Gibt es einen „christlichen Sonderweg“ der Mystik?

Christen scheinen auf den ersten Blick eine Sonderstellung unter den Mystikern einzunehmen, indem sie, anders als nahezu alle übrigen Mystiker, den Kern der Person für immer, für die Ewigkeit, gewahrt sehen. Bei nur etwas näherer Betrachtung geht daraus jedoch kein Widerspruch hervor, der die Eintracht zwischen christlichen und nichtchristlichen Mystikern gefährden könnte. Denn auch Jesus sagt ganz deutlich mit „ipsissima vox“: „Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst“ (Mt 16,24), das heißt er lege seine illusionäre Ich-Identität ab (was sollte es sonst heißen?). Angesichts des konkreten, existenziellen Gewichts dieses Aufrufs für das christliche Hier und Jetzt ist es höchst unweise, über die Erhaltung oder Wiederherstellung irdischer Individualität anlässlich einer eschatologischen Auferstehung der Toten theologisch spekulieren zu wollen und mit christlichen Theologen oder Anhängern anderer Religionen darüber in Streit zu geraten; und alle wahren und reifen christlichen Mystiker wissen das genau.

Raum und Zeit als physikalische Metaphern der Spiritualität

Das „reine“ Denken konstruiert im Dienst des tyrannischen Ichs eine Weltsicht, die ausschließlich von Objekten und Zeit beherrscht wird. Im Modus des „reinen“ Denkens wird das Bewusstsein aneignend, gierig, habgierig, wetteifernd, eifersüchtig, neidisch, geizig; ein Bewusstseinszustand, der alles verdinglicht. Die „Räumlichkeit“ des Bewusstseins kommt dem Denken abhanden. Die Räumlichkeit des Bewusstseins ist der Abstand zwischen dem wahren Selbst eines Menschen und seinen Gedanken: Erleuchtung ist der Raum und das Licht, in dem der Mensch sich selbst beim Denken zuschaut, ohne dass dieser Raum und dieses Licht selbst Gedanken sind. Schon durch den kleinsten Splitter eines einzigen wahrhaft vernünftigen grundsätzlichen Gedankens über das menschliche Leben muss dieses im Grunde zwangsläufig als ein einziges, riesiges, unlösbares Problem erscheinen; und dennoch leben wir und sind wir. Die Räumlichkeit und das Licht sind die Medien der Gnade, nicht die Objekte im Raum und nicht die Zeit.

„Geht durch das enge Tor!“ – nämlich das Tor des Hier und Jetzt

Die ganze Dimension der Zeit entsteht dadurch, dass das Denken dem Ich zu dienen strebt, indem es Identität aus Erinnerungen an Vergangenes und aus Planung und Kalkül im Blick auf die Zukunft zu konstruieren versucht. Aber die einzige wahre Realität aller Vergangenheit und Zukunft besteht darin, dass diese immer nur schemenhafte Gedankeninhalte eines verträumten, bestenfalls halb-wachen Hier und Jetzt sind. Die wirklich wach erlebte Gegenwart ist keine Zeit, sie liegt außerhalb der Zeit, oder vielmehr umgekehrt – da die Gegenwart die weitaus bedeutendere und mächtigere Größe ist -: Die Zeit liegt außerhalb der Gegenwart. Wahrhaft gegenwärtig zu sein befreit von der Last der Vergangenheit und von der Not der Zukunft. Das ist es, was beispielsweise auch Jesus mit dem „Himmelreich“ meint, das „nicht mit Zeichen kommt“, und mit dem „engen Tor“, das ins Heil führt: Durch das „enge Tor“ des Hier und Jetzt führt das erleuchtete Bewusstsein aus der tyrannischen Herrschaft der Objekte und der Zeit, unter der das vom Denken eingenommene Bewusstsein in leidvollen Banden liegt, in die große Freiheit der Gegenwärtigkeit und der Räumlichkeit.

