Geschichtlichkeit als Grundbestimmung des Christentums

Es lohnt sich, immer wieder über die „Geschichtlichkeit als Grundbestimmung des Christentums“ zu meditieren, auf die etwa Bernhard Welte (siehe den entsprechenden Titel seiner Vorlesung 1949/50) so ganz besonders aufmerksam war.

Das Christentum ist wohl die am stärksten von einem Bewusstsein der Geschichtlichkeit getragene unter allen Religionen.

Das lässt in ihm einerseits die hinduistisch-buddhistische Spekulation über personale Wiedergeburten so unsinnig erscheinen und merkwürdigerweise zugleich die Auseinandersetzung mit überpersonalen Wiedergeburten – Beziehungen, anthropologische Muster, gesellschaftliche Strukturen – so phänomenologisch zwingend.

Andererseits lässt die Perspektive des eminenten Geschichtlichkeitssinnes den heute im Katholizismus um sich greifenden religiösen Traditionalismus und Fundamentalismus, der die christliche Lehre und kirchliche Praxis ahistorisch wirken lassen möchte, als geradezu allem wahrhaft Christlichen wesensfremd erscheinen.

„ERST dazugehören, DANN überzeugt sein“ versus „Schnürsenkel des Glaubens“

Das Prinzip jeder reifen Mission sei, dass der Mensch „ERST dazugehört, DANN überzeugt wird“? – „Jein“. Die Dynamik des Glaubensprozesses weist noch ein zweites, ebenso wichtiges Moment auf, und das ist perpendikulär, ein Phasenprozess des Bindens und Lösens. Ich möchte ihn den „Schnürsenkel des Glaubens“ nennen. Wenn man einen Schnürsenkel in den Schuh neu eingefädelt hat, kann man ihn nicht einfach an den Enden anziehen; er wird dann vorne nicht fest. Fast jeder Erwachsene weiß, wie man es richtig macht. Und so muss man auch die gesellige Zugehörigkeitsbindung an den Glauben immer wieder „punktuell“ lösen, um das Ganze der Beziehung noch näher an deren Ursprung „straffen“ zu können. Alles beginnt meistens mit einer oberflächlichen geselligen Zugehörigkeit, das ist richtig. Aber dann folgt eine diachrone zirkuläre Korrespondenz zwischen „Dazugehören und Zweifeln“ einerseits und „sich Distanzieren und neue, tiefere Überzeugung gewinnen“ andererseits.

Klaus Berger

KNA meldet, im Januar werde im Magazin „Cicero“ ein Interview mit Klaus Berger erscheinen, worin dieser die gängige Interpretation des Eintretens Jesu für Gewaltlosigkeit und Familie bezweifelt.

Klaus Berger, das inzwischen schon leicht betagte enfant terrible der Theologie, ist immer für eine Überraschung gut. Fundamentalist gescholten, wirft er seinerseits dem akademischen Theologiebetrieb unfruchtbaren Methoden-Konservativismus vor – zu recht.

Im einzelnen wird man mich sicher nicht viele Positionen von Berger bis in die letzte Konsequenz teilen finden. Mehr als alle Universitätsdebatten sagt für mich über seine innersten Positionen sein Engagement am Hausstudium der erzkonservativen Trappisten von Mariawald seit 2010 aus.

Aber Berger ist ein Provokateur, der die Theologie tatsächlich positiv belebt. Vor allem zur theologischen Methodenlehre hat er Wertvolles beigetragen. Dass die neutestamentlichen Schriften primär literarischen Eigengesetzen folgen – und zwar solchen des Hellenismus – und von diesen her verstanden werden müssen; dass daher die Suche nach einer „ipsissima vox“ Jesu immer nur von sehr begrenzter Ergiebigkeit sein kann; dass rein historisch-kritische und soziologische Bibel-Analyseansätze stets notwendig viel zu subjektiv-projektiv sind und bleiben; dass es zumindest universitär statt einer „Theologie des Neuen Testaments“ immer nur eine „Theologiegeschichte des Urchristentums“ geben könne – all das ist glänzend richtig und wurde von Berger gegen eine Welle methodologischer Gewagtheiten vor allem der 70er- und 80er-Jahre mit besten Gründen hochgehalten, womit er tatsächlich einer der Ersten und Wenigen, oft sogar zeitweilig wohl der Einzige war, der diesen Einwand so mutig äußerte. Sein möglicher persönlicher Traditionalismus fällt gegenüber diesen Verdiensten für mich nicht ins Gewicht – ebenso wie seine eher begrenzte Ausstrahlung von entspannter Lebensfreude. Berger ist ein kluger Mann, der sauber denken und damit „Freund wie Feind“ geistig gewinnbringend anregen kann.

In der Sendereihe „Bibel TV – Das Gespräch“ äußerte Berger Anfang 2014, die Theologie benötige eine „Reformation auf der Grundlage eines anderen, differenzierteren philosophischen Wahrheitsbegriffs“. Damit trifft er den Nagel auf den Kopf.

„Alle Jesus-Bilder, die uns die liberale Forschung seit dem 19. Jahrhundert anbietet, sind vom Zeitgeist manipuliert“, sagt er laut KNA. Wo er recht hat, hat er recht.

Und dass der Jesus, der sagte, er sei nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert, und der die Händler im Tempel tätlich angriff, ebenso wenig undifferenziert einer naiven Position der Gewaltlosigkeit zugeordnet werden kann wie der Jesus, der mit seiner Familie schwere Konflikte auszutragen hatte und seinen Jüngerinnen und Jüngern schroff empfahl, ihre biologischen Verwandtschaftsbindungen zurückzulassen, als simpler Verklärer der Familie angemessen zu verstehen ist, ist ebenso zutreffend.

Aaroniden und Deuteronomisten heute

Was bedeutet die biblische Dialektik von „Aaroniden“ und „Deuteronomisten“, die, wie ich dargestellt habe, korreliert mit den unterschiedlichen Prophetie-Mustern des Süd- und des Nordreichs, sich fortsetzend im Verhältnis von Johannes dem Täufer und Jesus und schließlich zwischen rabbinischem und christlichem Judentum bzw. Christentum, – was bedeutet diese theologische Dialektik heute noch?

Eine ganze Menge!

Entscheidend ist in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass sie sich jeweils auch innerhalb von rabbinischem Judentum und Christentum reproduziert hat: Es gibt heute ein „aaronidisches“ und ein „deuteronomistisches Judentum“, und es gibt heute ein „aaronidisches“ und ein „deuteronomistisches Christentum“.

Zunächst eine kurze Bemerkung zum „aaronidischen“ Grundcharakter des rabbinischen Judentums. Der präzise Grund, weshalb der Jerusalemer Tempel später nicht an anderer Stelle eingerichtet werden konnte, besteht darin, dass in den Ereignissen des Jahres 597 v.u.Z. der Verbleib der Bundeslade seiner Dokumentation entschlüpft ist. Natürlich unterscheidet sich das rituelle Erscheinungsbild einer mobilen religiösen Kultur erheblich anhand des Gesichtspunktes, ob man mit deren heiligstem Kultobjekt durch die Diaspora „wandert“ oder ohne es. Aber zum Charakteristikum der tendenziell landbesitzkritischen „aaronidischen Wanderschaft“ wurde rabbinisch eine Ritualisierung des jüdischen Lebens, die anstelle ihres verloren gegangenen Mittelpunkts im Zeltheiligtum der Bundeslade nun vor allem auf heilige Zeiten fokussiert.

Interessanterweise war es – nicht nur, aber auch nicht zuletzt – gerade die ritualisierungs-kritische, dafür jedoch tendenziell landbesitz-affirmative „deuteronomistische Reaktion“ auf diese primäre rabbinische Entwicklung, die die Rückkehr der Juden nach Jerusalem forcierte – bis hin zum Zionismus, in dem sich bevorzugt „deuteronomistische“ Bezüge zur religiösen jüdischen Kultur erkennen lassen.

Nun aber zum „aaronidisch-deuteronomistischen“ Dualismus innerhalb des Christentums.

Im Christentum haben wir es mit einer vom historischen Jesus ausgehend zunächst profiliert „deuteronomistisch“ akzentuierten Bewegung zu tun: kultkritisch und hochpolitisch.

So wie die Propheten Nordisraels 722 v.u.Z schockartig aus ihrer theologischen Fixierung auf ihr Heiliges Land hinaus gezwungen werden, so erlischt die faktische theologische Bedeutung des „territorialen“ Judenchristentums mit den katastrophalen Ausgängen der beiden großen jüdischen Revolutionswellen der Jahre 66-70 und 132-135 u.Z. Von da an entwickelt die Kirchengeschichte immer ausgeprägter „aaronidische“, liturgische, „priesterliche“ Züge. Das besondere Renommee christlicher Gerechtigkeit und Solidarität während der römischen Reichskrisenzeit des 3. Jahrhunderts beruht zwar noch weitgehend auf der „deuteronomistischen“ Ursubstanz des Christentums. Für die konstantinische Instrumentalisierung der christlichen Religion spielt dann aber zunehmend Kultordnung als hierarchisierbares Machtinstrument die entscheidende Rolle. In seiner Verfolgungszeit gewann das Christentum sein überlegenes gesellschaftliches Potenzial aus dem einen Element – um dieses Potenzial dann mit der jähen, ruckartigen konstantinischen „Wende“ gerade mittels des anderen Elementes spektakulär zu aktuieren und phänomenal auszubauen.

Der Moment, in dem die von da an immanente Spannung des Christentums erstmals zu einem offenen Bruch führt, ist die Reformation. Hier scheidet sich die Christenheit in „deuteronomistische“ Protestanten und „aaronidische“ Katholiken. Im evangelischen Territorial-, Landes- und Nationalkirchentum nimmt das deuteronomistische Moment des Landbesitzes eine neue Gestalt an, während der Katholizismus mit dem großen Trienter Gegenreformationskonzil beginnend zunehmend seinen missionarischen Internationalismus betont, der von Ferne mit „aaronidischer Wanderschaft“ korrespondiert (unbeschadet freilich des berühmt-berüchtigten „katholischen UND“, das sich daneben gleichwohl noch einen prächtigen zentralen Tempel in seinem neuen Jerusalem am Tiber gönnt).

Inzwischen gibt es eine neue Bewegung „katholischer Deuteronomisten“. Das Zweite Vatikanische Konzil war ihr erstaunlich amtliches Fanal. Ich sehe mich selbst dieser Bewegung angehören. Und ich sehe in Stimmen wie jüngst etwa der Martin Mosebachs nichts anderes als das uralte Muster des „Aaronidentums“. Wie könnte ich diese Stimme „verachten“? Bei aller Kritik: Unsere Religion, die jüdisch-christliche, lebt seit jeher aus der Dialektik dieser beiden großen Strömungen. Eine Dialektik kommt nicht zustande, wenn eines ihrer beiden Momente aus der Sicht des anderen „grundlegend nicht sein darf“. Was natürlich nicht für extreme Auswüchse gilt.

Für mich persönlich ist die spannendste theologische Frage in diesem Zusammenhang: Was ist meine Referenz auf das deuteronomistische Moment des „Landbesitzes“?

Wenn ich die Frage umformuliere in: „Wo will ich Land gewinnen?“, komme ich bei einem Bild der deutschen Sprache an, in dem „Land“ bekanntlich nicht mehr geographisch, sondern metaphorisch gemeint ist.

Ich will Land gewinnen in den Köpfen und Herzen der Menschen anstatt in der Liturgie oder in kirchlichen Institutionen und Ämtern oder auch in „christlicher Politik“; ich will Land gewinnen in tieferem Bibelverständnis anstatt in Dogmatik, anstatt in „systematischer Theologie“; in einem tieferen Bibelverständnis, das übrigens in mancherlei Hinsicht ganz anders ist als das „evangelische“: Es hat weniger Interesse an Zitaten und Stellenangaben und viel mehr Interesse am verinnerlichten Verständnis der „narrativ-dynamischen Theo-Logik der Heilsgeschichte als solcher und ganzer“ – inklusive ihrer historisch-kritischen Betrachtung ohne dogmatische Denkverbote. Von dieser Art Bibelverständnis an anderer Stelle wieder einmal mehr. Auf jeden Fall – dies hier die Konklusion – vollziehen die heutigen „katholischen Deuteronomisten“ eine ganz andere Art von Reform als die Reformatoren des 16. Jahrhunderts.

