Vignettensammlung 26. März 2015

Gebildet ist, wessen ständige aktive, „fluide“ Beschäftigung mit bildenden Dingen ihm selbst wichtiger ist als die Frage, über welches Depositum an vermeintlich ein für allemal erworbenem, „kristallinen“ Bildungswissen er verfügt. Gebildet ist, wer verstanden hat, dass Wissen nicht umso bildender ist, je objektiver, sondern vielmehr je subjektiver es ist, weil Bildung immer nur eine subjektive, auf die Person bezogene und von der Person abhängige Qualität sein kann; wer also verstanden hat, dass „implizites“ Wissen bildender ist als „explizites“; wer also verstanden hat, dass Bildungsgegenstände als solche umso wertvoller sind, je weniger sie in dem allgemeinen Ruf stehen, auf „harte Fakten“ bezogen zu sein; dass „harte Fakten“, je „härter“ sie sind, desto eher einen Gegenstand für „Ausbildung“ darstellen als für wirkliche „Bildung“.

Es ist so ergiebig für einen Menschen, der sich wahrhaft bilden will, sich vorzugsweise mit Sprache, Geschichte und Religion zu befassen, weil gerade diese drei Phänomene die Eigentümlichkeit aufweisen, dass der Einzelne zu ihnen keinerlei Zugang finden kann ohne die Vermittlung durch seine Gesellschaft und zugleich die Gesellschaft sie in keiner anderen Gestalt wahrhaftig und lebendig zu besitzen vermag als in der Persönlichkeit des jeweiligen gebildeten Einzelnen. Das ist ein Mysterium.

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Sinn und Zweck der Philosophie ist die Verbesserung der Religion.

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Sieh, in welcher Sackgasse der Doktor Faust steckt. Gott hat dem Menschen in der Neuzeit die Natur gerade eben weit genug entschlüsselt, um ihm Spiritualität wieder zu ermöglichen.

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Wenn du für ein Problem eine kollektive Lösung suchst, treibst du Politik. Wenn du für ein Problem eine objektive Lösung suchst, treibst du Wissenschaft. Den religiösen Weg beschreitest du, wenn du für ein Problem eine Lösung findest, die weder objektiv noch kollektiv ist.

Politik will die Welt praktisch ordnen. Wissenschaft will Theorien, um die Welt zu ordnen, weil die Ordnungspraxis der Politik allzu unvollkommen bleibt. Kunst schreitet von den Theorien zu den Phänomenen „fort-zurück“, weil die Theorien sich als unzuverlässig, ja unglaubhaft erweisen. Religion schließlich hält an den Phänomenen fest, indem sie gleichzeitig auch noch den Irrglauben der (Nur-)Künstler ablegt, die Phänomene seien in sich selbst das Wesentliche an der Welt.

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Wenn du gerechtfertigt sein willst in deinem Anspruch, dich mit einer Lehre, die du gesellschaftlich vorgefunden hast, zu identifizieren – zum Beispiel mit einer Religion -, so suche sie an dem Ort auf, an dem sie am schärfsten und strengsten definiert ist, und weise nach, dass deine eigene, persönliche Auffassung derselben Lehre dieser Definition nicht widerspricht. Aber niemand kann dir verwehren, zum Zweck dieses Aufweises alle geistigen Mittel einzusetzen, die dir zur Verfügung stehen.

Amtliche Dogmen sind nur insoweit hilfreich, als sie uns davon abhalten, unsere Privat-Dogmen zu beweihräuchern.

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Der besondere Vorzug des Prinzips der vielen kleinen Schritte liegt darin, dass es uns davon abhält, in jene überspannte Ungesinnung zu verfallen, die angesichts kleiner menschlicher Schwächen, welche sie sich nicht verzeihen zu können meint, aus unmäßigem Verdruss gleich ein ganzes großes Unterfangen verloren gibt.

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Die Intuition weiß und erkennt mehr als die Vernunft; aber das eigentliche, größte Erkenntnisproblem liegt für die Meisten nicht hierin, sondern darin, dass die letzten Wahrheiten auch kontra-intentional sind: etwa, dass der Mensch ein „Sünder“ ist; dass das Leben nicht „führbar“ ist; dass keine Dualität existiert; dass Gewaltlosigkeit der richtige Weg ist. Deshalb braucht es „Offenbarung“. Zur Überwindung der Vernunft allein bräuchte es sie noch nicht; dazu genügt die Intuition.

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Man kann Demut nicht als Strategie einsetzen. Das Wesen strategischer Verhaltensweisen und Kalküle ist niemals demütig. „Strategische Demut“ ist immer nur Irrtum oder Täuschung oder Betrug. Eine demütige Haltung und eine unstrategische Lebensart bedingen einander gegenseitig.

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Das eigentliche innerste Wesen von Schönheit besteht darin, dass eine Bewegung auf dem kürzesten Weg in die Ruhe zielt. Exakt dies und dies allein ist der Grund, weshalb das Kriterium des „Schönen“ ein besserer Wegweiser in die Tiefe der Spiritualität ist als das Kriterium des „Wahren“ oder des „Guten“. In einem anderen Sinne könnte der Gekreuzigte gewiss kein „schöner“ Anblick sein. Aber das Kreuz verweist uns kürzestenwegs auf den absoluten Ruhepunkt des Kosmos.

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Die Feststellung, ein Mensch „rede drauf los, wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, sagt nichts darüber aus, wie lang, mühsam und schmerzhaft der Wachstumsprozess seines Schnabels war.

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Wir haben einen Autoritätskomplex. Dabei sind alle unsere menschlichen Erfahrungen, auf denen so etwas wie Autorität überhaupt beruhen könnte, so flüchtig. Heinrich Böll bemerkte, einen religiösen Menschen erkenne man daran, dass er in dieser Welt nie ganz zuhause ist. Wie kann es dann aber in der Religion überhaupt „Autoritäten“ geben in einem tieferen Sinne als in einem sehr oberflächlich-organisatorischen?

Viele Erwachsene sind in Glaubensdingen wie Kinder, die man auf den Fahrersitz eines Autos setzt: Sie sind so fasziniert von den blinkenden Armaturen, dass sie völlig verkennen, dass das Entscheidende der Blick auf die Straße ist, den sie noch nicht haben, weil sie noch zu klein sind. Aber da sie ja in den Augen der Welt Erwachsene sind, können sie einen amtlichen Führerschein vorlegen, was sie zu gefährlichen Einbildungen von „Weisheit“ verleitet.

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Seltsam: Derzeit sind ausgerechnet der erste „Grüne“ und der erste „Linke“, die dieses Amt je innehatten, die beiden renommiertesten Katholiken unter allen deutschen Ministerpräsidenten (Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg und Bodo Ramelow in Thüringen). Auch das ist wohl Signal für einen tiefgreifenden Kulturwandel.

Jede Partei, die zu ideologisch wird, ist für einen Christen kategorisch nicht mehr wählbar – ganz egal welche Ideologie sie verfolgt. Umgekehrt ist jede Partei, die nicht ideologisch wird, für einen Christen prinzipiell wählbar. Hierin entscheidet allerdings die Vernunft das Wenigste, das Gewissen das Meiste.

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