In die Wüste geraten – in den Wald gekommen

Je tiefer die Wüstenväter räumlich in die Einsamkeit flüchteten, desto zahlreicher wurden sie dort von sie verfolgenden Verehrern bedrängt und umlagert und konnten nicht mehr allein sein. Je tiefer sie sich in ihren definierten Bußübungen demütigten, desto höher wurden sie dafür von ihren Bewunderern gelobt und traten infolge solchen Ruhms in die entnervende Beanspruchung des Lichts der Öffentlichkeit – sie, die nichts sehnlicher erstrebt hatten als den Schatten der Unbekanntheit.

Je sicherer ein Mensch seine Lebensform in feste Strukturen einzuschließen versucht, desto mehr kollaterales Unglück hat er von daher zu befürchten. Das höchste menschenmögliche Glück ist nicht in der radikalen Konsequenz zu finden, sondern in der weisen Balance der irdischen Gegensätze, der phasischen Polaritäten, der dialektischen Dualismen: Die erfüllendste Einsamkeit ist in den kleinen und doch großen, scheinbar zufälligen, aber doch zuverlässigen, wundersamen alltäglichen Zwischenräumen der menschlichen Gesellschaft zu finden; das wohltuendste Inkognito gelingt inmitten der Normalität gewöhnlicher erdenbürgerlicher Selbstverteidigung, sobald man bloß einmal humorvoll-ironisch anfängt, diesen psycho-sozio-mentalen menschlichen Mechanismen jenen übermäßigen Ernst abzuerkennen, der sie pathetischer Anstrengungen zur Selbstvernichtung des eigenen Egos zu würdigen pflegt.

Die Weisheit der Wüstenväter

Hans Conrad Zanders köstliches Buch „Als die Religion noch nicht langweilig war – Die Geschichte der Wüstenväter“ ist außerordentlich empfehlenswert. Bei seinem programmatischen Lebens-Unterfangen, Religion mit solider theologischer Begründung nicht als fixierte Tragödie sadomasochistischer Dialektik zwischen „Meisnern“ und „Drewermännern“, sondern stattdessen als heilige Komödie zu begreifen, trifft dieser Autor meines Erachtens, von wenigen Stellen abgesehen, fast immer genau den richtigen Ton.

Zur Sache ist zu sagen: Zander weist zwar, meines Erachtens sehr zutreffend, auf das religiös-wirtschaftliche Doppelmotiv von Askese und Steuerflucht hin, das dem Wüstenvätertum seine besondere historische Energie verlieh, während nur eines der beiden Motive allein diese außerordentliche Strahlkraft des Phänomens wohl eher nicht zur Entfaltung gebracht hätte. Aber er konkretisiert die zeitgenössischen Gründe zur verzweifelten Steuerflucht viel genauer als die zur Askese. Während die mörderische römische Steuerschraube historisch schmerzhaft greifbar wird, scheint der Impetus zu exzessiver Askese bei Zanders Christen der Alten Kirche „einfach nur da zu sein“. Wenn man jedoch schärferes Augenmerk darauf richtet, dass 313, das Jahr der „Mailänder Vereinbarung“, auch als das Jahr angegeben wird, in dem Antonius seine zurückgezogenste, dritte und endgültige Einsiedelei in Kolzim über dem Roten Meer bezog, und 325, das Jahr des Konzils von Nikaia, auch als das Jahr der Eröffnung des ersten Pachomios-Klosters in Tabbenisi gilt, so wird deutlich, – selbst dann oder vielleicht sogar gerade dann, wenn diese vermeintlich so exakten Datierungen eher legendarisch-nachträglich sind -, mit welcher prompten Gezieltheit das neue Eremitentum auch eine präzise spirituelle und religionspolitische Reaktion auf die Konstantinische Verwandlung der Kirche darstellte, die allen mystischen Christen ihrer Zeit zutiefst missfiel.

Zur Form der mild humoristischen Religionsliteratur drängt es mich anzumerken: Jedes „existenziell“ oder „essenziell“ geführte Leben gleicht dem Hinausziehen des Antonius in die Wüste; und solche Bewegung des Strebens zum Wesentlich-Werden (vgl. Angelus Silesius) ist zentral kennzeichnend für einen echt geistlichen Charakter. Zwar muss man vernehmlich die kritische Frage stellen, ob nicht auch das Unheroische, Geplänkelhafte, Eitle, Ennuierende, Lächerliche wesenhaft, mithin existenziell und essenziell zu unserem irdischen Dasein gehört. Andererseits kann und darf die Suche nach dem „Eigentlichen“ des Lebens mit diesem Einwand auch nicht hinweg-intellektualisiert werden. Das Verhältnis von Sinn und Unsinn ist ein großes Mysterium.

