Meine Doktorarbeit über Jesus

Wenn ich charakterlich weniger Künstler und mehr Wissenschaftler wäre, würde ich folgende Dissertation in neutestamentlicher Bibelwissenschaft schreiben:

Erstens: Die Tatsache, dass Jesus als geistlicher Lehrer aufgetreten ist und dass das wörtliche Kreisen seiner Botschaft um ein „Himmelreich“ oder „Reich Gottes“ dabei das Gravitationszentrum seiner Lehre bildete, gehört mit zu den am besten historisch-kritisch belegbaren Tatsachen seines Lebens.

Bei Markus – dem zweifellos mit Abstand die größte historische Autorität zukommt, was den authentischen Jesus angeht, und mit ihm bei Matthäus – steht die „Himmelreich“-Verkündigung kompositorisch derart im Mittelpunkt, dass es an deren zentraler Wichtigkeit für Jesus schon allein aus stärksten literarischen Gründen kaum Zweifel geben kann: Der Einspruch der Zeitgenossen – zu einer Zeit, in der wohl noch Ohrenzeugen Jesu lebten – wäre ebenso pointiert gewesen wie Markus‘ exponierte These, wenn diese nicht gestimmt hätte (Mk 1,15; Mt 4,17).

Ob man die Tatsache, dass Lukas nicht wie Markus vom „Himmelreich“, sondern vom „Reich Gottes“ spricht, dahingehend werten muss, dass Lukas diese Äußerungen Jesu nicht aus Markus, sondern aus einer anderen Quelle übernommen hat, und daher schon innerhalb der Synoptiker eine Quellen-Vielfalt der Belege für die „Himmelreich“- oder „Reich-Gottes“-Rede Jesu vorliegt oder nicht, möchte ich dahingestellt sein lassen. Bei Lukas geht – seinem starken kompositorischen Eigenwillen entsprechend -, die markinische Schärfe des Fokus auf diese Jesus-Äußerung als eine initiale und programmatische zwar verloren, dennoch bleibt das „Reich Gottes“ auch bei ihm zentrales Thema des Lehrredners Jesus (signifikant in Lk 8,1; zuvor schon beiläufig in 7,28; dann gehäuft in 8,10; 9,2; 9,27; 9,60-62; 10,9-11; 11,20 usw.).

Ein „Reich“, viele Quellen

In den übrigen kanonischen Schriften des Neuen Testaments – wiewohl diese historisch ohnehin noch weitaus weniger zuverlässig sind als die Synoptiker – sind die Belege für das „Reich Gottes“ zwar spärlich und in ihrem Kontext stets von eher nachrangiger Bedeutung, aber sie kommen immerhin vor. Johannes erwähnt das „Reich Gottes“ zumindest ein einziges Mal (Joh 3,3, im Nikodemus-Gespräch). Ebenfalls vergleichsweise wenig eigenständiges theologisches Gewicht hat der Begriff bei Paulus, aber er fällt doch mehrfach.

Entscheidend tritt zu alledem allerdings die Rolle des „Königreichs“ im apokryphen Thomasevangelium hinzu. Von diesem „Königreich“ wird gleich im dritten Thomas-Logion ausdrücklich gesagt, dass es „im Himmel ist“, so dass jede weitere Erwähnung des „Königreichs“ als unterstützender Beleg für Markus gewertet werden muss. Neben deutlichen Parallelen zu Synoptiker-Perikopen (in den Logien 20, 54, 96, 107, 109 und 113) kommt der Begriff dabei auch in solchen Logien vor, die sich von allen synoptisch bekannten Stellen deutlich unterscheiden: 22, 82, 97, 98, sowie im letzten Logion 114, in dem das „Königreich“ abschließend noch einmal explizit als „des Himmels“ bezeichnet wird.

Insgesamt zwingt dieser Befund meines Erachtens, das „Himmelreich“ oder „Reich Gottes“ als das zentrale Verkündigungs-Schlagwort des historischen Jesu auf gleicher Stufe wissenschaftlicher Gewissheit anzuerkennen wie seine Taufe im Jordan durch Johannes oder das „INRI“, auf einer Qualitätsstufe also mit zwei Gesichtspunkten der Evangelien, die heute als „Flaggschiffe“ biographischer Jesus-Historizität angenommen werden.

Warum gerade Jesus?

Zweitens: Die historisch-kritische ebenso wie die theologische Wissenschaft des Neuen Testaments schuldet uns immer noch eine plausible, möglichst sachliche Erklärung dafür, weshalb das Auftreten Jesu von seinen Zeitgenossen letztendlich stärker wahrgenommen wurde als das Auftreten vieler anderer apokalyptischer Wanderprediger, die gerade zur Zeit Jesu in Judäa und Galiläa intensiv wirkten; zumal ja zu den am besten wissenschaftlich nachvollziehbaren historischen Hinweisen der Evangelien gehört, dass Jesus anfänglich ein Täufling, das heißt ein Schüler des Johannes war, bei dem es sich eindeutig um einen typischen apokalyptischen Propheten handelte – die Schule, aus der Jesus kam, hatte also, überspitzt gesagt, „nichts Besonderes“ zu bieten.

