Überlegungen zum Tod des Apostels Paulus

Dass die Apostelgeschichte den Tod des Apostels Paulus nicht erwähnt, ist gerade ein Hinweis darauf, dass es mit ihm vermutlich ein gewaltsames Ende genommen haben wird, denn das passte nicht in ihre Missionsstrategie. Es bedeutet mit Sicherheit nicht, dass sie vor dem Tod des Apostels Paulus geschrieben wurde.

Die Botschaft des historischen Paulus war, getreu der Botschaft des historischen Jesus, ein frontaler Angriff auf die römische Reichstheologie, wie bereits gezeigt wurde. Paulus war in höchstem Maße ideologisch bereit, „sein Kreuz auf sich zu nehmen“. Darum wird ein entsprechendes Ende seines irdischen Daseins höchstwahrscheinlich auch nicht ausgeblieben sein. Darüber, ob es sich dabei praktisch-konkret um die Todesart der Kreuzigung handelte, lässt sich keine tragfähige Annahme machen. Denn während einerseits die historische Richtigkeit der Behauptung Paulus‘ römischer Bürgerschaft als Jude aus Tarsus, wie ebenfalls bereits gezeigt wurde, durchaus anzunehmen ist, scheint er andererseits, seinen eigenen authentischen Briefen zufolge, auf die Inanspruchnahme der daraus resultierenden Vorrechte systematisch verzichtet zu haben, und hätte es demzufolge möglicherweise sogar als besondere „Ehre“ angesehen, tatsächlich gekreuzigt zu werden.

Falls er bei seinem Tod in Rom war, ist zudem äußerst zweifelhaft, ob die Verfolgungen unter Nero sonderlich formaljuristisch abliefen und einen Hinweis des Paulus auf seine römische Bürgerschaft überhaupt berücksichtigt hätten. Dass dieser Kaiser selbst aus irgendwelchen Gründen den Hass gegen jene Gruppen schürte, die Opfer der damaligen stadtrömischen Verfolgungen wurden, ist ziemlich unwahrscheinlich; diese Behauptung dürfte Teil der posthumen Propaganda gegen Nero sein, die zumal angesichts des folgenden Dynastiewechsels zu den Flaviern besonders negativ ausfiel, um die neuen Herren umso gerechtfertigter erscheinen zu lassen.

Eher dürfte sich ein relativ autonomer „Mob“ gegen eine distinkte Bevölkerungsgruppe erhoben haben, der auferlegt worden war, in den Randbezirken der Stadt zu siedeln, wo ein großer Brand der zentralen Stadtviertel sie kaum betroffen hatte.

Abgesehen davon, dass dieser günstige oder ungünstige Umstand gewiss nicht die alleinige Ursache des Hassausbruchs war, dürfte er allerdings – wie die Motivation der meisten Pogrome – mehr ein öffentliches Bild als eine Tatsache gewesen sein.

Denn der Hass richtete sich gegen „die Juden“. Nicht gegen „die Christen“, die zu diesem Zeitpunkt noch ein Teil der jüdischen Bewegung waren, der in seiner Selbständigkeit von außen noch kaum wahrgenommen wurde – was selbst dann noch gelten würde, falls eine Mehrheit „der Juden“ in Rom bereits christlich gewesen sein sollte (was aber sehr unwahrscheinlich ist).

Es ist wichtig, zu reflektieren, wie sehr unser heutiges Bild von einem „jüdischen Getto“ innerhalb einer romanischen Stadt von unserem Bild des europäischen Mittelalters geprägt ist. Denn diese Prägung verleitet leicht zu einem schweren Imaginationsfehler, was „Juden in Rom zur Zeit des Paulus“ angeht.

Das mittelalterliche Diaspora-Judentum befand sich aus politischen Gründen in seiner Diaspora. Nach anderthalb Jahrhunderte dauerndem Maximal-Ärger mit seiner jüdischen Provinz und zwei gewaltigen Kriegen zur Niederschlagung blutigster Massenaufstände in Palästina hatte das römische Imperium endgültig „die Schnauze voll“ und exekutierte eine gigantische Massenvertreibung der Juden aus ihrer geographischen Heimat. Das war um 135 u.Z. Damit begann die eigentliche große jüdische Diaspora.

