Stammt das Vaterunser von Jesus?

John Dominic Crossan (1991, Kap. 12) glaubt nicht, dass das bei Matthäus und Lukas überlieferte Vaterunser „ipsissima vox“ Jesu darstellt. Da es offenkundig eine liturgische Funktion hat, rechnet er es der frühen Gemeinde zu – wenngleich als eine in der Tat sehr treffende Zusammenfassung der Lehre Jesu, wie er zugesteht.

Crossan zählt zwölf neutestamentliche Überlieferungskomplexe, die das „Reich Gottes“ enthalten, und attestiert zehn davon „Authentizität“. Aber das lässt sich nicht als Argument dafür anführen, dass auch das Vaterunser von Jesus selbst stammt.

Allerdings ist von höchster Plausibilität, dass seine Jünger sich von Jesus sowohl eine griffige Zusammenfassung seiner Lehre als auch eine Gebetsvorlage erwartet haben. Es ist bezeichnend, dass Jesus laut beiden gewährleistenden Evangelien das Vaterunser nicht von sich aus lehrt, sondern sich in einer ansonsten untypischen Weise von den Jüngern bitten, ja drängen lässt. Natürlich kann auch das literarische Fiktion sein, im Wissen der Evangelisten darum, dass sie etwas für Jesus – den Anti-Schematiker, Anti-Systematiker, Anti-Strukturalisten – ansonsten formal Untypisches in ihre Texte zu integrieren im Begriff sind. Aber es ist ebenso gut oder sogar noch besser möglich, dass die Evangelien in dieser Szene eine historische Erinnerung bewahren. Es stimmt alles nur zu gut zusammen: Der historische Jesus, so weit wir ihn irgend kennen, hat kein Interesse an Verschlagwortungen, aber die soziale Dynamik seiner Bewegung erfordert sie. Für ihn hat Rituelles, Liturgisches keine Priorität, aber die Zukunft seiner Mission kann darauf schon zu seinen Lebzeiten absehbar nicht verzichten. Die Menschen brauchen etwas, woran sie sich strukturell festhalten können. Jesus reagiert darauf und gibt seinen Zuhörern, wonach sie verlangen.

Man braucht nicht anzunehmen, er habe das unwillig getan. Andererseits aber wird er sich ganz sicher nicht allzu viel akribische Mühe mit der Formulierung gemacht haben. Und er wird auch ganz sicher nicht mit dem Ergebnis „hausieren gegangen“ sein. Er war froh, wenn sein Publikum ihn nicht mit dem Bedarf nach einer Konkordanzformel oder einem Gebetstext löcherte. So haben wir es im Vaterunser möglicherweise oder sogar sehr wahrscheinlich mit der Formulierung einer singulären Situation zu tun, wahrscheinlich nur einer einzigen der zahlreichen Lehrreden Jesu. Er hat diese Formulierung später vielleicht nie wieder irgendwo wiederholt, zumindest nicht mit dem Bemühen um Stringenz und Wörtlichkeit gegenüber der spontanen Erstfassung – und auch nicht etwa im Bemühen um deren konsequente Optimierung. Dies mag der eigentliche Grund für die Abweichungen zwischen den Überlieferungen des Vaterunser bei Matthäus und bei Lukas sein – und auch für seine insgesamt vergleichsweise nicht überwältigend häufige Bezeugung in den Quellen.

Crossan nimmt an, diese Spärlichkeit wie auch die Abweichungen würden von der „nachösterlichen“ gemeindlichen Urheberschaft des Vaterunser herrühren. Dieses Argument halte ich aber ganz und gar nicht für plausibel. Wie Crossan selbst aufweist, gehören zu den am vielfältigsten von untereinander unabhängigen Quellen belegten Überlieferungskomplexen aus der ältesten Schicht des Neuen Testaments gerade die Doktrinen von der davidischen Abkunft, der jungfräulichen Inkarnation, der postmortalen Höllenfahrt, der Auferstehung, Auferstehungs-Offenbarung und apokalyptischen Wiederkehr Jesu als des Christus. Die Zeugnisse dieser Komplexe sind weder spärlich noch sonderlich voneinander abweichend, obwohl sie mit 99%iger Gewissheit keinen Ursprung im historischen Jesus selbst haben.

Die Möglichkeit, dass wir gerade im „disparaten“ Vaterunser einen Original-Ausspruch Jesu vor uns haben, halte ich daher sehr wohl mit einer guten Wahrscheinlichkeit für gegeben.

Allerdings resultiert aus meiner Darlegung auch, dass es ein Fehler wäre, anzunehmen, gerade dieser Text habe dem historischen Jesus selbst besonders viel bedeutet. Das war ganz sicher nicht der Fall.

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