Was etwa der kirchlichen Liturgie ihre echte, tiefe Bedeutsamkeit verleiht – jenseits aller sakramentalistischen Dogmatisierungen -, ist, dass sie in diesem Sinne das größte vorstellbare Gleichnis für die irdische Situation der Menschheit bildet: Wesenhaft „geistliches Theater“, hat sie in ihrer diesseitigen Zwecklosigkeit unvermeidlich immer auch etwas zutiefst Komisches – und wirkt nur umso komischer, je weniger selbstironisch Zelebrant und Teilnehmer sich dies gelassen einzugestehen in der Lage sind. Die einzige wirklich zutreffende Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Liturgie ist: Ich tue das, weil es die Tradition meiner Religion ist, und diese Antwort muss genügen. Und darum tue ich es dennoch keineswegs oberflächlich oder teilnahmslos. Durch diese Haltung – und nur durch sie allein – rühre ich wirklich an das Mysterium der Gegensätze; das heißt an das Ur-Mysterium der Nicht-Zweiheit: In der reinen, totalen Komik eines relativen Abbildes der Vergeblichkeit allen menschlichen Handelns offenbart die Liturgie in ihrer Tiefe zugleich die absoluteste Dimension des Ernstes, die Menschen zugänglich ist. Allerdings nicht, wenn wir diese Dimension „eigen-sinnig“ an die Oberfläche der kultischen Erscheinung heraufzwingen wollen.

Der größte Liturge ist derjenige, der zutiefst bejaht, mit seinem kultischen Tun vor den Augen der Welt als durchaus „lächerlich“ dazustehen. Ohne ein Lächeln – wenigstens ein innerliches – ist diese Bejahung nicht überzeugend. So kann und muss der Mensch, zumindest bis zu einem gewissen Punkt, gerade auch durch das Nicht-Existenzielle existenziell, durch das Nicht-Essenzielle essenziell werden.

Wer das tiefer verstehen möchte, kann in der Tat nichts besseres darüber lesen als die „Apophthegmata Patrum“, die „Aussprüche der Wüstenväter“.

Deren geheiligte Maxime „Fliehe die Frau und den Bischof“ spricht Bände. Die Erwähnung des Bischofs zeigt überdeutlich, dass es sich dabei um einen durchaus politischen, ursprünglich nicht um einen asketisch-spirituellen Grundsatz handelt. Die Flucht vor der Ehe war vor allem der Schlüssel zur erfolgreichen Steuerflucht. Erst später, als die mächtiger werdende, Überhand gewinnende Amtskirche sich das nonkonforme originäre Mönchtum gewaltsam harmonisierte, wurde die Initialzündung zum Zölibat reinheitskultisch in Ex 19,15 hineingelesen, wo Mose die Israeliten vor der angekündigten Offenbarung Gottes auf dem Sinai anweist: „Haltet euch für den dritten Tag bereit! Berührt keine Frau!“ Das ursprünglich mit der „Flucht vor der Frau“ untrennbar gekoppelte anstößige Wort von der „Flucht vor dem Bischof“ wurde von da an klammheimlich „hinten runter“ fallen gelassen.

Heute können, sollen, ja müssen wir den Spieß umdrehen und feststellen, dass die „Flucht vor der Frau“ als geistliches Paradigma passé ist – nicht nur, weil erfolgreiche Steuerhinterziehung heutzutage ganz anderer Finessen bedarf, zu denen ein wohl überlegter Ehevertrag eher hilfreich sein kann -, dafür jedoch die „Flucht vor dem Bischof“ für alle, denen es wirklich um spirituelle Werte zu tun ist, ganz neues Gewicht bekommt.

Nicht böse sein – aber nachdenklich

Zu dem „neckischen“ Foto, das mir vor wenigen Stunden gelang und das ich hier gerade eingestellt habe, fühle ich mich bemüßigt einen Kommentar abzugeben, da derjenige, der es ganz versteht, es andernfalls auch als sehr bösartig missverstehen könnte:

Eine freistaatlich-bayerische Fahne beschattet exakt einen Reichsadler. Adresse der Szene ist München, Sophienstraße 6, ehemaliges Oberfinanzpräsidium gegenüber vom Alten Botanischen Garten, errichtet im Monumentalstil der Jahre 1938-42. Dreimal dürfen Sie raten, was ursprünglich in dem jetzt leeren Kranz zu sehen war, auf dem der Adler sitzt.

Ich möchte dem gegenwärtigen kulturellen Klima meiner bayerischen Heimat mit diesem Bild nichts unterstellen. Aber ich möchte zur Besinnung auf das kulturelle Klima anregen. Denn solche Besinnung scheint mir nach wie vor – und überhaupt immer – dringend notwendig.

Pa-pa-pa-pa-pa-pa-papst

Was gestern in Rom passiert ist, kann ich ja nicht gänzlich ignorieren. Wer könnte das. Es zu kommentieren, fällt mir aber schwer, denn dazu fällt mir einfach nichts mehr ein. Zwei Päpste sprechen zwei andere Päpste heilig, und Millionen Katholiken (?) drängen sich dazu „fanatisiert“ auf den Straßen der Papsthauptstadt. Was soll das? Was hat das mit Christentum zu tun? Nichts, aber auch gar nichts.