Dennoch bleibt die jüdisch-christliche Religionsgeschichte vielleicht für immer ganz notwendig als eine Dialektik von „Aaroniden“ und „Deuteronomisten“ zu beschreiben.

Neues Mosebach-Interview der KNA

1. – Martin Mosebach: Die Mehrheit der öffentlichen Kommentatoren könnte das Interesse des relativ undurchsichtigen Franziskus an Veränderung möglicherweise überschätzen.

– Meine Meinung dazu: Stimmt.

2. – Mosebach: Das symbolische Auftreten, das Franziskus von Anfang an gezeigt habe, sei nicht sehr loyal gegenüber seinem Vorgänger gewesen.

– Meine Meinung dazu: Stimmt. Der Vorgänger hatte das Ruder abgegeben inmitten einer dramatischen, fundamentalen Krise der Kirche. Franziskus entschied aus guten Gründen und gewiss nach reiflicher Überlegung, dieser Situation sehr effektvoll zu begegnen, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit paukenschlagartig für einen Neuanfang zu gewinnen, und dafür den Preis dieses gewissen Beigeschmacks von „Illoyalität“ zu bezahlen. Denn jene Symbole, um die es dabei ging, sind das Einzige, was er realistisch sofort anders machen konnte. Die Krise aber, auf die er damit reagierte, war von genau jener geistigen Klimazone innerhalb der Kirche verursacht worden, mit der Mosebach sich bekanntermaßen solidarisiert.

3. – Mosebach: Den Äußerlichkeiten des päpstlichen Auftretens wuchs seither eine unangemessene Bedeutung zu.

– Meine Meinung dazu: Stimmt.

4. – Mosebach: Letztlich sei das Auftreten Franziskus‘ für ihn keine Bescheidenheit, sondern das Herabdimmen auf einen Lebensstil, der sich mit dem der weltlichen Macht von heute decke: Milliardäre trügen heute T-Shirt und säßen auf bequemen Sofas statt auf harten Barockmöbeln.

– Meine Meinung dazu: Hoppla, Herr Mosebach, wie weit ist es denn mit der von Ihnen sonst so leidenschaftlich betonten „Ganz-Andersartigkeit“ der Kirche gegenüber „dieser Welt“ her, wenn ein bequemes Sofa schon ausreicht, um ihn zu nivellieren und den Papst auf besagtem Sofa kumpelhaft neben einem anderen erfolgreichen Businessman landen zu lassen?

– Mosebach: Die alte Pracht der Kirche sei eine Kunst für die Armen gewesen. Schwere Brokatmäntel, die die Herrlichkeit des wiederkommenden Christus darstellen, seien sehr unbequem.

– Meine Meinung dazu: Extrem steile These. Behauptet der Mann nicht, dass er sich in Kirchengeschichte auskennt? Oder schließt das bei ihm die kirchliche Sozialgeschichte etwa nicht ein? Die Unbequemlichkeit des Brokats hat man damals (a) für Gott und (b) für die lieben Ko-Kirchenfürsten auf sich genommen (Reihenfolge variabel). Für die Armen hat sich auch damals kein Brokatträger ernsthaft interessiert. Auf Anfrage führe ich gerne einen hochnotpeinlichen historischen Indizienprozess in dieser Sache.

– Mosebach: Der „Bergoglio-Style“ dürfe nicht mit Askese verwechselt werden. Und selbst wenn Franziskus Asket wäre, würde er, Mosebach, davon auf keinen Fall in den Massenmedien erfahren wollen; Askese habe ihren Wert vor allem im Verborgenen.

– Meine Meinung dazu: Stimmt. Franziskus hat sich auch nie als Asket bezeichnet. Dieser Passus Ihrer Ausführungen schrammt damit zuletzt scharf an einer Themaverfehlung entlang, Herr Mosebach.

5. – Was Mosebach im Folgenden aus Anlass der jüngsten Synode über die Langsamkeit der Kirche und ihre Opposition zum Zeitgeist sagt, finde ich im Grunde ganz vernünftig. Er fährt fort: Jubelszenen am Papamobil seien kein Maßstab; erst in ein paar Jahren werde man sehen, ob die Priesterseminare und die Ordensgemeinschaften wieder mehr Zulauf haben und die Konversionen zunehmen.

– Meine Meinung dazu: Dem ersten Teil des Satzes stimme ich zu, dem zweiten nicht, denn die Lebendigkeit der Kirche hängt für mich nicht von Priestern und Ordensleuten ab und auch nur bedingt von der Zahl der Konversionen.

6. – Mosebach: Alles, was wir überhaupt sinnvoll unter „Europa“ verstehen können, zehre aus christlicher Substanz.

– Meine Meinung dazu: Völlig richtig.

– Mosebach: Andererseits seien solche Auftritte wie der des Papstes im EU-Parlament für ihn letztlich Sonntagsreden, die bei den Politikern ins eine Ohr hineingehen und aus dem anderen hinaus; ihn interessierten diese ganzen päpstlichen Appelle eigentlich nicht; er hätte lieber einen Papst, der gar keine Reden hält; er wünsche sich einen Papst, der den Menschen die Hände auflegt, der sie segnet, sie von ihren Sünden freispricht und die Messe für sie hält; einen Priester-Papst, keinen Polit-Papst.

– Meine Meinung dazu: Also einen Papst, der nicht im Dialog ist mit der Welt außerhalb der Kirche, der nur die Rolle der Integration nach innen, aber nicht die der Repräsentation nach außen erfüllt? Abgesehen davon, ob das generell wünschenswert ist, kann man nur sagen: Im kulturell „integralen“ Mittelalter, Herr Mosebach, mag das vielleicht gegangen sein; aber gucken Sie doch mal in Ihren Kalender… Oder stammt der auch noch aus Trient?

7. – Mosebach: Es sei von Anfang an so gewesen, dass die Kirche die Institution und das Charisma getrennt habe. Nicht Paulus, der charismatische Theologe, sei der erste Papst geworden, sondern Petrus, der Fischer, eine priesterliche, segnende Figur. Es sei auch nicht der heilige Franziskus Papst geworden, obwohl er die Menschen seiner Zeit am stärksten begeistert habe; der habe nicht einmal Priester sein wollen. Die Kirche atme mit zwei Lungen: mit der im Papstamt kulminierenden institutionellen Würde und mit dem Glaubenseifer ihrer Charismatiker. Beides solle man auseinanderhalten. Er halte es auch für einen Irrtum, dass Päpste seliggesprochen werden: Sie seien in erster Linie die Hüter der Kontinuität und der Sakramente.

– Meine Meinung dazu: Sehr interessant, bemerkens- und bedenkenswert. Mit dem kleinen Nachteil, dass die Akteure der Institution den Protagonisten des geistlichen Charismas historisch selten eine Wirkungschance gelassen haben. Wir hatten bislang rund 250 Päpste (sich genau gebende Zählungen sind aus vielerlei Gründen Quatsch). Wenn man eine parallele Schublade für Charaktere der nicht-episkopalen Paulus- und Franziskus-Klasse aufmacht, werden darin sicher keine 25 zusammenkommen. Herr Mosebach würde gewiss sagen, das reicht.

Der Rest des Interviews käut bloß noch einmal klassisch konservative Positionen wieder und ist nicht weiter interessant.

Mal wieder Frieden

Aus Anlass von Eugen Drewermanns jüngster Rede vor Schloss Bellevue:

Auch argumentative Unterkomplexität, die an ihrer Selbsterkenntnis als unterkomplex weniger intellektuell versagt als vielmehr diese Selbsterkenntnis verweigert, ist Sünde, nämlich Selbstabsonderung von einer uns von Gott gegebenen Erkenntnisfähigkeit. Und daran ändert leider auch der gute Wille nichts, mit solcher „Selbstüberlistung durch Naivität“ ein positives Ziel zu erreichen, nämlich den Frieden.

Ich möchte hier nicht näher auf die ebenfalls gravierende Überlegung eingehen, ob nicht auch für Jesus der Wert der Freiheit höher steht als der des Friedens. Immerhin sagt er einen so verstörenden Satz wie: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Mt 10,34) Ein Satz, der vermuten lässt, dass die Evangelisten ihn nur zu gerne zensiert hätten, wenn nicht gerade er historischer wäre, „ipsior vox“ sozusagen, als manches andere in ihren Texten.

Was will ich sagen? Kriegstreiber und Kriegsprofiteure entschuldigen? Das sei ferne.

Was ich will, ist das Eingeständnis: Wer etwas verkauft, muss auch redlich den Preis dafür nennen.

Es gibt keine bürgerliche Gesellschaft ohne wenigstens das klare Signal der Bereitschaft, sie auch mit Waffen gegen Angreifer zu verteidigen. Das ist eine evidente historische Gesetzmäßigkeit, deren Leugnung mich ratlos macht.

Selbstverständlich kann der Mensch konsequent unter Verzicht auf Verteidigungsbereitschaft leben. Er muss dann nur auf das Leben in einer bürgerlichen Gesellschaft verzichten.

Vieles spricht dafür, dass Jesus zu einer unbürgerlichen Gesellschaft aufgerufen hat. Vieles spricht dafür, dass Drewermanns Claqueure vor Schloss Bellevue zum Leben in einer unbürgerlichen Gesellschaft überwiegend nicht wirklich fähig und nicht bereit sind.

Bei Eugen Drewermann selbst bin ich mir nicht sicher. Möglicherweise will und kann er es. Auch bezweifle ich nicht seine Aufrichtigkeit. Aber vielleicht fehlt es ihm doch etwas an der Bewusstheit, wie deutlich er diese Konsequenz auch seinen Zuhörern machen müsste. Es ist die fundamentale, soziologische, kulturelle und strukturelle Bürgerlichkeit unserer „militanten“ Friedensbewegung, die sie diskreditiert.

Die immanente Verteidigungspflichtigkeit einer bürgerlichen Gesellschaft erhält ihren Sinn zentral durch Waffentechnologie. Denn natürlich will sie nicht Kriege führen – sie will Frieden durch Abschreckung erzielen. Die besten, neuesten, effektivsten Kriegswaffen sind das Schlüsselmoment ihrer Friedensstrategie. Und diese Waffen muss jemand entwickeln und herstellen. Dieser Jemand verkauft diese Waffen einerseits natürlich, um sich persönlich zu bereichern. Andererseits lässt sich die extrem teure technologische Entwicklung von Höchstleistungsgeräten gar nicht verfolgen ohne sehr viel Geld.

Es genügt also auch nicht, die „Friedensdebatte“, sofern sie überhaupt realitätsbezogen gehalten werden soll, auf die Frage zu konzentrieren, wo denn die Frontlinie der Verteidigung einer bürgerlichen Gesellschaft zu verlaufen hat: zwanzig, zweihundert, zweitausend oder gerne auch mal zwanzigtausend Kilometer von ihrer Hauptstadt entfernt?

Es muss auch die Frage gestellt werden, ob Rüstungsindustrie sinnvoll „verboten“ werden kann: Das bürgerliche Wohlstandsvermögen braucht die Hightech-Waffen zu seinem Schutz, und die teuren Waffen brauchen das solide Geld zu ihrer Herstellung – eine unheilige, aber äußerst reelle Symbiose.

Der einzige politische Hebel, mit dem moralisch entsprechend reell angesetzt werden kann, besteht also im Stellen von Bedingungen hinsichtlich des Personen- und Institutionenkreises, an den die im bürgerlichen Inland hergestellten Waffen im hoffentlich ebenso bürgerlichen Ausland verkauft werden dürfen. Wohin diese dann im Zuge einer eventuellen Händekette ihres Weiterverkaufs gelangen, durchbricht an irgendeinem Punkt die realistische Verantwortbarkeit vom Ausgangspunkt des Handels her. Das ist conditio humana unseres Handelns sub specie saeculi. Immerhin versucht jeder, seine Waffen nur an seine Freunde zu verkaufen. Blöd nur, dass manchmal aus Freunden Feinde werden können.

Ich will nicht zynisch sein. Ich will realistisch sein. Auch ich schäme mich dafür, dass ausgerechnet meine Stadt zu den herausragenden globalen Hauptstädten der Rüstungsindustrie gehört.

