Mechthild von Magdeburg

Die woestin (Wüste) hat zwoelf ding.
Du solt minnen (lieben) das niht (Nichts).
Du solt vliehen das iht (Etwas).
Du solt alleine stan
und solt zuo nieman gan.
Du solt sere unmuessig sîn
und von allen dingen wesen vrî.
Du solt die gevangenen enbinden
und die vrien twingen.
Du solt die siechen laben
und solt doch selbe nit haben.
Du solt das wasser der pine (Pein) trinken
und das fuer (Feuer) der minne mit dem holtz der tugende entzuenden.
So wonest du in der waren wuestenunge.

(Buch 1, Kapitel 35)

Maison carré

Man hat die antike Weiheinschrift am heute „Maison carré“ genannten römischen Tempel in Nîmes allein aus der Anordnung der Stiftlöcher rekonstruiert, in denen die großen Lettern aus Metall einst verankert waren. Ein Mystiker macht gleichsam genau das Gegenteil: Er betrachtet die prächtig glänzenden feierlichen Inschriften seiner Gegenwart und versucht sich vorzustellen, welches Muster wohl die tragenden Stiftlöcher dahinter in ihrem Untergrund ergeben.

Wie ein Mystiker über die Dinge denkt: gar nicht, denn ein Mystiker denkt nicht ÜBER, sondern UNTER die Dinge.

Der Philosoph lässt Antworten lieber offen, der Mystiker lieber zu.

Guy Fawkes

Die jungen Leute bei „Anonymous“ und „Occupy“ hinter ihren Guy-Fawkes-Masken wissen wahrscheinlich gar nicht, was für ein altes Stück sie spielen: Marxisten hinter katholischen Fratzen. Inzwischen haben wir längst schon das Gegenteil gehabt. Aufmerken, weil etwas ernstlich voran gehen könnte, werde ich erst, wenn ich wieder Katholiken bemerke, die katholische Gesichter aufsetzen.

Mein kirchenpolitisches Programm

Was die „KirchenVolksBewegung“, „Wir sind Kirche“, „Gemeindeinitiative“ etc. eint, ist eine kirchenpolitische Zielsetzung, keine theologische. Die Unterscheidung zwischen Theologie und Kirchenpolitik ist elementar, auf sie muss viel Wert gelegt werden. Aus rein theologischen Gründen hätten sich die kirchlichen Reformgruppen sicherlich nie zusammengefunden. Nicht, dass sie es nicht gewollt hätten; aber sie hätten dann bei weitem keine so klare gemeinsame Basis gewonnen, nicht so viele Sympathisanten angezogen und keine so dynamische Wirkung entfaltet. Das tragende integrative Moment dieser Reformbewegung ist präzis die Forderungstrias von synodalem Ende des Klerikalismus, Geschlechtsneutralität aller kirchlichen Ämter und Freiwilligkeit des priesterlichen Zölibats. Darüber hinaus reichen die stabilen Konsense der unter den genannten Fahnen organisierten Reformer faktisch nicht. Sie sind keine dogmatischen oder liturgischen, moralischen oder ökumenischen Konsense; erst recht keine „spirituellen“. Das sollte man nicht verkennen. Gewiss werden hinter den drei gemeinsamen kirchenpolitischen Zielen in der Praxis in vielen Fällen auch zahlreiche sonstige verbindende kirchliche und religiöse Ansichten stehen. Aber dafür steht keine der zitierten Bewegungen mit ihrem Namen ein, geschweige denn mit ihrem Programm. Das ist auch gar nicht nötig – ja, es wäre gar nicht gut; denn es würde die Gefahr erhöhen, dass die kirchliche Reformbewegung zu einer „Gegenkirche“, zu einer schismatischen Veranstaltung depraviert. Das kann nicht gewollt sein.

Die römische Amtskirche leugnet den Unterschied zwischen Theologie und Kirchenpolitik. Für sie ist ihr zwangszölibatärer, zwangsmännlicher Zwangsklerus eine Glaubensfrage.

Angesichts dessen bleibt der Kirchenreformbewegung meines Erachtens nichts anderes übrig, als echt und profund theologisch hiergegen zu argumentieren. Es nützt nichts, immerfort nur zu sagen: „Nein, unsere Kritikpunkte betreffen nicht wirklich die Theologie, sie sind in Wahrheit nur Politik!“ Rom beharrt einfach auf dem Gegenteil. Und selbst wenn eine Mehrheit der sogenannten „Laien“ der Reformposition zustimmen würde, wäre es immer noch ein bedenklichster schismatischer Akt, die bislang gültigen kirchenamtlichen Vorgaben in diesen drei Punkten einfach zu ignorieren, anstatt sich die Mühe zu machen, sie auf ihrem eigensten geistigen Feld zu widerlegen und zur Kapitulation zu zwingen vor dem Richterstuhl der intellektuellen Redlichkeit. Sollten die Vertreter Roms es dann wagen, sich auf unmittelbar göttliches Recht zu berufen, so kann man ihnen getrost entgegnen, dass Gott nicht als Berufungsinstanz tätig wird für Wahrheitsfindungen, die nicht zuerst der Würde der uns von Gott gegebenen Vernunft gerecht wurden.

Ich bin überzeugt, dass man innerhalb des Prämissenrahmens der traditionellen katholischen Theologie sehr starke und präzise Argumente für die Forderungen der katholischen Reformbewegung und gegen den „petrifizierten“ römischen Standpunkt artikulieren kann. Und dass man sich dieser Anstrengung auch und gerade dann gründlichst unterziehen muss, wenn man selber die Fragen, um die es einem geht, gar nicht für ein eigentlich theologisches Thema hält.

Diese Aufgabe mache ich mir im besonderen persönlich zu eigen im Interesse der kirchlichen Erneuerung.

Konkrete Gedanken zur priesterlosen Eucharistiefeier

Die liturgische Praxis der Eucharistefeier gründet sich auf Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Dieses Schriftwort wird verletzt, wenn die Handlung, zu der Christen im Evangelium unmissverständlich aufgefordert werden, aufgrund einer kirchlich-theologischen Selbstblockade, wie wir sie heute erleben, nicht mehr ausgeführt werden kann. Die Amtskirche vertritt die Position, angesichts des Priestermangels hätten die Gläubigen auf Eucharistiefeiern zu verzichten. Nachdem das gesamte Neue Testament aber keine näheren Ausführungsbestimmungen zu Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25 enthält, hat die Amtskirche fraglos kein Recht, ihre nachschriftlichen Traditionen über ein eindeutiges Schriftwort zu stellen.

Jede akzeptable Argumentation in dieser Sache muss sich also auf den Priestermangel beziehen. Solange genügend Priester vorhanden sind, haben die Traditionen der Kirche – zumindest solange keine eindeutige Mehrheit aller Gläubigen sich eindeutig gegen sie ausspricht – durchaus mehr Gewicht als aktuelle Reformwünsche einer kirchlichen Teilgruppe.

Wenn jedoch amtskirchliches Agieren unverkennbar einem biblischen Auftrag widerspricht, so ist dagegen auch die kleinste Minderheit im Recht.

Übrigens ergibt es kategorisch keinen Sinn, zwei unterschiedliche Arten der Gedächtnisfeier gemäß Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25 konstituieren zu wollen, eine priesterliche und eine nichtpriesterliche. Dies würde das Gedächtnis ja gerade trüben, weil verundeutlichen, und wäre somit kontraintentional.

Tatsächlich MÜSSEN bei Priestermangel sogenannte kirchliche „Laien“ Eucharistiefeiern vorstehen, da die Gemeinden andernfalls ein biblisches Gebot verletzen. Aus dem Beispiel des gesamten Lebens der Kirche schon seit der ersten Zeit ergibt sich zwingend die Norm, dass in jeder christlichen Gemeinde an jedem ersten Tag der Woche eine Eucharistiefeier stattzufinden hat. Wo diese Norm nicht eingehalten wird, machen alle einzelnen Gemeindemitglieder sich einer Verletzung fundamentaler Maßgaben ihrer Religion schuldig.

Über die moralische Schwere der Schuld kirchlicher Amtsträger, die einen solchen Missstand politisch systematisch verursachen, wage ich hier nicht zu spekulieren. Aber jede einzelne Christin und jeder einzelne Christ ist unbedingt dafür verantwortlich, dass einem solchen seelsorglichen Missstand tatkräftig abgeholfen wird.

Hierzu sind meines Erachtens drei Punkte praktisch zu beachten.

