Mitschreiber an diesem Blog willkommen!

Ich suche ehrenamtliche Mit-Autoren, die Gast-Beiträge auf „OFFKATH“ einstellen wollen.

Persönliche Voraussetzungen:

Überzeugt von der anhaltenden vitalen Bedeutung eines gewissen Jesus von Nazareth für die Entwicklung der Menschheit?

Sinn für den von mir in diesem Blog so bezeichneten Unterschied zwischen „magisch-gnostisch-esoterischer“ und „mystisch-kontemplativer Spiritualität“, klare persönliche Entscheidung für letztere und Suche nach einer Möglichkeit zur Verwirklichung dieser Spiritualität innerhalb der katholischen Kirche?

Liebe zur unvollkommenen „Kirche der Sünder“ als einer menschengemachten Manifestation der göttlichen Wahrheit, ohne die dem eigenen religiösen Leben viele Entwicklungschancen vorenthalten geblieben wären?

So weit aufgehoben in einer persönlichen, direkten Verbindung zwischen Glauben und alltäglichem Leben, dass die „dazwischengeschaltete“ Kirche schon auch mal deutliche Kritik vertragen kann? Seelisch nicht völlig abhängig vom eigenen Eifer prinzipieller, skrupulöser, buchstäblicher Bestätigung und Rechtfertigung jeglicher institutioneller Wahrheiten, die in kirchenamtlichen Verlautbarungen stehen?

Kritische Wachsamkeit gegenüber Phänomenen des Klerikalismus? Klares Empfinden der Unerwünschtheit dieser Phänomene?

Ein Verständnis von Traditionen, das diese nicht als Archivalien sieht, sondern einfach als stabiles, zuverlässiges Baumaterial zum Errichten der Zukunft – die vielleicht ganz anders sein wird als die Vergangenheit und daher an die Gesamtgestalt des neuen Gebäudes, das aus dem alten Material zusammengefügt wird, veränderte Anforderungen stellt? Bereitschaft, diese Veränderung zu bejahen und ihr zu entsprechen, solange im Einzelnen mit den bewährten Bausteinen weitergearbeitet wird? Auch Bereitschaft, auf wohlwollende und geduldige Weise die schwierige und langwierige Auseinandersetzung darüber zu führen, was Baustein ist und was auf größerer oder kleinerer Ebene der Veränderung unterliegen kann, darf, muss?

Schon mal ’ne Bibel in der Hand gehabt?

Gesunde Allergie gegen Fundamentalismus, Fanatismus, Radikalismus?

Leidenschaftliche, spielerische, geistvolle Kreativität im persönlichen Sich-Aneignen der kirchenamtlichen katholischen Dogmatik, daher auch kein plumpes, polemisches Bedürfnis, ihr konfrontativ zu widersprechen?

Eine gewisse Sympathie für die Jesuiten, die „allen alles werden“?

Humor, Schreibenkönnen und ein kleines Bisschen echte, praktische Kirchenerfahrung und sachliches Kirchenwissen?

Interesse an den Themengebieten „Glaube“, „Kirche“ und „subtile Kritik der Gegenwartskultur und -gesellschaft“? Stilistische Fähigkeit, sich elegant zu dämpfen in der zornigen Neigung, den eigenen Äußerungen darüber die Gestalt einer Höllenpredigt zu verleihen?

Dann freue ich mich auf Dein/Ihr Interesse an einer offenen, freien literarischen Mitwirkung an diesem Blog!

Kardinal in der Bütt – paar Tage zu früh

Kölle Alaaf sei mit euch. Wir hören die Predigt vom Tage. Kardinal Meisner spricht zu „seinen“ Katholiken: „Eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische Familien.“ Tusch!

Es gibt seltene Glanzstücke der Büttenrede, die so zündend sind, dass sie den Sitzungskarneval schon vor Erreichen des Weiberfastnachts-Termins per Akklamation des Volkes in den Straßenkarneval überschwappen lassen. Da dieser flammenzüngelnde Geist, brandredend, wo er will, vor fünf Tagen auf den Herrn Kölner Kardinal niedergestiegen ist, mag es auch mir kleiner Narrentröte jetzt bereits gestattet sein, die Netzgemeinde mit einem launigen Beitrag zur fünften Jahreszeit zu erbauen.

