Reliquienverlierung

Katholiken sind bekannt für das Verehren von Reliquien. Weniger im Fokus steht gemeinhin, wie passioniert sie im Verlieren von sterblichen Überresten sind. Der Katholizismus ist im interkulturellen Vergleich Spitzenreiter im postmortalen materiellen Verschusseln und Verschlampen seiner Prominenten. Ein seltsamer innerer Widerspruch, wie es auf den ersten Blick scheint. Oder passt das Eine etwa doch mit dem Anderen zusammen?

Vorweg: Um diese Thematik überhaupt sinnvoll behandeln zu können, erweist sich eine überraschende Fülle an präliminarischen Bestimmungen als erforderlich – und diese Tatsache zeigt an und für sich schon, dass diese ganze Angelegenheit kein geringeres Problem ist als ein erkenntnistheoretisches. Zuvörderst: Wer hat überhaupt als ein spezifisch katholischer Prominenter der Historie zu gelten? Ich definiere: Jemand, dessen Lebensleistung, für die er prominent wurde, in einem notwendigen inneren Zusammenhang mit seinem Katholizismus steht. Dies trifft meines Erachtens auf vier unterscheidbare soziale Kategorien zu: Heilige, Päpste, Theologen, religiöse Künstler. Zu weiteren erkenntnistheoretischen Problemen der Heiligenerinnerung komme ich sukzessive.

Insoweit wir von Heiligen sprechen, bieten sich gleich zwei Zusammenhänge zwischen Verehren und Verlieren ihres Leichnams bei genauerer Betrachtung logisch an. Ein notwendiger Schritt im Rahmen des Prozesses der Heiligsprechung ist die „Erhebung zur Ehre der Altäre“. Die realistische mittelalterliche Theologie erklärte diese Erfordernis als ständige und offensichtliche Bestätigung der für die Heiligsprechung erforderlichen Wunder. Denn in alter Zeit konnte es angesichts des Fehlens moderner Bestattungsordnungen auf einem Kirchhof leicht zweifelhaft werden, aus welchem Grab ein Wunder kam, das vor diesem Grab erbeten wurde. Die Isolation des Tatverdächtigen schloss solche Zweifel aus und belegte glänzend dessen wundertätige Urheber- oder besser Mittlerschaft. Wer vor dem Altar mit den Reliquien eines Heiligen betend auf wundersame Weise beispielsweise von einem Gebrechen genas, konnte eindeutig dem betreffenden Heiligen seine Heilung zuschreiben – kein potenzieller Konkurrent kam dafür als verehrungswürdig in Betracht. Irrtümer wurden so ausgeschlossen.

Das Procedere hatte allerdings folgenden Nachteil: Altäre stehen in Kirchen, und Kirchen tendieren dazu, von Zeit zu Zeit gründlich abzubrennen. Im Mittelalter häufiger als heute; aber zuletzt hat es noch die Pfarrkirche meiner Jugend erwischt (Herz Jesu, München, 1994). Dadurch können heilige Gräber über die Jahrhunderte verschwinden, die auf einem ganz normalen Friedhof unter freiem Himmel vergleichsweise sicherer gewesen wären vor Zerstörung.

Ganz zu schweigen von gezieltem antireligiösem Vandalismus, in dem insbesondere die Französische Revolution das Ihre zum Reliquienverlust beigetragen hat. Ein solcher Fall betraf, um mit den Namensnennungen bewusst bei einem nicht heilig Gesprochenen zu beginnen, Blaise Pascal.

Manchmal mag der Fall aufgetreten sein, dass die „Erhebung zur Ehre der Altäre“ zu einem Zeitpunkt erfolgte, zu dem die Verwesung – etwa infolge bestimmter finaler Diagnosen – schon sehr stark fortgeschritten war, man aber dennoch dem Volk einen identifizierbaren und „ansehnlichen“ zeremoniellen Vorgang bieten wollte. Wer weiß, zu welcher pia fraus dann bisweilen gegriffen wurde bzw. welche Verwechslungen bereits bei der Exhumierung unterlaufen sein mögen. Dieses Syndrom betraf nicht nur das Mittelalter, sondern in vollem Umfang noch die Barockzeit. In einem Zusammenhang etwa dieser Art kam uns möglicherweise unter anderem die sterbliche Hülle Ignatius‘ von Loyola abhanden, der nach Meinung einiger Historiker wahrscheinlich nicht in seinem offiziellen Grab in Il Gesù ruht.