Drittens: Die zuverlässigste Aussage, die eine seriöse Auslegung über den Begriff des „Himmelreichs“ oder „Reichs Gottes“ machen kann, wie Jesus ihn gebraucht, ist, dass es sich dabei ganz sicher nicht um einen apokalyptischen, sondern im Gegenteil um einen geradezu anti-apokalyptischen Begriff handelt. Jesus erklärt bei Lukas ausdrücklich, das Himmelreich befinde sich nicht an irgendeinem geographischen oder räumlich-kosmischen Ort, es liege zeitlich nicht in der Zukunft, ja es gehe nicht einmal mit irgendwelchen situativen Merkmalen im irdischen Sinne einher: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es!, oder: Dort ist es! Denn das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17,20-21) Das ist definitiv keine Apokalyptik. Auch die authentischen Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig (Lk 13,18-21) lassen sich nur als „präsentische Eschatologie“, als geistige „Schon-Gegenwart der Erlösung“ auffassen; irgendeine apokalyptische „futurische Eschatologie“ lässt sich bei solider historisch-kritischer Gewichtung der Texte des Neuen Testaments aus den ursprünglichen Impulsen Jesu auf gar keinen Fall sinnvoll herauslesen.

Daraus ist meines Erachtens der eindeutige Schluss zu ziehen, dass die historisch so großes Aufsehen erregende Besonderheit des Wirkens Jesu seine schroffe Ablehnung der zeitgenössischen jüdischen Apokalyptik war. In ihrem Geist war er zunächst bei Johannes spirituell herangewachsen; dann wandte er sich mit einer jähen Wendung von ihr ab und hob hervor, das Hier und Jetzt sei alles, worauf es geistlich ankommt. Seine Verkündigung ist als dezidiert anti-apokalyptisch zu charakterisieren. Dies bildete sein kerygmatisches „Alleinstellungsmerkmal“, das schließlich sein besonderes Nachwirken sachlich begründete. Freilich fielen manche seiner Anhänger später wieder in die damals kulturgeschichtlich immer noch stark vorherrschenden apokalyptischen Bewusstseinsmuster zurück; entsprechende geistige „Gemengelagen“ lassen sich anhand der neutestamentlichen Textgeschichte gut nachvollziehen.

Über das Thomasevangelium

Die US-amerikanische Universität Yale hat unter anderem ein komplettes Semester einer Vorlesung eines ihrer Professoren des Fachbereichs Religionswissenschaft bei YouTube ins Internet gestellt, worin der Professor für Alte Geschichte Dale B. Martin eine objektive, glaubensfreie Betrachtung des Neuen Testaments lehrt. Seine Vorträge sind hörens- und sehenswert. Eine Sitzung widmet er dem Thomasevangelium. Die Offenheit, mit der er bekennt, nicht zu verstehen, worum es darin eigentlich geht, ist sympathisch.

Ich persönlich habe keinerlei grundsätzliche Verständnisschwierigkeiten gegenüber dem Thomasevangelium. Natürlich sind auch mir nicht alle Details klar. Aber es ist nicht schwer zu verstehen, wenn man einerseits einen Zugang zu den universalen Grunderkenntnissen von Mystik hat – die in allen Kulturen dieselben sind – und andererseits mit den Grundgesetzen des Redens in Metaphern und Gleichnissen vertraut ist; mit der einzigen besonderen Tücke – die aber in den synoptischen Evangelien genau dieselbe ist -, dass Jesus immer dort, wo er explizit beansprucht, gleichnishaft auszudrücken, wie es „mit dem Himmelreich ist“, in Wahrheit vielmehr genau im Gegenteil beschreibt, wie es sich damit NICHT verhält.

Ich glaube,  wir besitzen keinen anderen Text, der uns dem historischen, authentischen, lehrenden Jesus so nahe bringt wie das Thomasevangelium. Die Erkenntnis dürfte sich im Lauf der nächsten Jahrzehnte noch verstärken und vertiefen, dass 1945 nicht nur in politischer Hinsicht eine neue Weltepoche begonnen hat, sondern auch geistesgeschichtlich – im Wüstensand von Nag Hammadi in Ägypten, wo in jenem Jahr des Kriegsendes der verschollene, nur aus Aussprüchen Jesu bestehende Text wiederentdeckt wurde.

Man darf es einem Historiker nicht allzu sehr verübeln, wenn er mit Mystik nicht viel anfangen kann und den Text daher ein wenig lächerlich macht. Gewiss kann man gegen das Thomasevangelium einwenden, dass es selber nicht gerade dazu beiträgt, seine mystische Bedeutung zu ent- statt weiter zu verschlüsseln. Es wurde zweifellos von Gnostikern gelesen und liturgisch benutzt, und vielleicht hat deren Überlieferungspraxis in der Tat noch willentlich dazu beigetragen, seinem Wortlaut eine möglichst kryptisch-hermetische Gestalt zu verleihen, und an der einen oder anderen Stelle auch spezifisch gnostische Perspektiven eingebracht – wenn auch gewiss nicht in großem Umfang.

Denn Professor Martin weist ganz richtig darauf hin, dass das Thomasevangelium im Grunde absolut nicht die Charakteristika einer gnostischen Schrift aufweist – eher im Gegenteil. Er stellt fest, das Thomasevangelium zeige eindeutig keine „apokalyptische“, keine „eschatologische“ Tendenz, wie sie den Gnostikern entgegen gekommen wäre. Man spürt bei der Lektüre, dass hier die Gnostiker höchstens etwas in ihrem Sinne zu deuten versuchen, das ursprünglich keineswegs „auf ihrem Mist gewachsen“ ist. Mit dieser Beobachtung bestätigt gerade der mystisch verständnislose, von allen „spirituellen“ Lesarten distanzierte Gelehrte aus Yale aufs Gültigste das Gewicht des überaus bedeutenden Hinweises, den das Thomasevangelium auf den historischen Jesus enthält.