„Eine katholische Familie ersetzt mir drei muslimische Familien“, spricht der Herr – also, dieser Herr. Nun: Warum nicht? Das zeigt doch nur, dass der gute Mann sehr, sehr bescheiden ist und sich mit wenig und von schlichter Qualität zufrieden zu geben vermag, wenn man sich seine geborenen Adressaten so anschaut – zumindest die, die er in seiner mutmaßlichen Alterssichtigkeit vor sich zu haben glaubt; denn wir wollen ja nicht gleich jedem etwas Ehrenrühriges unterstellen, der es nicht schafft, bei „drei“ auf den Bäumen zu sein, bevor Meisner zu reden anfängt.

Glücklicherweise kann ich für mich persönlich heiteren Sinnes im Gegensatz zu Kardinal Meisner behaupten: Jeder einzelne meiner muslimischen Mitbürger und Nachbarn, der über echte Spiritualität und Lebensweisheit verfügt und diese mit Hirn, Herz und Humor an seinen Nachwuchs weiterzugeben bemüht ist, ersetzt mir mühelos drei deutsche Kardinäle. Ich sage aber nicht, welche drei. So fein bin ich dann doch. Das kann jeder selber raten. Schließlich haben wir derzeit immerhin zehn davon.*

(*Meisner, Wetter, Lehmann, Kasper, Cordes, Brandmüller, Marx, Woelki, Becker, Müller – zählt man den Papa emeritus mit, wird gar eine „National-Elf“ daraus.)

Diese positive Weltsicht erleichtert mir mein Leben als Katholik in unserem Lande ungemein. Denn da Kardinäle sich nicht vermehren und auch nur selten fortpflanzen, müssen sie jedes mal bei Erreichen ihrer Altersgrenze einzeln in Rom in der geistlichen Retorte nachgezüchtet werden (Fachausdruck: „in-mitro-Sterilisation“). Diese Art von ungeschlechtlicher Sukzession ist derart aufwendig und sensibel, dass die Kurie es daher regelmäßig vorzieht, die betreffende Altersgrenze lieber hochriskant zu dehnen, als zeitig für Ersatz zu sorgen.

Übrigens wird im Vatikan, habe ich mir sagen lassen, nun doch nicht geplant – wie ursprünglich wegen des Priestermangels erwogen -, deutsche Kardinäle künftig als Serienfigur aus Meisner Porzellan herstellen zu lassen. Denn erstens ist Porzellan von Natur aus weiß, während gerade die Deutschen sich besser schon mal an erheblich mehr Kardinäle mit dunklerer Hautfarbe gewöhnen sollten. Zweitens muss Porzellan durch Brennen hergestellt werden, was im Falle von Kardinälen dumme Witze befürchten ließe, ob sie womöglich des Teufels sind. Und drittens wäre zu befürchten, dass Kardinäle aus Porzellan in einem Zeitalter, in dem sie nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst werden, einen zu großen Scherbenhaufen hinterlassen.

Nichts für ungut, Herr Karneval, äh, Pardon, Herr Kardinal. Von Bayer zu Rheinländer darf man schon mal ein bisschen kräftiger scherzen, nicht wahr? Wo doch auch der Rosenmontag nicht mehr lange hin ist. Er wirft seinen Schatten schon voraus. Bald treibt er die Massen auf die Straßen. Und am Aschermittwoch ist er auch schon wieder Vergangenheit, dieser Kardinal, äh, Pardon, dieser Karneval.

