Recht fertig

Im Mai dieses Jahres erschien ein „Grundlagentext“ des Rates der EKD mit dem Titel „Rechtfertigung und Freiheit – 500 Jahre Reformation 2017“.

Jetzt hat Kurienkardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, sich in der „Tagespost“ kritisch darüber geäußert. Seine Kritik lässt sich vor allem an drei Punkten festmachen: Die grausamen Religionskriege der Geschichte der Kirchenspaltung ab 1517 würden ausgeblendet; die Reformation werde „etwas euphorisch“ als Ermöglichung der Neuzeit dargestellt; und der Tenor des Pluralismus-Lobes vernachlässige das notwendige Ziel, zur Einheit der Kirche zurückzukehren.

Hat Kardinal Koch recht?

1. Es ist wahr: Die Publikation spricht das Leid der Menschen in den Religionskriegen nicht angemessen an. Dasselbe hätte sie allerdings gerne auch mit dem Leiden der Menschen unter der spirituellen Perspektivenlosigkeit der vorreformatorischen Kirche tun dürfen. Warum gewann denn Luther so viel Zulauf unter dem einfachen Volk seiner Zeit? Das kam ja nicht von ungefähr. Wo ist der reformatorische Konfrontations-Mut, das beim Namen zu nennen? Sein Fehlen lässt jene Kurzsichtigkeit erahnen, in der manche Protestanten ihren Glauben im Jahr 1517 beginnen sehen. Sie gleicht jener Haltung, in der die DDR die Rechtsnachfolge des Dritten Reiches bereitwillig der BRD überließ, als hätte sie damit nichts zu tun. Es ist eine „schiefe“ Haltung zur Geschichte. Die evangelische Kirche beginnt genauso im Jahr 30 wie die katholische und die orthodoxe.

Insbesondere das beispiellos schreckliche und ekelerregende Langzeit-Massaker des Dreißigjährigen Krieges freilich hätte in der Tat einer emotionalen Würdigung bedurft, wenn der Text offizielle Stimme des Protestantismus zum Reformationsgedenken zu sein beansprucht. Diese traurige Lücke ist aber der ganzen Formanlage des Textes geschuldet. Er klingt porentief intellektuell-kalt und „verkopft“. Das ist extrem enttäuschend. Wenn etwas zwei christliche Kirchen wirklich unüberwindlich trennen kann, dann die Unfähigkeit, Gefühle auszutauschen. Man muss nur die Mitgliederliste der für den Text verantwortlichen Ad-hoc-Kommission lesen, um zu begreifen, dass in diesem Gremium nur eine sehr eingeschränkte Form von kreativem Austausch möglich war. Das ist sicher mehr ein strukturelles als ein persönliches Problem der Teilnehmer. Von Kommissionen erarbeitete amtliche Verlautbarungen werden wahrscheinlich niemals in der Lage sein, einen teilweise schmerzlichen Gedenktag authentisch zu „feiern“.

2. Im Vorwort fasst der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider seine Würdigung der Reformation und deren bleibender Bedeutung wie folgt zusammen: „Sie wirkte als Bildungsimpuls, trug zur Ausbildung der modernen Grundrechte von Religions- und Gewissensfreiheit bei, veränderte das Verhältnis von Kirche und Staat, hatte Anteil an der Entstehung des neuzeitlichen Freiheitsbegriffs und des modernen Demokratieverständnisses.“ (S. 9) Das ist völlig richtig. Es ist umso richtiger, als nirgendwo im „Grundlagentext“ behauptet wird, die evangelische Kirche habe dies alles alleine vollbracht. Eine Ausführung der entscheidenden Perspektive, dass getrennte Kirchen, solange sie christlich sind, immer wesentlich aneinander wachsen und dieses Verhältnis nie aufhört, hätte allerdings noch erheblich deutlicher artikuliert werden dürfen. Die evangelische Kirche ist von Anfang an wesentlich an der katholischen gewachsen und die katholische wesentlich an der evangelischen – beginnend mit dem epochalen Konzil von Trient (1545-1563). Gemeinsam haben beide Kirchen durch ihre dynamische Interaktion – die glücklicherweise nicht nur eine kriegerische war – in der Tat die europäische Neuzeit konstituiert. Und dieser interkonfessionell-zirkuläre Prozess setzt sich bis heute fort. Er ist immer noch das Kernstück der wahren Gegenwartsdynamik des Christentums. Das will mit Liebe gesagt werden, nicht mit Fußnoten. Man kann heute nur Katholik sein, wenn es Protestanten gibt, und nur Protestant sein, wenn es Katholiken gibt.

