Suchen und Finden

Eine Schlüsselfrage für die Kirche lautet, wie sie mit „spirituellen Suchern“ umgehen soll. Insbesondere die katholische Kirche betont seit jeher, dass Christen geistlich „nicht auf der Suche sind, sondern gefunden haben“. Darin liegt einerseits ein tiefer Sinn. Denn kaum etwas ist spirituell wichtiger, als in einem bestimmten Sinne endlich mit dem „Suchen“ aufzuhören. Aber die in diesem Sinne vereinfachte kirchliche Haltung bildet weder die zeitlose Realität geistlich-biographischer Entwicklungen noch die aktuellen mentalitären Gegebenheiten und Bedürfnisse heutiger – deren eigener Meinung zufolge „aufgeklärter“ – Gesellschaften ab. Darum verliert die katholische Kirche derzeit den Anschluss an ein riesiges Reservoir potenzieller Katholiken. Dieser Umstand muss der Kirche nicht nur als ein gesellschaftspolitisches Problem gelten: Sie missachtet ihren Missionsauftrag, wenn sie sie darüber unbekümmert hinweggeht.

Pragmatisch gedacht und gesprochen braucht es wohl klare Kriterien für die Bestimmung eines gewissen geistigen Spektrums, innerhalb dessen spirituelle Suchbewegungen gut katholisch sind. Der Geist der herrschenden dogmatischen Vorgaben ist entschieden zu eng, unintelligent und ohne Vertrauen in die geistigen Fähigkeiten des Menschen. Andererseits wäre es schon viel verlangt, mit der religiösen Erziehung eines Erwachsenen jedes Mal buchstäblich wieder „bei Adam und Eva“ anfangen zu müssen – existenzphilosophische Radikal-Infragestellung von absolut allem würde ja gleichsam noch weiter zurückliegen. So weit kann und darf die Kirche ihre Türen eindeutig keinesfalls öffnen, wenn ihr Raum noch ein irdischen Realitäten entsprechender Ort funktionaler Heilsgeschichte sein soll. Aber die Abwägung des sinnvollsten Mittelweges zwischen den zwei unmöglichen Extremen muss theologisch völlig neu in Angriff genommen werden.

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