Offenkatholisch

Ich überlege mir, die Spiritualität, die ich in diesem Blog zu präsentieren bestrebt bin, provisorisch mit dem Arbeitstitel „offenkatholisch“ zu bezeichnen. Als neckisches Kürzel hierfür böte sich „offkath“ an, was beiläufig einen recht witzigen Hintersinn ergibt, wenn man die Bedeutung des englischen Anklangs „offcut“ in Betracht zieht: das, was vom Rohmaterial nach dessen Verarbeitung als keiner ferneren Verzwecklichung mehr zuführbar übrig bleibt. „Offkath“ wäre demzufolge also ein vom unvermeidlichen, daher versöhnt zu bejahenden Schicksal seiner schulischen wie pfarrherrlichen katechetisch-religionspädagogischen Versägespänung oder gar Zerstäubung gezeichneter Rest puren geistlichen Rohstoffs, ergo zwar nicht mehr so kompakt vorhanden wie „in situ“ seiner einstigen genesis-mythischen Förderung aus dem Weinstein- oder Was-auch-immer-Bergwerk des Herrn, dafür aber als nunmehriger Undercover-Aggregatzustand des Ur-„Christalls“ irgendwie letztlich doch ganz positiv und endgültig „gerettet“, da fortan dem Zugriff religions-institutioneller Instrumentalisierung ein für allemal subversiv entzogen.

Der Begriff „offenkatholisch“ enthält zugleich ein implizites Kontrastprogramm zu der Formulierungsversuchung „liberalkatholisch“.

Ich halte jegliche Verwendung des Begriffs „liberal“ für unsinnig. Jede Verwendung von Begriffen hat nur dann Sinn, wenn sie Aussagekraft haben. Um Aussagekraft zu haben, müssen sie signifikant sein, das heißt, sie müssen deutliche Unterscheidungen erzeugen. Der Begriff der „Freiheit“, der in „liberal“ steckt, markiert nichts, also identifiziert er auch nichts. „Freiheit“ ist eine Universalie, die in so hohen idealistischen Sphären schwebt, dass noch die Wolken von unten zu ihren geflügelten Sandalen aufschauen. Kein halbwegs intelligenter Mensch kann ernsthaft „gegen Freiheit“ sein – was also soll eine programmatische Berufung auf diesen Begriff aussagen? Er klingt recht hübsch, aber das Einzige, was er wirklich enthält, ist Bedeutungsfreiheit.

Ich bin nicht „liberal“. Ich bin „offen“. Das ist ein überaus entscheidender Unterschied. Dem konsequent „Liberalen“ – gäbe es ihn denn – müsste notwendig alles gleich sein. Dem „Offenen“ hingegen hat alles, was existiert, seine je eigene Würde. Ausgenommen hohle Phrasen. (Was übrigens meine eigene Ausdrucksweise angeht, bitte ich den Leser / die Leserin um einen wohlwollenden Versuch, Elemente der Poesie von hohlen Phrasen zu unterscheiden. Nicht immer leicht, ich weiß.)

Freilich muss man im Sinne einer konsequenten Anti-Phrasen-Kampagne auch dazusagen: „offen“ wofür? Offen für Besuche, die Geschenke mitbringen, die mit Geld nicht zu bezahlen sind, und, wenn sie sich wieder verabschieden, sich anbieten, beim Rausgehen en passant eine paar alte Vorurteile zur Mülltonne mitzunehmen. Nicht offen für Aufkäufe, egal in welcher Währung.

Polar-Theologen

Für mich persönlich hatte und hat die Theologie eine gewisse Ähnlichkeit mit der Polarforschung: Ich konnte mir immer lebhaft vorstellen, dass manch einer nicht aus einem sonderlichen wissenschaftlichen Interesse Polarforscher wird, sondern hauptsächlich, weil der akademische Aufenthalt in einer Polarstation eine ideale Möglichkeit ist, sich aus den Strukturen und Erwartungen der gewohnten heimatlichen Gesellschaft, deren man überdrüssig ist, für eine geraume Zeit zu entfernen, ohne deswegen seinen angesehenen sozialen Status in der Herkunftsgesellschaft aufgeben zu müssen. Man muss danach nur mit irgendwelchen neuen Arten von Eisbären und Pinguinen zurückkommen, von denen der Laie nicht merkt, wie und ob sie sich von den zuvor schon bekannten unterscheiden.

Und natürlich muss man immer darauf bestehen, dass der Nordpol gaaanz anders ist als der Südpol. Warum hießen sie denn sonst Pole? Pole müssen natürlich Gegenpole sein – ist doch klar.