Dies alles bildet den ersten der beiden aus meiner Sicht erklärbaren, also nur oberflächlich-scheinbar paradoxen Zusammenhänge zwischen Verehrung und Verschwinden. Der zweite liegt in der kirchenrechtlich verankerten Funktion von Heiligen-Reliquien für die Weihe einer Kirche. In jeden ortsfesten Altar müssen Reliquien eingelassen werden. Diese Praxis verstärkte noch die seit jeher landläufige Tendenz, den Körper verstorbener Heiliger nicht „in einem Stück“ zu verehren, sondern sie aufgeteilt in überwiegend kleine und kleinste Partikel „in alle Winde zu zerstreuen“. Das erschwert zwar einerseits theoretisch den Totalverlust, andererseits aber auch ganz praktisch die sichere Identifikation.

So gibt es in Troyes nur noch den Kopf des Heiligen Bernhard von Clairvaux. Und im Streit zwischen den Klöstern Montecassino und Fleury über den Besitz der authentischen Gebeine ihres großen Über-Vaters Benedikt von Nursia, der seit mittlerweile mehr als einem halben Jahrhundert mit modernen und postmodernen Mitteln propagandistisch tobt, beeindruckte die Untersuchungskommission in Fleury jedenfalls die Homogenität der Skelettteile, die im Laufe der Zeit von Fleury aus weiterverschenkt worden waren – kein Fragment war eine Dopplung, die das eigentliche Wunder in den Bereich der Anatomie verlagert hätte. Alle Proben konnten offensichtlich in der Tat von demselben Menschen stammen. Weiterhin genießt Benedikts Grab seine offizielle kirchliche Verehrung jedoch zusammen mit dem seiner Schwester Scholastika in Montecassino.

Abgesehen von dieser bis hierhin erörterten spezifischen Problematik der Heiligen müssen wir uns weiterhin folgende Kriterien für die Verfolgung und Überprüfung unserer These setzen, die auch für unsere übrigen drei Kategoriengruppen – Päpste, Theologen, Künstler – zu gelten haben:

1. Ein genereller Faktor der historischen Zeitdistanz besagt, dass überhaupt nur in Ausnahmefällen Personen in Betracht kommen können, die vor dem uns reliquarisch erhalten gebliebenen Augustinus gelebt haben. Er muss die allgemeine chronographische Messlatte für unsere Verwunderung über bedeutsame Reliquienverluste bilden. Genauer gesagt: Die Epoche der vollzogenen Konstantinischen Wende und offiziösen Etablierung der Amtskirche bis schließlich hin zur Staatsreligion (380). Ausnahmen von dieser Regel könnten neben Jesus – dessen Grab ein überzeugter Christ aber nicht archäologisch suchen wird – wohl höchstens die beiden Top-Apostel Petrus und Paulus bilden. Allerdings schadet es nicht, sich an dieser Stelle beiläufig daran zu erinnern, dass auch sie uns in historisch-kritischer Seriosität körperlich „fehlen“.

2. Ein spezieller Faktor der historischen Zeit besagt, dass auch nach Augustinus hier und dort immer wieder epochale Umstände aufgetreten sind, in deren Kontext die Erwartung einer schlüssigen Reliquien-Überlieferung überzogen wäre. Möglicherweise wird man auch den Völkerwanderungs-Zeitgenossen Benedikt von Nursia als ein Beispiel für eine Einschränkung dieser Art werten müssen.

3. Im engeren Sinne unserer These genügt uns nicht bloß ein Fehlen der Präzision beim Aufweis der Kontinuität des Verbleibs, sondern wir sprechen von fundamentalerem Unwissen. Von vielen heiligen und anderweitig prominenten Katholiken wissen wir trotz aller Zeitläufte immerhin ungefähr, wo sie bestattet liegen müssen. In gewisser Hinsicht „genügt“ das. Nicht immer ist historisches Chaos an einer entsprechenden „Unschärfe“ unserer noch verfügbaren Angaben schuld. Die große Mystikerin Mechthild von Magdeburg beispielsweise wurde in einem Zisterzienserkloster bestattet. Es kann allein schon den im Tode bewusst anonymisierenden zisterziensischen Gebräuchen geschuldet sein, dass kein Hinweis auf ihre exakte Grablege überliefert wurde.

