Christliche Spiritualität in Begriffen praktischer Philosophie ausgedrückt

Am 20.12.2014 habe ich einen Beitrag veröffentlicht, in dem es darum ging, das Christentum einmal so zu charakterisieren, als wäre es ein philosophisches System. Das war sozusagen eine Überführung der Dogmatik in theoretische Philosophie. Weiterführend ist allerdings die Frage interessant, was dabei herauskommt, wenn man auch versucht, die christliche und speziell die katholische Spiritualität in Axiome einer praktischen Philosophie zu überführen?

Die Philosophie ist mir am liebsten und scheint mir genau dann sowohl am weisesten wie auch am existenziell hilfreichsten, wenn sie der Versuchung widersteht, sich im Übermaß zu vertiefen, sich zu obstinat in ihre Gedankenwindungen zu verbohren, was der nur sehr begrenzten Funktion menschlicher Vernunft nicht Rechnung trägt. Deshalb zu dieser Frage hier nur einige wenige, oberflächliche Stichworte.

Quasi als praktische Philosophie betrachtet – was freilich ihr Wesen, nota bene, kategorisch niemals vollständig erfassen kann! – scheint mir die christliche Spiritualität weitgehend anhand von drei Prinzipien skizzierbar zu sein:

1. Nicht-Optimierbarkeit der Welt: Die irdischen Zu- und Umstände lassen sich grundsätzlich nicht perfektionieren. Die zentrale Konsequenz eines dennoch positiven, bejahenden Weltverhältnisses daraus ist, dass diese Welt nicht bloß der Belehrung, sondern der transzendenten, geoffenbarten Erlösung bedarf. Wäre die Welt entscheidend verbesserbar, ergäbe die Rede von „Erlösung“ überhaupt keinen Sinn. Mit dieser Haltung wird die Möglichkeit „kleiner“ Fortschritte und die moralische Gebotenheit des ständigen Strebens nach solchen begrenzten Fortschritten übrigens keineswegs geleugnet; ihnen darf nur keine zu große, zu fundamentale Bedeutung beigemessen werden, die sie niemals wirklich erreichen werden.

2. Personalität der Wahrheit: Die letzte Richtigkeit unseres Verhältnisses zu dieser Welt kann strukturell überhaupt nie irgendwelchen Aussagen, Lehrsätzen, Standpunkten, Meinungen zuerkannt werden. Sie kann ausschließlich gelebt, nicht gesagt, nicht einmal gedacht werden. Sie wird daher konsequent in einer Person verkörpert: der Person Jesu Christi. In die letzte Wahrheit unseres Lebens einzutreten bedeutet, dieser Person absolut zu vertrauen – nicht irgendwelche klugen Gedanken zu denken. Genau dies ist der klügste überhaupt menschenmögliche Gedanke.

3. Geschichtlichkeit und Narrativität der Wahrheit: Die Art, wie von einer „personalen Wahrheit“ zu sprechen ist, kann immer nur erzählend sein, nicht analytisch, nicht definitorisch, nicht dogmatisch. Ferner: Nur ein „geschichtlich“ konstituiertes Bewusstsein ist überhaupt in der Lage, das Konzept der „Umkehr“, theologisch gesprochen der „Buße“ vorzusehen, dessen eine grundsätzlich nicht verbesserbare Welt zu ihrer Erlösung bedarf: Was verbesserbar ist, lässt sich logisch zu seiner Verbesserung motivieren; wo aber derlei Logik ausgehebelt erscheinen muss, bleibt nur noch die Fähigkeit zu spontaner „Umkehr“ aus der Tiefe inneren „Bekehrungs“-Erlebens heraus als „Erlösungs“-Chance übrig. Und diese Chance besteht nur, wenn man den eigenen Weg als geschichtlich-narrativ konstituiert erkennt, nicht als „notwendig“ oder gar „zwangsläufig“.

Reliquienverlierung

Katholiken sind bekannt für das Verehren von Reliquien. Weniger im Fokus steht gemeinhin, wie passioniert sie im Verlieren von sterblichen Überresten sind. Der Katholizismus ist im interkulturellen Vergleich Spitzenreiter im postmortalen materiellen Verschusseln und Verschlampen seiner Prominenten. Ein seltsamer innerer Widerspruch, wie es auf den ersten Blick scheint. Oder passt das Eine etwa doch mit dem Anderen zusammen?

Vorweg: Um diese Thematik überhaupt sinnvoll behandeln zu können, erweist sich eine überraschende Fülle an präliminarischen Bestimmungen als erforderlich – und diese Tatsache zeigt an und für sich schon, dass diese ganze Angelegenheit kein geringeres Problem ist als ein erkenntnistheoretisches. Zuvörderst: Wer hat überhaupt als ein spezifisch katholischer Prominenter der Historie zu gelten? Ich definiere: Jemand, dessen Lebensleistung, für die er prominent wurde, in einem notwendigen inneren Zusammenhang mit seinem Katholizismus steht. Dies trifft meines Erachtens auf vier unterscheidbare soziale Kategorien zu: Heilige, Päpste, Theologen, religiöse Künstler. Zu weiteren erkenntnistheoretischen Problemen der Heiligenerinnerung komme ich sukzessive.

Insoweit wir von Heiligen sprechen, bieten sich gleich zwei Zusammenhänge zwischen Verehren und Verlieren ihres Leichnams bei genauerer Betrachtung logisch an. Ein notwendiger Schritt im Rahmen des Prozesses der Heiligsprechung ist die „Erhebung zur Ehre der Altäre“. Die realistische mittelalterliche Theologie erklärte diese Erfordernis als ständige und offensichtliche Bestätigung der für die Heiligsprechung erforderlichen Wunder. Denn in alter Zeit konnte es angesichts des Fehlens moderner Bestattungsordnungen auf einem Kirchhof leicht zweifelhaft werden, aus welchem Grab ein Wunder kam, das vor diesem Grab erbeten wurde. Die Isolation des Tatverdächtigen schloss solche Zweifel aus und belegte glänzend dessen wundertätige Urheber- oder besser Mittlerschaft. Wer vor dem Altar mit den Reliquien eines Heiligen betend auf wundersame Weise beispielsweise von einem Gebrechen genas, konnte eindeutig dem betreffenden Heiligen seine Heilung zuschreiben – kein potenzieller Konkurrent kam dafür als verehrungswürdig in Betracht. Irrtümer wurden so ausgeschlossen.

Das Procedere hatte allerdings folgenden Nachteil: Altäre stehen in Kirchen, und Kirchen tendieren dazu, von Zeit zu Zeit gründlich abzubrennen. Im Mittelalter häufiger als heute; aber zuletzt hat es noch die Pfarrkirche meiner Jugend erwischt (Herz Jesu, München, 1994). Dadurch können heilige Gräber über die Jahrhunderte verschwinden, die auf einem ganz normalen Friedhof unter freiem Himmel vergleichsweise sicherer gewesen wären vor Zerstörung.

Ganz zu schweigen von gezieltem antireligiösem Vandalismus, in dem insbesondere die Französische Revolution das Ihre zum Reliquienverlust beigetragen hat. Ein solcher Fall betraf, um mit den Namensnennungen bewusst bei einem nicht heilig Gesprochenen zu beginnen, Blaise Pascal.

Manchmal mag der Fall aufgetreten sein, dass die „Erhebung zur Ehre der Altäre“ zu einem Zeitpunkt erfolgte, zu dem die Verwesung – etwa infolge bestimmter finaler Diagnosen – schon sehr stark fortgeschritten war, man aber dennoch dem Volk einen identifizierbaren und „ansehnlichen“ zeremoniellen Vorgang bieten wollte. Wer weiß, zu welcher pia fraus dann bisweilen gegriffen wurde bzw. welche Verwechslungen bereits bei der Exhumierung unterlaufen sein mögen. Dieses Syndrom betraf nicht nur das Mittelalter, sondern in vollem Umfang noch die Barockzeit. In einem Zusammenhang etwa dieser Art kam uns möglicherweise unter anderem die sterbliche Hülle Ignatius‘ von Loyola abhanden, der nach Meinung einiger Historiker wahrscheinlich nicht in seinem offiziellen Grab in Il Gesù ruht.

Dies alles bildet den ersten der beiden aus meiner Sicht erklärbaren, also nur oberflächlich-scheinbar paradoxen Zusammenhänge zwischen Verehrung und Verschwinden. Der zweite liegt in der kirchenrechtlich verankerten Funktion von Heiligen-Reliquien für die Weihe einer Kirche. In jeden ortsfesten Altar müssen Reliquien eingelassen werden. Diese Praxis verstärkte noch die seit jeher landläufige Tendenz, den Körper verstorbener Heiliger nicht „in einem Stück“ zu verehren, sondern sie aufgeteilt in überwiegend kleine und kleinste Partikel „in alle Winde zu zerstreuen“. Das erschwert zwar einerseits theoretisch den Totalverlust, andererseits aber auch ganz praktisch die sichere Identifikation.