Ordens-Wettbewerb

Zum Gedenktag des heiligen Thomas von Aquin (Ordinis Praedicatorum) zur Abwechslung ein klitzekleines Bisschen Humor:

Ein Theologiestudent fragt seinen geistlichen Mentor: „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den Jesuiten und den Dominikanern? Ich meine: der WIRKLICHE Unterschied? Beide Orden wurden von Spaniern gegründet, beide sind stark intellektuell ausgerichtet, beide sind von ihrem Ordenszweck her ursprünglich der Bekämpfung von Häretikern gewidmet: Die Dominikaner sollten gegen die Albigenser vorgehen, die Jesuiten wollten die Superwaffe des Papstes gegen die Protestanten sein. Worin also besteht der eigentliche Unterschied zwischen diesen beiden Orden?“

Der Mentor murmelt: „Sind dir in letzter Zeit irgendwelche Albigenser begegnet?“

Die Ideologen und der Weltuntergang

Ideologen sind solche, die verkünden, die Welt werde untergehen, indem sie überflutet werde, und dann, wenn die Welt tatsächlich untergeht, indem Feuer vom Himmel fällt, die Arme empor werfen und lautstark triumphierend darauf hinweisen, dass sie es doch vorhergesagt haben! Extra für diese müsste man den Weltuntergang verschieben, um zuvor erst noch einmal angelegentlich zu versuchen, ob man sie nicht doch diesseitig schon von ihren Illusionen erlösen kann, damit sie dann auch wirklich etwas von dem einmaligen Spektakel haben, die Armen.

Ein Hauptstück gegen die Fundamentalisten

Fundamentalistische Apologeten der katholischen Konfession bedrängen ihre Zuhörer gerne mit der markanten Botschaft, dass man sich „zum wahren Glauben nur entscheiden“ müsse. Oha! Dazu ist allerdings ein Wörtchen anzumerken.

Ein als Entschluss verstandener Glaube setzt ganz unzweifelhaft einen ideal freien einzelmenschlichen, ichhaften Willen voraus. Das Einzige, was wir diesbezüglich sicher wissen können, ist aber, dass wir nicht wissen, ob es einen freien Willen gibt. Wir wissen nicht einmal, was er ist – das heißt, wie der Begriff „freier Wille“ zutreffend aufzufassen ist.

Zu dieser Frage gibt es in allen christlichen Kirchen und Theologien nur „Neigungen“, keine belastbaren dogmatischen Standpunkte, die irgendeinen Gläubigen bekenntnishaft binden würden. Denn philosophisch ist die Frage nach dem freien Willen eine Aporie, und jede christliche Theologie, die sich historisch durchgesetzt hat, war immer klug genug, Fragen, die die Philosophie nicht beantworten kann, nur dann im „Alleingang“ zu entscheiden, wenn die argumentativen Folgen dieser Entscheidung einigermaßen beherrschbar scheinen. An der Frage nach dem freien Willen hängt aber zu viel, um sie mit leichter Hand zu beantworten. Darum hat das auch keine maßgebliche katholische Dogmatik jemals verbindlich zu tun versucht. Diese Frage ist also im Grunde ungeklärt, sie bleibt letztendlich offen.

Die offizielle katholische Theologie tendiert allgemein eher zu Sympathie für die Annahme eines freien Willens, scheut dabei aber doch vor dem offenen Konflikt mit ihrem großen Heiligen Augustinus zurück, der deutlich anderer Ansicht war; bei ihm überwiegt klar der Zweifel an einem freien Willen. Die katholische Kirche mochte Augustinus nie ganz Recht geben; und doch war immer klar, dass sie um ihn und seine Argumente nicht herum kommt. Wenn ich über die christliche Ikonographie mitzubestimmen hätte, würde ich den heiligen Augustinus mit rohen Eiern abbilden; er ist der ideale Schutzheilige des theologischen Eiertanzes.

