Sexualität und kultische Reinheit

Es ist was dran an der Behauptung, der „panmonachistische“ Pflichtzölibat für alle katholischen Priester, den in seiner heutigen Praxis erst die Gregorianische Reform im elften Jahrhundert durchsetzte, trage einen wesentlichen Teil seiner Bedeutung in dem Dienst, den er einer Machtkirche leistet, weil er einerseits familiäre Erbfolgen (und entsprechende Streitigkeiten) in der Verfügung über Kirchengut ausschließt und andererseits einen Klerikerstand, der geradezu ermuntert wird, im Namen der Kirche auf alle erdenklichen Weisen – keineswegs allein via Beichtgeheimnis – nach umfassender säkulargesellschaftlicher Autorität und Einflussnahme zu streben, existenziell weniger einschüchterbar und erpressbar macht als einen besorgten Familienvater – kurz: eine hartgesottene päpstliche Kampftruppe nach dem Geschmack des Investiturstreit-Zeitalters.

Es ist allerdings absolut falsch zu meinen, dies wäre der alleinige oder auch nur der vorwiegende Grund für den katholisch-priesterlichen Pflichtzölibat. Denn die Synode von Elvira hat ihn schon kurz vor der Konstantinischen Wende als ein Produkt der Tradition formuliert, also bevor die Kirche ihre erste Liaison mit staatsamtlicher Hoheit und Obrigkeit einging.

Was dort im spätantiken Spanien formuliert wurde, griff die zunehmend zentralistische „Konstantinische“ Kirche einige Jahre darauf bezeichnenderweise zwar gehorsam auf – aber noch längst nicht mit der späteren gregorianischen Verve und Akkuratesse: Es blieb de facto mehr beim Charakter einer Empfehlung – für gut siebenhundert Jahre. In Elvira wurde ferner noch kein „eherechtlicher“, sondern ein „Enthaltsamkeits-Zölibat“ formuliert: Nicht die Ehe des Priesters stand zur Debatte, sondern sein Verhalten in ihr; mithin eigentlich kein Rechtsgut, sondern eine an und für sich nicht-juridische moralische Norm. (Wenngleich auch Elvira schon seinen Beschluss verbal drakonisch sanktionierte. Aber die Struktur des Inhalts war hier im Grunde noch nicht „kanonistisch“.)

Damit wird klar, dass der Zölibat ursprünglich tatsächlich in Vorstellungen und Empfindungen wurzelt, die mit den hier zuerst genannten Gründen nichts zu tun haben. Die „gregorianischen“ Motive sind dem katholischen Priesterzölibat später ganz reell zugewachsen – aber aus ihnen stammt er nicht.

Ich habe schon mehrfach darüber geschrieben, wie die Menschen in früheren Zeiten – und in wesentlichen Zügen noch bis zum „Pillen-Jahr“ 1960 – Sexualität aufgrund von deren unerbittlich-ehern schicksalhaftem Zusammenhang mit Zeugung, Kinder- und Müttersterblichkeit, der sich erst im zivilisatorischen Verlauf der 1960er-Jahre in den „westlichen“ Ländern wirklich befreiend lockerte, psychologisch drastisch anders erlebten, als „wir“ es heute tun. Dadurch gab es in jenen Zeiten für zölibatäre Lebensweise einen seelisch tief empfundenen Grund, den wir erst seit höchstens fünfzig Jahren nicht mehr so recht nachvollziehen können – ein übrigens nach wie vor weit unterschätzter oder sogar gänzlich verkannter Aspekt fundamentalsten Kulturwandels, der in vielerlei Hinsicht unser heutiges Geschichtsverständnis erschwert.

Über all dies habe ich schon einmal – oder sogar schon mehrfach – geschrieben. An dieser Stelle aber gilt mein Interesse einem weiterführenden Aspekt dieses Themas.

Der überlieferte Kanon 33 der Synode von Elvira („Placuit in totum prohibere episcopis, presbyteris, et diaconibus vel omnibus clericis positis in ministerio, abstinere se a coniugibus suis et non generare filios; quicunque vero fecerit, ab honore clericatus exterminetur„) lässt deutlich erkennen, dass bei dieser Regelung der Gedanke kultischer Reinheit eine zentrale Rolle gespielt hat: Von Sexualdisziplin hängt hier offenkundig die Würdigkeit des Priesters ab, der Eucharistie vorzustehen.

Für die Dominanz eines entsprechenden restriktiven geistig-geistlichen Klimas im mittelalterlichen Christentum gibt es überwältigende, ja krasse Belege und Zeugnisse.

Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil das Neue Testament eigentlich unmissverständlich in Abkehr vom uralten Paradigma der kultischen Reinheit eine spektakuläre Wende hin zum Paradigma der ethischen Reinheit propagiert. Belege für diese These spare ich mir hier, um meinen Beitrag nicht zu sehr ausufern zu lassen. Ich vertrete sie jedenfalls höchst zuversichtlich, sie nötigenfalls mühelos verteidigen zu können.

Natürlich hat das Neue Testament sein „neues Konzept“ der „ethischen Reinheit“ nicht „erfunden“. Sondern dahinter steht im Grunde der für das Alte Testament von Beginn seiner Kanonbildung an konstitutive Dualismus zwischen „priesterschriftlicher“ und „deuteronomistischer“ Literatur, dessen „leitmotivische“ Relevanz für das gesamte Alte Testament ich ja bereits immer wieder aufzuzeigen versucht habe. Dabei wage ich mich bis zu der These vor, das rabbinische Judentum setze und schreibe die „priesterschriftliche“, das Christentum hingegen die „deuteronomistische“ jüdisch-theologische Traditionslinie konsequent und forciert fort.

