27. Januar 1945

Heute vor 70 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit.

Ich glaube, es ist ein Irrtum zu meinen, dass die Geschichte von Auschwitz, weil sie vermutlich das Perverseste ist, was Menschen je hervorgebracht haben, ipso facto dazu geeignet ist, Menschen auch für die fundamentale, existenzielle Frage zu interessieren, „wozu Menschen fähig sind“.

Dieses Interesse an der Frage, „wozu Menschen fähig sind“, hat Voraussetzungen. Das Phänomen Auschwitz kann nicht selbst die Voraussetzung für seine „Botschaft“ sein. Ich denke, diese Annahme ist ein sehr häufiger pädagogischer Fehler. Lehrer, die mit ihren Schulklassen ein KZ besuchen, erwarten, ein solcher Besuch werde diese Frage in ihnen anregen. Das ist aber oft nicht der Fall. Die Schülerinnen und Schüler zeigen stattdessen Abwehrreaktionen von Albernheit bis Ekel; zu der „existenziell produktiven“ Frage „Was lässt Menschen so handeln?“ dringen sie oft nicht vor.

Ein KZ-Besuch kann eben nicht am Anfang einer zu dieser Frage hinführenden Didaktik stehen. Damit meine ich nicht, dass solche Besuche etwa nicht genügend „pädagogisch vorbereitet“ würden. Aber die Erzieher erwarten sich den eigentlichen Lerneffekt als Resultat des Besuchs – und das kann er nicht sein.

Am pädagogischen Anfang einer Erziehung zur Geschichtsbewältigung muss nach meinem Dafürhalten die Erkenntnis des kategorischen Bankrotts rationaler und „technischer“, „mechanischer“ Welterklärungen stehen. Wessen Glaube an die Erklärbarkeit der Welt noch nicht erschüttert wurde, den „erreicht“ eine KZ-Gedenkstätte nicht. Denn zwischen Albernheit und Ekel liegt hauptsächlich noch eine dritte inadäquate Reaktion angesichts der Gaskammern: Erklärungen. Und in die verfallen nicht nur die Schüler, sondern oft genug auch die begleitenden Lehrkräfte. Sie sollen ihre Schüler dorthin in einem echten Sinne begleiten; das ist wichtiger, als ihnen immer nur alles erklären zu wollen. Begleiten heißt aushalten; erklären heißt oft genug: nicht aushalten.

Der Erklärwahn mündet dann beispielsweise vielleicht in die „tiefenpsychologische“ Annahme, die KZ-Schergen hätten „eine schwere Kindheit“ gehabt. Das mag sein. Aber es ist letztlich dennoch völlig irrelevant.

Wer nicht dem „Kapo in sich selbst“ begegnet, wird nichts kapieren. Aber das gehört, wenn es wirklich geschieht, zu den gruseligsten Erfahrungen eines menschlichen Lebens. Und ich weiß tatsächlich nicht, ob dieser Schritt ohne ein solides religiöses Fundament überhaupt möglich ist. Man kann gewiss von keinem Menschen erwarten, dass er das Risiko eingeht, etwas zu erleben, das den Boden unter ihm wegzureißen droht, wenn er nicht zuversichtlich ist, dass er schwimmen kann.

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Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld hat zum heutigen Gedenktag eine neue „Antisemitismus“-Studie vorgestellt. Zur Präsentation dieser Studie auf der Internetseite des Instituts möchte ich ein paar Anmerkungen machen.

Es wird zwar unterschieden zwischen „klassischem Antisemitismus“, „sekundärem Antisemitismus / Schlussstrich-Mentalität“, „israel-bezogenem Antisemitismus“ und „NS-vergleichender Israelkritik“, aber es wird nach wie vor eine Unterscheidung der Quellen des Antisemitismus – und damit seiner Definition – etwa in primär religiösen, primär soziokulturell-sozioökonomischen oder primär rassistisch-ideologischen Antisemitismus verweigert, so als habe dies unwichtig zu sein. Dieses Manko ist ein altes Grundleiden des überwiegenden Teils aller Mainstream-Sozialforschung zum „Antisemitismus“, so weit ich diese als Laie überblicken kann. Aber man kann nicht sinnvoll erforschen, was man nicht hinreichend genau definiert hat. In der Konsequenz setzt die Studie damit implizit voraus, dass die in Europa althergebrachten, geschichtlich viel „ursprünglicheren“ Antisemitismus-Motive „Die Juden sind Gottesmörder“ (aus vermeintlich „christlicher“ Sicht) und „die Juden sind ausbeuterische kapitalistische Zinswucherer“ heute keine Rolle mehr spielen. Aber woher glauben die Forscher das zu wissen, wenn sie gar nicht danach gefragt haben? Ich glaube keine Erklärung nötig zu haben, dass ich selbst diese Sichtweisen nicht teile. Aber aus seriös wissenschaftlicher Perspektive ist ihr geflissentliches Ignorieren für mich eine unerlaubte Manipulation.

Ferner: Klare Folge dieser Untersuchung bzw. zumindest ihrer Präsentation ist, dass Personen zu „Antisemiten“ abgestempelt werden, die Anschauungen vertreten, die ich selber zwar nicht teilen würde, die zu vertreten ihnen aber meines Erachtens unbedingt erlaubt sein muss, ohne dass sie für solche Positionen gleich mit dem schematischen Stigma und Anathema „Antisemitismus“ belegt werden. Schon gar nicht von Personen, die beanspruchen, wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Ich spreche von Standpunkten, die einfach „unter den Tisch fallen“, weil die Forscher sich entschlossen haben, das entsprechende Maß an differenziertem Denken ihren Probanden summarisch nicht zuzutrauen. Wie kommen sie dazu?

Welche Standpunkte meine ich? Beispielsweise den folgenden: „Eine Minderheit läuft immer in dem Maß, in dem sie sich der Mehrheit nicht angleicht, erhöht Gefahr, diskriminiert zu werden. Das entschuldigt zwar die betreffenden aggressiven Täter nicht, aber es ist sozusagen ein Naturgesetz, das auch die potenziellen Opfer stets zu beachten haben, ob sie wollen oder nicht. Und in diesem Sinne haben sich die Diaspora-Juden vor 1933 wohl kulturell und sozial nicht so angepasst, wie es für ihre Sicherheit am besten gewesen wäre.“ Persönlich würde ich mich dieser Geschichtsinterpretation zwar nicht anschließen. Ich wehre mich andererseits aber auch dagegen, jemanden, der sie vertritt, eo ipso schon als „Antisemiten“ einzuordnen. Ein solches Urteil empfinde ich als unangemessen, wenn nicht gar als einen ziemlich rabiaten Versuch, missliebige Andersmeinungen auf eine demagogische bis geradezu hetzerische Weise mundtot zu machen. Solche „mittelmäßigen“ Ansichten muss man in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft gelassen ertragen können.

Ein weiteres Beispiel: „Ich bin es leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören.“ Dieser Satz wurde in der IKG-Studie wörtlich so abgefragt – und rund die Hälfte aller Befragten hat ihm zugestimmt. „Alarmierend“? Wenn man den Menschen in akademischer Überheblichkeit durchschnittlich kein differenziertes Bewusstsein zutraut, dann gewiss. Aber auch ich selber bin es durchaus ganz gehörig „leid, immer wieder von den deutschen Verbrechen an den Juden zu hören“ – ganz einfach deshalb, weil es nicht erbaulich ist – und höre mir Entsprechendes trotzdem ganz bewusst immer wieder an, lese, was jetzt aktuell wieder über Auschwitz von den letzten noch lebenden Zeugen veröffentlicht wird, und setze mich trotzdem resolut dafür ein, dass wir nicht anfangen, das bis vor 70 Jahren Geschehene zu verschweigen und zu vergessen. Niemand möge es wagen, mich dafür, dass ich all das nicht mit „Vergnügen“ tue, einen „Antisemiten“ zu nennen. Aus welcher überlegenen Erleuchtung heraus wissen denn die IKG-Sozialforscher, dass ich mit dieser Haltung, deren Subtilitätsgrad sich aus dem abgefragten Satz nicht ersehen lässt, nur „ein statistisch verschwindender Einzelfall“ bin?

Schließlich: Wenn jemand die Ansicht äußert „Die Politik des Staates Israel gegenüber den Palästinensern stelle in den vergangenen Jahrzehnten eine systematische Menschen- und Völkerrechtsverletzung dar“, so muss es ihm gestattet sein, diese politische Stellung zu beziehen – umso mehr, als tatsächlich bedenkliche Indizien darauf hinweisen, dass diese Aussage den Tatsachen entsprechen könnte. Ich mag das freilich nicht entscheiden. Dafür haben wir Personen, die durch Amt oder Mandat bestimmt sind, sich gründlich mit Außenpolitik zu befassen. Damit ist auch noch nichts über das Agieren mancher palästinensischer Organisationen gesagt, das moralisch keineswegs besser zu sein scheint. Aber es handelt sich bei derartigen Statements im Grunde um „normale“ Beiträge zu einer notwendigen weltöffentlichen Debatte um einen extrem brisanten Sachverhalt, angesichts dessen solche Debatten sich zweifellos nicht auf unverbindliche diplomatische Höflichkeitsfloskeln beschränken können. Somit ist in diesem Zusammenhang auch der Gegenvorwurf des „Antisemitismus“ lediglich als eine deftig überzogene politische Polemik einzuordnen, nicht als ernstlich akademisch zu diskutierende These – und steht mithin insbesondere Personen mit erklärten akademischen Absichten unter keinen Umständen zu.