Vor allen vier an diesem Spektakel beteiligten Päpsten habe ich übrigens Respekt. An allen vier gibt es darüber hinaus sogar etwas, das ich menschlich sympathisch finde. In allen vier Fällen sind das recht unterschiedliche Aspekte ihrer sehr verschiedenen Charaktere. Gegen alle vier gibt es für mich auch kritische Einwendungen zu machen, die sie jeweils persönlich betreffen, die sich also unabhängig von meiner grundsätzlichen Kritik am schultheologisch verankerten Verständnis ihres Amtes darauf beziehen, wie sie es individuell ausgeübt haben. Natürlich – denn kein Mensch ist über Kritik an seinem Tun erhaben, auch kein Papst. Und gleichzeitig gilt ein Teil des Respekts beinahe „zwingend“ den Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen, die einen Mann in das Papstamt gebracht haben. Denn das Ergebnis eines Konklaves ist niemals ein reiner Betriebsunfall; man mag ansonsten vom vatikanischen Geschehen halten, was man will. Man kann daher das Summieren von vergleichenden „Gesamtnoten“ aus all diesen Gesichtspunkten – auch wenn die Vier dabei für mich zweifellos insgesamt ebenso unterschiedlich abschneiden würden wie in den Einzelheiten – getrost einmal hintanstellen.

Unabhängig davon also:

Dieser römische Herrscherkult ist unerträglich. Er hat Formen und Ausmaße erreicht, die schlichtweg christlichen Prinzipien zuwiderlaufen.

Das Pontifikat von Franziskus wird auch daran zu messen sein, ob er aus der Falle dieses Medien-Mechanismus irgendeinen Ausweg findet.

Das ist freilich absolut keine beneidenswerte Aufgabe. Denn probate Lösungsansätze sind dafür derzeit nicht in Sicht. Die Medienkultur hat den Sog eines Schwarzen Lochs, das auch vor Herren in Weiß nicht halt macht. Welche andere Alternative als die totale amtliche Selbstpreisgabe gibt es zum herrschenden Medien-Papsttum?

Und dennoch ist Selbstpreisgabe genau das, was Jesus von denen gefordert hat, die ihm nachfolgen wollen.

So landet man wieder am alten, wunden, unmöglichen Punkt: Wenn das Papsttum wirklich dienlich werden wollte, müsste es sich abschaffen – zumindest in der Form, die es heute erlangt hat.

Papst Franziskus ist ja viel zuzutrauen. Aber auch das ihm Zuzutrauende hat Grenzen. Er kann sich ja noch nicht einmal einem Akt der Selbstverkultung des Papsttums – wie dem gestrigen – verweigern, obwohl schwerlich anzunehmen ist, dass derlei wirklich zu seinen ureigensten hauptsächlichen Interessen zählt, wenn man seine bisherigen Äußerungen voraussetzt.

Papst sein heißt eben gebunden sein. Wir müssen das, was wir von einem Papst erwarten können, nicht nur an seiner Persönlichkeit, sondern auch an seiner amtlichen Unfreiheit bemessen.

Hauptsache, die Millionen, die gestern in Rom waren, wissen, worauf es beim Christsein wirklich ankommt. Der erhebliche Zweifel daran, ob das bei einer Mehrheit von ihnen wirklich zuverlässig der Fall ist, ist letztlich das einzige echte Problem des 27. April 2014.

Sieben Ausprägungen des geistlichen Lebens

Es gibt sieben distinkte Formen oder unterschiedliche Ausprägungen des geistlichen Lebens. Ich etikettiere diese Siebenfalt mit den Stichworten (1.) Verkündigung, Bildung und Mission, (2.) Schriftgelehrtheit und Reflexion, (3.) Liturgie und Sakramente, (4.) Institutionsverantwortung, (5.) Integrationsarbeit an der sozialen Gemeinde, (6.) Individualseelsorge, (7.) Mystik.

(1.) Verkündigung, Bildung und Mission war der ursprüngliche Wortsinn von „Martyrium“: Zeugnis ablegen. Als persönlicher Schwerpunkt des geistlichen Lebens prägt diese Dimension den Typus des systematischen Theologen, des theoretischen religiösen Denkers, des Religionslehrers, Katecheten und Predigers aus, der im sozialen Kontext der Religion den „Prozesspromotor“ darstellt. Mit seiner grundlegenden Einstellung, die Religion als einen „Glauben“ definiert, dessen „Bekenntnis“ auch eine Herausforderung, ja eine Zumutung enthält, bildet er in gewisser Weise einen Gegenpol zu den Vertretern eines vorwiegend dienenden, „diakonisch-karitativen“ Zugangs zur religiösen Praxis im Sinne von (5.) (siehe unten).

(2.) Schriftgelehrtheit und Reflexion meint eine Person mit Muße zu wissenschaftlicher Expertise in biblischer und historischer Theologie, einen theologischen „Fachpromotor“, der insbesondere ein Korrektiv zu (1.) einbringt.