Der erste und wichtigste ist, dass die Laien, die einer Eucharistiefeier vorstehen, nicht nur keine Priester sind, sondern auch keine Priester sein SOLLEN, das heißt keine Priester ersetzen sollen: Die theologische Grundlage dieses Schritts darf keinesfalls der Anspruch sein, „contra legem neue, eigene Priester zu weihen“. Der Laie, der einer Eucharistiefeier vorsteht, muss seine Rolle vielmehr ganz im Gegenteil bewusst als Kontrastprogramm zu allen „klerikalen“ Konzepten auffassen und darstellen. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens wäre ein „Priester contra legem“ ein ebenso eindeutiger wie unnötiger Verstoß gegen das Kirchenrecht, während im Gegensatz dazu ein priesterloser Vorsitz der Eucharistiefeier bei Priestermangel umso gerechtfertigter ist, je dezidierter und deklarierter er durch Personen erfolgt, die beanspruchen, nicht Priester, also, im amtskirchlichen Sprachgebrauch, Laien zu sein. Zweitens ist das „klerikale“ Konzept ganz einfach wahrscheinlich überhaupt kein zukunftsfähiges Modell für Kirche mehr, und es wäre ein schwerer kirchenpolitischer Fehler, eine Gelegenheit wirklich zukunftsweisender kirchlicher Reformen zu versäumen, indem man wegen eines unreflektierten Bedürfnisses nach inkonsistenten Pseudo-Rechtfertigungen für unausweichlich gewordene Modifikationen der Tradition unnötig auf überholte Denkweisen rekurriert.

Der zweite Punkt ist, dass diese pointierte, akzentuierte Nicht-Priesterlichkeit des Eucharistievorsitzes sich grundsätzlich durch eine profilscharf konturierte konstitutive Verteilung der liturgischen Funktionen auf mehrere Personen ausdrücken sollte. Das heißt, die laiengeleitete Eucharistiefeier sollte sich grundsätzlich für nicht durch eine einzelne Person allein vollziehbar erklären. Diese freiwillige Selbstbestimmung, die in der Praxis auf die einfache Regel hinauslaufen wird, dass bestimmte Teile der Feier nicht von derselben Person zelebriert werden dürfen wie bestimmte andere, verdeutlicht insbesondere, dass derjenige, der die Wandlungsworte spricht, dabei nicht in einem grundsätzlichen, sondern nur in einem sehr bedingten, funktionalen und punktuellen Sinne die Stelle Christi vertritt, und nicht aufgrund eines „character indelebilis“ von „Weihegnade“. Dabei ist diese Eucharistiefeier in demselben Sinne sakramental gültig wie eine Nottaufe oder auch wie das Ehesakrament, das die Eheleute sich nach lateinischer Theologie gegenseitig spenden.

Der dritte Punkt schließlich ist, dass die Gemeinden ihre Rechtfertigung des Schritts zur priesterlosen Eucharistiefeier dadurch unterstützen müssen, dass sie sich um eine gründliche liturgische Unterweisung aller ihrer für eine entsprechende Vorsitzfunktion geeignet erscheinenden Kandidaten durch kooperative gültig geweihte Priester ernsthaft bemühen müssen. Bietet beispielsweise ein den innerkirchlichen Reformkreisen wohlwollend gesonnener Pfarrer den betreffenden Laien in seiner Gemeinde ein einschlägiges liturgisches Training an, so würde es deren Berechtigung zum Eucharistievorsitz entscheidend entkräften, wenn sie dieses Angebot ausschlagen würden.

Dem bleibt nur noch hinzuzufügen:

Ist eine von Priestermangel betroffene Gemeinde der Ansicht, dass einige Frauen aus ihrem Kreis für die Funktion des Eucharistievorsitzes besonders geeignet sind, so genießt diese Berufung mehr Gewicht als alle kirchenrechtlichen Einwände hiergegen, da priesterlicher Maskulinismus ausschließlich aus sekundär-indirekten biblischen Indizien abgeleitet ist. Es obliegt allein dem mehrheitlichen Wunsch und Willen der einzelnen betroffenen Gemeinde, ob sie weiterhin nur Männer oder auch Frauen zum Eucharistievorsitz zulassen will. Um des Friedens willen sollte formal hierfür eine möglichst klare Entscheidung angestrebt werden, also nicht bloß eine absolute, sondern besser beispielsweise eine Zweidrittelmehrheit. Zudem wäre gegebenenfalls zu vereinbaren, dass denjenigen Gemeindemitgliedern, die sich mit einem Eucharistievorsitz durch Frauen vorläufig noch unüberbrückbar schwer tun, hinreichend die Möglichkeit angeboten wird, an von Männern geleiteten Eucharistiefeiern teilzunehmen. Jedes andere, „rigorosere“ Reformvorgehen in dieser Hinsicht würde nicht praktikabel sein und eine unverantwortliche Gefährdung des Gemeindefriedens darstellen.

Wohingegen auf innergemeindliche Widersprüche gegen priesterlose Eucharistiefeiern überhaupt aus den genannten Gründen im Falle des Fehlens von Priestern keine Rücksicht genommen werden DARF – wie viele und schwere Konflikte dies auch verursachen mag. Denn die Verantwortung jedes einzelnen Christen für das Stattfinden eines genuin christlichen religiösen Lebens wiegt zu schwer – nicht zuletzt im Hinblick auf eine lebendige religiöse Bildung nachkommender Generationen.

Guter Rat aus der Ferne

Von mystisch-kontemplativer Spiritualität kann religionshistorisch sinnvoll erst ab genau dem Zeitpunkt die Rede sein, ab dem eine deutlich anders geartete „gegenständliche“ Spiritualität nachweisbar wird, von der die Praxis der mystischen Kontemplation sich bewusst abgrenzt. Für diesen Nachweis sind insbesondere die Ursprungszeugnisse eines dezidiert liturgischen Geistes interessant, der zwischen säkularer und sakraler Sphäre – mithin meist zugleich auch zwischen den sozialen Sphären der „Laien“ und der „Kleriker“ – eine scharfe, separative Trennlinie zieht. Ein Initialzündungsmoment solcher Dominanz religiöser Eigenpraxis dokumentiert beispielsweise Ex 7,16, worin der Gott der Israeliten den ägyptischen Pharao durch den Mund des Mose auffordert: „Lass mein Volk in die Wüste ziehen, damit es mir dort Opfer darbringen kann!“ Opferkultorte in Wüsten aufsuchen ist genau das, womit kontemplative Mystiker NICHT beschäftigt sind.

„Wenn ihr das Heilige liebt und das Gewöhnliche verachtet, schaukelt ihr noch immer mitten im Ozean der Verblendung.“ (Rinzai Gigen, + um 866)

Erleuchtung in sieben Strophen

Die Sklaventunnels unter dem Colosseum, den Caracalla-Thermen, der kaiserlichen Villa in Tivoli betrachten: Wenn Tunnels etwas für Knechte sind – dann heraus aus den Katakomben mit allen wahren Christen! Das Dasein zu einer Oase machen in der labyrinthischen Wüste der Gedanken. Die Nuss Welt, die man nicht knacken kann, in die Tasche stecken.

Das Credo so sprechen, wie man eine Nationalhymne singt. Nicht aus dem Denzinger beten. Mit der Vernunft glaubt man nicht. Man kann auch nicht mit den Ohren essen.

Zu zweifeln trainiert, mit Biegsamkeit gerüstet, in Sanftheit gestählt, bis an die Zähne bewaffnet mit Friedfertigkeit – warten auf Gottes ersten Schritt. Erkennen, dass das Himmelreich keine Utopie ist, sondern eine „Pantopie“. Dass ein Geheimnis kein Rätsel ist, das man auflösen kann.

Einsehen, dass man nicht besser ist, sondern es nur besser hatte. Lieber seine zehn Cent geben und sich dafür von Herzen sagen:
 Dies gebe ich als ein Geizhals, und für einen Geizhals ist das schon ganz gut. Das Almosen, das die Welt verbessern will, ist ein Stein im Magen des Hungernden, eine Kröte in der Hand des Verzweifelten, ein Gift in den Adern des Kranken.

Erkennen, dass es nicht Zusammenhänge und Zusammenhangsloses gibt, sondern nur schwere und leichte, helle und dunkle Beziehungen. „Armut bekämpfen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Frieden schaffen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Energie sparen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Erinnerung bewahren“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Die Wahrheit sagen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht).

Als größte Hoffnung immer hoffen, dass man Unrecht hat. Heilt es den Patienten, wenn der Arzt gesund ist? Die Immerklugen sind die Dümmsten von allen, weil in einer Welt der Unvollkommenheiten, der Ärgernisse und des Leidens die Mühe, die es kostet, immer klug sein zu wollen, unrentabel ist.

Das Leben nicht in Routinen, sondern aus Projekten bestehen lassen.
 Ein skrupelloser Zeitgewinnler sein! Auf allen Festen tanzen, die gerade gefeiert werden, unter der unsichtbaren Kapuze des Ordens der Anonymen Eremiten.