So gibt es in Troyes nur noch den Kopf des Heiligen Bernhard von Clairvaux. Und im Streit zwischen den Klöstern Montecassino und Fleury über den Besitz der authentischen Gebeine ihres großen Über-Vaters Benedikt von Nursia, der seit mittlerweile mehr als einem halben Jahrhundert mit modernen und postmodernen Mitteln propagandistisch tobt, beeindruckte die Untersuchungskommission in Fleury jedenfalls die Homogenität der Skelettteile, die im Laufe der Zeit von Fleury aus weiterverschenkt worden waren – kein Fragment war eine Dopplung, die das eigentliche Wunder in den Bereich der Anatomie verlagert hätte. Alle Proben konnten offensichtlich in der Tat von demselben Menschen stammen. Weiterhin genießt Benedikts Grab seine offizielle kirchliche Verehrung jedoch zusammen mit dem seiner Schwester Scholastika in Montecassino.

Abgesehen von dieser bis hierhin erörterten spezifischen Problematik der Heiligen müssen wir uns weiterhin folgende Kriterien für die Verfolgung und Überprüfung unserer These setzen, die auch für unsere übrigen drei Kategoriengruppen – Päpste, Theologen, Künstler – zu gelten haben:

1. Ein genereller Faktor der historischen Zeitdistanz besagt, dass überhaupt nur in Ausnahmefällen Personen in Betracht kommen können, die vor dem uns reliquarisch erhalten gebliebenen Augustinus gelebt haben. Er muss die allgemeine chronographische Messlatte für unsere Verwunderung über bedeutsame Reliquienverluste bilden. Genauer gesagt: Die Epoche der vollzogenen Konstantinischen Wende und offiziösen Etablierung der Amtskirche bis schließlich hin zur Staatsreligion (380). Ausnahmen von dieser Regel könnten neben Jesus – dessen Grab ein überzeugter Christ aber nicht archäologisch suchen wird – wohl höchstens die beiden Top-Apostel Petrus und Paulus bilden. Allerdings schadet es nicht, sich an dieser Stelle beiläufig daran zu erinnern, dass auch sie uns in historisch-kritischer Seriosität körperlich „fehlen“.

2. Ein spezieller Faktor der historischen Zeit besagt, dass auch nach Augustinus hier und dort immer wieder epochale Umstände aufgetreten sind, in deren Kontext die Erwartung einer schlüssigen Reliquien-Überlieferung überzogen wäre. Möglicherweise wird man auch den Völkerwanderungs-Zeitgenossen Benedikt von Nursia als ein Beispiel für eine Einschränkung dieser Art werten müssen.

3. Im engeren Sinne unserer These genügt uns nicht bloß ein Fehlen der Präzision beim Aufweis der Kontinuität des Verbleibs, sondern wir sprechen von fundamentalerem Unwissen. Von vielen heiligen und anderweitig prominenten Katholiken wissen wir trotz aller Zeitläufte immerhin ungefähr, wo sie bestattet liegen müssen. In gewisser Hinsicht „genügt“ das. Nicht immer ist historisches Chaos an einer entsprechenden „Unschärfe“ unserer noch verfügbaren Angaben schuld. Die große Mystikerin Mechthild von Magdeburg beispielsweise wurde in einem Zisterzienserkloster bestattet. Es kann allein schon den im Tode bewusst anonymisierenden zisterziensischen Gebräuchen geschuldet sein, dass kein Hinweis auf ihre exakte Grablege überliefert wurde.

4. Wir wollen auch Fälle ausschließen, in denen Missionare auf großer Reise verschollen sind. Auch in einem solchen Zusammenhang ist ihr Schicksal in gewissem Sinne doch zu „klar“, als dass die Absenz ihrer Reliquien als verwunderlich bezeichnet werden dürfte.

Was die Künstler angeht, so ist hinzuzufügen, dass diese in der Geschichte selbst unter den Vorzeichen von Ruhm und Reichtum sozial oft nicht hoch angesehen waren. Ihr Status wurde kollektiv dort eingeordnet, wo wir heute Popularität und Einkommen von „Artisten“, Unterhaltungskünstlern, Sportlern und ähnlicher „Medien-Eigenprominenz“ ihre etwas abschätzige gesellschaftliche Wertung zuweisen, denn ihre Inspiration wurde – gerade im Fall der religiösen Künstler – nicht als „Eigentum“ ihrer Persönlichkeit wahrgenommen, wie dies in unserem jetzigen historisch inkommensurabel individualistischen Zeitalter der Fall ist. Sie galten mit ihren Begabungen bestenfalls als mechanische „Werkzeuge Gottes“. Deshalb sind so viele mittelalterliche Meister der bildenden Künste heute nur noch unter den Adressen ihrer Opera Magna bekannt: „Meister des Soundsoheimer Altars“ etc. Deshalb ist das Grab von Hieronymus Bosch ebenso ungewiss wie das von Leonardo da Vinci. Wobei letzterer freilich trotz seiner Gemälde mit religiösen Motiven nur schwerlich als katholisch gelten kann, wenn man Religionszugehörigkeit nicht auf gesellschaftliche Formalitäten beschränkt.

Was bleibt? Welche „Extrembeispiele“ für absolut unerklärliche katholische Reliquien-Versaubeutelung haben wir zu guter Letzt spektakulär aufzulisten? Zugegeben: Es sind keine amtlichen Heiligen darunter. Aber das muss sie weder unsympathischer noch unbedeutender machen.

Um mit den Künstlern zu beginnen: natürlich Mozart. Der Fall ist genugsam bekannt. Die Akzeptanz eines weiteren Beispiels „erster Ordnung“ hängt davon ab, ob man einen englischen „Krypto-Katholiken“ der elisabethanischen Verfolgungszeit als solchen anerkennt. Ich halte es nach wie vor für mehr als nur zweifelhaft, dass Christopher Marlowe seines „offiziellen“ Todes gestorben ist. Sein angebliches Grab auf einem Kirchhof in Deptford wurde verdächtigerweise schon von Anfang an nicht näher gekennzeichnet. Wenn er seine offensichtlich fadenscheinige „Ermordung“ in Wirklichkeit überlebt hat, wird er dadurch aber auch fast „automatisch“ zu einem sehr ernsthaften Kandidaten für die tatsächliche Verfasserschaft der sogenannten Werke Shakespeares.

Zum Schluss: Das vierzehnte Jahrhundert war mit Sicherheit eine überaus schreckliche Zeit, das eigentliche „finstere“ Mittelalter. Doch zwei hochkarätige Gräberverluste dieser Epoche erklärt dieses Zugeständnis trotz allem nicht. Eckhart von Hochheim und William von Ockham gehören nicht erst heute zu den bedeutendsten Denkern der Geistesgeschichte, sie waren auch schon zum Zeitpunkt ihres Todes prominent. Gewiss, Meister Eckhart bewahrte wohl nur der natürliche Tod vor einer päpstlichen Verurteilung als Häretiker. Aber das kann die Frage nach seinem Begräbnis schon damals nicht uninteressanter gemacht haben; immerhin war er ein Theologieprofessor und Provinzial des Dominikanerordens gewesen. Der Franziskaner Ockham hingegen verschwand posthum in München – und zwar erst lange nach seinem Tod im bayerischen Exil. Auch in den Wirren der Säkularisierung, die das ursächlich verschuldete, gab es doch genügend Hochgebildete in der bayerischen Landeshauptstadt des bald danach die Regierung antretenden Königs Ludwig I., die um die Bedeutung des großen Engländers, des letzten originären Scholastikers, wussten.

Irgendwo in Münchner Erde ruht er also. Ein bisschen genauer wüsste man es aber doch gerne.

„Reliquie“ bedeutet „Zurückgelassenes“. Lassen wir mit dieser Besinnung dieses merkwürdige Thema hinter uns.

Eine Faust für Mutter

Oh je, Papst Franziskus‘ jüngstes buchstäbliches „On Air“ über Meinungsfreiheit wird noch heftige Diskussionen geben.

Nicht, weil es falsch wäre, was er gesagt hat, sondern weil es einfach zu viele weiterführende Fragen offen lässt, die er nicht akademisch abhandelt, wie sein Vorgänger es getan hätte.

Franziskus‘ Parabel lautet: Wenn ich jemandes Mutter beleidige, muss ich damit rechnen, dass er mit der Faust auf mich los geht.

Aber das ist eher ein Beispiel von Affekt – in welchem Verhältnis steht das zu geplanten und organisierten terroristischen Racheaktionen für Religionsbeleidigung? Und in welchem Sinne und in welcher Weise muss dieser Ursache-Wirkungs-Zusammenhang einfach als gegeben hingenommen werden? In jedem Sinne und in jeder Weise?

Der Heilige Vater sagt zwar stets Anschaulich-Konkretes, dabei aber gleichzeitig, wenn man nach dessen Transferierbarkeit und Anwendbarkeit fragt, viel Ungefähres und wenig Präzises. Das ist einerseits eine hohe diplomatische Kunst und klug angesichts heikelster Themen und andererseits eine Art von Rhetorik, die gut geeignet ist für eine Kommunikation mit „Volkskirche“.

Unser europäisches Problem mit Franziskus‘ Äußerungen ist, dass wir in Europa, vor allem in Deutschland, immer weniger „Volkskirche“ haben und einen immer größeren Anteil an anspruchsvollen Intellektuellen an dem immer kleiner werdenden Kreis engagierter Katholiken. Und die kommen mit dem Duktus von Benedikt XVI. besser klar – zumindest formal.