(3.) Liturgie und Sakramente prägen als persönlicher Schwerpunkt des geistlichen Lebens den Typus des für die Gestaltung und Leitung von Riten und Zeremonien besonders Geeigneten. Dies ist die Kernkompetenz des im eigentlichen, engeren Sinne „priesterlichen“ Typus, an den im höchsten Maß die Anforderung an vor allem würdevolles Auftreten durch disziplinierte Eleganz aller Verhaltensweisen gestellt ist. Diese Anforderung verlangt nach einem Charakter, der sich im sozialen Kontext der Religion profiliert als „Ruhepromotor“ auswirkt (sozusagen ein Spezifikum der religiösen Variante des „Promotoren“-Modells). In ihm heben sich die Gegenpole auf – aus seiner eigenen Sicht auf jeden Fall, und auch was das Fremdbild angeht, birgt lediglich die Rolle des Individualseelsorgers ein gewisses Potenzial zu Kontroversen mit dem Liturgen, die sich auf den Formalisierungsgrad des Umgangs mit „Kasualien“-Anlässen beziehen.

(4.) Institutionsverantwortung bedeutet das Management kirchlicher organisatorischer Strukturen, Entscheidungs- und Leitungsfunktion, die amtsbezogene Autoritätsrolle des „Machtpromotors“, der für die wünschenswerte Effizienz im sozialen Geschehen der Religion unentbehrlich ist, die Deckung eines großen und entscheidenden Teils des gemeindlichen Bedarfs an Moderation, Mediation und schiedsgerichtlicher Konfliktregelung sowie das Arbeiten an den Schnittstellen zwischen Religion und Politik. Der kirchliche Institutionsverantwortliche bildet einen mehr oder weniger starken Gegenpol zu den meisten der übrigen Zugänge zum religiösen Leben, ausgenommen den liturgisch-sakramentalen, weswegen die religiösen „Machtpromotoren“ ein klassisches Interesse daran haben, zusätzlich vor allem die Liturgenfunktion in „Personalunion“ zu übernehmen, die ihnen hilft, weniger opponiert zu werden. Wenngleich das Element der Macht in der Religion gewiss kritisch gesehen werden muss, scheint es doch in gewisser Weise und in gewissem Maße unverzichtbar zu sein, weil es andernfalls zu einer Desintegration und einem Zerfall religiöser Phänomene und der reflektierten Sicherung ihrer Tradition käme, der nicht dienlich wäre.

(5.) „Integrationsarbeit an der sozialen Gemeinde“ beschreibt die vielfältigen Tätigkeiten eines „Beziehungspromotors“ in der sozialen Dimension des Religiösen: den kirchlichen Sozialarbeiter, den „Diakon“ im neuzeitlichen Sinne, den mit „karitativen“ Fürsorgeaufgaben und Gemeinwohl-Initiativen als Ausdruck der Frömmigkeit Betrauten, den durch sein Wirken die Kirche am unspezifischsten, aber daher auch am universalsten repräsentierenden religiös motivierten Pfleger, Betreuer, Helfer, Retter, Schützer, Wächter, Friedensstifter, Vermittler und Boten der guten Nachricht von der nichts und niemanden ausschließenden Liebe Gottes. Der so verstandene „Diakon“ bildet in gewisser Weise einen Gegenpol zum „Mystiker“ im Sinne von (7.); in ihrer Polarität bildet sich die Dialektik von vita activa und vita contemplativa ab, die letztlich natürlich kein „Gegensatz“ sein darf. Mit dem Institutionsverantwortlichen kontrastiert der so verstandene „Diakon“ zudem dadurch, dass die Repräsentanz des Institutionsverantwortlichen etwas mit Profilschärfe, mit Abgrenzung, mit Exklusion zu tun hat, während der diakonische „Integrator“ Anwalt der Inklusion, der Offenheit ist.

(6.) Individualseelsorge ist das Aufgabengebiet der spirituell begründeten psychologischen Krisenintervention, des „Beichtvaters“, des geistlichen Beraters und Begleiters in konkreten persönlichen Lebensproblemen, des – viel ursprünglicheren – religiösen Komplementärangebots zur heutigen Psychotherapie, des archaischen „Heilers“. Der individuell auf den Rat- und Hilfesuchenden eingehende Seelsorger fungiert als Ergänzung oder in gewisser Hinsicht auch als Gegenpol zum Liturgen und dessen rituell formalisiertem Tätigwerden in „Kasualien“.