Mal wieder ein poetischer Text

– freilich ein teilweise äußerst scharf-ironischer: für Leser mit leicht verletzlichen kirchlichen Empfindungen vermutlich nicht geeignet bzw. nur auf eigene Gefahr! Bitte immer die Vorrechte poetischer Freiheit beachten, der nicht dieselben Maßstäbe gebühren wie sachlicheren Texten! Und immer bedenken: Nicht ich bin zynisch – Rom ist zynisch! Der Text ist bis auf wenige Ergänzungen bereits vor einigen Jahren entstanden. Ich veröffentliche ihn hier, weil ich aus heutiger Sicht der Meinung bin, dass er in keinem Buch erscheinen wird.

Eine Romreise

Eine biblische Flaschenpost, ein gläsernes Weidenkörbchen, eingeschlossen in ein hermetisches, starres, zerbrechliches, durchsichtiges fremdes Selbst, durch eine Unendlichkeit gleitenden Wandels treibend, die uns mal als reißender Wildbach, mal als träger, horizontloser Ozean umgibt; das Schleusenbecken unter dir hoch gefüllt bis zum Rand – fast schlagen die Fluten über die Tore -, während im Unter-, ja sogar im Oberlauf deines Weges der Wind den Staub übers ausgedörrte Flussbett wirbelt: so steigst du in Termini oder Fiumicino aus, so kommst du an.

Römisches Wetter, römischer Himmel, römisches Klima! Der intelligente Designer tupft nahtlose Kacheln zu einem Operationssaal in den Wolken.

Der Petersdom! Himmlische Heerscharen von Liturgen litaneien unentwegt in ihre Kaseln: „Asperger me, Domine, Asperger uralt in aeternum“ (darum heißt das vatikanische Staatsgefängnis, mitsamt seinen internationalen Außenstellen, auch „Festung Hohenasperger“). Die Beichtväter verabschieden ihre Beichtkinder mit den Worten: „Grüßen Sie Ihre Witwe.“ Sie bekommen hier Beichtstuhlzulage. Man spielt ein Tedeum von Schopernikus. Im inneren Kuppelfries steht in mannshohen goldenen Lettern: „Alle Macht geht dem Volke aus.“ Die Kohle der Kirche verschwindet in einem Rauchfass ohne Boden. Aber jeder Hartzkrümel, den der Staat sich an einem Christen spart, ist eine himmlische Herdprämie für die, die nach Jesu Geburt in Rom zu Hause bleiben.

Ich bekam einen Ferienjob als Gedenktage-Erfinder beim Osservatore Romano. Mir wurde dafür von Gammarelli eigens eine Kluft als päpstlicher Kaminkehrer geschneidert. Immer zum Angelus machen wir blau und sehen alle geistliche Welt durch den Damasus-Hof wallen: Athos-Mönche, Porthos-Mönche, Aramis-Mönche. Oh, der Klerus, dieser Himmelreichs-Heimatverein, diese Himmelreichs-Heimwehr! Manchmal falle ich dann auf die Knie und bete: Kreuz, unsägliches Sperrholz! Ja, hier herrscht noch Heiliges Römisches Recht Deutscher Nation; hier regiert die sakrosankte Zuckerpeitsche.

Zum Abendmahl in der blättrigen Herberge gibt es Hirtenstäbchen, gefüllt mit Mitrakäse. Als Süddeutscher werde ich mehrmals gefragt, ob ich mir dazu noch Tebarzdn draufschmieren möchte.

Ich kam pünktlich zum Konklave. Die den obersten Priester wählen, ersticken an ihren eigenen Gebräuchen: Den Ofen verstehen ihre Hände nicht zu bedienen, der ihre Stimmen verbrennen soll zur Eintracht. Selbst den Rauch zu leiten sind sie zu ungeschickt. Des Ofens Qualm füllt ihre feierliche Stätte; er bewölkt ihren Blick auf das Jüngste Gericht, wenn sie ihn heben zum versteinerten Himmel über ihnen, und verrußt dort, was erst jüngst gereinigt wurde mit Mühe nach Jahrhunderten: das Werk eines weisen Meisters.

Nun aber tritt der Neuerwählte auf die Loggia. Es ist Papst Matthäus Petrus, der sich im Konklave qualifiziert hat mit seiner Apostolischen Konstitution „Oderint dum metuant“, seiner Liturgischen Konstitution „In Vino Veritas“, seiner Enzyklika „Do ut des“, seinem Motu Proprio „In Dubio Pro Deo“ und seiner Barcarole „Discorso della luna“. Ein Star ist geboren.

Inkognito unter den tobenden Massen rüttle ich an den Gittern vor den Kunst-Verliesen der Vatikanischen Museen und schreie: „Gebt uns die Heilige Vorhaut heraus!“ Der Papst tritt hoch droben ans Fenster seiner Amtswohnung, und da es Ostern ist und die Gewohnheit besteht, dass er zu diesem Termin dem Volk einen Gefallen tut, sagt er: „Wollt Ihr, dass ich euch Barabbas ausliefere?“ Und er zerrt Kardinal Barabbas zu sich ins Fenster, den Präfekten der Glaubenskongregation. Die Menge auf dem Petersplatz aber brüllt: „Nein, nicht diesen, sondern die Heilige Vorhaut!“ Nicht Theologie wollen wir, sondern Frömmigkeit!

Denn wir waren wie Hirten, die keine Schafe haben.

Gott guckt katastrophalles Kirchenkino, auf seinen Knien eine kathedralle Tüte; wie Popcorn urknalln Kosmen auf aus kryptischen Körnern, asketischen Kernen: Röstknall-Romkorn-Gottpop-Apokalypse.

Derweil drüben im bodenlosen Colosseum Weltzirkus-Getier vieler Arten hervor jagt aus unterschiedlichen rollenden Käfigen, nur umstandshalber gleicher Dressur als Schicksalsfamilie in der Arena ihres Augenblicks mit einem einzigen Sprung durch einen Reifring hitzelos brennender, folgenlos flammender Ereignis-, Daten- und Zufallsatome, der als scheinbar bedeutungsvoller Malstrom inmitten der Haltlosigkeit von Raum und Zeit um seine eigene leere Achse kreist, springend in ein allschwarzes Dorthin, das die einschmeichelnde Sprache der geisterhaften Dompteure ihnen stets mit einer Stimme der Transparenz als „die andere Seite“ bezeichnet hat in jenem warmen Käfigwagen ihres Heranwachsens, auf dessen ins Nichts hinaus ragendem Trittbrett unser letzter kurzer Blick zurück vor dem Absprung schon die Nächsten nachkommen sieht. Und doch ist es nicht kalt und nicht windig auf den Rängen, solange man kein Philosoph ist.

Wahrheit ist, worüber man die Schultern hängen lassen kann. Wahrheit ist, worauf die gespitzten Lippen eine Melodie mit Synkopen finden. Wahrheit ist, was man sogar in der Kirche findet: Seht, wenn die Wahrheit sogar in Rom sein kann, dann muss sie wirklich stimmen.

Heimkehr! Heimkehr! Im oberen Maintal unter einem alten Baum zwischen Flussufer und Eisenbahntrasse, zu Füßen des Klosters Banz, sitzt in tiefer Versenkung der goldene Buddha von Vierzehnheiligen, die Hanns-Seidel-Stiftung auf Kloster Banz im Rücken, den Blick hinter den geschlossenen Lidern nach Osten auf die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen geheftet voll Ruhe, und die Pilgerströme, die das Maintal durchqueren von Banz nach Vierzehnheiligen und zurück, ziehen am goldenen Buddha von Vierzehnheiligen in einiger Entfernung vorüber – die Meisten ohne ihn zu bemerken. Ich aber bin vom Pilgerpfad abgewichen. Oh goldener Buddha von Vierzehnheiligen! Du lehrtest mich katholischer als alle päpstlichen Hausprälaten. Der goldene Buddha von Vierzehnheiligen hat geholfen! Tatata!

Fazit: Man muss nicht zwingend verneinen, dass einen, wenn man nach Jerusalem will, der Weg nach Rom weiterbringt. Es ist Ansichtssache. Ich kam an, als ich über Rom reiste; andere sagten, sie hätten auf dieser Route das Ziel verfehlt. Ich habe die Reise einmal über Rom gemacht; beim nächsten Mal nehme ich einen anderen Transit und kümmere mich nicht um das Keifen der Römer, die meinen, sie hätten immer einen Anspruch auf Streckenmaut für diese Verbindung. Ohne dass ich deswegen undankbar bin für die Lektionen, die sie mir erteilt haben.

Und ohne mir deswegen eine Fahrkarte nach Wittenberg zu kaufen.

