Schlagen

Unser Problem-Papst – was er ganz objektiv ist, weil über jedes seiner Worte irgendjemand sich ausgesprochen freut und irgendjemand gar nicht – hat mich heute mal wieder – was er sonst eher selten tut – in die Ecke der nicht Jubelnden gedrängt, indem er sich nachsichtig geäußert hat gegenüber dem pädagogischen Schlagen von Kindern.

Gerade auch solche Fragen differenziert zu betrachten, bei denen fast jeder um mich herum dazu neigt, sich auf eindimensionale Positionen zurückzuziehen, ist meine Spezialität, ja, meine Leidenschaft. Das will ich auch hier wieder tun. Trotzdem gebe ich zu, dass ich diesmal keine besondere Lust habe, Franziskus‘ Äußerungen zu rechtfertigen. Was ist also sine ira et studio dazu zu sagen?

Auf die genaue Wortwahl des Papstes analytisch einzugehen, ist nicht notwendig. Natürlich hat er keine „Gewaltverherrlichung“ betrieben. Die Sache ist von daher klar genug.

Im globalen Vergleich ist die nationale Kultur und Rechtsordnung, in der ich mich bewege, mit ihrer konsequenten Ablehnung jeglichen Schlagens von Kindern noch in einer kleinen Minderheit. Insbesondere in der südamerikanischen Heimat des Papstes genießt die neue deutsche Pädagogik keine Akzeptanz. Die USA sind – wie in allen kulturellen Fragen – tief gespalten. Und sogar etwa die Hälfte der EU-Staaten verbietet das Schlagen nur in der Schule, nicht im Elternhaus (vgl. etwa den Wikipedia-Artikel „Körperstrafe“).

Die Kirche hat die Prügelstrafe nie offiziell problematisiert, da sie sich ohnehin des Primats der Liebe in ihrer Pädagogik immer gewiss war – zu gewiss. Mit dem Aphorismus „Wer sein Kind liebt, der züchtigt es“ war die Sache für die Theologen lange Zeit erledigt.

Kann man es da dem „Welt-Pfarrer“ Franziskus, Jahrgang 1936, kinderloser Kleriker, verdenken, dass er einer weltweiten Mehrheitsmeinung folgt?

Hm, glücklich bin ich damit nicht. Denn ihre jüngsten Mega-Skandale im Umgang mit Kindern und Jugendlichen würden es höchst an der Zeit erscheinen lassen, dass die Kirche einen wirklich radikalen Wandel in ihren pädagogischen Konzepten einleitet, der alle Gesichtspunkte der Erziehung und des Kinderschutzes gleichermaßen umfasst. Franziskus‘ jüngste Worte sind so gesehen eine verschenkte Chance. Er hat mit anderen Aussagen schon mehr gewagt, als er mit der allgemeinen Aufforderung gewagt hätte, Kinder im Rahmen der Erziehung überhaupt nicht mehr zu schlagen. Schade.

Ist denn aber nun das Schlagen von Kindern pädagogisch überhaupt objektiv erforderlich? Die Frage ist, so gestellt, nicht wirklich seriös beantwortbar. Ohne Zweifel ist der körperliche Schlag eine ganz ursprüngliche, archaische Erziehungsmaßnahme. Er ist diejenige erzieherische Strafform mit dem potenziell kürzesten Weg zwischen einem Fehlverhalten und dessen unmissverständlicher Aufzeigung und Verdeutlichung. Und da in jedem einzelnen von uns „die Ontogenese die Phylogenese rekapituliert“ („biogenetische Grundregel“, Ernst Haeckel, 1866), also die Entwicklung des Individuums die des biologischen Stammes „im Zeitraffer“ wiederholt und zusammenfasst, durchläuft prinzipiell jede Menschwerdung auch ein Stadium, in dem sie entscheidend durch das Prinzip „Lohn und Strafe“ gesteuert und motiviert wird.

Genau diese Feststellung wirft aber zwei kritische Fragen auf: nämlich erstens, wie ausgedehnt diese Phase wirklich unvermeidlich ist und was man tun kann, damit ein Heranwachsender sie möglichst rasch hinter sich lässt und zu anderen, höheren Motivationsmodellen vordringt, bzw. ob „Prügelpädagogik“ wirklich geeignet ist, das „Lohn-und-Strafe“-Paradigma nicht über seine natürlich notwendige Dauer hinaus auszudehnen und im werdenden Charakter zu verfestigen; und zweitens, wie breit dabei das Spektrum an individuellen Unterschieden zwischen den kindlichen Persönlichkeiten und den Verläufen ihres Reifungsprozesses zu sein vermag, so dass im einen Fall eine „Watschn“ (einmal bewusst bayerisch-gemütlich ausgedrückt, um die kategorische Nicht-„Boshaftigkeit“ solchen Schlagens postulativ hervorzuheben) pädagogisch „hilfreich“ sein mag, während sie sich in einem anderen Fall schädlich, ja verheerend auf die seelische Konstitution auswirkt? Wer immer „Patentrezepte“ zur Beantwortung dieser Fragen zu haben meint, betrügt sich selbst.

Klar ist, dass „körperliche Züchtigung“ im familiären Rahmen vielfach in Situationen geschieht, die kein Gesetz effektiv unter Kontrolle hat. Ein Gesetz kann Prügel sicherlich aus den Schulen verbannen, und es kann vielleicht auch dem Privatbereich weitgehend wirksam verbieten, derartige Bestrafungen bei bestimmten kindlichen Verhaltensweisen „aus Prinzip“ präventiv anzudrohen. Aber dass es in einer dynamischen häuslichen Situation in „Einzelfällen“ – was nichts über die Häufigkeit dieser „Einzelfälle“ sagt, nur über ihre Nicht-Kategorisierbarkeit – zu Schlägen kommt, ist ein Sachverhalt, der sich dem Gesetzgeber zweifellos immer entziehen wird.

Also ist es doch vielleicht gar nicht unklug, als religiöse Lehrinstanz zu diesem Thema nicht mit dem Recht zu argumentieren, sondern so, wie Papst Franziskus es getan hat, auf persönliche Moral, Würde und Bewusstheit abzielend, mehr als auf Ge- und Verbote?

Mag sein. Andererseits kann das Recht sich unter diesen Umständen sinnvoll nur dafür entscheiden, das Verbot trotz dessen weitgehender praktischer Unwirksamkeit auszusprechen, um ein deutliches gesellschaftliches Zeichen zu setzen. Und es ist nicht gut, wenn eine religiöse Lehrinstanz diese Strategie des Rechtes mit ihren Äußerungen „aufweicht“.

Helle Empörung über den Papst scheint mir in dieser Sache also nicht angebracht. Zufriedenheit freilich auch nicht.

Aktuelle Umfrage zur Familiensynode

Im folgenden möchte ich meine persönliche Beantwortung des aktuellen Fragebogens der Deutschen Bischofskonferenz zwecks Vorbereitung der zweiten Sitzungsperiode der römischen „Familien“-Synode im kommenden Herbst öffentlich zur Verfügung stellen. Vielleicht regt mein bescheidenes Beispiel ja noch die eine oder andere weitere Beteiligung an – wenigstens in Form der Kurzversion dieses Fragebogens, die nicht ganz so viel Aufwand erfordert. Das Erzbistum Köln bietet derzeit den besten Online-Zugang zu dieser Umfrage in beiden Fassungen. Teilnehmer aus anderen Diözesen geben dort an, woher sie kommen. Die Teilnahme ist noch bis zum 13. März möglich. Mach mit, es ist wichtig!

1. Welche Initiativen gibt es im Hinblick auf die Herausforderungen, vor welche die kulturellen Widersprüche die Familie stellt (vgl. Nr. 67), welche sind diesbezüglich geplant? Dabei geht es um Programme, welche die Gegenwart Gottes im Leben der Familien wieder ins Bewusstsein rücken wollen; solche, die auf feste interpersonale Beziehung hin erziehen und diese stabilisieren wollen; solche die beabsichtigen, sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen zum Nutzen der Familie zu fördern; solche, die die Schwierigkeiten erleichtern, die mit der Betreuung von Kindern, Alten und kranken Familienmitgliedern verbunden sind; solche, die geeignet sind, sich mit dem besonderen kulturellen Kontext auseinanderzusetzen, in dem die jeweilige Ortskirche lebt.

Es gibt eine lebendige, vielfältige „Szene“, die heute meist „alternativ“ genannt wird, in der Menschen „andere“ Lebensformen erproben, UM freier zu werden für jenen Bereich des Lebens, in dem sich die Religion entfalten kann – was eben NICHT primär der Bereich der beruflichen Arbeit sein kann (oft selbst dann nicht, wenn man „in der Kirche arbeitet“!) Warum ist die Kirche in diesen Experimenten nicht präsenter? Sie überlässt die besagte „Szene“ den Esoterikern, die sich dort ausbreiten. Das ist auch geradezu ein Missions-Versagen.

2. Welche analytischen Instrumente werden genutzt, und welches sind diesbezüglich die wichtigsten Ergebnisse in Bezug auf die (positiven und negativen) Aspekte des anthropologisch-kulturellen Wandels? (vgl. Nr. 5) Lassen die Ergebnisse die Möglichkeit erkennen, im kulturellen Pluralismus gemeinsame Elemente zu finden?

JA! Nichts ist so „postmodern“ und „poststrukturalistisch“ wie das christliche Kernkonzept der „Gnade“! Wir haben DAS Instrument, mit einer heterogenen, unübersichtlichen Lebenswelt umzugehen. Warum schafft es die Kirche nicht, das zu kommunizieren? Aber auch die verschwurbelte Sprache dieses hier vorliegenden Fragebogens zeigt ja leider schon wieder, wo ein großer Teil des Problems steckt…

3. Welche Mittel werden neben der Verkündigung und der Anklage gewählt, um als Kirche den Familien in Extremsituationen nahe zu sein? (vgl. Nr. 8). Welche erzieherischen Maßnahmen gibt es, um ihnen vorzubeugen? Was kann getan werden, um die gläubigen Familien zu unterstützen und zu stärken, die treu zum Ehebund stehen?

Simpler geht’s nicht: Wir brauchen mehr seelsorgliches Personal! Solange der Priester der Goldstandard und das Nonplusultra von allem ist, was wir unter Seelsorge verstehen, werden wir nie mehr genug davon haben. Wir brauchen in der Seelsorge nicht nur mehr Nicht-Priester, sondern auch mehr Nicht-Berufsmäßige. Wir brauchen einen völlig neuen Seelsorger-Begriff. Den erreichen wir aber gerade NICHT dadurch, dass wir immer nur am Konzept des Priesters herumwerkeln. „Das Kaninchen, das immer nur auf die Schlange starrt, wird sich dadurch nicht von der Schlange frei machen.“ Neue Ideen müssen in den katholischen Köpfen wachsen.

4. Wie reagiert die Pastoral der Kirche auf den in der säkularisierten Gesellschaft verbreiteten kulturellen Relativismus und die daraus bei vielen folgende Zurückweisung des Familienmodells, der durch das Eheband verbundenen Familie aus Mann und Frau, die für die Zeugung offen ist?

Das hauptsächliche Problem an den Reaktionen der Kirche ist m.E. die allgemein „defensive“ Grundnote. Repräsentanten der Amtskirche, die „offensiv“ auftreten und der derzeitigen „Leitkultur“ sehr deutlich und begründet die katholische Meinung sagen, vertreten zwar für meinen Geschmack leider allzu oft inhaltlich traditionalistisch-fundamentalistische Positionen, die ich so nicht unterschreibe. Aber ihr Mut zur Konfrontation mit jener Mehrheitsgesellschaft, die die Kirche inzwischen NICHT mehr abbildet, zu einer Konfrontation, die gegenwärtig absolut notwendig ist, ist richtig. Mit netter, unbestimmter Gesellschaftsdiplomatie kann die Kirche in der jetzigen Krise – die noch mehr eine Krise der GANZEN Gesellschaft als der Kirche ist! – nichts mehr erreichen, was ihrem Auftrag entspricht. Jetzt heißt es „schonungslos Farbe bekennen“. DAS überzeugt.

5. Auf welche Weise und durch welche Aktivitäten werden die christlichen Familien einbezogen, wenn es darum geht, den neuen Generationen den Fortschritt der affektiven Reife zu bezeugen? (vgl. Nr. 9-10). Was könnte bei der Ausbildung der geweihten Amtsträger im Hinblick auf diese Themen hilfreich sein? Welche Arten entsprechend qualifizierter pastoraler Mitarbeiter werden als besonders dringlich empfunden?

