Wie die Details der Aussendungsrede heute zu verstehen sind

Wenn von „Aussendung“ die Rede ist, impliziert diese Begriffswahl tendenziell einen ortsfesten Sender. Betrachten wir den Überlieferungskomplex „Aussendungsrede“ genauer, so stellen wir fest, dass er beschreibt, wie Jesus seine eigene programmatische Lebensweise auch seinen unmittelbaren Jüngern aufträgt. Diese Weitergabe einer Praxis wird ein Wachstumsprozess gewesen sein, bei dem die Jünger täglich am Vorbild ihres Meisters lernten. „Aussendung“ als punktueller Akt, geschweige denn als einmaliger, ist daher sicherlich eine semantisch ziemlich falsche Vorstellung.

Das Wanderprediger- oder Wanderprophetentum hatte bei Jesus vermutlich einen doppelten Zweck: Einerseits hatte er wohl gesehen, wie dessen feste Adresse am Jordan die Verhaftung Johannes‘ des Täufers erleichtert und daher beschleunigt hatte. Zum anderen aber unterstützte das Prinzip der missionarischen Wanderschaft die Glaubwürdigkeit der radikal egalitären Verkündigung Jesu. Denn Nichtsesshafte werden nicht in soziale Strukturhierarchien eingebunden.

John Dominic Crossan vermutet (1991, Kap. 13), dass die berichtete Ablehnung Jesu durch seine Familie (siehe z.B. Mk 6,4) hauptsächlich damit zu tun hat, dass Jesu unstetes Wirken seine Angehörigen nicht in seinen Statuserfolg einbezog, wie dies in klientelistischen Gesellschaften selbstverständlich erwartet wird: Das mediterrane patronage-basierte Sozialsystem fordert (nicht nur in der Antike), dass Jesu Mutter und Brüder ihm gegenüber den Status von „ersten Klienten“ und „Zwischenpatronen“ erhalten, die gleichsam als einflussreiche „Makler“ des Zugangs zu Jesus gegenüber dessen Jüngern fungieren. Dies lehnt Jesus schroff ab. Wenn Markus oder Paulus Konflikte mit der Jerusalemer Urgemeinde gehabt zu haben scheinen, so ist nicht auszuschließen, dass diese auf die dortige Wirksamkeit des „Herrenbruders“ Jakobus zurückzuführen sind, der das kulturell etablierte Muster vielleicht bewusst oder unbewusst zu seinen Gunsten rehabilitieren wollte – was allerdings der unmissverständlich evidenten Verkündigung Jesu zuwider gelaufen wäre.

Das erste, was wir aus dieser Beobachtung für uns heute lernen müssen, ist zweifellos die unbedingte christliche Verdammung jeder Form von Lobbyismus.

Von den kynischen Philosophen unterscheidet sich das Programm Jesu und seiner Jünger deutlich vor allem durch den Satz: „Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst.“ (Mk 6,10) Das Ziel der Kyniker wäre immer eine Stadt gewesen, und in dieser der Marktplatz. Die Stadt ist bei Markus diffus in den Oberbegriff des „Ortes“ eingeschlossen (τόπος, tópos, allerdings nicht in der Formulierung von Mk 6,10, sondern erst in Mk 6,11), der in Galiläa primär Dörfer meinen muss. Und alles bezieht sich auf das „Haus“, was den sozialen Raum einer Großfamilie meint.

Aus dieser Betonung des „Hauses“, der „Hausgemeinde“, haben wir zu entnehmen, dass christliche Mission genuin als etwas sehr Persönliches aufzufassen ist, nicht als eine Angelegenheit prätentiöser Strukturen, Organisationen und Institutionen.

Inhalte der Mission sind außer der Verkündigung der Nähe des Gottesreiches und des Aufrufs zu innerer Umkehr das Heilen und die offene Tischgemeinschaft. Diese beiden Vollzüge haben zutiefst symbolische Funktion, und ihre Symbolik ist ganz erheblich politisch.