Sich aufregen

Ich hatte ein interessantes Erlebnis im Bio-Supermarkt. Schon seit Jahren stelle ich immer wieder fest, dass große Bio-Supermärkte in Innenstädten besonders sichere Gelegenheiten bieten, signifikant unentspannten Zeitgenossen zu begegnen. Wie alle Supermarkt-Stories spielt auch die vorliegende an der Kasse, wo sich, wie üblich in solchen Geschichten, eine Schlange gebildet hatte.

Die Kundin, die der Grund für die Schlange war, war offensichtlich der Meinung, nicht sie selbst, sondern vielmehr die Kassiererin sei der Grund dafür. Ich habe überhaupt keine Meinung dazu, welche dieser beiden Sichtweisen plausibler ist, weil ich Genaueres gar nicht mitbekam von ihren Komplikationen. Als die betreffende Kundin endlich gehen konnte, machte sie zum Abschluss, „partherpfeil-artig“, noch ihrem Ärger Luft und griff die Kassiererin – in dem typischen halb-gehobenen Stil, in dem sich die autochthonen Aggressionen großer innenstädtischer Bio-Supermärkte zu entladen pflegen – unter anderem dafür an, „dass sie die ganze Zeit über nicht sie, sondern immer nur ihren Sohn angeschaut“ habe. Die Kassiererin, deren leichten Akzent ich als polnisch einschätzte, reagierte kühl und beherrscht, indem sie etwas von „so weit hoch schauen müssen“ erwiderte. Nachdem die Kundin außer Hörweite war, sagte ich zur Kassiererin: „Manche Leute müssen sich eben aufregen.“

Es war freundlich gemeint, mit dem einzigen Zweck, die Kassiererin aufzumuntern, und es war für keine anderen Ohren bestimmt. Aber der Herr hinter mir in der Schlange hatte es gehört und begann mich sogleich für diese Äußerung mit schwäbisch-pädagogischem Zungenschlag ebenso scharf wie eloquent zu tadeln: Manchmal gebe es durchaus einen Grund, sich aufzuregen, und meine Äußerung sei respektlos gegenüber der Dame! Ich erklärte ohne den Gebrauch näherer Argumente begütigend, so sei es nicht gemeint gewesen. Während sie meine Waren über den Scanner zog, sagte die Kassiererin so deutlich zu mir, dass der Herr hinter mir es hören konnte: „Wir dürfen den Mund nicht aufmachen, und jetzt dürfen Sie als Kunde den Mund auch schon nicht mehr auf machen.“ Während ich nur still in mich hinein schmunzelte, weil mir dieses fatalistische Fazit durchaus typisch osteuropäisch vorkam, konnte ich mich plötzlich gleichzeitig in die Sichtweise des Herrn hinter mir erstaunlich gut hineinversetzen:

Es gibt diese Umwandlung eigener Aggressionen in betont distanzierte Arroganz mit „Abperl-Effekt“ nach dem Motto: „Lächeln und Winken!“. Freunde dieser emotionalen Strategie spielen ihre ostentative Unaufgeregtheit in der Form aus, dass sie dabei letztlich die daraufhin nur umso potenzierteren affektgeladenen Reaktionen mancher anderer – wie vermutlich des Herrn hinter mir – als „Stellvertreter-Ventil“ benutzen und genießen. Das war und ist bei mir nicht der Fall. Mir war aber plötzlich ganz klar, dass der Herr hinter mir mich und mein Verhalten genau in diesem Sinne betrachtete und einordnete. Aus seiner unerbetenen Rückmeldung konnte ich daher tatsächlich etwas lernen: Es wäre klüger gewesen, sich jeder Bemerkung zu enthalten und die Kassiererin einfach nur durch kommentarlose Freundlichkeit aufzumuntern. Denn schließlich bestand neben dem unerwünschten Mithören Dritter ja auch noch die Gefahr, dass die Kassiererin meinen Kommentar selbst ebenso intentionswidrig interpretierte, wie es der Mit-Kunde tat.

Meine Diskussion mit diesem setzte sich noch ein klein wenig fort, ich blieb begütigend, wobei ich aber versuchte, ihm zu zeigen, dass ich auf ihn einging, indem ich sagte: „Aufregung setzt sich doch nur immer weiter fort und automatisiert sich“; er aber wiederholte eindringlich den Vorwurf der Respektlosigkeit an mich. Am Ende war ich mir ziemlich sicher, eine Person vor mir zu haben, die selber die Überlegenheit ihrer eigenen Einsichten deutlich größer einschätzt, als sie wirklich ist, die mir aber dennoch eine Lektion erteilt hatte, die ich nicht missachten mochte. Denn immerhin wäre es ja gelogen, wenn ich von mir selber behaupten würde, ich rege mich nie auf; nur weil Supermarktkassen nicht das Niveau sind, auf dem in dieser Hinsicht meine persönlichen Herausforderungsmarken liegen.

Warum schreibe ich diese Geschichte auf? Weil ich glaube, dass man aus ihr etwas lernen kann darüber, wie man mit alltäglichen Situationen in einem tieferen Sinne gut umgehen sollte. Nicht ich als Person bin es, der diese Lektion vermittelt – genauso wenig wie der schwäbische Herr. Die Situation selbst ist die Lehrerin. Was aber die Methode angeht, eine Situation lehrreich auszuwerten, ist der Verfasser der Situationsbeschreibung selbst genauso Lernender wie der Leser. Die Geschichte ist gleichsam ein „Praktikumsbericht“ des Lebens, zu mentorieren vom Leben selbst – zum Beispiel in Gestalt der Leser, die auf einem Blog die Kommentarfunktion benutzen können. Dieses Procedere, diese „Verfahrensethik“ menschlicher Entwicklung ist das Entscheidende, worauf es bei den praktischen Gesichtspunkten der Spiritualität ankommt.

Geschichte der Mystik

Vorab: Wenn der vorliegende Artikel in der Kategorie „historisch-kritische Kirchengeschichte“ erscheint, so handelt es sich dabei um eine reine „Verlegenheits-Zuordnung“. Natürlich kann eine „Geschichte der Mystik“ nicht wirklich „historisch-kritisch“ sein. Der Begriff „Mystik“ kommt kategorisch nicht als historisch-kritisches Untersuchungsobjekt in Betracht. Dieser Artikel enthält lediglich vereinzelte Elemente, deren „historischer“ Gehalt auch „kritisch“ ist. Der Rest ist selbstverständlich pure „Meinung“.

Der Begriff „Mystik“

Das Wort „Mystik“ hat seinen Ursprung wohl in dem altgriechischen Verb „myein“, „sich schließen“. „Mysterium“, das „Geheimnis“, ist ein enger sprachlicher Verwandter. Natürlich hat der Begriff „Mystik“, wie meist, eine lange, wandelvolle Wort- und Benutzungsgeschichte, die zu rekapitulieren ziemlich unergiebig ist für die Frage, was Mystik heute bedeutet. Die Antwort auf diese Frage wird sich eher aus den Bezügen ergeben, in die dieses Wort zu setzen ist. Und genau das werden wir hier tun.

„Mystik“ ist historisch betrachtet jedenfalls ein spezifisch christlicher Begriff. Aus dem Platonismus kommend, nahm er überhaupt erst mit dessen frühchristlicher Rezeption eigentlich die Entwicklungsrichtung auf, in der er heute zweifellos verstanden wird.

Auf Sanskrit entspricht „Mystik“ am ehesten „Dhyana“, was so viel wie „Versenkung“ heißt, woraus mit dem Export des Buddhismus in China „Chan“ und schließlich in Japan „Zen“ wurde. Im Islam wird eine Person, deren religiöse Haltung der eines „Mystikers“ entspricht, „Sufi“ genannt. Alle diese religiösen Phänomene sind anhand der ihnen zugrunde liegenden literarischen Texte deutlich miteinander vergleichbar.

An dieser Stelle am interessantesten ist aber eine zu dieser interkulturell-interreligiösen „mystischen“ Gruppe zu zählende Bewegung aus der Religiosität Indiens, die sich „Advaita Vedanta“ nennt. Sanskrit ist eine sogenannte indogermanische Sprache, weshalb wir uns Begriffe aus dieser Sprache bisweilen ganz gut herleiten können. Als „Veden“ bezeichnet man die ältesten religiösen Traditionen Indiens. Das Wort ist mit dem lateinischen „videre“, „sehen“, verwandt: ein „Gesehenes“, eine „Vision“ tieferer Wahrheit. Das „-anta“ hängt mit „Ende“ zusammen: Die Bezeichnung „Ende der Veden“ verweist bereits auf die historische Dynamik einer kritischen Weiterentwicklung der Religiosität. Nun aber das Wort „Advaita“: Der Lateiner erkennt darin „A-duai-ta“ – „Nicht-Zwei-heit“. Diese religiöse Bewegung sieht also die Mission der Auflösung allgegenwärtiger menschlich-formenweltlicher „Dualisierungen“ so eindeutig als die Quintessenz aller Religiosität an, dass sie die „Nicht-Zweiheit“, die „Non-Dualität“, prägnant zu ihrem Namen wählt.