„Was könnte bei der Ausbildung der geweihten Amtsträger hilfreich sein, wenn es darum geht, den neuen Generationen den Fortschritt der affektiven Reife zu bezeugen?“ Hm, mal mühsam überlegen: Vielleicht, dass auch sie Ehe und Familie haben dürfen?!?!?! – Bitteren Spaß beiseite: Solange der Zölibat von einer theologischen Mainstream-Meinung, die glaubt, sie könne sich nie ändern, als prinzipiell indispensabel für den Priester angesehen wird, wird dieser auch auf letzte Glaubwürdigkeit seiner Familienseelsorge schlicht verzichten müssen, sobald er anfängt, sich in das „Gefühlsleben“ einer Familie einzumischen. Isso. Damit kann man zur Not auch leben, wir tun es seit etlichen Jahrhunderten. Aber diese Frage zielt auf eine Priester-Optimierung, die einfach an der Realität vorbei ist, solange der Zölibat nicht zur Debatte steht. Man kann nicht beides haben, Zölibat und „Familien-Priester“, da wird man sich schon entscheiden müssen.

6. Inwieweit und durch welche Maßnahmen richtet sich die ordentliche Familienpastoral an die Fernstehenden? (vgl. Nr. 11). Welche Vorgehensweisen werden gewählt, um das „Verlangen nach Familie“ hervorzurufen und wertzuschätzen, das vom Schöpfer in das Herz jedes Menschen gesät wurde und besonders bei den Jugendlichen vorhanden ist, auch bei denen, die in einer Familiensituation leben, welche nicht der christlichen Sicht entspricht? Welche Früchte sind bei den Initiativen, die sich an sie richten, feststellbar? Wie hoch ist die Zahl der natürlichen Ehen unter den Nichtgetauften, auch im Hinblick auf den Wunsch der Jugendlichen nach einer Familie?

Der Kernpunkt ist der: Der verbreitete Vorbehalt gegen das Kinder-Bekommen gründet sich einerseits in kulturell bedingter Egozentrik, andererseits in Zukunftsangst. Wenn die Kirche Ehe und Familie als Werte stärken will, muss sie theologisch brachial die Konsumgesellschaft angreifen und in ihrer Sinnlosigkeit demaskieren und andererseits ein radikales Vertrauen auf die göttliche Gnade lehren, indem sie es vorlebt, denn nichts anderes kann uns auf eine ehrliche Weise die Angst vor der Zukunft nehmen, die oft düster auszusehen scheint. Nach „schlaueren“, „bequemeren“, konzilianteren und „verkäuflicheren“ Antworten zu suchen, ist absolut vergeblich.

7. Der auf Christus gerichtete Blick eröffnet neue Möglichkeiten. «Denn jedes Mal, wenn wir zur Quelle der christlichen Erfahrung zurückkehren, dann öffnen sich neue Wege und ungeahnte Möglichkeiten» (Nr. 12). Wie wird die Unterweisung in der Heiligen Schrift im Hinblick auf die Familienpastoral genutzt? Inwieweit nährt ein solcher Blick eine mutige und treue Familienpastoral?

Hierfür kann nur gelten, was generell für unsere gesamte gegenwärtige Kultur der Auseinandersetzung mit der Bibel gilt: Sie muss wieder interessant gemacht werden, indem sie furchtlos eine historisch-kritische Perspektive einbezieht. Das ist die Hürde, vor der ein Bezug zur Heiligen Schrift heute steht. Insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung der Vorstellungen von Ehe und Familie wird dieser historisch-kritische Blick von vielen als heikel empfunden, weil er keineswegs zeigt „es war alles immer schon so“. Wenn der Kirche aber der historisch-kritische Mut fehlt, verliert sie heute ein für allemal die tiefere Beziehung zu ihren Texten.

8. Welche Werte der Ehe und der Familie betrachten die Jugendlichen und die Eheleute als in ihrem Leben umgesetzt? Und in welcher Form? Gibt es Werte, die ans Licht gebracht werden können? (vgl. Nr. 13) Welche sind die Dimensionen der Sünde, die zu vermeiden und zu überwinden sind?

Die Frage ist zu pauschal. Hier gibt es auch innerhalb des katholischen Milieus jede erdenkliche Variante. Das Wichtigste ist, von der irrigen Vorstellung wegzukommen – so schön sie sein mag – wenigstens INNERHALB der Kirche bestünde diese katholische Homogenität noch. Pustekuchen. Wichtig ist, dass einzelne Katholiken und Katholikengruppen heute relativ vielfältige individuelle Exempel attraktiv vorleben, bei denen die gemischtgeschlechtliche Zweier-Partnerschaft allerdings immer eingebettet sein muss in einen Gesamt-Lebensentwurf, der noch viele andere Daseinsaspekte mit umfasst. Die Ehe und Familie von 1950 geht nicht mehr. Aber von dieser Aussage ist eben nie nur die Ehe und Familie „für sich allein genommen“ betroffen, sondern immer die ganze Lebenssituation und Lebensumwelt, in der sie stattfindet. Es gibt nicht mehr „das Katholische“, sondern „die vielleicht zehn oder zwanzig eher katholischen Optionen“ und „die hunderttausend weniger katholischen Optionen“. Das schließt auch Möglichkeiten von aufrichtigen Lebensformen für homosexuelle Menschen ein. Hier ist ein grundlegender Perspektivenwechsel fällig.

9. Welche humane Pädagogik sollte – in Übereinstimmung mit der göttlichen Pädagogik – angewandt werden, um besser zu verstehen, was von der Pastoral der Kirche im Hinblick auf das Wachstum im Leben der Paare hin auf eine zukünftige Ehe gefordert wird? (vgl. Nr. 13).

Ganz einfach: Priester und Bischöfe sollten viel mehr Mut und Fähigkeit haben, als MENSCHEN persönlich und erfahrungsbezogen bzw. aus ihrer bewusst subjektiven und beschränkten Perspektive (und daher glaubwürdig) darüber zu sprechen, anstatt als unfehlbare Vertreter eines „jahrtausendealten absoluten Wahrheits-Holzhammers“ aufzutreten. In diesem Problem äußert sich das stärkste Residuum von Klerikalismus, unter dem wir noch laborieren.

10. Was ist zu tun, um die Größe und Schönheit der Gabe der Unauflöslichkeit aufzuzeigen, damit das Verlangen hervorgerufen wird, sie zu leben und sie immer mehr aufzubauen? (vgl. Nr. 14)

Es muss viel weniger über die kirchenrechtliche und viel mehr über die tief mystische Seite dieser Unauflöslichkeit gesprochen werden! Ich kenne einige geschiedene Nicht-Katholiken, die sagen: Zwar bin ich mit meiner jetzigen Lebenssituation zufrieden; aber wenn ich mir eingestehe, wie mir meine verflossene Ehe innerlich nachgeht und mich geprägt hat, dann spüre ich, dass an der Unauflöslichkeit was dran ist. Sie ist in Wahrheit viel mehr eine spirituelle Ist-Beschreibung als eine moralische Soll-Norm. DAS muss kommuniziert werden!

11. Auf welche Weise könnte man verstehen helfen, dass die Beziehung zu Gott es gestattet, die Schwächen zu überwinden, die auch in die ehelichen Beziehungen eingeschrieben sind? (vgl. Nr. 14). Wie kann bezeugt werden, dass der Segen Gottes jede wirkliche Ehe begleitet? Wie zeigt man auf, dass die Gnade des Sakramentes die Brautleute auf ihrem ganzen Lebensweg unterstützt?

Der Fehler dieser Fragestellung ist zum wiederholten Mal der Fokus auf die Ehe, als stünde diese für sich allein. Das kann sie nicht. Wenn sie nicht in eine gesamte katholische Lebenskultur eingebettet ist, die alle Lebensbereiche der Partner berührt, hat sie keine Chance. Der entscheidende Punkt ist, aufzuzeigen, wie vielfältig diese katholische Lebenskultur heute sein kann.

12. Wie kann man verständlich machen, dass die christliche Ehe der ursprünglichen Absicht Gottes entspricht und auf diese Weise eine Erfahrung der Fülle und eben keine Erfahrung der Grenze ist? (vgl. Nr. 13)

Siehe Antwort zu (11.).

13. Wie kann die Familie als die „Hauskirche“ (vgl. LG 11) gedacht werden, die Subjekt und Objekt der evangelisierenden Tätigkeit im Dienst des Reiches Gottes ist?

Zunächst mal: „Subjekt und Objekt der evangelisierenden Tätigkeit“ – liebe Kirche, kannst Du Dir nicht mal eine andere Sprache angewöhnen?!?! Das versteht doch niemand! – Nun inhaltlich: Ich halte es für einen grundlegenden Irrtum, zu meinen, „Hauskirche“ könnte unter postmodernen Verhältnissen ein zentraler Faktor des kirchlichen Geschehens sein. „Hauskirche“ kann „Gemeindekirche“ heute nicht ERRICHTEN helfen, sondern BRAUCHT sie. Der Katholik der Gegenwart bedarf mehr denn je der Pfarrgemeinde. Auf das Konzept „Hauskirche“ zu rekurrieren, weil es mit der „Gemeinde“ derzeit nicht mehr so klappt, ist ein gänzlich ungangbarer Weg. Alle kirchlichen Kräfte müssen sich vielmehr darauf konzentrieren, die Gemeinden wieder zu stärken.

14. Wie kann das Bewusstsein der missionarischen Verpflichtung der Familie gefördert werden?

Siehe alle vorigen Antworten zu diesem Abschnitt.

15. Die christliche Familie lebt unter dem liebenden Blick des Herrn und wächst in der Beziehung zu Ihm als echte Gemeinschaft des Lebens und der Liebe. Wie kann die Spiritualität der Familie entwickelt und wie kann den Familien geholfen werden, ein Ort des neuen Lebens in Christus zu sein? (vgl. Nr. 21)

Familien sind – unabhängig davon, wie sehr sie auf Gott vertrauen – ständig damit beschäftigt, sehr konkrete praktische Probleme zu lösen. Bei diesen Problemen und deren Lösungen muss ihnen die Kirche nach Maßgabe der Probleme helfen, nicht nach Maßgabe klerikaler Konzepte von spiritueller Bildung. Damit ist fast alles gesagt.

16. Wie können katechetische Initiativen entwickelt und gefördert werden, welche die Lehre der Kirche über die Familie bekannt machen und dabei helfen, sie zu leben, um die Überwindung der möglichen Distanz zwischen dem, was gelebt, und dem, was bekannt wird, zu fördern und Wege der Umkehr zu begünstigen?

Wir brauchen alle unsere „katechetischen Initiativen“, um den Menschen überhaupt erst mal hinreichend klar zu machen, was JESUS eigentlich gesagt hat. Da sind auch ein paar wenige Dinge über Ehe und Familie dabei. Das reicht erst mal. Die „Lehre der Kirche“ ist erst mal was für die Ausbildung der theologischen Multiplikatoren, die später Familien im Sinne von (15.) seelsorgerisch zu begleiten haben.

17. Was wird unternommen, um den Wert der unauflöslichen und fruchtbaren Ehe als Weg der vollen persönlichen Verwirklichung verstehen zu können? (vgl. Nr. 21)

Siehe Antwort zu (10.).

18. Wie kann die Familie als ein in vielfacher Hinsicht einzigartiger Ort zur Verwirklichung der Freude am Menschsein dargestellt werden?

Die Frage ist Nonsens.

19. Das II. Vatikanische Konzil hat die Wertschätzung für die natürliche Ehe zum Ausdruck gebracht und damit eine alte kirchliche Tradition erneuert. Inwieweit gelingt es der Pastoral in den Diözesen, auch diese Weisheit der Völker wertzuschätzen, die auch für die gemeinsame Kultur und Gesellschaft grundlegend ist? (vgl. Nr. 22)

Woher soll der normale Fragebogen-Beantworter das wissen? Das ist sicherlich einerseits sehr vom Kulturraum, andererseits vom Auftreten und Agieren einzelner Bischöfe und Priester abhängig. Missionarische Klugheit verlangt dieses Entgegenkommen jedenfalls kategorisch.

20. Wie kann man dabei helfen zu verstehen, dass niemand von der Barmherzigkeit Gottes ausgeschlossen ist, und wie kann diese Wahrheit in der pastoralen Tätigkeit der Kirche im Hinblick auf die Familien, besonders den verletzten und schwachen gegenüber, ausgedrückt werden? (vgl. Nr. 28)

Sicherlich nicht durch Ausschluss vom Kommunionempfang!

21. Wie können die Gläubigen gegenüber denen, die noch nicht zum vollkommenen Verständnis des Geschenks der Liebe Christi gelangt sind, eine Haltung der Annahme und der vertrauensvollen Begleitung zeigen, ohne jemals auf die Verkündigung der Erfordernisse des Evangeliums zu verzichten? (vgl. Nr. 24)

Es muss unter Katholiken die Gnade stets ein wichtigeres Thema sein als das Kirchenrecht. Auch katholische Jugendliche lehnen in der Pubertät viele kirchliche Direktiven ab, die sie später als sinnvoll erkennen (die Art, wie die Direktive präsentiert wird, ist eine andere Frage). Machen wir uns deswegen Sorgen um ihre Entwicklung? Ja, aber nur begrenzt. Sie sind halt Jugendliche. Der springende Punkt ist: In der Dimension der Gnade sind wir ein Leben lang in der „Pubertät“ – unsere Fähigkeit, sie zu begreifen, wächst bis zuletzt ungebrochen hochdynamisch weiter. Darauf müssen wir gelassen vertrauen – zum Beispiel im Blick auf diejenigen, deren Standpunkte wir noch nicht als „katholisch genug“ einschätzen.