Eine der spannendsten theologischen Fragen lautet nämlich, wie Jesus der wurde, der er gewesen ist. Wer einmal erkannt hat, dass die universale Bedeutung seiner Lehre die aller echten Mystik ist, hat die entscheidende Entdeckung schon hinter sich. Aber wie gelang es dem historischen Jesus, diesen inneren Entwicklungsschritt zum Mystiker par excellence zu vollziehen, der in der ihn umgebenden religiösen Gesetzes-Kultur offenkundig ganz und gar nicht nahe lag? Die Frage nach dem Besonderen an Jesus gegenüber seiner kulturell-historischen Umwelt ist letztlich interessanter als die nach der allgemeinen Wahrheit an dem, was er lehrte, wenn man diese allgemeine Wahrheit einmal begriffen und sie in ihrem Kern ebenso bei Buddha oder Eckhart Tolle stehen gesehen hat.

Wir wissen nichts über Jesu biographische Entwicklung. Der einzige handfeste Hinweis auf einen Faktor, der sie beeinflusst haben dürfte, nimmt die exzessive Apokalyptik seiner Zeit in den Blick. Die Ausrichtung auf ein nah-erwartetes katastrophales Weltende war damals in der jüdischen Theologie extrem vorherrschend. Solche allgegenwärtigen schrecklichen Endzeit-Visionen könnten das Kind Jesus traumatisiert haben, wie es teilweise heute noch die Älteren unter uns von den Höllenpredigten der „schwarzen Pädagogik“ ihrer katholischen Erziehung bis vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu berichten wissen, und vielleicht war die notwendige mystische Selbstbefreiung von dieser negativen geistigen Prägung der entscheidende Schritt, der den Menschen Jesus in seine epochale Rolle brachte.

Es ist gut denkbar, dass geradezu das zentrale Schlüssel-Moment der Eigenart jesuanischer Lehre und Wirkung im Kontext seiner Zeit genau darin bestand, dass er der dominanten Apokalyptik seiner Umwelt eine schroffe Absage und Abfuhr erteilte und dadurch seine Jünger von dem Albdruck der allgemein grassierenden unmenschlichen Schreckensvisionen erlöste. (Passenderweise handelt es sich bei der neutestamentlichen Apokalypse, der „Offenbarung des Johannes“, um den in jeder Hinsicht schlechtesten Text der Bibel.) Vielleicht ging von genau diesem Zusammenhang die entscheidende Faszinationskraft aus, die dem Auftreten des Lehrers Jesus in Galiläa so starke Wirksamkeit verlieh, weil sie in einzigartiger Weise Hoffnung anbot, ohne deswegen die Tatsachen der gesellschaftlichen Situation schönzufärben.

Warum ich diesen Blog schreibe

Thomas Merton schreibt in seinem großartigen Kloster-Journal „The Sign of Jonas“ (S. 253): alles, was er darin notiere, diene allein dem Zweck einer „Selbstanleitung“ („personal guidance“) entgegen einer konstanten „Gravitationskraft“, die ihn ständig von der „Einsamkeit“ wegzuziehen versuche. „Ein-samkeit“ ist hier theologisch zu verstehen als Verbundenheit mit dem Kosmos, dem Göttlichen, in dem alle Dinge als „eins“ erlebt werden. Das Notierte werde ihn „daran erinnern, wie man wieder nach hause kommt“. Das ist die Art von Praxis, in der ich Thomas Merton mit diesem Blog – und mit allem meinem Schreiben – zu folgen versuche. Der Grund für die Publikation ist, dass andere daran teilhaben dürfen, wenn sie wollen und falls ihnen das – hoffentlich – etwas nützt, weil ich nicht glaube, mit meinen Problemen allein zu sein. Der Grund ist aber nicht, dass ich etwa glauben würde, bessere Lösungen für diese Probleme zu haben als andere. Der Austausch untereinander, derer, die dasselbe Problem haben, wird die Lösungen voranbringen.

Daraus ergibt sich im folgenden für mich auch ein gesellschaftliches Interesse am Stattfinden einer möglichst vielfältigen medialen Debatte über „Spiritualität“. Wobei ich persönlich innerhalb dieser Debatte sicher nicht den massentauglichsten Aspekt bediene; aber das ist nun mal so und muss auch nicht anders sein; denn das, was ich anzubieten habe, wird an seinem Ort in dieser Debatte ebenso gebraucht wie die vielen leichter zu ergreifenden „Aufhänger“ an anderer Stelle. Deswegen trägt mein Blog den Begriff „Spiritualität“ auch im Titel, obwohl ich das Wort eigentlich nicht sehr anziehend finde. Denn „Spiritualität“ ist eindeutig derjenige Begriff, unter dem sich heute der größte Teil meiner Gesellschaft faktisch noch am ehesten über das verständigt, worum es mir geht. Deshalb suche ich an dieser Stelle nicht nach einer anderen Überschrift, was ich persönlich gern tun würde.

Eine erste Zwischenbilanz

Ich freue mich über manche sehr positive Rückmeldungen zu diesem Blog.

Andere Stimmen äußern den Eindruck – der durchaus nicht immer negativ gemeint ist, sondern nur eine Auffälligkeit anmerkt – die Texte seien sehr intellektuell. Einige Menschen signalisieren mir allerdings bereits, dass ihnen gerade dies Wege zu Themen eröffnet, mit denen sie andernfalls nicht viel anfangen könnten. Da geht es ihnen, wie es mir selber lange gegangen ist und immer noch oft geht.

Einige sagen direkt, Spiritualität sei für sie nichts derart Intellektuelles. Damit wäre zum Beispiel Meister Eckhart sicher ganz und gar nicht einverstanden gewesen.