Warum es unchristlich ist, ein enthusiastisches Verhältnis zur Arbeit zu haben

1. „Arbeit“ ist biblisch in erster Linie jene hohe Betätigung, die Gott bei der Schöpfung der Welt zukommt. Die Bibel fordert den Menschen nicht dazu auf, seinen Schöpfer hierin nachzuahmen – sondern bezeichnenderweise nur im Ruhen am siebenten Tag. Die „mit-schöpferische“ Nachahmung Gottes in der menschlichen Arbeit ist eine reine theologische Interpretation, mit der man sehr vorsichtig sein muss. Sie kann zu äußerst falschen Konsequenzen führen.

2. Arbeit zum Erwerb des materiellen Lebensunterhalts wird biblisch eindeutig und ausschließlich als Strafe seines Sündenfalls für den Menschen notwendig (Gen 3,17-19). Wer solche Art von Arbeit mit einer Ideologie der Schaffensbegeisterung überhöht, beraubt sie dadurch im Grunde frevelhaft ihrer spirituellen Buße- und Sühnefunktion.

3. Das Kirchenjahr kennt ausschließlich Festtage, ausschließlich Feiertage. Das beruht nicht auf sukzessivem Wachstum oder gar „Wucherung“ der Tradition, sondern ist eine genuine theologische Auffassung, die mit starken, breiten Belegen in die älteste Zeit des Christentums zurückreicht (vgl. z.B. Clemens von Alexandria: Stromata 7; Chrysostomos: 1. Homilie über das Pfingstfest Migne PG 50 S. 454; 40. Homilie über Matthäus Migne PG 57 S. 437; 5. Homilie De fide Annae Migne PG 54 S. 669 f.; Hieronymus: Brief an Algasia Migne PL 22 S. 1031; Augustinus: Enarrationes in Psalmos 41,9 Migne PL 36 S. 470). Unbezweifelter anthropologischer Definitionsbestandteil jedes Festes aber ist die entschiedene, ostentative Relativierung der menschlichen Arbeit. Wenn führende frühkirchliche Theologen so auffallend betonen, dass christliches Zeitverständnis ausschließlich aus Festen besteht, so impliziert dies – oder meint dies sogar zentral und primär – eine grundsätzliche polemische Absage an bestimmte allgemein übliche Auffassungen von menschlicher „Selbstwirksamkeit“ durch Arbeit.

4. „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Seht euch die Vögel des Himmels an: Sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie? Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern? Und was sorgt ihr euch um eure Kleidung? Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen. Wenn aber Gott schon das Gras so prächtig kleidet, das heute auf dem Feld steht und morgen ins Feuer geworfen wird, wie viel mehr dann euch, ihr Kleingläubigen! Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen? Denn um all das geht es den Heiden. Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr das alles braucht. Euch aber muss es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.“ (Mt 6,25-34)

Wer immer also überhaupt „bürgerlich“ einer primär ökonomisch bestimmten Arbeit nachgeht – was die kirchliche Tradition mit guten Gründen trotz dieser gewichtigen Bibelstelle nicht zu verbieten sich entschieden hat -, hat das als Christ eo ipso vor allem in beständiger höchster Sorge um sein Seelenheil zu tun – und ganz gewiss nicht in irgendeiner stolzen Euphorie irdischer „Selbstwirksamkeit“.

Aus alledem geht hervor, dass ein „Workaholic“ per Definition ein „Anti-Christ“ ist – abgesehen davon, dass er vermutlich als krank zu bezeichnen ist.

Der theologische Befund ist in dieser Sache klar und eindeutig.

Wenn wir anfangen würden, unseren Glauben in dieser Hinsicht wirklich ernst zu nehmen, käme dies einer Kulturrevolution unüberbietbaren Ausmaßes gleich. Nicht etwa, dass dann niemand mehr arbeiten würde. Das wäre ja genau besehen nicht die richtige Konsequenz. Aber die gesamte Arbeitskultur wäre eine vollkommen andere.

Nämlich eine in vielerlei Hinsicht weitaus bessere, wie ich persönlich restlos überzeugt bin.

Christus kam nicht nur bis Tofu

Michael Rosenberger, Moraltheologe an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz, hat ein Buch veröffentlicht: „Im Brot der Erde den Himmel schmecken: Ethik und Spiritualität der Ernährung“. Darin macht er – relata refero – seinen Leserinnen und Lesern unter anderem den Vegetarismus zahlreicher uralt-traditioneller monastischer Spiritualitäten schmackhaft.

Ich bin mir sicher, dass es dazu Kluges zu sagen gibt und dass Rosenberger aus seinem Thema das relativ Beste macht. Aber es ist von einer höheren Warte aus „absolut“ betrachtet leider trotz allem die falsche Themensetzung. Deswegen kann ich hier über dieses Buch schreiben, ohne es gelesen zu haben.

In einem ausgeprägten Zeitalter der pseudo-spirituellen „Orthorektiker“ und „LOHAS“ („Lifestyles of Health and Sustainability“) und anderer Verlockungen für das Zwanghafte und Egozentrische im Menschen, wie es unsere Epoche ist, kommt es vor allem darauf an, ostentativ deutlich zu machen, dass weder eine rituelle noch eine moralische Disziplin im Mittelpunkt des christlichen Zugangs zu Welt und Leben steht. Das Christentum gründet sich schon mit dem historischen Jesus sehr dezidiert auf etwas radikal anderes.

Der Begriff „Askese“, zu deutsch schlicht „Übung“, hatte im Altertum noch einen sehr viel umfassenderen Sinn als heute. „Askese“ war im Hellenismus der Umwelt Jesu nahezu gleichbedeutend mit „Religion“ überhaupt. Antike Religiosität bestand typischerweise in umfassenden Lebens-Disziplin-Systemen. So meinte „Askese“ im altgriechischen Kontext beispielsweise nicht nur Fasten, sondern das „Wie“ des Essens in jeglicher Hinsicht – neben der Regelung zahlloser anderer Vollzüge des Alltags. Weil man jedoch leicht sehr unterschiedliche und sogar gegensätzliche Inhalte von ritueller und moralischer Disziplin „metaphysisch“ herleiten und begründen kann, deshalb war das Altertum so außerordentlich „multi-religiös“. Seine vielen Religionen waren allerdings gesellschaftlich wirkungsschwach. Die Stärke, mit der das aufkommende Christentum sich rasch gegen sie durchsetzte, beruhte neben einigen anderen Punkten insbesondere genau darauf, dass sein Wesenskern sich strukturell vom althergebrachten Paradigma der Disziplin, der „Askese“ abkehrte.

(Das Judentum war schon zur Zeit Jesu die vergleichsweise „stärkste“ unter den Religionen des römischen Imperiums – stärker als die offizielle, daher kam es zu Judenverfolgungen. Aber auch das Judentum vor Jesus vollzog noch typische Schritte antiker „Askese“-Religionen. So sind heute beispielsweise die meisten Wissenschaftler, die zu diesem Thema forschen, der Ansicht, dass der Hauptgrund für die jüdische Ächtung von Schweinefleisch in einer kulturellen Abgrenzung von Gegnern bestand, zu deren ausgesprochenen „Spezialitäten“ die Zubereitung von Schweinernem zählte. Zuvor hatte die Forschung jahrzehntelang versucht, die Entstehung der „Kaschrut„-Gesetze „positivistisch“, etwa hygienisch zu erklären, was sich letztlich stets als nicht hinreichend überzeugend herausstellte.)

Diese Überlegungen spielen heute erneut eine wichtige praktische Rolle. Die „gnostische“ Grundtendenz der Neuzeit geht mit vielfältiger „Götzenverehrung“ einher: Neben manchen anderen Gesichtspunkten von „Lebenskunst“ wird wesentlich die „richtige Ernährung“ zur „Heilsbringerin“ hochstilisiert. Das ist zutiefst un- und anti-christlich. Christlich ist zwar wohl das von jedermann erwartbare simple Grundbemühen, sich halbwegs vernünftig und verantwortlich für das eigene physische Dasein zu verhalten, darüber hinaus aber das Leben mit Wohlbefinden und Leiden, Gesundheit und Krankheit so anzunehmen, wie Gott es fügt.

Letzteres ist nicht als Angriff gegen Professor Rosenberger gedacht. Ich bin mir, wie gesagt, sicher, dass er sein Thema auf eine einwandfrei katholische Art und Weise behandelt. Aber ich habe große Zweifel, ob es angesichts unserer gesellschaftlich-kulturellen Umstände wirklich empfehlenswert ist, die Zeit und Energie eines Ordinarius für Moraltheologie überhaupt gerade auf dieses Themengebiet zu verwenden, dessen Thematisierung denjenigen, die Fragen des Essens „jenseits des Hungers“ überbewerten, ungeachtet aller Argumente im einzelnen schon zu weit entgegenkommt: Einer Sache wird damit Energie verliehen, die längst schon nicht mehr im Verdacht steht, zu wenig Energien des öffentlichen Diskurses an sich zu binden. Das Profil des spezifisch Christlichen wird durch Teilnahme an dieser Auseinandersetzung aber nicht geschärft, egal wie Kluges man dazu beisteuern mag – es kann eben höchstens klug, aber nicht existenziell sein. Ich wüsste weitaus dringlichere aktuelle ethische Debatten, denen Professor Rosenberger seine Fachkompetenz dienlich machen könnte, in denen Christen mit allen Kräften einen Position zu behaupten haben, der niemand sonst angemessen eine Stimme verleiht.