Aber wenn ich daran etwas ändern will, muss ich die Köpfe und Herzen der Menschen erreichen – der „gewöhnlichen“, „aller“ – mit einer Vermittlung tieferer spiritueller Einsichten, und nicht mit dem Gestus von „Vaterlands-Anwälten“ paternalistisch und selbstgerecht Politiker und Firmen tadeln, deren Handeln der ehernen Logik bürgerlicher Gesellschaften folgt, zu der die „Friedensbewegten“ keinen auch nur im entferntesten überzeugenden Alternativvorschlag anzubieten haben.

Und sie können mir glauben: Mir tut es leid, dass es so ist. Wenn ich selbst und genügend andere um mich herum den glaubhaften Eindruck erwecken würden, konsequent und glücklich „unbürgerlich“ leben zu können, wäre ich sofort mit dabei.

Solange wir das nicht können, in das einer jener Aspekte, hinsichtlich derer wir uns im Zustand der Sünde befinden. Insbesondere hierüber weiß die christliche Theologie bekanntlich einiges zu sagen – wesentlich mehr als über „Frieden“ übrigens. Denn – und damit schließt sich der Kreis meiner Ausführungen – bei der Frage nach der Sünde geht es um die Frage nach der menschlichen Freiheit, die noch wichtiger ist als Frieden. Es ist also auch nicht ganz unangemessen, „militant“ Friedensbewegten die Frage zu stellen, ob sie sich vielleicht aus eigener Kraft vor Gott rechtfertigen wollen – was für möglich zu halten aus christlicher Sicht zu den schwersten Sünden des Unglaubens gehört?

Es tut mir leid, diejenigen, die sich vermutlich in bester Absicht vor Schloss Bellevue versammelt haben, mit einem von ihnen vermutlich als verletzend empfundenen Angriff auf ihre Haltungen und Intentionen konfrontieren zu müssen. Und ich würde das keinesfalls tun, wenn ich bei intellektueller Redlichkeit irgendeine Möglichkeit sehen würde, anders zu argumentieren.

Denn ich empfinde jeglichem Krieg gegenüber emotional genauso wie sie.

Schönheit eines biblischen Buches, das wir viel zu wenig lesen

Gepriesen bist du, Herr, Gott unseres Vaters Israel, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dein, Herr, sind Größe und Kraft, Ruhm und Glanz und Hoheit; dein ist alles im Himmel und auf Erden. Herr, dein ist das Königtum. Du erhebst dich als Haupt über alles. Reichtum und Ehre kommen von dir; du bist der Herrscher über das All. In deiner Hand liegen Kraft und Stärke; von deiner Hand kommt alle Größe und Macht. Darum danken wir dir, unser Gott, und rühmen deinen herrlichen Namen. Doch wer bin ich und was ist mein Volk, dass wir die Kraft besaßen, diese Gaben zu spenden? Von dir kommt ja alles; und was wir dir gegeben haben, stammt aus deiner Hand. Denn wir sind nur Gäste bei dir, Fremdlinge, wie alle unsere Väter. Wie ein Schatten sind unsere Tage auf Erden und ohne Hoffnung. Herr, unser Gott, diese ganze Fülle, die wir bereitgestellt haben, um dir, deinem heiligen Namen, ein Haus zu bauen, kam aus deiner Hand; dir gehört alles. Ich weiß, mein Gott, dass du die Herzen prüfst und an Aufrichtigkeit Gefallen hast. Mit aufrichtigem Herzen habe ich dies alles gegeben und ich habe mit Freuden gesehen, wie auch dein Volk, das sich hier eingefunden hat, dir willig spendet. Herr, Gott unserer Väter Abraham, Isaak und Israel, erhalte diese Gesinnung für immer im Herzen deines Volkes! Lenke sein Herz auf dich! (Dankgebet Davids 1Chr 29,10-18)

Pacwa vs. White zum Thema „Priestertum“

Auf YouTube kann man eine interessante US-Diskussion sehen zwischen dem reformierten Theologen James White (*1962) und dem Jesuiten Mitchell Pacwa (*1949) mit dem Thema: „Is the Roman Catholic Priesthood Biblical and Ancient?„, aufgezeichnet soweit ersichtlich am 29.5.2003.

Diese Diskussion ist faszinierend in etwas, das ich als typisch für ihre Amerikanität bezeichnen würde: Sie vollzieht sich einerseits auf einem sehr hohen akademischen Niveau und mit einer respektheischenden traditionellen Disputations-Disziplin, deren rigides Reglement sich niemand in Europa mehr für gebildete öffentliche Debatten einzufordern traut (warum eigentlich?). Und andererseits wirkt sie auf einen deutschen Theologen in ihrer Ausblendung aller Meta-Diskussionen auch gewissermaßen „naiv“.

Dabei nimmt Fr. Pacwa nämlich auf Einladung einer protestantischen Mediengruppe deren gesetztes Thema schlicht so an, „wie es ist“. Das heißt, er hinterfragt nicht den „sturen“ Biblizismus in der Argumentation von Dr. White. Das ist gewiss klug, denn im gegebenen Kontext würde eine derartige Hinterfragung wohl keinen guten Eindruck hinterlassen. Pacwa unternimmt als Bibelkenner eine Replik an den Biblizisten, die – sicherlich ganz bewusst – ausschließlich auf dessen eigenem Territorium aufmarschiert: Ob der katholische Priester so, wie er sich darstellt, in der Bibel verankert ist, das ist die Frage. Der Rahmen ihrer Beantwortung ist streng und eng gezogen. Der Jesuit hadert damit nicht. Hier ist für ihn nicht mehr zu verlieren, als zu gewinnen ist: wenig.

Das Ergebnis ist aus meiner Sicht recht zufriedenstellend. Es besteht nämlich für mein Empfinden darin, dass die erkenntnistheoretisch unterkomplexe Methodik des „Belt„-Biblizismus sich atmosphärisch selbst ad absurdum führt; während der Katholik in einer psychologisch geschickten und treffsicheren „Aufrüstung durch Selbstentwaffnung“ bekennt, was seine Kirche bibeltheologisch seit jeher „selbstverständlich“ unternehme, sei „drawing lines between the dots„.

Positiv muss man letztlich beiden Diskutanten anrechnen, dass sie nicht allzu penetrant und überlang um Worte kreisen. Natürlich ist es an Pacwa, die Vorlage zu liefern, dass die hebräischen Begriffe „kohên“ (c-h-n) und „komär“ (c-m-r) für Paulus beide disqualifiziert waren. Denn der „komär“ trägt die Konnotation eines Götzen-, eines Baalspriesters, „kohên“ hingegen kann nur ein per Geburt einem bestimmten israelitischen Stamm Angehöriger sein. Von da aus ist es naheliegend, auch den griechisch-heidnischen „hiereus“ als von Missbedeutungen kontaminiert zu empfinden.

Die entscheidende Frage ist also, ob die neutestamentlichen Begriffe „diakonos„, „presbyteros“ und „episkopos“ womöglich in sich selbst eine Bedeutung tragen, die vom jüdischen und griechischen Sinn der in diesen Sprachen für „Priester“ gebrauchten Begriffe erheblich abweicht (well aware, dass das deutsche Wort „Priester“ natürlich von „Presbyter“ herrührt und erst nach seiner speziell christlichen auch eine allgemeine objektiv-wissenschaftliche, kulturanthropologische Bedeutung im „Westen“ angenommen hat).

Die Aufgabe eines Priesters im allgemeinen kulturanthropologischen Sinne des Wortes ist ohne Zweifel das Darbringen eines kultischen Opfers als eine heilige Handlung, die auszuführen niemandem sonst obliegt und gebührt als dem Priester allein. Hierüber streiten Pacwa und White nicht.

Was aber spricht dafür, dass Jesus eine Opferpraxis stiftete, die ihrem diesem Begriff hinreichend entsprechenden Sinn zufolge ausschließlich von privilegiert geheiligten Personen auszuführen wäre?

Es ist tatsächlich die christliche Tradition, die dafür spricht – nicht die Bibel. Die Bibel spricht nicht dagegen; aber es lässt sich aus ihr heraus auch nicht mit intellektueller Redlichkeit positiv belegen.

Der Protestant White rekurriert auf sein stärkstes Argument für einen angeblichen offensiven Widerspruch des katholischen Amtsverständnisses gegen biblische Wahrheit mit Röm 6,10: „τῇ ἁμαρτίᾳ ἀπέθανεν ἐφάπαξ – tä hamartía apéthanen ephápax – für die Sünde starb er (Christus) ein für allemal„. Whites ganze Argumentation hängt im Grunde an diesem einen paulinischen Gebrauch des Wörtchens „ephápax„. Dabei leugnet kein Katholik dies.

Das ganze Problem ist ein zutiefst kulturelles. Für die mystischere und liturgischere Spiritualität eines Katholiken gibt es keinen Widerspruch zwischen dem ein für allemal aufgerichteten Kreuz Jesu Christi einerseits, das Sünde und Tod abschließend, „perfekt“ besiegt hat, und der immerwährend wiederholten Repräsentation dieses Opfers in der Eucharistie andererseits, welcher der geweihte Priester, unbeschadet des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen, als besonderer „alter Christus“ vorsteht. (Ob das so sein muss, ist übrigens eine ganz andere Frage; hier geht es lediglich darum, dass diese Auffassung grundlegend theologisch einwandfrei möglich ist.)

Die Reformation war und ist eine typische Revolution gegen eine übermäßig selbstreferentiell gewordene gesellschaftliche Autorität. Dies ist das Schicksal des katholischen Priestertums seit damals und bis heute. Aus dem Individualismus der Renaissance geboren, war die Reformationszeit überreif für eine Aufspaltung der integralen mittelalterlich-abendländischen Kultur in den für ihre Neuzeit konstitutiven dialektischen Modus zweier distinkter, paralleler und interaktiver Lebensformen christlicher Kultur, die eo ipso dieser Formulierung und Sichtweise für das heutige kulturelle Europa beide gleichermaßen wesentlich sind: Es gibt eine katholische und eine protestantische religiöse Erlebniskultur, die je für sich eine eigene Totalität des Lebens- und Weltzugangs entwickelt haben. Rechthaberische Streitigkeiten zwischen ihnen sind idiotisch, und derartige Idiotie ist in der jüngeren europäischen Geschichte schon längst viel zu exzessiv betrieben worden.

Das soll natürlich nicht den Vorwurf insinuieren, Pacwa und White veranstalteten dergleichen. Allerdings schließt die Aufgabenstellung der aufgezeichneten Debatte, für die White verantwortlich zeichnet, ein wirklich konstruktives Ergebnis methodisch von vornherein aus.

Der protestantische Standpunkt des ausschließlichen „allgemeinen Priestertums aller Gläubigen“ erscheint mir mit seiner biblischen Begründung grundsätzlich als durchaus akzeptabel. Ich persönliche sehe deswegen allerdings noch lange keine Not, ihn zu übernehmen, und habe auch sonst keinen Grund und Anlass, es zu tun. Natürlich ändert daran auch der praktische katholische Priestermangel nicht das Geringste, da es hier um eine Grundsatzfrage geht, nicht um eine dem geordneten Nachsinnen ermüdend chaosförmig erscheinende soziologische Turbulenz oder Entropie (so gravierend diese sich auch auf unser heutiges deutsches Leben als Katholiken auswirken mag).

Die Tradition hat ihren tiefen Sinn. Dieser beginnt vermutlich in der einfachen anthropologischen Gesetzmäßigkeit der Entwicklung religiöser Autorität durch religiöse Elite: Jener Charakterunterschied zwischen Menschen, demzufolge der primäre Seinsfokus der Einen stärker auf der religiösen Sphäre liegt als bei anderen, wird unvermeidlich immer eine gesellschaftliche Dynamik religiöser Eliten- und damit auch Autoritätsbildung in Gang setzen – bis hin zum Punkt der vielleicht ebenso zyklisch-unausweichlichen revolutionären Katastrophe, wenn Hierarchien zu sehr kristallisiert sind. Es ist die conditio humana, die nach der Priesterrolle ruft – so „unmöglich“ diese im Grunde kategorisch ist.