22. Was kann im Fall der verschiedenen Formen von Verbindungen – in denen verschiedene menschliche Werte festgestellt werden können – getan werden, damit die Männer und Frauen von Seiten der Kirche den Respekt, das Zutrauen und die Ermutigung, im Guten zu wachsen, spüren, und wie kann ihnen geholfen werden, zur Fülle der christlichen Ehe zu gelangen? (vgl. Nr. 25)

Siehe Antwort zu (21.).

23. Angesichts der Notwendigkeit von Familie und der gleichzeitig vorhandenen vielfältigen und komplexen Herausforderungen, die es in unserer Welt gibt, hat die Synode die Bedeutung eines erneuerten Einsatzes für eine klare und signifikante Verkündigung des Evangeliums der Familie unterstrichen. Wie wird die Dimension der Familie in der Ausbildung der Priester und der anderen in der Pastoral Tätigen behandelt? Werden dabei die Familien selbst einbezogen?

Es gibt kein „Evangelium der Familie“! Es gibt nur EIN Evangelium, das alle Aspekte des Lebens umfasst!

24. Ist man sich dessen bewusst, dass die schnelle Entwicklung unserer Gesellschaft eine beständige Aufmerksamkeit im Hinblick auf die Sprache der pastoralen Kommunikation erfordert? Wie kann man wirksam den Vorrang der Gnade bezeugen, damit das Leben der Familie als Annahme des Heiligen Geistes geplant und gelebt werden kann?

Ha ha! Wenn man diesen Fragebogen liest, kann man nur sagen: An der Sprache fehlt noch viel. Weshalb? Ich vermute: Zum authentischen Leben mit der Gnade gehört vor allem auch der Mut, in dem, was man tut und sagt, unvollkommen zu sein. Papst Franziskus lebt das vor. Aber die althergebrachte kirchliche Kommunikation ist immer noch in einem Unfehlbarkeitszwang gefangen, der ihre hundertfach abgesicherten Formulierungen nicht nur unverständlich, sondern regelrecht unerträglich macht.

25. Wie kann man bei der Verkündigung des Evangeliums der Familie die Bedingungen schaffen, damit jede Familie so sei, wie Gott sie gewollt hat, und in ihrer Würde und Sendung gesellschaftlich anerkannt wird? Welche „pastorale Bekehrung“ und welche weitergehenden Vertiefungen werden in dieser Richtung unternommen?

Ich verstehe die verworrene Fragestellung nicht ganz – aber gleich nach der „Gnade“ wieder eifrig von „Bedingungen schaffen“ und „Vertiefungen unternehmen“ oder gar „pastoraler Bekehrung“ zu sprechen, ist ein bizarrer Selbstwiderspruch, der verrät, dass die Fragestellung selbst den Geist der Gnade nicht aufgenommen hat. Wie will man ihn dann ausstrahlen?

26. Wird die Zusammenarbeit mit den sozialen und politischen Institutionen im Dienst der Familie in ihrer vollen Bedeutsamkeit erkannt? Wie wird sie tatsächlich umgesetzt? Von welchen Kriterien soll man sich leiten lassen? Welche Rolle können dabei die Familienvereinigungen spielen? Wie kann diese Zusammenarbeit auch von der offenen Anklage der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Prozesse, welche die Realität der Familie bedrohen, getragen werden?

Wohltuendes Gegenbeispiel zur vorangehenden Frage: Wenn eine Frage so transparent ist, enthält sie selbst schon ihre Antwort. Es gibt für die Kirche keine redliche Möglichkeit des Ausweichens vor „der offenen Anklage der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Prozesse, welche die Realität der Familie bedrohen“. Sich in konsequenten Einklang mit dieser unbequemen Notwendigkeit zu stellen, darin liegt die Kraft der Kirche und ihrer Verkündigung.

27. Wie kann man die Beziehung zwischen Familie, Gesellschaft und Politik zum Wohl der Familie begünstigen? Wie kann die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und der Staaten für die Familie gefördert werden?

Das ist nicht Aufgabe der Kirche! Finger weg! Die Kirche muss ihre EIGENE Rolle erfüllen, nicht die „irgendeiner NGO“. Wenn diese Unterscheidungen verschwimmen, ist damit nichts und niemandem gedient.

28. Wie können die Wege der Ehevorbereitung so gestaltet werden, dass sie die Berufung und Sendung der Familie entsprechend dem Glauben an Christus hervorheben? Werden sie als Angebot einer echt kirchlichen Erfahrung umgesetzt? Wie können sie erneuert und verbessert werden?

Die Kirche muss darauf insistieren, dass das Sakrament der Ehe einer gründlichen katechetischen Vorbereitung bedarf – bereit zur vollen Konfrontation und Auseinandersetzung mit all denen, die das zu mühevoll finden und die nur „einen hübschen Ritus“ wollen. Wenn diese Auseinandersetzung ein Priester leisten muss, fehlt dazu das Personal.

29. Wie stellt die Katechese im Zusammenhang mit der christlichen Initiation die Offenheit für die Berufung und Sendung der Familie dar? Welche Schritte werden als besonders dringlich erachtet? Wie kann der Zusammenhang zwischen Taufe, Eucharistie und Ehe dargestellt werden? In welcher Weise kann der katechumenale und mystagogische Charakter hervorgehoben werden, den die Wege der Ehevorbereitung oft haben müssen? Wie kann die Gemeinschaft in diese Vorbereitung einbezogen werden?

Die Frage ist sehr schwer verständlich und überdies strukturell unbeantwortbar! Zusätzlich kann man sagen: Sie versucht mystische Erkenntnisprozesse zu formalisieren – das ist das Unmöglichste überhaupt. Am sinnvollsten ist noch jener Teil der Frage, der nach der Einbeziehung der Gemeinde in die Ehevorbereitung fragt. Ganz einfach: Gründliche Ehevorbereitungen sollten wie Firmunterricht von Arbeitsgruppen kompetenter, engagierter Laien aus der Gemeinde übernommen werden. DAS wäre mal eine Anordnung, die kirchenamtlich durchzusetzen und zu sanktionieren sich wirklich lohnen würde!

30. Wird bei der Vorbereitung und bei der Begleitung der ersten Jahre des Ehelebens der wichtige Beitrag, den das Zeugnis und die Unterstützung von Seiten der Familien, Familienvereinigungen und Bewegungen leisten können, entsprechend wertgeschätzt? Welche positiven Erfahrungen können in diesem Bereich weitergegeben werden?

Das kann man den Fragebogen-Ausfüller nur in seiner Rolle als Ehepartner im Hinblick auf seine ganz persönlichen Erfahrungen fragen. Ich selber kann in diesem Sinne dazu nur sagen, dass der Kontakt mit der Gemeinde, die man sonntags in der Kirche trifft, ein relevanter Faktor ist.

31. Die Pastoral der Begleitung der Paare in den ersten Jahren des Familienlebens – so wurde in der Synodendebatte festgestellt – bedarf einer weiteren Entwicklung. Welches sind diesbezüglich die bedeutendsten Initiativen, die bereits durchgeführt wurden? Welche Aspekte sollten auf der Ebene der Pfarreien, der Diözesen oder im Bereich der Vereinigungen und Bewegungen verstärkt werden?

Jede Gemeinde sollte sich eng vernetzen mit konkreten, präzisen, praktischen Angeboten der Kinderpflegeberatung und Erziehungshilfe und der Bewältigung von Konflikten zwischen den Ehepartnern, die aus der Situation des Lebens mit Kleinkind entstehen. Diese Angebote sollten nicht bemüht „religiös“ sein wollen, sondern offen für die faktischen Bedürfnisse der jungen Familien. Gerade DADURCH erscheint kirchliches Handeln am überzeugendsten.

32. Welche Kriterien für eine rechte pastorale Unterscheidung der einzelnen Situationen können im Licht der Lehre der Kirche, für welche die Wesenseigenschaften der Ehe Einheit, Unauflöslichkeit und Offenheit für das Leben sind, angedacht werden?

Das entscheidende Kriterium ist die Ausbildung der Seelsorger! Dazu ließe sich viel sagen, was hier aber den Raum sprengt.

33. Ist die christliche Gemeinschaft in der Lage, pastoral in diese Situationen einbezogen zu werden? Wie ist sie dabei behilflich, diese positiven Elemente von jenen negativen im Leben von Menschen zu unterscheiden, die in ziviler Ehe verbunden sind, und sie auf dem Weg des Wachstums und der Bekehrung hin zum Sakrament der Ehe zu orientieren und zu unterstützen? Wie kann denjenigen, die nur zusammenleben, geholfen werden, sich für die Ehe zu entscheiden?

Die Unterscheidung von „positiven und negativen Elementen“ trägt nicht wirklich dem „Weg des Wachstums“ Rechnung – schon wieder so ein bizarrer Selbstwiderspruch! Alles, was das Leben der Gemeinde stärkt, stärkt auch die behutsame, weitgehend informelle christliche „correctio fraterna“, auf die allein es in dieser Hinsicht ankommt!

34. Welche Antworten sollen sodann auf die Problematiken gegeben werden, die sich aus der Fortdauer von traditionellen Formen der Ehe in Etappen oder der von Familien vereinbarten Ehe ergeben?

Ich verstehe die Frage nicht!

35. Ist die christliche Gemeinschaft bereit, sich der verwundeten Familien anzunehmen, um sie die Barmherzigkeit des Vaters erfahren zu lassen? Was können wir tun, um die sozialen und ökonomischen Faktoren, die sie oft bestimmen, zu beseitigen? Welche Schritte wurden im Hinblick auf das Wachsen dieser Tätigkeit und des missionarischen Bewusstseins, das sie trägt, unternommen; welche sind noch zu gehen?

Wenn wir dazu nicht bereit wären, wären wir überhaupt keine Christen. Aber das „Beseitigen sozialer und ökonomischer Faktoren“ ist nicht Aufgabe der Kirche. Und das allgemeine Bewusstsein muss in dieser Frage nicht mehr missionarisch gestärkt werden, sondern die kirchenamtlichen Theologen müssen endlich die vorhandenen Handlungsspielräume in ihren dogmatischen Grundlagen erkennen.

36. Was kann getan werden, um auf der Ebene der Ortskirche gemeinsame pastorale Richtlinien zu fördern? Wie kann der diesbezügliche Dialog unter den verschiedenen Teilkirchen „cum Petro et sub Petro“ gefördert werden?

Durch weniger kurialrömischen Zentralismus-Anspruch?!?!?!

37. Wie können die Prozesse zur Feststellung der Ehenichtigkeit zugänglicher, schneller und möglichst kostenlos gestaltet werden? (Nr. 48).

Indem sie zugänglicher, schneller und kostenlos gestaltet werden! (Entschuldigung: DÄMLICHE FRAGE!)

38. Die Sakramentenpastoral im Hinblick auf die wiederverheiratet Geschiedenen bedarf einer weiteren Vertiefung, bei der auch die Praxis der orthodoxen Kirche bedacht werden sowie «die Unterscheidung zwischen einem objektiven Zustand der Sünde und mildernden Umständen» (Nr. 52) gegenwärtig gehalten werden soll. Innerhalb welcher Perspektive kann man sich hier bewegen? Was sind die möglichen Schritte? Welche Vorschläge gibt es, um Formen von nicht notwendigen und nicht angezeigten Hindernissen zu umgehen?

Ein Zeichen der Buße in den Zustand einzuführen, ist ein guter Vorschlag. Letztendlich aber führt kein Weg um die Auffassung der Kommunion als Medizinausteilung in einem Lazarett herum, die die Kranken brauchen, nicht die Gesunden.

39. Erlaubt es die gegenwärtige rechtliche Regelung, im Hinblick auf die Herausforderungen, vor die uns die Mischehen und interkonfessionelle Ehen stellen, nützliche Antworten zu geben? Müssen andere Elemente berücksichtigt werden?

Das Kirchenrecht hat der Theologie zu folgen. Die Frage behandelt das Kirchenrecht als einen Faktor, der für sich selbst steht. Das kann es nicht sein, das hat es nicht zu sein. Inhaltlich: Die Kirche sollte sich vor allem endlich der Frage nach katholischen Ehen stellen, in denen die Partner ein unterschiedlich enges Verhältnis zu Kirche und Glauben haben, beispielsweise der eine Partner mit den Kindern in die Kirche gehen will, der andere nicht. Bevor hierzu keine Äußerung gelingt, ist die hier gestellte Frage absurd – DANACH ist sie automatisch beantwortet.