Warum ist diese Frage so heikel? Sie steht in unvermeidlicher wechselseitiger Abhängigkeit mit der Frage nach Wesen und Wirkungsweise der Gnade Gottes. Zu den unantastbaren tragenden Säulen des christlichen Glaubens gehört, dass die Gnade Gottes allen anderen Wirkmomenten in der Welt souverän zuvor kommt. Inwieweit kann sie dann aber die Mitwirkung eines freien menschlichen Willens am Heilsgeschehen erfordern oder überhaupt zulassen?

Hier kommt die Theologie buchstäblich in Teufels Küche, deren Feuer unter dem Kessel ihrer Argumente noch sechzehn Jahrhunderte nach Augustinus nicht weniger lodernd geschürt ist als damals:

Glauben als zackiger Entschluss? Das ist bestenfalls ein flottes Propaganda-Sprüchlein von verzeihlicher Zweifelhaftigkeit, nicht mehr. Schlimmstenfalls ist es eine Häresie: Ist etwa keine Gnade nötig, um glauben zu können? Man lese Blaise Pascals Streit mit den Jesuiten nach, etwa in der glänzenden Polemik seiner „Lettres Provinciales“. Die Jesuiten haben sich damals mit offenkundig rein politischen Mitteln grausam durchgesetzt; eine echte sachliche Antwort sind sie zweifellos schuldig geblieben. Diese Frage ist ein überaus heißes Eisen. Die Fundamentalisten erweisen sich hier als unvorsichtig und theologisch naiver, als es der Glaube selbst erlaubt.

Wenn wir jedoch die philosophische Frage nach dem freien Willen nicht wirklich klären können, dann können wir auch die theologische Frage nicht abschließend beantworten, was „glauben“ eigentlich ist. Mithin bin ich als Christ frei, angesichts der Aufforderung, glauben zu sollen im Sinne eines Willensaktes, mich auf die göttliche Gnade zu berufen, die als Wert höher rangiert: Gnade sticht Glauben, sozusagen. Das zu bezweifeln, darf kein christlicher Theologe wagen; und dies kann daher jeder Christ mit bestem Gewissen entgegnen, der sich nicht in Glaubensdebatten verstricken lassen will: Wenn Gott will, dass ich zur Wahrheit gelange, so wird er dafür auch dann zu sorgen wissen, wenn mein illusionäres intellektuelles Ego sich gegen die göttliche Wahrheit wehrt.

Damit hat das Glaubensbekenntnis als vermeintliches „Siegel“ des Glaubens keine echte Funktion. Diese Auffassung ist gegen den dogmatischen Rotstift imprägniert: Das Siegel des Glaubens ist die Taufe, nicht das Credo. Die Taufe ist das Sakrament, das geradezu ostentativ dem unmündigen Säugling gespendet wird; denn es wirkt seine Gnade ohne Verstandesakt des Täuflings. Folglich bin ich als mystischer Katholik bestens legitimiert, jedes Verantworten-Sollen von „Glaubensfragen“, von „Glaubensstandpunkten“ ablehnen zu dürfen. Es ist im Katholizismus gänzlich systemkonform, sich auf den Standpunkt zu stellen: Ich habe keine Ahnung, ob die katholische Dogmatik wahr ist, und ich brauche mir nicht einmal die Frage zu stellen, ob ich sie glaube, solange ich die katholische Kirche als ein Instrument des göttlichen Heilswirkens anerkenne und bejahe, wie sie ist. Das hinwiederum ist sehr einfach; denn was wäre nicht von Gott geschaffen, und wie könnte irgendetwas, das von Gott geschaffen ist, nicht Instrument seines Heilswirkens sein? Mehr braucht es nicht.

