Selber schuld

Anlässlich des Türkei-Besuchs von Papst Franziskus kommentiert die bedeutende türkische bürgerliche Tageszeitung „Hürriyet“ angeblich laut KNA vorliegender Übersetzung (was ich natürlich mangels Türkischkenntnissen nicht adäquat überprüfen kann), „auch Fehler der christlichen Welt hätten zum Aufstieg von islamistischen Terrororganisationen wie Al-Kaida oder ‚Islamischer Staat‘ beigetragen“.

Mir geht es nicht um die Frage, ob das stimmt oder nicht. Mir geht es darum, dass es im gegebenen Zusammenhang kategorisch tabu ist, dieses Argument zu benutzen. Wenn jemand bestialische terroristische Massenmorde verübt, ist es einfach ein fundamentales No-Go, danach zu fragen, „welche Umstände dazu beigetragen haben mögen“. Diese Argumentationsweise ist ganz grundlegend unpassend bis zur Würdelosigkeit. Einen Deutschen erinnert sie an die unselige Geisteshaltung, „durch ihre mutwillige religiös-kulturelle Nicht-Assimilation hätten die europäischen Juden zu ihrer eigenen Vernichtung im Holocaust beigetragen“. Was soll das? Es gibt menschliche Handlungen, die in ihrer moralischen Abartigkeit gegenüber jeder ihrer möglichen – sogenannten, vermeintlichen – „Ursachen“ inkommensurabel sind, insofern es jeder gesunden menschlichen Intuition prinzipiell unplausibel erscheinen muss, irgendeinen gewöhnlichen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen beidem herzustellen.

Zusammen mit dem Extremismus menschlicher Handlungen steigt auch die Unbedingtheit und Ausschließlichkeit der Verantwortlichkeit des Handelnden für seine Taten an. Mit der Totalität des Einen ist auch die Radikalität des Anderen erreicht. Die Schuldfrage erübrigt sich: Verantwortung übernehmen muss man für den Gebrauch des eigenen Lebens sowieso unabhängig von der Frage, wer an der „Misere“ dieses Lebens „schuld“ ist. Diese Haltung muss fast jeder Mensch meist schon im Verhältnis zu den eigenen Eltern lernen: Die Eltern haben manche zwingenden Weichen für unser Leben gestellt und sind in diesem Sinne vielleicht tatsächlich „schuld“ daran, wie unser Leben in weiten Teilen verläuft – und dennoch müssen wir, wir selbst und wir allein, dieses unser Leben verantworten, ohne dass der Hinweis auf Elternschuld irgendeine lebenspraktische Gültigkeit oder Relevanz besitzt. Das Lernen-Müssen dieser Lektion gilt ohne Ausnahme und ohne Ausrede. Und ähnlich radikal verhält es sich auch mit allen „maßlosen“ Taten, die ein Mensch in seinem Leben begeht.

Es ist anzunehmen, dass alle Terroristen grundsätzlich aus schwerwiegender Unreife ihrer Persönlichkeit handeln. Aber gerade alle wirklich „reifen“ Menschen wissen, dass angesichts extremistischer Gräueltaten die Möglichkeit und sogar die Berechtigung von Menschen endet, sich „stellvertretend“ für diese Taten verantwortlich zu fühlen. Echte Reife besteht ganz wesentlich gerade in der Erkenntnis, dass wir an einem gewissen Punkt unsere „Zuständigkeit“ für das Weltgeschehen an eine Transzendenz abgeben müssen: Wir können die Welt ebenso wenig verantworten, wie wir selber sie erschaffen haben.

Gerade darum darf man Terroristen auch nicht „pathologisieren“. Sie müssen schlicht das volle Spektrum der Konsequenzen aus ihren Taten tragen. Es gibt dazu keine Alternative. Alles andere, vom „Erklären-“ bis zum „Therapieren-Wollen“, ist menschliche Selbstüberschätzung und Selbstüberhebung. Das Heil der Welt liegt in Gottes Hand, nicht in der unseren. An solchen Beispielen wie etwa dem Umgang mit Terroristen – beginnend mit dem geistigen Umgang – wird die volle Brisanz dieser spirituellen Einsicht klar.

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