40. Wie richtet die christliche Gemeinschaft ihre pastorale Aufmerksamkeit auf Familien, in denen Menschen mit homosexuellen Tendenzen leben? Wie kann man sich im Licht des Evangeliums um Menschen in diesen Situationen kümmern, und dabei jede ungerechte Diskriminierung verhindern? Wie kann man ihnen die Erfordernisse des Willens Gottes in ihrer Situation deutlich machen?

Wie gesagt: eine Pluralität katholischer Lebensformen kommunizieren. Wenn es „DIE katholische Ehe und Familie“ nicht mehr gibt, sondern ein Dutzend möglicher Konzepte dafür, dann hat in diesem Zusammenhang auch eine offene homosexuelle Partnerschaft nach eigenen und dennoch katholischen Regeln Platz.

41. Welches sind die bedeutendsten Schritte, die unternommen wurden, um die Offenheit für das Leben und die Schönheit und menschliche Würde des Mutter- und Vaterwerdens, zum Beispiel im Licht von Humanae vitae des seligen Paul VI., zu verkünden und zu fördern? Wie kann der Dialog mit der biomedizinischen Wissenschaft und den entsprechenden Technologien vorangebracht werden, damit die menschliche Ökologie der Zeugung geachtet wird?

Siehe die Antwort zu (6.): Egozentrik und Zukunftsangst sind die Probleme, denen es theologisch und spirituell zu begegnen gilt, was Verschlossenheit gegenüber Elternschaft angeht. Mit der Biotechnologie braucht die Kirche sich nicht fachlich auseinanderzusetzen – sondern nur mit der Frage, ob es dem christlichen Geist gelingt, die Kultur zu prägen. Davon allein hängt alles ab.

42. Eine großzügige Elternschaft braucht Strukturen und Instrumente. Lebt die christliche Gemeinschaft eine effektive Solidarität und Subsidiarität? Wie? Ist sie mutig, wenn es darum geht, auch auf sozialpolitischer Ebene durchführbare Lösungen vorzuschlagen? Wie kann zu Adoption und Pflegschaften, als hohes Zeichen fruchtbarer Großzügigkeit, ermutigt werden? Wie kann die Sorge um und der Respekt gegenüber den Kindern gefördert werden?

Weniger „Politik“ machen wollen, mehr christliche Werthaltungen einfach glaubhaft leben!

43. Der Christ lebt die Elternschaft als Antwort auf eine Berufung. Wird diese Berufung in der Katechese ausreichend hervorgehoben? Welche Wege der Bildung werden vorgeschlagen, damit sie tatsächlich das Gewissen der Eheleute leitet? Ist man sich der schweren Folgen des demographischen Wandels bewusst?

Sinngemäß schon mehrfach beantwortet.

44. Wie bekämpft die Kirche die Plage der Abtreibung; und fördert sie eine wirksame Kultur des Lebens?

Sinngemäß schon mehrfach beantwortet; siehe z.B. (42.).

45. Ihre erzieherische Sendung zu erfüllen ist nicht immer leicht für die Eltern: finden sie in der christlichen Gemeinschaft Solidarität und Unterstützung? Welche Wege der Bildung sind vorzuschlagen? Welche Schritte sind zu unternehmen, damit die erzieherische Aufgabe der Eltern auch auf sozio-politischer Ebene anerkannt wird?

Sinngemäß schon mehrfach beantwortet.

46. Wie kann bei den Eltern und in den christlichen Familien das Bewusstsein um die Pflicht der Weitergabe des Glaubens als der christlichen Identität innewohnende Dimension gefördert werden?

Sinngemäß schon mehrfach beantwortet.

Sabbat und Almosen

Die christliche geistliche Praxis kann sehr viele unterschiedliche Formen annehmen. Das ist ihre besondere Stärke.

Wir sollten aber nicht versäumen, uns immer wieder ganz besonders auf die Bedeutsamkeit zweier Grundpfeiler lebendiger christlicher Spiritualität zu besinnen, die schon im Alten Testament immer wieder hervorgehoben werden: die „Heiligung des Sabbats“ und das „Geben von Almosen“.

Die Bedeutung gerade dieser beiden Aspekte gelebten Christseins geht einem erst dann in vollem Umfang auf, wenn man sich bewusst macht, wogegen sie eine Abgrenzung darstellen:

„Sabbatheiligung“ gibt eine noch viel fundamentalere Nuance dort, wo wir kirchlich geprägt allzu schematisch von „Liturgie“, von „Eucharistie“ zu sprechen uns angewöhnt haben. Ein „Tag, der dem HERRN gehört“ ist noch viel mehr als die Teilnahme an einer gottesdienstlichen Feier. Er vermag eine noch viel tiefere Auswirkung auf unser spirituelles Wachstum zu haben als selbst die tiefste kontemplative Versenkung in die eucharistische Wandlung. Diese gehört untrennbar zum christlichen Sonntag, bzw. er kann nur in Ausnahmefällen auf sie verzichten, aber er umfasst doch prinzipiell mehr: Er umfasst potenziell im Lauf eines einzelnen wöchentlich wiederkehrenden Tages ein vollständiges Abbild des gesamten menschlichen Lebens im Kleinen, „wie es eigentlich sein sollte“. Und genau dadurch wird dieses Leben nach und nach tatsächlich im Ganzen so, „wie es eigentlich sein sollte“ – und zwar „mysteriöserweise“ ohne dass wir die so anders gearteten Werktage dazwischen deswegen ablehnen oder verleugnen.

Und der Begriff des „Almosengebens“ grenzt unsere spezifisch christliche tätige Mitmenschlichkeit ab einerseits gegen feste Definitionen, Organisation, Strukturen, Institution und Regelwerke, andererseits gegen den Begriff der „Gerechtigkeit“: „Almosen“ begründen weder einen „Anspruch“ oder ein „Prinzip“ – geschweige denn einen „Automatismus“ -, noch sind sie „gerecht“. Und genau darum sind sie „fromm“: Weil sie ausdrücken, dass wir als Christen die uns geschenkte göttliche Gnade in „anwendungspraktischer“ Hinsicht eben nicht als eine „ständige Stellvertretung Gottes in uns“ auffassen, sie ist keine „göttliche Generalvollmacht“, keine „himmlische Prokura“; dass wir sie nicht „speichern“, „akkumulieren“, „konservieren“ können; dass ihr Wirken nicht wie ein Uhrwerk abläuft, dass sie nicht wie eine Glut ist, die wir in einer Schale mit uns tragen, um sie nach eigenem Ermessen bei Bedarf wieder und wieder hell zu entflammen, nicht wie eine Mutter, die ihrem Säugling noch lange gute Milch geben kann, wenn sie selbst nichts mehr zu essen hat; nicht wie ein Gummiband oder ein Eisenbahnwaggon, der starke Puffer mit riesigen Federn hat. Sondern sie ist jedes Mal wieder von neuem nichts anderes als ein „Blitz aus heiterem Himmel“, den man nicht festhalten, mit dem man nur im Glauben rechnen, um den man nur beten kann wie Elia angesichts der Baal-Propheten. In jeder Einzelsituation müssen wir uns als Christen wieder ganz und gar von neuem, „von null an“ der Gnade anvertrauen, ohne jede „Handhabe“, die uns „Gewähr leistet“, dass sie uns auch wirklich zuteil werden wird. Behördenähnliche Caritas-Büros zur Verwaltung regulierter Fürsorge-Leistungen haben gewiss ihre Vorzüge und sind nicht abzulehnen – aber hierfür, für diesen eigentlichen Kern des Christseins, liefern sie keine geeignete Metapher.

Daher bleiben wir auch bei den altertümlichen Ausdrücken „Sonntagspflicht“ und „Almosen“ – gerade WEIL sie irritierend, unbequem, provokativ, konfrontativ, streitbar sind. Das macht sie so wertvoll.

Theologie der Eliteförderung

Die teils verheerenden Auswirkungen der aktuellen gesellschaftlich-kulturellen Heterogenitätskrise auf unser Schulsystem werfen noch einmal verschärft die große, alte Frage auf: Darf der theologische Standpunkt durch Befürwortung von Eliteförderung eine Ausdifferenzierung unterschiedlicher Milieus bejahen – oder muss er im Gegenteil das Schulwesen auffordern, seine Aufgabe im Integrieren der Gesellschaft durch Forcierung der „einen Schule für alle“ zu sehen?

Für mich persönlich ist die Antwort absolut klar: Die kirchliche Soziallehre fordert eine Gleichheit der Menschen, die auf der Ebene des Umgangs mit Ungleichheit entsteht. Jeden Versuch, „Ungleichheit per se abzuschaffen“, MUSS sie aus theologischer Kohärenz heraus ablehnen.

Die theologische Forderung lautet vielmehr, dass Erziehung zur Elite eo ipso eine Erziehung zur Solidarität zu sein hat. DAS ist Christentum – nicht ein sozialtechnokratisch-gesellschaftsmechanisches Herumwerkeln an der Nivellierung von Unterschieden der „materiellen“ bzw. „positiven“ Dimension.

Ich sage nicht, dass sich die Politik nicht in einem gewissen, sinnvollen, moderaten Maß um letzteres bemühen soll. Ihre Aufgabe ist es. Hier hingegen ist von Theologie die Rede. Deren Aufgabe ist es nicht.

Sein Glaube gibt einem Christen also keine Direktive vor, ob er seine Kinder eher auf eine öffentliche oder auf eine private Schule zu schicken habe. Die Frage verlangt von ihm eine rein kasuistische kluge Beantwortung unter Berücksichtigung vieler situativer Faktoren.

Kirchenasyl

Die Deutsche Bischofskonferenz streitet sich mit den christdemokratischen Politikern Thomas de Maizière (Bundesminister des Inneren, evangelisch) und Franz Josef Jung (ehem. Bundesminister der Verteidigung, katholisch) über die Legitimität von „Kirchenasyl“, dessen Fallzahlen seit einem Jahr in die Höhe schnellen.

In diesem Streit gibt es kein „Recht“ und „Unrecht“. Sondern das „Kirchenasyl“ ist nichts Geringeres als ein interessanter Testfall für die Existenzmöglichkeit eines konsequent säkularen Staates.

Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, der Staat sollte so säkular wie möglich sein – aber ein total säkularer Staat ist unmöglich: An der fundamentalsten Existenzgrundlage jedes wirklich funktionierenden Staates stehen religiöse Überzeugungen. Ohne sie geht es nicht. Alles andere ist eine Illusion.

Natürlich sind diese religiösen Überzeugungen, von denen hier die Rede ist, relativ „unspezifisch“. Deshalb genießen sie breite gesellschaftliche Zustimmungsfähigkeit. Zu den absoluten Konstituenten alles Religiösen gehört die Annahme, dass die Welt nicht letztendlich durch den Menschen regelbar ist. Dies drückt sich unter anderem im „Subsidiaritäts“-Prinzip der katholischen Soziallehre aus, das man nämlich auch wie folgt interpretieren kann: Das kategorische menschliche Regelungs-Defizit fängt „oben“ an – an der Spitze der Strukturen-Hierarchie des „Systems“. Von daher entspricht es pointiert einer Weltsicht auf religiösem Fundament, die Existenz von „Sonderfällen“ anzuerkennen und diese Anerkennung einzufordern.

Das Konzept „Kirchenasyl“ – so problematisch es ist – drückt genau diesen Umstand präzise aus.

De Maizière und Jung repräsentieren dagegen das typische, klassische Konzept der CDU als einer Partei, die „nicht ‚christlich‘ ist, sondern sich auf dem Fundament eines Konzepts von ‚christlichen Wertvorstellungen‘ sieht“, was ein bedeutsamer Unterschied ist. So schwer es vielen fällt, diesen Unterschied zu verinnerlichen – die CDU hat ihn von Anfang an programmatisch herausgearbeitet und betont. (Die andernfalls auftretenden Probleme würden ja schon damit beginnen, dass die CDU dann entweder konkret katholisch oder konkret evangelisch sein müsste.)

Die Sicht der beiden Politiker ist also rein logisch zwar ebenfalls vertretbar. Allerdings meine ich, dass sie die Erwartung an den Grad der langfristigen Möglichkeit von politischem Säkularismus zu weit treibt.

