Vom Phrasendreschen auf der Tenne Araunas

Es gibt Stellen in der Bibel, deren Lektüre einen spontanen Eindruck „unbestimmter Merkwürdigkeit“ hinterlässt, der dem geübten Intensiv-Leser verrät, dass sich hier besondere Aufmerksamkeit und Nachfrage lohnt. Stellen, die irritieren, weil sie plötzlich das relativ vertraute Gelände der weithin dominierenden literarischen Muster der Bibel – nämlich mehr oder weniger blumige moralische Rhetorik; archaisch-formelhaft Menschheitstypisches; spürbar sozial- und kulturhistorisch allzu Spezielles, wie etwa die gesellschaftlichen Bedingungen und Umstände, die dem Buch Rut zugrunde liegen, oder endlose Namenslisten, die uns überwiegend nichts mehr sagen; schlicht „spannende Stories“, die weitgehend den zeitlosen poetischen Gesetzen der Dramaturgie gehorchen – verlassen und sich stattdessen in einer stimulierend uneindeutigen Zwischenwelt zwischen all diesen fixen Topoi bewegen.

Ein Beispiel hierfür ist die „Tenne Araunas“, der ich mit ein paar Sätzen nachgehen möchte.

Die betreffende Erzählung in 2Sam 24 wiederholt sich in 1Chr 21. Wobei man freilich bei der Frage nach der tatsächlichen Anciennitäts-Hierarchie im Vergleich der beiden Werke in ihrer uns vorliegenden jeweiligen Gesamtheit sehr vorsichtig sein muss: Ihre kanonische Reihenfolge sagt literarhistorisch nichts darüber aus, wer hier wen „wiederholt“.

Nach Chronik ist es der Satan, nach Samuel aber Gott selbst, der König David aufreizt, sein Volk zu zählen, um das notorisch ungehorsame Israel zur Strafe für dieses Sakrileg zu verderben. Halten wir am Rande also gleich mal fest, was die Bibel von Volkszählungen hält.

Gott oder der Satan: Solche kleinen, feinen Unterschiede im Vergleich der erstem Anschein nach so parallelen Versionen sind deshalb interessant, weil die Samuelbücher Teil des „(zadokidisch-)deuteronomistischen Geschichtswerks“ sind, während die Chronikbücher sich mit einigem Sinn als ausgesprochen „aaronidisch-priesterschriftliche“ Literatur einordnen lassen, womit wir auf einen fundamentalen theologischen Dualismus nahezu der gesamten hebräischen Bibel rekurrieren, über den ich an anderer Stelle bereits mehrfach eingehend geschrieben habe.

Die widerstrebende Reaktion des mit der Durchführung der Volkszählung beauftragten Joab zeigt die allgemeine Präsenz eines Bewusstseins dafür, dass Maßnahmen dieser Art eine Sünde sind, mit der ein Herrscher sich skandalös überhebt.

Dass die Zählungsergebnisse in den beiden Varianten der Überlieferung erheblich voneinander abweichen, ist für uns nicht wirklich relevant. Nicht einmal in der heutigen Zeit sind Volkszählungsergebnisse eindeutig. Damals war man sich der Tücken einer solchen Statistik freilich methodisch noch nicht einmal ansatzweise bewusst.

Nach vollzogenem demoskopischem Frevel zeigt David spontan Reue. Sein persönlicher Seher Gad legt ihm auf göttlichen Befehl drei Strafen vor, zwischen denen er wählen darf.

Dabei ist zu beachten, wie die Formulierung des für die Gerechtigkeit von Tun und Ergehen hochempfindlichen deuteronomistischen Samuelbuchs – „als David am Morgen aufstand, war bereits folgendes Wort des Herrn an den Propheten Gad, den Seher Davids, ergangen“ (2Sam 24,11) – noch etwas stärker als Chronik – „der Herr aber sprach zu Gad, dem Seher Davids“ (1Chr 21,9) – insinuiert, dass die Strafe wohl schon vor der Reue ihren Lauf genommen hat. Chronik ist irritierender: Reue schützt vor Strafe nicht – diese Möglichkeit, die den Deuteronomisten spürbar Unbehagen bereitet, steht „chronisch“ zumindest im Raum.

Die drei Optionen, zwischen denen David sich entscheiden muss, lauten: entweder drei Jahre (laut Chronik) bzw. sieben Jahre (laut Samuel) Hungersnot, oder drei Monate Regierungskrise mit Flucht ins Exil, oder drei Tage Pest.