Wer in einer sich als wissenschaftliche Arbeit darstellenden Veröffentlichung Ergebnisse, die diesen drei Beispielen entsprechen, interpretativ „bemüht“ in die nächste Nähe von „Antisemitismus“ rückt, begeht geistige Brandstiftung. Ob die Autoren der IKG-Studie sich dieses Vergehens schuldig gemacht haben oder nicht, möge jeder eingehender Interessierte selbst beurteilen. Aber der gesellschaftliche Effekt ist, falls man diesen Vorwurf bejahen muss, dass „Antisemitismus“ tendenziös herbeigeredet wird. Damit aber ist außer mutmaßlichen persönlichen Interessen der Verursacher – welcher Art auch immer – gesellschaftlich nichts und niemandem wirklich gedient.

Meines Erachtens hätten die IKG-Forscher mindestens viel umsichtiger sein müssen gegenüber dem Entstehen dieses unguten Eindrucks.

Ernst Jünger: „Unerkannter Austausch“

Ernst Jünger beschreibt folgende Szene: In einem Wirtsgarten verlässt ein Gast, um die Telefonzelle aufzusuchen, sein halbgeleertes Glas Bier, nachdem er es beim Kellner bezahlt hat. Während er in der Telefonzelle ist, räumt der Kellner ab, worauf ein neuer Gast sich auf denselben Platz setzt, das gleiche bestellt wie sein Vorgänger, sofort zahlt, sein Bier ebenfalls nur zur Hälfte konsumiert und sich eilig wieder entfernt. Daraufhin kehrt der erste Gast aus der Telefonzelle zurück und macht sich gemächlich daran, „sein“ Bier auszutrinken. Ernst Jünger kommentiert: „Ich sah hier im Modell die blinde Zuversicht des Menschen, der einen Zustand fortlebt, nicht wissend, dass er sich inzwischen von Grund auf geändert hat.“

Wer dies als Parabel für eine religiöse Lebenshaltung zitiert, irrt damit, wenn sein Zitat nicht das Bewusstsein impliziert, dass es sich bei diesem Bespiel vielmehr um das genaue Gegenteil dessen handelt, was er empfehlen möchte (was in Parabeln freilich auch Konträres grundsätzlich durchaus leisten kann): Die Situation des religiösen Menschen ist vielmehr die, dass sich äußerlich alles ändert, während er seine Haltung fortlebt im Vertrauen darauf, dass sich innerlich nichts geändert hat.

Wie antworte ich Gretchen?

Durch den Mund Gretchens fragt Goethe bekanntlich seinen Faust: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ Wikipedia definiert: „Gretchenfrage bezeichnet als Gattungsbegriff eine direkte, an den Kern eines Problems gehende Frage, die die Absichten und die Gesinnung des Gefragten aufdecken soll. Sie ist dem Gefragten meistens unangenehm, da sie ihn zu einem Bekenntnis bewegen soll, das er bisher nicht abgegeben hat.“

„Bist du tatsächlich katholisch? Glaubst du ernsthaft an Gott? Ist Christus wirklich auferstanden?“ Das sind reale Varianten, in denen einem Religiösen manchmal die „Gretchenfrage“ gestellt wird. Wie darauf antworten?

Zunächst einmal: Darf denn ein Mensch, der sich als „religiös“ bezeichnet, überhaupt legitimerweise ein „Problem“ mit solchen Fragen und ihrer Beantwortung haben?

Die Antwort hierauf muss lauten: Ganz klar JA. Denn andernfalls würde ich implizit die Behauptung aufstellen, „Religion“ sei ein scharf definierter Begriff. Das hat spätestens Wittgenstein widerlegt, der aufwies, dass die Grenze der Subsumierbarkeit eines Phänomens unter diesen Begriff bestenfalls als „Kette von Familienähnlichkeiten“ zu beschreiben ist, bei der sich die äußersten Glieder, wenn man sie direkt vergleicht, so gut wie überhaupt nicht mehr zu ähneln brauchen.

So sieht beispielsweise die protestantische Auffassung der christlichen Religion überhaupt keinen „Opfer“-Charakter gottesdienstlicher christlicher Glaubenspraxis mehr vor (Christus hat das erlösungsnotwendige Opfer ein für allemal erbracht), während für sämtliche archaischen Religionen ihr Wesen entscheidend in solcher kultischer Opferpraxis besteht.

Oder: Wenn die Annahme der Existenz eines Gottes zwingendes Kriterium für „Religion“ ist, dann handelt es sich bei großen Teilen des (als solchen anerkanntesten) Buddhismus um keine Religion.

Man kann einfach nicht so tun, als wäre „Religiosität“ eine „klare Sache“.

Natürlich ist es wünschenswert und besser, mit solchen Fragen kein Problem mehr zu haben. Genau daran will der vorliegende Text ja arbeiten, dazu will er verhelfen. Aber es ist legitim, ein solches „Problem“ zu haben – und kein Indiz einer irgendwie „mangelhaften“ Religiosität.

Und diese Beobachtungen zur „demonstratio religiosa“ haben auch Konsequenzen für die „demonstratio christiana“ und die „demonstratio catholica„.

Strukturell sind „Gretchenfragen“ immer durch die Abwesenheit von Distinktionen gekennzeichnet. Bei einem sechzehnjährigen Mädchen mag dieses Defizit natürlich sein. Meist werden uns Fragen dieser Art aber von reiferen Zeitgenossen vorgelegt. Bei jeder „Gretchenfrage“ ist zunächst einmal kritisch zu gewichten, ob die naive Undifferenziertheit, die sie für sich in Anspruch nimmt, ihrem authentischen reflexiven Niveau entspricht – oder ob sie rein taktisch, wenn nicht gar „hinterhältig“ gemeint ist.

Es liegt etwas extrem Falsches in unserer heute landläufigen Tendenz, grundsätzlich eher das Distinguieren für „bloß taktisch“ zu halten als seine Verweigerung.

Wenn man sich entscheidet, eine „Gretchenfrage“ für lauteren Herzens gestellt zu halten und sie daher auch aufrichtig und ernsthaft zu beantworten, ist es im nächsten Schritt wichtig, herauszustellen, dass jede Antwort auf sie immer nur für den konkreten situativen Adressaten sowie nur für den Augenblick, nur provisorisch gelten kann.

Je nach Situation muss und werde ich nämlich beispielsweise die Frage, „ob Christus wahrhaft auferstanden“ sei, entweder mit einem schlichten „Ja“ beantworten oder aber mit einem vorsichtigeren „Es kommt drauf an, was du dir darunter vorstellst“. Laut 1Kor 15,44 wird „gesät“ (was sowohl „geboren“ als auch „beerdigt“ bedeuten kann) ein „soma psychikon„, auferweckt aber ein „soma pneumatikon„. Und da Christus als „Erstgeborener der Toten“ bezeichnet wird (Kol 1,18), kann es nicht illegitim sein, davon auszugehen, dass diese Unterscheidung – was immer sie genau bedeutet – für Christus selbst ebenfalls gilt. Die Existenz der Kirche jedenfalls mit den ungeheuren Auswirkungen, die sie auf die Menschheit gehabt hat und hat, ist sogar noch mehr als nur ein „Beweis“ für die Auferstehung Jesu: Sie selbst IST wesentlich ein einziges Faktum von „Auferstehung“; daran kann es für mich gar keinen Zweifel geben. Wessen Knochen irgendwo in einem Grab liegen oder auch nicht, interessiert mich nicht.

Auf die obstinate Fangfrage „War das Grab an Ostern leer?“, die mich vermeintlich „festnageln“ will, entgegne ich am liebsten sehr schroff: Es gehörte wesentlich zur drakonischen Psychologie römischer Kreuzigungspraxis, dass die Leiche des Hingerichteten seinen Angehörigen nicht übergeben, sondern an unbekanntem Ort anonym vergraben wurde. Wenn wir mit dem Begriff „Grab“ nicht bloß eine bedeutungsneutrale topografische Konstellation von Materie meinen, die archäologisch dokumentiert werden kann, sondern – was wesentlich sinnvoller ist – einen rituellen Ort der Erinnerung an einen verstorbenen Menschen, dann gab es sehr wahrscheinlich überhaupt nie ein „Grab Jesu“, in dem jemals irgendetwas „drin“ war.

Mit solchen Betrachtungen muss ich aber mein jeweiliges Gegenüber „dort abholen, wo es geistig steht“. Deswegen kann es auf keine „Gretchenfrage“ nur eine Antwort, „die“ Antwort geben – so schwer es vielen fallen mag, das zu akzeptieren. Ihre Fragestellung will versimpeln; aber jedermann ist berechtigt – ja, bei entsprechender intellektueller Kapazität vielleicht sogar verpflichtet -, solche Versimpelung zu verweigern.

Denn was sich versimpeln lässt, ist kein Mysterium; die Auferstehung Jesu aber vermag überhaupt nur als Mysterium das Fundament der Kirche zu bilden.

Wenn ich heraushöre, dass eine „Gretchenfrage“ vor allem auf meine Identifikation mit der irdisch-sozialen Bewegung jener Menschen zielt, die sich „Christen“ nennen, auf meine Zugehörigkeit zur Kirche, werde ich ihr mit einem unmissverständlichen „Ja“ begegnen müssen. Wenn ich hingegen erkenne, dass jemand bloß versucht, mich hinsichtlich des theologischen Konzepts der „Auferstehung“ mit seinen mehr oder weniger ausgegorenen Vorstellungen von „Empirie“ zu provozieren, werde ich mich auf die Frage gar nicht erst wirklich so tief einlassen, weil sie von vornherein zu nichts führen kann, was von Wert ist.