(7.) Der „Mystiker“ akzentuiert absichtlich – vielleicht sogar provokativ – eine religiöse Lebenseinstellung, Lebensform und Rolle ohne alle kalkulierten Nützlichkeits-Prioritäten. Das bedeutet nicht, dass er keine praktischen Funktionen für die religiöse Gemeinde hätte; aber diese Funktionen sind nicht vorhersehbar. Sie können beispielsweise die eines „Propheten“, eines „Sehers“ und „Orakels“, oder die eines Poeten und Sängers tiefer geistlicher Wahrheiten sein. Häufig – wenn auch nicht notwendig, nicht unbedingt – trägt die kontemplative Lebensweise des Mystikers eremitische und asketische Züge. Der Mystiker wird von den Repräsentanten aller übrigen Zugänge zur Religiosität zumindest latent opponiert; denn er wird als unbequeme, irritierende Konfrontation mit dem unausgesprochenen Vorwurf des kirchlichen Aktionismus, ergo des Mangels an innerlicher religiöser Tiefe erlebt. Spricht man anders gestimmte religiöse Charaktere hierauf direkt an, werden sie den mystischen Weg zwar zumeist ausdrücklich emphatisch loben und preisen, ihn aber auch im selben Atemzug als „schwierig“ oder „nur ganz wenigen vorbehalten“ klassifizieren. Der Mystiker seinerseits opponiert alle anderen Zugänge zur Religiosität bezeichnenderweise entweder gar nicht oder aber auf eine liebevoll-ironische, dabei keineswegs überhebliche Art. Deutlich am nächsten stehen ihm vergleichsweise noch die Rolle des „Schriftgelehrten“ und des Individualseelsorgers. Diese beiden Funktionen können sich am ehesten in gewissen Grenzen mit der Rolle des Mystikers „institutionell“ verbinden. Hauptsächlich ist der Mystiker aber das „soziale Omega“ seiner Religion: in einer bestimmten Hinsicht „der äußerste Standpunkt, der gerade noch dazugehört“ – weil echte mystische Spiritualität eben letztlich überhaupt nicht mehr an die Formen einer bestimmten Religion gebunden ist. Damit ist der Mystiker auch ein herausragender „Ökumene-Promotor“.

Wenn eine religiöse Gemeinschaft wirklich spirituell lebendig sein und bleiben soll, müssen alle diese sieben sehr unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Grund-„Charismen“ in ihr vertreten sein – und zwar nicht nur glaubwürdig, sondern auch weitestgehend gleichberechtigt.

Die hohe praktische Relevanz und Konsequenz dieses Modells liegt darin, dass es die absolute Unmöglichkeit aufzeigt, diese vielgestaltigen Funktionsrollen einer lebendigen religiösen Gemeinschaft auf einen einzigen, sie alle in sich vereinenden „kanonischen“ Typus zu kondensieren. Mit ihrem herkömmlichen Priesterbild strebt die römisch-katholische Kirche eine solche Konzentration der pastoralen Paradigmen an. Ihr Priester soll – gut (?) paulinisch – „allen alles werden“ (1 Kor 9,22). Tatsächlich aber ist dies unmöglich, eine pure Illusion. Das heißt, in einem herausragenden Einzelfall göttlicher Begnadung mag solche pastorale Kompetenzfülle vielleicht vorkommen; als kirchliche Amtsnorm ergibt ihre Forderung keinen Sinn.

Dies ist eine der stärksten Begründungen dafür, weshalb wir in der kirchlichen Praxis endlich einen post-klerikalen Funktionen-Pluralismus brauchen.

Die Klerikalismus-Exit-Strategie

In Rom sitzt nicht die einzige entscheidende Reformbremse der katholischen Kirche. Eine weitere entscheidende Reformbremse der katholische Kirche sitzt im Kopf jedes einzelnen Katholiken – selbst wenn er sich als „progressiv“ gesinnt sieht. Worin besteht diese Bremse? In der „katholischen Methodik“.

Das ungeschriebene, aber nichtsdestoweniger überaus feststehende Dogma der „katholischen Methode“ besagt: „Altes wird nicht über Bord geworfen, sondern neu bewertet.“

Bei den eher „metaphysischen“ Dogmen funktioniert das mit etwas Geschick und Übung fast schmerzfrei. Trinität, Christologie und Maria etwa kann man sich auf diese Weise auch und gerade als postmoderner Katholik wunderbar verständlich machen – zumindest in ihrem tieferen Sinn als Elemente eines profunden Systems von Symbolen, die als solche und solches Treffenderes und Bleibenderes über die Wahrheit der Wirklichkeit aussagen, als jede empirisch-rationale Wissenschaftsformel es könnte. Sich in solcher Verständnismethode zu üben, macht sogar Spaß; ja, weit mehr noch als das: Es ist spirituell zutiefst lehrreich. Hier liegen nicht die wahren Probleme einer katholischen Reform.

Aber es gibt gewisse andere, weniger „metaphysische“, vielmehr überaus „physische“ Dogmen, bei denen keine geistige Neubewertung einen schmerzhaft faktischen Sachverhalt außer Kraft zu setzen vermag: Frauen dürfen kein kirchliches Amt übernehmen, Priester dürfen nicht heiraten, der Papst ist ein absoluter Monarch, der von Amts wegen bis in die kleinsten praktischen Strukturen der Kirche hinein völligen doktrinären Glaubensgehorsam beansprucht und mit Synodalität konfligiert.