Es ist völlig in Ordnung, das Glaubensbekenntnis in der Messfeier mitzubeten, weil es eben traditionell zur Messfeier gehört. Es kann sogar eine besondere geistliche Übung sein, diese Worte an ihrem liturgischen Platz auszusprechen und sich dabei ganz bewusst der kritischen Selbst-Infragestellung, ob man „sie glaubt“, zu enthalten: Wenn sie „wahr“ sind, wirkt Gottes Wahrheit ohne meine intellektuellen Bemühungen IN ihnen; sollten sie aber „nicht wahr“ sein – was immer das heißen mag -, wirkt Gottes Wahrheit dennoch DURCH sie – so, wie er durch die ganze Kirche trotz aller ihrer menschlichen Fehler wirkt. Was braucht mich dieser Unterschied also zu bekümmern? Ich habe den Glauben zu „glauben“, weil die Lehre der Kirche vorschreibt, dass „Glaube“, einem biblischen Wort Jesu gemäß, eine christliche Kardinaltugend ist. Aber was „glauben“ eigentlich heißt, brauche ich nicht zu verstehen, nicht zu erörtern, nicht zu ergründen. Niemand weiß es. Die katholische Dogmatik definiert, was „der Glaube“ ist; aber sie definiert nicht, was „das Glauben“ ist – weil sie es nicht kann: weil das unmöglich zu definieren ist, solange der Mensch über seinen sogenannten freien Willen keine endgültige, messerscharfe Klarheit zu erlangen vermag.

Das ist der tiefste Sinne jener Variante der Bitte für die Verstorbenen im Hochgebet, in der die Wendung vorkommt: „deren Glauben niemand so kennt wie du“.

Und darum ist es auch mehr als nur süffisant, einmal in Betracht zu ziehen, dass man das berühmte biblische Wort: „Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Mk 9,24) auch dahingehend verstehen kann, dass Gott darin eigentlich um Abschaffung des Glaubens, um die Gnade des Nicht-mehr-Glauben-Müssens gebeten wird.

Dies ist die Weise des philosophischen Mystikers, Christ und Katholik zu sein. Ich wüsste gar nicht, wie er es anders sein könnte.

Ich schreibe das hier also nicht aus Vergnügen daran, meine fundamentalistischen Opponenten zu ärgern. Mir geht es um nichts Geringeres als um die Möglichkeit des philosophischen Mystikers, auf seine eigene Weise legitim glauben zu können. Dem ekstatischen Mystiker stellt sich diese Frage sicher nicht; aber der philosophische Mystiker braucht die hier durchgeführte Argumentation, um in der Kirche seinen Platz finden zu können.

Der Amtskirche waren die ekstatischen Mystiker – wenig verwunderlicher Weise – immer lieber als die philosophischen: Die feurigen Spanier – Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz – stehen hoch in römischer Gunst; der deutsche mystische Denker Meister Eckhart hingegen entging seiner Verurteilung nur durch den Tod – um dann freilich in der „Imitatio Christi“ des Thomas von Kempen, dem nach der Bibel meistgelesenen Buch des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, anonym umso dynamischer weiterzuleben.

Ohne philosophische Mystiker sähe die Zukunft der Kirche meines Erachtens nach allem menschlichen Ermessen sehr düster aus.

Über Liturgiereform

Vielleicht hat es ja ein hilfreiches eigenes Gewicht, wenn gerade ich das Folgende vertrete als jemand, der sich nicht nur von den notorisch radikalen kirchlichen „Modernisierern“, sondern ebenso klar von den überzogen Traditionalistisch-Konservativen des Glaubens distanziert:

Die Schwelle für „Liturgiereform“ ist in der Tat viel zu niedrig geworden.

Liturgie ist zu allen Zeiten reformiert worden – aber wohl mit mehr Behutsamkeit als nach und seit dem letzten Konzil.

Meine persönliche Meinung zu den liturgischen Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils mag manchem vielleicht etwas „sophisticated“ vorkommen: Ich finde diese Reform einerseits inhaltlich voll zustimmungswürdig, und zwar auch dann, wenn ich mich in einen damals bereits praktizierenden Katholiken so empathisch wie möglich – z.B. unter Zuhilfenahme von Filmdokumenten ebenso beispielhafter wie stimmiger vorkonziliarer Messfeiern – hineinversetze; andererseits glaube ich, dass diese Reform von ihrem Procedere her eine erhebliche Überforderung der Gläubigen ihrer Zeit gewesen ist, die man durch ein sachteres, Empfindsamkeiten, die aus Anhänglichkeit an Althergebrachtes rühren, noch geduldiger berücksichtigendes Vorgehen hätte vermeiden sollen. Es hätte vielleicht genügt, gewisse Veränderungen am alten Ritus zu erlauben und zu begünstigen, anstatt einen veränderten Ritus als grundlegend verbindlich vorzuschreiben. Aber da möchte ich kein historisch-politischer Besserwisser sein.