Ich bin selbst Vegetarier, sogar fast konsequent Veganer. Ich bejahe eine voranzutreibende Tierethik sowie das ökologische Kalkül des Verzichts auf tierische Erzeugnisse als vermutlich sehr gebotenen Beitrag zur Erhaltung jener Biosphäre, der der Mensch selbst angehört, und bin überdies von den gesundheitlichen Vorzügen einer entsprechenden Ernährungsweise überzeugt. Aber all dies steht in keinem wesentlichen Zusammenhang mit meinem Christsein. Ja, ich kann es theologisch überhaupt nicht für gerechtfertigt halten, einen solchen Zusammenhang herzustellen.

Das Christentum ist auch für Schnitzelesser. Es steht allen Arten von Sündern offen. Weswegen es freilich nicht ablässt, alle Arten von Sündern zu bekehren. In diesem Sinne mag es schon vorkommen, dass ich mir irgendwann mal einen exzessiven glaubensbrüderlichen Schnitzelesser für eine correctio fraterna vornehme – genau so, wie derselbe möglicherweise umgekehrt mich in irgendeiner anderen Hinsicht christlich oder moralisch zu korrigieren hat. Das ist die wahre christliche Formel – nicht der Versuch irgendeiner klammheimlichen Implementierung von Ernährungsgeboten in die christliche Glaubenslehre, wo sie nichts verloren haben.

Abermals: Keine Unterstellung gegenüber Professor Rosenberger. Sondern lediglich der Hinweis auf eine aus der Richtung, in die er geht, eo ipso drohende Gefahr – bei fehlender Notwendigkeit, in diese Richtung zu gehen.

Meinungslosigkeitsfreiheit

Tomas Halik, der – obwohl als Universitätslehrer eigentlich Soziologe – derzeit vermutlich bedeutendste tschechische katholische Theologe, erfreut mich mit Äußerungen, denen ich umfassend zustimmen kann, zu einem Thema, zu dem ich solche mir zusagenden Stimmen derzeit sonst leider kaum vernehme: Die „Je-suis-Charlie„-Kampagne sei ein bedenklicher Ausdruck für eine hochgradige Seichtheit der europäischen Kultur; die auf den Islam zielenden Karikaturen von „Charlie Hebdo“ seien überdies eindeutig nicht dem wirklichen „befreienden Humor“ – der eine legitime Waffe gegen unmenschliche Verformungen der Religion sein könne -, sondern lediglich einem „vulgären Ausdruck der Geringschätzung“ zuzurechnen. Sie erinnerten ihn stark an die herabwürdigenden Darstellungen der Juden in der antisemitischen Presse. Deshalb würde er sich bei aller Sympathie für die Opfer und deren Angehörige niemals die Parole „Je suis Charlie“ zu eigen machen. Eine Kultur der Freiheit existiere immer in der Ambivalenz, dass Raum für Dekadenz, Geschmacklosigkeit und billige Provokation einerseits zu ihr gehöre, sie andererseits aber auch gefährde. In dieser Situation gelte es zur Verantwortlichkeit zu gelangen. Soweit Halik in der tschechischen Tageszeitung „Lidove noviny„.

Zwar bin ich der Auffassung, dass das Titelbild der pünktlich erschienenen aktuellen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ – der Prophet vor einem Hintergrund in „seiner“ Farbe mit „Je-suis-Charlie„-Schild und Träne im Augenwinkel unter der Überschrift „Tout est pardonné“ den Spagat zwischen trotziger Behauptung schärfster Satire, die sich von Gewalt nicht hat abstumpfen, sondern nur noch weiter schärfen lassen, einerseits, und angesichts des blanken Entsetzens gebotener Pietät andererseits so bravourös bewältigt, wie dies nur überhaupt irgend möglich sein kann. Aber diese Möglichkeit ist eben von vornherein eine äußerst begrenzte.

Andererseits möchte ich zu Haliks Kritik, die ich teile, noch etwas hinzufügen, das mir sehr wesentlich erscheint. Die Art, in der das Massaker vor einer Woche in allen Medien zum Anlass genommen wird, im vermeintlichen Sinne der Meinungsfreiheit „Meinung“ einzufordern, sozusagen nach dem Motto: „Hauptsache Meinung, egal welche“, verlangt dringlich nach dem Hinweis, dass zur Meinungsfreiheit die Meinungslosigkeitsfreiheit nicht nur gehört, sondern dass in Wahrheit alle echte Meinungsfreiheit mit der Freiheit zur Meinungslosigkeit überhaupt erst beginnt.

Nun bin ich persönlich sicher nicht für Meinungslosigkeit bekannt. Aber der Zwang zur Positionierung ist abscheulich und illegitim. Ich betone, dass jeder Mensch das unveräußerliche Grundrecht hat, zu den Pariser Vorgängen der vergangenen Woche keine Meinung zu haben. Und zwar nicht zuletzt zum Schutz derer, deren gesunder Intuition sämtliche öffentlichen InstantConvenience-Meinungsangebote befriedigender Subtilität ermangeln, die sich jedoch selbst nicht in der Lage sehen, ihre ganz eigene Meinung dazu, die sie sehr wohl haben, verbal in irgendeiner Weise angemessen zu präsentieren – wobei das Gleiche von der nonverbalen Ebene ebenso gilt: Nicht jeder, dem die Möglichkeit eines ganz eigenen, persönlichen Ausdrucks in Gesten abgeht, fühlt sich deswegen schon auf einer Demonstration gut aufgehoben, selbst wenn diese in einem reinen Schweigemarsch bestünde; denn auch da bleibt immer noch die Frage, wer neben einem mitgeht und weshalb.

Vor allem aber: Je mehr wir in „Meinungen“ leben, desto weniger leben wir aus etwas, das profunder ist als alle „Meinung“. Oh ja, da gibt es etwas. Es ist jene Grundlage des Lebens, um die mein ganzer Blog suchend kreist. Deswegen kommen in diesem Blog auch keine Karikaturen vor. Weil die eigentliche Wahrheit von Religion – von jeder echten Religion – nicht in einer „Meinung“ besteht, grundlegend nicht von der Struktur einer „Meinung“ ist.

Scholiensammlung Januar 2015

Scholien sind „Schulstückchen“, kurze Absätze, die Mitteilungen auf der Wissensebene enthalten. Mir begegnen viele interessante theologische Informationen, die ich nicht immer in einen weiteren Sinn-Kontext einbetten kann. Darum will ich sie hier einmal „an und für sich“ zum Besten geben.

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Der Begriff „sacrificium intellectus“ hat in der Sache eine lange monastische Tradition und kommt sinngemäß bei Ignatius von Loyola vor, explizit wurde er allerdings erst in der Folge des 1. Vatikanischen Konzils und schließlich durch einen literarischen Disput zwischen Max Weber (1919) und Max Scheler (1921). Im Anschluss an Karl Barth stellt sich Dietrich Bonhoeffer („Sanctorum Communio“, 1930, Werke 1, S. 172) positiv dazu, während die katholische Position dies mit Anselm von Canterbury („Proslogion“: „fides quaerens intellectus„, „credo ut intelligam„) ablehnt.

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Es ergibt propädeutisch eine Menge Sinn, die unterschiedlichen christologischen Nuancen der drei synoptischen Evangelien grob und simpel wie folgt zu verschlagworten: Für Markus ist Jesus vor allem der „leidende und auferstandene Menschensohn“, was Reminiszenzen an das Daniel-Buch und an das Märtyrer-Konzept des zweiten Makkabäerbuches bedeutsam erscheinen lässt; für Matthäus kommt verstärkt der Gesichtspunkt des „zweiten Moses“ hinzu; für Lukas folgt Jesus primär dem traditionellen Typus des „abgelehnten und verfolgten Propheten“.

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Folgende frühchristliche Schriften gelten heute allgemein als „Closest Candidates for Canonization„, die es knapp nicht ins Neue Testament der Konstantinischen Wende geschafft haben: Clemensbriefe; Barnabasbrief; Didaché; Hirt des Hermas; Petrus-Apokalypse; Protoevangelium des Jakobus; 3. Korintherbrief. Aus dem gesamten Schrifttum derjenigen „apostolischen Väter“, von denen überhaupt eigene Schriften überliefert wurden, scheint damit bezeichnenderweise nur dem Corpus der Briefe des Ignatius von Antiochien sowie aus dem Bereich der theologisch höchstwertigen evangelienähnlichen „Apokryphen“ lediglich dem Thomasevangelium der Eingang in die engere Wahl so grundlegend und frühzeitig versagt worden zu sein, dass gerade dies einige Fragen aufwirft.

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Günther Carl Dehn stellte im „Evangelischen Soziallexikon“ von 1954 (Stichwort „Sonntagsheiligung“) die These auf, der christliche Sonntag habe mit dem jüdischen Sabbat „nichts zu tun“. Dadurch verliert der Sonntag aber den Charakter seiner grundlegenden Aussage über das innerste Wesen jedes Festes, nämlich das Kernthema der „Zustimmung zur Schöpfung“ (vgl. Josef Pieper, „Zustimmung zur Welt. Eine Theorie des Festes“).