Ich danke aber für alle diese unterschiedlichen Rückmeldungen – und freue mich auf und über weitere. Ein paar Anmerkungen zu den bisherigen:

Die vielen Texte, die ich nach Eröffnung dieses Blogs innerhalb kurzer Zeit hier eingestellt habe, sind natürlich größtenteils schon etwas älter, sie repräsentieren weit überwiegend mein inneres Ringen vor allem in den letzten sechs Jahren, seit Sommer 2007.

In der jüngsten Zeit hingegen hat sich in meiner Einstellung zu „Spiritualität“ wieder etwas deutlich verändert. (Wobei ich das Wort übrigens rein sprachlich weiterhin nicht sonderlich mag, ich habe nur kein für die heutige Zeit geeigneteres.) Mit dieser Veränderung steht die Eröffnung des vorliegenden Blogs in Zusammenhang. Aber sie wird sich wohl erst in seiner Zukunft stärker bemerkbar machen. Bisher bildet der Blog vor allem ab, woher ich geistig komme. Das ist gut so, das ist gewollt. Wenn durch die Vergleichsmöglichkeit Veränderungen nach und nach deutlicher werden, macht das die Sache nur umso interessanter.

Diejenigen, die wissen, dass mein Schwiegervater zu Themen rund um „Spiritualität“ ein hohes Ansehen genießt, fragen mich teilweise auch, in welchem Verhältnis meine schriftlichen Äußerungen über dieses Thema zu den Seinigen stehen. Die Antwort lautet: Sie nehmen mit ihnen überhaupt keine Konkurrenz auf, und sie könnten es auch gar nicht. Mit jemandem, der eine so lange Erfahrung in einer bestimmten, konkreten geistlichen Praxis hat und sich darüber äußert (siehe www.schweigemeditation.de), kann meine Person, was das angeht, in keinen sinnvollen Vergleich treten. Dass trotzdem auch ich mich über dasselbe Thema äußern kann – auch schriftlich -, ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ebenso selbstverständlich ist für mich freilich, den Unterschied meiner Aussagen zu den Aussagen anderer, die in gewisser Hinsicht zweifellos „berufener“ sind, unmissverständlich klar zu stellen.

Meine Texte über Spiritualität thematisieren ja gerade meine Suche nach einer kontinuierlichen geistlichen Praxis, mit der ich größte Schwierigkeiten habe. Die vorliegenden Texte sind jedoch, wie mir immer deutlicher wird, selber schon ein genuiner Teil dieser Praxis. Umso ausgeschlossener wäre es für mich, sie mir zu „verbieten“, nur weil ich nicht „kompetent“ bin. Denn wer oder was ist überhaupt dieses „Ich“, das „kompetent“ sein „muss“, um etwas tun zu können? Genau das ist doch die spirituelle Kernfrage überhaupt!

Gleichzeitig ist mir auch klar, dass die Arbeit an den vorliegenden Texten nicht das Ganze meiner geistlichen Praxis – wie immer diese „letztendlich“ aussehen wird – ausmachen kann. Andernfalls wäre diese „Praxis“ nämlich vermutlich tatsächlich nichts anderes als reiner Intellektualismus. Vielleicht wird das Schreiben solcher Texte weniger werden in dem Maß, in dem meine lange Suche nach anderen befriedigenden Formen geistlicher Praxis endlich fündig wird, wer weiß? Ich hätte nichts dagegen. Und in der Wirklichkeit ist das Schreiben dieser Texte ja schon gegenwärtig nicht meine einzige Form von geistlicher Praxis, schon seit langem nicht, und vielleicht nie gewesen.

Nur die Konkretheit und Kontinuität der äußeren Form dieser „anderen Praxis“ reicht an die Konkretheit der Form eines Textes in meinem Leben bisher nicht heran. In der Rundmail, mit der ich die Eröffnung dieses Blogs publik gemacht habe, habe ich deutlich darauf hingewiesen, dass ich ihn als „Literat“, nicht als „Guru“ betreibe. Denn wenn ich überhaupt für irgendetwas einigermaßen „kompetent“ bin, dann für literarische Formen. Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb ich schon vor vielen Jahren gleichsam instinktiv mit dem Versuch begonnen habe, literarisches Schreiben als eine Möglichkeit geistlicher Praxis zu nutzen.

Dieser Versuch ist ja keineswegs ungewöhnlich. Exemplarisch verweise ich diesbezüglich nur auf Thomas Merton, dessen Werk ich gerade lese. Er hat übrigens gerade einige seiner besten Texte über Spiritualität als spiritueller „Anfänger“ geschrieben. Damit ist er für mich ein großes Vorbild.

Allerdings möchte ich auch das Ziel erreichen, meiner „anderen“ geistlichen Praxis eine ebenso ausgeprägte Form zu geben; denn die Ermahnung, dass die äußere Form wichtig ist, erkenne ich bereitwillig an, und das Schreiben allein, wie gesagt, ist sicher nicht ausreichend. Darum gebe ich – unter anderem – den zähen „Kampf“ mit meinen Akzeptanzschwierigkeiten gegenüber den Formen, die die katholische Kirche mir anbietet, nicht auf.

Spiritualität braucht ganz sicher eine gewisse gute, gesunde, richtige „Einfalt“ in der Grundeinstellung eines Menschen, in seiner Grundhaltung zur Welt und zum Leben und auch zur Wahrheit. Aber diese Einfalt sollte meines Erachtens eine Naivität des Herzens, nicht des Denkens sein.

