Sich aufregen

Ich hatte ein interessantes Erlebnis im Bio-Supermarkt. Schon seit Jahren stelle ich immer wieder fest, dass große Bio-Supermärkte in Innenstädten besonders sichere Gelegenheiten bieten, signifikant unentspannten Zeitgenossen zu begegnen. Wie alle Supermarkt-Stories spielt auch die vorliegende an der Kasse, wo sich, wie üblich in solchen Geschichten, eine Schlange gebildet hatte.

Die Kundin, die der Grund für die Schlange war, war offensichtlich der Meinung, nicht sie selbst, sondern vielmehr die Kassiererin sei der Grund dafür. Ich habe überhaupt keine Meinung dazu, welche dieser beiden Sichtweisen plausibler ist, weil ich Genaueres gar nicht mitbekam von ihren Komplikationen. Als die betreffende Kundin endlich gehen konnte, machte sie zum Abschluss, „partherpfeil-artig“, noch ihrem Ärger Luft und griff die Kassiererin – in dem typischen halb-gehobenen Stil, in dem sich die autochthonen Aggressionen großer innenstädtischer Bio-Supermärkte zu entladen pflegen – unter anderem dafür an, „dass sie die ganze Zeit über nicht sie, sondern immer nur ihren Sohn angeschaut“ habe. Die Kassiererin, deren leichten Akzent ich als polnisch einschätzte, reagierte kühl und beherrscht, indem sie etwas von „so weit hoch schauen müssen“ erwiderte. Nachdem die Kundin außer Hörweite war, sagte ich zur Kassiererin: „Manche Leute müssen sich eben aufregen.“

Es war freundlich gemeint, mit dem einzigen Zweck, die Kassiererin aufzumuntern, und es war für keine anderen Ohren bestimmt. Aber der Herr hinter mir in der Schlange hatte es gehört und begann mich sogleich für diese Äußerung mit schwäbisch-pädagogischem Zungenschlag ebenso scharf wie eloquent zu tadeln: Manchmal gebe es durchaus einen Grund, sich aufzuregen, und meine Äußerung sei respektlos gegenüber der Dame! Ich erklärte ohne den Gebrauch näherer Argumente begütigend, so sei es nicht gemeint gewesen. Während sie meine Waren über den Scanner zog, sagte die Kassiererin so deutlich zu mir, dass der Herr hinter mir es hören konnte: „Wir dürfen den Mund nicht aufmachen, und jetzt dürfen Sie als Kunde den Mund auch schon nicht mehr auf machen.“ Während ich nur still in mich hinein schmunzelte, weil mir dieses fatalistische Fazit durchaus typisch osteuropäisch vorkam, konnte ich mich plötzlich gleichzeitig in die Sichtweise des Herrn hinter mir erstaunlich gut hineinversetzen:

Es gibt diese Umwandlung eigener Aggressionen in betont distanzierte Arroganz mit „Abperl-Effekt“ nach dem Motto: „Lächeln und Winken!“. Freunde dieser emotionalen Strategie spielen ihre ostentative Unaufgeregtheit in der Form aus, dass sie dabei letztlich die daraufhin nur umso potenzierteren affektgeladenen Reaktionen mancher anderer – wie vermutlich des Herrn hinter mir – als „Stellvertreter-Ventil“ benutzen und genießen. Das war und ist bei mir nicht der Fall. Mir war aber plötzlich ganz klar, dass der Herr hinter mir mich und mein Verhalten genau in diesem Sinne betrachtete und einordnete. Aus seiner unerbetenen Rückmeldung konnte ich daher tatsächlich etwas lernen: Es wäre klüger gewesen, sich jeder Bemerkung zu enthalten und die Kassiererin einfach nur durch kommentarlose Freundlichkeit aufzumuntern. Denn schließlich bestand neben dem unerwünschten Mithören Dritter ja auch noch die Gefahr, dass die Kassiererin meinen Kommentar selbst ebenso intentionswidrig interpretierte, wie es der Mit-Kunde tat.

Meine Diskussion mit diesem setzte sich noch ein klein wenig fort, ich blieb begütigend, wobei ich aber versuchte, ihm zu zeigen, dass ich auf ihn einging, indem ich sagte: „Aufregung setzt sich doch nur immer weiter fort und automatisiert sich“; er aber wiederholte eindringlich den Vorwurf der Respektlosigkeit an mich. Am Ende war ich mir ziemlich sicher, eine Person vor mir zu haben, die selber die Überlegenheit ihrer eigenen Einsichten deutlich größer einschätzt, als sie wirklich ist, die mir aber dennoch eine Lektion erteilt hatte, die ich nicht missachten mochte. Denn immerhin wäre es ja gelogen, wenn ich von mir selber behaupten würde, ich rege mich nie auf; nur weil Supermarktkassen nicht das Niveau sind, auf dem in dieser Hinsicht meine persönlichen Herausforderungsmarken liegen.

Warum schreibe ich diese Geschichte auf? Weil ich glaube, dass man aus ihr etwas lernen kann darüber, wie man mit alltäglichen Situationen in einem tieferen Sinne gut umgehen sollte. Nicht ich als Person bin es, der diese Lektion vermittelt – genauso wenig wie der schwäbische Herr. Die Situation selbst ist die Lehrerin. Was aber die Methode angeht, eine Situation lehrreich auszuwerten, ist der Verfasser der Situationsbeschreibung selbst genauso Lernender wie der Leser. Die Geschichte ist gleichsam ein „Praktikumsbericht“ des Lebens, zu mentorieren vom Leben selbst – zum Beispiel in Gestalt der Leser, die auf einem Blog die Kommentarfunktion benutzen können. Dieses Procedere, diese „Verfahrensethik“ menschlicher Entwicklung ist das Entscheidende, worauf es bei den praktischen Gesichtspunkten der Spiritualität ankommt.

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