Denn die Antike versteht, wie man nicht vergessen darf, Krankheit dezidiert als Strafe für Sünde; und indem Jesus den Kranken ihre Sünde vergibt – wie beispielsweise in Mk 2,5 – macht er implizit die politischen Autoritäten, die von den religiösen im Altertum ja nie zu trennen sind, für die Krankheit der Menschen verantwortlich. Der indirekte und doch klare Zusammenhang lautet: Wenn Jesus den Kranken ihre Sünden vergeben kann, weshalb sorgen dann nicht auch die weltlich Mächtigen für die Gesundheit, für das „Heil“ der ihnen politisch Anvertrauten? Rationaler kann man auch sagen: Warum beheben sie nicht auf ihre Weise mindestens genauso leicht wie Jesus die Armut, aus der so viele Krankheiten resultieren? Denn wenn Jesus die Macht hat, geistliche Armut zu lindern, weshalb beheben dann die Herrschenden nicht – indem sie das tun, wozu sie eigentlich da sind – die materielle Armut der von ihnen Beherrschten? Vor allem aber: Warum erklären sie Jesu Sündenvergebung zu einem illegalen Akt? Die Politiker wollen das Heil der von ihnen Regierten gar nicht, unterstellt das im Klartext. Sie erstreben nur ihren eigenen Vorteil.

Es ist absolut unzulässig, die symbolische Botschaft, die Jesus durch seine Heilungen verkündet hat, für unpolitisch erklären zu wollen. Sie ist eminent politisch.

Das gleiche gilt für die offene Tischgemeinschaft (Kommensalität). Durch sie wird auf der sozialen „Meso-Ebene“ der Tischordnung ein provokativ egalitäres Zeichen gesetzt, das verstörend sowohl einerseits „hinunter“ wirkt auf die religiöse Mikro-Ebene des personalen „Bausteins“ des Gesellschaftsgefüges, wo für jeden einzelnen Juden dualistisch-reinheitliche Speise-Ge- und -Verbote bestehen, die durch die Kommensalität zwangsläufig für außer Kraft gesetzt erklärt werden müssen, als auch andererseits „hinauf“ wirkt auf die politische Makro-Ebene der steil geschichteten sozialen Hierarchie, deren Legitimation damit insgesamt als aufgehoben erscheint.

Es hat keinen Sinn, irgendeine institutionelle äußere Form einhalten zu wollen, um in einem kirchenamtlich vordefinierten Sinn „Missionar“ zu werden, wenn man in den Ländern, in die man als solcher kommt, die konkrete politische Bedingtheit menschlicher Not ignoriert mit der falschen Behauptung, das Evangelium, das man verkünde, sei un- oder gar anti-politisch. Das ist die nächste und wahrscheinlich zentrale unbequeme Lektion, die wir aus der vorliegenden Betrachtung zu ziehen haben. „Martyrium“ heißt eigentlich nur „Zeugnis“. Die Bedeutung, die das Wort heute bekommen hat, beruht gänzlich darauf, dass die Märtyrer ihren Glauben entschieden politisch aufgefasst haben. Nur dadurch sind sie Jesus wirklich gefolgt.

Wie John Dominic Crossan – auch wenn ich dessen „hyper-politische“ Auslegungen durchaus nicht immer in jeder Hinsicht völlig teile -, so stelle auch ich fest, dass ich keine übertrieben hohe Meinung von mir selber habe, was den von mir persönlich in dieser Hinsicht erwartbaren Bekennermut angeht. Deswegen aber zu behaupten, dies sei nicht, was Jesus gemeint habe, wäre unehrenhaft, wäre zutiefst unredlich und verachtenswert; denn man kann, wenn man die Evangelien wirklich genau und gründlich studiert, einfach nicht aufrichtig abstreiten, dass es genau dieses unbehaglich Politische ist, was Jesus gemeint hat.

