Psyche und Pneuma – zur wahren Bedeutung von 1Kor 15,44

Der Einheitsübersetzung zufolge lehrt Paulus in 1Kor 15,44: „Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib.“

Luther, Schlachter, Menge und King James sind sich einig: „Gesät wird ein natürlicher Leib, auferweckt ein geistlicher Leib.“

Die „Gute Nachricht Bibel“ interpretiert: „Was in die Erde gelegt wird, war von natürlichem Leben beseelt; aber was zu neuem Leben erwacht, wird ganz vom Geist Gottes beseelt sein.“ Diese Interpretation ist zumindest deshalb angreifbar, weil sie durch das eigenmächtige Imperfekt „war“ ausschließt, dass mit der „Saat“ auch einfach die Zeugung gemeint sein könnte, und eindimensional auf die Bestattung fokussiert, wo möglicherweise von Paulus selbst offene Mehrdeutigkeit intendiert war.

Freilich: der „irdene“ Klang der Einheitsübersetzung ist ebenso unbefriedigend und zweifelhaft wie die starke Opposition der „Natur“-Burschen, der sie sich gegenüber sieht.

„Irdisch versus überirdisch“ ist eine konzeptionelle Zuladung, die sich von der Begriffswelt des Urtextes gewagt weit entfernt; fast bin ich versucht zu sagen: semantisch indiskutabel.

„Natürlich versus geistlich“ hingegen ist ein schiefer Verschnitt aus zwei anderen Konzepten, nämlich einerseits „natürlich versus künstlich“ und andererseits entweder „weltlich versus geistlich“ oder aber „materiell versus immateriell“. Konzepte über Konzepte – und alle sachfremd.

Wie also lautet 1Kor 15,44 im Originaltext?

„σπείρεται σῶμα ψυχικόν, ἐγείρεται σῶμα πνευματικόν – speíretai sôma psychikón, egeíretai sôma pneumatikón.“

Die Vulgata latinisiert dies mit: „seminatur corpus animale, surgit corpus spirit(u)ale.“ Mit der Gegenüberstellung von anima/animus und spiritus ist das Lateinische noch vergleichsweise „nah dran“. Worum geht es?

Der wahre Unterschied zwischen „Psyche“ und „Pneuma“ ist viel subtiler, als ihn die angeführten Übersetzungen erfassen.

Zunächst einmal: Der Begriff „Soma“ hat überhaupt keine spezifisch „materielle“ Konnotation. Ginge es um eine Herausstellung des Aspektes der Materialität des Körperlichen, würde jeder gräkophone Altertumsbewohner – und der Apostel Paulus im besonderen – hierzu viel eher das Wort sarx (Genitiv sarkos), „Fleisch“, benutzen. Man kann „Soma“ im Unterschied dazu eher noch geradezu mit dem Abstraktum „Wesen“ übersetzen, als dass es legitim wäre, seine Bedeutung auf „Anatomie“ zu reduzieren. „Soma“ heißt „Person, Individuum“, „das Selbst“, „das Ganze“.

Auf dieser „Matrix“ also nun zur Unterscheidung von „Psyche“ und „Pneuma“. Dabei ist zunächst einmal auffällig, dass die primäre Bedeutung beider Wörter eine gleiche ist: „Hauch“, eine leichte Luftbewegung. Die jeweiligen weiteren Bedeutungen beider Wörter geben diesem „selben“ Hauch allerdings eine konträre Tendenz: „Psyche“ bedeutet zusätzlich Denkvermögen, Gemütsstimmung, Lust und Leidenschaft, sowie das ihm Kostbarste, woran ein Mensch irdisch-egoisch hängt. „Psyche“ bezeichnet auch jenen nach-körperlichen Zustand des antiken Menschenbildes, der in der „Unterwelt“ der „Schatten“ verortet wird.

„Pneuma“ hingegen bedeutet auch Luftstrom, Fahrtwind, Duft sowie „besessene“ oder „verzückte“ Ekstase.

So betrachtet unterscheiden sich „Psyche“ und „Pneuma“ vor allem in „einem internalen versus einem externalen Aspekt“. Oder besser gesagt: „ad intra versus ad extra„.

Wenn „Psyche“ wie „Pneuma“ gleichermaßen den „Atem“ bezeichnen, so bezeichnet „Psyche“ mehr den Einatem, „Pneuma“ eher den Ausatem. Oder, genauer gesagt: „Psyche“ ist mehr derjenige Atem, den unser Zwerchfell aktiv einzieht, „Pneuma“ hingegen mehr der Atem, mit dem wir außer unserer eigenen vitalen Versorgung noch etwas bewirken oder „stiften“ können außerhalb von uns selbst, indem wir ihn – bzw. „uns“, unseren Lebensgeist – passiv „verströmen“ lassen an unsere Um- und Mitwelt – wozu uns das Bewusstsein entscheidend befähigt, dass wir uns diesen Lebensgeist nicht verdient, nicht erkämpft haben – und nicht verdienen und nicht erkämpfen müssen und auch nicht können -, sondern dass er uns geschenkt wurde.

Als anschauliches Beispiel hierzu könnte ich die Geschichte erzählen, wie erstaunt viele Erste-Hilfe-Schüler sind, wenn sie zum ersten Mal darüber stutzen, dass man mit „verbrauchter“ Luft, die man ausatmet, noch jemanden „beatmen“ kann, und dann erfahren, dass sie selbst nur kaum ein Fünftel des Sauerstoffs jedes Atemzugs verbrauchen, den sie einatmen, und vier Fünftel davon wieder unverbraucht abgeben.

Wenn „Psyche“ die denkende, „grübelnde“ Seele bezeichnet, so bezeichnet „Pneuma“ die „ahnende“, die intuitive Seele.

Wenn „Psyche“ die launische Seele bezeichnet, so bezeichnet „Pneuma“ die heitere, weil „selbst-lose“, vom Anhaften ans Ego und dessen Bedürfnisse und Sorgen und affektive Schwankungen befreite und entlastete, liebevoll-gleichmütige Seele.

Wenn „Psyche“ einen zu hortenden „Seelenschatz“ bezeichnet, so bezeichnet „Pneuma“ einen unschätzbaren, fluktuierenden Reichtum der Seele.

Wenn „Psyche“ eine „unterweltliche“ Seele bezeichnet, so bezeichnet „Pneuma“ eine „überweltliche“, aber eben nicht bloß „überirdische„, sondern trotz ihrer „Leibhaftigkeit“, ihrer einstweilen noch fortbestehenden „Erdenhaftigkeit“ schon „diesseitig, innerweltlich erlöste“ Seele.

Es ist im tiefsten Grunde vor allem – und vielleicht sogar einzig und allein – dieser Aspekt des „ad intra versus ad extra“ der Vitalität, den Paulus in 1Kor 15,44 subtil thematisiert.

Und so müsste eine literarisch halbwegs elegante Übersetzung dieser Stelle, wenn sie denn sachlich korrekt überhaupt möglich ist, in etwa lauten:

„Gesät wird ein Wesen, das in sich hinein wirkt, auferweckt wird ein Wesen, das aus sich heraus wirkt.“ Wobei Letzteres freilich nur möglich ist, indem es sich in Wahrheit gar nicht mehr um dieses Wesen „selbst“ handelt, sondern vielmehr um Gott, der durch dieses Wesen hindurch wirkt. Also: „Gesät wird ein Wesen, das in sich hinein wirkt, auferweckt wird ein Wesen, aus dem heraus Gott wirkt.“

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