Über die Vorsokratiker

Die vorsokratischen Philosophen standen in einer Tradition der „Weisheitsliebe“ – wie das Wort ja wörtlich besagt -, der es im Grunde, anders als der heutigen Philosophie, weniger um bestimmte Gedankeninhalte einer „logischen“ Wahrheit als vielmehr um die richtige, stimmige Lebenshaltung und Lebenseinstellung ging. Dieser anfängliche Begriff der Philosophie, der heute eigentlich viel treffender als Spiritualität zu bezeichnen wäre, verwandelte sich im Laufe seiner Geschichte in etwas, das mit der ursprünglichen Beschäftigung jener Alten inzwischen kaum noch etwas gemein hat. Sokrates markiert den großen Sündenfall der Philosophie. In ihrer heutigen Auffassung ist Philosophie hauptsächlich zur Methodenlehre der modernen Wissenschaften verkümmert. Dieses bescheidene Ziel hätte jene weisen Alten gewiss nicht hinterm Ofen hervorgelockt. Erst Voltaire, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche und die sogenannten „Existenzialisten“ des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich dem lebensbezogenen Ursprung der Philosophie wieder etwas angenähert; doch an die tiefe Seins-Weisheit der ältesten Denker, die unserer Philosophie über Jahrhunderte und Jahrtausende verloren gegangen ist, reichen auch die besten Existenzialisten kaum heran. Sonst wären sie nicht so schrecklich pessimistisch und hätten nicht nur die Kraft, sondern auch die Freude und Leichtigkeit des Lebens entdeckt.

Kommentare sind geschlossen.