Über die Qualifikation spiritueller Meister

Was befähigt zu geistlichem Lehren, zu didaktischer Vermittlung erleuchteter Wahrheit an die umgebende Gesellschaft? – „Etwas erreicht haben“ ist Ausdruck einer statischen Eigenschaft. Wer bei sich selbst nach statischen Eigenschaften sucht oder strebt, gibt anderen damit schon allein methodisch ein falsches, irriges Vorbild, indem er sie dazu anregt, ihn in der Suche oder in dem Streben nach etwas nachzuahmen, das gar nicht existiert. Das bedeutet nicht, dass ein Erzieher sich nicht um Schlüssigkeit und Kontinuität seiner Verhaltensweisen bemühen soll. Es bedeutet nur, dass die letztlich erziehungstragenden Wertvorstellungen notwendig andere sein müssen als die inkonsistente Idee irgendeines Reifepunktes, den ein Erzieher als Person vermeintlich ein für allemal erreicht haben müsse. Dies ist auch der Grund, weshalb die natürliche Jugend, mit der die Menschen häufig – wenn nicht gar gewöhnlich – in den Lebensumstand der Elternschaft eintreten, als solche kein grundsätzliches Problem darstellt; denn es kommt in Wahrheit auf ganz andere Eigenschaften als das Alter an und ob man diese mitbringt oder nicht. Jesus beispielsweise ist ganz offenkundig als erstaunlich junger Mann ein hoch wirksamer spiritueller Lehrer gewesen, während manche, die sich auf ihren langen weißen Bart berufen, nur Scharlatane sind.

Über das Vaterunser

Das Gebet, das Jesus selbst seine Jünger lehrte – und das für mich den gültigsten Text des Christentums darstellt -, gliedert sich für mich in zwei große Teile. Der erste dieser beiden Teile lautet: „Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name, Dein Reich komme.“ Was diese Worte in ihrem tiefsten Sinne bedeuten, dazu erläutere ich meine Meinung im einzelnen an anderer Stelle; dazu im Augenblick nur so viel: Meine Interpretation dieses anfänglichen Abschnitts fokussiert auf die Frage, was das „Reich Gottes“, das „Reich der Himmel“, eigentlich ist. Jetzt aber soll es vor allem um den zweiten großen Teil des kurzen Textes gehen: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden, unser tägliches Brot gib uns heute, und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern, und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

Ein Anlaufnehmen aus vier Richtungen zu demselben, einen Ziel

Für ein richtiges, vertieftes Verständnis dieses zweiten, abschließenden – folglich nicht weniger betonten – Teils des Gebets scheint mir essentiell zu sein, den grundlegenden Geist der „Non-Dualität“, der „Nicht-Zweiheit“ zu erkennen, auf den hier in vierfacher Wendung, in vierfachem Anlaufnehmen, gleichsam wie aus den vier Himmelsrichtungen, verwiesen wird: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ bedeutet erstens die Aufhebung der menschlichen Abspaltung vom Kosmos. Die Bitte um das tägliche Brot bringt zweitens implizit menschliche Arbeit und göttliche Gnade als stets beidseitig notwendige Anteile für das Zustandekommen allen irdischen Wohls zur Harmonie. „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ zielt drittens eben gerade nicht auf einen gerechten Ausgleich innerhalb der Binnenlogik irdischer Schuldverhältnisse, sondern vielmehr auf gänzliche Abschaffung des säkularen Schuld-Denkens überhaupt. „Und führe uns nicht in Versuchung“ bedeutet viertens: Lass uns Dich nicht als einen Gott missverstehen, der ein vermeintliches Prinzip der moralischen Dualität verkörpert; woraus entsprechend als eigentliche Bedeutung von „erlöse uns von dem Bösen“ folgt: Erlöse uns genauso auch von der Idee des Guten – nämlich erlöse uns von aller geistigen Gespaltenheit in Gut und Böse.

Ein Gebet um Nicht-Zweiheit

Das Vaterunser ist also in seinem innersten Kern als ein Gebet um das Bewusstsein universaler, kosmischer Einheit im Sinne von Nicht-Zweiheit zu begreifen. Genau in diesem Bewusstsein besteht, könnte man sagen, das Wesen des „Himmelreichs“, des „Reiches Gottes“. Mit stärker paradoxer Pointe lehren dasselbe auch alle Gleichnisse, die uns von Jesus als „ipsissima vox“, als authentischster Ausdruck überliefert sind. „Nicht-Zweiheit“ hat die indische spirituelle Schulrichtung des „Advaita Vedanta“ sogar explizit in ihren Namen, ihre Selbstbezeichnung aufgenommen. Und so erweist sich der so verstandene Jesus wieder einmal mit allen großen Mystikern aller Weltreligionen als bestens „kompatibel“.

