Pressespiegel zu zwei Jahren Papst Franziskus

Gestern jährte sich Franziskus‘ Wahl zum zweiten Mal. Echo und Bilanzen in der Presse fielen konträr bis zur Paradoxie aus.

Die konservativen bis traditionalistischen bis reaktionären katholischen Stimmen sind inzwischen fast alle empörend unverschämt in ihren halbverdeckten negativen Insinuationen. Wer sich als Traditionalist seiner eigenen Logik gemäß notwendigerweise auch unbedingten Papstgehorsam auf die Fahnen zu schreiben hat, der sollte sich für derart mesquines, verdruckstes, unaufrichtiges, hinterhältiges Giftverstreuen gegen seinen obersten Eidesadressaten schämen. Sobald ein Papst an den theologischen Betonköpfen, die ihre Allianz mit ihm gepachtet zu haben glaubten, auch nur die leiseste Kritik äußert, ist sofort alle ihre vermeintliche Nibelungentreue dahin – als hätten sie, die populistischen Hüter des ewigen Wahren, ihrem personalen Gral vorzuschreiben, was unfehlbar ist. Solches Verhalten ist einfach ekelhaft.

Ich selbst habe durchaus auch Kritik an Papst Franziskus. Aber diese Art und Weise des erzkonservativen Lagers, sich gegen jegliche Reformen mit allen hemmungslosen Mitteln zur Wehr zu setzen, ist durch und durch inakzeptabel und würdelos.

Genau und gerade diese Personen haben nicht das moralische Recht, Franziskus Populismus vorzuwerfen – wie sie es tun -, nur weil das Pew Research Center soeben erst wieder internationale Bestnoten ermittelt hat für das öffentliche Ansehen dieses Papstes bei der breiten gläubigen wie nichtgläubigen Bevölkerung – und zwar trotz seiner jüngst drastisch gehäuften „Gates“ („Prügel-Gate“, „Karnickel-Gate“, „Mexi-Gate“…).

Meine deutlichste Kritik an Franziskus betrifft das hohe Risiko, das er derzeit läuft, die Kirche zu spalten.

Seine Freunde ebenso wie seine Gegner machen in der aktuellen Presse immer noch und immer wieder denselben impliziten Fehler, eine einzige zukunftsweisende Theologie für die ganze Kirche zu erwarten. Diese kann es nicht geben, es hat sie nie gegeben und es wird sie nie geben. Nicht nur ich kann meine persönliche Theologie nicht zum Maßstab der ganzen Kirche machen – auch der Papst vermag derlei nicht sinnvoll zu tun. Und das ist gut so, das „gehört so“. Aber im Gegensatz zu unseren Ultrakonservativen hat der jetzige Papst genau dies zutiefst begriffen und lässt sich auch von all seiner Macht an dieser Erkenntnis nicht irre machen. Darin liegt der Gipfel seiner Größe, für die er geliebt wird.

Das wahre Problem seines Pontifikats liegt meines Erachtens darin, dass er in seinem persönlichen geistigen, seelischen, sozialen und spirituellen Format die Zugänglichkeit dieser Erkenntnis für weite Teile von Kirche und Kurie überschätzt, die von vielen als schwierig empfunden wird. Und die Betreffenden sind, muss man ehrlicherweise sagen, nicht alles nur theologische „Kleinkarierte“. Ihr Kopf mag groß sein, aber ihre Seele ist eng. Warum?

Die größte Last, die die katholische Kirche derzeit mit sich herumschleppt, ist eine etwa 150 Jahre alte Neutradition gewisser (ja, wagen wir es, dieses scharfe Wort zu gebrauchen) totalitärer Denkmuster, die zuvor so nie in der katholischen Kirche heimisch waren. Alle Katholiken müssen solchen Anschauungsmustern zufolge alles gleich machen und gleich denken. Wäre dies nicht der Fall, so die mittlerweile weithin glaubens-endemische Befürchtung, geriete die Einheit der Kirche angesichts der bösen Moderne und Postmoderne durch Pluralität sofort in höchste Gefahr.

