Schöner Neuer Säkularismus

Aus Anlass des bizarren Streits um einen muslimischen Schützenkönig in Westfalen schreibt Frank Patalong einen Kommentar auf „Spiegel Online“, worin er scharfe Kritik an ungenügender Trennung von Politik und Religion übt. „Religion ist oft unmoralisch“, zwischentitelt er, und führt als Beispiel den kirchlichen Umgang mit dem Arbeitsrecht an. Benachteiligung kirchlicher gegenüber nichtkirchlichen Arbeitnehmern ist in der Tat eine Schande. Dennoch hat der Autor unrecht. Und zwar deshalb, weil er offenkundig nicht versteht, dass Religion nicht oft, sondern sogar immer „unmoralisch“ ist: in dem Sinne nämlich, dass religiöse Normen sich grundsätzlich in einer noch viel umfassenderen, „höheren“, „größeren“ Sphäre der Wirklichkeit konstituieren als moralische. Noch viel problematischer als beim Thema kirchliches Arbeitsrecht wird dies in einem anderen Beispiel, oder genauer gesagt in einem Beispiel, dessen Problematik genau darin besteht, dass sich kaum Einhelligkeit darüber erzielen lässt, ob es sich dabei um eine arbeitsrechtliche Frage handelt oder nicht: Wenn Frauen nicht katholische Priesterinnen werden dürfen, ist dies dann eine Diskriminierung, eine Verletzung des Prinzips der Gleichstellung?

Der Basler Juristin Denise Buser, die diesen argumentativen Weg beschreitet (siehe „Christ und Welt“, 31.7.2014), räume ich mit ihrem Anliegen bzw. ihrer Strategie keine Chance ein – und wenn sie eine hätte, würde ich ihr propagandistisch entschieden entgegen treten: Nicht, weil ich gegen Frauen als Priesterinnen wäre, sondern weil ich diesen Weg, sie durchzusetzen, für falsch halte. Die Kirche muss sich entscheiden – nicht der Staat in Bevormundung der Kirche. Hier gerät die Religionsfreiheit in ernsthafter und inakzeptabler Weise in Gefahr. Eine Frau muss sich frei entscheiden dürfen, ob sie katholisch sein will; diskriminierend wäre im strengen Sinne nur, wenn man sie zwingen würde, einer geschlechterdiskriminierenden Kirche anzugehören. Wenn diese Kirche sich selber als die einzig wahre ansieht, hat sie eo ipso zwar leider ein diskriminierendes Weltbild; aber solange niemand gezwungen wird, ihr anzugehören, fällt dieses Weltbild unter die Meinungsfreiheit. Dass aber eine Religion in Verantwortung für das tiefe emotionale Abhängigkeitsverhältnis, in dem viele ihrer Gläubigen „naturgemäß“ zu ihr stehen, auf deren individuelle, persönliche Gefühle Rücksicht nehmen müsse, wäre eine absurde Forderung. Keine „verfasste“, „institutionelle“ Religion tut das, keine hat es je getan, keine wird es je tun. Übrigens: Nicht etwa, dass ich gerne so argumentiere, das sei ferne; aber man darf nach meiner festen Überzeugung ausschließlich so und nicht anders argumentieren. Denn alle anderen Argumentationsweisen laufen – auch wenn sie das gar nicht wollen – einerseits in eine theologisch narzisstisch-verquere, andererseits in eine politisch bedenklich verfassungsinkonforme Richtung.

Der Streit um das richtige Verhältnis zwischen Staat und Kirche ist weniger „objektiv“ zwischen Staat und Kirche als vielmehr „subjektiv“ zwischen Religiösen und Nichtreligiösen geistesstrukturell unlösbar. Denn religiöse Menschen erkennen selbst dann, wenn sie in praktischer Hinsicht eine unbedingte, strikte Trennung zwischen Staat und Kirche befürworten – wie schon Konrad Adenauer – trotzdem keine alternative Gesellschaftsgrundlage neben der Religion: Gelingende Funktionalität politischer Strukturen beruht auf kulturellem Mindestkonsens, und selbst kultureller Mindestkonsens beruht immer noch ganz wesentlich auf gemeinsamen religiösen Grundanschauungen. Um diesen unbequemen Zusammenhang führt anthropologisch kein Weg herum: Jedem Staat liegt innerhalb eines begrenzten Spielraums an Mittelbarkeit oder Unmittelbarkeit immer eine ganz bestimmte Religion zugrunde. Wird dieser einigende Faktor zu schwach, beginnt bald darauf erst der Zusammenhalt der Gesellschaft, dann die Funktionsfähigkeit ihrer staatlichen Organe zu kriseln. Selbst als Religiöser kann man diese Verkettung bedauern – es nützt nichts, sie ist so.

So gerne ich Frank Patalong recht geben würde: Das Maß der Zustimmung, die er für seinen Artikel erfährt, wird leider nur das Maß des Schwächungsprozesses und des Auseinanderfallens sein, in dem unsere Gesellschaft begriffen ist.

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