Christian Lindner

Ein F.D.P.-Politiker fordert im NRW-Landtag, was seine Partei immer fordert: Er nennt es hier „Gründerkultur“, deren Vorzüge er aufzählt. Ein SPD-Kollege, der sein Leben lang Beamter war, ruft dazwischen, der Redner – dessen jugendlicher Beitrag zur New Economy scheiterte – „habe ja Erfahrung“. Und Christian Lindner, die – vielleicht neue, vielleicht letzte – Hoffnung der Freien Demokraten, explodiert. Das Skript wird zur Startbahn. Rasch sind seiner extemporierten Argumentation nicht nur die risikofreie Berufsbiographie des Zwischenrufers, sondern vor allem auch ein am selben Tag vor demselben Plenum ausgesprochener Satz der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin zur Hand, worin diese für Fehlerfreundlichkeit eine Lanze bricht – weshalb er deren Regierungserklärung „angesichts solcher Parteikollegen“ kurzerhand zur „Makulatur“ erklärt. Er schließt mit dem Hinweis, dass er als F.D.P.-Vorsitzender ganz andere Anwürfe gewohnt sei, aber dass man sich den Eindruck dieses Zwischenrufs auf einen „gründungswilligen jungen Menschen“ vorstellen solle.

Warum werden die zwei turbulenten Minuten, die in Lindners Mund aus diesen Ingredienzien entstehen, zum YouTube-Hit? Vokabulär betrachtet hölzerne Rhetorik, ein desaströser Zeigefinger, das Ganze in Vertretung einer Partei, mit der ich nichts anfangen kann – was ist dennoch so inspirierend an dieser Szene?

Inspirierend ist auf beklemmende Weise der Horror vacui, den sie in ihrem Hintergrund offenbart. Denn wenn schon dieses eruptive Bisschen an authentischem Eifer, an Verständlichkeit und Glaubwürdigkeit eines politischen Existenzmotivs Aufsehen erregt, verrät das, wie es um den professionellen und persönlichen Elan unseres die parlamentarische Szene fast bis hin zur Ausschließlichkeit dominierenden Politiker-Typus insgesamt bestellt ist. Was in unseren Landtagen sitzt, wirkt wie die Sargträger der Demokratie – und zwar nicht, weil diese Abgeordneten alle ungebildet wären oder absurd verkehrte Weltanschauungen hätten; sondern weil sie in fataler Weise zunftkollektiv zu blassen Funktionären, zu auratischen Trockenkonserven, zu exekutiven Kugellagern der „Politik als Beruf“ deriviert sind.

Aus diesem Mechanismus ist Lindner im Affekt ausgebrochen. Wer das allein schon für komplimentwürdig erklärt, dessen Begriff des Lobenswerten bewegt sich im Grunde nicht oberhalb des Niveaus von Hunde-Leckerli. Der eigentliche Prüfstein von Lindners Qualitäten wird sein, ob ihn daraufhin jetzt die Furcht vor der eigenen Courage packt. Immerhin ist ihm zuzutrauen, dass dies nicht der Fall sein wird. Und jedenfalls ist ihm das Verdienst an einem Ereignis zuzusprechen, das zweifellos aus unserem kümmerlich trüben Parlamentsalltag herausragt, der immerzu den Eindruck erweckt, schon allein emotional mit den realen Problemen der von ihm repräsentierten Gesellschaft nicht adäquat umgehen zu können und diese daher immerzu nur wie durch einen Sedativa-Schleier zu traktieren.

Mein Beitrag zur Synode: Nachdenken über Rituskirchen

Am 27. Januar hat die Deutsche Bischofskonferenz endlich zu einer breiten inhaltlichen Beteiligung der Kirchenbasis am Fortgang der „Familien“-Synode aufgerufen. Dabei setzt sie den 13. März als Termin, zu dem die Beiträge in die Wege geleitet sein müssen. Dieser Rahmen von 6 Wochen lässt kaum Spielraum für Eigeninitiativen, die über die Beantwortung des abermaligen vorbereiteten Fragebogens hinausgehen. Bei allem Respekt vor der Notwendigkeit, einen so umfangreichen Diskussionsprozess effizient zu steuern, ist dies doch leider wieder mal eher eine Gängelung als eine faire Lenkung.

Folgenden Grundsatzgedanken habe ich zur Synode beizutragen:

Der Artikel über die römisch-katholische Kirche bei Wikipedia beginnt wie folgt: „Die römisch-katholische Kirche (…) ist die größte Kirche innerhalb des Christentums. Sie umfasst 23 Teilkirchen eigenen Rechts mit eigenem Ritus, darunter die nach Mitgliederzahl größte lateinische Kirche und die katholischen Ostkirchen.“ Liest man unter „Rituskirchen“ weiter, so erfährt man als erstes: „Als Rituskirche (CIC: ecclesia ritualis [sui iuris]) oder Teilkirche eigenen Rechts (CCEO: ecclesia sui iuris) werden 24 eigenständige Teilkirchen bezeichnet, die zusammen die eine römisch-katholische Kirche bilden. Dazu gehören die weitaus größte Lateinische Kirche (Westkirche) und die 23 Katholischen Ostkirchen, jede mit eigenem Ritus.“

Interessant: Eine der allerersten und grundlegendsten Informationen über die römisch-katholische Kirche schafft es für gewöhnlich kaum in unser alltägliches katholisches Bewusstsein.

Der Begriff „Rituskirche“ macht die Unterschiede zwar zunächst an der Liturgie fest; aber er umfasst auch eine Menge außerliturgischer Bestimmungen zur Kirchenordnung. Ein Beispiel aus dem Wikipedia-Artikel „Zölibat“: „Während das zölibatäre Leben in der lateinischen Teilkirche der römisch-katholischen Kirche für die Priester verpflichtend ist, gilt dies in den katholischen Ostkirchen sowie in den orthodoxen Kirchen nur für Bischöfe und Mönche sowie für Priester, die zum Zeitpunkt der Weihe unverheiratet sind.“

Es sind also durchaus und sehr wohl weitreichende Unterschiede möglich innerhalb der einen katholischen Kirche.

Gerade die Tendenz, diese Unterschiede abbauen zu wollen, wird zu einer Vergrößerung der Gefahr führen, die Einheit der Kirche dadurch zu sprengen und zu zerstören. Machtkleriker, die das nicht einsehen wollen, sind die größten Schädiger der katholischen Kirche.

Die katholische Kirche muss ihre heutige „postmoderne“ Lebenswelt zur Kenntnis nehmen und daraus reelle Konsequenzen ziehen. Jesus Christus selbst ist es, dessen Geist sie kategorisch zu dieser Haltung zwingt. Der postmoderne, „poststrukturelle“ „Turbo-Pluralismus“ wird meines Erachtens eine Öffnung der lateinischen Kirche für unterschiedliche Varianten ihrer Praxis unvermeidlich machen, wenn sie nicht leidvoll und kontra-intentional „zerbrechen“ soll.

Die einzige Alternative dazu wäre, abzuwarten, ob eine „natürliche“ Dynamik der Kirchengeschichte dazu führt, dass die Kirche in, sagen wir, hundert Jahren entweder nur noch aus „progressiven“ oder nur noch aus „neokonservativen“ Katholiken besteht und die Anderen verschwunden sind. Dass dies die bessere Lösung ist, darf schwer bezweifelt werden.

Zur Antwort auf die Frage, was wirklich die bessere Lösung ist, kann insbesondere das 7. Kapitel von Hubert Wolfs neuem Buch „Krypta“ empfohlen werden: „Die Gemeinden – Primat der kleineren Einheit“. „Subsidiarität“ ist ein spezifischer Schlüsselbegriff der katholischen Soziallehre, und viele der vergessenen und verborgenen katholischen Traditionen, die Wolf in seinem Buch beschreibt, zeigen deutlich, wie man die größte Religionsgemeinschaft der Welt wird – und wie man sie bleibt.

Wer den folgenden Vorschlag etwas ironisch „divide et impera“ nennen möchte – warum nicht. Der Kirche droht ohnehin – machen wir uns nichts vor – eine kapitale Zerreißprobe. Da sind Spötteleien unwichtig.

Es geht um die existenzielle Frage, wie es nach menschlichem Ermessen noch gelingen kann, dass unter dem Vorzeichen der extremen postmodernen Divergenz sowohl katholische „Traditionalisten“ und „Fundamentalisten“ als auch die sogenannten „Progressiven“ sich weiterhin in der einen, römisch-katholischen Kirche wiederfinden und zuhause fühlen können.

Dies ist ausschließlich möglich durch die Freiheit der einzelnen örtlichen Gemeinde, über ihren „Stil“ – wenn man so will, über ihren „Ritus“ – zu entscheiden.

Das betrifft sehr viele Fragen heutiger Kirchendisziplin, deshalb ist es ein grundsätzlicher Gedanke. An dieser Stelle habe ich ihn nun aber exemplarisch auf die konkreten, praktischen Fragen der aktuellen Familiensynode einzuengen:

Die einzelne Gemeinde muss beispielsweise entscheiden dürfen, ob sie wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zulassen will oder nicht. Diese Entscheidung hat in freier, gleicher und geheimer Wahl getroffen zu werden – am besten im Sonntagsgottesdienst, um vor allem diejenigen zu erreichen, denen ihre Kirche wirklich wichtig ist. Ein Priester, der die Entscheidung seiner Gemeinde nicht mittragen kann, muss um seine Versetzung in eine andere Gemeinde bitten.

Ich bin mir sämtlicher Implikationen dieses Vorschlags völlig klar bewusst. Aber eine solche Neuerung ist nichts gegen die strukturelle Katastrophe, die der katholischen Kirche nach menschlichem Ermessen andernfalls droht.

Und diese Veränderung ist anhand des Konzepts der Rituskirche nach dem katholischen Kirchenrecht möglich bzw. stimmig in dieses einführbar.

Gnade und Überblick

Gelegentlich sehe ich mir Filmaufnahmen an, die die Praxis in Zen-Klöstern zeigen. Zunehmend fällt mir bei diesen Bildern auf, dass die penibel strenge ritualisierte Ordnung der alltäglichsten Verrichtungen, die dort herrscht, das buddhistische „Gesetz von Ursache und Wirkung“ ausdrückt, der christlichen Ausrichtung auf die göttliche Gnade aber entgegengesetzt ist. Deshalb wurden solche Formen in christliche Ordensregeln nicht aus Laxheit, sondern mit gutem Grund nie eingeführt.

Wenn man sagt: Weil das menschliche Dasein unübersichtlich ist, erkennen wir seine Kontingenz, und weil wir seine Kontingenz erkennen, erkennen wir es als auf göttliche Gnade angewiesen – so sagt man einerseits etwas Richtiges, und macht andererseits doch einen „unchristlichen“ Fehler; denn weitaus richtiger wäre zu formulieren: Weil alles, was existiert, einzig und allein von der Gnade Gottes und nichts anderem als seiner Quelle ausgeht, ist alles kontingent, und weil es kontingent ist, ist es notwendig unübersichtlich. Damit erscheint die Unübersichtlichkeit des Lebens als Gnade.

Eine der wichtigsten Grundregeln zur praktischen Bewältigung der Unübersichtlichkeit unserer kontingenten Existenz lautet: Projekte statt Routinen. Das Leben im Zen-Kloster besteht aus Routinen. Das Leben in einem christlichen Kloster scheint nur für den Außenstehende aus Routinen zu bestehen; in Wahrheit besteht es ausschließlich aus Projekten: dem Projekt der Erlösung; dem Projekt des Heilig-Werdens. Diese Projekte sind mit jeglicher Vorstellung von Routine absolut inkompatibel.

Ad multos annos, Father Louis!

Heute vor 100 Jahren wurde Thomas Merton geboren. Er war wahrscheinlich der bedeutendste katholische spirituelle Lehrer des 20. Jahrhunderts. Und auch ganz persönlich fühle ich mich zum Geist seiner Bücher „The Seven Storey Mountain“ und „The Sign of Jonas“ stark hingezogen – trotz mancher inhaltlicher Differenzen und Vorbehalte, die ich durchaus empfinde. Aber auf die kommt es nicht entscheidend an. Auf eine seltsam ambivalente Weise ist Mertons zisterziensische, einerseits staubtrocken-nüchterne, andererseits betont marienfromme Spiritualität keineswegs buchstäblich „meine“ – und mir zugleich doch innerlich sehr nahe, zumal in der ausgeprägt amerikanisch-lässigen Wendung, die Mertons individuelle Persönlichkeit seiner archaischen Ordenskultur verleiht. Sich als kleiner, kritisierbarer Gegenwarts-, ja Augenblicks-Mensch dennoch ohne Scheu unter eine große, konkrete Bürde der Geschichte, der Tradition zu stellen – das ist vermutlich eine der wichtigsten Lektionen, die mich als damaligen tendenziellen charakterlichen Gefangenen eines Entweder-Oder zwischen „eigener Fehlerhaftigkeit oder Fehlerhaftigkeit der Kirche“ an Mertons Haltung so tief beeindruckt haben: Weder die Kirche irrt noch an mir ist irgendetwas falsch, sondern „die Kirche“ und ich sind dazu da, konstruktiv aufeinander zu reagieren, und je spannungsreicher unser Verhältnis ist, desto schöpferischer vermag es im Grunde auch zu sein.

Wie die Welt sich verändert

Warum die Welt sich verändert, bleibt ein Mysterium. Aber manchmal sind auch die bloßen Wie-Fragen – die Domäne der Wissenschaft – wirklich erhellend.

