Coincidentia oppositorum, Balance der Welt

In der Welt der Formen kann Ganzheit immer nur durch Ergänzung entstehen, durch Zusammenkommen aller unterschiedlichen Teile und Anteile, ja aller Gegensätze. Diese Erkenntnis muss, als eine mystische, nicht bloß eine intellektuelle, unseren immens tiefen Respekt begründen vor allem, was wir oberflächlich als „das Andere“, „das Fremde“, „das Nicht-Selbst“ aufzufassen gewohnt sind, ohne das wir in Wahrheit aber selbst nicht komplett sein können. Alles, was existiert, ist vorhanden wie etwas, womit man eine sinkende Waagschale ausgleicht.

Empfehlung zum praktischen Umgang mit der Religionsgeschichte

An dem Punkt ihrer Entwicklung, an dem alle religiösen Institutionen nach einigen Jahrhunderten ankommen, bietet kein Reformversuch mehr Aussicht auf ihre effektive Erneuerung, sondern ermöglicht nur noch die Alternative Fortschritt, die mit dem Überkommenen in subtilen Wettbewerb tritt, indem sie sich bescheiden neben jenes stellt, um in aller Ruhe mit ihm verglichen zu werden und an den Herausforderungen dieses Vergleichs in eben dem Maß zu wachsen und zu erstarken, in dem das Überkommene dabei schwächer erscheint und immer weiter abnimmt – oder das Ruder dann doch noch einmal herumzuwerfen vermag.

Aufruf zu evolutionären Umtrieben

Die bleibend wirksamen Erneuerer geistigen Lebens sind nie die rücksichtslosen Revolutionäre des Denkens gewesen, sondern vielmehr stets jene kontemplativen „Evolutionäre der Ahnung“, die danach streben und denen es gelingt, ihre den formel- und gebetsmühlenhaften Wortlaut traditioneller Orthodoxie übersteigenden Auffassungen der Dinge dennoch in für jedermann ernsthaft bedenkenswerter Weise als mit den überlieferten Wahrheiten ganz vereinbar erscheinen zu lassen.

Die beste geistliche Praxis

Was ist die beste geistliche Praxis? Vorauszuschicken ist der Antwort auf diese Frage, was nicht oft genug wiederholt werden kann: Keine geistliche Praxis „macht“ die spirituelle Weiterentwicklung des Menschen; sie kann sie nur begünstigen. Sowohl Riten als auch Verzichtübungen führen häufig zu nicht sehr viel mehr als zu einschlägigen liturgischen und asketischen „Olympiaden“ ohne einen authentischen spirituellen Effekt. Das beste Mittel zur Unterstützung unseres geistlichen Fortschritts ist tatsächlich eine philosophie-ähnliche, „meta-philosophische“ Betätigung des Geistes. Pauschale Ablehnung des Denkens als simples Rezept der Spiritualität ist eine zu vereinfachte, obsolete Vorstellung. Vielmehr geht es darum, zu erkennen, dass der Mensch überhaupt nur dann richtig denken kann, wenn sein Denken permanent konsequent über sich selbst hinaus verweist und im Undenkbaren ankert. Einen von dieser Grunderkenntnis her sich bahnenden Gedankenweg zu beschreiten, ist Kernvollzug aller wahren Spiritualität. Gedanken, die über sich selbst hinaus verweisen, tragen allerdings einen vollkommen anderen Grundcharakter als das, was wir für gewöhnlich als Denken zu bezeichnen gewohnt sind. Dieses Verständnis zu ergründen und zu einem tiefsten Begriff werden zu lassen, macht das wahre Wesen echter Spiritualität aus.

Ein Sphärenmodell der fünf Grundbegabungen

Es gibt fünf große Grundbegabungen, die einem Menschen in unterschiedlich starker Ausprägung geschenkt sein können. Man kann sich das Verhältnis dieser Begabungen zueinander wie das konzentrischer Kreise oder Sphären vorstellen, in deren gemeinsamen Mittelpunkt man das Wort „Ich, Ego“ schreiben könnte. Der innerste dieser konzentrischen Kreise, die rationale oder intellektuelle oder logische Begabung, die alle in Worten oder Zahlen adäquat ausdrückbaren Fähigkeiten des Menschen umfasst, bildet dabei nur die fünftgrößte Begabung. Die nächstumfassendere, viertgrößte ist die imaginative oder kreative oder heuristische Begabung. Die nächstumfassendere, drittgrößte ist die Beziehungsbegabung oder mitmenschliche Kontaktbegabung oder empathische Begabung. Die nächstumfassendere, zweitgrößte ist die Persönlichkeitsbegabung oder orthopsychische Begabung, die sich ausdrückt in innerlicher Freiheit, Autorität, Reife, Ruhe, belastbarer Nervenstärke, stetiger Handlungsmotivation, charismatischer und erotischer Ausstrahlung, Charme und Attraktivität.