Im Unterschied zu echter Mystik steht alle „Apokalyptik“ unter dem Druck einer Naherwartung des Weltendes oder gar der Überzeugung, das Weltende habe schon begonnen. Diese Erwartung oder Überzeugung ist dualistisch. Apokalyptiker von Paulus bis zu Joachim von Fiore sind keine echten Mystiker.

Mystik und Philosophie: Mystik und Plato

Verbreiteter Lehrmeinung zufolge bildet der Platonismus die philosophische Grundlage der christlichen Mystik, da Plato als erster das Prinzip des „Einen“, der letzten universalen Einheit, philosophisch formuliert habe.

Dieser These gegenüber gebührt eine äußerst reservierte Haltung. Typisch platonisch-philosophisch ist die gedankliche Annäherung an dieses letzte „Eine“ mittels „Stufen“-Konzepten, „Emanations“-Theorien. Typisch mystisch hingegen ist die dezidierte Auffassung, dass es keinerlei „Systeme“ gibt, die das menschliche Individuum und sein Denken und die göttliche Einheit aller Dinge „systematisch“ miteinander verbinden, miteinander in Beziehung setzen können. Das Angebot dieser Beziehung geht immer „inkommensurabel“ vom Göttlichen allein aus und „überspringt“ dabei alle vermeintlichen „Stufen“.

„Stufen“ sind immer Dualisierungen.

Die christliche Mystik hat sich spätestens seit ihrem großen anonymen, pseudonymen Pionier Pseudo-Dionysius Areopagita um 500 aus Zeitgeistgründen um eine gewisse Synthese mit der damals im Schwange befindlichen mittel- und neuplatonischen Philosophie bemüht. Letztendlich muss man alle Versuche eines solchen Arrangements aber als NICHT überzeugend bezeichnen.

Die christliche Mystik WOLLTE immer wieder gerne etwas mit Plato zu tun haben – als vernünftige Rechtfertigungsstrategie. In Wirklichkeit hat sie in ihrem eigentlichen wahren Kern nur sehr wenig mit Plato gemein.

Plato ist nicht der geistige Ahnherr der Mystiker, er ist nur der geistige Ahnherr der Gnostiker – ebenso wie sein bedeutender Erbe Plotin im bereits zu einem erheblichen Teil christlich geprägten dritten Jahrhundert. Zwischen Mystikern und Gnostikern gibt es althistorisch bis zu einem gewissen Grad Ähnlichkeiten. Aber letztendlich ist eine gnostische Haltung doch eine sehr entscheidend andere als die mystische: Wo Gnostiker auf Erkenntnis durch Wissen setzen, vertrauen Mystiker auf Erkenntnis durch Gnade. Die weltanschaulichen Gegensätze, die sich daraus ergeben, sind letztendlich unüberbrückbar. Kaum eine geistige Bewegung ist in ihrem Denken so dualistisch wie die sogenannte „Gnosis“.

DAS ist das wahre Erbe Platons, so viel er auch von dem „Einen“ geredet haben mag.

Das pointiert anti-gnostische Moment aller wahren Mystik, das im kategorisch immer nur „Punktuellen“ der mystischen Erfahrung besteht, ist – möglicherweise entgegen dem ersten Anschein – konsequent nondualistisch: Durch die ausschließliche Punktualität echt mystisch verstandener Erleuchtung, wo immer diese als „Erfahrung“ auftritt, wird kein vermeintlich verändertes „Wesen“ konstituiert, das den „Mystiker“ von seiner Erleuchtung an irgendwie fundamental vom „gewöhnlichen Menschen“ unterscheiden könnte. Hierin zeichnet sich bereits etwas ab, das ich das „phasische Instrument der Nondualität“ nenne: Der irdisch charakteristische Faktor der Zeit erlaubt und erfordert das Realisieren von Gegensätzen – wie zum Beispiel zwischen „erleuchtetem“ und „unerleuchtetem“ Geisteszustand. So befremdlich das für manchen heutigen zeittypischen „spirituellen Sucher“ klingen mag: Wer sich für „ein für allemal erleuchtet“ hält, mag was für ein Wesen auch immer sein – ein echter Mystiker jedenfalls ist er dann nicht.

Drei Modelle

Der Begriff der Mystik hat von Anfang an zwei unterschiedliche Bedeutungen: eine phänomenale und eine methodische. Phänomenal verstanden ist Mystik ein als mystisch bezeichnetes Ereignis in der menschliche Seele, das der ichhafte Teil des Bewusstseins nicht im geringsten zu beeinflussen vermag. Methodisch aufgefasst ist Mystik hingegen ein Weg der Seele zu Gott, den diese – eine wie auch immer funktionierende initiale göttliche Gnade vorausgesetzt – weitgehend von sich selbst aus zu beschreiten vermag. Die methodische Auffassung der Mystik entstand dabei ursprünglich wiederum in zwei Varianten: zum einen theoriebetont als eine besondere, spekulative Form der Philosophie, zum anderen praxisbetont als eine asketische Disziplin. Aus dieser Konstellation ergeben sich drei völlig unterschiedliche traditionelle Mystiker-Typen: der „Erfahrende“, der „Philosoph“ und der „Asket“.

Die „erfahrenden“ Mystiker sind oftmals kirchliche Laien, „kleine Leute“, Frauen, oder sogar gesellschaftlich signifikant prekär Gestellte; die mystischen „Philosophen“ sind in der Regel akademische Theologen, die zur Schultheologie in Opposition geraten, wie beispielsweise Amalrich von Bena (+1206); die „Asketen“ sind meist Mönche. Nur der Gemeindeklerus, die Repräsentanten der weltkirchlichen Amtshierarchie, sind unter den Mystikern so gut wie nicht vertreten. Die Betonung der Nicht-Zweiheit ist eine spätere Entwicklung der Mystik, die aus der Frage nach der fundamentalen Gemeinsamkeit der drei früheren mystischen Ausprägungen resultierte. Der verbindende Fokus auf Nicht-Zweiheit ergänzt die „passive“ Mystik um konkrete Aktions- und Verhaltensperspektiven, erschließt der Philosophie auf eine ihr genuin gemäße Weise den paradoxen Fixpunkt des Nicht-Denkens und führt sie so aus der müßigen, bisweilen regelrecht schädlichen Spekulation heraus, und relativiert die Askese, die sich andernfalls auch hochgradig dualistisch auswirken kann, zu einer fakultativen kathartischen Vorschule der Mystik, die lediglich zur Aufnahmefähigkeit für Wahrheiten vorbereiten kann, zu denen Askese an sich nicht wesentlich beiträgt.

Denn in der echten, wahren Mystik gibt es keinen Theorie-Praxis-Dualismus. Die „integrale“ Mystik der Nondualität ist daher die entwicklungsgeschichtlich notwendige Auflösung des anfänglichen Gegensatzes zwischen der („nur“-)theoretisch-philosophischen Mystik nach Pseudo-Dionysius Areopagita und der („nur“-)praktisch-asketischen Mystik des Monastizismus. Sie ist weniger Philosophie als die Eine und weniger Askese als die Andere, dafür aber Gedanke, Haltung, Redeweise und Tat zugleich und in einem.

Gleichsam eine „realhistorische Parabel“ hierfür liefert die italienische Kulturgeschichte am Übergang von der Renaissance zum Barock: Giordano Bruno ist ein herausragendes Beispiel für einen Menschen, der als Philosoph zur Nondualität gelangt war, als Charakter jedoch zeitlebens hochgradig spannungsgeladen blieb. Sein Zeitgenosse, der später heiliggesprochene Robert Kardinal Bellarmin, Societatis Jesu, war offenbar das Gegenteil: ein charakterlich ausgeglichener, asketischer, monastischer Mensch – der als Großinquisitor Bruno zur Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen verurteilte, die im Jahr 1600 in Rom vollzogen wurde.

Wir erkennen das Problem der Balance. Beide Persönlichkeiten waren keine echten Mystiker. In ihnen herrschte eine gewisse Diskrepanz zwischen Innen und Außen.