Mir scheint offensichtlich, dass im Ablauf überpersönlicher Veränderungen stets drei Schritte deutlich unterscheidbar sind, wie alle historischen Beispiele belegen:

1. In einem ersten Stadium kommt es zu einer initialen Irritation in mindestens einem der folgenden Bereiche, was sich in Lebensformen, vorinstitutionell-informellen Sozialstrukturen und Solidaritätsgewohnheiten gesellschaftlich auswirkt:

a) Naturkatastrophen, anthropogene Umweltkatastrophen (meist chemisch) und Seuchen mit ihren Folgewirkungen wie z.B. Migrationsbewegungen,

b) relativ eigendynamische makroökonomische Zäsuren („absolut“ eigendynamische makroökonomische Prozesse gibt es natürlich nicht, sie haben immer auch einen „externen“, z.B. katastrophalen, politischen oder kulturellen Anteil, aber hier eben nur einen geringen, wie etwa bei der Erschöpfung einer natürlichen Ressource),

c) Entdeckungen, Erfindungen, Erkenntnisse der Forschung, Entwicklungen der Wissenschaft mit gravierender Relevanz für den menschlichen Alltag,

d) religiöse Reformen oder ideologische Rebellionen (zu „Revolutionen“ können diese frühestens im nächsten Schritt werden).

Nur in diesem ersten Schritt kann auch das Wirken von Einzelpersonen als solchen – motiviert durch deren eher individuelle Lebenserfahrungen und -voraussetzungen – bisweilen durchaus eine gewisse Schlüsselrolle spielen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Entwicklungen dieses ersten Stadiums in eine Dynamik des zweiten Schritts münden, ist allerdings umso größer, je pluraler die Bereiche sind, in denen Impulse dieser ersten Ebene gleichzeitig erfolgen und auch je genauer diese verschiedenen Impulse miteinander in Beziehung stehen, korrespondieren, aufeinander antworten.

2. Im zweiten Schritt zeitigen diese primären Entwicklungen dann gegebenenfalls als nächstes fundamentale technologisch-zivilisatorische und/oder politische Auswirkungen. Die entscheidenden Technologiefelder sind dabei Energie, Verkehr, Kommunikation, Waffen und Medizin (nur bis ca. 1950 spielte daneben auch noch der elementare Fortschritt bei Haushaltsgeräten eine wesentliche Rolle, die „jedermann“ den Alltag erleichtern).

3. Im dritten und letzten Schritt schließlich ergibt sich aus alledem möglicherweise ein Kulturbruch in Ästhetik, Ethik und Logik.

Andere Sichtweisen und Ansatzarten, kollektive Veränderungen zu betrachten und zu „erklären“, scheinen mir keine Plausibilität zu besitzen.

Sexualität und kultische Reinheit

Es ist was dran an der Behauptung, der „panmonachistische“ Pflichtzölibat für alle katholischen Priester, den in seiner heutigen Praxis erst die Gregorianische Reform im elften Jahrhundert durchsetzte, trage einen wesentlichen Teil seiner Bedeutung in dem Dienst, den er einer Machtkirche leistet, weil er einerseits familiäre Erbfolgen (und entsprechende Streitigkeiten) in der Verfügung über Kirchengut ausschließt und andererseits einen Klerikerstand, der geradezu ermuntert wird, im Namen der Kirche auf alle erdenklichen Weisen – keineswegs allein via Beichtgeheimnis – nach umfassender säkulargesellschaftlicher Autorität und Einflussnahme zu streben, existenziell weniger einschüchterbar und erpressbar macht als einen besorgten Familienvater – kurz: eine hartgesottene päpstliche Kampftruppe nach dem Geschmack des Investiturstreit-Zeitalters.

Es ist allerdings absolut falsch zu meinen, dies wäre der alleinige oder auch nur der vorwiegende Grund für den katholisch-priesterlichen Pflichtzölibat. Denn die Synode von Elvira hat ihn schon kurz vor der Konstantinischen Wende als ein Produkt der Tradition formuliert, also bevor die Kirche ihre erste Liaison mit staatsamtlicher Hoheit und Obrigkeit einging.

Was dort im spätantiken Spanien formuliert wurde, griff die zunehmend zentralistische „Konstantinische“ Kirche einige Jahre darauf bezeichnenderweise zwar gehorsam auf – aber noch längst nicht mit der späteren gregorianischen Verve und Akkuratesse: Es blieb de facto mehr beim Charakter einer Empfehlung – für gut siebenhundert Jahre. In Elvira wurde ferner noch kein „eherechtlicher“, sondern ein „Enthaltsamkeits-Zölibat“ formuliert: Nicht die Ehe des Priesters stand zur Debatte, sondern sein Verhalten in ihr; mithin eigentlich kein Rechtsgut, sondern eine an und für sich nicht-juridische moralische Norm. (Wenngleich auch Elvira schon seinen Beschluss verbal drakonisch sanktionierte. Aber die Struktur des Inhalts war hier im Grunde noch nicht „kanonistisch“.)

Damit wird klar, dass der Zölibat ursprünglich tatsächlich in Vorstellungen und Empfindungen wurzelt, die mit den hier zuerst genannten Gründen nichts zu tun haben. Die „gregorianischen“ Motive sind dem katholischen Priesterzölibat später ganz reell zugewachsen – aber aus ihnen stammt er nicht.

Ich habe schon mehrfach darüber geschrieben, wie die Menschen in früheren Zeiten – und in wesentlichen Zügen noch bis zum „Pillen-Jahr“ 1960 – Sexualität aufgrund von deren unerbittlich-ehern schicksalhaftem Zusammenhang mit Zeugung, Kinder- und Müttersterblichkeit, der sich erst im zivilisatorischen Verlauf der 1960er-Jahre in den „westlichen“ Ländern wirklich befreiend lockerte, psychologisch drastisch anders erlebten, als „wir“ es heute tun. Dadurch gab es in jenen Zeiten für zölibatäre Lebensweise einen seelisch tief empfundenen Grund, den wir erst seit höchstens fünfzig Jahren nicht mehr so recht nachvollziehen können – ein übrigens nach wie vor weit unterschätzter oder sogar gänzlich verkannter Aspekt fundamentalsten Kulturwandels, der in vielerlei Hinsicht unser heutiges Geschichtsverständnis erschwert.

Über all dies habe ich schon einmal – oder sogar schon mehrfach – geschrieben. An dieser Stelle aber gilt mein Interesse einem weiterführenden Aspekt dieses Themas.

Der überlieferte Kanon 33 der Synode von Elvira („Placuit in totum prohibere episcopis, presbyteris, et diaconibus vel omnibus clericis positis in ministerio, abstinere se a coniugibus suis et non generare filios; quicunque vero fecerit, ab honore clericatus exterminetur„) lässt deutlich erkennen, dass bei dieser Regelung der Gedanke kultischer Reinheit eine zentrale Rolle gespielt hat: Von Sexualdisziplin hängt hier offenkundig die Würdigkeit des Priesters ab, der Eucharistie vorzustehen.

Für die Dominanz eines entsprechenden restriktiven geistig-geistlichen Klimas im mittelalterlichen Christentum gibt es überwältigende, ja krasse Belege und Zeugnisse.

Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil das Neue Testament eigentlich unmissverständlich in Abkehr vom uralten Paradigma der kultischen Reinheit eine spektakuläre Wende hin zum Paradigma der ethischen Reinheit propagiert. Belege für diese These spare ich mir hier, um meinen Beitrag nicht zu sehr ausufern zu lassen. Ich vertrete sie jedenfalls höchst zuversichtlich, sie nötigenfalls mühelos verteidigen zu können.

Natürlich hat das Neue Testament sein „neues Konzept“ der „ethischen Reinheit“ nicht „erfunden“. Sondern dahinter steht im Grunde der für das Alte Testament von Beginn seiner Kanonbildung an konstitutive Dualismus zwischen „priesterschriftlicher“ und „deuteronomistischer“ Literatur, dessen „leitmotivische“ Relevanz für das gesamte Alte Testament ich ja bereits immer wieder aufzuzeigen versucht habe. Dabei wage ich mich bis zu der These vor, das rabbinische Judentum setze und schreibe die „priesterschriftliche“, das Christentum hingegen die „deuteronomistische“ jüdisch-theologische Traditionslinie konsequent und forciert fort.

Die daraus resultierende Deutung Jesu ordnet ihn sehr vital und stimmig in seinen historischen kulturellen Kontext ein: Er ist, vereinfacht gesagt, ein „radikaler Deuteronomist“ – radikaler als alle anderen bis dahin. Wenngleich er freilich keineswegs so weit geht, das kultische Element der Religiosität „abzulehnen“.

Aber die „180 Grad“ irritierend nahe kommende Trendwende der späteren christlichen Theologie – ihre extrem weitgehende Rückkehr zu Forderungen nach „kultischer Reinheit“ – ist umso erstaunlicher, als sie, wie die Synode von Elvira beweist, gar nicht viel später stattgefunden hat als der Abschluss der neutestamentlichen Textentstehung – und sogar noch vor der endgültigen Fixierung dieser Texte als Kanon.

Das starke Wiedererwachen der kultischen Reinheit im Christentum ist nach meinem Dafürhalten auf die Erlebnisse und Erfahrungen der katastrophalen Krisen- und Verfolgungszeit des dritten Jahrhunderts zurückzuführen.

Was aber hat es mit dem – ja keineswegs spezifisch christlichen – religionsgeschichtlichen Ur-Motiv der „kultischen Reinheit“ im tiefsten Grunde eigentlich auf sich? Weswegen macht Sexualität nach dem reichlich dokumentierten Empfinden so vieler religiöser Kulturen weltweit „kultisch unrein“?

Meine Antwort auf diese Frage lautet: Der Kult hat, in einem religionswissenschaftlich universalen Sinne, die Funktion, dem menschlichen Dasein eine diesem auf dessen natürlicher Ebene – existenzieller Erfahrung entsprechend – nicht zukommende Dauer zu verleihen, Stabilität, Zeit-Enthobenheit, wenn man so will: „Ewigkeit“. Der Kult verbindet die menschliche Dimension mit der Dimension des Göttlichen. Daher ist dem Bereich des Kultischen alles entgegengesetzt, was an die Begrenztheit des „natürlichen“ menschlichen Daseins erinnert. Dazu gehört mit einer durchaus nachvollziehbaren Eigenlogik unter anderem die Berührung von Leichen, der Kontakt mit Blut – und sexuelle Handlungen, weil diese mit dem Anfang des Lebens in Beziehung stehen, jeder Anfang aber eo ipso auf ein Ende, auf Endlichkeit verweist. Wer diesen Gedanken für „sehr philosophisch-abstrakt“ hält, möge sich noch einmal intensiv auf das besinnen, was wenige Absätze zuvor über die ganz andere Lebenserfahrung der „Welt vor 1960“ gesagt wurde: In ihr „zirkulierten“ Geburt und Tod der Lebewesen viel „rasanter“ und „deprimierender“ als heute. In der alten Zeit musste man kein sonderlicher „Philosoph“ sein, um den engen Zusammenhang zwischen Anfang und Ende allenthalben deutlichst wahrzunehmen.

Im Blick auf den Christus Jesus stehen daher die theologischen Konzepte „Auferstehung“ und „Jungfrauengeburt“ in einer tiefsten, existenziell zwingendsten Verbindung mit seinem das uralte Bedürfnis nach „kultischer Reinheit“ kühn überwindenden „Radikal-Deuteronomismus“. Vielleicht müssen wir daher auch unser aktuelles Potenzial zu einer Rückkehr zum jesuanischen Fokus auf „ethische Reinheit“ gerade in einer erneuerten („postmodernen“) Theologie der Auferstehung und der Jungfrauengeburt suchen – anstatt etwas „leichtfertig“ jenen „Reform“-Rufen in der Kirche allzu viel Raum zu geben, die die bedenkliche Tendenz haben, theologisch „das Kind mit dem Bade auszuschütten“. Diese umfangreich weiterführenden Gedanken seien hier aber nur en passant skizziert.

Jedenfalls hat zwischen 1960 und 1965 – dem Abschlussjahr des Zweiten Vatikanischen Konzils – ein kultureller Wandel eingesetzt, der eine historisch nahezu inkommensurable Erschütterung darstellt, die so umfangreich ist, dass wir sie immer noch kaum erkennen, weil ihre Ausmaße schier unser Wahrnehmungsvermögen übersteigen. In dieser Situation ringt die Kirche mit einer notwendigen Überwindung ihrer Geschichte bei gleichzeitiger ebenso notwendiger Bewahrung ihrer Tradition – eine „Quadratur des Kreises“, die, wenn überhaupt, nur dank göttlicher Gnade möglich sein und gelingen wird.