Konzentrische Kreise

Die größte, umfassendste Begabung eines Menschen aber ist die geistliche Begabung oder Erleuchtungsbegabung oder mystische Begabung. Jede umfassendere Begabung ersetzt die jeweils weniger umfassenden Begabungen zwar nicht in deren genauer Wirkung im einzelnen, wohl aber in deren entscheidendem Endeffekt für das menschliche Dasein. Je weiter innen, „ich-wärts“ eine Sphäre in diesem Schema gelegen ist, desto weniger erlernbar oder erwerbbar ist sie durch willentliches menschliches Bestreben, desto unabänderlicher ist sie im Individuum ein für allemal veranlagt oder nicht veranlagt. Je weiter außen eine Spähre aber gelegen ist, desto offener steht das Erlangen ihrer Begabung menschlichem aufrichtigem Wunsch und Bemühen; wenn freilich auch nicht ohne das Zutun göttlicher oder kosmischer Gnade, die es zu erbitten gilt. Ein Mystiker, der ganz in die äußerste Sphäre gekommen ist, mag über wenig rational-logisch-intellektuelle Begabung verfügen, und dennoch weiß er auf seine Weise unfehlbar und vollkommen um die relevante Essenz all dessen, was ein Kalküllogiker jemals über die Welt zu erkennen vermag.

Qualitäten der Leere

Im Unterschied zur guten Leere erscheint die schlechte Leere als eine Pseudo-Fülle, eine disparate Voll- oder vielmehr Ausgestopftheit, die einer Tamponade gleicht. Die trügerischsten spirituellen Irrlehrer sind die, die sich schweigend rühmen, zur Ausstopfung ihrer Leere keine Federn mehr zu benötigen, sondern mit einer Seifenblase auszukommen, deren Ausstopfungsergebnis guter Leere bisweilen täuschend ähnlich sehen kann. Metaphorisch dem Vergleichbares bezeichnet man in der Medizin als Gasembolie, die jedoch mit der Fett- oder sonstigen Embolie in dem Infarkt, den sie verursacht, ergebnisgleich ist; und so verursacht auch die Seifenblasen-Embolie der perfekten falschen Gurus im Endergebnis doch nur den gleichen Geistesinfarkt wie die gegenständlich massivere mentale Vollgestopftheit der Vielwisser.

Die sieben geistlichen Todsünden

Ohne über Wesen und Begriff der „Todsünden“ theologisieren zu wollen, ist doch völlig klar, dass es jede dieser schwersten Verirrungen und Verfehlungen von Menschen auch in einer eigenen spirituellen Variante gibt, in der sie noch schwerer wiegen und sich noch verheerender auf den Menschen auswirken: geistlichen Stolz und Hochmut, geistliche Eitelkeit, von der die klerikale Eitelkeit nur die oberflächlichste Erscheinungsform ist; spirituelle Habgier und spirituellen Geiz in der Mitteilung und Weitergabe empfangener Gnade; spirituelle Wollust, Ausschweifung, Genusssucht und Sinnlichkeit, häufig in kultischer, ritueller, liturgischer Form, wovon aber asketische Exzesse nur eine etwas raffiniertere – und damit umso schlimmere – Umkehrung, Perversion sind; spirituellen Zorn, spirituelle Wut, sogar spirituelle Rachsucht – zahllose Höllenphantasien, in denen der Visionär seine „Feinde“ schmoren sieht, zeugen davon; spirituelle Völlerei, zum Beispiel beim Konsum spiritueller Literatur, Filme und Musik, aber auch beim Beten – insbesondere bei Gebetspraktiken, die viele Worte machen -, ja sogar beim Meditieren; spirituellen Neid, spirituelle missgünstige Eifersucht auf den Erleuchtungsgrad eines Anderen, den sie ihm gehässig und verleumderisch in Abrede stellt; und schließlich eine ganz besondere, paradoxe Form der Faulheit, Feigheit, Ignoranz und Trägheit des Herzens nach Eintritt in den Zustand der spirituellen Grundeinsicht, etwa im Sinne eines klammheimlichen, tiefinnersten geistigen „Sich-Ausruhen-Wollens auf seinen Gnaden-Lorbeeren“.