Hier geraten die katholischen Reformer in ihre schlimmste Zwickmühle: Sind sie katholisch – oder Reformer? Wenn sie wirklich Reformer sind, müssen ohne jede Frage die genannten quintessenziellen Sachverhalte endlich und endgültig faktisch verschwinden, weil sie kategorisch unhaltbar, untragbar geworden sind. Wenn sie wirklich Katholiken sind, wollen sie aber die Tradition nicht über Bord werfen. Allerdings gibt es an der exklusiv männlichen, verbindlich priesterzölibatären, papalistischen traditionellen Amtskirche nicht ernsthaft irgendetwas „neu zu bewerten“.

Es ist ihr eigener aus der urkatholischen Pietät gegenüber der Tradition genährter Zweifel, der den katholischen Reformkräften den größten Teil ihrer Energie raubt.

Es braucht eine Strategie, dieses Dilemma zu lösen. Und hier schlage ich diese Strategie vor:

Woran die bestehende römische Amtskirche sich selber misst und daher auch ultimativ messen lassen muss, ist die Verwaltung der von ihr definierten Sakramente. Vermag sie diesen Selbstanspruch nicht mehr glaubhaft einzulösen, z.B. aufgrund von Priestermangel, hat sie für die Dauer ihres praktisch evident disfunktionalen Zustands die Legitimation ihrer Autorität eingebüßt, weil es, theologisch gesprochen, eine überaus schwere Sünde ist, dem Kirchenvolk die Sakramente vorzuenthalten, wenn man dafür verantwortlich ist, sie zu spenden. Im Falle des Episkopats bezieht sich diese Verantwortung wesentlich auf die Organisation der sakramentalen Ver(seel)sorgung. Wird diese geistlich-seelsorgerliche Verantwortung nicht angemessen wahrgenommen, was sich schlicht am Faktum der Erreichbarkeit oder Nichterreichbarkeit der Sakramente für jeden einzelnen gewöhnlichen Gläubigen bemisst, ist es dem gläubigen Laienvolk nicht nur gestattet, sondern sogar geboten, ihre Amtskirche vorübergehend gleichsam zu entmündigen und sie einstweilen unter laiensynodale Betreuung zu stellen.

Unter diesen Umständen können dann alle synodal gutgeheißenen Verfahrensweisen der Kirchenleitung etabliert werden, auch neuartige, wie etwa die Aufhebung des klerikalen Pflichtzölibats oder das Frauenpriestertum, sofern eine Mehrheit der örtlichen synodalen Versammlung dem zustimmt.

Dieses Vorgehen erfolgt jedoch dezidierter und deklarierter Weise immer nur provisorisch. Folglich wird die Tradition damit nicht annulliert, sondern lediglich um eine neuartige, unter dem Druck der Umstände von der Kirchenbasis ausgehende „Notstandsgesetzgebung“ ad hoc ergänzt. Sobald sie einmal an einem Ort in Kraft getreten ist, muss diese eo ipso kirchenhistorisch gewordene Notstandsgesetzgebung von da an selbstverständlich ihrerseits für die gesamte Zukunft in angemessenem Proporz an der Weiterschreibung der ganzen katholischen Tradition Anteil bekommen – wenigstens etwa so, wie seit 1418 das Ringen mit den konziliaristischen Dekreten „Haec Sancta“ und „Frequens“ des Konstanzer Konzils in der Kirche nie mehr dauerhaft zur Ruhe kommen konnte, obwohl – bzw. weil – der weitere Verlauf der Geschichte diese Dekrete wieder zu entkräften versuchte. Ein „Totschweigen“, wie es die römische Amtskirche etwa gegenüber den Freiheiten versucht hat, die sie faktisch jahrzehntelang ihren Untergrundkirchen in gewissen kommunistischen Regimen gewährte, geht nicht. Alles Geschehene muss offen auf den Tisch.

Mit dieser Strategie hat die Reform hinreichend „den Fuß in der Tür“, und zwar theologisch-argumentativ „sauber“ und überdies sogar noch vergleichsweise „sanft“. Erweist sich die Amtskirche als von neuem in der Lage, nach ihren eigenen Statuten wieder ausreichend reguläre priesterliche Seelsorger in eine betreffende Gemeinde zu entsenden, erlischt dort die Laien-Prokura über die kirchlichen Amtsgeschäfte. Diese Prokura ist ortsgemeindlich limitiert; betroffene Gemeinden können jedoch interessenspezifische übergeordnete Zusammenschlüsse zur besseren Lösung der damit verbundenen Aufgaben bilden.

Sollte sich das bisherige kirchliche Regierungs- und Verwaltungssystem noch einmal entsprechend erholen, kann es um den Preis einer vollen Anerkennung der abgelaufenen Notstandsmaßnahmen die innerkirchliche Führung zurückerlangen und seine Betreuung beenden. Hierzu muss die Laienbewegung, die interim die kirchliche Sachwaltung einer Ortsgemeinde übernimmt, jederzeit entgegenkommende Bereitschaft signalisieren. So bleibt sie ihrer Tradition fest verbunden und entwickelt diese zugleich weiter. Nach einer auf die beschriebene Weise geregelten Notstands-Episode werden aus der Anerkennung der Vergangenheit dann allerdings endlich auch innovative Forderungen für die Zukunft mit angemessener Verbindlichkeit abgeleitet werden können, ohne dass irgendjemand berechtigt wäre, dem Anderen Traditionsbruch vorzuwerfen.