An dieser Stelle lassen sich anhand des poetischen Parallelismus der Zahl Drei ziemlich eindeutig die „drei Jahre“ als die ältere Variante der Legende identifizieren, die von Samuel auf sieben erhöht wurden. Warum? Wohl weil „Hungersnot“ ein Begriff war, der an und für sich etwas nicht allzu Schreckliches bezeichnete – für die herrschende Klasse jedenfalls nicht „primär“. Das will sagen: Das eigentliche Problem einer Hungersnot im Lande besteht für die herrschende Klasse (die auch bei allgemeiner Knappheit noch lange Zeit gut zu essen hat) darin, dass diese Situation dem politischen – bzw. im Altertum stets integral politisch-kultischen – (Fehl-)Handeln der Elite angelastet wird, und zwar umso dezidierter und aggressiver, je länger die Not andauert, und daher leicht gefährliche Unruhen und Aufruhr gegen die Herrschenden verursachen kann. Deshalb begründet David seine Wahl mit dem Argument, er wolle „nicht in die Hände von Menschen fallen“: Dem Ausbruch einer Seuche ist die königliche Hofhaltung zwar fast unterschiedslos ebenso ausgeliefert wie das einfache Volk – aber es ist allein in diesem Fall eben ausschließlich die Hand Gottes, in die der Oberste wie die Unteren fällt. Denn mit einer Seuche straft Gott, wie damals jedermann weiß, nie die Sünden des Königs allein, sondern die kollektiven Verfehlungen aller.

Ist Davids Wahl damit nun gut oder schlecht? Gut, weil er Gott vertraut, oder schlecht, weil er seine persönliche Sünde hinter den Fehlern aller verbergen will?

(Als Christ muss man freilich noch einen dritten Gedanken hinzufügen: Die Hand Gottes äußert sich meist durch die Hände der Menschen: Menschen nicht zu vertrauen und Gott nicht zu vertrauen ist in tieferer Wirklichkeit nahezu dasselbe!)

Im biblischen Bild bringt daraufhin das Schwert eines Engels die davidische Pest über das ganze Land. Doch als dieser Engel nach Jerusalem kommt, reut Gott das Unheil, das er über sein Volk zu bringen im Begriff ist, und er pfeift den Engel zurück.

Bemerkenswert ist nun, mit welcher Genauigkeit der geographische bzw. topographische Punkt registriert wird, an welchem angekommen der Engel den göttlichen Befehl zum Abbruch seiner Mission erhält: „die Tenne des Jebusiters Arauna“. Dieser Ort wird somit zum symbolischen Wendepunkt der tödlichen Epidemie.

Als David den bewaffneten Engel gewahrt, drückt er abermals tief zerknirscht seine Reue aus und bittet nun mit ergreifenden Worten ausdrücklich um eine persönliche Bestrafung, die sein Volk ungeschoren lässt. Das versöhnt Gott vollends.

Bedeutsam ist der hier etwas holperig eingeschoben wirkende Zusatz der Chronik-Version: „Arauna hatte sich umgewandt und den Engel erblickt. Seine vier Söhne, die bei ihm waren, versteckten sich. Er drosch gerade Weizen.“ (1Chr 21,20) Der stenotypische und inhaltlich disparate Stil dieses Verses deutet auf seine Bewahrung sehr alten Überlieferungsmaterials hin. Wir kommen auf die damit signalisierte eigenständige Bedeutung dieses Arauna noch zurück.

Nun richtet der Seher Gad seinem König von Gott aus, er solle einen Altar an jenem Ort errichten. Daraufhin entspinnt sich folgende ritualisierte Kommunikation: David will die Tenne Araunas um ihren vollen Preis kaufen. Arauna ist willigst bereit, sie ihm zu schenken, mitsamt seinen Rindern, die den Dreschschlitten ziehen, als Brandopfer, und dem Schlitten als Brennholz. David aber besteht auf dem Kauf. So haben beide Seiten ihr Gesicht bestens gewahrt.

Arauna sagt zu David: „Der Herr, dein Gott, sei dir gnädig.“ (2Sam 24,23). Dieser Zusatz findet sich ausschließlich in der Samuel-Version. Er will dezent darauf aufmerksam machen, dass Arauna kein Israelit, kein Verehrer Jahwes ist.

Tatsächlich ist „Arauna“ nach übereinstimmender Gelehrtenmeinung auch kein semitischer Name. Das dem hebräischen Graphem zugrunde liegende Wort könnte auch einen herausgehobenen sozialen Rang bezeichnen: In 2Sam 24,16 steht הָאֲרַ֥וְנָה, ha-arauna, „DER Arauna“ – möglicherweise also eher ein Titel denn ein Eigenname. „Arauna“ klinge, so die Experten, an hethitische oder hurritische Ausdrücke für „frei“, „Herr“ oder „König“ an. Es ist nicht abwegig anzunehmen, dass sich in der Legende von der Begegnung Davids mit Arauna eigentlich metaphorisch der Verlauf der Auseinandersetzung des ersten israelitischen mit dem letzten vorisraelitischen Jerusalemer Lokalpotentaten erhalten hat. Das Hebräische von 2Sam 24,23 beginnt wörtlich: „All das übergibt Arauna, der König, dem König (ha-kol natan arauna ha-melech la-melech)“ – wahrscheinlich kein Kopistenfehler. Die „Jebusiter“ lassen sich stimmig als kanaanitische Urbevölkerung der Gegend um das spätere Jerusalem rekonstruieren.