Über Wiedergeburt

Wiedergeburt ist keine Glaubensfrage, sondern eine offenkundige Tatsache: Denn in jedem einzelnen neuen Gedanken und in jedem neuen Gefühl, in die wir uns wieder und wieder völlig verlieren, mit denen wir uns wieder und wieder vollständig identifizieren, erfahren wir eine Wiedergeburt in eine immer neue vergängliche Form und durchleiden darin das Geborenwerden und Sterben einer vergänglichen Form. In diesem Sinne kann Wiedergeborenwerden einem wenig bewussten Menschen an einem einzigen Tag zahllose Male widerfahren, und diese Bedeutung von Wiedergeburt ist die bedeutsamste, die sich denken lässt. Die Frage nach einer Wiedergeburt des stofflichen Leibes nach „dem“ körperlichen Tod ist verglichen damit belanglos.

Der ganz normale Wahnsinn

Denn die eigentliche und absolute Überwindung des Todes ist das Ende aller illusorischen Identifikationen mit gedanklichen und gefühlhaften Formen, die wir entgegen all unseren gewöhnlichen trügerischen Selbsttäuschungen keineswegs „sind“, die unser wahres Wesen nicht ausmachen. Aber immer wieder verlieren sich Geist und Seele der meisten Menschen ins Anhängen an nicht nur körperliche, sondern auch ideenartige vergängliche Formen, als könnten diese jemals irgendeine absolute Relevanz besitzen. Das ist der „ganz normale Wahnsinn“ eines Menschen, der auf die übliche, landläufige Weise in seinem Ich gefangen ist. Sogar der traditionelle Buddhismus pflegt in einer seiner Strömungen genau diese hier beschriebene – für viele wahrscheinlich überraschende – Auffassung von Wiedergeburt: nämlich im Zen, der es geradezu ablehnt, sich mit jener anderen, „naiven“ Wiedergeburtsauffassung zu beschäftigen, da sie dem Fokus auf den jetzigen Moment widerspricht, der im Mittelpunkt des Zen steht.

„The Secret“ & Co.

Der ganze riesige PR-Rummel um den esoterischen „Dokumentar“-Film „The Secret“ lässt sich letztendlich auf das simple Prinzip des „positiven Denkens“ zurückführen. Mediale oder intellektuelle Qualität ist hier nicht mein Thema. Alle wirklich wesentliche Kritik an diesem Film wie auch an allen anderen Medien ähnlichen Inhalts muss sich letztlich auf eine fundierte Auseinandersetzung mit der Grundidee des „positiven Denkens“ konzentrieren. Dazu ist folgendes zu sagen:

Die gewöhnliche Ambivalenz der Technik

Der Hinweis darauf, dass „positives Denken“ bei übertriebener, ideologisierter, fanatisierter Auffassung gravierend negative Folgen wie beispielsweise Eigenschuldzuweisung an die Opfer von Unglücksfällen oder fatale Geringschätzung schulmedizinischer Lebensrettung seitens ernsthaft Erkrankter zeitigen kann, ist, bei aller Berechtigung dieser Einwände, noch keine befriedigende Benennung des geistigen Problemkerns. Solche Verirrungen können durch eine Übertreibung „positiven Denkens“ passieren, müssen aber nicht. Tatsächlich erreichen viele Menschen durch „positives Denken“ ganz offenkundig auch einen gewissen Schutz im Sinne einer Begünstigung durch Glückszufälle („Massel“), Wohlergehen, Gesundheit und Spontangenesung, auch von schweren Erkrankungen. Das „positive Denken“ scheint also zunächst einmal nichts anderes zu sein als eine psychosoziale Technik, die durch die potenzielle Ambivalenz jeder Technik und ihrer möglichen Anwendungsweisen zwischen Funktionalität und Destruktivität gekennzeichnet ist.