Das Judentum rabbinischen Typs, das missionarische Interessen aufgab, entwickelte sich ungefähr im Gleichschritt mit diesen politischen Umwälzungen.

Zu der Zeit, zu der Paulus in Rom gewesen sein könnte, – noch vor dem ersten großen politisch-militärischen Einschnitts-Jahr 70 u.Z., auch noch vor Beginn des entsprechenden Aufstands ab 66 -, haben wir es noch mit einer völlig anderen Art von „Auslands-Judentum“ in der Stadt Rom zu tun.

Natürlich lebt auch damals eine erhebliche Zahl palästinischer Juden in der Reichshauptstadt. Natürlich sind diese überwiegend ausgesprochen romfreundlich gesinnt. Und natürlich wird von ihnen trotzdem verlangt, in einem eigenen „ethnischen“ Stadtviertel am Rande Roms zu siedeln.

Aber sie repräsentieren ein hochantikes hellenistisches Judentum, das noch eine ausgesprochen lebhafte missionarische Neigung hat. So ziehen sie als eine offenbar aus verschiedenen Gründen vergleichsweise besonders erfolgreich missionierende Religion zahlreiche Konvertiten an. Und diese Konvertiten, die keine „ethnischen“ Juden sind, leben mit Sicherheit größtenteils durchaus nicht im (palästinisch-)jüdischen „Getto“ am Rande der Stadt, sondern überall über das Stadtgebiet verteilt – jedenfalls zunächst und zumindest noch für eine ganze Weile -, also durchaus auch in den vom Brand betroffenen inneren Vierteln.

Diese Konvertiten scheiden sich ihrerseits wiederum in drei Gruppen. Erstens diejenigen, die das jüdische Gesetz in vollem Umfang annehmen, sich also z.B. auch beschneiden lassen. Zweitens die in der Apostelgeschichte so genannten „Gottesfürchtigen“, die sich spirituell am jüdischen Glauben orientieren, ohne das ganze jüdische Gesetz zu befolgen, und mit dieser Haltung in den Synagogen auch sehr weitgehend akzeptiert sind, sogar dauerhaft. Und drittens diejenigen – die sich weit überwiegend aus den „Gottesfürchtigen“ rekrutieren -, die die sich ihnen besonders anbietende christliche Variante des Judentums annehmen. Die übrigen, „außenstehenden“ Römer aber subsumieren alle diese differenzierten Gruppierungen, deren Unterschiede ihnen schwerlich bewusst gewesen sein können, ganz selbstverständlich einfach unter „die Juden“.

Der eigentliche Grund für ihren „Juden“-Hass, der sich nach einem großen Stadtbrand in einer blutigen Verfolgung entlud, mag sich aus einer politisch verursachten Abneigung gegen die „ewigen Reichs-Störenfriede“ aus dem Osten, deren Erhebungen schon das Leben so vieler junger römischer Legionäre auf dem Gewissen hatten, sowie aus einer tiefen kulturellen Abneigung der Mehrheit der „Heidnisch-Altgläubigen“ gegen eine damals längst „aggressiv“ und erfolgreich missionierende „fremde“ Religion zusammengesetzt haben. –

Nicht zuletzt bleibt aber auch ernsthaft die Möglichkeit zu erwägen, dass Paulus zu diesem Zeitpunkt, wie er es in Röm 15,24.28 beabsichtigt, längst weitergereist und in Spanien tätig war und dort – wie auch immer – gestorben ist. Er war zu Lebzeiten keineswegs prominent genug, dass etwa dem Verfasser der Apostelgeschichte hierüber notwendig Zuverlässiges hätte zu Ohren gekommen sein müssen. Sein Schweigen über den Tod des Paulus kann auch einen Mangel an entsprechenden validen Informationen reflektieren, der umso wahrscheinlicher ist, je weiter Paulus zuletzt von seiner Heimat entfernt war; zumal die Ausbreitung der Botschaft Jesu „bis an die Enden der Erde“ nur eine sehr theoretische Steigerung ist gegenüber ihrer praktischen Verkündigung in jener Stadt, die den Mittelpunkt der damaligen Welt bildete.

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