Versuch eines griffigen Lektüreschlüssels für die Evangelien

Hier möchte ich einen relativ einfachen, Zusammenfassung und Übersicht bietenden historisch-kritischen Lektüreschlüssel für die Evangelien zu formulieren versuchen.

Die Textgeschichte der Evangelien setzt sich aus vier Momenten zusammen, die ich hier nach dem Alter ihrer historischen Anfänge ordne:

1. „Berichte vom Lehrer Jesus“,

2. „vorverlegte Berichte von Wundern des Auferstandenen“,

3. „Passions-Mythos“,

4. „Lost-Years-Mythen“.

1. „Berichte vom Lehrer Jesus“ beginnen als ältestes Moment mit „Augen- und Ohren-Zeugnissen“ von Auftritten Jesu als Wanderprediger, Gleichnis-Erzähler, Initiator symbolischer egalitär-offener Tischgemeinschaften und Akteur symbolischer therapeutischer Handlungen.

2. Die nächste Stufe der Entwicklung christlicher Überlieferung ist die Aussage: „Jesus ist auferstanden“. Dies wird historisch zunächst untermauert mit zahllosen sagenhaften Berichten von Wundertaten des Auferstandenen, die einer lebhaften religiösen Fabulierkultur der allerersten christlichen Urgemeinde entspringen. Die Evangelisten entwickeln später erhebliche missionsstrategische Vorbehalte gegen dieses Material, und zwar umso stärker, je länger sich die „Parusieverzögerung“ hinzieht: Diese ursprünglichen Wunderberichte zeugen von einer „Ungeduld der Erlösungserwartung“, die sich ihrer Erfahrung gemäß nicht „eins zu eins“ einlöst. Sie können das in ihren Gemeinden bekannte und beliebte Material in ihren Evangelien aber auch nicht ignorieren. Also „schichten sie es um“, „transponieren“ es in ein „vorösterliches Setting“, wo es zudem den Vorteil hat, noch stärker den göttlichen Charakter Jesu als des Christus zu betonen: Ein Auferstandener TUT weniger Wunder, als er ein Wunder IST; wer hingegen innerhalb seiner „biologischen Lebensspanne“ Wunder vollbringt, dessen Wundertaten wächst dadurch vergleichsweise nur umso mehr eigenständiges Gewicht zu im Sinne eines Belegs dafür, dass die betreffende Person nicht bloß ein „Objekt“ wunderbaren göttlichen Wirkens ist – worauf sich die Rolle eines Auferstandenen grundsätzlich ja beschränken könnte -, sondern dass er vielmehr selbst das handelnde göttliche Subjekt ist bzw. an diesem kosmischen Subjekt intimen Anteil hat.

3. Die Entstehung des „Passions-Mythos“ reflektiert die zunehmende Integration der Bedeutung des Kreuzes Jesu in die frühchristliche Theologie. Mit der Zeit erwies das Kreuz sich zunehmend als ebenso verstörend wie unumgänglich und erforderte eine profunde theologische Aufarbeitung und Erklärung. Zusätzlich wurde die Dynamik hinter der Herausbildung der überaus detaillierten Passionserzählung angeheizt durch den Umstand, dass aus den Reihen der Jüngerschaft Jesu, also des Personenkreises mit „Insider-Perspektive“, historisch sicherlich keine Augen- und Ohrenzeugen in den entscheidenden, gefährlichen Minuten und Stunden anwesend waren, was ihren Versuchen zur nachträglichen Erklärung der Vorgänge eine umso größere spekulative Energie verlieh. Die daraus resultierende Suggestivkraft schuf eine reportagehaft wirkende Erzählung, an der in Wirklichkeit mit Sicherheit so gut wie nichts den Kriterien für solide historische Faktizität standhält. Alles daran ist vorwiegend bis gänzlich theologisch, nicht historisch.