Unter keinen Umständen hat es Wert, in religiösen Fragen über Worte zu streiten, deren Bedeutung nicht beiderseits mit eigensten persönlichen inneren Erfahrungen gedeckt, ja „gesättigt“ ist. (Selbst nach der Lektüre des Dogmatik-Lehrbuchs von Gerhard Ludwig Kardinal Müller – ehedem einer meiner Münchner akademischen Lehrer – hatte ich nicht das Gefühl, substanziell mehr vom Glauben begriffen zu haben. Seine Substanz passt nicht in Bücher.)

Von dieser Basis ausgehend kann man dann abermals den nächsten Schritt unternehmen und beispielsweise in der konkreten Frage nach der „Wirklichkeit“ der Auferstehung Jesu folgende weiteren präliminarischen Klärungen vornehmen:

1. Definieren lehramtliche Dokumente der Kirche erkenntnistheoretisch, wie der Begriff „Wirklichkeit“ korrekt aufzufassen ist? – Nein.

2. Welchen Supremat über die „Wirklichkeit“ können die Naturwissenschaften beanspruchen? – In sehr vielen Grenzfragen, zu denen man von ihnen Auskunft erwarten sollte, legitimieren sie sich keineswegs überzeugend.

3. Wie bleibt bei Behauptung einer „Vielzahl von Wirklichkeiten“ die bedeutsame spirituelle Forderung der Nondualität gewahrt? – Es handelt sich lediglich um einen Plural von Perspektiven, aus denen sich die eine Wirklichkeit betrachten lässt.

Glückwunsch

Ausgerechnet die beiden mir mit Abstand sympathischsten derzeit aktiven deutschen Politiker wurden, wie ich heute amüsiert feststelle, da sie gleichzeitig ihren 75. Geburtstag feiern, buchstäblich am selben Tag geboren – freilich an maximal voneinander entfernten Punkten der Republik: unser pastoraler Bundespräsident Joachim Gauck und unser katholischer „Ober-Laie“ Alois Glück. Beiden gratuliere ich ganz ohne protokollarische Verpflichtung dazu. Hoffentlich können sie noch ein paar Jahre so weitermachen. Möge der Liebe Gott uns schenken, dass sowas Knorriges in unserer politischen Landschaft nochmal nachwächst, in der die Evolution derzeit allgemein eher wieder hin zu den Mollusken zu gehen scheint.

In WHAT? we trust

In Zeiten, in denen jedem die elektronisch gesteuerte Drucktechnologie zugänglich ist, um allen erdenklichen Alltagsgegenständen ganz individuell sein persönliches Lieblingsdesign zu verpassen, müssen Anbieter entsprechender Dienstleistungen natürlich nicht mehr über elementare redaktionelle Kenntnisse verfügen. Entsprechend fiel bei einem US-Hersteller individualisierter Teppich-Motive bis zur Auslieferung des Bestellten ein gravierender Rechtschreibfehler entweder niemandem auf, inklusive dem Autokorrektur-Programm – oder aber, und diese Überlegung ist noch viel spannender, man hielt dort das Resultat tatsächlich für vom Kunden intendiert.

Und so erhielt Sheriff Bob Gualtieri, Pinellas County, Florida, für seine Diensträume kürzlich einen Teppich geliefert, der unter dem Sheriff-Emblem den Schriftzug trug „In Dog we trust„.

Gualtieri ließ das Stück, für das er ursprünglich 500 Dollar hätte bezahlen sollen, für einen guten Zweck versteigern und die 9.650 Dollar, die es nach 83 Geboten erzielte, einem örtlichen Hundeheim als Spende zukommen. (KNA 22.01.2015)

Ob der weise Sheriff in Wirklichkeit vielleicht gar nach der „theologia negativa“ als nächstes die „Palindrom-Theologie“ aus der Taufe heben wollte, die unseren Begriff des Göttlichen „von hinten aufzäumt“?

Wäre ja wahrlich nicht der schlechteste „Ansatz“-Einfall, auf den Theologen in den letzten hundert Jahren gekommen sind.

Festere Leitplanken

Drei aktuelle Meldungen, die nicht direkt miteinander zu tun haben, zeigen meines Erachtens trotzdem konvergierend auf, wie unsere Gesellschaft derzeit wieder „festere Leitplanken“ für das Funktionieren ihres sozialen Gefüges anstrebt.

1. Der GfK-Verein, ein Grundlagen-Organ der Marktforschung, hat zum Jahreswechsel repräsentativ (gehen wir mal davon aus) umgefragt, welche Werte gesellschaftlich allgemein im Zu- und welche im Abnehmen gesehen werden. Die 13 Begriffe, die dabei sortiert werden sollten, sind grotesk in der qualitativen Unfundiertheit ihrer Auswahl als angeblicher „Wertvorstellungen“. Man kann nicht seriös deuten, was das Herausstechen der Begriffe „Sicherheit“ und „Leistung“ im Resultat wirklich aussagt, wenn die weitere Auswahl, willkürlich anmutend, lautet: „Vertrauen, Zuhause, Verantwortung, Optimismus, Wettbewerb, Innovation, Solidarität, Macht, Luxus, Verzicht, Abenteuer“. Nicht nur ist „Verzicht“ als „Wertbegriff“ hochgradig unsinnig; die Tatsache, dass die philosophiegeschichtlich exklusiv unzweifelhaften Wertbezeichnungen „Freiheit“ und „Gerechtigkeit“ – etablierter und gültiger als alle anderen – darin nicht vorkommen, reicht vielmehr allein schon hin, die Umfrage im Doppelsinne „wertlos“ zu machen. Das ganze Unterfangen ist eine Schande für eine Organisation, die elitär beansprucht, sich mit der Methodik empirischer Sozialforschung auszukennen. Wo „empirisch“ den Eindruck erwecken muss, gleichbedeutend zu sein mit der dummdreisten Formel „Wir kennen nur Quantität, keine Qualität“, ist es ein Schimpfwort. Die bedeutsamste Aussage dieser Umfrage über den Werteverfall in Deutschland findet sich also bereits im Mentalitäts-, Intelligenz- und Bildungs-Spiegel der betreffenden Studien-Designer, der sich in der Anlage ihres unsäglichen Machwerks ausdrückt.

Dennoch: „Sicherheit“ und „Leistung“ sind auch im Vergleich mit der übrigen Auswahl zwei exemplarisch areligiöse Werte. Dieses potenziell wichtige Signal sollten wir trotz aller eklatanten qualitativen Schwäche dieser Erhebung nicht ignorieren. „Sicherheit“ und „Leistung“ sind typische existenzielle Ausrichtungsbegriffe des religionsfernen Menschen – und zugleich doch starker Ausdruck einer Suche nach sinnstiftenden Leitlinien für das Leben, die möglicherweise als fehlend empfunden werden.

2. Ein 44-jähriger ehemaliger Ettaler Benediktiner muss sich derzeit vor Gericht verantworten gegen den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs minderjähriger Schutzbefohlener in seiner Eigenschaft als damaliger Internatsleiter. Er streitet jegliche den Vorwürfen entsprechende Taten ab. Was immer das Gericht schließlich befinden mag: Der Prozess lässt mich daran denken, wie rigide in früheren Zeiten der Verhaltenskodex für Personen war, die sich in amtlichen, sozialen, medizinischen, pädagogischen oder geistlichen Funktionen befanden. In solche förmliche Starre der Etikette sehnen wir uns begreiflicherweise nicht zurück; aber sie hatte teilweise auch ihren durchaus sinnigen Grund, wie wir vielleicht wieder selbstkritischer – statt immer nur geschichtskritisch – erkennen sollten. Heute will und soll man in jeglicher beruflicher Tätigkeit auf „legere“, „saloppe“, „ungezwungene“, „joviale“ und dabei eben auch ein bisschen „naive“ Weise (oder wie auch immer man es sonst verbal illustrieren möchte) „nah am Menschen“ sein. Aber das macht eben zugleich unvermeidlich Grenzen undeutlicher und unschärfer und verschärft damit potenzielle Probleme der adäquaten Nähe-Distanz-Kalibration in zwischenmenschlichen Beziehungen aller Art, weil es dafür kein schlechthin gültiges Schema, keine Schablone mehr gibt.

Ich halte es für infam, zu behaupten, früher habe sich das stärkere „Man-tut-das-nicht“ nur auf Anzeigen gegen Priester erstreckt und nicht auch auf die umsichtig-bedachte Benehmens-Korrektheit von Geistlichen in „Garantenstellungen“ – oft um den Preis einer größeren emotionalen Verbundenheit, die sie vielleicht gerne auf ganz positive Weise mehr ausgelebt hätten, was sie sich aber im Wissen um die möglichen Missverständnisse und ihre Folgen versagten. Diese Betrachtung ist wiederum weniger eine Kritik an heutigen Geistlichen als vielmehr der Hinweis auf ein fundamentales Dilemma, dem die meisten sogenannten „öffentlichen Meinungen“ der letzten Jahrzehnte für meinen Geschmack auf allzu bequeme Weise zu entrinnen glaubten. Ich bin mit dieser Wahrnehmung anscheinend nicht allein. Eine Rückkehr in mehr Förmlichkeit, ein Wiedererstarken der gesellschaftlichen Spielregeln ist allenthalben im Gange. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob ich das „gut“ finden soll; es entspricht nicht sonderlich meinen persönlichen Neigungen; es ist einfach eine Gegebenheit der Entwicklung, in der wir uns befinden. Dass man heute wieder öfter ein „Sie“ hört, wo ein, zwei Dekaden lang sehr wahrscheinlich ganz unproblematisch das „Du“ vorgeherrscht hätte – beispielsweise zwischen jüngeren Erwachsenen in manchen Situationen -, ist nur ein einzelnes, oberflächliches Indiz dafür.