Angesichts des amtskirchlich verschuldeten extremen Seelsorgenotstands bietet sich diese Reformstrategie an. Was sie preisgibt, ist ein Anspruch auf oberlehrerhafte theologische „Grundsätzlichkeit“ ihrer Reformforderungen, die in Rom sowieso auf taube Ohren stößt. Dafür wahrt sie begründbar den Traditionsbezug – und erreicht faktisch-praktisch ihre Ziele.

Ist dies nicht der beste Weg?

Kapitalisiertes Internet?

Darf die Geschwindigkeit, mit der Daten aus dem Internet beim Konsumenten ankommen, von der Zahlungskräftigkeit des Anbieters abhängen?

Es ist eine Illusion zu glauben, das Internet sei von den Gesetzen des Kapitalismus ausgenommen. Es ist genauso ein Produkt des Kapitalismus wie alle anderen Massenmedien seit jeher auch. Bisher läuft die Finanzierung solcher Medien über Werbung. Das ist jedenfalls eine unerträgliche Pest, die gar nicht schnell genug verschwinden kann.

Wichtig ist (a) die verpflichtende Transparenz, wer wie viel für die bevorzugte Verbreitung seiner Interessen bezahlt, (b) ein großzügiges Datenmengen-Reservat für bevorzugte Informationsangebote von öffentlich geprüfter Objektivität und Neutralität, wie z.B. Wikipedia, solange dieses weiterhin resolut gegen heimlich bezahlte Artikel vorgeht und zudem laufend weitere, neue Instrumente zur Objektivitätssicherung seiner Beiträge zu etablieren sich erkennbar bemüht, und (c) die „geheiligte“ Möglichkeit jedes einzelnen Konsumenten, durch Zustimmung zur Kostenpflichtigkeit eines Angebots den von ihm gewünschten Informationen jederzeit absoluten effektiven Übermittlungsvorrang noch vor den Inhalten und Interessen jedes meistinvestierenden kommerziellen Anbieters zu sichern.

Das sind die Bedingungen, unter denen gegen die Einteilung des Internets in Autobahnen und Landstraßen nichts einzuwenden ist. An diesen Bedingungen ist allerdings rigoros festzuhalten; sie sind unter allen Umständen und mit allen Mitteln einzufordern. Insbesondere der dritte Punkt wird natürlich technisch und organisatorisch sicherlich kompliziert. Wer kapitalistische Umstrukturierungen des Internets plant, muss hierfür zuerst eine überzeugende Lösung vorlegen.

Jugendprotest DURCH statt GEGEN Religion: atypisch und alarmierend

Wenn angeblich ein Ansteigen der Zahl junger Frauen, mitunter fünfzehnjähriger Mädchen, aus zivilisierten islamischen Familien in Deutschland oder Österreich behördlich zu beobachten ist, die nach Syrien „abhauen“, um sich am Dschihad zu beteiligen und Dschihadisten zu heiraten, inzwischen aber auch vermehrt selbst als Kämpferinnen ausgebildet zu werden, so ist dies ein sehr ernstes Zeichen der spirituellen Not, die in unserer Welt herrscht.

Diese Not besteht darin, dass einerseits die globalen praktischen Probleme der Menschheit der jungen Generation immer größer und immer unlösbarer erscheinen, andererseits die religiösen Antworten in eine tiefe Krise geraten sind, die nur noch zwei Auswege zulässt: Entweder den anspruchsvollen Weg einer Spiritualität zu beschreiten, die das herkömmliche Konzept von Religion transzendiert, oder aber in ein Extrem, eine Fundamentalisierung, Radikalisierung, Fanatisierung der Religion zu verfallen, die in ihrer gemäßigten, „zivilen“, „bürgerlichen“ Variante als nicht mehr überzeugend, nicht mehr hilfreich erlebt wird. Welche dieser beiden Optionen Menschen, deren Pubertät noch nicht allzu lange her ist, im Zweifelsfall näher liegt, dürfte leider ziemlich verallgemeinerbar sein.

Aber nur unter großem Leidensdruck beschäftigen sich die meisten Jugendlichen überhaupt derart intensiv mit religiösen Fragen. Wenn in diesem Bereich also regelrechte „Tendenzen“ zu spektakulären Entschlüssen zu beobachten sind, so ist das per se sofort auffällig und kann nicht als bloße „Teenager-Dummheit“ abgetan werden. Wenn Jugendprotest vermehrt religiöse Formen annimmt, was für ihn ganz atypisch ist, so ist dies immer ein gesellschaftliches Alarmsignal.