Beten für die Verstorbenen

Was bedeutet es, „ein Gebet zu verrichten für einen Verstorbenen“? – Wir, die wir noch in der Zeit zurückbleiben, spüren, dass es recht ist, ein wenig Zeit zu opfern für den, der aus der Zeit gegangen ist, und mit Gebärden, an denen es auch die Sprache zu beteiligen uns drängt, jene dunkel leuchtende, magnetische, sogende Leerstelle zu verehren, die dort, wo die Form eines Menschen frisch erloschen ist, sich für die um ihn Zurückbleibenden öffnet ins Kosmische. Als abstrus tadeln die Rede vom „Beten für die Verstorbenen“ die Philosophen; klingt aber nicht das eben Gesagte kaum weniger abstrus in den nüchternen Ohren der Nicht-Philosophen, die einfach zu beten verstehen? Üben also nicht die Einen wie die Anderen nur die Beteiligung der Sprache – ihrer je eigenen, weder wahreren noch weniger wahren Sprache – an jenem im Kern seines Wesens sprachlosen Akt der Verehrung des Unaussprechlichen, sprachlos Machenden, zum dem es unser Herz drängt in der tränenerfrischten, paradoxen Freude des Todes?

Anspruchsloser Versuch eines kleinen „Schulaufsatzes“ über die Grundlagen wahrer, mystischer Spiritualität

Die geistigen Grundlagen der wahren, der mystischen Spiritualität werden in vielen hervorragenden spirituellen Schriften eingehend dargelegt, von den ersten Aufzeichnungen der Reden des Buddha bis hin zu Eckhart Tolles Büchern „The Power of Now“ und „A New Earth“. Damit diese Grundlegung aber auch im vorliegenden Blog in der erforderlichen Minimalform präsent wird, versuche ich hier einen kleinen „Schüleraufsatz“, der den großen Schriften zu diesem Thema keinerlei Konkurrenz zu machen strebt und nur das kondensierte Verständnis wiedergibt, das ich diesen Texten entnommen habe.

Ausgangspunkt: Das natürliche Ich und sein Leiden an sich selbst

Mit seiner Geburt in diese irdische Welt bestimmt seine Natur den Menschen unabdingbar dazu, ein Ich zu werden, mit allem, was dies beinhaltet und nach sich zieht. Er kann ein starkes Ich werden oder ein schwaches, aber es steht ihm nicht frei, kein Ich zu werden. Und er hat keine Möglichkeit, mit diesem Ich auf lange Sicht glücklich zu werden: Ist es ein schwaches Ich, wird es unglücklich sein, weil es schwach ist; ist es aber ein starkes Ich, wird es unglücklich werden, indem es sich einerseits in aufreibende Konflikte mit anderen Ichs verstrickt und andererseits unausweichlich begreifen muss, dass es ungeachtet seiner Stärke dennoch sterblich und vergänglich ist.

Die Erkenntnis der absoluten Vergänglichkeit aller Formen

Alles, was in der uns Menschen erfahrbaren Welt existiert, ist offenkundig vergänglich. Nichts bleibt, nichts ist von Dauer. Nichts. Andererseits ist jedes in dieser vergänglichen Welt der Formen existierende Wesen im Grunde belebt. Mit welcher Plausibilität sollte das Leben in eine Pflanze oder in ein Tier kommen, wenn es nicht schon in jedem Atom angelegt ist? So gibt es eigentlich keinen Unterschied zwischen „Lebewesen“ und „Ding“. Der mystische Grund dafür ist, dass jede vergängliche Form im Grunde als eine Selbsterfahrungsform des einen, universalen, kosmischen Bewusstseins verstanden werden muss.

Der Weg des Bewusstseins ist der Rückbau des Ichs

Allein entscheidend ist daher bei allem im menschlichen Dasein das Bewusstsein. Jede beliebige Haltung und jede beliebige Handlung kann mit dem richtigen oder mit dem falschen Bewusstsein ein- und vorgenommen werden; mit dem richtigen – dem universalen, dem kosmischen – Bewusstsein ist jede beliebige Haltung und Handlung richtig; mit dem falschen Bewusstsein ist jede beliebige Haltung und Handlung falsch. Es kommt daher für das einzig mögliche echte irdische Glück eines Menschen alles darauf an, wie lange und wie gründlich es ihm bereits vor dem Absterben seines stofflichen Leibes gelingt, sein Ich, so notwendig dieses sich auch erst einmal entfalten musste, wieder vergehen zu lassen.

Die Illusion der Formen

Wenn jedes Wesen eine Selbsterfahrungsform des kosmischen Bewusstseins ist, dann ist das menschliche Ich letztlich eine Illusion. Alles menschliche Leid entsteht aus dem unbewussten Sich-Verlieren an die Illusion des Ichs. Als Ichs glauben wir, ein Leben zu „haben“, zu „besitzen“. Bei dieser Annahme handelt es sich um ein Bewusstseinskonstrukt, in dem „Leben“ und „Ich“ als zwei getrennte Objekte behandelt werden. Aber wer bin ich ohne das Leben? Im Grunde ist dieses gedankliche Konstrukt absurd. Wir haben kein Leben, wir sind das Leben. Aber das Ich benötigt dieses absurde Konstrukt, um sich vom Rest der Welt zu unterscheiden: Dem Ich genügt es nicht, „das Leben zu sein“; denn Leben ist allgemein; das Ich aber will nicht etwas Allgemeines, sondern etwas Besonderes sein. So kommt es aufgrund der Bedürfnisse des Ichs zu jener absurden gedanklichen Trennung zwischen dem Leben und der Person und zur Verwechslung von „Leben“ und „Lebensumständen“. Wer das Leben „ist“, kann nicht sterben; wer jedoch ein Leben bloß zu „haben“ meint, der meint es freilich unvermeidlich auch verlieren zu können. So ist die ständige Todesangst der Preis des Ichs. Man kann überhaupt nur dann ganz und wahrhaft bei sich selbst sein, wenn dieser Platz nicht von einem individuellen Ich besetzt ist.