3. In Frankfurt wollte ein zugezogenes Paar, das sich mit mosaischer Konfession amtlich anmeldete, dennoch nicht von der Frankfurter jüdischen Gemeinde als formale Mitglieder beansprucht werden. Frankfurt regelt, dass die Mitgliedschaft automatisch in Kraft tritt, wenn ihr nicht binnen einer Frist schriftlich widersprochen wird. Das geschah nicht. Erst nachdem es darüber zur Auseinandersetzung kam – der konkrete Streitanlass ist mir nicht bekannt -, erklärte das Paar, gegebenenfalls nur einer „liberaleren“ Gemeinde angehören zu wollen. „Vorletzt“-instanzlich erhielt es vom Bundesverwaltungsgericht recht. Nun aber entschied letztinstanzlich das Bundesverfassungsgericht anders: Dem Individuum gegen die Organisation recht zu geben, verletze in diesem Fall das Selbstbestimmungsrecht der Religionen; der Staat dürfe Inhalte von Religionen nicht bewerten – diese stünden aber bei Zugehörigkeitsfragen zwangsläufig zur Debatte. Das heißt nichts anderes, als dass für den Staat gelten muss: „Was drauf steht, ist auch drin.“ Somit darf in Frankfurt das Motto lauten: Entweder förmliches Mitglied der konkreten Frankfurter jüdischen Gemeinde – oder auch einwohnermeldeamtlich kein Jude.

Diese Entscheidung entspricht in ihrer generellen Stoßrichtung dem letztendlichen Ergebnis der Causa des katholischen Kirchenrechtlers Hartmut Zapp, in der der 6. Senat des Bundesverwaltungsgerichtshofs am 26. September 2012 ausführte: „Wer aufgrund staatlicher Vorschriften aus einer Religionsgemeinschaft mit dem Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts austreten will, kann seine Erklärung nicht auf die Körperschaft des öffentlichen Rechts unter Verbleib in der Religionsgemeinschaft als Glaubensgemeinschaft beschränken.“

Das Urteil ist in seinem eigenen Horizont vernünftig. Dem Wesen einer Religion aber wird die Justiz damit natürlich in keiner Weise gerecht. Der Widerspruch zeigt: Im konsequent säkularen Staat behandelt jede Rechtsetzung in Bezug auf Religionen etwas, das sie zutiefst, kategorisch und strukturell nicht versteht. Das Ergebnis eines solchen Vorgangs ist immer notwendig absurd. Es wirft sogar die Frage auf, ob man mit der Abschaffung der „Religionsfreiheit“ nicht vielleicht nur um eine kuriose Irritation ärmer wäre, indem die übrigen Menschenrechte bereits alles zu Schützende hinreichend abdecken. Denn welchen Sinn kann es haben, wenn das Recht mit Begriffen hantiert, die ihm selbst notwendig sinnlos erscheinen müssen, da es sich ja mit ihrem eigentlichen Sinn gar nicht befassen darf?

Das stoische Koexistieren mit diesem Paradoxon, das die Sphäre unseres Rechts zustande bringt, ist Ausdruck der Absage der Strukturen unseres Gemeinwesens an die Postmoderne, an das poststrukturelle Element des Zeitgeistes, dessen Differenzierungen es – ähnlich wie unsere Marktforschung bei ihren Umfragen – einfach nicht mitvollzieht.

Und ist auch damit wiederum letztlich nichts anderes als ein Beleg für die Suche der Gesellschaft nach „festeren Leitplanken“.

Vignettensammlung 20. Januar 2015

Bislang habe ich solche kürzeren Text- und Gedankenfragmente zu verschiedenen Themen wie hier höchstens monatsweise gesammelt. Das wird nicht immer Sinn haben, zumal aufgrund äußerer Umstände die kürzeren Formen in diesem Blog eher zu- und die längeren eher abnehmen dürften. Deshalb weise ich solchen „Vignettensammlungen“ ab jetzt lieber einen bestimmten Tag zu, an dem ich sie zusammenstelle.

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Anlässlich der Berufung der ersten Jünger wird in Mt 4,18-22 geschildert, dass diese dreierlei zurücklassen, um Jesus zu folgen: ihr Netz, ihr Boot und ihren Vater. Traditionell wird die klassische Trias der Gelübde des geistlichen Standes: Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit, als hierin präfiguriert angesehen. Das gibt Stoff zur Meditation: Reichtum – und die durch Reichtum vermeintlich entstehende Sicherheit – jeder Art besteht im eigentlichsten Grunde immer in etwas, das den Charakter eines Netzes hat, sei es berufliches Handwerkszeug, sei es Organisation, seien es soziale Beziehungen, sei es Wissen, sei es Reputation, Renommee, Prestige. Gehorsam bedeutet, nicht länger Kapitän im eigenen Boot zu sein, sondern ein für allemal, auf Gedeih und Verderb, auf dem Boot eines anderen anzuheuern. Nicht alles, was gern als frommer Gehorsam ausgegeben wird, erfüllt dieses radikale Beschreibung bei genauerem Hinsehen wirklich. Und die Ehelosigkeit schließlich entfaltet ihre tiefste Bedeutung nicht im Verzicht auf die erotische Variante der Liebe, sondern auf den viel existenzielleren Entschluss, dem eigenen Vater keine Enkel zu schenken, das heißt, die Geschichte einer Familie nicht mehr fortzusetzen. Man muss bedenken, was das für eine alte Zeit bedeutete, die überhaupt kein anderes Modell solidarischer Gesellschaftsstrukturen kannte als das der Familie, aus dem sich alle anderen sozialen Verpflichtungen ableiteten.

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Was bedeutet es, wenn Katholiken zu Heiligen beten? Die „ausgewiesenen“ Heiligen sind für mein Verständnis genau dadurch „Mittler zu Gott“, dass sie Mittler zur religiösen SPRACHE sind: Das Gebet zum Heiligen erlaubt eine legere, flüssige geistliche Rede, weil dieser uns, indem wir seiner als eines Menschen gedenken dürfen, der selbst keineswegs ohne Fehler war, niederschwellige Bezugs- und Anknüpfungspunkte für eine „Adressiertheit des Herzens“ liefert, wo das direkte Gebet zu einer göttlichen Person, wenn es adäquat erscheinen soll, im Grunde notwendig eine theologische Abstraktionsleistung erfordert, die für die meisten Menschen eine sehr große Zumutung darstellt. Es ist also ein Akt der Barmherzigkeit, dass Gott dem Katholiken die Heiligen gegeben hat, um ihm sein Gebet zu erleichtern.

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Inzwischen befinden sich 50 Prozent des materiellen Weltwohlstands im Privateigentum von 1 Prozent der Weltbevölkerung. Es ist gar keine Frage, dass diesem Un-Zustand der Kampf angesagt werden muss. Dennoch ist Klugheit geboten bei der Wahl der Mittel. Denn schon der winzigste Tropfen mörderischer Gewalt vergiftet einen Ozean der Gerechtigkeit restlos.

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Man muss das Leben leben, wie man eine Wassermelone isst: Es gibt nichts zu reflektieren, was man schluckt und was man ausspuckt, und es lohnt sich nicht, Zeit und Energie zu verschwenden an das Nachdenken darüber, ob es vielleicht noch einen anderen, etwa systematischeren Weg geben könnte, sie zu essen. Das ist der einzige echte Nondualismus, den es gibt: Nicht die Aufhebung der Unterscheidung zwischen Fleisch und Kernen, sondern die Auslöschung des Unterscheiden-Wollens zwischen einer guten und einer schlechten Art, die Wassermelone zu essen.

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Fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te. – Du hast uns auf Dich hin gemacht, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“ (Augustinus, „Confessiones“ 1,1) Was bedeutet das? Es kann die Welt nicht wirklich verstehen, wer wähnt, der Mensch würde von irgendeinem anderen Motiv so furios angetrieben wie von Sehnsucht und Nostalgie. Nur derjenige, dem das ganz klar ist, kann sich mit angemessener Fokussiertheit fragen, wo es Sinn hat, seiner Sehnsucht und Nostalgie den Anker werfen zu wollen. Nur er kann zur vollen Erkenntnis durchdringen, dass Gott allein die einzige mögliche Antwort auf diese Frage darstellt. Die Anderen, denen es so scheint, als wäre Sehnsucht oder Nostalgie nur ein Motiv unter vielen anderen in ihrem Leben, verlieren sich darüber in nichts weiter als den verschiedensten Formen von Suchtverhalten.