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Es ist zwecklos, den biblisch verwendeten Ausdrücken näfäsch (n-ph-sch), ruach (r-w-ch), basar (b-s-r) und leb (l-b) genaue definitorische Unterscheidungen zuordnen zu wollen, die dem hellenistischen Begriffssystem von Leib, Geist und Seele entsprechen.

Boff versus Messori – Geist versus Sohn?

Leonardo Boff reagiert mit einer Meinungsäußerung, die auf den Internetseiten „periodistadigital.com“ und „amerindiaenlared.org“ veröffentlicht wurde, sehr offensiv auf einen Kommentar von Vittorio Messori im „Corriere della Sera“ vom Heiligabend 2014.

Messori thematisiert die „Unvorhersehbarkeit“ des Verhaltens von Papst Franziskus. Wenn er schreibt: „Una imprevedibilità che continua, turbando la tranquillità del cattolico medio, abituato a fare a meno di pensare in proprio, quanto a fede e costumi, ed esortato a limitarsi a ’seguire il Papa‘„, so vermag ich dies allerdings anders als Boff nicht als persönliche Befindlichkeitsmitteilung Messoris zu lesen. Messori beschreibt dann Verhaltensweisen Franziskus‘, die leicht als widersprüchlich erscheinen können.

Messoris Sprache windet sich. Das ist nicht nur konservativ-katholisch, das ist auch einfach italienisch. Umso schroffer und polteriger reagiert Boff, hörbar genervt schon allein von Messoris Stil. Als Messori sich am Ende darauf besinnt, der getreue Katholik sollte für seine Priester beten, dürfte Boff explodiert sein. Hier entzünden sich zum Teil unverträgliche kulturelle Temperamente aneinander, scheint mir.

Boff unterstellt Messori, Sprachrohr einer reaktionären Verschwörung im Vatikan zu sein. Das mag generell zutreffen oder nicht – der hier konkret zur Debatte stehende Text Messoris enthält jedenfalls nichts, das man notwendig in diesem Sinne interpretieren müsste.

Messoris zentrale Sätze, mit denen er einigermaßen aus der Deckung kommt, lauten: „Così, certe scelte pastorali del ‚vescovo di Roma‘, come preferisce chiamarsi, mi convincono; ma altre mi lascerebbero perplesso, mi sembrerebbero poco opportune, magari sospette di un populismo capace di ottenere un interesse tanto vasto quanto superficiale ed effimero. Avrei da osservare alcune cose a proposito di priorità e di contenuti, nella speranza di un apostolato più fecondo.“ Das hört sich gewiss nicht nach Pro-Franziskus-Begeisterung an, aber es muss erlaubt sein, das zu sagen. Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass der domestikische Konditionalis, den Messori gleich im Anschluss an diese Sätze eilfertig noch einmal mit dem Zeigefinger hervorhebt, Boff halb wahnsinnig macht.

Ein Punkt, auf den Boff hinweist, scheint mir wirklich sehr wichtig: Die Traditionalisten sehen, denken und argumentieren strikt christozentrisch, um nicht zu sagen „christomonistisch“. Dagegen bringt Boff den Heiligen Geist ins Spiel. Dieser bringe innere Stimmigkeit in ein päpstliches Handlungsprogramm, das nur dem „Geist-losen“ disparat erscheine.

Boffs Text geht mir in mancher Hinsicht zu weit. Aber er gibt mir einen entscheidenden Hinweis: Eine wirklich gute Theologie spielt konsequent keine der drei göttlichen Personen gegen die beiden anderen aus. Das ist keine Sache zwischen dem Sohn und dem Geist, da hat auch der Vater ein Wörtchen mitzureden. Der göttliche Vater meint für mich hier das israelitische Element des trinitarischen Christentums, meint das Neue Testament als eine religionsliterarische Antwort auf das Alte, meint eine gründliche biblische Theologie, die auch historisch-kritisch ist und ihre eigenen Positionen von daher immer wieder in Frage stellt. Das ist mein eigentlicher Einwand sowohl gegen Messori als auch gegen Boff.

Ein ekklesiologisches Hickhack zwischen „Christomonisten“ und „Pneumatomonisten“ ist das Allerletzte, was die katholische Kirche gebrauchen kann.

Nicht ihr habt mich erwählt

„Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt.“ (Joh 15,16) Das ist eine fundamentale Grundlage nicht nur des Christseins, sondern letztlich allen überhaupt wahren Religiösseins.

Die Bibel beschreibt niemals, dass Menschen sich ihre religiösen Anschauungen intellektuell erarbeiten, geschweige denn „aussuchen“. Immer ist das göttliche Handeln an ihnen über ihr ganzes Wollen erhaben. Das reflektiert die Erkenntnis, dass selbst all unserem Wollen die Gnade noch voraus liegen muss.

Wie aber ist unter der Voraussetzung biblischer Erkenntnis dann ein Leben in und aus der Religion richtig zu führen?

Es intellektuell anzugehen, kann nur bedeuten, unablässig darüber nachzusinnen, was es eigentlich heißt, auf den Ruf Gottes zu horchen, wenn er sich bei seinem Rufen offensichtlich meist nicht der Post, des Telefons oder des Internets bedient und auch nur sehr gelegentlich Damaskus-Events veranstaltet. Und es heißt natürlich auch, sehr behutsam zu reflektieren, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind, wenn wir nichts hören.

In der Tatsache des gewachsenen Lebens der Kirche mit all seinen Merkwürdigkeiten drückt sich die Auferstehung Jesu außerhalb unseres eigenen Inneren, wo sie nicht immer deutlich wird, am beeindruckendsten und zuverlässigsten aus. Wir dürfen also an der Gestaltung der Kirche mit angemessenen Mitteln aktiv Anteil nehmen; aber wir dürfen nicht erwarten, dass sie uns „immer alles recht macht“. Ganz gleich, ob sie recht „hat“ oder nicht, kann unser je eigenes spirituelles Wachstum sinnvoll nur darauf beruhen, dass wir lernen, uns ihrem So-Sein zu fügen und nicht Bedingungen zu stellen – um unserer selbst, nicht um der Kirche willen. Die Kirche braucht jeden einzelnen Christen – aber sie braucht nicht das willentliche Beeinflusstwerden durch ihn. Nicht die Kirche braucht unsere Beeinflussung, sondern wir brauchen die Kirche gerade in ihrer Unbeeinflussbarkeit durch uns. Genau dadurch aber, dass wir uns mit dieser Haltung in sie einfügen, beeinflussen wir sie positiv.

Dies beschreibt, wie sich die Einheit der Kirche zur Berechtigung von Kritik an der Kirche verhält. Es wäre verheerend zu meinen, ein guter Katholik dürfe seine Kirche nicht kritisieren. Er darf. Sogar heftig. Er muss vielleicht sogar. Aber wir können gar nicht wirklich verändern, was wir nicht zuerst und grundlegend in seinem Status Quo zutiefst bejahen. Genauer gesagt: Ohne ihre scheinbar paradoxe Verbindung mit tiefster Bejahung laufen Veränderungen immer Gefahr, sich letztlich nicht als wirkliche Verbesserungen zu erweisen. Das macht die missliche Un-Kraft der ihnen dann inhärenten Negation. Auch die heftigste Kritik eines Katholiken an seiner Kirche bleibt also immer unter einem unverrückbaren Vorzeichen seiner vollen Akzeptanz der Missachtung dieser Kritik stehen, falls sie missachtet wird.

Als Theologiestudent trat ich einmal im Sinne der Kritikpunkte von „Wir sind Kirche“ ein paar Jahre lang in die alt-katholische Kirche über. Das war aus einer letztendlichen Perspektive betrachtet falsch, auch wenn es als Teil meiner religiösen Entwicklungsgeschichte seinen Sinn und damit seine Richtigkeit hatte – zumindest als vorübergehende Episode. Die alt-katholische Kirche ist die richtige Kirche für die Nachkommen derer, die 1870 infolge allergrößter extra-kathedraler Fehlbarkeit des ersten förmlich ex-kathedral unfehlbaren Papstes aus der römisch-katholischen Kirche vertrieben wurden, und diese kann man auch nicht angemessen für theologisch „gezwungen“ erklären, in die römisch-katholische Kirche zurückzukehren, seit diese ihre Haltung gegenüber den Alt-Katholiken geändert hat. Aber als heutige Protest-Option für unzufriedene Römer ist die altkatholische Kirche ein Irrtum – und existiert als solcher, wie alle Irrtümer, genau zu dem Zweck, den Irrtum erkennbar zu machen. Mir hat sie diesen Dienst geleistet.

Ob es angesichts dessen zum Wesen der Kirche gehört, dass ihre Wahrheit nicht zu demokratischer Disposition steht? Ob sie also essenziell anti-demokratisch ist? Weder ist diese Frage leicht zu beantworten, noch sind ihre wirklichen Konsequenzen leicht zu überblicken. Sie impliziert eine Menge anderer Fragen, z.B.: Was ist wahre Demokratie überhaupt? Wo hat sie ihren richtigen gesellschaftlichen Platz, gehört sie überhaupt irgendwo anders hin als in die Staatspolitik im engsten Sinne? Umgekehrt aber auch: Wie und warum sollte Demokratie die Wahrheit Gottes bedrohen können? Fazit: Alle Antworten auf diese Frage, die ich bisher gehört habe, sind mir zu übereilt.