Zur früheren Relevanz „kultischer Reinheit“ können und wollen wir eindeutig mit besten Gründen nicht zurück. Andererseits ist uns gegenwärtig nur allzu häufig unklar, an welchen Leitlinien sich eine echt religiös fundierte „ethische Reinheit“ unter unseren Zeit- und Gesellschaftsbedingungen eigentlich auszurichten hat.

Und so warten wir beispielsweise „hilflos“ auf das „natürliche“ bzw. „soziologische Aussterben“ unseres zölibatären Priesterstandes, anstatt eine brauchbare Vorstellung davon entwickeln zu können, wie es mit der „Amtskirche“ weitergehen soll.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als auch diesen Vorgang auf einer echt spirituellen Bewusstseins- und Betrachtungsebene wieder in den Kontext göttlichen Gnadenwirkens zu rücken, das sich in diesem Fall eben mangels brauchbarer persongestaltiger Werkzeuge in einer von uns weitgehend als apersonal wahrgenommenen Eigendynamik sozialsystemischer Strukturentwicklungen äußert.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des Herrn. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.“ (Jes 55,8-9)

Wie Physiker die Welt retten

Harald Lesch hat mit markigen Worten über das gegenwärtige globale Finanzwirtschaftssystem hergezogen (Beispielzitat: „Bullshit-Jobs, die keiner braucht, wie Geschäftsführer von Investmentgesellschaften“).

Wenn Physiker simple, vernünftige Dinge äußern, profitieren sie davon, dass ihnen eine unantastbare Aura der rigoros auf die Probe gestellten Intelligenz vorauseilt.

Tatsächlich hat ein frappierend großer Teil der nicht nur intelligentesten und vielseitig begabtesten, sondern auch echt, d.h. kulturell gebildetsten Menschen, die ich etwas eingehender kenne, Physik studiert (rasch überschlagen etwa 5 bis 6 Personen) – was nicht zuletzt angesichts meines eigenen nur sehr rudimentär vorhandenen Verhältnisses zu diesem Fach bemerkenswert ist.

Glücklicherweise könnte ich auch ein paar Theologen nennen, von deren überragenden geistigen Fähigkeiten ich überzeugt bin. Aber Theologen werden diese Qualitäten von der Öffentlichkeit erheblich weniger bereitwillig und wohlwollend und auch weniger eindeutig zugestanden als Physikern.

Man hört allerdings auch immer wieder den polemischen Satz, es gebe mehr fromme Physiker als fromme Bischöfe.

Neben etwas subtileren Ingenieursaufgaben gibt es also jedenfalls noch eine zweite zweifellos sehr praktisch-konkrete Funktion von Physikern für die Gesellschaft: Eine Instanz allgemeiner besonderer Glaubwürdigkeit zu sein.

Darauf bin ich als Theologe nicht neidisch. Angesichts dessen, was nahezu sämtliche mir begegnenden Physiker auf außerphysikalischen Gebieten nahezu durchweg von sich geben, kann ich über ihre bedachte Stimme und deren gesellschaftliche Anerkennung nur froh sein. Die durchschnittliche Blödsinns-Quote von nichtfachlichen Physiker-Statements ist meines Erachtens signifikant geringer als die fast aller anderen Professionsgruppen.

Von Investment-Bankern ganz zu schweigen.

Ich bin Christ heißt: Ich bin Teilsatz in Gottes Botschaft

Es ist überaus bedeutungsvoll, „das Christentum“, „die Kirche“, „den Glauben“ und „die Theologie“ als ein Gebäude wie eine gotische Kathedrale zu betrachten, dessen Bausteine Aussagen darstellen.

Ich sage „betrachten„, denn hier kann es nicht darum gehen, was sie „absolut“ gesehen „sind„: In Sprache kann ich nicht sagen, was Dinge jenseits der Sprache sind oder sein können; hier kann ich nur sagen, was sie in der Wirklichkeit der Sprache sind.

Aussagen werden in Sprache getätigt. Deshalb ist das Christentum eine „Religion des Wortes“. Sie ist allerdings keine „Religion des Buches„, denn ihre Heilige Schrift ist nur ein Abbild dieses Gebäudes – ein hervorragendes, grandioses zwar, aber dennoch nur ein Abbild, und als solches vollständig auch nur im impliziten Hinweis auf die Gesamtheit alles zur Nachfolge Christi Gehörigen, nicht in der expliziten verbalen Ausführung der Totalität dieses ihres Gegenstandes.

Der Terminus „Aussage“ wird manchen in der hier gegebenen Definition von „Kirche“ vielleicht stärker irritieren als in seinem Bezug auf die Begriffe „Christentum“, „Glaube“ und „Theologie“: Ist die Kirche nicht der mystische Leib Jesu Christi, dessen Glieder Personen sind, nicht „Aussagen“? Der Ansatz des Einwandes ist zutreffend, seine Folgerung nicht. Jesus Christus ist das „Wort Gottes“, der göttliche „Logos„. Also sind alle einzelnen Glieder seines Leibes wesentlich „Teilsätze“ seiner Wahrheit. Was heißt denn übrigens „persona“ anderes als „das Hindurchklingende“ (gemeint ist ursprünglich: durch die Maske des antiken Schauspielers)? Als Glieder im Leib Christi haben wir Aussagen über seine Wahrheit zu sein. Das letzte Wort dieser Feststellung bildet dabei deren springenden Punkt: Wir haben göttliche Aussagen zu sein – nicht welche machen zu wollen.

In lediglich etwas anderer Gestalt ist jeder Christ als Person ebenso ein lebender Teilsatz in der Mitteilung der Wahrheit Gottes wie ein Bibelzitat, eine liturgische Formel, eine dogmatische Lektion oder ein Vers aus der inspirierten Poesie der großen Mystikerinnen und Mystiker der christlichen Tradition.

So also müssen wir unseren Glauben vor allem anschauen – wenn wir ihn „anschauen„; worin er sich ja nicht erschöpft, sondern hauptsächlich haben wir ihn natürlich zu „leben„.

Wann immer wir ihn aber „anschauen“, ihn „betrachten“, ihn „meditieren“ – „Kontemplation“ findet im Glauben, diesen „undistanziert“ lebend, „Meditation“ hingegen über den Glauben statt (das ist der sinnvolle Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen) -, macht sich landläufig die irrige Tendenz bemerkbar, einzelne Teilsätze in der Wahrheitsmitteilung Gottes so aufzufassen, als stünden diese jeweils „für sich allein“. Möglicherweise stammt diese Tendenz aus dem Bewusstseinszustand der Kontemplation. Aber wenn ich den Glauben meditiere, ihn „betrachte“, ist ein aus der Haltung der Kontemplation abgeleitetes geistiges Instrumentarium dazu eben nicht angemessen. Dem kontemplativen Geisteszustand bildet sich das große Ganze im kleinen Einzelnen vollständig ab. Aber diesen Zustand kann man nur erleben, nicht denken. „Meditation“ ist vergleichsweise gedanklicher – und daher auch sprachlicher – als „Kontemplation“. Sie beruht auf Unterscheidung – und Unterscheidung beruht auf Distanz. Durch diese Distanz werden die Einzelheiten einer Sache überschaubarer. Sie verhütet, dass man „den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht“. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass mit der Distanz auch noch etwas außer dem „Wald“ in den Blick kommt – das, was ihn umgibt, was um ihn herum existiert. Nur weil der Blick „kritisch“ wird, muss er noch nicht „umfassend“ werden. Oder: Ein „Panorama“ ist noch kein „Horizont“.

Was ich damit sagen will, wird an dieser Stelle vielleicht gerade anhand der Vorstellung klarer, dass auch die Person des Christen stets vor allem eine „Aussage“ im mystischen Christusleib oder Gebäude der Kirche ist: Wir tendieren sehr stark dazu, jede Person „für sich“, „für sich allein“ zu „nehmen“ oder zu „sehen“. Aber aus echt christlicher Sicht ist das gar nicht unbedingt richtig. Die Person des Christen ist ein Glied im Leib Christi. Kein Glied hat universale Funktionen oder Kompetenzen. Es muss nicht, es kann nicht, ja es darf nicht „das Ganze repräsentieren“ wollen. Das Ganze seines Leibes repräsentiert nur Christus selbst und allein. Kein Christ kann folglich ein „perfekter Christ“ sein. Ja, „perfekter Christ“ ist geradezu ein Oxymoron.

Worauf ich hinaus will: Genau dieselbe problematische Tendenz zeigen wir gewöhnlich im Hinblick auf jene anderen gliedhaften Teile der göttlichen Wahrheitsaussage, die sprachlicher Beschaffenheit sind. Wir nehmen jeden einzelnen Satz der christlichen Verkündigungs- und Lehrtradition grundsätzlich zunächst einmal „für sich“, „für sich allein“. Beziehungsweise, wir bringen ihn mit allem möglichen in Zusammenhang – mit Moral, mit Politik, mit empirischer Wissenschaft, mit Psychologie, mit kritischer Historie, und so fort -; wir stellen ihn nur nicht in den einen Zusammenhang, in den er wirklich gehört: in die Verbindung mit „seinesgleichen“.

Ich komme auf mein anfängliches Bild einer gotischen Kathedrale zurück. In einer gotischen Kathedrale mag der einzelne Stein meisterhaft behauen sein; aber darauf kommt es dennoch nicht an. Selbst der bestbehauene unter ihren Steinen macht nicht das Wesentliche einer gotischen Kathedrale aus; er bildet es nicht einmal „im Kleinen“ ab. Worauf es bei einer gotischen Kathedrale einzig ankommt, ist sie selbst – als Abbild der göttlichen Weltordnung. Gewiss besteht sie aus sehr reellen einzelnen Steinen; gewiss besteht sie nicht, wenn nicht jeder einzelne ihrer Steine zweckmäßig und kunstvoll zugerichtet ist; und dennoch: Wer den einzelnen Stein betrachtet, hat im selben Moment das Eigentliche an der Kathedrale – „sie selbst“ – aus dem Blick verloren.

Es ist seltsam, wie ungewohnt es uns ist, nach eben diesem Paradigma auch in unserem geistigen Umgang mit den katholischen Dogmen zu verfahren.

Seltsam, weil solches Verfahren eigentlich so zwingend erscheint, wenn man sich einmal der Absurdität von „Akribie“ in der „Dogmatik“ bewusst geworden ist.

Die größten Häretiker waren zu ihrer Zeit ausgezeichnete Dogmatiker. Sie haben vor lauter Kompetenz im Blick auf sämtliche Einzelheiten des Dogmas das wahre Ganze des Glaubens tragisch aus dem Blick verloren.

Heute spricht man häufig lieber von „systematischer Theologie“ anstatt von „Dogmatik“. Als ob das irgendetwas bessern würde. Wer nach dem „System“ hinter den theologischen Dingen eifert, entdeckt vielleicht nie, welche Bedeutung in ihnen gerade das „Diastem“ als dessen genaues Gegenteil hat. Der Ausdruck „Diastem“ kann in verschiedenen fachlichen Kontexten kongenitale Zahnlücken, geologische Ablagerungspausen oder melodische Tonabstände bezeichnen. Anhand dieser Assoziationen möge jeder Leser selbst erspüren, was ich hier damit meine: Gerade in den „Zwischenräumen“ zwischen den „Dingen“ erschließt sich deren Eigentlichstes. Zwischen den Worten liegt ihre eigentliche Botschaft.

Die Wahrheit von Jungfrauengeburt liegt nicht im Wort „Jungfrauengeburt“. Die Wahrheit von „Gottessohn“ liegt nicht im Wort „Gottessohn“. Die Wahrheit der Auferstehung liegt nicht im Wort „Auferstehung“. Und so fort.

„Der Satan ist firm in Dogmatik.“ Deswegen insistiert Ignatius so auf dem „sentire cum ecclesia„: der Fähigkeit zum tiefen geistlichen „Empfinden im Einklang mit der ganzen Gemeinschaft der Kirche“.

Vignettensammlung 28. Januar 2014

„Ich sage euch, Brüder: Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ (1Kor 7,29-31) Das haben wir am vergangenen Sonntag gehört. Was ist gemeint? Letztlich meines Erachtens dies: Der größte Feind der Mystik ist die oberflächliche Pseudo-Mystik der Hochpreisung des Affektiven gegen das Rationale. Die Affekte sind letztlich in kaum anderer Weise ein Ausdruck unserer Ego-Gefangenschaft als die Ratio. Paulus‘ Worte zwingen uns, eine tiefere Erklärung für sie zu suchen, die unser spontanes Befremden über sie beruhigt; und dies ist die einzige, die es leistet, zu der uns diese Worte mithin zwingend hinführen, wenn wir nur eindringlich genug nachforschen: Auch unsere Liebe will zuletzt kein Affekt mehr sein; auch unsere Freude und unsere Trauer wollen zuletzt keine Gefühle mehr sein. Sondern etwas „dahinter“, etwas noch viel tiefer Gegründetes als selbst die „tiefste“ emotionale Bewegtheit.