Abgesehen davon, dass „der“ interpretations-unbedürftige Sinn einer biblischen Textstelle nicht existiert – was jeder philosophische Proseminar-Absolvent begriffen hat, aber kaum ein Biblizist -, steht die Bibel auch nicht am Anfang der Kirche. Wäre es so, hätten die konstitutiven ersten zehn Generationen der Christenheit ein massives Legitimationsproblem. Und im übrigen ist das geltende katholische Priesterverständnis, wenn man es auf seinen geschichtlich zweifelsfreien Ursprung zurückverfolgt – nämlich nicht bis in die Urkirche, wohl aber bis zur Gregorianischen Reform -, immer noch beinahe doppelt so alt wie die ekklesiologische Glaubensvariante der Reformatoren. Das sind simple Fakten, die Dr. White zu ersparen Fr. Pacwa an gegebener Stelle – wo sie sich vor ihrer Devianz ins Polemische vielleicht kaum hätten hüten können – wohl durchaus gut und recht getan hat.

Sieht man den historischen Jesus in der Tradition der deuteronomistischen Propheten stehen, wie ich es tue, beschleichen einen freilich von diesem Aspekt her zusätzlich Zweifel, ob er an Fragen des Priestertums in historischer Tatsächlichkeit irgendein Interesse hatte.

Aber der Christus der Kirche ist ein Elaborat seiner gewachsenen Tradition – und zwar zu recht. Und mit ihm seine Priester. Ich habe keinerlei Schwierigkeiten damit, Protestanten den gleichen Respekt vor dieser Position abzuverlangen, den ich ihrem theologischen Andersmeinen entgegenbringe.

Denn der Grad exklusivistischer Sanktionierungen der eigenen Glaubensauffassung bezeichnet nicht den Grad des wahren Katholizismus.

Kirche, Kelch des Heils

Worin besteht die Bedeutung des Kelchs bei der Wandlung? Die tiefste Wahrheit benötigt ein irdisches Gefäß, um für den Menschen fassbar zu werden. Das Gefäß menschlichen Heils ist die Kirche, die verfasste Religion. Warum „verfasst“? Warum religiöse Institutionen mit Tradition und Disziplin? Warum nicht heiter-frei flottierende, geistreiche Esoterik, oberflächlich wabernde, munter-unverbindliche, vage Naturmystik?

Konkrete Religionen sind subtilste Bewahrungsmittel für umfassende Kulturformen, die Welt zu erleben. Wirklich umfassend kann jede Kulturform immer nur unter spirituellem Vorzeichen sein. Josef Pieper hat das anhand des Beispiels der Festkultur brillant demonstriert in seinem Essay „Zustimmung zur Welt. Eine Theorie des Festes“. Die Wahrheit ist: Zu nichts sind wir einer so strengen, direktiven Erziehung bedürftig wie zu den zartesten Grundnuancen unserer Erlebensweise der Welt. Streng und direktiv bedeutet nicht „rigide“. Es bedeutet „klar“. Rigidität ist das Gegenteil von Klarheit, sie flockt zum Schleier der Depression aus.

Wo die konkreten Religionen verloren gehen, dort geht die Subtilität der Kultur verloren. Denn religiöse Kulturen bewahren weit mehr als bloß „Weltanschauungen“. Sie sind nicht bloß eine Art und Weise, die Welt zu „sehen“. Sondern eben sie zu „erleben“, mit allen Sinnen. Sinne wiederum besitzen wir übrigens weit mehr als fünf.

„Als Glaubende wandeln wir, nicht als Schauende“, sagt Paulus (2Kor 5,7). Das heißt: Christsein ist keine Sache großer Theorien. Aber die größten Theorien benötigt man dazu, die großen Theorien, die einmal aufgestellt wurden, wieder loszuwerden. Das ist eigentlich alles, womit ich als Theologe beschäftigt bin.

„εἰ καὶ ἐγνώκαμεν κατὰ σάρκα Χριστόν, ἀλλὰ νῦν οὐκέτι γινώσκομεν – ei kai egnókamen kata sárka Christón, alla nyn oukéti ginóskomen – Wenn wir Christus auch dem Fleisch nach kannten, so erkennen wir ihn jetzt freilich nicht mehr auf diese Weise.“ (2Kor 5,16b) Paulus hat alles begriffen; die Frage ist, ob wir Paulus wirklich richtig begreifen: Dieser Satz ist seine Art zu sagen, dass der historische Jesus und der kerygmatische Christus einander keine Konkurrenz machen, dass aber der historische Jesus für uns tatsächlich nur noch im theologischen Christus überhaupt existieren kann, weil der Zweite den Ersten selbst dann völlig überlagert hätte, wenn wir mehr und unabhängigeres über den Ersten wüssten. Was die Frage nach dem historischen Jesus indessen keineswegs uninteressant macht. Sie ist sogar trotz ihrer „Aussichtslosigkeit“ theologisch nötig. Paulus scheint mir das an dieser Stelle einzugestehen – entgegen dem Bild, das wir allgemein von ihm und seiner Theologie haben. Und warum ist sie nötig? Weil der historische Jesus unabdingbarer Garant des Konkreten ist in unserer Religion. Ohne den historischen Jesus wäre der „schönste“ theologische Christus ein vergleichsweise abstraktes Konstrukt. Oder, anders gesagt: Ohne Fleisch keine Auferstehung.

„Religiosität“ kann eben nicht „abstrakt“ existieren, sie muss „konkret“ sein, sich konkret äußern, konkret gelebt werden. Nicht nur die Kinder brauchen das, um in eine spirituelle Lebenshaltung hineinzuwachsen, sondern auch als Erwachsene sind wir dieses Konkreten bedürftig. Dass ein Christenmensch normalerweise als unmündiges Kind getauft wird, drückt aus, dass wir einen wesentlichen Akt des Erfassens, des „Begreifens“ gerade in einem Zustand leisten, in dem wir zu Rationalisierungen nicht fähig sind.

Was bedeutet das praktisch? – „Sentire cum ecclesia“ (Ignatius). Es bedeutet die Kunst, die Welt mit religiösen, mit christlichen Sinnen zu erfassen und alle ihre Zusammenhänge in diesem Licht zu betrachten. (Hier wieder: „betrachten“ etwas ganz anderes als „sehen“ oder „schauen“.)

Deswegen meine ich übrigens, es wäre geboten, die Kirchenkritiker der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ auf eine grundlegende Zustimmung zu ALLEN Lehrsätzen der katholischen Kirche einzuschwören, das heißt, sich klar auf eine neue Deutung dieser Lehrsätze zu beschränken. Alle, die meinen, man könnte die Lehre der Kirche einfach „ändern“, schaden der Kirchenreformbewegung – und der Kirche. Natürlich weiß ich, dass wir „realpolitisch“ von dem Punkt leider weit entfernt sind, einen solchen „Treueid“ allen Betreffenden abverlangen zu können. Deshalb ist es schlicht adäquat, auf ihn – oder auch nur auf eine Debatte darüber – zu verzichten. Aber die Zielsetzung ist aus meiner Sicht klar. Allerdings muss auch noch klarer gemacht werden, welche Möglichkeiten eine neue Interpretation der Lehren birgt.

Beispielsweise gibt es keinen Grund, die Mariendogmen von 1854 und 1950 aus der katholischen Dogmatik wieder eliminieren zu wollen. Es lässt sich erstens, wenn man das möchte, leicht ein tieferer spiritueller Sinn aus ihnen entwickeln im Kontext der Rolle Mariens als Paradigma des glaubenden Menschen. Zweitens wird in der katholischen Kirche niemand gezwungen, eine hypertrophe Marienfrömmigkeit zu kultivieren – was uns an unsere geistliche Aufgabe erinnert, lieber Toleranz, Demut, Humor, Eigenständigkeit und innere Unabhängigkeit zu entwickeln anstelle einer rebellischen Privat-Dogmatik, mit der wir uns „wie-du-mir“-moralisch an jenen zu revanchieren beginnen, die uns die ihre überstülpen wollen. Und drittens genügt es, um der Kirche im Ganzen einen neuen Impuls zu geben, wenn man die Frage stellt, was Katholiken eigentlich in den Jahren 1854 und 1950 damit für ein Bedürfnis verfolgt und bezweckt haben mögen, rund anderthalb Jahrtausende nach den ersten beiden plötzlich noch zwei weitere neue Mariendogmen zu sanktionieren (oder „promulgieren“).

Ähnlich beispielsweise auch: Der unter anderem Gewissensfreiheit und Demokratie verdammende päpstliche „Syllabus Errorum“ vor 150 Jahren – was ist daran so befremdlich? Er war ein ganz normales Instrument der ganz normalen Kulturpolitik der damaligen Zeit. Staunen sollte man vielmehr darüber, wie die Welt sich in den zurückliegenden 150 Jahren verändert hat.

Mit einer solchen – veränderten – Frage-Perspektive rückt die Geschichtlichkeit der Kirche in den Blick, die eine produktive katholische Bewusstseins-Revolution auszulösen imstande ist. Die nächste Erneuerung Roms wird im Kern darin bestehen, dass der offizielle Katholizismus endlich seine vermeintliche Ungeschichtlichkeit hinter sich lässt.

Das hauchdünnwandige, riesengeräumige, seismographische Kulturgefäß Religion zerbricht nämlich als ein starres allzu leicht. Es muss elastisch sein. Nicht die Religiosität ist der Staubwedel der Religion, sondern die Religion ist der Wundverband für die Stigmata der lebendigen, herzblutenden Religiosität.

Von dem Soziologen Armin Nassehi habe ich den Satz gelernt: „Kultur ist alles nicht Entschiedene.“ Offiziell beschränkt er sich mit dem Bezug dieser Aussage zwar auf Unternehmens“kulturen“. Aber die Wahrheit seines Satzes reicht tatsächlich viel weiter. Sie ist universal. Dass Kultur ein „nicht Entschiedenes“ ist, besagt, dass sie, vor konkrete Fragen gedrängt, auch immer irgendwie souverän „unentschieden“ bleibt. Genau darin liegt ihre Kraft.

Und gleichzeitig äußert sich gerade in dieser gelassenen Unentschiedenheit gegenüber allem, was den Glauben angesichts säkularer Probleme in ein rationelles Dilemma zwingen will, in dieser entspannten Verweigerung jedes schroffen „Entweder-A-oder-B“, in für den Verstand fast paradoxer Weise die strenge Klarheit des Direktiven.

Ein Beispiel hierfür: Was mir an vielen monastischen Spiritualitäten so zusagt, ist ihre Abneigung gegen alles Sentimentale und Exaltierte in der Frömmigkeit. (Das gilt vielleicht nicht für alle Orden, aber doch für die meisten.) Wer jeden Tag mit der Bibel lebt, lebt den Glauben selbstverständlich und unaufgeregt. Und doch ist diese Spiritualität zutiefst mystisch. Wenn sich die Besinnung auf diese subtile geistliche Tugend der „mystischen Nüchternheit“ mit dem „Jahr der Orden“ 2015 allgemein unter den Katholiken und unter allen Christen verstärkt, würde mir das eine große Freude sein.

Falls nicht, was bleibt?

Katholik sein, um der Kirche ein ihr ansonsten fehlendes Gesicht hinzuzufügen: Das kann im äußersten Notfall die letzte tragende Motivation bilden, ein Glied dieser verfassten Kirche zu sein und zu bleiben. In besseren Tagen sollte diese Einstellung freilich nicht zur „Bastion“ werden, in der man sich mental gegen die Eigenarten seiner lieben Mitchristen verschanzt.

Durch Katholiken, die ihren Katholizismus so leben, erweist sich die Kirche tatsächlich als der „Kelch des Heils“. Nur dadurch.

Könige und Chronisten: Dialektik einer Katastrophe

Was man bei Wikipedia – deutsch wie englisch – unter „Deuteronomisten“ liest, wurde von der öffentlichen peer review nicht als fragwürdig gekennzeichnet – obwohl ich das Wenigste davon für zutreffend halte, geschweige denn für gesichert. Auch ich habe mich dort freilich nicht kritisch kommentierend betätigt, weil ich meine abweichenden Ansichten ebenfalls nicht sicher genug beweisen kann. Aber ich möchte an dieser Stelle die Darlegung meiner Gründe vertiefen.

