Welche Haltung gegenüber der Bibel zu empfehlen ist

Es ist kategorisch notwendig, jenen heute fraglos gültigen, bis ins kleinste Detail feststehenden, in seinem formalen Umfang seit vielen Jahrhunderten unumstrittenen Kanon der Bibel, bestehend aus der hebräischen Heiligen Schrift und dem Neuen Testament, uneingeschränkt anzuerkennen, wenn man sich als Christ bezeichnen will, das heißt mentalreservativ oder gar publizistisch weder etwas davon wegzunehmen noch hinzuzusetzen. Die Selbstverständlichkeit dieser Prämisse ist heute nicht einmal mehr diskussionswürdig. Wer sie nicht bedingungslos annimmt, ist auf einer formalen Ebene unberechtigt, sich als Christ zu bezeichnen.

Zugleich jedoch sind nicht nur vielerlei verschiedene Deutungsweisen des biblischen Textekanons legitim, sondern es ist Menschen, die meine geistige Position teilen, auch die Feststellung gestattet, dass an manchen Punkten ein Austausch einzelner Bücher zwischen dem Kanon und seiner literarhistorischen Umwelt – das heißt einiges wieder in die literarische „Matrix“ hinaus, anderes aus dieser herein -, insbesondere hinsichtlich des Neuen Testaments theoretisch durchaus möglich wäre, ohne dass die Qualität der Heiligen Schrift darunter insgesamt gesehen leidet. Obwohl diese Annahme für einen Christen in der Hinsicht theoretisch bleiben muss, dass er diesen Akt des Austauschs praktisch keinesfalls ausführt, ist dieser Gedanke jedoch keineswegs abstrakt, sondern konkret: Er betrifft ganz bestimmte Schriften. Ganz bewusst möchte ich mich nicht dazu versteigen, zu behaupten, das Neue Testament ließe sich „verbessern“. Meine Aussageabsicht beschränkt sich darauf, festzustellen, dass es mit einem im obigen Sinne veränderten Kanon unter Umständen faktisch „gleich gut“ sein könnte.

Trotzdem kann ich natürlich nicht verhindern, dass die hier gemachte Aussage provokativ ist, und das soll sie auch sein. Daher will ich mir kein Blatt vor den Mund nehmen und insbesondere einen ganz bestimmten Austausch jedem Interessierten zur unverbindlichen Imagination vorschlagen: Mit der theologisch wie literarisch unsäglichen Johannes-Apokalpyse ginge spirituell nichts verloren – ein kulturgeschichtliches Dokument ersten Ranges erhielte dann lediglich den Platz, der ihm gebührt: nämlich in der Kulturgeschichte, nicht in der lebendigen Religion, in der dieser Text nur ein toter Appendix, um nicht zu sagen eine Appendizitis ist -; mit dem wiederentdeckten großartigen Thomas-Evangelium hingegen – das ja nur aufgrund seiner Nicht-Aufnahme in den Kanon einst überhaupt verloren ging – würde Unschätzbares gewonnen.

Das ist nur ein Beispiel. Andere Beispiele ließen sich bilden. Entscheidend ist aus meiner Sicht die Haltung, die „gegebene“ Bibel als Christ zwar entschieden zu bejahen, gleichzeitig aber nicht behaupten, sie könnte nicht anders sein. Sie könnte sehr wohl. Auch die überaus respektablen Bibel-„Kanonisateure“ des vierten Jahrhunderts waren alles andere als unfehlbar, waren Kinder ihrer Zeit und unterlagen der existenziell-fundamentalen Begrenztheit allen Wissens, aller Erkenntnis, aller Einsicht.

Die Kirche ist um rund ein Dritteljahrtausend älter als ihr Neues Testament. Zugleich wird sie immer jünger sein als ihr jüngster Wahrheitstext. Und dennoch beruht sie wesentlich auf einer Schrift, die einmal geschrieben wurde und nun für immer geschrieben ist. Aber nicht für immer gedeutet. Der Schrift- und Kanon-Prozess war eine ganz bestimmte, konstitutive Phase der Kirche. Diese Phase hatte einen Anfang und ein Ende. Davor liegen andere Phasen, und danach liegen andere Phasen. Heute muss man eben die kanonisierten Bücher im Neuen Testament lesen und dazu – unverzichtbar, möchte ich fast sagen – das nichtkanonisierte Thomas-Evangelium außerhalb des Neuen Testaments. Es hätte sehr wohl anders kommen können – aber es kam nicht anders.

Wer diese subtile Komplexität nicht begreift und verinnerlicht und nicht als Christ geistig in und aus ihr lebt, wird niemals eine wirklich hilfreiche Theologie treiben.

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