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Wenn ich das Theologiestudium zu reformieren hätte, würde ich die Fächer „Dogmatik“ und „Kirchengeschichte“ komplett abschaffen und sie durch ein Studium der „Theologiegeschichte“ ersetzen, bestehend in einer ausgiebigen und akribischen, historisch-kritisch und philologisch fundierten Lektüre – methodisch also einem zeitgemäßen Bibelstudium ähnlich – eines Kanons an Schlüsselwerken der katholischen Theologie und Spiritualität, dessen Kernbestand ich ganz hemdsärmelig in etwa wie folgt skizzieren und portionieren würde:

1. Schriften der „Apostolischen Väter“: Didache / Barnabasbrief / Clemensbriefe / Ignatiusbriefe / Hirt des Hermas

2. „Apologeten“: Justin der Märtyrer / Irenäus von Lyon / Tertullian / Origenes

3. Frühe Konzilien: Nikaia 325 / Konstantinopel 381 / Ephesus 431 / Chalkedon 451

4. Apophthegmata Patrum (Philokalia / Johannes Cassianus)

5. Athanasius von Alexandria

6. Augustinus

7. Regula Benedicti

8. Bernhard von Clairvaux

9. Mechthild von Magdeburg

10. Meister Eckhart von Hochheim / Thomas von Kempen / Cloud of Unknowing

11. Martin Luther

12. Ignatius von Loyola

13. Teresa von Avila / Johannes vom Kreuz

14. Anselm von Canterbury

15. Thomas von Aquin

16. William von Ockham

17. Neuere Konzilien: Trient 1545–1563 / Erstes Vatikanum 1870 / Zweites Vatikanum 1962–1965

18. Blaise Pascal

19. Thérèse von Lisieux

20. G. K. Chesterton / C. S. Lewis

21. Thomas Merton

Damit wären unsere Theologie-Absolventen auf jeden Fall schon einmal erheblich besser gebildet, als sie es jetzt durchschnittlich sind.

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Alle wahre Kultur kann in ihrer letztendlichen Tiefe nur auf dem religiösen Moment beruhen. Alle Anwendung von Logik wird nur durch den Glauben überhaupt wahr im Sinne von existenziell verlässlich. Alle Ethik kann sich letztlich überhaupt nur aus Transzendenz effektiv begründen, nicht aus Immanenz. Seltener denken wir aus dieser Perspektive über die Ästhetik nach, die doch gerade für den religiösen Weltzugang so fundamental bedeutsam ist. Vielleicht meinen manche, bei der Ästhetik wäre es ohnehin klar, dass sie als religiöse irgendwie eine andere ist denn als areligiöse. Aber der Zusammenhang ist auch hier viel konkreter: Ästhetik wird überhaupt nur religiös getragen zu echter „Eleganz“ als „Alltagsästhetik“. Denn dieser Effekt beruht zentral darauf, dass jede menschliche Aktivität, jede menschliche Bewegung wesentlich auf neue Ruhe zu zielen beginnt. Alle Vorgänge von wahrer Eleganz setzen sich ohne Präliminarien organisch in Gang und zielen von dort aus sofort – wenn auch ohne Hast – auf dem kürzesten Weg das erneute völlige Zur-Ruhe-Kommen an. Das ist ihr eigentliches Klassen-Merkmal. Aber ein solches konzentriertes Zielen auf den Punkt der Ruhe ist gar nicht möglich, wenn der Kosmos nicht eine universale Mitte aufweist, in der dieser Punkt besteht. Und wie wäre die Annahme eines solchen Punktes möglich ohne Religion? Ohne Religion bleibt Ästhetik also immer „Kunst“, mit einer unauslöschlichen Konnotation von „Mühe“, von „Bemühtheit“, und wird nie wahre „Eleganz“, der unendliche Leichtigkeit eignet. Wobei „Eleganz“ freilich nur ein Behelfsausdruck ist.

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Es ist ein riesiger Irrtum, zu meinen, Liebe müsse sich notwendig immer in Toleranz und Inklusion äußern.

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Folgende Ausdrücke sind gleichbedeutend: Ein Diener Gottes sein wollen in allem, was man tut; ein Heiliger werden wollen; das ganze Leben in einer zutiefst positiven Gestimmtheit der Seele als ein Leiden annehmen, das den Sinn einer läuternden Buße hat, durch die man zur Erlösung gelangt; sein ganzes Dasein als ein Total-Opfer bringen, das nicht unbedingt „groß“ sein muss, sondern vor allem „weit“; sich vollkommen von Gnade abhängig wissen.

Sankt Paul vor den Mauern

Zum Abschluss der jährlichen Weltgebetswoche für die Einheit der Christen feiert Papst Franziskus am Sonntag einen ökumenischen Wortgottesdienst in der römischen Basilika Sankt Paul vor den Mauern, an dem wie üblich auch hochrangige Vertreter anderer christlicher Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften teilnehmen. Die Veranstaltung hat Tradition.

Der 25. Januar fiel im Jahr 1959 ebenfalls auf einen Sonntag. An jenem Tag stand der damals amtierende Papst ebenfalls genau der gleichen Veranstaltung vor. Es war Johannes XXIII. Und er tat bei dieser Gelegenheit etwas, das niemand vorhergesehen hatte und das alle fassungslos machte: Er kündigte das Zweite Vatikanische Konzil an. Von diesem Augenblick an war in der katholischen Kirche nichts mehr, wie es vorher gewesen war.

Auch in späteren Jahren nutzten die Päpste diese Ökumene-Feier wiederholt für wichtige Mitteilungen.

Das Zweite Vatikanische Konzil endete mit dem Jahr 1965. Mit dem Jahr 2015 hat das fünfzigste Jubiläum des Konzilsabschlusses begonnen. Ein Konzil mag immer auch ein gewagter Einfall für die katholische Kirche sein; aber man wird schwerlich behaupten können, dass es in ihrer gegenwärtigen Lage die schlechteste Idee wäre. Vielleicht gerade dann, wenn der amtierende Papst dringend globale Unterstützung gegen einen großen Teil seiner Kurie benötigt.

Ich mache keine Prophezeiungen, was am kommenden Sonntag passieren wird und ob überhaupt irgendetwas Besonderes passieren wird. Aber es ist schon reizvoll genug, einmal die gewagten Phantasien auf sich wirken zu lassen, die diese kleine Meditation in einem auslösen kann.

„Philosophia perennis“?

Die Vorstellung, es gebe eine universale, stabile interkulturelle Schnittmenge aller Philosophie, eine „ewige Philosophie“ (philosophia perennis) – eine Vorstellung, die gegenwärtig nur noch bei vielen Neo-Thomisten als den „letzten Mohikanern“ des Neuplatonismus ebenso beliebt ist wie bei Esoterikern -, ist geradezu gefährlicher Unsinn.

Denn zur heute unstreitigen Definition von „Philosophie“ gehört der Gebrauch der Vernunft als exklusiver Methodik. Zu den definitiven Fakten über die Vernunft aber gehört, dass man unter sauberer Anwendung ihrer zu den unterschiedlichsten und sogar gegensätzlichsten inhaltlichen Ergebnissen gelangen kann. Diese Einsicht allein schon macht „philosophia perennis“ zu einem kategorischen Oxymoron.

Auffällige Konvergenzen zwischen vielen religiösen und spirituellen Lehren und philosophischen Systemen und Ansätzen haben keine „philosophia perennis“ zur Ursache, sondern gleich erfahrene Lebensumstände und -bedingungen, auf die sie Bezug nehmen. Es ist im Grunde derselbe Unterschied wie der zwischen homologen und analogen Organen in der Biologie. Was manche für „philosophia perennis“ halten, beruht allein auf dem letzteren entwicklungsdynamischen Phänomen. Warum ist das nicht „egal“? Es spielt eine Rolle, weil ja letztlich nicht wichtig ist, woher diese Erkenntnisse kommen, sondern wohin sie führen. Wären sie „homolog“ entstanden, ließe sich dies vielleicht deduzieren, was ja Ziel der „Perenniker“ ist. Da sie aber „analog“ zustande gekommen sind, ist eine solche Deduktion nur sehr viel eingeschränkter möglich bzw. sehr viel weniger sinnstiftend. Parallelen bleiben auf diese Weise nämlich stärker „phänomenal“, sie erreichen kaum die Dimension des „Logischen“.

Wenn wir genau hinschauen, sind die Konvergenzen im Großen ziemlich trivial, die Differenzen im Detail aber zahllos. Ken Wilber resümiert das „Trivium“ der „philosophia perennis“ ungefähr so: „(1.) Ein Transzendentes existiert – (2.) es muss innerlich gesucht werden – (3.) die grundlegend unterscheidende und somit zwingend dualistische Strukturiertheit des menschlichen Denkens, in die die Vernunft uns führt und in der die Sprache uns festhält, behindert den Menschen in der Erkenntnis des nondualistischen Transzendenten (das Christentum nennt diesen Zustand Sünde, von Absonderung) und verursacht dadurch das menschliche existenzielle Leiden – (4.) es gibt einen diesseitigen Ausweg aus dieser Blockade, Befreiung ist möglich (Erlösung, Erleuchtung, Wiedergeburt oder wie auch immer genannt) – (5.) das Heureka dieses Auswegs äußert sich in einem Menschen zuverlässig als umfassendes, tiefes Mitgefühl für alle seine Mitwesen“.

Das ist zur Bezeichnung eines großen geistigen Konsensus-Stromes der Menschheit gewiss alles vollkommen zutreffend. Es sollte aber eigentlich schon für einen gewöhnlichen Abiturienten, der einen halbwegs brauchbaren Religionslehrer gehabt hat, auf der philosophischen Ebene – um die es ja hier geht (existenzielle Verinnerlichung und Vertiefung ist etwas anderes) – keine große Neuigkeit mehr darstellen. Warum aber beobachten wir dann auch und gerade bei geistig und geistlich wirklich aufgeschlossenen Abiturienten in aller Regel noch keine innerliche Sättigung – eher das Gegenteil?

Spätestens bei Schritt (4.) sind sich die verschiedenen Traditionen überdies alles andere als einig darüber, ob sich dieser „Pfad“ überhaupt „methodisch“ verfolgen lässt – geschweige denn, wie die richtige Methode dazu gegebenenfalls auszusehen hat.