3. Im „Grundlagentext“ heißt es: „Die Idee der von Luther erhofften und von Rom proklamierten Universalkirche erwies sich als nicht haltbar. Die konfessionelle Vielfalt unserer Zeit ist Folge des reformatorischen Zeitalters.“ (S. 21) Das ist simple Feststellung eines Faktums. Im Text heißt es weiter: „Die Überwindung von Spaltungen bleibt (…) reformatorische Aufgabe. Sie besteht inzwischen vor allem im Blick auf die römisch-katholische Kirche, mit der die Rechtfertigungslehre zwar gemeinsam formuliert werden kann, aber kirchentrennende Differenzen über das Verständnis des Amtes und der Sakramente bleiben.“ (S. 39) Auch das ist reine Tatsachenbeobachtung. Kardinal Kochs Eindruck, der postmoderne konfessionelle Pluralismus werde damit auf Kosten des Postulats einer wiederzuerlangenden Einheit „hochgejubelt“, kann ich nicht nachvollziehen. Freilich verbreitet der „Grundlagentext“ mit solchen Sätzen auch keine optimistische ökumenische Stimmung. Aber er verbreitet leider ganz generell überhaupt keine Stimmung irgendeiner Art, sondern bloß abstrakte Gedanken.

Der eigentlichste Fehler des ganzen Bändchens liegt für mich persönlich allerdings in dem Satz – wie auch schon in seinem Titel -: „Die Rechtfertigungslehre soll in diesem Text als Herzstück evangelischer Theologie und Frömmigkeit entfaltet werden und damit als Antwort auf Fragen heutiger Menschen dienen.“ (S. 14) Das halte ich, mit Verlaub gesagt, für theologisch absolut von vorgestern und spirituell mausetot.

An dieser Stelle will ich mich scharf einbremsen, weil ich wohl Protestant sein müsste, um mir ein legitimes Urteil darüber erlauben zu können. Aber als „Cradle Catholic„, der gleichwohl Sohn zweier ex-lutherischer Konvertiten ist, behaupte ich mich in den Protestantismus nicht allzu unzulänglich und überdies wohlwollend hineinversetzen zu können. Insbesondere meine Mutter hat nie ein schlechtes Wort über die lutherische Kirche kommen lassen. Ich verehre Martin Luther ganz persönlich. Also wage ich zu sagen, dass ich mir lebhaft vorstellen kann, wenn ich heute Protestant wäre, ein Protestant zu sein, für den keineswegs noch länger die sogenannte Rechtfertigungslehre im Mittelpunkt seiner Glaubensauffassung steht. Aber da ich mich mit einem so spekulativen Satz sehr angreifbar mache, will ich das nicht weiter vertiefen.

Wie fast jeder Katholik – so möchte ich behaupten – kann ich jedenfalls die angestrengten Bemühungen von Protestanten um die Formulierung ihrer Rechtfertigungslehre ziemlich leichten Herzens unterschreiben, weil sie mich kaum berührt. Debatten um „Rechtfertigung“ machen mir den Dienst an der Ökumene leicht. Dass ich der Meinung bin, Paulus habe mit jenen Stellen, auf die Luther sich in dieser Sache bezog, eigentlich etwas ziemlich anderes gemeint, möge man in meinen entsprechenden Artikeln nachlesen.

Viel zu selten wird freilich thematisiert, dass das Ökumene-Hindernis, in einer Sache nicht einer Meinung zu sein, möglicherweise noch überwogen wird von der Situation eines Desinteresses der einen Seite an einem besonderen Interesse der anderen. Denn solche Diskrepanz begründet echte, tiefe Kulturunterschiede. Man kann sich sehr familiär über etwas streiten. Wenn man keine Sprache mehr findet, muss das kein Zeichen der Eintracht sein. Aber wenn Einer das Gefühl hat, der Andere rede ihm nur aus bequemer Gleichgültigkeit „um des lieben Friedens willen“ nach dem Mund, löst das mitunter die allertiefste Verstörung aus. Nette Sätze über „Rechtfertigung“ kosten Katholiken nichts. Reden wir also lieber knallhart über Amt und Sakrament – und lernen wir uns dabei aufrichtig zu respektieren.

Vielleicht findet sich in diesem Sinne im hier kritisierten EKD-Traktat ja doch ein Satz, dem man bei all seiner staubigen Trockenheit zustimmen kann:

„Reformatorische Kirche und Theologie haben gelernt, die Herausforderungen der Konfessionsspaltungen zu überwinden und ökumenisch zu denken: Die reformatorische Bewegung zerbrach in unterschiedliche Konfessionskirchen. Zugleich brach die institutionelle Einheit der bereits pluralen abendländischen Christenheit endgültig auseinander, ohne dass eine der Seiten dafür allein verantwortlich gemacht werden kann. Die Geschichte der Konfessionskriege, die das Gesicht Europas in der frühen Neuzeit prägten, hat gezeigt, dass eine Versöhnung unterschiedlicher religiöser Standpunkte nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist.“ (S. 38)

Das, Herr Kardinal Koch, ist immerhin konstruktiver – weil realistischer – als das, was man gemeinhin vom Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen so hört.

 

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