Das große Annehmen

Der Schritt der Orthopsyche ist der Schritt von einem bloß gedanklichen Ich zu einem ganzheitlichen Selbst. Der eigentlich geistliche Schritt aber, der notwendig ein mystischer ist, geht noch weiter: Mit ihm löst sich die gesamte Bedeutung jedes Selbst-Begriffs auf; ein Schritt, den sich Naturgelehrte, Philosophen und Moralisten überhaupt nicht oder jedenfalls nicht als gesund vorzustellen vermögen. Der wahrhaft geistliche Mensch aber erkennt genau in diesem und keinem anderen den eigentlichen, großen, entscheidenden Entwicklungsschritt des Bewusstseins. Die wahre Bestimmung des Menschen ist, mit seinem Bewusstsein ein reiner, klarer Spiegel des Universums in dessen Ganzheit zu sein, in der alles mit allem zusammenhängt, ein Spiegel, in dem der Kosmos sich selbst liebend erkennt und erfährt. Die wichtigste geistliche Praxis, die hilft, das Ich zu überwinden und abzulegen, besteht darin, alles, was ist, bejahend anzunehmen und sich ihm zu ergeben, „weil es, noch ehe ich mich dagegen empören kann, immer schon unabänderlich so ist, wie es ist“, und innerlich still zu werden.

Das „Schmerzkörper“-Konzept

Der psychologische Mechanismus, den wir das Ich nennen, bedient sich zur Konstruktion jener illusionären Identität, in deren ängstliche oder ärgerliche Erhaltung die meisten Menschen völlig verstrickt sind, sowohl unseres Denkens als auch unserer Gefühle. Es gibt in Wahrheit aber keinen Gedanken und kein Gefühl, der oder das wirklich „persönlich“ oder „individuell“ wäre; alle Gedanken und Gefühle sind lediglich „menschlich“. Aus zahllosen Elementen der Gefühlswelt verdichtet ihr Ich in den meisten Menschen eine emotionale „Ich-Unterstützungs-Entität“, die sich von Stimmungen, Ausbrüchen und sozialen Selbstreproduktionen intensiver Negativität ernährt und die einige geistliche Lehrer als den „Schmerzkörper“ bezeichnen. Dass das Ich sich bei der Konstruktion seiner emotionalen Hilfs-Kraft ganz überwiegend am Negativen orientiert, rührt daher, dass positive Erlebnisse und Erfahrungen aufgrund der elementaren Leidhaftigkeit ichhafter, ich-zentrierter Existenz zumeist von vornherein lebensgeschichtlich eher selten und knapp sind; andererseits vermag auch Negation, Ablehnung, Abwehr als dualisierende Abgrenzung erheblich zu dem vom Ich begehrten Identitätsgefühl beizutragen.

Die entscheidende Frage an jedes Konzept: Hat es positive Konsequenzen?

Die zyklische, bei manchen Menschen sogar permanente unbewusste Selbsterneuerung des „Schmerzkörpers“ kann nur durchbrochen werden, indem der dahinter steckende ich-fixierte Mechanismus in Güte und Milde klar erkannt und durchschaut und jede Schmerzkörper-Äußerung möglichst unmittelbar als solche bewusst gemacht wird. Im hellen Licht des wahren Bewusstseins kann der Schmerzkörper sich nicht mehr effektiv „ernähren“ und „verdorrt“ allmählich. Dieses Konzept scheint mir für eine echt spirituelle Sicht auf psychologische Vorgänge und Zusammenhänge durchaus hilfreich zu sein, weil seine Konsequenzen, im Unterschied zu freudianischer und ähnlicher „Psycho-Mechanistik“, zwangsläufig einerseits nicht-technisch, andererseits liebevoll-behutsam sein müssen, und zwar gerade deshalb, weil dieses Konzept das sozusagen „Unpersönliche“ an aller Psychologie betont und dennoch, durch den Fokus auf „Schmerz“, dabei kein Verantwortungsproblem aufwirft, weil Schmerz ohnehin schon viel stärker und viel direkter motiviert als jeder Gedanke der Verantwortlichkeit.