Über Karma

Das spirituelle Konzept des Karma, das im Hinduismus und Buddhismus eine entscheidende Rolle spielt, ist nur dann hilfreich, wenn seine weltanschauliche Funktion begrenzt bleibt: Es ist sozusagen im Sinne einer „vertieften Alltagsweisheit“ durchaus bedeutsam, zu erkennen, dass alle unsere Handlungen und auch inneren Haltungen bestimmten Lebensverhältnissen Energie verleihen, eine Energie, die dann in ihrer je eigenen Richtung virulent weiterwirkt und weitere Ereignisse und Situationen einer bestimmten Art nach sich zieht. Wenn es dabei also um die quasi „psychotherapeutische“ Vorstellung geht, dass ich heute innerlich, gedanklich und durch mein Verhalten säe, was ich in den kommenden Monaten und Jahren ernten werde – und gewiss auch, dass ich mich dabei mit hinderlichen Prägungen aus meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen habe, die ich nicht immer auflösen, nicht immer außer Kraft setzen kann -, so ist dieses Konzept zweifellos klug und weise.

Hinduismus und Buddhismus – mit Ausnahme des Zen – dehnen dieses Konzept aber auf eine universalste spirituelle Verständnisebene aus. Das zeigt sich in ihrem Wiedergeburtskonzept, in dem das in einem Leben erworbene Karma sogar ins nächste „mitgenommen“ und „verrechnet“ wird. In solchen „absoluten“ Dimensionen behandelt, tritt das Karma-Konzept in einen Widerspruch zu den wichtigen christlichen Konzepten der Unerforschlichkeit des göttlichen Willens und Wirkens, der Gnade, der Vergebung, der Erlösung. Karma bedeutet dann ein ewiges, starres Gefängnis grausamer Eigenverantwortung und unauflöslichen Verschuldens, aus dem nicht einmal der Tod, sondern nur noch „Nirwana“ einen Ausgang bietet.

Bei all meiner sonstigen Affinität zum Buddhismus – die freilich hauptsächlich eine Affinität zum Zen ist – kann ich diese „überzogene“ Karma-Vorstellung nicht mitvollziehen. Hieran zeigt sich mir einmal mehr in großer Klarheit mein Christsein. Denn da fällt es mir vergleichsweise immer noch leichter, an jene katholischen Dogmen zu glauben, die im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert überflüssigerweise erfunden wurden.

Kommentare sind geschlossen.