Die daraus resultierende Deutung Jesu ordnet ihn sehr vital und stimmig in seinen historischen kulturellen Kontext ein: Er ist, vereinfacht gesagt, ein „radikaler Deuteronomist“ – radikaler als alle anderen bis dahin. Wenngleich er freilich keineswegs so weit geht, das kultische Element der Religiosität „abzulehnen“.

Aber die „180 Grad“ irritierend nahe kommende Trendwende der späteren christlichen Theologie – ihre extrem weitgehende Rückkehr zu Forderungen nach „kultischer Reinheit“ – ist umso erstaunlicher, als sie, wie die Synode von Elvira beweist, gar nicht viel später stattgefunden hat als der Abschluss der neutestamentlichen Textentstehung – und sogar noch vor der endgültigen Fixierung dieser Texte als Kanon.

Das starke Wiedererwachen der kultischen Reinheit im Christentum ist nach meinem Dafürhalten auf die Erlebnisse und Erfahrungen der katastrophalen Krisen- und Verfolgungszeit des dritten Jahrhunderts zurückzuführen.

Was aber hat es mit dem – ja keineswegs spezifisch christlichen – religionsgeschichtlichen Ur-Motiv der „kultischen Reinheit“ im tiefsten Grunde eigentlich auf sich? Weswegen macht Sexualität nach dem reichlich dokumentierten Empfinden so vieler religiöser Kulturen weltweit „kultisch unrein“?

Meine Antwort auf diese Frage lautet: Der Kult hat, in einem religionswissenschaftlich universalen Sinne, die Funktion, dem menschlichen Dasein eine diesem auf dessen natürlicher Ebene – existenzieller Erfahrung entsprechend – nicht zukommende Dauer zu verleihen, Stabilität, Zeit-Enthobenheit, wenn man so will: „Ewigkeit“. Der Kult verbindet die menschliche Dimension mit der Dimension des Göttlichen. Daher ist dem Bereich des Kultischen alles entgegengesetzt, was an die Begrenztheit des „natürlichen“ menschlichen Daseins erinnert. Dazu gehört mit einer durchaus nachvollziehbaren Eigenlogik unter anderem die Berührung von Leichen, der Kontakt mit Blut – und sexuelle Handlungen, weil diese mit dem Anfang des Lebens in Beziehung stehen, jeder Anfang aber eo ipso auf ein Ende, auf Endlichkeit verweist. Wer diesen Gedanken für „sehr philosophisch-abstrakt“ hält, möge sich noch einmal intensiv auf das besinnen, was wenige Absätze zuvor über die ganz andere Lebenserfahrung der „Welt vor 1960“ gesagt wurde: In ihr „zirkulierten“ Geburt und Tod der Lebewesen viel „rasanter“ und „deprimierender“ als heute. In der alten Zeit musste man kein sonderlicher „Philosoph“ sein, um den engen Zusammenhang zwischen Anfang und Ende allenthalben deutlichst wahrzunehmen.

Im Blick auf den Christus Jesus stehen daher die theologischen Konzepte „Auferstehung“ und „Jungfrauengeburt“ in einer tiefsten, existenziell zwingendsten Verbindung mit seinem das uralte Bedürfnis nach „kultischer Reinheit“ kühn überwindenden „Radikal-Deuteronomismus“. Vielleicht müssen wir daher auch unser aktuelles Potenzial zu einer Rückkehr zum jesuanischen Fokus auf „ethische Reinheit“ gerade in einer erneuerten („postmodernen“) Theologie der Auferstehung und der Jungfrauengeburt suchen – anstatt etwas „leichtfertig“ jenen „Reform“-Rufen in der Kirche allzu viel Raum zu geben, die die bedenkliche Tendenz haben, theologisch „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Diese umfangreich weiterführenden Gedanken seien hier aber nur en passant skizziert.

Jedenfalls hat zwischen 1960 und 1965 – dem Abschlussjahr des Zweiten Vatikanischen Konzils – ein kultureller Wandel eingesetzt, der eine historisch nahezu inkommensurable Erschütterung darstellt, die so umfangreich ist, dass wir sie immer noch kaum erkennen, weil ihre Ausmaße schier unser Wahrnehmungsvermögen übersteigen. In dieser Situation ringt die Kirche mit einer notwendigen Überwindung ihrer Geschichte bei gleichzeitiger ebenso notwendiger Bewahrung ihrer Tradition – eine „Quadratur des Kreises“, die, wenn überhaupt, nur dank göttlicher Gnade möglich sein und gelingen wird.

Zur früheren Relevanz „kultischer Reinheit“ können und wollen wir eindeutig mit besten Gründen nicht zurück. Andererseits ist uns gegenwärtig nur allzu häufig unklar, an welchen Leitlinien sich eine echt religiös fundierte „ethische Reinheit“ unter unseren Zeit- und Gesellschaftsbedingungen eigentlich auszurichten hat.

Und so warten wir beispielsweise „hilflos“ auf das „natürliche“ bzw. „soziologische Aussterben“ unseres zölibatären Priesterstandes, anstatt eine brauchbare Vorstellung davon entwickeln zu können, wie es mit der „Amtskirche“ weitergehen soll.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auch diesen Vorgang auf einer echt spirituellen Bewusstseins- und Betrachtungsebene wieder in den Kontext göttlichen Gnadenwirkens zu rücken, das sich in diesem Fall eben mangels brauchbarer persongestaltiger Werkzeuge in einer von uns weitgehend als apersonal wahrgenommenen Eigendynamik sozialsystemischer Strukturentwicklungen äußert.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jes 55,8-9)

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