Beide Fassungen schildern Araunas Auftreten gegenüber David als augenblickliche, frag- und bedingungslose, demütige Unterwerfung. Aber David behandelt Arauna als einen freien, rechtsfähigen Partner, nicht wie einen Untertanen, der nach der Eroberung seiner Stadt seine Rechte verloren hat. Auch andere „Ur“-Einwohner Jerusalems, wie etwa Zadok oder Natan, übernimmt der Eroberer David ja wohlwollend in seine Dienste.

Wie viel von dieser ganzen Pest-Geschichte ursprünglich gar keine König-Davids-, sondern eine König-Arauna-Legende war, ist eine Frage, die ich hier zwar aufwerfen, aber nicht weiter verfolgen will. Denn mit ihr beginnt die Domäne der reinen Historiker und Literaturwissenschaftler; ich aber bin Theologe, und für die Theologie geht es bei alledem zentral um etwas anderes, viel weniger Akademisch-Abseitiges, viel Wichtigeres:

„Die Wohnstätte des Herrn aber, die Mose in der Wüste angefertigt hatte, und der Brandopferaltar waren zu jener Zeit auf der Kulthöhe von Gibeon. Doch David konnte sich nicht mehr dorthin begeben, um Gott aufzusuchen, denn ihn hatte vor dem Schwert des Engels des Herrn Schrecken erfasst.“ (1Chr 21,29-30) Mit diesem abschließenden Zusatz weist die Chronik-Fassung der Geschichte auf deren letztendlichen Sinn voraus: Die „Tenne Araunas“ ist der Platz, an dem schließlich, unter Davids Sohn Salomo, der Jerusalemer Tempel entstehen wird. Explizit ausgesprochen wird dies allerdings erst und nur in 2Chr 3,1. Dennoch wäre es auch ohne diese Ausdrücklichkeit klar.

Wahrscheinlich hatte sich die „Tenne Araunas“ zur Zeit der biblischen Verfasser – das heißt nach meiner gelehrten Parteinahme etwa ab dem 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung – als bereits jahrhundertealtes populäres Toponym in der Jerusalemer Lokaltradition erhalten und wurde als solches rückblickend literarisch mit einer ätiologischen Legende versehen. Spitznamen, mit denen Einheimische ihre Lokalitäten etikettieren, sind bekanntlich extrem zählebig. So darf man beispielsweise sehr zuversichtlich sein, dass die Münchner auch in ein paar Jahrhunderten noch – unter der einzigen Voraussetzung, dass München dann überhaupt noch steht – nicht „Karlsplatz“ sagen werden, sondern „Stachus“.

Allerdings ist es historisch unwahrscheinlich, dass es sich beim Baugrund des ersten Jerusalemer Tempels tatsächlich noch wenige Jahrzehnte zuvor um einen simplen Getreidedreschplatz gehandelt haben sollte. Kultplätze pflegen erwiesenermaßen eine mindestens ebenso langfrequente Kontinuität – und zwar über alle inhaltlichen Religionswechsel hinweg – wie lokale Toponyme.

Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte sein, dass mit den an dieser Stelle zuvor verehrten kanaanitischen Gottheiten Getreideähren in einem besonderen symbolischen Zusammenhang standen. Und deren Dreschen wiederum verbildlichte vielleicht den durch die Jahwe-gläubigen Eroberer herbeigeführten Götzensturz.

Warum aber interessierte dieses Detail die biblischen Verfasser so sehr?

Getreide zu dreschen bedeutet sprichwörtlich „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Der Tempel, der die Lebensmitte aller Israeliten bildet, entsteht an einem Ort, an dem sich religiös die Spreu vom Weizen trennt. Die gläubige Tugend der Entschiedenheit ist es, welche die Seuche des Sich-Versteckens hinter den Anderen beendet. Das ist, zusammengefasst, die theologische Botschaft der Bildsprache dieser biblischen Episode, in der die Ortssage der Tenne Araunas mit der Bestrafung Davids eine tiefe Sinneinheit eingeht.

Kein frommes Phrasendreschen auf der Tenne Araunas! könnte man sagen. Keine schalen Lippenbekenntnisse im Tempel Jahwes, des Gottes Israels! heißt das.

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