Die Idee der „philosophia perennis“ intendierte einen Kompromiss zwischen Religion und Philosophie. Es gibt aber keinen Kompromiss zwischen ihnen, sondern „nur“ einen notwendigen Dialog. Denn die letzte Wahrheit aller authentischen Religiosität kann überhaupt nicht „gedacht“, sie muss zutiefst gelebt werden.

Geh wieder schlafen

Zweiter Sonntag im Jahreskreis: Interessant, wie alttestamentliche Lesung und Evangelium heute auf einer tieferen Ebene kontrastieren. 1Sam 3,3-10 erzählt, wie das junge religiöse Genie, das von Gott im Traum angerufen wird und daraufhin jäh erwacht, von den etablierten religiösen Autoritäten, die es anleiten und an die es sich wendet, ob sie es gerufen hätten, immer wieder „schlafen geschickt“ wird. Ätzendere, karikierendere Kritik an abgestumpften religiösen Institutionen geht kaum.

Dagegen steht Jesus, dessen erste Worte im Johannes-Evangelium, gerichtet an die bis dato Johannes-Jünger, die ihm hinterhergehen, lauten: „Was sucht ihr?“ Ich halte es für eine irrige Interpretation, es sei ihre „Verwirrung“ angesichts dieser unerwarteten Frage gewesen, die sie „verlegenheitshalber“ habe die Entgegnung improvisieren lassen, „wo er bleibe, wo er wohne“? Diese ihre Gegenfrage nimmt vielmehr den persönlichen Ton dankbar auf und steigert ihn sinnig weiter, den Jesus mit seiner Frage angeschlagen hat: Hier wird keine Sach-, sondern eine Herzenskommunikation geführt. Das Glauben der Jesus-Bewegung meint letztlich kein Für-Wahr-Halten von religiösen Meinungen und Lehraussagen, sondern eine tiefste persönliche Beziehung des Vertrauens.

Mit katechetischen Lehrsätzen und Dogmen wird die Spiritualität des Menschen nur „schlafen geschickt“.

Chronologie bei Johannes

Heutiges Sonntagsevangelium ist Joh 1,35-42. „Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, fragte er sie: Was wollt ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister -, wo wohnst du (wo bleibst du, ποῦ μένεις, pou méneis)? Er antwortete: Kommt und seht! Da gingen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde.“ (Joh 1,35-39)

Die Chronologie, die der Johannes-Evangelist seinem Evangelium mit der wiederkehrenden Perikopen-Einleitungsformel „am nächsten Tag“ verleiht, ist eine symbolische. Sie verweist wahrscheinlich auf eine liturgische Woche der frühen Gemeinde, in der noch stärker jedem Wochentag zyklisch eine bestimmte Bedeutung zukam, was heute gegenüber dem liturgischen Ordnungsfaktor des Kirchenjahres in den Hintergrund getreten ist.

Als Anhaltspunkt für eine Präzisierung dieser Interpretation kann die Hochzeit zu Kana gelten (Joh 2,1ff.), von der es heißt, sie habe „am dritten Tag“ stattgefunden. Bezieht man diese Angabe nicht auf einen als „Bericht“ missverstandenen Ablauf der Ereignisse, sondern versteht ihn allgemein, so bezeichnet dies für Juden den Dienstag, den sie für Hochzeiten bevorzugen, weil es im Schöpfungsbericht vom dritten Tag heißt, Gott habe der Erde befohlen, Pflanzen hervorzubringen, die Samen tragen, was Fruchtbarkeit thematisiert, und weil es nur von diesem Tag gleich zweimal heißt: „Gott sah, dass es gut war“ (Gen 1,9-13).

Rechnet man von dieser Datierung aus rein im Rahmen der symbolischen Binnenlogik des Johannesevangeliums zurück, so kommt man darauf, dass der Tag, an dem Jesus getauft wurde, ein Sabbat war, der Tag, an dem Johannes zuvor das erste Mal auftritt, der Rüsttag vor dem Sabbat, der Tag aber, von dem das heutige Evangelium spricht, der Tag nach dem jüdischen Sabbat.

„Wo bleibst du – kommt und seht – und sie blieben jenen Tag bei ihm“: Kann man aus diesem genau datierten symbolischen Dialog entnehmen, dass schon die johanneischen Christen begannen, anstatt des Sabbats oder neben diesem oder sogar gegen diesen den ersten Tag der Woche, an dem Christus von den Toten auferstanden ist, als den „Tag des Herrn“ zu feiern und ihn wenn irgend möglich mit Arbeitsruhe zu begehen?

Eucharistievorstand

Jetzt scheint es fix zu sein: Ab 1. September wird auch meine derzeit noch „selbständige“ bzw. „klassische“ Pfarrei Teil eines Pfarrverbands, die als eine der jüngsten und voraussetzungslosesten München-Freisinger Gemeinde-Neugründungen mit missionarisch besonders interessanter Pionier-Lage (Messestadt) bislang ausgiebig „Welpenschutz“ genoss.

Das regt wieder einmal zum Nachsinnen über „sakramentale Versorgung“ an. Die Wiederholung dieses Themas ist natürlich nur dann interessant, wenn man auch immer wieder neue Aspekte daran entdeckt. Diesmal: Wer soll Eucharistiefeiern vorstehen?

Vorweg ein Punkt, der mich in letzter Zeit zunehmend beschäftigt: Auch wenn (oder vielleicht gerade weil) ich eher ein Kirchen-„Reformer“ bin, dem es um echte Erneuerung geht, empfinde ich es als Ungeist, wenn sich unter „internen, bekennenden“ Kirchen-Kritikern eine Mentalität verbreitet, die man mit der Formel „dasselbe wollen“ zusammenfassen könnte: Homosexuelle beanspruchen in Sachen Ehe „dasselbe wie“ Heterosexuelle. Und Frauen beanspruchen in Sachen Priestertum „dasselbe wie“ Männer.

Das geht nicht. „Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe (si bis faciunt idem non est idem).“ Darum kann es nicht gehen. Es muss um Gerechtigkeit gehen. Aber dass Gerechtigkeit sich nicht auf die Formel „dasselbe wie“ bringen lässt, ist eine ihrer allerersten Lektionen. „Die Kirche“ muss entscheiden – bleiben wir beim zweiten Beispiel -, wen sie als Priester braucht. Zu den Fragen: Wer ist „die Kirche“? und: Wozu wird ein Priester eigentlich gebraucht? komme ich gleich noch.

Die Behauptung, beim „Berufen-Sein“ zum Priester handle es sich um ein Gefühl, ist theologisch wie spirituell eine ziemlich zweifelhafte. Unsere Gefühle sind vornehmlich eine Ausdrucksinstanz unseres Egos, und dieses muss tiefere Wahrheiten bekanntlich nicht notwendig annehmen. Wenn Frauen, die als solche das katholische Priestertum für sich „beanspruchen“, dabei auf ihr „Gefühl, dazu berufen zu sein“ verweisen, droht nichts weiter als die Eröffnung eines neuen, diesmal spezifisch weiblichen Zweigs des altbekannten Phänomens klerikaler Eitelkeit. Dessen männliche Variante kennen wir zur Genüge und haben inzwischen so halbwegs damit umzugehen gelernt. Eine zweite Baustelle dieser Art brauchen wir nicht.

Was wir brauchen, sind Personen, die auf geeignete Weise Eucharistiefeiern vorstehen.

Solange die gewachsenen Amtsstrukturen der Kirche in der Lage sind, ihre Gemeinden angemessen mit derartigem geistlichem Personal zu versehen, muss für uns die Übung in Demut Priorität haben, diese Vorgabe anzunehmen.  Das heißt nicht, dass wir nicht versuchen dürfen, sie nach unserer Auffassung zum Besseren zu verändern. Aber mit großer respektvoller Behutsamkeit und der ständigen Bereitschaft, uns und unsere Ansichten wieder zurückzunehmen, anstatt sie „auf Biegen und Brechen“ durchsetzen zu wollen.

Wenn die gewachsenen Amtsstrukturen der Kirche nicht mehr in der Lage sind, ihre Gemeinden angemessen mit derartigem geistlichem Personal zu versehen, dann muss in Reaktion auf diesen Umstand unsere erste kritische Frage eine selbstkritische sein und lauten: Haben wir die Feier der Eucharistie möglicherweise überbewertet oder falsch aufzufassen angefangen? Tut es uns spirituell möglicherweise gut, seltener und dafür bewusster Eucharistie und öfter laiengeleitete Wortgottesdienste mit oder ohne Kommunionausteilung oder andere liturgische Formen zu feiern? Der Zustand der Amtskirche ist und bleibt immer auch ein Abbild des Zustands der Laienkirche, machen wir uns diesbezüglich bitte nichts vor.

Wenn wir diese Frage gewissenhaft erörtert und für uns beantwortet haben, dann können wir dazu übergehen – und müssen es vielleicht -, die einzelnen Gemeinden zu befragen und es ihnen zu überlassen, wen aus ihren eigenen Reihen sie den Vorstand bei ihren Eucharistiefeiern ausüben lassen wollen. Das werden dann lokale Personalien sein, die nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Je nachdem, wie stark in einer solchen kirchlichen Krisensituation der Einfluss der offiziell und formal herrschenden – und sich schwerlich ändernden – amtlichen Kirchendisziplin am jeweiligen Ort noch sein wird, wird es sich bei den örtlichen Eucharistievorständen weiterhin ausschließlich um Männer handeln oder auch nicht.

Diese Personen im herkömmlichen Sinne als „Priester“ zu bezeichnen und zu verstehen, wird weder möglich noch nötig sein.