Ich bin überzeugt, dass in der Kirche sinnvoll eine Menge Quasi-Demokratie möglich ist – wenngleich ganz gewiss nicht im Bezug auf alles, was die Kirche betrifft. Ich bin für ein Mehr an „Demokratie“ in der Kirche, auch wenn ich nicht genau angeben kann, wie deren Geltungsbereich gegen ihren Nicht-Geltungsbereich dann praktisch abgegrenzt werden müsste. Und es ist auch gar nicht nötig, innerkirchlich immer von „Synodalität“ anstelle von „Demokratie“ zu sprechen.

Bedeutsam ist dabei folgende Überlegung: Die Kirche ist in ihrer Geschichte schon oft in Haltungen verfallen, die wir aus heutiger Sicht als eindeutige Irrtümer erkennen. Ganz im Sinne der heute definierten päpstlichen Infallibilität bezogen diese Irrtümer sich nie auf den Kern ihrer Lehre im Sinne Jesu, sondern immer auf Verständnis, Auslegung und Umsetzung dieser Lehre. Genauso könnte die Kirche also theoretisch heute auch in den Irrtum ihrer zu weit gehenden „Demokratisierung“ verfallen. Diese könnte auch schon zu weit gehen, bevor sie sich auf eine Zur-Disposition-Stellung ihrer grundlegenden Glaubenswahrheiten, geschweige denn deren faktische Revision erstreckt. Was aber hätte ein Katholik, der diesen kollektiven Irrtum der Kirche erkennt, dann zu tun? Solange die grundlegenden Glaubenswahrheiten nicht kirchlich geleugnet werden, hätte er auch einer für ihn eindeutig über-demokratisierten Kirche in demselben Sinne seinen vollen Gehorsam zu bewahren, in dem ich es oben beschrieben habe.

Diese Situation wäre freilich gewiss nicht weniger schwierig als die in der römisch-katholischen Kirche heute real gegebene.

Ich stimme der Auffassung zu, dass der Wert des Papsttums in einer lebendigen Stimme der autoritativen Moderation liegt, salopp zu vergleichen dem Schiedsrichter im Sport. Die großen Stimmen der Kirchenväter haben einen entscheidenden Nachteil: Sie klingen nur noch durch fixe Drucktypen. Eine Stimme zu sein, die über Richtlinien entscheiden kann, während sie gleichzeitig mit den Problemen ihrer Zeit im lebendigen Dialog ist – das ist der Vorzug der Existenz des Papstes. Und wir können uns über die – übrigens schon seit Pius XI. – kontinuierlich immer besser werdende Fähigkeit der letzten Päpste, ihre Funktion genau in diesem Sinne bewusst aufzufassen, wahrlich nicht beschweren. Man kann formulieren: Zusammen mit der zeitgenössischen pädagogischen Theorie nimmt auch die zeitgemäße Ekklesiologie in ihren Paradigmen den Weg von „autoritär“ über „anti-autoritär“ hin zu „autoritativ“.

Um es abschließend in ein Wortspiel zu fassen: Das Verhältnis eines Katholiken zu seiner Kirche sollte keine Wahl zwischen den Optionen „progressiv“, „reggressiv“ oder „aggressiv“ sein, sondern eine Kombination aus „prozessiv“, „rezessiv“ und „akzessiv“.

Wie ist mit Gewalt in der Bibel umzugehen?

Beginnen möchte ich mit einer kleinen theologiegeschichtlichen Studie.

Fr. Robert Barron erklärt in einem Video zum Thema „Gewalt in der Bibel“, Origenes habe gelehrt, „die ganze Heilige Schrift im Licht ihres letzten Buches zu sehen, wo es allein das friedfertige geopferte Lamm ist (Offb 5,7ff.), das heißt Christus und der Mensch im Geist Christi, dem das Vermögen zukommt, die sieben Siegel der Schriftrolle zu lösen, das heißt, die Bibel richtig auszulegen“. Dieser Ansatz lasse nicht zu, den „gewalttätigen Gott“ des Alten Testaments „wörtlich“ als solchen zu verstehen. Die gewalttätigen Geschichten seien im christlichen Sinne des Origenes Symbole für eine rein spirituelle Bedeutung – nämlich für unseren „Kampf gegen die Sünde“.

Hier muss ich die kritische Bremse ziehen. Ich bin zwar kein Origenes-Experte (und auch kein Origenes-Liebhaber), kann aber folgendes feststellen:

1. In Origenes‘ IV. Buch „De principiis„, der gebotenen „ersten Adresse am Platze“ für solche Fragen, werden die „Offenbarungen, die Johannes zuteil wurden“, nur zweimal vergleichsweise auffallend flüchtig und oberflächlich erwähnt, als ein argumentatives „Adabei„.

2. Der sehr bruchstückhafte Apokalypsen-Kommentar, der 1911 in einem Meteora-Kodex aus dem 10. Jahrhundert wiederentdeckt und von Harnack und anderen damaligen Berliner Fachleuten als teilweise Origenes-Fragmente enthaltend eingeschätzt wurde, und auf den Robert Barron sich berufen könnte, ist insofern ein schwacher Bestandteil der christlichen Tradition, als er deren weitaus meiste Zeit hindurch unbekannt war. (Da Origenes seine Absicht, die Johannes-Offenbarung zu kommentieren, in seinem späten Matthäus-Kommentar ankündigt, wurde zumeist angenommen, er sei dazu überhaupt nicht mehr gekommen.)

3. Die Johannes-Apokalypse als das „letzte Buch der Bibel“ zu klassifizieren, dessen kontextuelle Stellung besondere symbolisch-theologische Aussage-Relevanz beanspruche, setzt vollständig abgeschlossene christliche Kanonbildung voraus. Origenes starb um 254. Die allererste Auflistung des neutestamentlichen Kanons im heutigen Sinne findet sich im Osterbrief des Athanasius von Alexandria aus dem Jahr 367. Zwar wird die Offenbarung hier bereits als letzter Text erwähnt, aber insgesamt weicht die Anordnung von der heute gültigen noch ab, was auch die Signifikanz der Schlussstellung gegenüber allzu hohen symbolischen Ansprüchen relativiert. Außerdem nehmen weder die kleinasiatische Synode von Laodizea, die um 363 stattgefunden haben dürfte, noch die Apostolischen Konstitutionen (siehe deren §85) um 380, noch Gregor von Nazianz wenige Jahre später die Johannes-Offenbarung in ihre Kanon-Varianten auf.

Die Argumentation des von mir in vielerlei Hinsicht geschätzten Fr. Barron in dieser Sache ist daher meines Erachtens zwar als ein „Nice Try„, aber als etwas zu „abgehoben“ zu bewerten, der Erdung bedürftig.

Zunächst möchte ich konstatieren, dass man aus meiner Sicht „vom Regen in die Traufe kommt“, wenn man die „Gottes-Gewalt“ des Alten Testaments als symbolisches Paradigma für unseren spirituellen Kampf gegen die Sünde liest. Der daraus zwangsläufig resultierenden Botschaft, dass wir die Sünde in uns „mit Stumpf und Stiel ausrotten sollen“, kann ich aus meinen „mystagogischen“ Überzeugungen heraus unter keinen Umständen zustimmen. Vielmehr scheint meiner Perspektive geboten, dass wir „uns selbst als Sünder lieben lernen sollen, so wie Gott uns als Sünder liebt“ – was freilich nicht gleichbedeutend sein kann und darf mit Bagatellisierung der Sünde. Das ist die vitale spirituelle Finesse, die mir in den Origenes-Barron-Konsequenzen abgeht.

Nein, in der überaus heiklen Frage des „gewalttätigen Gottes“ – die Rede ist dabei meist vor allem von einigen Stellen aus den Geschichten um Moses, Aaron und Saul – fehlt mir nicht nur die zufriedenstellende Erklärung, sondern beinahe der „gebotene Ernst“ des Herangehens, wenn nicht „existenzieller“ argumentiert wird.

Meine persönliche Antwort auf diese Frage ist freilich so „mystisch“, dass es mich nicht verwundert, wenn die offizielle Amtstheologie der katholischen Kirche sich schwer tut, hier mitzugehen – obgleich meine Erklärung den autoritativen römischen Rahmensetzungen, wie ich tadellos aufzeigen zu können meine, in keiner Weise zuwider läuft.

Die Zehn Gebote verlangen, dass der Mensch sich kein Bild von Gott mache. Das ganze Alte Testament handelt von kaum etwas anderem als davon, dass der Mensch genau dies dennoch tut. Durch diese Kern- und Ur-Sünde bleibt die gesamte Geschichte der Menschheit mit Gott darin gefangen, eine Geschichte des Menschen mit seinem Bild von Gott zu sein. Der gefallene Mensch begegnet stets nur seinem Bild von Gott. Und dieses Bild von Gott befiehlt in einem bestimmten Stadium seiner Entwicklung tatsächlich: Metzle deine Gegner, die die Gegner deines Gottes sind, nieder, massakriere sie restlos samt Frauen und Kindern!