Einem zumeist von profilierten Konservativen vorgetragenen Argument kann ich jedenfalls nur zustimmen: Die „Gegebenheit“ der Liturgie, und dass es nicht ihre Aufgabe ist, „komfortabel“ zu sein, dient dem Gläubigen als ein wichtiger geistlicher Hinweis darauf, dass für die Zeit des Gottesdienstes Gott allein im Mittelpunkt des Daseins steht – ungewöhnlich genug vor dem Hintergrund der heutigen säkularen Welt – und nicht der Mensch mit irgendwelchen seiner vielen Zwecke, Vorlieben und Bemäkelungen. Aus Sicht einer tiefen Weisheit unterstützt dieser Hinweis echte Kontemplation weitaus wertvoller als jedes Bemühen um das Ausräumen von „Störungen“ im Kirchenraum durch ein Anpassen der Liturgie ans – oft genug ja nur vermeintlich – Zeitgemäße.

Im Unterschied zu den sogenannten oder selbsternannten „Immer“-, „Total“-Konservativen erwarte und erhoffe ich mir von der Kirche durchaus eine Menge Veränderungen und Erneuerungen. Aber die Liturgie, ihr Mittelpunkt, steht dabei für mich höchstens an letzter Stelle auf der Reform-Agenda, keinesfalls an vorderer.

Nun nachzujustieren, indem man vorkonziliare Liturgie wieder zulässt, bessert aus meiner Sicht übrigens gar nichts – im Gegenteil. Und zwar nicht wegen der vorkonziliaren Liturgie selbst – die ist schon in Ordnung, auch wenn ich persönlich sie nicht haben möchte -, sondern weil solches Nachjustieren per se, als Vorgang, den Eindruck tiefer Orientierungslosigkeit in der kirchlichen Formensprache nur noch weiter verstärkt. Das jüngste tridentinische Zugeständnis werte ich als einen zu stark emotionalen Beschluss alter Männer, die sich, erschöpft von einer schwierigen Gegenwart, deren kirchliche Meisterung sie trotz ihres fortgeschrittenen Alters zu verantworten haben, zunehmend sentimental wieder an die rituellen Impressionen ihrer Kindheit zurückerinnern. Das kann ich menschlich zwar gut verstehen; sachlich scheint es mir aber höchst verkehrt: Wenn überhaupt noch etwas zuverlässig gelten soll, dann muss jetzt das Konzil gelten – und ist auch den Ewig-Gestrigen genau dieselbe Spiritualität eines Verzichts auf eucharistische Wunschkonzerte abzuverlangen wie jenen berufsjugendlichen Ritual-Designern, Sonntagsmodeschöpfern und Altar-„MC’s“, die Zelebration mit Celebrity verwechseln.

Mit einem Wort: Das gute, liebe alte Ego ist wieder einmal der eigentliche Feind, mit seiner bewährten Geschicklichkeit im theologischen und sonstigen Tarnen und Täuschen, gegen den wir nach allen Seiten hin vorzugehen haben. Übrigens auch nach der Seite derjenigen, die sich zur Durchsetzung ihrer persönlichen Wünsche der treuherzigen Empörung bedienen: Lasst doch mir armem, von den allgegenwärtigen Zumutungen säkularer Hyperflexibilitätsansprüche von Montag bis Samstag geschundenem Konfessions-Normalo wenigstens diese eine heilige Stunde in der Woche, auf deren tröstliche Kontinuität ich mich verlassen kann! – Keine, ich wiederhole und betone: KEINE Ausrede gilt vor dem Gebot, dass die besagte sonntägliche Stunde eines Christen Gott allein gehört – selbst dann, wenn es dem Höchsten gefiele, genau zu diesem Zeitpunkt sehr unkomfortabel das Kirchendach undicht werden zu lassen.