Zuvörderst: Das Kennzeichnende der Deuteronomisten sei laut Wikipedia ihr strenger Monotheismus. Als ob im Verfasserkreis jener Texte, die es bis in die Endredaktion der hebräischen Bibel geschafft haben, irgendjemand wäre, der es mit dem Monotheismus nicht so genau genommen hätte!

Ferner: „Nicht mehr der sakrale König, wie in der Königszeit Israels und Judas, und auch nicht die Priester waren Träger der Religion, sondern das Gottesvolk selbst.“ Aber in den nicht-deuteronomistischen Chronik-Büchern werden Könige und Priester genauso wenig in diesem Sinne überhöht wie in den Samuel- und Könige-Büchern.

Schließlich: Aus dem „Nebeneinander von deuteronomistischer Partei und priesterlicher Partei (…) entwickelten sich in späterer Zeit die Parteien der Pharisäer und der Sadduzäer“. Das lässt nonchalant außer acht, dass die neueste Forschung von einem Konsens über die Charakteristika der Pharisäer und Sadduzäer gar nicht weiter entfernt sein könnte.

Ziemlicher Quark also, alles in allem, dieser Artikel – unwidersprochen hingenommener Quark. Und dann fehlen in der Literaturangabe auch noch Pflicht-Namen wie z.B. Eckart Otto.

Hinter dem niedlichen „Nebeneinander von deuteronomistischer Partei und priesterlicher Partei“ scheint mir vielmehr in Wahrheit eine hoch differenzierte, von uns Heutigen bloß nicht mehr gemeisterte theologische Dialektik zu stecken, die nahezu die gesamte Geschichte der jüdischen Religiosität durchzieht – und erklärt.

Was Einzelheiten angeht, möchte ich meinen Artikel von neulich zu diesem Thema an vorliegender Stelle nur um ein einziges konkretes Beispiel ergänzen.

Während die Könige-Bücher anerkanntermaßen den Abschluss des „deuteronomistischen Geschichtswerks“ bilden, fehlt entsprechende Anerkennung für die Aussage bei weitem, dass die Chronik-Bücher in gleich konsistenter Weise ein Element jener anderen theologischen Strömung bilden, die manche unter der Bezeichnung „Priesterschrift“ auf die ersten vier Bücher der Tora beschränkt sehen. Dabei beginnt die Evidenz für die Auffassung, dass diese eingeschränkte Sicht unhaltbar ist, schon bei der simplen Tatsache, dass schlichtweg keine andere mit dieser Ansicht vergleichbare Plausibilität für die Tatsache zu gewinnen ist, dass der Bericht der Samuel- und Könige-Bücher sich in den Chronik-Büchern inhaltlich nahezu monoton wiederholt. Der Sinn ihrer Kanonisierung kann letztlich nur darin bestehen, dass sie auf die Interpretation derselben historischen „Fakten“ durch Samuel/Könige „antworten“ – und zwar ebenso präzis wie andersmeinend. Diese andere Meinung also müssen wir gezielt aufsuchen. Dadurch aber erweist sich nicht allein die umfassendere theologische Kontext-Allianz, in der die Chronik-Bücher biblisch stehen, sondern auch deren bewusstes Selbstverständnis als zielgenaue Spitze gegen die deuteronomistische Literatur – und umgekehrt.

Zur grundlegenden Orientierung über den Dualismus zwischen „aaronidisch-priesterschriftlicher“ und „deuteronomistischer“ Literatur verweise ich hier noch einmal auf meinen Artikel von vor drei Tagen. Illustrativ beginnen möchte ich an dieser Stelle mit einer hervorstechend poetischen Schlussbemerkung der Chronik, die man am besten, wie alles Poetische, in den Worten Luthers zitiert: „Das Land hatte die ganze Zeit über, da es wüste lag, Sabbat, bis es an seinen Sabbaten genug hatte, auf dass siebzig Jahre voll wurden.“ (2Chr 36,21) Das ist die exemplarische Assoziation einer religiösen Mentalität, in deren Mitte der ordnungsgemäße Kult rangiert, den sie vom Israel und Juda der Königszeit verletzt sah. Die Königsbücher erzählen an vergleichbarer Stelle stattdessen lieber einige interessante Details über soziale Vorgänge im Kontext der Vertreibung.

Ferner ist etwa der Vergleich interessant, wie David seinen Sohn Salomo in 1Chr 22 gleichsam „testamentarisch“ beauftragt, den Tempel zu bauen. Laut 1Kön 2,1-9 hingegen geht es in Davids mündlichen Vermächtnis an Salomo um Gerechtigkeit, und zwar in zugespitzter Form, nämlich – ob man das nun schön findet oder nicht – um noch offene königliche Blutrache; der Tempelbau indessen ist gemäß 1Kön 5,17-19 ein freier Entschluss Salomos, entschieden keine Pflicht aus dem Erbe seines Vaters – diesem zwar bereits verheißen, aber eben als Prophezeiung, nicht als „Familienmission“. Die Verfasser sind spürbar bemüht, dies deutlich werden zu lassen. Dieses Beispiel lässt in gleichem Sinne wie das erste tief blicken hinsichtlich der fundamentalen Unterschiede zweier Theologien, die sich hier ausdrücken.

Das Desinteresse der Chronik am Nordreich im Vergleich mit den Könige-Büchern ist notorisch. Aber die Dichte erheblicher Abweichungen im letzten Chronik-Kapitel gegenüber Könige verdient besonders aufmerksame Beachtung. Hier lauert Botschaft.

In 2Kön 24,17 heißt es, Zedekja, der letzte König von Juda, sei der Onkel des zuvor von Nebukadnezar abgesetzten Jojachin gewesen. 2Chr 36,10 zufolge aber war Zedekja Jojachins Bruder. Auch fehlt dort die Angabe, Zedekja habe vor seiner Einsetzung Mattanja geheißen. Für die Frage, welche von beiden Versionen stimmt, spielt die folgende Mitteilung eine Schlüsselrolle, Zedekja sei bei seinem Amtsantritt einundzwanzig Jahre alt gewesen (2Kön 24,18 / 2Chr 36,11). Für einen Onkel zwar gewiss seltsam (ich selbst habe freilich eine Nichte, die ein Jahr älter ist als ich); für einen Bruder des während seiner kurzen Herrschaft achtzehnjährigen Jojachin (2Kön 24,8 / 2Chr 36,9) aber bei genauerem Hinsehen noch seltsamer, weil dann die Sukzession ursprünglich den Jüngeren vorgezogen hätte, ohne dass dies eines Kommentars gewürdigt worden wäre, und nicht zuletzt weil dann der gemeinsame Vater beider bei Zedekjas Geburt (wie wir wissen bzw. aus den diesbezüglich übereinstimmenden Quellen klar errechnen können) erst fünfzehn gewesen sein müsste, was doch ein bisschen extrem ist. Wahrscheinlicher ist also tatsächlich, dass Mattanja-Zedekja ein fünfzehn Jahre jüngerer Bruder von Jojachins Vater Jojakim war, womit die Brüder nicht nur denselben Vater, sondern durchaus sogar noch dieselbe Mutter gehabt haben könnten.

Um einer tieferen Bedeutung dieses Befunds auf die Spur zu kommen, müssen wir ihn allerdings zusammen mit weiteren bemerkenswerten Unterschieden am Ende von Könige und Chronik in den Blick nehmen:

– Das Ende Zedekjas: Während es in 2Kön 25,6-7 in schrecklichen Details geschildert wird, bildet es in 2Chr 36,17 eine beredte Lücke.

– Die Ausführlichkeit, mit der insbesondere die Zerstörungen und Verluste im Tempel geschildert werden: Alles, was der Absatz 2Kön 25,13-17 hierzu berichtet, fehlt in Chronik.

– Die Gedalja-Episode vom israelitischen Kollaborateur als babylonischem Statthalter von Juda, der ermordet wird: Auch sie kommt ausschließlich in 2Kön 25,22-26 vor.

– Und schließlich die merkwürdige „Begnadigung“ und „Rehabilitation“ Jojachins in seinem babylonischen Exil unter Amêl-Marduk (biblisch Ewil-Merodach) laut 2Kön 25,27-30 – auch sie singuläres Könige-Material.

Hinzunehmen mag man zu alledem noch ein erzählerisches Element, das sich zur Abwechslung exklusiv in der Chronik findet, nämlich im Zusammenhang des Endes König Josias: „Necho aber sandte Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Was habe ich mit dir zu tun, König von Juda? Nicht gegen dich ziehe ich heute, sondern gegen das Herrscherhaus, das mit mir im Krieg steht. Gott hat mir Eile geboten; lass daher ab von Gott, der auf meiner Seite steht; sonst wird er dich verderben. Doch Joschija zog sich nicht vor Necho zurück, sondern wagte es, ihn anzugreifen. Er hörte nicht auf die Worte Nechos, die aus dem Mund Gottes kamen, sondern trat in der Ebene von Megiddo zum Kampf gegen ihn an.“ (2Chr 35,21-22) Das heißt: Josia ergreift eine strategische Abwehr-Offensive, und der Chronist tadelt solche Art von Politik am ansonsten hochgelobten Josia – der Fromme soll sich seiner Meinung nach auf rein reaktives Verhalten in den Konflikten der Welt beschränken – und bringt seinen Tod auf dem Schlachtfeld mit diesem Fehler in Zusammenhang.

Was lässt sich aus all dem folgern?

Zedekja ist Onkel seines Vorgängers Jojachin und „durchbricht damit die ordentliche dynastische Deszendenz, ohne sie zu durchbrechen“ (weil Jojachin ja noch lebt, nur in Gefangenschaft ist), was nicht zuletzt zusammen mit der Annahme eines eigenen „Herrschernamens“, die anders als beispielsweise im verfeindeten Ägypten in Juda ganz unüblich ist, einen leichten Hautgout von Illegitimität forciert; Zedekja findet ein schreckliches Ende; die Zerstörung des Tempels wird in besonders apokalyptischen Farben gemalt; der israelitische Karriere-Kollaborateur wird gemeuchelt (seine Mörder fliehen vor babylonischer Rache nach Ägypten); der deportierte Jojachin wird begnadigt als lichtvoller Ausblick am Schluss – soweit die „deuteronomistische“ Perspektive der Könige-Bücher. Sie zielt, möchte ich behaupten, deutlich darauf ab, eine Kontinuität der JHWE-königlichen Weihegnade durch das Exil hindurch herzustellen, mit der sie den späteren Neuanfang andeutungsweise ideell verknüpft. Das widerspricht vehement der Einschätzung, die deuteronomistische Theologie sehe „das Volk“ anstatt der Könige und Priester als Träger der religiösen Tradition. Hier erscheint die göttliche Wahrheit geradezu als „monarchistisch-dynastisch“ gefärbt.

Entscheidend ist vielmehr: Die deuteronomistische Theologie fokussiert auf den gottgegebenen Landbesitz, und dieser ist unvermeidlich mit politischen Institutionen und Ämtern verbunden, die sakral legitimiert sein müssen. Diese Institutionen und Amtsinhaber müssen auch „strategisch“ und können nicht immer bloß „reaktiv“ handeln.

Die (nennen wir sie einmal so) „aaronidische“ Theologie der Chronisten hingegen stellt Zedekja in die gleiche Generation mit seinem Vorgänger Jojachin. Ungeachtet der erwähnten Ungereimtheiten „unter dem Mikroskop“ suggeriert diese Fiktion eine größere Legitimität Zedekjas als Herrscher, zumal dieser hier seinen Namen nicht wechselt. Mit Zedekja geht Judas Königtum „ganz legitim unter“. Weder muss eine besondere Strafe an der Person Zedekjas hervorgehoben werden – diese wird sogar auffällig vermieden -, noch kommt es laut Chronik zu einer Begnadigung Jojachins. Bei der Zerstörung des Tempels geben sich die Chronisten bemerkenswert unpoetisch und wortkarg. Und irgendwelche israelitisch-stämmigen babylonischen Statthalter über Juda spielen hier auch keine Rolle. Das will sagen: Es ist aus und vorbei – akzeptiert es einfach. Dieser Gesichtspunkt eröffnet gerade an den „Aaroniden“ der „Priesterschrift“ einen Charakterzug jener Innovation hin zum postexilischen Judentum, der meist zu unkritisch den Deuteronomisten zugeschrieben wird. Es genügt nicht, die „Aaroniden“ als „kultbezogen“ zu beschreiben – sie sind zugleich auch Kritiker der Fixiertheit auf das „Gelobte Land“ und neigen damit nach der Katastrophe von 597 zur Betonung des Gottes Israels als in einem Zelt Wohnenden – nicht in einem prächtigen, ortsfesten Tempel, dessen Zerstörung nur beweist, dass es größere Werte gibt als prächtige, ortsfeste Tempel.