Es ist unbeschadet der eucharistischen Praxis realistisch möglich, dass das „Priester“-Konzept im konkret gelebten Sonn- und Alltag der Gemeinden kirchengeschichtlich wieder ebenso „sanft entschläft“, wie es kirchengeschichtlich auch eine Schwangerschaft durchlief, ehe es geboren wurde. Diese Möglichkeit ist viel wahrscheinlicher, als dass das „Priester“-Konzept von der Amtskirche modifiziert und abgeändert wird. Das wird dann auf die Lösung hinauslaufen, dass es nominell weiterhin ein Priestertum gibt, in der Praxis aber hauptsächlich eine andere, neue kirchliche Funktionsklasse die Zelebration von Eucharistiefeiern übernimmt.

„Dasselbe wie“ ist jedenfalls fundamental keine christliche Denk- und Argumentationsweise.

Christliche Spiritualität in Begriffen praktischer Philosophie ausgedrückt

Am 20.12.2014 habe ich einen Beitrag veröffentlicht, in dem es darum ging, das Christentum einmal so zu charakterisieren, als wäre es ein philosophisches System. Das war sozusagen eine Überführung der Dogmatik in theoretische Philosophie. Weiterführend ist allerdings die Frage interessant, was dabei herauskommt, wenn man auch versucht, die christliche und speziell die katholische Spiritualität in Axiome einer praktischen Philosophie zu überführen?

Die Philosophie ist mir am liebsten und scheint mir genau dann sowohl am weisesten wie auch am existenziell hilfreichsten, wenn sie der Versuchung widersteht, sich im Übermaß zu vertiefen, sich zu obstinat in ihre Gedankenwindungen zu verbohren, was der nur sehr begrenzten Funktion menschlicher Vernunft nicht Rechnung trägt. Deshalb zu dieser Frage hier nur einige wenige, oberflächliche Stichworte.

Quasi als praktische Philosophie betrachtet – was freilich ihr Wesen, nota bene, kategorisch niemals vollständig erfassen kann! – scheint mir die christliche Spiritualität weitgehend anhand von drei Prinzipien skizzierbar zu sein:

1. Nicht-Optimierbarkeit der Welt: Die irdischen Zu- und Umstände lassen sich grundsätzlich nicht perfektionieren. Die zentrale Konsequenz eines dennoch positiven, bejahenden Weltverhältnisses daraus ist, dass diese Welt nicht bloß der Belehrung, sondern der transzendenten, geoffenbarten Erlösung bedarf. Wäre die Welt entscheidend verbesserbar, ergäbe die Rede von „Erlösung“ überhaupt keinen Sinn. Mit dieser Haltung wird die Möglichkeit „kleiner“ Fortschritte und die moralische Gebotenheit des ständigen Strebens nach solchen begrenzten Fortschritten übrigens keineswegs geleugnet; ihnen darf nur keine zu große, zu fundamentale Bedeutung beigemessen werden, die sie niemals wirklich erreichen werden.

2. Personalität der Wahrheit: Die letzte Richtigkeit unseres Verhältnisses zu dieser Welt kann strukturell überhaupt nie irgendwelchen Aussagen, Lehrsätzen, Standpunkten, Meinungen zuerkannt werden. Sie kann ausschließlich gelebt, nicht gesagt, nicht einmal gedacht werden. Sie wird daher konsequent in einer Person verkörpert: der Person Jesu Christi. In die letzte Wahrheit unseres Lebens einzutreten bedeutet, dieser Person absolut zu vertrauen – nicht irgendwelche klugen Gedanken zu denken. Genau dies ist der klügste überhaupt menschenmögliche Gedanke.

3. Geschichtlichkeit und Narrativität der Wahrheit: Die Art, wie von einer „personalen Wahrheit“ zu sprechen ist, kann immer nur erzählend sein, nicht analytisch, nicht definitorisch, nicht dogmatisch. Ferner: Nur ein „geschichtlich“ konstituiertes Bewusstsein ist überhaupt in der Lage, das Konzept der „Umkehr“, theologisch gesprochen der „Buße“ vorzusehen, dessen eine grundsätzlich nicht verbesserbare Welt zu ihrer Erlösung bedarf: Was verbesserbar ist, lässt sich logisch zu seiner Verbesserung motivieren; wo aber derlei Logik ausgehebelt erscheinen muss, bleibt nur noch die Fähigkeit zu spontaner „Umkehr“ aus der Tiefe inneren „Bekehrungs“-Erlebens heraus als „Erlösungs“-Chance übrig. Und diese Chance besteht nur, wenn man den eigenen Weg als geschichtlich-narrativ konstituiert erkennt, nicht als „notwendig“ oder gar „zwangsläufig“.

Reliquienverlierung

Katholiken sind bekannt für das Verehren von Reliquien. Weniger im Fokus steht gemeinhin, wie passioniert sie im Verlieren von sterblichen Überresten sind. Der Katholizismus ist im interkulturellen Vergleich Spitzenreiter im postmortalen materiellen Verschusseln und Verschlampen seiner Prominenten. Ein seltsamer innerer Widerspruch, wie es auf den ersten Blick scheint. Oder passt das Eine etwa doch mit dem Anderen zusammen?

Vorweg: Um diese Thematik überhaupt sinnvoll behandeln zu können, erweist sich eine überraschende Fülle an präliminarischen Bestimmungen als erforderlich – und diese Tatsache zeigt an und für sich schon, dass diese ganze Angelegenheit kein geringeres Problem ist als ein erkenntnistheoretisches. Zuvörderst: Wer hat überhaupt als ein spezifisch katholischer Prominenter der Historie zu gelten? Ich definiere: Jemand, dessen Lebensleistung, für die er prominent wurde, in einem notwendigen inneren Zusammenhang mit seinem Katholizismus steht. Dies trifft meines Erachtens auf vier unterscheidbare soziale Kategorien zu: Heilige, Päpste, Theologen, religiöse Künstler. Zu weiteren erkenntnistheoretischen Problemen der Heiligenerinnerung komme ich sukzessive.

Insoweit wir von Heiligen sprechen, bieten sich gleich zwei Zusammenhänge zwischen Verehren und Verlieren ihres Leichnams bei genauerer Betrachtung logisch an. Ein notwendiger Schritt im Rahmen des Prozesses der Heiligsprechung ist die „Erhebung zur Ehre der Altäre“. Die realistische mittelalterliche Theologie erklärte diese Erfordernis als ständige und offensichtliche Bestätigung der für die Heiligsprechung erforderlichen Wunder. Denn in alter Zeit konnte es angesichts des Fehlens moderner Bestattungsordnungen auf einem Kirchhof leicht zweifelhaft werden, aus welchem Grab ein Wunder kam, das vor diesem Grab erbeten wurde. Die Isolation des Tatverdächtigen schloss solche Zweifel aus und belegte glänzend dessen wundertätige Urheber- oder besser Mittlerschaft. Wer vor dem Altar mit den Reliquien eines Heiligen betend auf wundersame Weise beispielsweise von einem Gebrechen genas, konnte eindeutig dem betreffenden Heiligen seine Heilung zuschreiben – kein potenzieller Konkurrent kam dafür als verehrungswürdig in Betracht. Irrtümer wurden so ausgeschlossen.

Das Procedere hatte allerdings folgenden Nachteil: Altäre stehen in Kirchen, und Kirchen tendieren dazu, von Zeit zu Zeit gründlich abzubrennen. Im Mittelalter häufiger als heute; aber zuletzt hat es noch die Pfarrkirche meiner Jugend erwischt (Herz Jesu, München, 1994). Dadurch können heilige Gräber über die Jahrhunderte verschwinden, die auf einem ganz normalen Friedhof unter freiem Himmel vergleichsweise sicherer gewesen wären vor Zerstörung.

Ganz zu schweigen von gezieltem antireligiösem Vandalismus, in dem insbesondere die Französische Revolution das Ihre zum Reliquienverlust beigetragen hat. Ein solcher Fall betraf, um mit den Namensnennungen bewusst bei einem nicht heilig Gesprochenen zu beginnen, Blaise Pascal.

Manchmal mag der Fall aufgetreten sein, dass die „Erhebung zur Ehre der Altäre“ zu einem Zeitpunkt erfolgte, zu dem die Verwesung – etwa infolge bestimmter finaler Diagnosen – schon sehr stark fortgeschritten war, man aber dennoch dem Volk einen identifizierbaren und „ansehnlichen“ zeremoniellen Vorgang bieten wollte. Wer weiß, zu welcher pia fraus dann bisweilen gegriffen wurde bzw. welche Verwechslungen bereits bei der Exhumierung unterlaufen sein mögen. Dieses Syndrom betraf nicht nur das Mittelalter, sondern in vollem Umfang noch die Barockzeit. In einem Zusammenhang etwa dieser Art kam uns möglicherweise unter anderem die sterbliche Hülle Ignatius‘ von Loyola abhanden, der nach Meinung einiger Historiker wahrscheinlich nicht in seinem offiziellen Grab in Il Gesù ruht.

Dies alles bildet den ersten der beiden aus meiner Sicht erklärbaren, also nur oberflächlich-scheinbar paradoxen Zusammenhänge zwischen Verehrung und Verschwinden. Der zweite liegt in der kirchenrechtlich verankerten Funktion von Heiligen-Reliquien für die Weihe einer Kirche. In jeden ortsfesten Altar müssen Reliquien eingelassen werden. Diese Praxis verstärkte noch die seit jeher landläufige Tendenz, den Körper verstorbener Heiliger nicht „in einem Stück“ zu verehren, sondern sie aufgeteilt in überwiegend kleine und kleinste Partikel „in alle Winde zu zerstreuen“. Das erschwert zwar einerseits theoretisch den Totalverlust, andererseits aber auch ganz praktisch die sichere Identifikation.