Und das bedeutet unweigerlich, dass wir uns als Christen vielen Aspekten unserer heutigen kapitalistischen Welt rigoros entgegen zu stellen haben, dass eine dem „Turbo-Kapitalismus“ gegenüber versöhnliche oder gar opportunistische, nutznießende Haltung mit wahrem Christentum nicht vereinbar ist.

Bei Markus beschränkt sich der Auftrag an die Jünger bezeichnenderweise auf „die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben“ (Mk 6,7). Das sollte den aufmerksamen Markus-Leser daran erinnern, dass im vorangegangenen Kapitel ein wortwörtlich ebensolcher Dämon, der für die Besessenheit des Heilungskandidaten in Gerasa verantwortlich ist, auf Nachfrage Jesu „Legion“ als seinen Namen angibt. Wer nicht wahrhaben will, dass diese fromme Anekdote in der Umwelt Jesu und des Evangelisten ausgeschlossen unpolitisch verstanden werden konnte, sondern geradezu als gewagter anti-römischer Affront gelesen werden musste, muss schon eine extrem verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung haben oder aber von historisch-kritischer Bildung in geradezu Forrest-Gump’schem Ausmaß unbeschwert sein.

„Und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen.“ (Mk 6,8-9)

Bei Matthäus heißt es an der entsprechenden Stelle auffallenderweise: „keine Schuhe, keinen Wanderstab“ (Mt 10,10). Ein Blick ins griechische Schustervokabular schafft nicht wirklich Klarheit, allerdings fällt auf: Das von Markus Gestattete heißt σανδάλια (sandália, Sandalen), während das von Matthäus und Lukas Untersagte ὑποδήματα (hypodémata, „Untergebundenes“) genannt wird. Möglicherweise bezeichnete die abweichende Wortwahl einen uns nicht mehr bekannten, vielleicht auch nur vorübergehend-modischen oder regionalen Unterschied im Design, in dem hypodémata irgendwie „gerüsteter“ oder „martialischer“ wirkten als sandália und daher image-halber gemieden werden sollten.

Während Lukas Matthäus in der Ablehnung der hypodémata folgt, lässt er den Stab mit Markus scheinbar zu, indem er ihn nicht erwähnt. Dafür fügt er noch hinzu: „Grüßt niemand unterwegs!“ (Lk 10,4) Mit Letzterem war wohl am ehesten gemeint, Jesu Ausgesandte sollten keine Abstecher der „Honneurs“ wegen in prominente Häuser machen, wie man landläufig klientelistische Beziehungspolitik pflegte, denn diese wollte Jesus überwinden, während solches Gebaren seiner „Apostel“ Status-Unfrieden hätte verursachen können, indem sie dabei einige Adressen bevorzugen, andere geringer schätzen mussten.

Was den Stab angeht, so kommt es ganz darauf an, was er für uns heute bedeutet. Gewiss ist, dass entweder Jesus selbst oder seine frühesten Interpreten mit den Anweisungen der sogenannten „Aussendungsrede“ ein Erscheinungsbild der „Apostel“ bezweckten, bei dem es weniger, wie oft hervorgehoben wird, auf „Friedfertigkeit“ ankam, als vielmehr auf den Eindruck der „Nicht-Geschäftsmäßigkeit“, auf das Flair eines vertrauensvollen Besuchs bei Freunden, vor allem aber auf die Gebärde der ökonomischen, ja geradezu der „totalen“ Interdependenz zwischen den beteiligten Individuen: Wir haben keine Handelsbeziehungen, besagte das, wir verdienen nichts aneinander, und der wandernde „Apostel“ ist nichts aus sich selbst, sondern er wird alles, was er darstellt, einzig und allein durch seine Auf- und Annahme seitens seines wohl- und gleichgesinnten Gastgebers, der ihn jeweils mit dem Lebensnötigsten versorgt. Vertrauen war das hauptsächliche Signal.