Eine Hymnus-Synthese

Aus den verschiedenen Hymnen des lateinischen Breviers habe ich den folgenden Gesang kompiliert, von dem ich meine, dass er einerseits die höchsten poetischen Qualitäten, andererseits die profundesten und universalsten mystischen Betrachtungen der „offiziellen“ westkirchlichen Hymnenliteratur in sich vereint:

beatus auctor sæculi
servile corpus induit
ut carne carnem liberans
ne perderet quos condidit (Caelius Sedulius, Hymnus A solis ortus cardine)

(Der selige Urheber der Welt hat sich in einen knechtlichen Leib gekleidet, damit, indem Fleisch das Fleisch befreit, nicht zugrunde gehe, was er gegründet hat. – Diese mystische Sichtweise dürfte generell auch Nichtchristen kontemplativ vermittelbar sein.)

te lucis ante terminum
rerum creator poscimus
ut pro tua clementia
sis præsul et custodia (Gregor)

(Da das Tageslicht vor seinem Ende steht, fordern wir von dir, Schöpfer der Dinge, dass du in deiner Milde uns Vorstand und Wache seist.)

iam lucis orto sidere
deum precemur supplices
ut in diurnis actibus
nos servet a nocentibus (Ambrosius)

(Da schon das Gestirn des Lichts wieder aufsteigt, wollen wir Gott unterwürfig bitten, dass er uns in unseren täglichen Handlungen vor Schädlichem bewahre.)

informet actus strenuos
dentem retundat invidi
casus secundet asperos
donet gerendi gratiam (Ambrosius, Hymnus Splendor paternae gloriae)

(Er ermögliche uns geradlinige Handlungen, stoße den Zahn des Neiders zurück, springe Härtefällen bei und gewähre die Gnade, sich richtig zu benehmen.)

infunde nunc piissime
donum perennis gratiæ
fraudis novæ ne casibus
nos error atterat vetus (Gregor, Hymnus Immense caeli conditor)

(Gieße nun, Frömmster, das Geschenk der ewigen Gnade in uns, damit uns nicht mit neuem Trug der alte Fehler zerreibe.)

dans tempus acceptabile
da lacrimarum rivulis
lavare cordis victimam
quam læt(a) adurat caritas (Anonymus, Hymnus O sol salutis intimis)

(Indem du eine begrüßte Zeit anbrechen lässt, gib, dass in den Bächen der Tränen das Opfer des Herzens abgewaschen werde, des Herzens, das frohe Liebe kräftigen möge.)

sat funeri sat lacrimis
sat est datum doloribus
surrexit exstinctor necis
clamat coruscans angelus (Anonymus, Hymnus Aurora caelum purpurat)

(Genug der Trauergesänge, genug der Tränen, genug der Schmerzen, auferstanden ist der Vernichter der Vernichtung, ruft der schimmernde Engel.)

In dieser exemplarischen Wortgestalt kann christliche Theologie meines Erachtens mystisch universal vermittelbar werden.

(Dieser Gesang kann beispielsweise auf die Melodie gesungen werden, die Anton Bruckner in seiner Motette „Iam lucis orto sidere“ verwendet hat.)

Der Marathon der Stürze

Auch all die vielen kleinen, flüchtigen biographischen Ansätze und Anhübe, die abbrechen und keine Fortsetzung und Entfaltung finden, all die rasch wieder verloschenen ersten Schimmer, rasch wieder verhallten Verheißungen und rasch wieder erfrorenen Knospen und zarten Triebe, alle „Quisquilien“, „Parerga“ und „Allotria“ gehören ebenso und gleichwertig in das Ganze unserer inneren Entwicklung hinein wie die durchgehaltenen, repräsentativen großen Linien – und bisweilen mehr als diese -, die Eingang in unser offizielles „Curriculum Vitae“ finden, mit dem wir uns Empfängern unserer beruflichen Selbstbewerbungen seltsamerweise mit der Tugend möglichster Eindimensionalität anpreisen, indem wir uns als radikal zielstrebig darstellen. Aber sagt nicht auch eine spirituelle Weisheit: das Leben – das tiefere, das geistliche zumal – sei „ein Marathon, kein Sprint“? Gewiss; doch es ist gerade und vor allem ein Marathon der Abbrüche und der neuen Anfänge, ein Marathon der Stürze und Auferstehungen, dessen Ganzes, dessen „Heil“ letztlich nicht in unseren eigenen Lebensvorstellungen und -konzepten begründet sein kann, sondern vor allem – wenn nicht einzig – im universalen Leben, im Kosmischen, im Göttlichen aufgehoben sein muss: DAS ist das Bewusstsein, das es für einen geistlichen Menschen zu verwirklichen und zutiefst zu leben gilt.

Über „Lebenslügen“

Es gibt keine „Lebenslügen“, es gibt überhaupt nur modifizierte Wahrheiten, von denen die einen erfolgreicher, die anderen erfolgloser sind. Wer das bestreitet, soll mir die absolute Wahrheit zeigen, und er soll mir beweisen, mit welchem Recht er die zwingenden Gründe dafür zu kennen glaubt, weshalb seine eigene Wahrheit erfolgreicher war als die eines Anderen. Jeder Mensch handelt immer vollkommen im Einklang mit seinem aktuellen Bewusstseinsgrad, und niemand besitzt die absolute Wahrheit. Das „Entlarven“ und Brandmarken von „Lebenslügen“ ist nie etwas anderes als typische „Sieger-Geschichtsschreibung“.

