.

Er fand seinen Anknüpfungspunkt ebenso logisch wie genial in Abraham, dem biblischen ersten „Monotheisten“. Damit hatte Mohammed seinem Glauben eine Geschichte gegeben, die den Vorwurf zurückwies, sie sei „epigonal“. Mohammeds Anknüpfung ist aber auch keineswegs eine „Erfindung“. Sie ist eine profunde theologische Leistung. Denn tatsächlich intendiert die Bibel mit der Schilderung der Verstoßung von Hagar und Ismael (Gen 21,9-21) unmissverständlich eine ätiologische Vorgeschichte der nomadischen Nachbarvölker der Israeliten, der „arabischen“ Stämme der Wüste. Auch Ismael ist ein Sohn Abrahams – sogar der ältere. Und beim Begräbnis ihres Vaters in Hebron treffen Ismael und Isaak, der hebräische Erzvater, ein letztes Mal als Brüder zusammen (Gen 25,9).

Mit der Bezugnahme auf Abraham bot Mohammed seiner zeitgenössischen Umgebung eine kraftvolle, auf älteste Quellen gestützte religiöse Orientierung an, die dennoch so neuartig war, dass sie durch ihre Frische von ihrem Potenzial überzeugen konnte, jene monotheistische Missionierung endlich zu bewerkstelligen, an der die älteren entsprechenden Religionen regional gescheitert waren; eine religiöse Orientierung, die sozial zugänglicher war als das Judentum und attraktiver als das Christentum für Menschen, die Nichtliebhaber theologischer Kompliziertheiten sind und trotzdem vor allem einen nüchternen Akzent auf die Würdigung der Vernunft setzen wollen; eine religiöse Orientierung, die sich dennoch zugleich organisch in die gemeinsame Heilsgeschichte ihrer beiden „Vorläufer“-Religionen eingliederte, ohne sich dabei selber als deren bloßen „Nachzügler“ darstellen zu müssen. Eine ausgesprochen „runde Sache“ also, in ihrem historischen Kontext betrachtet. Daher der rasche, überwältigende Erfolg noch zu Mohammeds Lebzeiten.

Mit dem Erfolg setzte die politische Eigendynamik ein, die vom Rückbezug auf die pur-religiöse Logik der Anfänge zunehmend unabhängig wird. Das ist normal. Dazu ein Beispiel, das bewusst in einen anderen kulturellen Kontext springt: Derzeit lese ich Hans Küngs Geschichte des Papsttums in seinem 2011er Buch „Ist die Kirche noch zu retten?“ Darin zeigt der Verfasser in unverblümt tadelndem Tonfall auf, wie sehr die heutige Macht Roms auf politischen Willkürakten in der Umdeutung historischer Wahrheit, auf sich künstlich älter machenden Gewohnheitsrechten und sogar auf skrupellosesten Urkundenfälschungen beruht. Das alles ist gewiss interessant und lesenswert; aber ich frage mich dabei auch: Worauf soll diese Argumentation hinaus? Da ihre moralischen Absichten stilistisch klar erkennbar sind: Was will sie letztlich praktisch nützen, ja, welchen Argumentationswert hat sie überhaupt? Der Vatikan konnte seine Macht jahrhundertelang deshalb so sehr ausbauen, weil seine Stellung in der Kirche faktisch konkurrenzlos war; er folgte dabei Nutzenerwägungen, die prosaisch und im engeren Sinne in der Tat nicht religiös, aber dennoch real waren und sind. Infolgedessen stehen wir heute vor der Realität eines monströsen römisch-kirchlichen Zentralismus, der, wie alle einigermaßen kontinuierlichen Strukturen auf der Welt und im Leben, Vor- und Nachteile zugleich hat, und dessen Genese zu kennen zwar bildungs-, aber wohl kaum gegenwarts- oder zukunftsrelevant ist. Und ganz genauso verhält es sich mit der Geschichte des Islam eben auch: Seine Anfänge sind kein Argument gegen seine Entwicklung; sondern ihre Betrachtung hat genau dann Sinn, wenn sie uns hilft, respektvoller zu werden.

Ich hoffe, dass durch diese Schilderung vor allem denjenigen Mitchristen einiges verständlicher wird, die den Islam im Grunde als bloße „Kuriosität“ zu belächeln scheinen und damit den tieferen Intentionen einer „Ökumene der Kinder Abrahams“ ganz besonders wenig gerecht werden.