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Gott hat die Welt nicht geschaffen, damit wir angesichts IHRER positiv und optimistisch sind – sondern angesichts SEINER.

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Man sollte eigentlich grundsätzlich keinem Politiker in führenden Ämtern den Friedensnobelpreis verleihen, grundsätzlich keine Päpste selig sprechen und grundsätzlich keine Theologen zu Bischöfen erheben. Denn das heißt erwarten, sie könnten zwei Herren dienen, ohne sich in zwei Wesen zu teilen – nennen wir sie ein öffentliches und ein privates. Aber einen Preis oder Rang kann man eben nicht nur einem dieser beiden Wesen verleihen.

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Manche Menschen sehen sich gleichsam ständig nach etwas um, woran sie sich festhalten können für den Fall, dass die Erde plötzlich eine Vollbremsung macht.

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Der Katholizismus ist eine Religion des Wortes, nicht des Buches. Ein häufig übersehener oder verkannter Unterschied.

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Der ex-evangelikale katholische Fundamentalist Scott Hahn argumentiert zugunsten der Sakramentalität der Eucharistie sehr brillant, das Letzte Abendmahl müsse in der Intention Jesu (und der Evangelisten) notwendig Opfercharakter gehabt haben, da für die Juden der damaligen Zeit nur durch einen ausgesprochenen Opfercharakter des Letzten Abendmahls auch die darauf folgende Kreuzigung im Licht eines Opfers erscheinen könne, was andernfalls bei einem Geschehen außerhalb der Mauern Jerusalems und ohne Anwesenheit eines Priesters eo ipso nicht denkbar war: „War Gründonnerstag nur ein Mahl, war Karfreitag auch nur eine römische Hinrichtung.“ Allerdings ist gegen dieses glänzende theologische Konstrukt kritisch einzuwenden, dass drei unserer vier Evangelien davon offenbar nichts wissen wollen. Nur Paulus und Lukas stützen diese Sicht. Markus, Matthäus und Johannes sowie auch die Didaché insistieren meines Erachtens bei unvoreingenommener Lektüre geradezu ziemlich aggressiv darauf, dass das sonntägliche Handeln der Kirche eben gerade keine Wiederholung des einmaligen Letzten Abendmahls, sondern lediglich des zu Lebzeiten Jesu regelmäßig geübten Musters offener Tischgemeinschaften darstellen solle (ich schrieb darüber schon). Trotzdem gefällt mir Hahns Gedanke (den er natürlich nicht erfunden hat) alles in allem, weil er gute, subtile katholische Theologie ist (auch wenn ich dem Mann gegenüber ansonsten in vielen Punkten recht skeptisch bin).

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Wir können uns gar nicht genug darüber wundern, wie wenig sich das Alte Testament mit dem Jenseits beschäftigt. Das ist eine seiner ganz großen religionsgeschichtlichen Revolutionen.

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Das theologische Prinzip hinter den zehn ägyptischen Plagen ist die Verhöhnung der Gottheiten Ägyptens als machtlos. Die erste, vorletzte und letzte Plage machen das besonders deutlich: Das Blut trifft den Nil, die Finsternis die Sonne, der Tod der Erstgeburt nimmt den Pharao nicht aus. Nil, Sonne und Pharao sind zentrale altägyptische Gottes-Inkarnationen. Vielleicht wurden die übrigen sieben Plagen sogar erst von einer späteren Traditionsschicht hinzugefügt – aber nach demselben Schema, wenn auch teilweise weniger offensichtlich: Wenn in der zweiten Plage Frösche das Land bedecken, verhöhnt dies deren natürlichen Fressfeind, den Falken, als Inkarnation des Gottes Horus. Wenn in der dritten bis achten Plage stets die Mitbetroffenheit des Viehs durch Stechmücken, Pest, Blattern, Hagel, Heuschrecken usw. ausdrücklich erwähnt wird oder jedenfalls stets schlüssig mitzudenken ist, so wird dadurch etwa das Rind als heiliges Tier der Göttin Isis geschmäht, die in der Ikonographie häufig mit Kuhhörnern erscheint. Und so fort.

Betrifft: „Gavi“-Geberkonferenz

Die „Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung“ („Gavi, die Impfallianz“) tagt aktuell in Deutschland und verbreitet den Elan einer neuen globalen Impf-Offensive. Zeit für einen ECHT kritischen Zwischenruf, der sich nicht nur so nennt, sondern es im besten Sinne wirklich ist.

Vorab eine unmissverständliche Klarstellung: Ich bin KEIN „Impfgegner“. Die derzeitigen Impfkampagnen weisen, unbefangen betrachtet, in ihrer Argumentation und Legitimation allerdings sehr schwerwiegende Fehler auf, die weit mehr als nur „Schönheitsfehler“ sind. Mit dieser vorwerfbaren Unreflektiertheit beschädigen sie den an sich zweifellos sinnvollen, vermutlich oft genug tatsächlich lebensrettenden Gedanken des Impfens in verantwortungsloser Weise.

Die „Impfgegner“ wiederum sollten sich endlich darauf konzentrieren, statt hemmungslosem esoterischem Blabla ihr konstruktives Potenzial unter Beweis zu stellen, indem sie ein paar zentrale, konkrete, sinnvolle und mehr als gerechtfertigte Forderungen an den derzeit herrschenden Impfbetrieb mit der nötigen realistischen politischen Wucht durchsetzen:

1. Aufdecken und Entlarven ideologischer Diskurs-Strukturen – auf beiden Seiten der verhärteten Front.

a) Ein viel zu vernachlässigter bzw. verkannter Aspekt der Impf-Frage besteht darin, dass sie ein erkenntnistheoretisches Problem darstellt: Der Ursache-Wirkungs-Zusammenhang kann bei „Sicherheits“-Maßnahmen, die der „Verhütung“ von etwas dienen, niemals befriedigend aufweisbar sein, weil schon rein methodologisch das „Nicht“ immer pluraler in seinen potenziellen Gründen ist als das Eintreten des „bestimmten Etwas“: Wenn ich eine Krankheit bekomme, kann ich immer relativ gesehen deutlich präziser und glaubhafter vermuten, aus welchen Gründen ich sie „mir eingefangen“ habe, als ich andernfalls mutmaßen kann, weshalb ich sie nicht bekommen habe. Dieser grundsätzliche Umstand schlägt beim Thema „Impfen“ voll zu Buche. Schon allein von daher ist jede Ideologisierung der Impf-Debatte strikt abzulehnen: Aus strukturellen Gründen kann niemand kann die Richtigkeit seiner Position dem Impfen gegenüber hinreichend „beweisen“ – egal ob er es befürwortet oder ablehnt.

Dies wiederum bedeutet allerdings, dass dem möglichen menschheitshygienischen Potenzial des Impfgedankens grundsätzlich unbedingt eine wohlwollende und auch bis zu einem gewissen Grad mutige Chance eingeräumt werden muss. Alles andere ist entsetzlich borniert. Nichts ist tödlicher, als ewiger kleinkrämerischer Bedenkenträgerei oberste Priorität einzuräumen. Jeder, der sich an der Impf-Debatte beteiligt, ist deshalb ethisch verpflichtet, zur Suche nach wirklich ausgewogenen Kompromissen beizutragen und nicht absurde und intellektuell unbedarfte Radikalhaltungen zu vertreten.

b) Dazu gehört: Nicht „das Impfen“, sondern jede einzelne Impfung für sich genommen gehört kritisch auf den Prüfstand. Verallgemeinerungen müssen auch und vor allem in dieser Hinsicht verpönt werden.

c) Dazu gehört aber auch: Die ganze Debatte muss angemessen die Problematik ent-individualisierter Medizinbetrachtung reflektieren. Bei „epidemiologischen“ Themen ist eine solche „kollektivistische“ Perspektive immer der Fall, weil Ansteckungsdynamik eine komplexe Rolle spielt. Jede seriöse Erörterung von Impfen muss daher zwangsläufig zentral und gründlich dem philosophischen Aspekt der Unterordnung des Individuums unter Interessen des Kollektivs Rechnung tragen – die angesichts der Menschenrechte nicht leichtfertig gefordert werden kann und darf. Wo eine solche differenzierte sozialethische Auseinandersetzung nicht erkennbar wird, ist der ganze öffentliche Streit über das Impfen zwangsläufig in einem gefährlichen intellektuellen „No-Go-Area“ unterwegs.

Fazit: Die „Diskursanalyse“-Mode in den Geisteswissenschaften geht mir allgemein ziemlich auf die Nerven. Aber hier kann „Diskursanalyse“ wirklich einmal helfen. Ausgerechnet hier, wo sie tatsächlich gebraucht würde, fehlt sie bislang und muss dringend forciert werden.

2. Als gesellschaftlich führend anerkannte Beurteilungsinstanzen für Impffragen müssen zuverlässig neutrale, paritätische Autoritäten sein. Dominiert hierbei eine Präsenz der Pharmaindustrie, verursacht dies ein durchaus berechtigtes Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber den Aussagen solcher „Autoritäten“. Dieser Missstand ist konsequent abzustellen. Impfen muss zwar gewiss auch (volks-)wirtschaftlich sein, aber es darf nicht in erster Linie ein Geschäft darstellen. Der Verdacht, dass letzteres gegenwärtig der Fall sei, besteht nicht unbegründet.

3. Jede Impfung hat auch einzeln verfügbar zu sein. Der von der Pharmaindustrie aus kapitalistischem Kalkül gesteuerte Zwang zu Kombinationsimpfungen ist eindeutig rechtswidrig. Auch hier sind ganz klar wieder die Persönlichkeitsrechte der zu Impfenden über eine Kapitalisierung des Impfbetriebs zu setzen.

4. Solange die Gesundheitsschädlichkeit von Konservierungsmitteln wie etwa dem hoch quecksilberhaltigen Thiomersal oder Adjuvantien (Wirkungsverstärkern) wie etwa Aluminiumhydroxid, die an sich hochgiftig sind (u.a. neuro- bzw. embryotoxisch) und in Impfstoffen verwendet werden, nicht wissenschaftlich solide ausgeschlossen ist, dürfen diese Stoffe bei der Herstellung von Impfstoffen kategorisch nicht eingesetzt werden.

5. Die tendenzfreie, unparteiische, wissenschaftlich streng korrekte Impfforschung hat sich mittels angemessener Budgetierung stärker auf einige wichtige Fragen in ihrem Zusammenhang zu fokussieren, die sie bislang – mutmaßlich auf Geheiß ihrer industriellen Geldgeber – eklatant vernachlässigt hat, insbesondere:

(a) Welchen wirklich beweisbaren Sinn hat es, noch gegen Erreger zu impfen, die zur betreffenden Zeit am betreffenden Ort einstweilen „ausgerottet“ sind? Könnte dies angesichts des komplexen Zusammenspiels von Immunentwicklung und Erregermutation womöglich sogar tatsächlich individualhygienisch wie epidemiologisch kontraproduktiv sein? Welche differenzierteren Vorgehensregeln sollten in dieser Frage vielleicht künftig vernünftigerweise bevorzugt werden, anstatt nur „immer alles Verfügbare stur weiterhin komplett durchzuimpfen“ – was lediglich einem Betroffenen wirklich zuverlässig zugute kommt, nämlich der Pharmaindustrie?

(b) Das Impfen Kranker muss behutsam an Kranken erforscht werden. Studien mit gesunden Probanden können hierüber keine sinnvollen Erkenntnisse liefern. Das Defizit in diesem Bereich ist skandalös und steht nicht zu Unrecht in dem Verdacht, auf verantwortungslose Weise Todesfälle zu verschulden, die zwar gewiss nur tragische Einzelfälle sind – und trotzdem ist jeder einer zu viel. Menschenleben haben keinen Preis. Entsprechend besteht eine maximale wissenschaftliche Sorgfaltspflicht, die noch viel ernster genommen werden muss als bisher. Solange die Pharmaindustrie noch eine ausgesprochene „Bereicherungsindustrie“ ist, besteht hier noch sehr viel finanzieller Spielraum zu erheblichen Verbesserungen des Systems. Die Pharmaindustrie zu fragen, ob sie diese Verbesserungen als solche sieht, hieße freilich den Falschen fragen.

Als wichtigster Schlüssel zur Lösung des Problems erscheint alles in allem also die Zurückdrängung des überdimensionierten Einflusses der Pharmaindustrie auf das Impf-Thema. Andererseits brauchen wir diese Industrie aber auch: Sinnvolle Impfprogramme sind tatsächlich eine volkswirtschaftliche Mammutaufgabe, die ohne Unternehmertum nicht leistbar ist.

Deshalb beginnt der entscheidende Schritt in den Köpfen: Mit einer Aufgabe positioneller Plattitüden und der Bereitschaft zu angemessen komplexen und differenzierten Betrachtungsweisen – so anstrengend diese sein mögen.