So unliebsam es jedem Menschen ist, sich das sagen zu lassen – oh ja, mir selber auch -: Nichts anderes ist authentischer Ausdruck wahren, ernsthaften Religiös-Seins.

fröhlich, trotzig, lustig

„Glaube ist eine (…) verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, (…) und solche Zuversicht (…) macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen (…).“ (Martin Luther, Vorrede zum Römerbrief)

Also auch fröhlich, trotzig und lustig gegen Bischöfe, Theologen, Apologeten und alle frommen Besserwisser.

Luther war wirklich ein exzellenter Katholik.

Brandrede gegen Kirchenpolitiker

In den letzten Tagen habe ich etwas systematischer andere Blogs studiert, die sich als „katholisch“ bezeichnen.

Dabei ist mir klarer denn je geworden: Jede Kontroverse zwischen Selbst- und Fremd-Verortungen als „konservativ“ oder „traditionalistisch“ einerseits und als „innovativ“, „zeitgemäß“ oder was auch immer andererseits läuft absolut ins Sinnleere, wenn der inneren Haltung jenes Element fehlt, das ich nur als „echte Mystik“ oder als „profund kontemplativ“ bezeichnen kann; aber unter der Voraussetzung dieses Elements löst sich umgekehrt die ganze Kontroverse sofort in pure Nichtexistenz auf.

Jegliche Äußerungen, die in irgendeiner Weise an dieser Art von geistig inzestuösem innerkirchlichem Positionen-Hickhack teilnehmen, sind mehr als überflüssig, sie sind bleiern ermüdend und tief enttäuschend: Sie kommen auf der einen wie auf der anderen Seite von „Katholiken“, die in Wahrheit nichts begriffen haben.

Damit beanspruche ich keineswegs, unendlich viel mehr begriffen zu haben, sondern nur eine einzige, große Kleinigkeit: So geht’s nicht – das führt zu überhaupt nichts, das ist nur eine niederschmetternde Verschwendung unserer gottgegebenen Lebenszeit. Es ist genau jener geistig umweltverpestende, diabolische Ersatzmotor, der die Kirche dazu antreibt, sich als ebenso gut geschmierte wie fingerverbrennungsgefährlich glühend betriebserhitzte Sozialmaschine pseudo-dynamisch um sich selbst zu drehen. Dieser Ersatzmotor bewegt eine Kirche, die nach menschlichem Ermessen weder Jesus noch Christus wirklich ein nützliches Werkzeug seines Heilswirkens sein kann.

Menschliches Ermessen ist zwar zweifellos sehr relativ; aber Gott hat es uns dennoch gegeben, damit wir es von handfest über wacker bis kühn anwenden – und dabei zu dem unvermeidlichen Ergebnis kommen. Eine Kirche der selbstzufriedenen, nach außen sinnentleerten Binnen-Dispute wartet zwar gewiss immer noch als Kirche der Sünder theologisch perfekt gerechtfertigt auf Vergebung und Erlösung, und auch das tüchtigste irdische Werkzeug Gottes wird von dieser Haltungs-Notwendigkeit nie ausgenommen; aber man kann sich unmöglich ernsthaft selber betrügen darüber, dass wir den uns möglichen geistlichen Selbstanspruch erschreckend und beschämend unterfordern, wenn wir nicht einsehen, dass eine an externen Maßstäben gemessene Fruchtbarkeit unseres Glaubens ein weitaus schwerer wiegendes Argument für ihn ist als der klügste rein interne theologisch-hochtrabende Debattenbeitrag.

Erfreulicherweise kann man sagen: Wie immer man den gegenwärtigen Papst insgesamt einschätzen mag, man kann kaum bezweifeln, dass ihm diese Gewissheit mit leuchtender und leitender Klarheit vor Augen steht.

Vita registrativa

Das Interessanteste am Studium meiner eigenen Lebensgeschichte ist für mich die Erkenntnis: Dieser Mensch existiert nicht mehr. Seine Geschichte zu rekapitulieren, ist ein Mittel zu seiner Wiederbelebung, die wiederum nur dazu dient, ihn so oft sterben zu lassen, wie es nötig ist, damit er fähig wird, in der Gegenwart aufs äußerste und wahrhafteste lebendig zu sein.