Wir müssen diesem schweren faktisch-fundamentaltheologischen Missbefinden der christlichen Neuzeit zwar mit barmherzigem Verständnis für seine tragische kultur- und gesellschaftsgeschichtliche Bedingtheit begegnen. Dennoch ist es ausgeschlossen, es einfach tatenlos gewähren zu lassen. Und zwar um der innersten Wahrheit Jesu Christi willen ist dies unmöglich.

Es muss ein hoher Wert für uns alle sein, dass die Kirche nicht institutionell gespalten wird. Aber es führt auch überhaupt kein Weg daran vorbei, dass alle einzelnen Diözesen künftig weitreichende ortskulturelle Freiheiten haben müssen in ihren Entscheidungen über die richtige Vorgehensweise zur lokalen und regionalen Regelung bestimmter praktisch-theologischer Herausforderungen.

Gegen diese Forderung haben die fundamentalistischen Blockierer vor dem Urteil der Geschichte keine ernsthafte Chance. Auch und gerade vor dem Urteil der Heilsgeschichte nicht. Vielleicht können wir sie für mehr Offenheit gewinnen, indem wir gezielter ihren Schmerz begleiten, der oft weit mehr und tiefer ist als bloß jenes eher oberflächliche Gefühl, das wir heute unter dem Begriff „Nostalgie“ zu verstehen gewohnt sind.

Diese Menschen haben panische Angst um die einzige ihr Leben tragende Wahrheit, die sie gar nicht von genug anderen wortwörtlich bestätigt bekommen können. Wer das intellektuell verstehen kann, dem ist auch das Bemühen um geistliche Einfühlung in diese bedrängte Befindlichkeit geboten. Das Signal aber, das diesen theologisch Verängstigten zu senden ist, lautet: Die Wahrheit liegt nicht in Dogmen, – schon gar nicht in kirchenrechtlichen Ordnungsbestimmungen -, sie kann nicht dort liegen; sie ist einzig in der Personalität Jesu, des Christus, und unserer tiefsten inneren, persönlichen Beziehung zu ihr zu finden, zu der alle Dogmen und Canones immer nur eine sehr ungefähre Leitlinie darstellen.

Man kann schlechterdings nicht behaupten, man lebe zutiefst aus dieser Christusbeziehung, und im selben Atemzug beanspruchen, dazu unbedingt die gegebene Kirche in monolithisch starrer Unveränderlichkeit ihrer kleinsten Formen zu brauchen. Dass dies ein unglaubwürdiger Widerspruch ist, muss schonungslos vermittelt werden, um niemanden womöglich in einem frömmelnden Selbstbetrug gewähren zu lassen, wo man ihm helfen könnte, spirituell über diese Stagnation hinaus zu gelangen. Hier „liegt die Barmherzigkeit gerade in der Strenge“ – und es sind (was manche verwundern mag) gerade die sogenannten kirchlichen „Progressiven“, in deren Mund dieser scharfe Satz gegenwärtig seinen berechtigten Platz hat.

Papst Franziskus ist zweifellos ein „Konservativer“. Aber er hängt an Jesus, dem Christus – an nichts anderem. In vielen Punkten sieht er persönlich bestimmt nicht ein, weshalb ich und andere sich Veränderungen in der Kirche wünschen. Aber er erkennt die Notwendigkeit, auf solche Bedürfnisse nach pluralisierten und individualisierten katholischen Spiritualitäten bis in die rechtliche Kirchenordnung hinein angemessen zu reagieren.

Man muss nicht alles richtig finden, was Franziskus tut und sagt. Manches darf man sogar als bedenklich bezeichnen. Aber wer diesen Papst aus theologischer Intriganz in den Medien „hinterrücks“ herabsetzt, ist ein Schuft. Eine mildere Bezeichnung hat ein solcher schlicht nicht verdient.

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