Deshalb sagte ich bereits in meinem vorigen Beitrag zu diesem Themenkreis: Es sind meines Erachtens vor allem die Propheten, also die nicht hierarchisch etablierten religiösen Kräfte, die im Südreich Juda das „aaronidisch-priesterschriftliche“, im Nordreich Israel hingegen das „deuteronomistische“ Element in die religiöse Debatte einbringen – und erst nach dem Untergang des Nordreichs lädt sich auch die südliche Prophetie zunehmend deuteronomistisch auf, nicht zuletzt wohl ganz einfach durch emigrierte Propheten des Nordens. Die etablierte religiöse Hierarchie hingegen war im Süden, in Juda mit Jerusalem, tempel-zentriert, im Nordreich hingegen von Süden aus betrachtet ohnehin „schismatisch“, „häretisch“, „apostatisch“ oder einfach religiös lau und lax, so dass die alltägliche Moralität das überzeugendste Thema der dortigen Propheten sein musste, was ihre kultkritische, zugleich aber sehr „patriotische“ deuteronomistische Tendenz durchaus gut erklärt.

Das Groteskeste an beiden Versionen der Geschichte vom Beginn des Exils ist freilich das Fehlen jeglichen Hinweises ausgerechnet auf den Verbleib der Bundeslade. Auf diese Frage hatte wohl keine der beiden theologischen Parteien eine überzeugende Antwort. Dieses Eisen war so heiß, dass ihm einfach ausgewichen werden musste.

Kinder 2014

UNICEF bezeichnet 2014 als „katastrophales Jahr für Millionen von Kindern“. Exekutivdirektor Anthony Lake: „Kinder wurden zu Waisen gemacht, gekidnappt, gefoltert, als Kindersoldaten missbraucht, vergewaltigt oder als Sklaven verkauft. Noch nie in der jüngeren Vergangenheit waren so viele Kinder solch unaussprechlicher Brutalität ausgesetzt.“

Jedes „kluge“ Kommentieren dieser Tatsache wäre selbst schon ein Verbrechen. Ich wage nur den einen Satz: Eine echt religiöse „Gesinnung der Buße“ kann letztendlich nichts anderes bedeuten, als sich grundlegend zutiefst für diese ganze irdische Welt zu schämen – für das Unsägliche, das die Menschheit aus ihr gemacht hat.

Die zwei Parteien der Bibel

Das Evangelium des heutigen zweiten Adventssonntags im B-Lesejahr lautet:

„Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes: Es begann, wie es bei dem Propheten Jesaja steht: Ich sende meinen Boten vor dir her; / er soll den Weg für dich bahnen. / Eine Stimme ruft in der Wüste: / Bereitet dem Herrn den Weg! / Ebnet ihm die Straßen! So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden. Ganz Judäa und alle Einwohner Jerusalems zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. (Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften und er lebte von Heuschrecken und wildem Honig.) Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren. Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“ (Mk 1,1-8)

Unser Pfarrer hat dazu über „Anfang, Neuanfang“ gepredigt. Aber mich persönlich interessierte ein anderer Gedanke, eine andere Beobachtung mehr:

Allem Neuen geht ein „doppelt Anderes“ voraus: anders, weil weniger neu; anders, weil teilweise wesensfremd – und doch echte „Vorhut“, präziser „Pionier“ des „eigentlichen“ Neuen in einem durchaus spezifischen, nicht beliebigen Sinne. Das ist das Geheimnis alles Neuen.

Mir fällt auf, dass zu Johannes „die Einwohner von Judäa und Jerusalem“ kommen. In dieser Formulierung klingt die vorexilische Reichsteilung an. Elischa aber, mit dem, wie ich schon zeigte, Jesus von den Synoptikern parallelisiert wird, und dessen Meister Elia sind Propheten des israelitischen Nordreichs.

Dass nun der mit dem ehemaligen Nordreich assoziierte Galiläer Jesus Jünger des hier deutlich als „Süd“-Prophet charakterisierten Johannes wird, ist zwar gewissermaßen ein „pan-israelitisches“ Versöhnungssymbol. Aber der asketische Apokalyptiker mit dem rituellen Fokus steht für etwas deutlich anderes als sein „Nachfolger“ Jesus, der sich weder für Apokalypse noch für Askese noch für Rituale sonderlich interessiert.

Damit spiegeln Johannes und Jesus aber möglicherweise noch etwas anderes: nämlich die Dialektik von „priesterschriftlicher“ (hier kurz: „P“) und „deuteronomistischer“ (hier kurz: „D“) Theologie in der hebräischen Bibel. Ich erinnere im folgenden nur ganz knapp daran, worum es dabei geht:

„P“: Betonung des Kultes, Programm „Gesetz und Kult“ in dem Sinne, dass im Mittelpunkt des Gesetzes das Kultgesetz steht; Sinn des Erzählens ist das geschichtliche Wachstum kultischer Institutionen; versus „D“: Betonung des Gesetzes als Instrument irdischer Gerechtigkeit, der Moral und der sozialen Ordnung; Sinn des Erzählens ist historisches Exemplifizieren des Tun-Ergehen-Zusammenhangs. „P“: Sinai als Abschluss der Gesetzgebung: Das Gesetz hat vor allem eine VORgeschichte, Gott hat alle Wahrheit schon in der Schöpfung grundgelegt, von wo aus sie sich fast linear entfaltet; versus „D“: Sinai als Anfang der Gesetzgebung, Abschluss an der Grenze des Gelobten Landes: Das Gesetz hat vor allem eine NACHgeschichte, es ist die zweite und eigentliche Schöpfung. „P“: Perspektive der „Diaspora“ (Wüstenwanderung): Landgabe ist nicht entscheidend für das auserwählte Volk; Symbol hierfür: „Zelt der Begegnung“ („Offenbarungszelt“, Luther: „Stiftshütte“) mit der Bundeslade; versus „D“: Perspektive des „Heiligen Gelobten Landes“: Landgabe ist entscheidend für das auserwählte Volk; Symbol hierfür: Tempel in Jerusalem als von der Geschichte letztendlich bestimmter zentraler heiliger Ort. „P“’s wichtigster literarischer Held neben Mose: Aaaron; versus „D“’s wichtigster literarischer Held neben Mose: Josua. „P“’s zentrale „Hausmacht“ in der hebräischen Bibel: Genesis und Exodus bis Kapitel 16 sowie Chronik; versus „D“’s zentrale „Hausmacht“ in der hebräischen Bibel: Deuteronomium bis Könige („deuteronomistisches Geschichtswerk“). „P“: Betonung des „Alten“, Legitimation durch Anciennität, unterstrichen durch „Archaismus“ des poetischen Stils (monoton, formelhaft, schematisch); versus „D“: Betonung des „Neuen“ im Sinne eines „IMMER Neuen“ der Offenbarung des Gesetzes in seiner Auslegung als situativer Rechtsanwendung. „P“: Unmittelbarkeit der Offenbarung, Bedeutung der Gottesrede, unbeirrbarer Zusammenhang von Verheißung und Erfüllung; versus „D“: Mittelbarkeit der Offenbarung durch das Gesetz, Auseinandersetzung mit Schweigen und „Meinungswechseln“ Gottes.

Die Chronikbücher fokussieren auf Juda. Ihre Theologie ist der „priesterschriftlichen“ Partei zuzuordnen. Die „deuteronomistischen“ Könige-Bücher beziehen das Nordreich Israel gleichberechtigt in ihre Perspektive mit ein. Ihre Helden sind dabei die Propheten, die gegen die frevelhaften Nord-Könige auftreten, vor allem Elia und Elischa.

Vielleicht ist dieser Befund wie folgt zu erklären:

Während der Reichsteilungszeit unterschied sich die nördliche markant von der südlichen Prophetie. Während die südliche Prophetie sich mit ihrem „aaronidischen“ Charakter gegen den Landnahme- und Jerusalem-Zentrismus richtete und dabei die – gleichwohl kultgesetzlich fokussierte – „Priesterschrift“ hervorbrachte, stellte die nördliche Prophetie im Kampf gegen „gottlose“ Könige alle kultischen Fragen beherzt hintan und brachte stattdessen die „deuteronomistische Säkulargerechtigkeits“-Theologie hervor. Erst mit dem Schock von 722 wurden dann auch die weiteren Propheten des allein übrig gebliebenen Südreichs zunehmend „deuteronomistisch“ – allen voran Jeremia, der Lieblingsprophet Jesu. „Im Gegenzug“ musste die im Norden wurzelnde Prophetie sich mit ihrem 125 Jahre früher beginnenden Exil umso einschneidender von ihrer Landbesitz-Fixierung lösen.

Wir müssen zur Erklärung des theologiegeschichtlichen Geschehens also gleichsam eine dreidimensionale Matrix heranziehen, deren drei Dimensionen (1.) der „außenpolitische“ Dualismus zwischen Nordreich und Südreich, (2.) der jeweilige „innenpolitische“ Dualismus zwischen Establishment und Prophetie und (3.) der Dualismus der Epochen, das Früher und Später der historischen Zeit sind. Das macht die Sache natürlich ein wenig komplex.

(Interessant ist in diesem Zusammenhang insbesondere 1Chronik 23,26-29: „Die Leviten brauchen das Zelt und all seine Geräte für den Dienst nicht mehr zu tragen. (Nach den letzten Anordnungen Davids zählte man die Leviten von zwanzig Jahren an aufwärts.) Ihre Stellung im Dienst des Hauses des Herrn an der Seite der Söhne Aarons verpflichtet sie vielmehr zur Aufsicht über die Höfe und Kammern, zur Reinigung alles Heiligen, zum Dienst im Haus Gottes, zur Besorgung der Schaubrote, des Feinmehls für die Speiseopfer und die ungesäuerten Brote, der Bratpfannen und des Backwerks sowie zur Überwachung der Hohl- und Längenmaße.“ Hier werden also die „übrigen Leviten“ von den „Nachkommen Aarons“ auffallend deutlich unterschieden, wie das sonst innerhalb eines Stammes nicht üblich ist.)

Dies ist freilich als experimentelle Arbeitshypothese, nicht als abschließende Wahrheitsbehauptung zu betrachten. Sie weicht insbesondere auch darin von den Pfaden herkömmlicher Interpretation ab, dass sie der Prophetie erheblichen Einfluss auf die biblische Textentstehung zuschreibt, die gewöhnlich als reines Werk der religionsamtlichen Hierarchie gesehen wird (daher auch der Ausdruck „Priesterschrift“ – was aber auf die klassische Deutung des Deuteronomiums letztlich nicht weniger zutrifft).

Meine zweite Arbeitshypothese lautet, dass es dieser weitere und tiefere jüdisch-theologische Kontext ist, in den Mk 1 das Auftreten Jesu und sein Verhältnis zu Johannes zu setzen strebt.

Dabei erscheint Johannes klar als „priesterschriftlicher“, Jesus hingegen als „radikal-deuteronomistischer“ Prophet.

Meine dritte Arbeitshypothese in diesem Zusammenhang schließlich fragt, ob sich diese Polarität auch auf das gesamte Verhältnis der Ursprünge von „rabbinischem“ Judentum und „christlichem Judentum“ ausweiten lässt – ausgehend von der Annahme, dass beide mehr oder weniger gleichzeitig aus der Krise des antik-hellenistischen Judentums im 1. Jahrhundert u.Z. hervorgegangen sind, indem nämlich das rabbinische Judentum nur den gesetzlichen, das Christentum hingegen nur den missionarischen Aspekt des beides umfassenden hellenistischen Judentums fortführte und dabei das jeweils „einseitig“ Übernommene noch erheblich radikalisierte.

Dieser Hypothese zufolge steht, vereinfacht gesagt, das rabbinische Judentum eher in „priesterschriftlicher“, das Christentum hingegen eher in „deuteronomistischer“ Tradition – wobei man diese Formulierung bei eingehender Betrachtung freilich noch in mancher Hinsicht differenzieren muss.

