Typisch Jesus

Wir müssen anfangen, die Evangelien als Texte zu lesen, die die Christen der ersten und zweiten Generation kommentiert haben mit: „Typisch Jesus!“ (Auch wenn die erzählenden Texte in der Form, in der wir sie besitzen, in der ersten und zweiten Christengeneration noch nicht existierten, so entstanden doch genau damals, in den späten Jahren der Augen- und Ohrenzeugen Jesu, all die Geschichten, die diesen Texten zugrunde liegen.)

Was bedeutet das? Wenn ich von jemandem bzw. von einer Geschichte über jemanden sage: „Typisch XY!“, dann heißt das eben gerade nicht, dass die betreffende Geschichte mit besonderer Zuverlässigkeit historisch genau so passiert ist. Das kann zwar der Fall sein, muss aber nicht. Der springende Punkt ist: Es ist unerheblich, was von beidem der Fall ist. Denn eine „typische“ Geschichte erzählt mehr als die Fakten eines äußeren Lebens: Sie dokumentiert in treffenden Symbolen und Analogien die tiefste Wahrheit eines inneren Wesens.

Als solche müssen die Jesus-Geschichten von den Christen der ersten und zweiten Generation zweifellos ziemlich einhellig akzeptiert worden sein. Ein erhebliches Quantum an „innerchristlichem“ Widerspruch nach dem Motto: „Also, wir haben von und über Jesus aber noch ganz andere Sachen gehört…“ hätte den Erfolg der Evangelien vereitelt. Das kritische Potenzial liegt dabei nicht in den äußeren Fakten. Dass etwa die Aussagen des Johannes-Evangelisten über mehrere Aufenthalte Jesu in Jerusalem mit den „entsprechenden“ Aussagen der Synoptiker chronologisch und biographisch nicht zu harmonisieren sind (dass also diese Aussagen einander eben nicht „entsprechen“), ist in tieferer Wahrheit völlig bedeutungslos. Entscheidend ist, dass es zwischen den verschiedenen Evangelisten keine Widersprüche im Sinn ihrer Aussagen über das innerste Wesen der Person Jesu gibt.

Dieses Wesen wird von den Erzählungen der Evangelien – die eben keine „Berichte“ sind (und zwar dort mit am wenigsten, wo sie es am stärksten zu sein scheinen, wie etwa anlässlich der „Passion“ Jesu) – in treffende und griffige Bilder gekleidet, die alle irgendwann einmal mindestens vor der Jury der letzten noch lebenden Jünger, die selber mit Jesus gewandert waren, ihre Qualitätsprüfung mit der Wertung „Typisch Jesus!“ bestanden haben.

Er lebte (1.) circa in den ersten drei Jahrzehnten unserer Zeitrechnung, er stammte (2.) aus Nazareth in Galiläa und seine Eltern hießen Josef und Miriam (diese Angaben waren der allgemein übliche „Personalausweis“ der damaligen Zeit und sind daher vertrauenswürdig, weil soziologisch ziemlich fälschungssicher), er ging (3.) in seiner historischen Rolle aus der Bewegung Johannes‘ des Täufers hervor, er wurde (4.) als Aufrührer gegen Rom gekreuzigt – und er tat (5.) in den letzten Jahren seines Lebens etwas, dessen Quintessenz die Evangelien „symbolisch korrekt“ wiedergeben: Diese fünf Punkte bilden die Gesamtheit dessen, was wir über den historischen Jesus einigermaßen sicher wissen.

All unsere historisch-kritische Analyse der Evangelien kann keinem anderen sinnvollen Ziel dienen als dem, die Erkenntnis zu untermauern, dass die Vertrauenswürdigkeit der biblischen Symbole als solcher unseren christlichen Glauben wesentlich nachhaltiger stützt als jede archäologische Sicherstellung der zwölf Körbe mit Brotkrumen und Fischgräten, die von der Speisung der Wieviel-Tausend-Auch-Immer übrig geblieben sind.

Und gerade deshalb ist historisch-kritische Lektüre der Bibel wichtig.

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