1 Kommentar » Schreibe einen Kommentar

  1. Es tut mir leid, dass sagen zu müssen, aber diese Interpretationen sind auf ein gewünschtes Ergebnis hin angelegt, so wie es im letzten Teil von Küng angesprochen und im gesamten Text unterstrichen wird.
    Ein Beispiel:
    „Er sah sich von ihnen aber einerseits religiös zurückgewiesen, andererseits hatten diese Religionen bei der von ihm gewünschten religiösen “Monokultivierung” seiner Heimat offensichtlich auch bereits versagt.“
    Die islamischen Überlieferungen, und nur diese haben das Zeitalter Mohammeds überdauert, zu den Umständen der Lebenswelt werfen ein anderes Bild. Zwar scheint in Mekka wirklich ein im Großen und Ganzen funktionelles Nebeneinander von Polytheismus und Monotheismen bestanden zu haben und damit keine „Herrschaft“ eines Monotheismus – gerade die Verkünder eines friedvollen Islam bezeichnen dies aber auch als angebliches Ziel Mohammeds. Kein Zwang im Glauben.
    Nimmt man dies als Schutzbehauptung wahr und nimmt entsprechend der vielen Kriege und Feldzüge die Mohammed führte und vom Zaun brach an, dass es eben doch um Dominanz und Monokultivierung ging, sollte man seinen weiteren Werdegang ansehen. Nach seiner Flucht findet er Unterschlupf in Medina – und hier herrschen jüdische Clans scheinbar uneingeschränkt, bis nach dem Aufbau der Armee Mohammed später wiederkehrt und Medina selbst übernimmt.
    Dieses Motiv findet sich in diversen Hadithen wieder. Jüdische oder christliche Clans, oft nomadisch, manchmal in dörflichen Strukturen, die in ihren jeweiligen Regionen dominieren.
    Von „Versagen“ kann also keine Rede sein, weder in einen ihm unterstellten Monokultivierungswunsch noch in einem politisch-sozialen Herrschaftsgedanken noch in der Ausbreitung.
    In der Tat neigen diverse Historiker und Archäologen dazu heute einen viel größeren Verbreitungsgrad von Christen- und Judentum auf der arabischen Halbinsel anzunehmen als die Mohammed-Annekdoten suggerieren (die Saarbrücker Schule konstruierte sogar die These, der Koran sei im Grunde ein christlicher Text). Und selbst diese berichten davon, dass zumindest zu Beginn der Feldzüge ein Teil der Krieger Mohammeds jüdischen oder christlichen Glaubens war und nur über ein komplexes Ehren-, Bündnis- und Beutesystem eingebunden war.
    Machen wir noch einen Tellerrandsprung und stellen das noch zu Mohammeds Lebzeiten gewaltsam eroberte Perserreich aufs Tableau, so berühren wir den zoroastrischen Glauben, der nur über Jahrhunderte und nicht zuletzt Mithilfe von Diskriminierung (Dhimmitum) und Verfolgung zurückgedrängt wurde. Diese Glaubensrichtung ist aber keineswegs leicht zugänglich, versteht sich mit reiner Logik ebenso schwer, wie das Christentum. Nebenbei etwas, dass auch für verschiedene Themenbereiche der Theologie des Islam gilt.
    Blicken wir dann noch auf die den Byzantinern in Feldzügen abgerungenen Gebiete Ägypten und Levante sehen wir auch hier kein freudiges Entgegenkommen oder Aufgeben, sondern anhaltenden Widerstand ohne vorhergehende oder anschließend leichte Missionierung, welche in der vorliegenden Begründung mangelnder Komplexität doch irgendwie feststellbar sein müsste. Statt dessen halten bis heute, nach einer großen Reihe von Pogromen und Vertreibungswellen Minderheiten an ihrem Glauben fest.

    Da Stämme wie die Banu’Quraisch einflußreich und verbreitet waren ist die Annahme, dass Mohammeds abrahamitische Ableitung etwas Neues bot eher unlogisch. Vielmehr dürfte der Bezug durch die Juden und Christen vor Ort sattsam bekannt gewesen sein und die plötzliche Neubewertung einer vormals kleinen Nebenrolle der Geschichte um Abraham, Ismael, erklärt das befremden der etablierten christlichen und jüdischen Gemeinden in Mekka. Will man noch dazu ein Mindestmaß an geographischen Kenntnissen annehmen dürfte auch dies Verwirrung gestiftet haben.
    Es wäre vielleicht eine Bereicherung die neue Forschung zu Mohammeds Leben zu konsultieren um solche Thesen abzuklopfen. Tilman Nagel, Sven Kalisch, Hans Jansen, Andreas Goetze und, im Bewusstsein einer starken und emotionalen Ablehnung Ibn Warraq.