Sonnenfinsternis

Bitte morgen nicht in die Sonne schauen!

1999 wurde die Nation noch mit großem Aufwand auf ein solches Ereignis vorbereitet.

Diesmal haben es alle „verschlafen“. (Schutzbrillen sind aus.)

War man lässig, weil es diesmal „nur“ eine partielle ist? In Verkennung der Tatsache, dass partielle erfahrungsgemäß MEHR Akut-Augenpatienten zurücklassen als totale?

Ich erlaube mir die Spekulation, dass die zurückliegenden knapp 16 Jahre auch einen Kulturwandel in Deutschland dokumentieren: Die „Kümmer-Republik“, die penibel für alles sorgt und vorsorgt, ist an ihre Grenzen gestoßen. Die heimischen Heerscharen selbsternannter ehrenamtlicher „Verkehrsanwälte des Vaterlandes“, typisch-deutscher „Universal-Paternalisten“ und Tag-und-Nachtwächter, die permanent vor anderer, „ärmerer“ Leute Türen erzenglische bis wichtelhafte Kehrwoche haben, sind mit der Fülle der zeitgenössischen gesellschaftlichen Notbaustellen endgültig überfordert. Der (vermeintliche) totale Wohlfahrtsstaat entlässt seine Bürger derzeit gerade ohne großes Aufsehen erstmals wirklich in jene Freiheit, die ohne individuell getragene Gefahr nicht zu haben ist.

Tragisch nur, dass wir noch nicht gelernt haben, mit dieser „neuen alten“ Freiheit verantwortlich umzugehen. Auch deshalb nicht, weil die öffentlichen Instanzen mit den Grenzen des Fürsorgestaates nach wie vor nicht ehrlich sind, sondern bis zum Zynismus dessen wählerfreundliche Illusion weiter aufrecht erhalten.

Aber, zugegeben, auch aus Hilf- und Ratlosigkeit.

Denn die totalste Sonnenfinsternis herrscht derzeit hinsichtlich unserer kollektiven Wertorientierung.

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