Aber vielleicht hatten auch diese Bestimmungen zusätzlich noch eine sehr konkrete und praktische politische Komponente: Einen Menschen ohne Tasche, Stab und festes Schuhwerk würde niemand fragen, wohin er unterwegs war, denn niemand würde annehmen, dass er überhaupt weiter als höchstens bis in sein Nachbardorf irgendwohin unterwegs war. Mit anderen Worten, seine Ausstaffierung oder besser Nicht-Ausstaffierung diente dem „Apostel“ womöglich nicht zuletzt als Tarnung – als Schutz vor der Polizei. Nicht zufällig scheint Matthäus im Rahmen seiner erweiterten „Aussendungsrede“ anzumerken: „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! Nehmt euch vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch vor die Gerichte bringen und in ihren Synagogen auspeitschen.“ (Mt 10,16-17)

Nicht auf den Stab selbst also kam und kommt es an, sondern auf die Frage, was er effektiv signalisiert.

Und so müssen auch wir heute uns selber überlegen, welche Signale wir als Christen senden sollten, wenn es um die Frage geht, wie wir die Überzeugungen, die unser Leben tragen, an andere Menschen weiter vermitteln.

Der Gürtel, den wir eher nicht anlegen sollten, ist einer, der mit Schlaufen gespickt ist für alle möglichen Werkzeuge der methodisch geschulten „Bekehrungs-Technik“. Der Gürtel, den wir durchaus anlegen sollten, ist der Riemen der Demut, an dem wir uns kräftig reißen.

Ein symbolisches „zweites Hemd“, das wir vielleicht durchaus einpacken sollten, ist die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel, die aller Fähigkeit zur Empathie vorausgesetzt ist; andernfalls könnten wir allzu leicht und allzu oft versäumen, den Anderen erst einmal wirklich zuzuhören, bevor wir sie mit frommem, vorgestanztem Redeschwall „evangelisieren“ – kein Zweifel, was Jesus von solcher Missachtung der Bedürfnisse anderer gehalten hätte.

Die Schuhe, die wir als „Missionare“ nicht anlegen sollten, sind die schweren Stiefel der Strategie, des grandiosen Siegesplans einer ecclesia triumphans. Die leichten, offenen Sandalen hingegen, die uns durchaus passen können, symbolisieren ausreichende Bodenhaftung bei genau richtigem Abstand zu allem Irdischen: eine Sohle untergebunden, die uns davor schützt, von jedem spitzen Kiesel schmerzhaft aufgehalten zu werden auf dem Weg zu unserem Ziel, aber nicht abgeschirmt gegen den Staub des Alltags, der uns auf unserem langen Marsch jederzeit an die nüchterne, prosaische Realität alles Menschlichen erinnert, dem Gott sich inmitten seiner Geringheit zuwendet.

Der Stab, den wir nicht tragen sollten, wenn wir als Christen die Herzen unserer zweifelnden Mitmenschen erreichen wollen, ist der prächtige, stolze Krummstab der klerikalen Hirten-Elite, die für sich beansprucht, der Menschheit aus überlegener Weihegnade heraus sagen zu können, wo’s langgeht zur Erlösung.

Der Stab hingegen, der sich in unseren Händen vielleicht recht gut schickt, könnte der sein, den wir jenen entrissen haben, die ihn über ihren Nächsten zu brechen pflegen. Wir haben ihn prophylaktisch entwendet und laufen mit ihm davon. Die erbosten beraubten Richter hinter uns her. Wenn alles gut geht, werden sie irgendwann plötzlich stehenbleiben und bemerken, dass sie die Komfortzone ihrer Selbstgewissheit verlassen haben. Dann werden vielleicht auch wir einhalten, umkehren und auf neutralem Territorium verständiger über Barmherzigkeit mit ihnen reden können.

DAS könnte Mission sein, wie wir von Jesus tatsächlich zu ihr ausgesandt sind.

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