So gibt es in Troyes nur noch den Kopf des Heiligen Bernhard von Clairvaux. Und im Streit zwischen den Klöstern Montecassino und Fleury über den Besitz der authentischen Gebeine ihres großen Über-Vaters Benedikt von Nursia, der seit mittlerweile mehr als einem halben Jahrhundert mit modernen und postmodernen Mitteln propagandistisch tobt, beeindruckte die Untersuchungskommission in Fleury jedenfalls die Homogenität der Skelettteile, die im Laufe der Zeit von Fleury aus weiterverschenkt worden waren – kein Fragment war eine Dopplung, die das eigentliche Wunder in den Bereich der Anatomie verlagert hätte. Alle Proben konnten offensichtlich in der Tat von demselben Menschen stammen. Weiterhin genießt Benedikts Grab seine offizielle kirchliche Verehrung jedoch zusammen mit dem seiner Schwester Scholastika in Montecassino.

Abgesehen von dieser bis hierhin erörterten spezifischen Problematik der Heiligen müssen wir uns weiterhin folgende Kriterien für die Verfolgung und Überprüfung unserer These setzen, die auch für unsere übrigen drei Kategoriengruppen – Päpste, Theologen, Künstler – zu gelten haben:

1. Ein genereller Faktor der historischen Zeitdistanz besagt, dass überhaupt nur in Ausnahmefällen Personen in Betracht kommen können, die vor dem uns reliquarisch erhalten gebliebenen Augustinus gelebt haben. Er muss die allgemeine chronographische Messlatte für unsere Verwunderung über bedeutsame Reliquienverluste bilden. Genauer gesagt: Die Epoche der vollzogenen Konstantinischen Wende und offiziösen Etablierung der Amtskirche bis schließlich hin zur Staatsreligion (380). Ausnahmen von dieser Regel könnten neben Jesus – dessen Grab ein überzeugter Christ aber nicht archäologisch suchen wird – wohl höchstens die beiden Top-Apostel Petrus und Paulus bilden. Allerdings schadet es nicht, sich an dieser Stelle beiläufig daran zu erinnern, dass auch sie uns in historisch-kritischer Seriosität körperlich „fehlen“.

2. Ein spezieller Faktor der historischen Zeit besagt, dass auch nach Augustinus hier und dort immer wieder epochale Umstände aufgetreten sind, in deren Kontext die Erwartung einer schlüssigen Reliquien-Überlieferung überzogen wäre. Möglicherweise wird man auch den Völkerwanderungs-Zeitgenossen Benedikt von Nursia als ein Beispiel für eine Einschränkung dieser Art werten müssen.

3. Im engeren Sinne unserer These genügt uns nicht bloß ein Fehlen der Präzision beim Aufweis der Kontinuität des Verbleibs, sondern wir sprechen von fundamentalerem Unwissen. Von vielen heiligen und anderweitig prominenten Katholiken wissen wir trotz aller Zeitläufte immerhin ungefähr, wo sie bestattet liegen müssen. In gewisser Hinsicht „genügt“ das. Nicht immer ist historisches Chaos an einer entsprechenden „Unschärfe“ unserer noch verfügbaren Angaben schuld. Die große Mystikerin Mechthild von Magdeburg beispielsweise wurde in einem Zisterzienserkloster bestattet. Es kann allein schon den im Tode bewusst anonymisierenden zisterziensischen Gebräuchen geschuldet sein, dass kein Hinweis auf ihre exakte Grablege überliefert wurde.

4. Wir wollen auch Fälle ausschließen, in denen Missionare auf großer Reise verschollen sind. Auch in einem solchen Zusammenhang ist ihr Schicksal in gewissem Sinne doch zu „klar“, als dass die Absenz ihrer Reliquien als verwunderlich bezeichnet werden dürfte.

Was die Künstler angeht, so ist hinzuzufügen, dass diese in der Geschichte selbst unter den Vorzeichen von Ruhm und Reichtum sozial oft nicht hoch angesehen waren. Ihr Status wurde kollektiv dort eingeordnet, wo wir heute Popularität und Einkommen von „Artisten“, Unterhaltungskünstlern, Sportlern und ähnlicher „Medien-Eigenprominenz“ ihre etwas abschätzige gesellschaftliche Wertung zuweisen, denn ihre Inspiration wurde – gerade im Fall der religiösen Künstler – nicht als „Eigentum“ ihrer Persönlichkeit wahrgenommen, wie dies in unserem jetzigen historisch inkommensurabel individualistischen Zeitalter der Fall ist. Sie galten mit ihren Begabungen bestenfalls als mechanische „Werkzeuge Gottes“. Deshalb sind so viele mittelalterliche Meister der bildenden Künste heute nur noch unter den Adressen ihrer Opera Magna bekannt: „Meister des Soundsoheimer Altars“ etc. Deshalb ist das Grab von Hieronymus Bosch ebenso ungewiss wie das von Leonardo da Vinci. Wobei letzterer freilich trotz seiner Gemälde mit religiösen Motiven nur schwerlich als katholisch gelten kann, wenn man Religionszugehörigkeit nicht auf gesellschaftliche Formalitäten beschränkt.

Was bleibt? Welche „Extrembeispiele“ für absolut unerklärliche katholische Reliquien-Versaubeutelung haben wir zu guter Letzt spektakulär aufzulisten? Zugegeben: Es sind keine amtlichen Heiligen darunter. Aber das muss sie weder unsympathischer noch unbedeutender machen.

Um mit den Künstlern zu beginnen: natürlich Mozart. Der Fall ist genugsam bekannt. Die Akzeptanz eines weiteren Beispiels „erster Ordnung“ hängt davon ab, ob man einen englischen „Krypto-Katholiken“ der elisabethanischen Verfolgungszeit als solchen anerkennt. Ich halte es nach wie vor für mehr als nur zweifelhaft, dass Christopher Marlowe seines „offiziellen“ Todes gestorben ist. Sein angebliches Grab auf einem Kirchhof in Deptford wurde verdächtigerweise schon von Anfang an nicht näher gekennzeichnet. Wenn er seine offensichtlich fadenscheinige „Ermordung“ in Wirklichkeit überlebt hat, wird er dadurch aber auch fast „automatisch“ zu einem sehr ernsthaften Kandidaten für die tatsächliche Verfasserschaft der sogenannten Werke Shakespeares.

Zum Schluss: Das vierzehnte Jahrhundert war mit Sicherheit eine überaus schreckliche Zeit, das eigentliche „finstere“ Mittelalter. Doch zwei hochkarätige Gräberverluste dieser Epoche erklärt dieses Zugeständnis trotz allem nicht. Eckhart von Hochheim und William von Ockham gehören nicht erst heute zu den bedeutendsten Denkern der Geistesgeschichte, sie waren auch schon zum Zeitpunkt ihres Todes prominent. Gewiss, Meister Eckhart bewahrte wohl nur der natürliche Tod vor einer päpstlichen Verurteilung als Häretiker. Aber das kann die Frage nach seinem Begräbnis schon damals nicht uninteressanter gemacht haben; immerhin war er ein Theologieprofessor und Provinzial des Dominikanerordens gewesen. Der Franziskaner Ockham hingegen verschwand posthum in München – und zwar erst lange nach seinem Tod im bayerischen Exil. Auch in den Wirren der Säkularisierung, die das ursächlich verschuldete, gab es doch genügend Hochgebildete in der bayerischen Landeshauptstadt des bald danach die Regierung antretenden Königs Ludwig I., die um die Bedeutung des großen Engländers, des letzten originären Scholastikers, wussten.

Irgendwo in Münchner Erde ruht er also. Ein bisschen genauer wüsste man es aber doch gerne.

„Reliquie“ bedeutet „Zurückgelassenes“. Lassen wir mit dieser Besinnung dieses merkwürdige Thema hinter uns.

Eine Faust für Mutter

Oh je, Papst Franziskus‘ jüngstes buchstäbliches „On Air“ über Meinungsfreiheit wird noch heftige Diskussionen geben.

Nicht, weil es falsch wäre, was er gesagt hat, sondern weil es einfach zu viele weiterführende Fragen offen lässt, die er nicht akademisch abhandelt, wie sein Vorgänger es getan hätte.

Franziskus‘ Parabel lautet: Wenn ich jemandes Mutter beleidige, muss ich damit rechnen, dass er mit der Faust auf mich los geht.

Aber das ist eher ein Beispiel von Affekt – in welchem Verhältnis steht das zu geplanten und organisierten terroristischen Racheaktionen für Religionsbeleidigung? Und in welchem Sinne und in welcher Weise muss dieser Ursache-Wirkungs-Zusammenhang einfach als gegeben hingenommen werden? In jedem Sinne und in jeder Weise?

Der Heilige Vater sagt zwar stets Anschaulich-Konkretes, dabei aber gleichzeitig, wenn man nach dessen Transferierbarkeit und Anwendbarkeit fragt, viel Ungefähres und wenig Präzises. Das ist einerseits eine hohe diplomatische Kunst und klug angesichts heikelster Themen und andererseits eine Art von Rhetorik, die gut geeignet ist für eine Kommunikation mit „Volkskirche“.

Unser europäisches Problem mit Franziskus‘ Äußerungen ist, dass wir in Europa, vor allem in Deutschland, immer weniger „Volkskirche“ haben und einen immer größeren Anteil an anspruchsvollen Intellektuellen an dem immer kleiner werdenden Kreis engagierter Katholiken. Und die kommen mit dem Duktus von Benedikt XVI. besser klar – zumindest formal.