Natürlich wäre es theologisch bedenklich, „absolut“ zu postulieren, „Gott selbst entwickle sich in seiner Geschichte“. Sogar diese These haben manche Mystiker übrigens durchaus gewagt. Aber da Gott für den in Erbsünde gefallenen Menschen immer nur als sein Gottesbild überhaupt existiert, ist die These vom „Wachstum Gottes“ unter Hinweis hierauf mühelos „auf der sicheren Seite“: Das von uns selbst bestimmte Gottesbild kann uns „tatsächlich“ überaus grausame Befehle geben, ohne deswegen „nicht Gott“ zu sein. Denn Grausamkeit ist eine Frucht des Dualismus. In einem bestimmten Stadium der Entwicklung, von der wir nicht unterscheiden können, ob sie „seine“ oder „unsere“ ist, „ist“ Gott tatsächlich dualistisch; in einem späteren Stadium aber, das für unsere menschlichen Erkenntnismöglichkeiten die höchste Stufe darstellt, ist Gott nicht mehr dualistisch, sondern erweist sich als nondualistisch. Und trotzdem war er auch in seiner dualistischen Erscheinungsphase „tatsächlich“ schon Gott und nicht „Nicht-Gott“.

Wie gesagt, da Mystiker im Vatikan eine eher seltene Spezies sind, rechne ich von dort nicht mit allzu viel Applaus für diese Aussage. Aber dass ich, hypothetisch dafür vor’s Sanctum Officium gezerrt, Schwierigkeiten haben würde, zu bestehen, halte ich gleichfalls mit großer Zuversicht für nicht zu befürchten.

Denn durch keine andere Interpretation bleibt die ganz eigene theologische Wirklichkeit und Würde des „Alten Bundes“ so gewahrt wie durch diese, wenn man einmal gründlich darüber nachsinnt.

Mein Schlusssatz zu diesem Thema aber soll lauten: Da das Christentum die äußerste Form einer Religion darstellt, in deren Zentrum ein Prinzip steht, das man philosophisch „Personalität“ nennt, – repräsentiert in ihrem Fokus auf Christus -, geht es in ihr zuletzt nie um das, was vermeintlich „objektiv“ in der Bibel „steht“, sondern um das, was die spirituelle Entwicklung des einzelnen Christen „subjektiv“ (übrigens auch dies nur „vermeintlich“) aus dem Studium seiner Heiligen Schrift „macht“.

Wir heißen nicht alle Charlie, aber wir sind 90.000

Manche sagen: „Jeder Muslim, der sich unsere Solidarität erhalten will, muss jetzt öffentlich erklären, dass er sich von islamistischem Terror distanziert! Auch, wenn das vielleicht aufgrund inner-islamischer Konflikte gefährlich für ihn sein kann – diese Schuld hat er unter den derzeitigen Umständen mit seinem Bekenntnis einfach ‚moralisch mitgekauft‘.“ Ist das richtig?

Nein. Wie leicht hätte ich es vergleichsweise z.B., über jene katholischen Priester hier auf meinem Blog selbstgefällig Gericht zu halten, die Kinder sexuell missbraucht haben, um meinen Glauben gesellschaftspolitisch „rein zu waschen“. Und tue ich das? Ich empfinde ganz gelassen alle Freiheit, darauf zu verzichten – aber wahrlich nicht deshalb, weil ich diese Missbrauchstaten für eine Bagatelle halten würde.

Immer suchen wir in kollektiven Extremsituationen irgendeinen sozialen „Hebel“ zur „Mechanik“ des Lebens, um etwas zu „bessern“. Jedes Mal aber wird nichts als demagogischer Populismus daraus. Weil es nämlich diesen „Hebel“ einfach nicht gibt – weil es die vermeintliche Lebens-„Mechanik“ nicht gibt.

Lasst die armen Muslime in Ruhe. Und tut gegen fehlgeleitete militante Fanatiker einfach das, was nötig und möglich ist. Dieses „Nötige und Mögliche“ ist im Grunde so simpel, dass sich dabei nicht einmal ernsthaft Fragen nach den „Grenzen des Rechtsstaats“ stellen – die stellen sich bei anderen gesellschaftlich aktuellen Problemen in Wahrheit viel stärker.

Wer binnen weniger Stunden eine nationale Armee von 90.000 (!) Einsatzkräften mobilisieren kann, um zwei flüchtige Attentäter zu fangen, hat keine nennenswerten Schwierigkeiten, das Nötige und Mögliche zu realisieren, um ein Splittergrüppchen von Totalverweigerern der gesellschaftlichen Ordnung an jeder ernsthaften Beeinflussung der Kultur zu hindern.

A priori gänzlich verhüten kann man Terroranschläge genauso wenig wie irgendeine andere Form von Verbrechen. Und doch würde gewiss niemand sagen, diese seit jeher hingenommene kriminologische Gegebenheit „bedrohe unsere Kultur“. Wir müssen endlich die Erkenntnis verinnerlichen, dass auch Terroristen lediglich „ganz gewöhnliche Verbrecher“ sind. Ob man sich materielles Eigentum anderer oder „metaphysisches“ Selbstwertgefühl verschaffen will, läuft ganz auf dasselbe hinaus, sobald die Vorgehensweise dazu illegitim ist.

Kein Terrorist beeinflusst die öffentliche Meinung der Gesellschaft, die er angreift, zugunsten der Weltanschauung, der er damit zu dienen meint oder behauptet. Darin liegt die ultimative Unintelligenz des Terrors. (Man muss freilich hinzusagen: Den führenden Köpfen des organisierten Terrors, die nicht in Europa residieren, geht es letztlich gar nicht um den Effekt auf die „Zielländer“, sondern um ihr politisches Renommee „bei sich daheim“.)

Tun wir also lieber das Intelligenteste, was wir angesichts der Unausrottbarkeit von Verbrechen tun können: Beten wir für die Opfer, für die Täter – und für alle Angehörigen von Religionen, die unter der anmaßenden Dummheit einiger ihrer vermeintlichen „Gesinnungsgenossen“ schwer zu leiden haben.

Der einzige mögliche wahre Heroismus des irdischen Daseins liegt darin, unbeirrt einer Sache zu dienen, die man als entsetzlich unvollkommen und niemals perfektionierbar erkannt hat: der wahren Religion hinter aller Religion, der wahren Menschheit hinter aller Menschheit, dem wahren Menschlichen hinter dem Allzumenschlichen.

„Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt“ (Erich Fried)

In einem Interview auf der Website von „The New Emangelization“ (www.newemangelization.com), einem Projekt der konservativ-katholischen Männerbewegung in USA, bekräftigt Raymond Leo Burke wieder einmal seine Position als „Rechtsaußen“ des Kardinalskollegiums mit einem massiven Vorstoß gegen die Rolle der Frau in der Kirche: „The radical feminism which has assaulted the Church and society since the 1960s has left men very marginalized. Unfortunately, the radical feminist movement strongly influenced the Church, leading the Church to constantly address women’s issues at the expense of addressing critical issues important to men.“ – „Sadly, the Church has not effectively reacted to these destructive cultural forces; instead the Church has become too influenced by radical feminism and has largely ignored the serious needs of men.“ – „The Church becomes very feminized. (…) The activities in the parish and even the liturgy have been influenced by women and have become so feminine in many places that men do not want to get involved. (…) The feminized environment and the lack of the Church’s effort to engage men has led many men to simply opt out.“ – „The introduction of girl servers also led many boys to abandon altar service. (…) I think that this has contributed to a loss of priestly vocations.“ – „There was a period of time when men who were feminized and confused about their own sexual identity had entered the priesthood; sadly some of these disordered men sexually abused minors.

Natürlich ist in diesen Stellungnahmen der klassische Reinheits- und Sexualkomplex nie weit entfernt und bricht immer wieder explizit hervor. Ansonsten ist der lange Text voll von Ausdrücken wie „manly character„, „chivalry“ oder „heralding the heroic nature of manhood“ in Kombination mit „discipline„, „sacrifice“ und „courteous„. Hier wird bis zum äußersten Überdruss ein machistischer Chauvinismus „kultiviert“, der nur etwas für die ist, „die ihn nötig haben“: „It became politically incorrect to talk about the Knights of the Altar, an idea that is highly appealing to young men.“ Witzigerweise unterläuft dem Interview tatsächlich die großartig passende Freudsche Fehlleistung, dass aus Christi „sacrifice on Calvary“ ein „sacrifice on Cavalry„, der Kalvarienberg also zu einem Gebirge von Gespinsten über „Kavaliers“-Gehabe wird. Das ist ausgerechnet an dieser Stelle wirklich die beste subtile Kirchen-Realsatire seit langem.

Was fällt mir dazu ein? Soll ich wirklich allen Ernstes GENAU darüber sprechen, oder sollte ich nicht lieber etwas Allgemeineres anmerken, das mir damit in einer tieferen Verbindung zu stehen scheint? Ja, das sollte ich:

Alle wirklich guten Theologen empfinden sich als schlechte Schüler, weil sie lieber nur das Überlieferte übernehmen würden, „wie es ist“, anstatt irgendetwas zu neuern; aber wirklich gute Theologie kann ausschließlich darin bestehen, dass der gute Theologe das ihm im Grunde zeitlos erscheinende Übernommene an eine veränderte Zeit, an gewechselte gesellschaftliche und kulturelle Umstände adaptiert in innerlich durchaus widerstrebendem Gehorsam gegenüber der zwingenden geschichtsphilosophischen Einsicht, dass alles, was jemals historisch und somit auch traditionell relevantes Fortwirkungs-Gewicht gewann, ursprünglich einmal gerade aus experimentell gewagtem notwendigem Entgegenkommen angesichts einer aktuellen Herausforderung geboren wurde, und dass folglich auch im jeweiligen Jetzt immer nur „reflektierte Entsprechung“, „durchdachter Transfer“ die eigentliche und möglichste sinnstiftende Bewahrung alles Bewahrenswerten gewährleisten kann, nicht das Bestreben nach dessen „fundamentalistischer Zementierung“.