Dann ist da noch ein weiterer, etwas jüngerer Zeitgenosse der beiden, vielleicht eine der tragischsten Gestalten nicht nur jener Zeit, sondern der ganzen Geschichte: Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa. Er begeht um das Jahr 1590, unterstützt von Bedienten, eigenhändig einen bestialischen Mord an seiner Ehefrau und deren Liebhaber sowie mindestens einem seiner kleinen Kinder, dessen Vaterschaft unklar ist. Da er ein Fürst ist, wird er für die Tat nicht belangt und schützt sich mit einer Privatarmee gegen Blutrache. Etwa zur Zeit der Verbrennung Brunos versinkt er in Depressionen, beginnt aber zugleich auch die großartigste Musik seiner Zeit zu komponieren.

Gesualdo war ganz gewiss der wahren Mystik näher als Bellarmin oder Bruno. Denn er war der extreme Fall eines Menschen, der weder in der äußeren noch in seiner inneren Welt mehr zuhause sein konnte. Die Musik – man hört es seinen Kompositionen an – wurde für ihn zu einem „dritten und zugleich nicht-dritten Ort“, der weder innen noch außen liegt. So zeichnete sich inmitten der größten menschlichen Katastrophe die Möglichkeit einer Erlösung ab, die weder vor Bellarmins Richterstuhl noch auf Brunos Scheiterhaufen vergleichbar gegenwärtig war.

Mystik und Luther

Martin Luther war ein großer Mystiker und Verehrer des „Kronzeugen“ der christlichen Mystik schlechthin, Bernhards von Clairvaux: „Ist jemals ein gottesfürchtiger und frommer Mönch gewesen, so war’s St. Bernhard, den ich allein viel höher halte denn alle Mönche und Pfaffen auf dem ganzen Erdboden.“

Luther stellte als Theologe die Mystik nur deshalb argumentativ entschieden „zurück“ und „hintan“, um notwendige, längst überfällige Reformen an der katholischen Kirche seiner Zeit fordern zu können, die seitens des kirchlichen Amtes seit jeher mit pseudo-mystischen Begründungen blockiert und abgeschmettert worden waren. Aber der Mut, mit dem er das tat, war ein durch und durch „mystischer Mut“; er hätte aus keiner anderen Quelle stammen können.

In der Folge entwickelte sich eine „protestantische“ Kirche, die allein aus gesellschaftsdynamischen, „soziologischen“ Gründen zu einem bevorzugten Sammelbecken für Christen mit signifikant wenig ausgeprägter mystischer Neigung und geringem Mystik-Verständnis wurde. Für alle Übrigen nämlich war der Versuch von höherem Wert, die „römische“ Tradition von ihren Devianzen zu kurieren, ohne sie deswegen gleich aufzugeben. Weit mehr um Luthers theologische Methode als um seine Person scharte sich hingegen jener Menschenschlag von eher vernunftbetonten Gläubigen, in deren Augen sich eine vergleichsweise „leichthin“ institutionell neu zu gründende Kirche wahrscheinlicher „rechnete“ als die absehbar mühselige Korrektur der alten.

Bei dieser Darstellung kann es nicht um die Frage gehen, wer „recht“ hat. Hier ist die Rede von zwei auf tief subrationaler Ebene divergenten religiösen Menschen-„Typen“ (denn auch die wahre Entscheidungsbasis derer, die sich für die Ratio entscheiden, ist subrational), die sich an einem gewissen Punkt der christlichen Geschichte in getrennte „Gruppendynamiken“ gefunden haben. Wer das verkennt, wird über scheiternde „Rückkehr“-Ökumene-Bemühungen unnötig enttäuscht sein.

Natürlich bin ich als Katholik überzeugt, dass ich mit meinem Plädoyer für Mystik „recht habe“ – und zwar „universal recht“. Sonst wäre ich nicht Katholik. Und gleichzeitig erkenne ich doch rückhaltlos an, dass dieses „Recht-Haben“ nur in meiner eigenen, der katholischen Innenwelt gilt – und möglicherweise nicht in der protestantischen. Dies ist eine Paradoxie jener Art, in der allein echte Nondualität konsistent, kohärent und konsequent bestehen kann.

Die teilweise intensive protestantische Kritik an Mystik fokussierte von Anfang an auf den Verdacht, mystische Theologie und Glaubenspraxis ziele darauf, den „unverfügbaren“ Gott seinem Gläubigen „verfügbar“ zu machen – im schlimmsten Fall auf regelrecht „magische“ Art und Weise.

Doch diesen Vorwurf hatte nicht erst Gregorios Palamas für die Ostkirche bereits knapp zweihundert Jahre vor Luther ausgeräumt mit seiner Klärung des „Hesychastenstreits“, indem er die „Technik“ des „Herzens“- oder „Jesusgebets“ der Athos-Mönche mit der Feststellung rechtfertigte, jenes „Taborlicht“, das zu erblicken diese Gebets-„Technik“ unfehlbar ermöglichen sollte, sei keineswegs Gott selbst, sondern lediglich die „Energie“ Gottes; denselben Einwand gegen die Mystik hatte, auf anderen, aber ebenso eleganten und wirkungsvollen argumentativen Wegen, für die Westkirche schon über zweihundert Jahre vor Palamas kein anderer entkräftet als – Bernhard von Clairvaux.

Einleitung in die praktische Mystik. Ein Vorwort ohne Konsequenzen

Wäre dies das Vorwort zu einem Buch, so würde es mit den Worten beginnen: Ich habe nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben. Denn wäre dies das Vorwort zu einem Buch, so müsste es sich, diesem Vorwort nach zu schließen, um ein Buch „über“ etwas handeln. Bücher „über“ etwas sind „Sachbücher“. Meine persönliche Definition von „Sachbuch“ ist: „ein Buch, das ‚über‘ etwas geschrieben ist“. Solche Bücher schreibe ich nicht. Ich schreibe nur „Unsachbücher“. In meinen Büchern werden – oder wurden, ich zweifle, ob ich noch weitere schreibe – Geschichten erzählt. Geschichten sind nicht „über“ etwas. Geschichten können vielleicht „von etwas handeln“. Sogar das würde ich persönlich bezweifeln. Aber „über“ etwas sind Geschichten ganz sicher nicht geschrieben, sofern es sich um wirkliche Geschichten handelt und nicht bloß um zweckdienliche gleichnishafte Illustrationen von Gedanken, die die Bezeichnung „Geschichte“ eigentlich gar nicht verdienen.

Mein Blog „offenkatholisch“ ist der Ort, an dem ich meine Texte sammle und veröffentliche, die keine Geschichten sind. Natürlich kann man Texte aus diesem Blog zu einem Buch zusammenstellen. Dann wurde aber trotzdem im eigentlichen Sinne nie „ein Buch geschrieben“. Denn die Texte darin stehen weiterhin alle primär „für sich selbst und allein“, sie sind formal jeweils „in sich geschlossen“. Insofern ist es egal, ob sie in einem Buch stehen oder auf einem Blog.

Der vorliegende Text jedoch würde gegebenenfalls ohne Zweifel das Vorwort zu bilden haben, das einem Buch der beschriebenen Art voranzustellen wäre. Er verweist, wie alle Texte meines Blogs, inhaltlich restlos über sich selbst hinaus, weil er keine Geschichte ist; andererseits weist er formal überhaupt nicht über sich hinaus: Er ist nicht bezogen auf irgendetwas, das außerhalb von ihm steht, das nach ihm kommt oder das vor ihm kam. Und dennoch erfüllt er seine Aufgabe, eine Beziehung herzustellen zwischen Texten außerhalb seiner selbst.

Diese Beziehung besteht darin, dass die besagten Texte letztlich alle von demselben Thema handeln.

Nicht nur wäre dies das einfachste Buch, das ich je geschrieben habe und jemals schreiben werde; auch das vorliegende Vorwort zu einem solchen Buch ist der einfachste Text, den ich je geschrieben habe und jemals schreiben werde.

Denn das Thema heißt: Mystik.

Mystik ist das Einfachste, was es gibt.

Buchstäblich.

Denn alles andere ist „zweifach“.

Was heißt das?

Außerhalb dessen, was ich hier als „Mystik“ bezeichne, besteht die Welt vollständig aus „Nicht-Eins“: „A“ ist nicht dasselbe wie „B“. Äpfel sind nicht dasselbe wie Birnen. Rot ist nicht dasselbe wie grün. Hell ist nicht dasselbe wie dunkel. Rund ist nicht dasselbe wie eckig. Heiß ist nicht dasselbe wie kalt. Und so weiter. Alle Dinge sind wesentlich „nichts-eins“ mit irgendetwas anderem. So verschieden sie voneinander sind – genau diese Verschiedenheit ist das Einzige, was sie alle miteinander gemeinsam haben. Ihre Identität und Identifizierbarkeit beruht für uns auf Unterschieden, auf Unterscheidungen.

„Identität“ heißt eigentlich: „eins mit sich selbst“. Aber das ist ein ziemlich irreführender Begriff. Denn alles, was wir „Identität“ nennen, beruht im Normalfall immer nur auf der Feststellung, dass die betreffende Sache „nicht etwas anderes“ ist.