Wo Leben und Lieben herrscht

Die Konservativen ereifern sich über die Änderung der Doxologie „der mit dir lebt und herrscht“ in „der mit dir lebt und liebt“. Tatsächlich wird durch solche Liturgie-Fummelei wenig bis gar nichts gewonnen. Es ist eine Abwandlung von Worten, die so oder so nur Worte sind und bleiben, solange der Gesamtcharakter der Liturgie nicht liebevoller wird. Liebevoller wird die Liturgie aber weder dadurch, dass sie „freier“, noch dadurch, dass sie „feierlicher“ wird. Sie wird in Wahrheit durch überhaupt nichts Äußerliches wesentlich beeinflusst. Sie wird entscheidend beeinflusst allein durch den Grad der Bewusstheit derer, die an ihr teilnehmen, und derer, die ihr vorstehen. Die Liturgie kann und soll ihrerseits neue Bewusstheit schaffen; dennoch muss die Bewusstheit zuerst da sein; und in ihrem Primat kommt sie nicht aus der Liturgie. Ob Gott eher „herrscht“ oder eher „liebt“, ist im Grunde ganz gleichgültig, solange wir Menschen uns nicht bewusst genug sind, ob wir anderen Menschen gegenüber eher herrschen oder eher lieben.

Das Brot, die Eier und das Fleisch

Der österliche Speisesegen bezieht sich ausdrücklich auf „das Brot, die Eier und das Fleisch“. Das ist ein subtiles Beispiel dafür, wie langsam alle wirklich fundamentalen kulturellen Veränderung nur vorangehen. Solange gerade die religiösen Menschen, mit deren Lebenshaltung ja zweifellos noch eine vergleichsweise überdurchschnittliche Affinität auch zu Fragen der gesunden Lebensweise einhergeht, den besonderen kulinarischen Aspekt der Feierlichkeit ihres höchsten Festes ausgerechnet mit drei nach heutigem objektivem Erkenntnisstand definitiv nicht gesundheitsförderlichen Nahrungsmitteln assoziieren, gibt es an unserem Bewusstsein noch viel zu tun. Ich bin sicherlich kein „Gesundheitsfanatiker“, aber es ist einem Christen nicht verboten, auch in dieser Hinsicht dazuzulernen. Schließlich ist die möglichste Gesunderhaltung unseres Leibes eine Geste des Respekts vor dessen Schöpfer und kann – in diametralem Gegensatz zu aller „orthorektischen“ Egozentrik – eine spirituelle Verwirklichung des Bewusstseins darstellen, dass wir nicht „Eigentümer“, sondern nur vorübergehende „Besitzer“ dieses Leibes sind.

Hostienschändung

Einer meiner derzeitigen Lieblingspriester, der Frankfurter Stadtdekan Johannes „Don Camillo“ zu Eltz, hatte seinen ersten großen öffentlichen Auftritt ja nicht erst versus Tebartz-van Elst, sondern bereits Anfang Januar 2007, damals noch Stadtdekan von Wiesbaden, als Gottesdienstbesucher den Zelebranten darauf aufmerksam machten, ein Mann habe die Hostie eingesteckt, anstatt sie zu verzehren. Der Täter zog sich, heißt es, eine Schwellung am Handgelenk zu, als er sich den pragmatischen und volksnahen Methoden des Dekans, ihn zur Rede zu stellen, nicht fügen wollte. Später habe zu Eltz angegeben, er verstehe sein Priesteramt dahingehend, dass er zum Schutz der Würde einer konsekrierten Hostie durchaus sein Leben zu opfern bereit sei.

Der Mann gefällt mir wegen der kräftigen und doch in sich ruhenden Persönlichkeitsstruktur, die sich in seinen Handlungen ausdrückt – und nicht zuletzt auch in seinen klugen, selbstkritischen und menschlichen Reflexionen über die Causa Tebartz-van Elst, sowohl als diese noch andauerte als auch nachdem sie vorüber war. So ein gestandener „Don Camillo“ kann die Kirche potenziell weiterbringen als alle vergeistigten theologischen Schlauschwafler jedweder Couleur. Dennoch stellt sich mir die befremdete Frage:

„Hostienschändung“? Was soll dem Leib eines Gekreuzigten noch zustoßen, der sich freiwillig für unsere Sünden geopfert und in die Rolle eines Verbrechers begeben hat? Als Jesus noch auf Erden lebte, begab er sich notorisch furchtlos in die zwielichtigen Winkel menschlicher Existenz. Und der von Nichtchristen oft genug als grotesker Kannibalismus verspottete kultische Verzehr seines hingerichteten Leibes sollte immer nur von geweihtem und liturgisch purifiziertem goldenem und silbernem Geschirr stattfinden dürfen? Irgendwie erscheint es mir gerade für Christen, die ihrem Heiland wirklich folgen, schlichtweg ganz unlogisch, in eine solche „Sakramentalneurose“ zu verfallen. Erst diese „Sakramentalneurose“ ist es übrigens, die meines Erachtens das gesamte Gebäude der christlichen Lehre ihren Gegnern mit einigem Recht als neurotisch erscheinen lässt. Wenn der Gott Jesu wirklich in äußerster Konsequenz ein „Gott der niedrigen Dinge“ ist, kann sein liturgischer Leib sich niemals am falschen Ort befinden. Er wird überall Heil wirken. Alles andere ist religiöses Spießbürgertum.