Ästhetik

Ästhetik ist, wenn ein Anatom von einem Skelett verzückt ist oder ein Forensiker sich in eine Wasserleiche verliebt. Ein Ästhet ist jemand, dem vor Appetit der Speichel im Mund zusammenläuft, wenn er den Fleischbeschauer sagen hört, er habe keine Trichinen gefunden. Solange Ästhetik existiert, existiert sie nicht.

Machbarkeit und Mitgefühl

Machbarkeitsglaube begrenzt Mitgefühl. In unserer Jugend sind wir durch fremdes Leid sehr schmerzlich beeindruckbar und erwarten und hoffen, es mit zunehmendem Alter abnehmend zu sein; mit dem Alter stellt sich diese Erwartung als irrig, die Hoffnung jedoch als unnötig heraus, denn die Schmerzlichkeit verwandelt sich in Lebendigkeit in dem Maß, in dem der Machbarkeitsglaube abnimmt mit zunehmender Erfahrung des Fortbestehens eines altbekannten Elends in immer wieder weggestorbenen und nachgeborenen ewigen Antlitzen derselben einen, großen, unveränderten Unsäglichkeit, vor der man zuerst zornig und verzweifelt, schließlich aber in freundlicher Milde mit einem Gefühl der Barmherzigkeit kapituliert.

Weg und Ziel

„Der Weg ist das Ziel“? Ein Bildwort, gewiss, wer wollte an der Berechtigung von Bildworten zweifeln. Ein bekanntes und beliebtes Bildwort. Aber dennoch, muss ich leider sagen, kein besonders gelungenes Bildwort. Darum muss ich, gerade weil ich ein Freund von Bildworten – von guten Bildworten – bin, dieses Bildwort schnöde dekonstruierend korrigieren: Der Weg ist der Weg, und der springende Punkt liegt gerade darin, dass es genügt, dass der Weg der Weg ist und nicht das Ziel, und dass diejenigen gewarnt sein sollten, die aus dem Weg ein Ziel machen wollen, anstatt sich mit dem Weg als Weg zu begnügen.

Not always so

Echte spirituelle Übung, mystische Übung, beginnt genau in dem Augenblick, in dem sich das Befolgen von Regeln in ihr als nur äußerst begrenzt hilfreich erweist. „Mizukara (selber) kiku (Regeln) wo rissuru (aufstellen, etablieren) koto nakare (nicht)“ heißt es im 28. Vers des Sandokai, eines Lehrgedichts des Soto-Zen aus dem 8. Jahrhundert, was Shunryu Suzuki sinngemäß übersetzt mit: „Not always so!“ Es gibt gewisse Regeln, aber sie sind nicht immer in derselben Weise zu verstehen, nicht immer in derselben Weise anzuwenden. Wer streng an einem vordefinierten geistlichen Übungsprogramm haftet, wird in seinem spirituellen Fortschritt bald stagnieren. Kein menschliches Lehr-Lern-System ist in der Lage, die tiefere Entwicklung des Geistes vorherzubestimmen oder zu planen.

Die schwerste Tugend

Die schwerste Tugend ist: sie alleine üben. Die höchste Tugend ist, der Aufgabe zu folgen, die nur einem selbst allein und sonst niemandem auf der Welt gestellt ist. Denn dafür gibt es keine soziale Anerkennung. Das Erlernen dieser Tugend beginnt mit der Erkenntnis, dass man überhaupt eine solche Aufgabe hat, der kein Gegenüber einen Lorbeerkranz zu verleihen kompetent ist und die daher in paradoxer Weise, obwohl sie einerseits das Persönlichste zu sein scheint, das man sich denken kann, andererseits ganz unpersönlich ist, weil kein Anderer sie jemals als etwas Persönliches zu würdigen versteht.

Mystik für Profis

Adolf von Harnack sagte: „Ein Mystiker, der nicht katholisch wird, ist ein Dilettant.“ Ich möchte noch hinzufügen: Ein Mystiker, der es für unumgänglich hält, katholisch zu bleiben, ist ein Profi, das heißt, ein Spezialist.