Vignettensammlung 11. Februar 2015

Es ist umso erstaunlicher, was der gewöhnliche menschliche Selbstbetrug zu leisten imstande ist, wenn einem erst einmal so recht aufgeht, WIE TIEF man sich eigentlich in der Religion verwurzeln muss, um überhaupt ohne solchen Selbstbetrug mit dem Leben zurecht zu kommen.

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Ein Koan: Ich kann nicht an „mir“ arbeiten, indem ich an „mir“ arbeite.

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Bankrott ist tatsächlich immer nur eine Frage der Perspektive. Meine linke Hosentasche ist pleite – weil mein Geldbeutel in der rechten steckt. Einem „Staatsbankrott“ keine geringere, sondere eine umso größere „Realität“ anzudichten, ist kein umso geringeres, sondern nur umso größeres Nonsens-Unding. Es gibt keinen „Staatsbankrott“. Es gibt nur einen Menschheitsbankrott. Vor dem stehen wir allerdings bald, wenn mit diesem Irrsinns-Kapitalismus nicht schleunigst Schluss ist.

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Auch wenn es nur einen Gott gibt, können irdisch doch unterschiedliche „Geister“ atmosphärisch herrschen. Nur von dieser Tatsache her ergibt Jesu Predigt vom „Reich Gottes“ überhaupt Sinn: Gott gestattet seinem Geist, den er mühelos allgeltend werden lassen könnte, sich auf ein Reich „neben“ anderen Reichen auf dieser Erde zu beschränken und „zurückzuziehen“ – für die Menschen auffindbar, aber ernsthafte, angestrengte Suche danach voraussetzend, deren Erfolg, ja deren Stattfinden wiederum einer Gnadenunterstützung vorbehalten bleibt, so dass der erste und bereits hauptsächliche Schritt dieser Suche darin besteht, sich an Gott um gnadenhafte Unterstützung zu wenden. Dieser aus rationaler Perspektive als zirkulär-dialektisch zu beschreibende Prozess zwischen dem Geist Gottes und dem Geist des Menschen ist offensichtlich das, was Gott mit dem „Mechanismus“ des menschlichen Daseins „heilspädagogisch“ intendiert. Aber ohne all die „anderen“, auch und gerade die „bösen“ Geister in dieser irdischen Welt, ohne die Möglichkeit des existenziellen Irrtums, fände dieser spirituelle Wachstumsprozess des Menschen nicht statt.

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Immer noch und noch VIEL stiller werden, sich zurücknehmen, das Ich verschwinden lassen, nur noch „Diener Gottes“ sein, in allem, was gerade zu tun ist; so „sinnlos“ dies „bloß Vorhandene“ dem ruhelosen Verstand vielleicht auch scheinen mag. – „Aber man will doch für Gott wirken! Muss das nicht deutlich erkennbar werden, wenigstens einem selbst?“ – Nein. Weiß man denn gewiss, auf welche Weise man das wirklich am sinnvollsten tut? Wenn man sich sicher sein könnte, es zu wissen – wozu bräuchte man dabei dann Gott? Wie aber könnte ich einem dienen, den ich nicht brauche, damit er mir sagt, womit und wodurch ich ihm diene? Hüte dich vor dem „frommen“ Aktionismus, der sich allzu gewiss zu sein meint, Gott zu dienen – wie „karitativ“ er beispielsweise auch aussehen oder sogar tatsächlich sein mag!

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