„Hm, lieber Blogger: Ein reichlich geschraubter Satz, den Erich Fried viel einfacher und eleganter gesagt hat“? – Ja, ich bitte sehr: Soll ich mich denn zur Kommentierung des Obigen etwa in echte geistige Unkosten stürzen??

Also gut, schließen wir mit der Heiligen Schrift – grade so viel davon, wie hier nötig ist: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus.“ (Gal 3,28)

Was sind die wichtigsten Prinzipien der Evangelisation?

1. Das Schöne zuerst (nicht das „Wahre“ oder das „Gute“): Die Ästhetik des Glaubens öffnet das erste Tor zu ihm, nicht seine Logik oder Ethik.

2. Geschichtlichkeit und Narrativität liegt im innersten Wesen christlichen Bewusstseins, deshalb muss der christliche Glaube auch vorrangig als Erzählung vermittelt werden, nicht als theoretisches Gebilde.

3. Anspruch: „Don’t dumb down the message!“ Die erste Folge einer simplifizierten Verkündigung wird sein, dass sie den von ihr Bekehrten in ernsten Prüfungssituationen des Lebens im Stich lässt, und die zweite, dass er sich daraufhin von dem, was ihm verkündigt wurde, enttäuscht abkehrt. Eine zumutungsfreie Glaubensbotschaft verkündigen zu wollen, ist deshalb unverantwortlich.

4. Vitalität durch Standpunkt, Standpunkt durch Freiheit: Die Mitteilung des Glaubens muss eine persönliche sein. Um persönlich sein zu können, darf sie nicht von der Sorge vergrämt sein, ob sie in jedem Detail der offiziellen Lehrlinie der Amtskirche hundertprozentig entspricht. Sie darf sich nicht durch hundert „Wenns“ und „Abers“ absichern. Sie muss mutig sein und von Herzen kommen. Die Freiheit dazu ist die „Freiheit eines Christenmenschen“ – auch eines katholischen!

5. Adressiertheit: Wir jede gute verbale Botschaft muss auch das Evangelium sein Publikum, dessen reale Interessen und konkrete Probleme aufmerksam im Blick haben. Es muss seine Zuhörer, wie es so schön heißt, „dort abholen, wo sie stehen“. Das Wort Gottes muss das sogar noch mehr tun als andere Arten von Mitteilungen. „Adressiertheit“ bedeutet damit automatisch auch immer einen resoluten Verzicht auf den Anspruch der „Vollständigkeit“ und „Systematik“.

6. Nondualität: Sätze, die mit „schwarz oder weiß“ bzw. „entweder – oder“ formuliert werden, sind in 99 Prozent aller Fälle keine adäquate Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi (auch wenn von Jesus selber Sätze von derartiger Struktur überliefert sind – quod licet Jovi non licet bovi.)

7. Humor. Wo es nichts zu lachen gibt, wird keine frohe Botschaft verkündet.

Prominente US-Katholiken

Gestern wurde gemeldet: Mit über 90 Prozent Kirchenmitgliedern ist das US-Repräsentantenhaus um fast 20 Prozent christlicher als die Nation, die es repräsentiert. Die Überrepräsentation der Katholiken ist dabei mit dem Verhältnis „31:22“ noch um ein Prozent größer und mithin umso signifikanter als die der Protestanten mit „57:49“. Beide großen Fraktionen des parlamentarischen Hauses werden aktuell von Katholiken geführt. Dennoch „stehlen“ die Juden den Katholiken in Sachen relativem politischem Gewicht freilich „die Schau“: Die 2 Prozent der US-Bürger, die sie ausmachen, sind im Kongress gleich mit 5,2 Prozent vertreten. Umgekehrt: Während 20 Prozent der US-Bevölkerung bekenntnislos sind, trifft dies nur auf ein einziges Kongressmitglied zu.

Übrigens: Wenn Jeb Bush die Gebärde seiner jüngsten außerpolitischen Funktionsniederlegungen ernst meinen und er zudem mit den Ambitionen, auf die diese hindeuten, Erfolg haben sollte, würde er – anders als sein Vater und sein Bruder – erst der zweite katholische Präsident der USA nach John F. Kennedy. Allerdings ist rund ein Viertel aller bisherigen US-Präsidenten der Episcopalian Church zuzuordnen, die eine besonders starke „anglikanische Affinität“ zum Katholizismus aufweist.

Die für manche, die den nördlichen Teil des Kontinents zwischen Atlantik und Pazifik für eine einzige genuine Kreation von Baptisten- und Methodisten-Predigern halten, überraschend tief verwurzelte Katholizität der USA erweist sich aber auch in einem Blick auf die Konfessionszugehörigkeit etlicher führender Ikonen von Hollywood: siehe bei den Revolverhelden Gary Cooper ebenso wie John Wayne; bei den Muskelhelden Sylvester Stallone ebenso wie Arnold Schwarzenegger; und bei denen hinter der Kamera Michael Moore ebenso wie Alfred Hitchcock.

Ganz nebenbei bemerkt: Die US-Katholiken sind mit ihrem sagenhaften Reichtum die weitaus bedeutendsten Finanziers der gesamten katholischen Weltkirche (und schon allein von daher einen Blogbeitrag wert). Etliche der exemplarisch Betuchten unter ihnen sollen Papst Franziskus auch schon durch eine mehr oder weniger lieblich duftende verbale Blume zu verstehen gegeben haben, was sie von seiner radikalen Auffassung von „evangelischer Armut“ halten. Für sie ist es kein Widerspruch, Katholiken und zugleich Kapitalisten zu sein. Das war es für Johannes Paul II. in „Centesimus Annus“ zwar auch nicht. Aber der selige Papst setzte seine betreffende Auffassung in dieser Enzyklika zum hundertsten Geburtstag von „Rerum Novarum“ doch unter sehr scharfe Konditionen – mit denen es die reichen Römer von New York und Chicago weit weniger genau nehmen als mit ihrer prinzipiellen päpstlichen Lizenz zum Geldverdienen.

Ja, die USA sind wahrlich ein Land, über das man sich immer wieder wundern kann. Während ich mich dringend und aufrichtig bemüßigt fühle, meine Worte über die gestrige Pariser Tragödie äußerst behutsam zu wählen, lässt der Vorsitzende der zwar nicht kirchenoffiziellen, aber sehr einflussreichen rechtskonservativen Lobbyorganisation „Catholic League“ unbefangen verlautbaren: „Wäre er (gemeint ist der Chefredakteur von Charlie Hebdo) nicht so narzisstisch gewesen, könnte er noch leben.“ Bei einem solchen plump-naiven Satz stehen mir alle Haare zu Berge.

Nein, auch überraschende Feststellungen über die Katholizität der USA führen nur sehr bedingt dazu, dass ich mich ihnen innerlich oder kulturell näher fühle. Da bleibt eine große Kluft. Gewiss, sie wäre vermutlich gleich viel kleiner, wenn wir physisch-sozial gemeinsam in die Kirche gingen. Aber da das Meiste, was „von Katholik zu Katholik“ über den „großen Teich“ schwappt, eher politischen Charakters ist, bleibt die Differenzempfindung doch sehr beträchtlich.

Erika Steinbach

Erika Steinbachs gestriger smiley-versehener Tweet „Nur kath. Kirche kritisieren, sonst lebensgefährlich“ war ohne Zweifel ein derber Missgriff gegen das Dekorum einer politischen Rolle. Aber dass ihre Aussage inhaltlich zweifellos und nachprüfbar den Tatsachen entspricht, darauf bin ich außerordentlich stolz. Diese „Kleinigkeit“, dass Katholiken als solche heute niemanden mehr umbringen, ist einer der größten Fortschritte in der Menschheitsgeschichte. Der Blick in deren Annalen zeigt ebenso wie der Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungsprobleme des Islam – und vieler anderer Religionen! -, wie mühsam dieser „kleine“ Fortschritt war und ist. Und, nicht zu vergessen: „Den Anderen“ hat das nie jemand so deutlich gesagt wie Jesus uns Christen schon von Anfang an – und trotzdem haben „wir“ uns historisch betrachtet oft nicht viel besser aufgeführt.

Nachtrag: Norbert Feldhoff hat daran erinnert, dass in Nordirland noch in der jüngsten Vergangenheit Katholiken Protestanten umgebracht haben, und man kann schwerlich behaupten, das hätten sie nicht „als Katholiken“ getan, weil es sich um rein „politische“ Gegner gehandelt habe (noch sollte man sich darauf berufen, „dass Irland eine seltsame Welt für sich ist“, so sehr man dazu neigen möchte). Dies zur berechtigten Einschränkung meiner Aussage.