Karriere-Bettler

Ein pfiffiger Bursche mit klaren Augen kommt an die Zugabteiltür und stellt sich mit der Bemerkung vor, er sei „ohne Geld unterwegs“. Weil seine muntere Erscheinung mich an Jesus erinnert, greife ich in die Tasche. Was aber hätte ich, frage ich mich unverzüglich, einem gegeben, in dem alles erloschen wirkt, der nur stumm greint und stinkt, oder – fraglicher noch – in dessen Blick ich zu Recht oder zu Unrecht die kalte Abgebrühtheit der wohlorganisierten Banden zu erkennen glaube? Dieses Almosen war vielleicht gerade deshalb besonders gut, weil es allzu offensichtlich keine sichere moralische Leistung war, und gerade darum verstehen lehrt: Gott oder der Kosmos schickt uns die Bettler zu dem Zweck, dass wir nicht in Ruhe gelassen werden; denn es will uns einfach nicht aufrichtig stimmig gelingen, über unseren Umgang mit Bettlern sinnvolle Regeln aufzustellen, solange wir sie nicht alle persönlich kennen mit ihrer ganzen wahren Geschichte – aber persönlich kennen möchten wir sie wiederum gar nicht, da sie ja Bettler sind. Jeder Bettler ist ein Zwickmühlespiel des Universums gegen uns, das wir immer nur verlieren können, ob wir unseren Groschen hineingeben oder nicht. Diese Erkenntnis ist unser großer potenzieller Gewinn dabei.

Das Zwei-Phasen-Gesetz

Eine Welt ohne die Dimension der Zeit können wir uns nicht vorstellen. Und doch sind auch die Naturwissenschaftler ziemlich einhellig zu der Feststellung gelangt, dass die Zeit keine allgemeine, sondern eine besondere, nur für gewisse kleine Ausschnitte der kosmischen Wirklichkeit geltende Bedingung des Seins ist. In dieser unserer zeitbedingten menschlichen Erfahrungswelt wird Ganzheit der Erfahrung durch aufeinanderfolgende, einander ablösende Phasen der Verwirklichung von Unterschiedlichem und Gegensätzlichem erreicht. Gerade jene elementaren irdischen Zustände und Umstände, die insgesamt die langfristigste Dauerhaftigkeit unter allen Erscheinungen erreichen, stellen sich dabei typischerweise wechselphasig-zweiphasig dar: der Herzschlag; der Atem; Tag und Nacht; der Jahreslauf mit Sommer und Winter.

Ausdehnung und Zusammenziehung

In diesen Beispielen trägt immer die eine Phase das grundlegende Merkmal der Ausdehnung oder Äußerung, die andere das der Rücknahme, der Sammlung. Gerade diejenigen Menschen, die völlig dem Glauben an die alleinige Wirklichkeit der Formenwelt verhaftet sind und der gedanklichen Identifikation ihres innersten Selbst mit diesen Formen, deren ausnahmslose Vergänglichkeit sie nicht wahrhaben wollen, geraten bezeichnenderweise in einen zermürbenden Konflikt mit diesem abwechselnd-zweiphasigen natürlichen Rhythmus und Takt des Lebens. Sie können ihn nicht akzeptieren, sie kämpfen gegen ihn an und schädigen sich dabei selbst. Sie passen ihre Tätigkeiten und Pläne nicht den Jahreszeiten an und geraten dadurch in Stress und Unfälle; sie machen in ihren ungesunden Lebensgewohnheiten die Nacht zum Tag und dehnen ihren unerholsamen Schlaf dafür über den Morgen hinweg bis zu einer Stunde aus, zu der die Sonne bereits hoch am Himmel steht; ihr Atem geht ungleichmäßig, gepresst und stockend, sie sind ständig entweder knapp an Luft oder in der Brust überbläht; sie leiden unter nervösen Herzrhythmusstörungen.

Ausübung und Einübung

Auch über den Bereich dieser einfachsten natürlichen Beispiele hinaus haben sie Schwierigkeiten im Umgang mit allen Erscheinungen des menschlichen Lebens, in denen sich die ursprüngliche Zweiphasigkeit von Äußerung und Sammlung widerspiegelt, zum Beispiel mit dem Wechselspiel von Einübung und Ausübung ihrer Tätigkeiten: Während sie lernen, wollen sie Meister sein, und während sie Leistung erbringen sollen, meinen sie dafür allzu vieles erst noch lernen zu müssen und sind deshalb mit ihrer eigenen Arbeit unzufrieden, ganz gleich, wie bescheiden oder vortrefflich deren Ergebnis bei nüchterner Betrachtung tatsächlich ausfiele. Sie wissen nicht, dass die Äußerung der Tätigkeit und die Sammlung des Lernens zwei ständig wiederkehrende, sich unaufhörlich wiederholende, regelmäßige Phasen wie Ausatem und Einatem sein müssen.

Elastische Vernetzungen statt starrer Anordnungen

So einfach dies im Grunde zu erkennen ist, entgeht es doch dem gewöhnlichen Menschen, dessen Bewusstsein ganz auf Objekte fixiert ist: Weil es auf Objekte fixiert ist, fehlt ihm die eigentliche Räumlichkeit; weil ihm die eigentliche Räumlichkeit fehlt, scheint es ihm, als fänden Einübung und Ausübung nicht an denselben Orten statt; und daher wähnt er, sie gehörten nicht zusammen. Mit der Lebenskraft, die allen Dingen innewohnt, und letztlich mit der Lebenskraft des ganzen Universums, das selbst ein einziges Lebewesen zu sein scheint, verhält es sich wohl unserem menschlichen Atem vergleichbar: Alle Dinge atmen; nur die Länge und Tiefe ihrer Atemzüge ist zum einen ihrem Wesen nach verschieden, zu anderen aber auch nach ihrer je eigenen Entwicklung. Von Zeit zu Zeit sind sie angestrengt, manchmal keuchen sie und haben Husten, bisweilen atmen sie erleichtert auf, manchmal schnauben sie voller Unbehagen, dann und wann schlafen sie und ruhen mit gleichmäßigen, stillen Zügen aus, manchmal seufzen sie in Kummer, manchmal lastet ein beklemmendes Gewicht auf ihrem Luftholen. So überlagert sich der Atem aller Wesen; darin besteht die Bewegung der Welt. Eine Glocke schwingt mit dem Verlauf der Zeit nach zwei Seiten, um einen und denselben Ton zu erzeugen. Mit dem Verlauf der Zeit atmen wir ein und atmen wir aus, zu dem einen und selben Ziel: Luft zu haben. Die Geschichte eines menschlichen Lebens wie auch der ganzen Menschheit durchläuft mit der Zeit unterschiedliche Phasen zu dem einen, selben Ende: ein Leben zu sein; eine Geschichte zu sein.