Dieser merkwürdige Zustand der alltäglichen Dinge in unserem Geist hat einen Grund: Das, wovon wir immer zuerst sprechen, wenn wir im normalen Sprachgebrauch vom menschlichen „Verstand“ reden, beruht auf dem Prozess des Unterscheidens, auf dem Feststellen von Unterschieden.
Wissenschaftler sagen, dass wir ohne die Fähigkeit zur Unterscheidung nicht einmal wahrnehmen könnten, dass überhaupt irgendetwas existiert. Wenn uns alles „gleich“ wäre, gäbe es für uns buchstäblich „nichts“. Ohne unterscheidbare Merkmale der Dinge gäbe es für uns überhaupt kein „Sein“, fiele uns nicht einmal das bloße „Da-ist-irgendetwas“ auf. So vollständig beruht unser ganzes „mentales“, „denkendes“ Bewusstsein auf Unterscheidungen.

Folglich sind wir vom geistigen Vorgang des Unterscheidens bis in unser Innerstes durch und durch geprägt.

Aber all die Dinge in dieser Welt der Unterschiede sind vergänglich. Deshalb nennen manche geistigen Lehrer sie „die Welt der Formen“. Mit dem Wort „Form“ – deutsch etwa „Gestalt“ – wollen sie ausdrücken, dass alles, was wir mental über die (vermeintliche) „Identität“ der Dinge wissen, in Wahrheit höchstens ihre Grenze zu anderen Dingen ist – ihr „Umriss“. Alle Formen sind in stetiger Verwandlung, keine Form bleibt sich beständig gleich. Alles, was in der Welt der Unterscheidungen existiert, erweist sich immerfort nur als „Form“ – und damit als vergänglich, als „sterblich“, als nicht von Dauer. Daraus resultiert, dass alle „Dinge“ kein „wahres Selbst“ enthalten können. Dabei ist „dinglich“ keineswegs gleichbedeutend mit „stofflich“: Es gibt auch „geistige Dinge“; aber diese enthalten genauso wenig ein „wahres Selbst“ wie die stofflichen. Aus diesem Nicht-Finden-Können eines „wahren Selbst“ in allen Dingen resultiert das Unglück des konstitutiven irdischen Leidens. In den Worten des Buddha: Anicca, Anatta, Dukkha – Vergänglichkeit, kein Selbst, Leiden.

Mit keiner anderen Erkenntnis werden Ovids „Metamorphosen“, die bereits in ihrem Titel ewige Verwandlung zum Grundmuster und roten Faden aller erzählenswerten menschlichen Geschichten, ja einer narrativen Grundstruktur irdischen Seins erheben, zum westlich-antiken Vorhof der Erleuchtung.

Religiöse Menschen haben das Gefühl, es müsse noch etwas anderes geben als die Vergänglichkeit. Etwas, wohinein die Vergänglichkeit vergeht und aus dem heraus sie einmal ohne Präzedenzfall angehoben hat. Etwas, das nicht endlich ist. Ein Unendliches, Ewiges. Das Beherrschtsein von dieser Empfindung ist der eigentliche Sinn davon, wenn ein Mensch als „religiös“ zu bezeichnen ist.

Seit vielen Jahrtausenden versuchen die religiösen Menschen, dieses Unendliche, woran sie glauben, zu beschreiben. Da es nicht vergänglich ist, ist es logischerweise keine „Form“; und da es keine „Form“ hat, bekommt der unterscheidende Verstand es logischerweise nicht zu fassen.
Am Anfang der menschlichen Religiosität war dieser zwingende Zusammenhang den Menschen aber noch nicht klar. Deshalb machten sie den Fehler, dieses Unendliche, Ewige, das sie auch „Gott“ nennen, in unterscheidenden Begriffen beschreiben zu wollen. Was natürlich nicht geht. Was natürlich zu ganz unsinnigen, unhaltbaren Aussagen führt. Das bedeutet letztlich: Auch die Ausdrücke „unendlich“ und „ewig“ sind zur Benennung des Unendlich-Ewigen falsch. Und damit sinnleer und – da sie „sich selbst nicht bezeichnen“ – absurd.

Im Laufe der Zeit ist dieses Ungenügen ihrer endlichen Begriffe zur Bezeichnung des Unendlichen einigen der religiösen Menschen aufgefallen. Und sie begannen, die religiöse Rede zu verändern.
Dies sind die Menschen, die wir hier als „Mystiker“ bezeichnen.

Nicht alle „Religiösen“ machten diesen Schritt mit. Bis heute.

Die „Mystiker“ merkten indessen bald, dass sich mit der religiösen Rede auch die religiöse Empfindung, das religiöse Erleben deutlich verändert.

Man beachte: Tatsächlich verändert sich zuerst – aus philosophisch-kritischen Gründen – die religiöse Rede, und erst anschließend daran und infolgedessen das religiöse Empfinden und Erleben der sogenannten „Mystiker“. Das heißt im Umkehrschluss, dass „Mystik“ im Kern und von Anfang an eigentlich ein „literarisches“ Phänomen ist – auch wenn die mystische „Literatur“ zunächst viele Jahrtausende lang eine rein „orale“, noch nicht verschriftlichte Tradition war. Am Anfang der „Mystik“ stand eine bestimmte Lehrtradition, von religiösen Dingen mit bestimmten Worten und Sätzen, in einem bestimmten „Stil“ zu sprechen – und daraus erst entwickelte sich der religiöse Menschentypus des „Mystikers“.

Das ist übrigens auch der Grund dafür, weshalb es letztlich keinen Sinn hat, einen Lehrer der Mystik danach zu beurteilen, ob er denn wohl auch selbst bereits zur mystischen „Perfektion“ gelangt sei: Dem ganzen Wesen und Ursprung der „Mystik“ nach steht in ihr, schon allein chronologisch, die Lehrvermittlung vor der persönlich-„praktischen“ Perfektion des Vermittlers.

Schließlich wurde den angehenden Mystikern irgendwann die Sache mit dem Unterscheiden bewusst, die ich oben beschrieben habe. Und sie konzentrierten sich von da an zunehmend gezielt auf den Versuch, sich dem, was die übrigen Religiösen – von denen ihre geistigen Wege sich damit zu trennen im Begriff waren – „Gott“, das „Unendliche“, das „Ewige“ (und so weiter) nennen, weitaus treffender als jene dadurch anzunähern, dass sie – die „Mystiker“ – es statt aller „positiven“ – und damit dualistischen – Aussagen vielmehr als eine „Erfüllung“ oder „Erlösung“ oder „Erleuchtung“ beschreiben, die man erlangt, wenn man konsequent versucht, all jene Unterschiede aufzuheben, die das „tödliche“ Leben in der Formenwelt bestimmen, alle Unterscheidungen auszulöschen, ja, das Prinzip des Unterscheidens außer Kraft zu setzen.

Erst mit diesem dezidiert „nondualistischen“ Akzent wurden diese religiösen „Reformer“ oder „Abweichler“ überhaupt erst im eigentlichen Sinn zu den ersten „Mystikern“.

Denn die Tragweite dieser Strategie des „Nicht-mehr-Unterscheidens“ ist ungeheuer.

Wer in und aus der Mitte lebt, wird nicht von den Grenzen bestimmt. Die Mitte ist, in schärfstem Gegensatz zur Grenze, nicht dualistisch, denn sie hat nur eine Richtung: Sie kann nur nach außen strahlen. Wie weit sie strahlt, spielt letztlich nur eine geringe Rolle. „Grenze-Mitte“ ist gewiss selbst ein Dualismus – aber eben genau das, was ich als das Paradoxon eines „nondualistischen Dualismus“ bezeichne: ein Dualismus, der das Dualistische aufhebt. Er ist übrigens nicht identisch mit dem Innen-Außen-Dualismus. Das beliebte Beispiel von „Schalen- versus Wirbeltier“ ist hierfür im Grunde falsch: Die „Mitte“ ist nicht unbedingt „innen“, die „Grenze“ nicht notwendig „außen“. Das sind zwei unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeit.

Das ganze Buch, zu dem der vorliegende Text das Vorwort bilden müsste, würde von nichts anderem handeln als von den gigantischen Konsequenzen dieses einen, „kleinen“ Gedankens der Nondualität.

Denn nichts Anderes, nichts Komplizierteres ist echte, wahre „Mystik“. Im Grunde. Aber aus diesem bescheidenen Grund wächst ein gewaltiger Baum.