Das Ego bleibt der Boss

Ins wirkliche „Schwarze“ trifft die Kritik am „positiven Denken“ aus meiner Sicht vielmehr erst dann, wenn sie aufzeigt, dass es langfristig zweifelsfrei eine negative Beeinträchtigung für jeden Menschen ist, an sein Ego gekettet zu sein. Der Appell zu „positivem Denken“ kettet den Menschen an sein leidvolles Ego und dessen Bedürfnisse, Wünsche, Begierden und Ängste, anstatt ihn zum Loslassen seiner egoischen Strukturen anzuleiten, das die zentrale Botschaft aller fundierten geistlichen Meister darstellt. Aus diesem Grund steht der Ansatz des „positiven Denkens“ für mich ganz klar konträr zu allen wirklich seriösen Bewusstseins-Ansätzen echter, mystischer Spiritualität. „Positives Denken“ mag als psychosoziale Technik in klugen Grenzen seine unleugbaren Verdienste haben – als vermeintliche „Spiritualität“ aber ist es nur esoterisch-gnostisch-magische Pseudo-Spiritualität.

Von ersten bis dritten Personen der Liebe

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?“ Die meisten Übersetzungen – wiewohl rein sprachlich durchaus korrekt – verraten für mich einen Verständnisfehler, der auf einem spirituellen Irrtum beruht; im Deutschen jedenfalls sollte es viel richtiger, viel schärfer heißen: „Liebe deinen Nächsten ALS dich selbst!“

Über Ökumene

In einem gewissen Sinne bin ich durchaus mehr Ökumene-Skeptiker als Ökumene-Befürworter: Wo gemeinsame religiöse Institutionen – welcher Art auch immer – als vermeintlicher Ausdruck des universalen Einheitsbewusstseins erstrebt werden, halte ich das nicht für den wirklichen Gipfel spiritueller Reife. Ökumene muss für mich entschieden etwas ganz anderes als dies bedeuten, um wirklich sinnvoll sein zu können.

Gott als Luftpumpe

„Wir sind Luftbälle, die die Hand des Geschicks auf Geratewohl fortstößt; wir hüpfen ein paar Mal auf, die Einen auf Marmor, die Anderen auf Mist, dann ist es aus für immer.“ (Voltaire) – Wohl; aber aufgeblasen wurden wir vom Mund Gottes, dessen Atem der Heilige Geist ist. Welche Rolle spielt es da, wohin wir hüpfen und wo und wann und wie und warum unsere äußere Hülle platzt?

Wichtig!

„Das Überflüssige – eine sehr notwendige Sache (Le superflu, chose très nécessaire).“ (Voltaire, Le Mondain)

Alles, was über die Orientierung am „Naturzustand“ gesagt werden muss

Nachdem Voltaire Rousseaus „Discours sur l’origine et les fondements de l’inégalité parmi les hommes (Abhandlung über Ursprung und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen)“ gelesen hatte, schrieb er dem Verfasser in einem Brief vom 30. August 1755: „Il prend envie de marcher à quatre pattes quand on lit votre ouvrage. Cependant comme il y a plus de soixante ans que j’en ai perdu l’habitude, je sens malheureusement qu’il m’est impossible de le reprendre. – Man bekommt Lust, auf allen Vieren zu laufen, wenn man Ihr Werk liest. Da ich aber diese Angewohnheit seit mehr als sechzig Jahren verloren habe, denke ich, dass es mir unglücklicherweise unmöglich ist, sie wiederzuerlangen.“

Sinn und Spannung

„Le secret d’ennuyer est celui de tout dire – Das Geheimnis zu langweilen besteht darin, alles zu sagen.“ (Voltaire, VI. Discours en Vers sur l’Homme) – Ganz logisch besteht in der Umkehrung das Geheimnis der literarischen Spannung darin, allen tieferen Sinn und Zusammenhang der Dinge völlig zum Schweigen zu bringen. Der wahre Sinn ist nicht spannend; Spannung ist nur Sinn-Ersatz.