Das Privileg der Armut

Klara von Assisi, die dem heiligen Franziskus nachfolgte und den Zweiten Orden der Franziskaner, den regulierten Frauenorden der franziskanischen Ordensfamilie gründete, schrieb als erste Frau der Kirchengeschichte eine Ordensregel, die der Papst zunächst allerdings nicht genehmigte, da er sie für zu streng und daher für nicht befolgbar erachtete. Erst am Tag vor ihrem Tod erreichte Klara die päpstliche Bulle „Solet annuere“ Innozenz‘ IV., die die Regel des später „Klarissen“ genannten Ordens bestätigte. Der Kernpunkt dieser Auseinandersetzung war das radikale franziskanische Armutskonzept, das durch die Notwendigkeit einer päpstlichen Erlaubnis und das erst nach langen Bedenken schließliche Erfolgen dieser Erlaubnis des Papstes, einen Orden auf ein derartiges Maß an Askese zu gründen, zum „Armutsprivileg“, zum „Privileg der Armut“ wurde.

Verkappter Reichtum

Dass es ein „Privileg der Armut“ geben kann, ist nicht bloß ein historisches Kuriosum, es ist ein schöner, tiefer Gedanke. Das Privileg der Armut ist ein wahres Privileg der Freiheit. Schon die Benediktiner forderten ganz in diesem Sinne immer bloß die Armut des einzelnen Mönchs als Person, nicht die seines Ordens als solchen und seiner Strukturen. Daher gab es über manche langen Zeiten der Geschichte kaum einen größeren Reichtum im Abendland als den des benediktinischen Lebens. Unter unseren gegenwärtigen konsolidierten Gesellschaftsbedingungen steht das Armutsprivileg freilich in einem vollends unheroischen Kontext: Es ist in keiner Hinsicht ein wirkliches Problem, in einer so reichen Gesellschaft wie der unseren persönlich arm zu sein; das ist sogar noch besser, als in einer armen Gesellschaft persönlich reich zu sein, wie der angstvoll abgeschottete Lebensstil der Reichen in manchen armen Ländern der Erde deutlich vor Augen führt. In gewissem Sinne kann man bei uns überhaupt nicht wirklich arm sein, jedenfalls nicht materiell; denn materiell ist für das Nötigste auch jedes Menschen, der nichts besitzt und nichts verdienen kann, staatlich gesorgt – zumindest im Vergleich mit den Zeiten Klaras von Assisi, und sofern man fähig ist, seine Rechte in Anspruch zu nehmen -; denn das Funktionieren unserer sozialstaatlichen Strukturen ist ein entscheidender Teil unseres Reichtums.

Süße Armut feit gegen bittere Armut

Wenn die Armut schon für Klara ein Privileg war, um wie viel mehr ist sie es dann für uns. Keine Zeit hat bisher je so freundlich eingeladen wie die unsere, den geistlichen Aspekt und spirituellen Effekt des „Privilegs der Armut“ froh zu genießen. Solange es so leicht ist wie jetzt, sich an der Armut als Freiheit erfreuen zu können, sollte man dieser Einladung tunlichst als einem vortrefflichen Weg geistlichen Lernens folgen, ehe vielleicht erneut Zeiten heraufziehen – und es ist töricht, das für ausgeschlossen zu halten -, in denen Armut wieder zur echten Not wird und wir von unserer geistlichen Bildung existenziell zehren müssen, wodurch deren Tragfähigkeit auf eine wirklich harte Probe gestellt wird.

Gott ist kein Profi

Gott ist kein Profi. Wenn man ihn anruft, meldet sich keine Hotline und ertönt keine Warteschleifenmusik, nicht mal Händels Halleluja. Wenn wir ihm erklären: „Herr, ‚Zeit ist Geld‘ auf Deiner Erde; wusstest Du das nicht?“, dann ist er nicht mal in der Lage, uns auch nur über eine allergeringste Zahl an Lebensjahren eine steuerfähige Quittung per Papierflieger vom Himmel herab zukommen zu lassen.

Über Sterne am Himmel, Sandkörner am Rande des Ozeans, Blütenpollen im Blumenkelch und Kaulquappen im Teich und wie viele davon überleben oder nicht, führt er keine doppelte Buchhaltung, nicht mal eine einfache. Er hat keine Ahnung, was in der Rezeptur von Coca Cola drin ist und wie viele katholische Ordensgemeinschaften es gibt, und es interessiert ihn auch nicht. Darüber, dass in reichen Ländern Überschüsse aus der Lebensmittelproduktion gleich nach Ladenschluss auf den Müllkippen landen, anstatt verschenkt zu werden, weil letzteres den Warenpreis verderben würde, während in armen Ländern Millionen hungern, hat er sich noch nie Gedanken gemacht – das überlässt er uns.

Gott scheint nachlässig zu sein gegenüber dem wenig anziehenden Eindruck, den das Auftreten der meisten seiner irdischen Prokuratoren erweckt, als stünde auf ihren Visitenkarten: „Priester N.N. – Gläubigen-Import/-Export – Ihr Spezialist für schnelle und billige Kasualien – Erfahrung mit über 600 Beerdigungen pro Jahr – warum noch lange leben, wenn man in 15 Minuten beerdigt werden kann?“

In der Forschung und Entwicklung für die Zukunft seiner Schöpfung gibt es keine Computersimulationen und hochgerechneten Modelle, sondern die lässt Gott einfach hoffnungslos altmodisch in Form von Wirbelstürmen, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen, Welt- und Bürgerkriegen, Seuchen wie Pest und Cholera, AIDS und Spanischer Grippe, Meteoriten-Einschlägen, Titanic-Untergängen, Jumbo-Jet-Abstürzen und Casting-Shows geschehen, die er als hemmungslose Menschenversuche an uns ausprobiert.