Im Detail standen drei unterschiedliche Teil-Interessen hinter der Ausbildung des Passions-Mythos:

(a) Die Ergebnisse eines historischen Prozesses, der als solcher insbesondere aus der „Insider-Sicht“ der „Betroffenen“ zu wenig reell dokumentiert war, sollten plausibilisiert werden.

(b) Es sollte mit dem „Passions-Mythos“ ganz erheblich „Politik gemacht“ werden, insbesondere im Hinblick auf die Rolle „der Juden“ sowie „der Römer“ beim Prozess Jesu.

(c) Damit die Geschichte von Jesus jüdischen Hörern und Lesern möglichst vertraut klingt und dadurch annehmbarer wird, am besten ihnen sogar als Erfüllung altehrwürdiger jüdischer Prophetie erscheint, ist der „Passions-Mythos“ bemüht, so viel wie möglich Bezüge zu setzen zum „Alten Testament“. Er ist in diesem Sinne voller Zitate und Anspielungen, die dem jüdischen Publikum bekannt vorkommen mussten.

Ein Beispiel: Wenn Jesus nach dem „Letzten Abendmahl“, das das Mahl der Israeliten vor dem Auszug aus Ägypten reflektiert, „hinaus an den Ölberg geht“ (Mk 14,26; Mt 26,30; Lk 22,39), so ist dies eine Reminiszenz an die Flucht König Davids aus Jerusalem vor der zeitweiligen Usurpation seines Sohnes Absalom. Die Szene vom tödlich bedrängten König, der ins Exil aufbricht, wird in zahlreichen ergreifenden Details geschildert. So nimmt etwa David das Heiligtum nicht mit, sondern sagt zu seinem Priester Zadok: „Bring die Lade Gottes in die Stadt zurück! Wenn ich vor den Augen des Herrn Gnade finde, dann wird er mich zurückführen und mich die Lade und ihre Stätte wieder sehen lassen. Wenn er aber sagt: Ich habe an dir keinen Gefallen!, gut, dann mag er mit mir machen, was ihm gefällt.“ (2Sam 15,25-26 – eine Schlüsselstelle für die Theologie der „Deuteronomisten“) Im Anschluss daran heißt es: „David stieg weinend und mit verhülltem Haupt den Ölberg hinauf; er ging barfuß und alle Leute, die bei ihm waren, verhüllten ihr Haupt und zogen weinend hinauf.“ (2Sam 15,30)

4. Die „Lost-Years-Mythen“ sind das jüngste Moment der Evangelien. Sie stehen offenkundig im engsten Zusammenhang mit dem literarischen Wirken der Evangelisten selbst. Deshalb sind hier die Unterschiede zwischen Matthäus und Lukas so extrem. Erst nachdem „der Auferstandene“ und „der Gekreuzigte“ thematisiert wurden, machte sich das Streben nach einer Komplettierung der „Biographie“ Jesu durch Auffüllen der großen historischen Lücke seiner ersten ca. dreißig Lebensjahre bemerkbar, und dieses Interesse war von Anfang an mit der Funktion verbunden, Jesu „präexistente“ Göttlichkeit aufzuzeigen. Die entsprechenden literarischen Konstrukte dienen, zumal sie bei einer chronologischen Lebensbeschreibung Jesu am Anfang stehen müssen, angesichts ihrer Fiktionalität naheliegenderweise insbesondere auch als „Programmerklärung“ des jeweiligen Evangelisten. Da Matthäus und Lukas deutlich unterschiedliche theologische Programme haben, weisen ihre „Lost-Years-Mythen“ nahezu keinerlei Überlappungen auf.

Die Reihenfolge der Schritte des historischen Wachstums des Bildes Jesu in den Augen seiner Anhänger, das sich in diesen vier unterscheidbaren Momenten der Evangelien widerspiegelt, lautet also: „zuerst Lehrer – dann Auferstandener – dann Gekreuzigter – schließlich göttliche Person“.

Es ist für eine umfassend verstehende Lektüre der Evangelien sehr hilfreich, wenn man immer ungefähr weiß, in welcher „Schicht“ man sich historisch-kritisch gerade befindet.

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