Sabbat und Almosen

Die christliche geistliche Praxis kann sehr viele unterschiedliche Formen annehmen. Das ist ihre besondere Stärke.

Wir sollten aber nicht versäumen, uns immer wieder ganz besonders auf die Bedeutsamkeit zweier Grundpfeiler lebendiger christlicher Spiritualität zu besinnen, die schon im Alten Testament immer wieder hervorgehoben werden: die „Heiligung des Sabbats“ und das „Geben von Almosen“.

Die Bedeutung gerade dieser beiden Aspekte gelebten Christseins geht einem erst dann in vollem Umfang auf, wenn man sich bewusst macht, wogegen sie eine Abgrenzung darstellen:

„Sabbatheiligung“ gibt eine noch viel fundamentalere Nuance dort, wo wir kirchlich geprägt allzu schematisch von „Liturgie“, von „Eucharistie“ zu sprechen uns angewöhnt haben. Ein „Tag, der dem HERRN gehört“ ist noch viel mehr als die Teilnahme an einer gottesdienstlichen Feier. Er vermag eine noch viel tiefere Auswirkung auf unser spirituelles Wachstum zu haben als selbst die tiefste kontemplative Versenkung in die eucharistische Wandlung. Diese gehört untrennbar zum christlichen Sonntag, bzw. er kann nur in Ausnahmefällen auf sie verzichten, aber er umfasst doch prinzipiell mehr: Er umfasst potenziell im Lauf eines einzelnen wöchentlich wiederkehrenden Tages ein vollständiges Abbild des gesamten menschlichen Lebens im Kleinen, „wie es eigentlich sein sollte“. Und genau dadurch wird dieses Leben nach und nach tatsächlich im Ganzen so, „wie es eigentlich sein sollte“ – und zwar „mysteriöserweise“ ohne dass wir die so anders gearteten Werktage dazwischen deswegen ablehnen oder verleugnen.

Und der Begriff des „Almosengebens“ grenzt unsere spezifisch christliche tätige Mitmenschlichkeit ab einerseits gegen feste Definitionen, Organisation, Strukturen, Institution und Regelwerke, andererseits gegen den Begriff der „Gerechtigkeit“: „Almosen“ begründen weder einen „Anspruch“ oder ein „Prinzip“ – geschweige denn einen „Automatismus“ -, noch sind sie „gerecht“. Und genau darum sind sie „fromm“: Weil sie ausdrücken, dass wir als Christen die uns geschenkte göttliche Gnade in „anwendungspraktischer“ Hinsicht eben nicht als eine „ständige Stellvertretung Gottes in uns“ auffassen, sie ist keine „göttliche Generalvollmacht“, keine „himmlische Prokura“; dass wir sie nicht „speichern“, „akkumulieren“, „konservieren“ können; dass ihr Wirken nicht wie ein Uhrwerk abläuft, dass sie nicht wie eine Glut ist, die wir in einer Schale mit uns tragen, um sie nach eigenem Ermessen bei Bedarf wieder und wieder hell zu entflammen, nicht wie eine Mutter, die ihrem Säugling noch lange gute Milch geben kann, wenn sie selbst nichts mehr zu essen hat; nicht wie ein Gummiband oder ein Eisenbahnwaggon, der starke Puffer mit riesigen Federn hat. Sondern sie ist jedes Mal wieder von neuem nichts anderes als ein „Blitz aus heiterem Himmel“, den man nicht festhalten, mit dem man nur im Glauben rechnen, um den man nur beten kann wie Elia angesichts der Baal-Propheten. In jeder Einzelsituation müssen wir uns als Christen wieder ganz und gar von neuem, „von null an“ der Gnade anvertrauen, ohne jede „Handhabe“, die uns „Gewähr leistet“, dass sie uns auch wirklich zuteil werden wird. Behördenähnliche Caritas-Büros zur Verwaltung regulierter Fürsorge-Leistungen haben gewiss ihre Vorzüge und sind nicht abzulehnen – aber hierfür, für diesen eigentlichen Kern des Christseins, liefern sie keine geeignete Metapher.

Daher bleiben wir auch bei den altertümlichen Ausdrücken „Sonntagspflicht“ und „Almosen“ – gerade WEIL sie irritierend, unbequem, provokativ, konfrontativ, streitbar sind. Das macht sie so wertvoll.

Kommentare sind geschlossen.