Der Leser meiner Texte wird sich immer wieder fragen: Verfällt der Autor nicht immer wieder selber in einen dualistischen Modus? Ganz sicher ist es so. Aus mehreren Gründen. Zunächst einmal ist auch ein Text, ist auch Sprache ganz allgemein eine Form, und damit der dualistischen Grundstruktur der gesamten Formenwelt unlösbar verhaftet. Jede sprachliche Formulierung kann, wenn sie von Nicht-Zweiheit spricht, immer nur ein analoger, parabelhafter Hinweis auf etwas sein, das sie an sich nie völlig zutreffend direkt ausdrücken kann. Daher bediene ich mich gelegentlich sogar des Mittels, Dualisierungen zu pointieren, ja zu forcieren, um das, worauf ich hindeuten will, da ich es ohnedies nie in echter Unmittelbarkeit sprachlich aussprechen kann, durch absichtlichen formalen Widerspruch nur umso deutlicher werden zu lassen. Zugleich enthalten solche „Übertreibungen“ ein Element der Ironie, des Humors. Denn selbstverständlich „versage“ ich manchmal auch am nondualistischen Anspruch. So wie jeder Mensch. Es kann gar nicht anders sein. Könnten wir uns vollkommen nondual halten, wären wir bereits nicht mehr „von dieser Welt“.

Und manchmal kann eine Dualisierung sogar ganz gezielt das noch relativ beste Mittel sein, um eine andere, „schlimmere“ Dualität aufzulösen. Um einen Irrtum unschädlich zu machen, muss ich ihm widersprechen. Mit der weichgespülten Eso-Message „Es gibt keine Fehler“ ist das Leben an seiner Oberfläche faktisch nicht realistisch zu bewältigen. Denn das Leben hört auch für einen Mystiker nicht auf, eine Oberfläche zu haben. Dies ist der Sinn des „nondualistischen Dualismus“. Denn in der Welt der vergänglichen Formen ist alles relativ. Das berühmte scholastische „Distinguieren“ – „distinguo – ich unterscheide…“ – behält praktisch-konkret seine relative Bedeutsamkeit. Nur das glorifizierte absolute methodische Nonplusultra allen Theologietreibens, als das es in diesem Fach traditionell jahrhundertelang gehandelt wurde, ist es mitnichten.

Kurzum: Jede Äußerung über Non-Dualität ist unvermeidlich vom ersten bis zum letzten Wort ein permanenter Selbstwiderspruch. Weil sie ein Text ist, weil sie Sprache ist. Daraus muss man sich ein geistliches Vergnügen machen, anstatt faustisch-tragisch darunter zu leiden. Ohne etwas Humor kommt man der Nondualität überhaupt schwerlich näher. Denn wer sich selbst seine Fehler und Schwächen nicht verzeiht, wird niemals eins mit sich selber.

Nicht jede Verneinung ist eine Dualisierung. Nicht immer bedeutet ein „Nein“ eine verschärfte Unterscheidung zwischen „dem Einen“ und „dem Anderen“. Man sollte Verneinungen nicht überbewerten. Sie sind ein pragmatisches Mittel der menschlichen Kommunikation. Krampfhafte Vorsätze ubiquitären „Bejahens“ sind noch lange keine Mystik. Praktisch und erfahrungsgemäß steckt hinter den meisten Fällen des Gebrauchs einer Verneinung zwar gewiss tatsächlich eine dualisierende Geisteshaltung, die man sich bewusst machen und abbauen sollte. Andererseits ist kaum etwas so dualisierend und wenig hilfreich wie eine pauschale Ablehnung des Neinsagens. Manchmal ist eine Verneinung das beste Mittel, um eine hinderliche Dualität aufzulösen; zum Beispiel in der sogenannten „via negativa“ der „negativen Theologie“ des Pseudo-Dionysius Areopagita, des spätantiken Pioniers der christlichen philosophischen Mystik, die alle Aussagen über Gott zurückzieht – geordnet in Paaren von Gegensätzen, die stets beide gleichzeitig verneint werden.

Oder, um es anschaulicher mit einem exzellenten Bonmot des Patriarchen aller deutschen politischen Kabarettisten aus seinen letzten Jahren zu sagen: „Solange ich mich noch wundern kann, habe ich auch noch den gerechten Zorn gegen die, über die ich mich nicht wundern kann.“ So nämlich sprach Dieter Hildebrandt (*1927) im Gespräch mit Hans-Jochen Vogel (*1926) bei Bernhard Winters Markt Schwabener Sonntagsbegegnung am 18.09.2011 zum Thema „Alt werden“, was hiermit für die Nachwelt dokumentiert sei.

Das bringt es auf den Punkt.

Mystik in der Bibel

Man kann jeden biblischen Text mystisch lesen und interpretieren. Aber nur ein Teil der biblischen Texte enthält von sich aus wirklich eine mystische Theologie; und es ist unvermeidlich, dass diese für eine Annäherung an mystische Religiosität einen herausragenden Stellenwert genießen. Man kann diese Texte klar benennen und von den übrigen scheiden. Echt „mystisch“ ist:

1. das Buch Genesis mit den Erzählungen von der Schöpfung, Adam und Eva, Kain und Abel, Noah, dem Turmbau zu Babel, Abrahams Aufbruch (Gen 12), Abraham und Melchisedek (Gen 14); Gottes Bund mit Abraham (Gen 15), Gott zu Gast bei Abraham (Gen 18), Abrahams Opfer (Gen 22), Jakobs Betrug (Gen 27), Jakob in Bet-El (Gen 28,11-18), Jakobs Kampf mit Gott (Gen 32,23-32) und der Geschichte Josefs (Gen 37+39-45) – also, wie man hieran schon sieht, deutlich eher die Texte der „aaronidisch-priesterschriftlichen“ als der „zadokidisch-deuteronomistischen“ Theologen-„Partei“ hebräischen Bibel;

2. das Heilsgeschehen am Sinai vom brennenden Dornbusch (Ex 3) bis zu den Tafeln des Gesetzes (Ex 19 ff.);

3. der Zug durch das Schilfmeer (Ex 14) beim Auszug aus Ägypten;

4. die Bileam-Fabel (Num 22);

5. Saul bei der Totenbeschwörerin von En-Dor (1 Sam 28) als KONTRAST-Text;

6. Elija (1 Kön 17-19);

7. die Prophetenbücher Jesaja, Jeremia, Ezechiel und Daniel;

8. das Buch Jona;

9. das Buch Hiob;

10. das Buch Kohelet;

11. das Hohelied;

12. die Evangelien.

Definitiv KEINE mystische Theologie, sondern dezidiert andere theologische Ansätze, z.B. eine „Gerechtigkeits“-Theologie, repräsentieren hingegen:

1. die „gesetzliche“ deuteronomistische Tora, die die „erzählende“, „mythische“ priesterschriftliche ab Ex 20 weitgehend verdrängt;

2. das gesamte Korpus der „Geschichtsbücher“ des Volkes Israel, der „Ketubim“, mit Ausnahme der oben erwähnten Elija-Episode;

3. die Psalmen und die Hälfte der „Bücher der Lehrweisheit“, nämlich Sprichwörter, Weisheit und Sirach;

4. die Apostelgeschichte;

5. das gesamte Korpus der neutestamentlichen Briefe; und

6. die Offenbarung des Johannes (Apokalyptik ist KEINE echte Mystik).

Es hat also fast den Anschein, als durchzöge unsere gesamte Bibel eine durchgehende, große theologische Bruchlinie zwischen „Mystikern“ und „Nicht-Mystikern“ – die womöglich sogar gravierender ist als der „Bruch“ zwischen „Altem“ und „Neuem Testament“.

Besonders interessant scheint mir: Während diese Bruchlinie im Alten Testament mit dem Konflikt zwischen den „aaronidischen“ Autoren der „Priesterschrift“ und den „zadokidischen“ Verfassern des „deuteronomistischen“ Gesetzes- und Geschichtswerks über weiteste Strecken deckungsgleich ist, scheint das Neue Testament sehr viel heterogener mit seinem Gegensatz zwischen „dogmatisch-klerikal“ geprägtem „paulinischem“ und liturgisch-sakramental geprägtem „johanneischem“ Christentum primär von einer Auseinandersetzung bestimmt zu sein, die mit der „Mystik-Debatte“ an sich wenig zu tun hat; während das ausgesprochen „mystische“ Korpus des Neuen Testaments, nämlich das der Evangelien, gleichermaßen – bzw., besser gesagt, nur gleichermaßen begrenzt – paulinische wie johanneische Einschläge aufweist und damit gegenüber beiden dominanten frühkirchlich-theologischen Strömungen eher „für sich allein“ steht – freilich weniger wie etwas „Drittes“ als vielmehr beinahe wie etwas in seiner innersten Haltung „Subversives“, das heimlich gegen dogmatisch-amtshierarchische wie gegen „liturgistisch-sakramentalistische“ Tendenzen gleichermaßen polemisiert.