„Sühneopfer“

Nicht nur Hans Küng, sondern auch weitere prominente Namen wie Robert Zollitsch, Eugen Biser, Wolfgang Huber, Nikolaus Schneider stehen heute für Kritik an der traditionellen christlichen Sühneopfertheologie und Satisfaktionslehre in der Interpretation des Kreuzestodes Jesu. Die Frage wird unter Theologen heute extrem kontrovers diskutiert. Was ist davon zu halten?

Richtig ist: Diese Doktrin ist rein nachbiblische Lehrtradition. Aber das allein macht sie objektiv noch nicht falsch.

Richtig ist weiter: Die Ansicht, Gott müsse in menschlich-juridischen Begriffen für unsere Sünden versöhnt werden durch ein blutiges Opfer, ist absolut untragbar – und zutiefst unchristlich.

Richtig ist aber auch: Die Sühneopfertheologie enthält eine tiefste mystische Wahrheit, sofern sie klar voraussetzt, dass sie nicht in den Zusammenhangsverständnissen menschlich-juridischer Logik funktioniert, sondern nach einer ganz anderen Ratio. Den Zugang hierzu findet aber nur ein konsequent nondualistisches Bewusstsein.

Wann immer christliche Mystiker angefangen haben, von „Gott in uns, Christus in uns“ zu sprechen, hat dies der Amtstheologie nicht geschmeckt. In der Kreuzigung Jesu hat sich äußerlich-historisch realisiert, was jeden Tag in uns geschieht: Wir kreuzigen in uns die Wahrheit, wir kreuzigen uns selbst, wir leiden, leiden an uns selbst, und durch das Leiden erwachen wir. Nur auf dem Weg der Kreuzigung erwacht Gott in uns. Und man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wir müssen den äußeren Christus kreuzigen, damit er ein innerer werden kann. Dies geschieht auf dem Weg der Reue und Buße, die zur wahren Demut führen. Dies alles ist tiefste mystische Erkenntnis der mittelalterlichen, vor allem der monastischen Theologie, die uns verheerenderweise weitgehend verloren gegangen ist. Nicht einmal das Wenige, was ich selbst davon erst begriffen habe, kann ich an dieser Stelle annähernd umfassend genug ausführen, also belasse ich es ganz bei bloßen Andeutungen, in welcher Denkrichtung nach dem tieferen Sinn solcher Kreuzestheologie zu suchen ist.

Zu dieser Dimension haben die oben erwähnten Theologen nach meinem Eindruck leider allesamt keinen ausreichenden Zugang. Das verbindet sie miteinander. So geraten sie – gewiss völlig wider ihre Absicht! – zu theologischen „Wegbereitern“ eines durchgeknallt narzisstischen Zeitalters, für das etwas so Antiquarisches wie eine innere Haltung der „Buße“ – ha ha! – leichthin überhaupt kein Thema mehr sein kann. Aber was, bitte, hätte Jesus dann mit seinem maximal authentischen und originären „metanoeite“ gemeint, dem identifizierbaren Schlüsselbegriff seiner historischen Botschaft? „Kehrt um!“ Löst das nicht wenigstens ein gesundes Unbehagen mehr in uns aus?

Den plump-hyperrealistischen kanonistisch-dogmatisch-katechetischen „Beichtspiegel“-Formalismus, den die römische Amtskirche daraus geschustert hat, finde ich freilich mindestens ebenso fürchterlich und verfehlt, vor allem in der Art und Weise, in der er von manchen traditionalistischen Kanzeln gepredigt wird.

Was, um Himmels Willen, ist uns abhanden gekommen, wenn heute behauptet wird, mystisches Bewusstsein sei dem sogenannten „einfachen kirchlichen Laien“, dem gläubigen „Schaf“, allzu schwer zu vermitteln? Die mittelalterliche Kirche war bis in ihre „letzten“ Glieder (die übrigens die ersten sein werden) mystisch durch und durch. Das ging manchmal in die Irre, gewiss. Aber deshalb hat doch nie ein mittelalterlicher Theologie daran gezweifelt, dass jedem Christen die komplexe Wahrheit der Mystik grundsätzlich zuzumuten ist. Sie ist überraschenderweise unintellektuellen Menschen viel leichter verständlich als die argumentativen Pirouetten akademischer Theologie. Vielleicht geht es bei dieser ganzen Debatte ja in Wirklichkeit viel weniger um das Problem „einfacher“ Gläubiger, die Wahrheit zu kapieren, als um die ganz besonders gesteigerten Probleme, die viele theologische Nur-Akademiker mit Mystik haben?

Was einmal kurz vor einem Pessachfest plus-minus 30 unserer Zeitrechnung bei Jerusalem geschah, war kein „Sühneopfer für die Sünden der Welt“, sondern eine standardisierte römische Aufrührer-Hinrichtung. Aber nicht darauf basiert die Kirche, sondern darauf, wie dieses Ereignis im Rückblick bald darauf von einer rapide wachsenden Zahl von Menschen gesehen und interpretiert wurde. Und in dieser Interpretation liegt potenziell eine unermessliche Wahrheit.

Man darf getrost sein: Der Karfreitag ist gerettet. Aber weder die Glaubenskongregation in Rom hat ihn gerettet noch die Kanzlei Zollitsch Huber Schneider & Kollegen.

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