Schlagen

Unser Problem-Papst – was er ganz objektiv ist, weil über jedes seiner Worte irgendjemand sich ausgesprochen freut und irgendjemand gar nicht – hat mich heute mal wieder – was er sonst eher selten tut – in die Ecke der nicht Jubelnden gedrängt, indem er sich nachsichtig geäußert hat gegenüber dem pädagogischen Schlagen von Kindern.

Gerade auch solche Fragen differenziert zu betrachten, bei denen fast jeder um mich herum dazu neigt, sich auf eindimensionale Positionen zurückzuziehen, ist meine Spezialität, ja, meine Leidenschaft. Das will ich auch hier wieder tun. Trotzdem gebe ich zu, dass ich diesmal keine besondere Lust habe, Franziskus‘ Äußerungen zu rechtfertigen. Was ist also sine ira et studio dazu zu sagen?

Auf die genaue Wortwahl des Papstes analytisch einzugehen, ist nicht notwendig. Natürlich hat er keine „Gewaltverherrlichung“ betrieben. Die Sache ist von daher klar genug.

Im globalen Vergleich ist die nationale Kultur und Rechtsordnung, in der ich mich bewege, mit ihrer konsequenten Ablehnung jeglichen Schlagens von Kindern noch in einer kleinen Minderheit. Insbesondere in der südamerikanischen Heimat des Papstes genießt die neue deutsche Pädagogik keine Akzeptanz. Die USA sind – wie in allen kulturellen Fragen – tief gespalten. Und sogar etwa die Hälfte der EU-Staaten verbietet das Schlagen nur in der Schule, nicht im Elternhaus (vgl. etwa den Wikipedia-Artikel „Körperstrafe“).

Die Kirche hat die Prügelstrafe nie offiziell problematisiert, da sie sich ohnehin des Primats der Liebe in ihrer Pädagogik immer gewiss war – zu gewiss. Mit dem Aphorismus „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“ war die Sache für die Theologen lange Zeit erledigt.

Kann man es da dem „Welt-Pfarrer“ Franziskus, Jahrgang 1936, kinderloser Kleriker, verdenken, dass er einer weltweiten Mehrheitsmeinung folgt?

Hm, glücklich bin ich damit nicht. Denn ihre jüngsten Mega-Skandale im Umgang mit Kindern und Jugendlichen würden es höchst an der Zeit erscheinen lassen, dass die Kirche einen wirklich radikalen Wandel in ihren pädagogischen Konzepten einleitet, der alle Gesichtspunkte der Erziehung und des Kinderschutzes gleichermaßen umfasst. Franziskus‘ jüngste Worte sind so gesehen eine verschenkte Chance. Er hat mit anderen Aussagen schon mehr gewagt, als er mit der allgemeinen Aufforderung gewagt hätte, Kinder im Rahmen der Erziehung überhaupt nicht mehr zu schlagen. Schade.

Ist denn aber nun das Schlagen von Kindern pädagogisch überhaupt objektiv erforderlich? Die Frage ist, so gestellt, nicht wirklich seriös beantwortbar. Ohne Zweifel ist der körperliche Schlag eine ganz ursprüngliche, archaische Erziehungsmaßnahme. Er ist diejenige erzieherische Strafform mit dem potenziell kürzesten Weg zwischen einem Fehlverhalten und dessen unmissverständlicher Aufzeigung und Verdeutlichung. Und da in jedem einzelnen von uns „die Ontogenese die Phylogenese rekapituliert“ („biogenetische Grundregel“, Ernst Haeckel, 1866), also die Entwicklung des Individuums die des biologischen Stammes „im Zeitraffer“ wiederholt und zusammenfasst, durchläuft prinzipiell jede Menschwerdung auch ein Stadium, in dem sie entscheidend durch das Prinzip „Lohn und Strafe“ gesteuert und motiviert wird.

Genau diese Feststellung wirft aber zwei kritische Fragen auf: nämlich erstens, wie ausgedehnt diese Phase wirklich unvermeidlich ist und was man tun kann, damit ein Heranwachsender sie möglichst rasch hinter sich lässt und zu anderen, höheren Motivationsmodellen vordringt, bzw. ob „Prügelpädagogik“ wirklich geeignet ist, das „Lohn-und-Strafe“-Paradigma nicht über seine natürlich notwendige Dauer hinaus auszudehnen und im werdenden Charakter zu verfestigen; und zweitens, wie breit dabei das Spektrum an individuellen Unterschieden zwischen den kindlichen Persönlichkeiten und den Verläufen ihres Reifungsprozesses zu sein vermag, so dass im einen Fall eine „Watschn“ (einmal bewusst bayerisch-gemütlich ausgedrückt, um die kategorische Nicht-„Boshaftigkeit“ solchen Schlagens postulativ hervorzuheben) pädagogisch „hilfreich“ sein mag, während sie sich in einem anderen Fall schädlich, ja verheerend auf die seelische Konstitution auswirkt? Wer immer „Patentrezepte“ zur Beantwortung dieser Fragen zu haben meint, betrügt sich selbst.

Klar ist, dass „körperliche Züchtigung“ im familiären Rahmen vielfach in Situationen geschieht, die kein Gesetz effektiv unter Kontrolle hat. Ein Gesetz kann Prügel sicherlich aus den Schulen verbannen, und es kann vielleicht auch dem Privatbereich weitgehend wirksam verbieten, derartige Bestrafungen bei bestimmten kindlichen Verhaltensweisen „aus Prinzip“ präventiv anzudrohen. Aber dass es in einer dynamischen häuslichen Situation in „Einzelfällen“ – was nichts über die Häufigkeit dieser „Einzelfälle“ sagt, nur über ihre Nicht-Kategorisierbarkeit – zu Schlägen kommt, ist ein Sachverhalt, der sich dem Gesetzgeber zweifellos immer entziehen wird.

Also ist es doch vielleicht gar nicht unklug, als religiöse Lehrinstanz zu diesem Thema nicht mit dem Recht zu argumentieren, sondern so, wie Papst Franziskus es getan hat, auf persönliche Moral, Würde und Bewusstheit abzielend, mehr als auf Ge- und Verbote?

Mag sein. Andererseits kann das Recht sich unter diesen Umständen sinnvoll nur dafür entscheiden, das Verbot trotz dessen weitgehender praktischer Unwirksamkeit auszusprechen, um ein deutliches gesellschaftliches Zeichen zu setzen. Und es ist nicht gut, wenn eine religiöse Lehrinstanz diese Strategie des Rechtes mit ihren Äußerungen „aufweicht“.

Helle Empörung über den Papst scheint mir in dieser Sache also nicht angebracht. Zufriedenheit freilich auch nicht.

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