Sabbatheiligung, Sonntagspflicht, Sonntagsrecht

Albert Keller SJ schreibt in „Stimmen der Zeit“ 10/2004 zum Thema „Sonntagspflicht“: „Wenn Kardinal Arinze milde bemerkt: ‚Es wäre gut‘, wenn jeder Katholik am Sonntag die Messe mitfeierte, so verschleiert das ein wenig die offizielle kirchliche Position, wie sie im ‚Katechismus der katholischen Kirche‘ dargestellt wird. Dort wird vom ‚Gesetz des Herrn‘ gesprochen, von dem sich das Sonntagsgebot herleite, und zwar mit folgenden Worten: ‚Eines der Kirchengebote bestimmt das Gesetz des Herrn genauer: ‚Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Messfeier verpflichtet‘ (CIC can. 1247).‘ Dann wird hinzugefügt: ‚Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde‘ (2181f.). Vergleicht man diese Forderung mit der kirchlich erhobenen Zahl der Besucher der Sonntagsgottesdienste, die von 46 Prozent im Jahr 1960 jetzt auf rund 15 Prozent gesunken ist, hieße das, dass weit mehr als die Hälfte der Katholiken allsonntäglich eine schwere Sünde begehen. Es spricht einiges dafür, dass hier mit dem Ausdruck ’schwere Sünde‘ leichtfertig umgegangen wird.“

Der Kernfehler in der diesbezüglichen Theologie des „KKK“ liegt meines Erachtens in der naiven Gleichsetzung von „Sabbatheiligung“ und „Sonntagspflicht“. Dass der christliche Sonntag in seinem prinzipiellen Charakter dem jüdischen Sabbat zu entsprechen hat, ist eine Tatsache, die zu bestreiten – wie es im 20. Jahrhundert selbst manche renommierte Theologen getan haben – völlig unsinnig ist. Aber die „Heiligung“ dieses Tages ist nicht identisch mit dem Besuch der Eucharistiefeier. Sie kann es nicht sein. Die Eucharistie besuchen kann (und „soll“!) ich auch an gewöhnlichen Werktagen, an denen ich danach routinemäßig arbeiten gehe. Die durch ganz auf Gott gerichtete Tätigkeit ersetzte gewöhnliche Werktagsarbeit aber ist es, die den Sonntag wesentlich vom Werktag unterscheidet. Hiervon dispensiert nichts. Der sonntägliche Messbesuch hingegen kann und darf aufgrund vielerlei und weit zu fassender praktischer Umstände durchaus entfallen, wie ja auch die formale Kirchendisziplin dokumentiert: Ob ich mich krank fühle und/oder die Messe in einer auf zumutbare Weise zu erreichenden Nähe stattfindet, entscheide schließlich notwendigerweise ich selbst allein. Die Eucharistie ist also genuiner, aber keineswegs zwingender Teil der christlichen Sabbatheiligung, während es vielmehr die letztere ist, die unter keinen Umständen entfallen kann.

Das bedeutet keine Deklassierung der Eucharistie. Wenn Gott real, konkret und leibhaft Mensch geworden, als solcher gekreuzigt worden und daraufhin nicht zuletzt im realen und konkreten sozialen „einen Leib seiner Kirche mit vielen Gliedern“ (siehe Paulus) wahrhaft auferstanden ist, dann ist der Schluss tatsächlich absolut zwingend, dass es kategorisch nicht genügt, ein Christsein, das man sich gerne zuschreiben möchte, in Form einer abstrakten wohlwollenden Gesinnung gegenüber irgendeiner theoretischen Idee des Christentums in petto zu Gewissensprotokoll zu geben, sondern dass es hierzu unbedingt einer gewissen „Realpräsenz“ ausnahmslos jedes einzelnen ernsthaft „Gläubigen“, das heißt „Christseinswilligen“, im topographischen und kanonischen Raum der „heiligen Orte und Zeiten“ der institutionell sicht- und greifbaren Kirche bedarf. Der soziale Leib der Kirche muss einander fleischlich die Hand und materiell das Brot reichen und darüber hinaus auch akustisch miteinander kommunizieren, er muss sich in einer physikalischen diesseitigen Welt ganz sinnlich verwirklichen. Jede dem entgegen lautende Auffassung wäre wesenhaft un- und antichristlich.

Es ist vernünftig, zu fordern, eine entsprechende Eucharistieteilnahme in diesem Sinne müsse mindestens einmal im Jahr stattfinden. Es ist auch sinnvoll zu bestimmen, dass dieses eine Mal sich dann auf Ostern zu terminieren hat. Denn Ostern ist definitiv das höchste und das Schlüsselfest des Christentums. Wer also wenigstens an Ostern die real existierende Kirche aufsucht und an einer ihrer zentralen Liturgien dieser Tage teilnimmt, dem ist nicht nachzusagen, er lebe in der schweren Sünde der Apostasie. Diese Auffassung ist gute, weithin geübte pastorale Praxis. Formaldisziplinarisch gilt also: Die ausschließlich auf „schwere“ Sünden bezogene kirchenordentliche Bußpflicht, die dem Recht zu anderweitigem Sakramentenempfang vorausgesetzt ist, muss nur dann in Form der Beichte erfüllt werden, wenn jede liturgische Beteiligung am Osterfest leichtfertig versäumt und dadurch faktisch „Apostasie“ begangen wurde – logischerweise hat diese Pflicht dann spätestens vor dem nächsten Osterfest erfüllt zu werden.

Dennoch ist es, formale Disziplin hin oder her, immer noch weitaus besser als das völlige Verharren im Zustand faktischer Apostasie, wenn der Betreffende zwar nicht beichtet, am nächsten Osterfest aber trotzdem „widerrechtlich“ zur Eucharistie erscheint. Welche Meinung Jesus hierzu gehabt hätte, ist derart offensichtlich, dass in dieser Frage alle „wildgewordenen“ Kanonisten schärfstens in ihre Schranken zu weisen sind mit dem Hinweis auf die Barmherzigkeit ihres obersten Chefs.

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