Seine eigenen Bücher, allesamt ganz zweifellos potenzielle Bestseller, lässt er überwiegend von skurrilen Fundamentalisten vermarkten, gegen deren Wirrheit es für einen talentierten PR-Profi wie Joseph Goebbels ein Kinderspiel war, das Buch seines Führers – eines der unstreitig inhaltlich wie formal niedrigsten Machwerke aller Zeiten, das jemals zwischen zwei Buchdeckel geraten ist – recht interessant aussehen zu lassen. Wenn Gott die Trinität und die menschlich-göttliche Doppelnatur seines Sohnes ins Mikrofon von Radio Vatikan erklären sollte, würde er hilflos ins Stottern und Schwimmen geraten und niemand würde ihm glauben und seiner Kompetenz vertrauen.

Als Charles Darwin in den 1830er-Jahren mit dem wenig über zwanzig Meter langen Segelschiff „Beagle“ zur Entdeckung der Evolution nach Südamerika unterwegs war, versäumte Gott es, mal tüchtig einzugreifen, obwohl eine solche Reise damals doch bei weitem gefährlich genug gewesen wäre, um mit Leichtigkeit mehr als eine dramatische Gelegenheit zu bieten, einen jungen englischen Akademiker in der Spiritualität der Gnade zu vertiefen und ihn so zum frommen Kreationisten zu machen, anstatt ihn mit seiner sich entwickelnden Wissenschaft die damalige Theologie schließlich über den Haufen werfen zu lassen.

Und 1999 sah Gott tatenlos mit an, wie die Euro-Bürokraten in Brüssel beschlossen, dass der Leib seines Sohnes fortan nur noch mit einem lebensmittelrechtlichen Verfallsdatum versehen auf Erden in Umlauf zu bringen sei. Welche Demütigung!

Nein, Gott ist kein Profi. Gott ist ein Dilettant, ein Amateur. Beide Worte leiten sich übrigens von Verben für „lieben“ ab.

Über die „komplexe Einfachheit“ kontemplativer Weltsicht

Ich möchte dem problematischen Bemühen um eine philosophisch-erkenntnistheoretische Grundlegung kontemplativer Spiritualität nicht ausweichen, deshalb dazu hier folgender – für „Nicht-Systematiker“ getrost zu überspringende – Beitrag:

Jeder Sachverhalt kann der Art und Weise nach, ihn zu betrachten, „komplex und einfach“, „komplex und schwierig“, „differenziert und schwierig“ oder „differenziert und einfach“ erscheinen. „Einfach“ bedeutet „klar“, „schwierig“ bedeutet „verworren“. In „komplexen“ Verhältnissen besitzt jede Beziehung zwischen zwei Gliedern viele Funktionen, in „differenzierten“ Verhältnissen nur eine; entsprechend tendieren differenzierte Verhältnisse dazu, eine größere Anzahl an beteiligten Gliedern und Beziehungen zwischen ihnen aufzuweisen. Differenziert gesehene Verhältnisse sind der typische Ort für Listen, Schemata, Modelle.

„Differenziert und einfach“ ist die zutreffende Charakterisierung jener naiven Art von Weltbild, die als erstes entsteht, wenn Kinder anfangen, ein Weltbild zu entwickeln. „Differenziert und schwierig“ ist die gedankliche Sicht rationaler Analysen auf die Welt. „Komplex und schwierig“ – schwierig im Sinne von unklar, unscharf, undeutlich – ist das Weltbild der Imagination. Die „letzte Wirklichkeit und Wahrheit“, da diese sich nach unserem Empfinden weder aus der „kindlichen“ noch aus der gedanklichen noch aus der imaginativen Perspektive befriedigend erschließt, vermuten wir daher als „komplex und einfach“.

Gedanken können, da alles menschliche Denken wesenhaft unterscheidend angelegt und strukturiert ist, immer nur differenziert, niemals komplex, Imagination hingegen kann immer nur komplex, niemals „präzise“ sein. Die „letzte Wirklichkeit und Wahrheit“ ist zu komplex für unser Denken und zu einfach für unsere Imagination. Der Verzicht der Imagination auf Differenzierung wäre im Grunde gar kein wesentliches Erkenntnisproblem, da die Komplexität der Welt eindeutig primär, ihre Differenzierung nur menschlich-sekundär ist; aber die „letzte Wirklichkeit und Wahrheit“ trägt zugleich eine Klarheit, die der menschlichen Imagination ermangelt und zu der hin sie sich nicht vereinfachen, das heißt verdeutlichen kann.

Kontemplation bedeutet ein drittes Instrument der menschlichen Erkenntnis neben Denken und Imagination. Kontemplation bedeutet, sich zwecks Erkenntnisgewinns weder auf Denken noch auf Imagination weder stützen zu wollen noch zu müssen. Von der Kontemplation postulieren wir philosophisch – und wenn wir sie praktisch erfahren haben, wissen wir es -, dass sie der Wahrnehmung der Welt in „äußerster Komplexität und zugleich äußerster Einfachheit“ bedeutend näher kommt als kindliche Naivität, Denken und Imagination zusammen.

Arbeiten ist etwas für Knechte

Die Gebildeten des Altertums waren ganz selbstverständlich der Auffassung, dass „Arbeiten“ ausschließlich etwas für die knechtischen Stände sei. Die Elite war „müßig“ – was für sie aber nicht „untätig“ bedeutete, im Gegenteil: „scholä“ – ihr Wort für „Muße“, wovon unser Ausdruck „Schule“ kommt – galt ihnen nicht nur als eine viel wertvollere, sondern auch als eine viel intensivere Aktivität als das „knechtische“ Arbeiten um Geld oder zur Erledigung des materiell Lebensnotwendigen. Aufgabe der elitären Muße war es, sich den vier tragenden Pfeilern der kulturellen und geistigen Dimension des Lebens zu widmen: Politik (damals verstanden einschließlich militärischer Führung), Wissenschaft, Kunst und Religion. Für sie war auch selbstverständlich, dass keine Betätigung in einem dieser vier Gebiete jemals als „Arbeit“ zu bezeichnen sein oder gar gegen Bezahlung erfolgen konnte und durfte; es war vielmehr eine Ehre und eine Gnade, mit diesen für die ganze Menschheit vorrangig bedeutsamen Angelegenheiten eifrigst beschäftigt sein zu dürfen.