Eine Selbstbetrachtung (Kata Heauton)

Ich habe noch niemals positiv gedacht und bin immer sehr gut damit gefahren. (Könnte von Karl Valentin sein.)

Meine Träume verändern sich: Sie träumen immer weniger von idealen Strukturen. Ein „schöner Moment“ ist genau das, wozu wir niemals selbst eine „Struktur dahinter“ hätten erschaffen können: Er ist wesentlich Phänomen einer „Oberfläche, die nicht oberflächlich ist“.

Gleichzeitig betrachte ich diejenigen, die – so wie ich selbst früher – noch damit beschäftigt sind, „ideale Strukturen“ schaffen zu wollen, und bemerke: Oft strahlen Taten von Menschen, die wir für weniger reif halten als uns selbst, dennoch eine anziehende, ansteckende, echte Begeisterung aus, der eine tragfähige, gültige Kraft und Motivation innewohnt. Wohl deshalb, weil sie dabei ganz „mit sich selbst übereinstimmen“. Das impliziert die Folgerung: Je weiter wir über die gewöhnlichen, landläufigen menschlichen Lebensmotive hinaus reifen, desto anspruchsvoller wird die Aufgabe, mit sich selbst übereinzustimmen, weil sie mithin zunehmend bewusst vollzogen werden muss und zugleich jenes „Selbst“, mit dem wir kontinuierlich übereinstimmen wollen und sollen, immer unschärfer wird.

Denn wir bearbeiten unsere Lebensthemen – wie beispielsweise unsere Liebesbeziehungen oder Traumata, aber auch vieles andere – „wellenförmig“, und dazu gehört offenbar häufig bis meist das Vergessen der jeweils vorangegangenen Bearbeitungs-„Welle“. Irgendwann aber wird uns dieses Muster als solches bewusst. Wir lernen unsere existenziellen „blinden Flecken“ als solche zu sehen, zu bemerken. Und dieser Moment bedeutet einen weiteren erheblichen Schritt in einer heilsamen Art von Auflösung oder immerhin Relativierung unseres „Ich“, unseres „Selbst“.

Einerseits bin ich stolz auf meine relativ gut ausgeprägte Fähigkeit, über mein Leben „den Überblick zu behalten“; andererseits ist genau das aber eben viel zu anstrengend. Man muss den Überblick über „das Leben“, ja sogar auch bloß individuell über sein Leben, aufgeben, um überhaupt wahrhaft leben zu können. Man muss die Idee der Sicherheit loslassen. Überblick, Sicherheit, Strukturen – das gehört alles eng zusammen. Es ist die Enge des Sarges. Ein Sarg ist vorbildlich strukturiert, übersichtlich und sicher. Seltsamerweise halten es sogenannte Lebende darin nicht aus.

Wir verlangen Antworten auf unsere Frage, wie das Leben in der Theorie funktioniert, und das wird manchem wichtiger, als es praktisch zu leben. Das ist der Kapitalfehler, den wir hinter uns lassen müssen, die Ur-Sünde, von der wir erlösungsbedürftig sind. Diese Welt ist mit einem Luftballon zu vergleichen:  Sie sinkt, und ER tippt sie wieder an. Teilweise fliegt sie „von selbst“; aber eben nur teilweise. Wenn wir sie sinken fühlen, denken wir, sie sei unausweichlich zum Untergang verurteilt. Plötzlich der nächste göttliche Fingerschnipser! Und schon meinen wir wieder, wir brächten sie zum Steigen. Wir verlangen eine Entscheidung, ob die Welt aus sich selbst, aus uns selbst Bestand hat oder nicht. Wir hadern unversöhnlich mit dem Sowohl-Als-Auch. Aber genau dieser Hader ist der Motor unseres eigentlichen, wahren Lern- und Entwicklungsprozesses, dessen wir zwar grundsätzlich gewahr sind, den wir aber lieber in unsere eigenen, selbstgemachten, übersichtlichen, sicheren, strukturierten Pläne und Programme bannen würden.

Was uns not tut, könnte vielleicht eine neuartige Besetzung von „Migration“ als Wertbegriff sein. Das Meiste, was gegenwärtig zur wohlmeinenden Aufwertung der vielen „Migranten“ in unserem Land geäußert wird, ist Unfug. Viel wichtiger und hilfreicher ist die grundlegende Erkenntnis: „Stagnationskulturen“ gestalten Zukunft nicht in der Weise, in der wir es tun sollten. Heutige „Bajuwarismen“ z.B. sind nichts weiter als eine solche „Stagnations“-, eine „Retro“-Kultur. Migration hingegen ist Bewegung, sie setzt kreative kulturelle Kräfte frei. Natürlich gilt das nicht von jedem einzelnen Migranten; und auch viele Diaspora-Gemeinschaften sind das kulturell Stagnativste, was man sich denken kann. Aber das ist bei unverwirrrter Betrachtung immer nur das Quentchen Disfunktion, das jeder Funktion innewohnt. Meine sämtlichen Vorfahren sind seit so vielen Jahrhunderten „ur“- und „kern“-deutsch, dass ein möglicher vereinzelter nord- oder westslawischer Zustrom sich nur noch vage erahnen lässt. Und doch fühle auch ich mich durch und durch als Migrant – nicht zuletzt in jenem Sinne Heinrich Bölls, der meinte, ein religiöser Mensch könne in dieser Welt nie ganz zuhause sein.

Ein solches neuartiges geistiges Verständnis von Migration überwindet insbesondere auch den unfruchtbaren, veralteten Dualismus zwischen „konservativ“ und „progressiv“: „Migranten“ sind immer konservativ, weil sie immer progressiv sein müssen.

Ich möchte zum Abschluss zwei Stellen aus der Bibel zitieren, in denen sich diese Überlegungen spiegeln:

„Nun befahl der König dem ganzen Volk: Feiert das Pessachfest zur Ehre des Herrn, eures Gottes, wie es in diesem Bundesbuch vorgeschrieben ist. Ein solches Pessach war nämlich nicht gefeiert worden seit den Tagen der Richter, die Israel regierten, auch nicht in der ganzen Zeit der Könige von Israel und Juda. Erst im achtzehnten Jahr des Königs Joschija wurde dieses Pessach zur Ehre des Herrn in Jerusalem begangen.“ (2Kön 23,21-23)

Wenn unsere Datierung stimmt, geschah dies im Jahr 622 v.u.Z., also exakt hundert Jahre nach der endgültigen Vernichtung des Nordreichs Israel durch die Assyrer – hundert Jahre, während derer schon das Damoklesschwert des gleichen Schicksals über dem Südreich Juda drohte. Das neue, alte Gesetzbuch, das die Priester Joschijas bei der Renovierung des salomonischen Jerusalemer Tempels „fanden“, wird traditionell mit dem fünften und letzten Buch der Tora, dem „Deuteronomium“ gleichgesetzt – und steht in dem dringenden Verdacht, in Joschijas Auftrag überhaupt erst erschaffen worden zu sein als Antwort auf die Herausforderungen seiner Zeit. Das Pessachfest erscheint durch diese Sätze einerseits als alt, andererseits als neu; denn man kann nicht ernsthaft kulturell an etwas anknüpfen, das über 400 Jahre lang nicht „mehr“ praktiziert wurde. Nur 25 Jahre nach Joschijas großer Kultreform aber wandert auch die Oberschicht von Juda ins Babylonische Exil und die Staatlichkeit des Südreichs folgt der des Nordreichs in die endgültige Erledigung. Die zitierten Sätze werden allerdings sehr wahrscheinlich erst nach dem Babylonischen Exil verfasst, frühestens rund hundert Jahre nach Joschija, und verleihen dem „eigentlichen“, „hellenistischen“ Judentum, – das fortan nicht mehr als „Israeliten“ bezeichnet wird -, eine Traditionsgrundlage, die historisch und fiktiv zugleich ist.

Überblick, Sicherheit, Struktur, Identität – und zugleich doch der Offenbarungseid über all dies.

In einem ähnlichen Sinne heißt es in 2Chronik 3,1: „Salomo begann, das Haus des Herrn in Jerusalem auf dem Berg Morija zu bauen, wo der Herr seinem Vater David erschienen war, an der Stätte, die David bestimmt hatte, auf der Tenne des Jebusiters Arauna.“

Einerseits ist dies die einzige Stelle, in der der Tempel explizit mit der Legende von der „Tenne Araunas“ in Verbindung gebracht wird, über die ich bereits geschrieben habe; andererseits stellt dieses Zitat noch eine weitere Sinnverbindung her, die es ebenfalls singulär belegt. Denn in Gen 22,2 heißt es: „Gott sprach (zu Abraham): Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“

Auch hier also wieder: Überblick, Orientierung, Sicherheit, Struktur, Identität. Und gleichzeitig ernüchternde Durchschaubarkeit des künstlich Gewollten, des „Mutwillens zum Mythos“. Und zwar ohne jeden wortreichen Versuch der Verbrämung – DAS ist das eigentlich und wahrhaft Große daran, insbesondere im Vergleich mit der sonst üblichen orientalischen Opulenz des Fabulierens. Hier wird nicht gesagt: „So ist es gewesen“, sondern: „So ist der Mensch.“

Apokalyptischer Advent

Wir sollten unsere Aufmerksamkeit darauf lenken, dass das Evangelium, mit dem das Kirchenjahr am 1. Advent beginnt, die sogenannte „kleine Markus-Apokalypse“ ist. Das gilt im Grunde von allen Lesejahren, denn alle Synoptiker folgen hierin Markus (Lesejahr A: Mt 24,29-44; Lesejahr C: Lk 21, 25-28.34-36) Matthäus folgt Markus dabei freilich weitaus deutlicher als Lukas; aber auch er hat Markus verändert. Von vier meines Erachtens entscheidenden Punkten der Markus-Fassung bringt Lukas keinen, Matthäus nur drei in hinreichender Deutlichkeit. Dieses Jahr hören wir also „das Original“. Und was sind die vier für mich so bemerkenswerten Punkte darin?

Der Vergleich mit dem Feigenbaum wendet die Apokalyptik ins radikal Positive: Nicht auf den Herbst wird fokussiert, sondern auf den Sommer, um das „Ende“ zu charakterisieren. Es geht um das Ende des Leidens und der Unterdrückung, die in unseren irdischen Zuständen herrschen. Wahrscheinlich hat John Dominic Crossan also recht, wenn er betont, der ursprünglichen christlichen, authentisch jesuanischen Apokalyptik (die damit eigentlich im zeitkulturellen Vergleich eine polemische Anti-Apokalyptik ist) gehe es nicht um „das Ende der Welt“, sondern um das Ende des „REICHS dieser Welt“: „Diese“ Welt muss durchaus nicht gleich untergehen, sie kann sich auch ändern. Freilich ist diese Änderung dann eine so radikale, dass sie eo ipso der Vernunft genauso widerspricht wie die „jenseitige“ – nicht mehr ursprüngliche – Apokalyptik eines Johannes „von Patmos“.

„Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis das alles eintrifft.“ (Mk 13,30) Gilt das immer noch? Was bedeutet das dann? Es bedeutet letztlich zwingend, dass es sich dabei nicht um ein „historisches“ Ereignis handeln kann, sondern um ein „inneres“ Ereignis handeln muss.

„Die Stunde kennt niemand (…), nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Mk 13,32) Eine Aussage, die wir viel zu wenig in unsere „triumphalistische“ Christologie einbeziehen.

Und schließlich vergleicht Jesus bei Markus seine Jünger mit Türhütern: „Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.“ (Mk 13,34) Die christliche Rolle des Türhüters tritt selbst bei Matthäus nicht so deutlich heraus wie bei Markus. Sie bedeutet unter anderem: Viele andere Funktionen hat der Christ in der irdischen Welt nicht. Wir sollten uns „nicht zu viel vornehmen“.

Vor allem nicht im Advent.

Vignettensammlung Dezember 2014

Rechenformel zur Bestimmung des aktuellen der drei Sonntags-Lesejahre, falls man es einmal vergessen hat: Quersumme der (ganzen) Jahreszahl abzüglich des größtmöglichen Vielfachen von 3 = Rest entweder 0, 1 oder 2, entsprechend A, B oder C, entsprechend also Matthäus, Markus oder Lukas; Beispiel: Quersumme aus 2014 ist 7, abzüglich 6 = Rest 1 = Lesejahr B = Markus. Die kalendarische Jahreszahl bezieht sich dabei natürlich immer auf dasjenige Lesejahr, das darin mit dem 1. Advent beginnt.