4. Wir wollen auch Fälle ausschließen, in denen Missionare auf großer Reise verschollen sind. Auch in einem solchen Zusammenhang ist ihr Schicksal in gewissem Sinne doch zu „klar“, als dass die Absenz ihrer Reliquien als verwunderlich bezeichnet werden dürfte.

Was die Künstler angeht, so ist hinzuzufügen, dass diese in der Geschichte selbst unter den Vorzeichen von Ruhm und Reichtum sozial oft nicht hoch angesehen waren. Ihr Status wurde kollektiv dort eingeordnet, wo wir heute Popularität und Einkommen von „Artisten“, Unterhaltungskünstlern, Sportlern und ähnlicher „Medien-Eigenprominenz“ ihre etwas abschätzige gesellschaftliche Wertung zuweisen, denn ihre Inspiration wurde – gerade im Fall der religiösen Künstler – nicht als „Eigentum“ ihrer Persönlichkeit wahrgenommen, wie dies in unserem jetzigen historisch inkommensurabel individualistischen Zeitalter der Fall ist. Sie galten mit ihren Begabungen bestenfalls als mechanische „Werkzeuge Gottes“. Deshalb sind so viele mittelalterliche Meister der bildenden Künste heute nur noch unter den Adressen ihrer Opera Magna bekannt: „Meister des Soundsoheimer Altars“ etc. Deshalb ist das Grab von Hieronymus Bosch ebenso ungewiss wie das von Leonardo da Vinci. Wobei letzterer freilich trotz seiner Gemälde mit religiösen Motiven nur schwerlich als katholisch gelten kann, wenn man Religionszugehörigkeit nicht auf gesellschaftliche Formalitäten beschränkt.

Was bleibt? Welche „Extrembeispiele“ für absolut unerklärliche katholische Reliquien-Versaubeutelung haben wir zu guter Letzt spektakulär aufzulisten? Zugegeben: Es sind keine amtlichen Heiligen darunter. Aber das muss sie weder unsympathischer noch unbedeutender machen.

Um mit den Künstlern zu beginnen: natürlich Mozart. Der Fall ist genugsam bekannt. Die Akzeptanz eines weiteren Beispiels „erster Ordnung“ hängt davon ab, ob man einen englischen „Krypto-Katholiken“ der elisabethanischen Verfolgungszeit als solchen anerkennt. Ich halte es nach wie vor für mehr als nur zweifelhaft, dass Christopher Marlowe seines „offiziellen“ Todes gestorben ist. Sein angebliches Grab auf einem Kirchhof in Deptford wurde verdächtigerweise schon von Anfang an nicht näher gekennzeichnet. Wenn er seine offensichtlich fadenscheinige „Ermordung“ in Wirklichkeit überlebt hat, wird er dadurch aber auch fast „automatisch“ zu einem sehr ernsthaften Kandidaten für die tatsächliche Verfasserschaft der sogenannten Werke Shakespeares.

Zum Schluss: Das vierzehnte Jahrhundert war mit Sicherheit eine überaus schreckliche Zeit, das eigentliche „finstere“ Mittelalter. Doch zwei hochkarätige Gräberverluste dieser Epoche erklärt dieses Zugeständnis trotz allem nicht. Eckhart von Hochheim und William von Ockham gehören nicht erst heute zu den bedeutendsten Denkern der Geistesgeschichte, sie waren auch schon zum Zeitpunkt ihres Todes prominent. Gewiss, Meister Eckhart bewahrte wohl nur der natürliche Tod vor einer päpstlichen Verurteilung als Häretiker. Aber das kann die Frage nach seinem Begräbnis schon damals nicht uninteressanter gemacht haben; immerhin war er ein Theologieprofessor und Provinzial des Dominikanerordens gewesen. Der Franziskaner Ockham hingegen verschwand posthum in München – und zwar erst lange nach seinem Tod im bayerischen Exil. Auch in den Wirren der Säkularisierung, die das ursächlich verschuldete, gab es doch genügend Hochgebildete in der bayerischen Landeshauptstadt des bald danach die Regierung antretenden Königs Ludwig I., die um die Bedeutung des großen Engländers, des letzten originären Scholastikers, wussten.

Irgendwo in Münchner Erde ruht er also. Ein bisschen genauer wüsste man es aber doch gerne.

„Reliquie“ bedeutet „Zurückgelassenes“. Lassen wir mit dieser Besinnung dieses merkwürdige Thema hinter uns.

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