Glückliche Knechte

Ein spiritueller Mensch muss dies ganz ohne Zweifel bis heute so sehen. Er arbeitet; er arbeitet im eigentlichsten Sinne des Wortes: für das materiell Lebensnotwendige; er arbeitet hart und er arbeitet gern; und ziemlich viele echt spirituelle Menschen würden, wenn es auf die Entscheidung ankäme, dieses Arbeiterdasein vielleicht sogar freiwillig der Möglichkeit vorziehen, einer klassischen Elite zuzugehören, die nicht arbeitet, sondern ausschließlich edle Muße pflegt. Und warum ist das so? Weil geistliche Menschen sich gerne als Knechte betrachten: nämlich als Gottesknechte. Sie verrichten auf Erden knechtische Arbeit, weil sie Diener Gottes sind; und so wird ihnen die Arbeit zum Gottesdienst und zum Gebet. So hat auch Benedikt von Nursia in seiner Klosterregel den Begriff der „Arbeit“ verstanden. Das gilt zwar nicht zwingend für alle einzelnen geistlichen Menschen; wenn in einer individuellen spirituellen Biographie deutlich wird, dass die göttliche Fügung das betreffende Leben dazu vorgesehen hat, rein priesterlichen Handlungen, rein künstlerischem Schaffen, rein wissenschaftlicher Forschung und Lehre oder sogar – was freilich zunächst eher mit Skepsis zu betrachten sein dürfte – rein politischem Wirken gewidmet zu werden, so hat diese Bestimmung Beachtung zu finden; aber solche gelegentlichen Ausnahmen ändern nichts am Prinzip, das religiöse Menschen primär zu freudig dienenden Existenzen beruft, die ihre Arbeitskraft fleißig fundamentalen menschlichen Bedürfnissen weihen.

Kosmische Raumpfleger

Wer aber nicht allein religiös, sondern darüber hinaus echt spirituell ist, dem kann nichts absurder erscheinen, als solche knechtische Arbeit rein weltlichen und egoistischen Zielen zu widmen, nur für Geld und Besitz, persönlichen Einfluss und persönliches Ansehen zu arbeiten. Die Motivation zu solchem Verhalten, das ihm krankhaft erscheint, versteht ein wirklich geistlicher Mensch gar nicht. Ja, arbeiten ist eindeutig etwas für Knechte: Wer ein Knecht Gottes ist, den kann nichts glücklicher machen als seine Arbeit, denn er ist direkt und unbefristet, ja unkündbar beim Universum angestellt; wer hingegen ein Sklave der irdischen Immanenz ist, der braucht keine Hölle mehr, er hat sie schon: jeden Tag an seinem Arbeitsplatz. Natürlich beeinflusst diese Grundeinstellung spiritueller Menschen auch ihre Arbeitsziele und Arbeitsergebnisse und „beeinträchtigt“ diese aus positivistisch-irreligiöser Sicht trotz aller charakterlichen Tüchtigkeit. Es ist daher nahezu unvermeidlich, dass spirituelle Menschen mit dem Turbo-Kapitalismus in Konflikt kommen, obwohl sie intellektuell grundsätzlich eher mit anderem als mit „Kapitalismuskritik“ beschäftigt sind.

Gotami und das Senfkorn

Einer Frau, die Gotami hieß, starb ihr Kind. Sie konnte darüber keinen Trost finden und suchte nach einem Magier, der es wieder zum Leben erwecken könnte. Jemand verwies sie mit ihrer Frage an den Buddha. Der Buddha sagte zu ihr: „Ich kann dir helfen, wenn du mir ein Senfkorn bringst aus einem Haus, in dem noch niemand gestorben ist.“ Gotami machte sich auf den Weg. Sie nahm große Mühen auf sich, um an das Senfkorn zu gelangen. Nach einiger Zeit kehrte sie vor das Angesicht des Buddha zurück. „Hast du das Senfkorn?“ fragte der Buddha sie. – „Nein“, entgegnete Gotami, „aber du hast mir geholfen. In jedem Haus kennt man jemanden, der gestorben ist.“

Das Entscheidende an dieser Geschichte ist das winzige Senfkorn. In seiner Winzigkeit liegt die wahre große Würze dieser Geschichte. Denn es bezeichnet den feinen Unterschied, der es nicht dasselbe sein lässt, wenn der Buddha bloß mit erhobenem Zeigefinger gesagt hätte: „Wisse, Frau, der Tod ist allemal menschlich!“ Dieser Unterschied in der Form, so wenig er ein Unterschied in der verbal benennbaren Aussage ist, die gewiss dieselbe bleibt, ist von immensem Gewicht: Das Wirken des Buddha drischt keine Phrasen, sondern es setzt Erfahrungen in Gang. Wenn von Jesus erzählt wird, wie er den Toten auferweckt und das Senfkorn wachsen lässt, so ist dies lediglich einer anderen, wohl tatsächlich naiveren, weniger raffinierten, stärker noch auf mythischen Realismus begrenzten literarischen Kultur geschuldet; aber die innere Erfahrung dahinter, die die Menschen mit einem Erleuchteten gemacht haben, ist dieselbe.