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Bildung besteht eigentlich und wesentlich darin, unterschiedlichste menschliche Lebensstrategien zu kennen und zu durchschauen gelernt zu haben.

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Es ist lobenswert, über Leichen zu gehen, die man nicht selbst umgebracht hat.

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Je mehr ich im Alten Testament lese, desto klarer steht mir vor Augen, was die letzte theologische Bedeutung der fremden Götzen ist, an die Israel immer wieder vom HERRN abfällt, wofür es entsetzlich bestraft wird (aber wenn das Volk zu seinem wahren Gott zurückkehrt und Buße tut, wird es in Gnade wieder angenommen und erfährt Wohlergehen). Die sieben Größten dieser Götzen tragen in Wahrheit folgende uns bestens bekannte Namen:

Habe, Vermögen, Eigentum, Recht, Rechtfertigung;

Macht, Einfluss, Gewalt, Herrschaft, Autorität;

Ansehen, Ehre, Ruhm, Status, Prominenz, Popularität;

Schönheit, Attraktivität, Charme, Eleganz, Coolness, Witz;

Genuss, Lust, Triebbefriedigung, Vergnügen, Spaß;

Wissen, Wissenschaft, Vernunft, Intelligenz, Klugheit, Begabung, Kunst;

Ordnung, Sicherheit, Frieden, Strukturen, Technik, Disziplin, Moral.

Solange dies rein irdische Werte sind, ist nicht grundsätzlich, zwingend und automatisch etwas verkehrt an ihnen; aber ihre Verderben bringende Vergöttlichung liegt nur zu nahe – dem Menschen wohnt eine fatale, starke Tendenz dazu inne.

Nach dem Zeugnis von 2Kön 5,18-19 ist es möglich, dass der formale Akt der Götzenverehrung von Gott vergeben wird, wenn er unter klarer, angekündigter Mentalreservation ausgeführt wird.

Das heißt, wir müssen uns nicht mit dem irdischen Leben anlegen, indem wir all das oben Aufgelistete schroff zurückweisen. Aber wir dürfen diesen Werten immer nur mit wachstem Bewusstsein dienen, dass sie uns niemals zu Pseudo-Gottheiten werden dürfen. Sie rechtfertigen niemals „alle Mittel“.

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Es ist eine ganz bestimmte Form von Abenteuer, wenn man von einer ganz bestimmten Form von Abenteuer zu einer anderen übergeht; beispielsweise vom Abenteuer der Reise zum Abenteuer der Stille; vom Abenteuer der Schatzsuche (nach dem Traumberuf, dem perfekten Ehepartner usw.) zum Abenteuer des Schatzhütens; vom Abenteuer der Karriere, des Ehrgeizes und der Gier zum Abenteuer, „prekär“, demütig und frei seinen Lebensunterhalt zu verdienen, also zum einzigen echten Abenteuer der Freiheit; vom Abenteuer des politischen Kampfes zum Abenteuer der friedlichen, harmonischen, nachbarschaftlichen und geschwisterlichen Koexistenz in einer vertrauensvollen, persönlichen Konsens-Gemeinschaft; vom Abenteuer der wissenschaftlichen Forschung zum Abenteuer, ein Kind großzuziehen; vom Abenteuer der künstlerischen Kreativität zum Abenteuer einer Erneuerung der Religion.

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Mir wird immer deutlicher, dass es einige Arten von seelischen Traumatisierungen gibt, die bei in den 70er-Jahren Geborenen nicht bloß individuell sind, sondern ein sozialgeschichtliches Muster bilden: das Trauma der Kriegsenkel, teilweise sogar noch der späten echten Kriegskinder; das Trauma der extremsten „Kinderwagen-Generation“, der reihenweise „abgelegten Flaschenkinder“, die laut damaligem gesellschaftlichem Dogma nicht im Elternbett schlafen sollten, wenig am Körper ihrer Eltern getragen und oft überhaupt nicht gestillt wurden mit der Behauptung, viele Frauen könnten das eben einfach nicht (was in Wahrheit nur auf wenige Mütter tatsächlich zutrifft); das gesteigerte Trauma der Schule, von deren zeitlosen Absurditäten man sich innerlich überhaupt nicht mehr distanzieren konnte, nachdem die 68er den sozialtechnokratischen pädagogischen Totalitarismus erfunden hatten, der in seinem eklatanten Mangel an organischer Lebensweisheit bemerkenswerterweise gleichzeitig das gesellschaftliche Ansehen des Lehrerberufs und damit die Qualität der schulischen Lehre immer weiter abwertete; schließlich das Trauma der „offiziellen Postmoderne“, die religiöse Haltungen faktisch explizit und musische Lebenszugänge faktisch implizit disqualifizierte zugunsten einer diffusen „Wissenschaftlichkeit“ des geistig dürftigen, in verleugneter Wahrheit aber mit erheblichem Oktroy besetzten allgemeinen Leit-Weltbildes und damit eine große und wichtige menschliche Veranlagungs- und Charaktergruppe unterschwellig diskriminierte (die „inoffizielle“, weltanschaulich wirklich freie „Postmoderne“ stellt übrigens ein viel geringeres Problem dar). Das besonders Interessante und Problematische an diesen vier großen und typischen Traumata der „Kinder der 70er“ ist, dass sie den Betroffenen bis heute überwiegend kaum bewusst zu sein scheinen und dadurch ihre Wirkung im Verborgenen umso verheerender entfalten.

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Zu unterschiedlichen Zeiten, unter verschiedenen Umständen, ergreifen unterschiedliche psychische Komplexe von uns Besitz. Darum ist „undifferenzierte Zuneigung“ zu Menschen unklug: Denselben, den man vielleicht in einer Schulklasse von 15-Jährigen verständlicherweise am liebsten meiden möchte, kann man zu anderer Zeit seines Lebens unter anderen Umständen als Erleuchteten erleben. Wahre Menschenliebe muss also etwas Tiefgründigeres sein als ihre oberflächlichen Äußerungsformen der verbalkommunikativen Hin- oder Abwendung.

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Die Menschen machen keinen Schritt auf die Wahrheit zu, solange sie nicht bereit werden, das, was auf den ersten Blick negativ zu sein scheint, noch ein zweites Mal unbefangen anzuschauen: das Kreuz; konkret bestehend beispielsweise darin, dass das, was wir landläufig „Arbeit“ nennen, nach biblischem Bekunden eine „Strafe für die Ur-Sünde“ ist und als solche niemals in und aus sich selbst befriedigend, lebenserfüllend, sinnstiftend und „selbstverwirklichend“ sein kann, sondern nur aus dem kosmischen Zusammenhang heraus, auf den sie bezogen ist. Wir leben heute in einer Zeit, die ganz besonders wenig bereit ist, solche Sätze zu akzeptieren. Umso wichtiger ist es, diese Sätze beharrlich zu wiederholen. Das Kriterium dafür kann nicht sein, ob es uns gelingt, diese Sätze „in zeitgemäße Sprache zu übersetzen“. Wenn es uns nicht gelingt und wir für diese Sätze zurückgewiesen werden – nun, dann müssen wir eben in noch größerer Demut fortfahren, sie zu äußern und zu versuchen, ihre tiefe, befreiende Positivität zu vermitteln, so schwer diese für viele Zeitgenossen auch zu erfassen sein mag.

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2Chr 6,36 spricht die biblische Sündentheologie besonders klar aus: Es gibt niemand, der nicht sündigte.

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Oculi enim eius contemplantur universam terram et praebent fortitudinem his qui corde perfecto credunt in eum. (2Chr 16,9)

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Weder 2Kön 22 noch 2Chr 34 legt dem Wortlaut zufolge nahe, es habe sich bei König Josias Fund während der Tempelrenovierung speziell um das Deuteronomium gehandelt. Diese Aussage ist reine Interpretation.

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1Chr 11,23: „Goliath“, mythologisch zu erkennen am „Weberbaum“, ist hier – zusätzlich zur Doublette seines Auftretens in den Könige-Büchern – überhaupt jemand ganz anderes, nämlich ein namenloser „ägyptischer Mann“. Das beweist, dass es sich um eine wandernde Legende handelt.

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Mir ist bisher nie so klar aufgefallen, dass die christliche Ämterhierarchie Episkopos – Presbyteros – Diakonos strukturell die jüdische spiegelt: Hohepriester – Priester – Levit.

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Man kann die klassische Trias der Vollzugsformen der Kirche durchaus mit einigem Sinn der Dreistufigkeit ihrer Ämterhierarchie zuordnen: Diakonie ist die Kernkompetenz der Diakone, Liturgie die Kernkompetenz der Presbyter, „Martyrie“ die Kernkompetenz des Episkopats. Das würde auf eine Hierarchie auch der kirchlichen Vollzüge hindeuten, in der die Liturgie entgegen einer landläufigen Strömung traditioneller Theologie nicht an oberster Stelle steht. Das entspricht Sacrosanctum Concilium 9: Sacra Liturgia non explet totam actionem Ecclesiae; nam antequam homines ad Liturgiam accedere possint, necesse est ut ad fidem et conversionem vocentur…

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Es bedeutet etwas ganz anderes, ob ein Narzisst darüber klagt, dass ein Menschenleben nichts mehr wert sei, oder ein Christ.

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Sucht zuerst Gottes Reich und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch hinzu gegeben (Mt 6,33) ist eine Anspielung auf die Verleihung der Weisheit Salomos: In Gibeon erschien der Herr dem Salomo nachts im Traum und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll. Salomo antwortete: (…) Ich bin noch sehr jung und weiß nicht, wie ich mich als König verhalten soll. (…) Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. (…) Es gefiel dem Herrn, dass Salomo diese Bitte aussprach. Daher antwortete ihm Gott: Weil du gerade diese Bitte ausgesprochen hast und nicht um langes Leben, Reichtum oder um den Tod deiner Feinde, sondern um Einsicht gebeten hast, um auf das Recht zu hören, werde ich deine Bitte erfüllen. Sieh, ich gebe dir ein so weises und verständiges Herz, dass keiner vor dir war und keiner nach dir kommen wird, der dir gleicht. Aber auch das, was du nicht erbeten hast, will ich dir geben: Reichtum und Ehre, sodass zu deinen Lebzeiten keiner unter den Königen dir gleicht. Wenn du auf meinen Wegen gehst, meine Gesetze und Gebote befolgst wie dein Vater David, dann schenke ich dir ein langes Leben. (1Kön 3,5-14, entsprechend auch 2Chr 1,7-12)

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Noch nie waren so viele Christen Verfolgung ausgesetzt wie heute. Erzbischof Zollitsch hat das am 18.11.2014 erwähnt.

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Ja, natürlich klammere ich mich an meinen Glauben wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring. Jedes andere Verhältnis zur Religion verdient wenig Achtung.

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Die Frage, ob man “glücklich” ist, ist tatsächlich ein schlechtes Kriterium zur Orientierung im Leben; und die Frage, ob man “Sinn” erkennt, ein zweifelhaftes. Das zu begreifen, ist sehr schwierig, aber essenziell. Es bedeutet nicht, dass man darauf verzichtet, glücklich und sinnerfüllt leben zu wollen. Aber selbst “Glück” und sogar “Sinn” sind keine Leitwerte, sondern können immer nur Nebenprodukt von etwas anderem, viel größerem sein. Hiobs Existenz ist unglücklich und sinnlos – wer meint, am Ende seiner Geschichte würde sich daran etwas ändern, hat sie nicht verstanden. Daran ändert sich nichts, denn natürlich ist mit einer neuen Familie statt der toten nicht einfach “alles wieder gut” in der Seele eines Menschen – wie absurd! -; sondern etwas ganz anderes ändert sich für Hiob und in Hiob im Lauf der Erzählung.

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Advent. Das Jahr der Kirche beginnt mit Stille und Fastenzeit, nicht mit Raketen und Alkohol. Wer erlebt hat, wie Babys manchmal nur noch der Föhn beim Einschlafen hilft, begreift erst so recht, wie mühsam wir Menschen die Stille lernen müssen.