Von der Lebendigkeit Gottes

„Wir Christen sind die, für die Gott gestorben ist.“ Der Doppelsinn dieses Satzes muss bejaht werden: Das Christentum ergibt keinen Sinn, wenn es nicht diejenige Religion ist, die den Unglauben am „konfrontativsten integrieren“ kann; etwa im Sinne des berühmten Bonhoeffer-Zitats: „Einen Gott, den ‚es gibt‘, gibt es nicht.“ Auf Gottes Beerdigung lässt Nietzsche sich krankheitshalber entschuldigen. Die Lebendigkeit Gottes kann überhaupt nur als Auferstehung erfahrbar werden. Davor ist sie immer nur die Scheinlebendigkeit vergänglicher Formen.

Der Markt für Sicherheit

Was unsere Sicherheit angeht, ist es sehr wichtig, folgenden grundlegenden Zusammenhang zu verstehen:

Die Gründe dafür, dass etwas Bestimmtes geschieht, sind immer bestimmter als die Gründe dafür, dass es nicht geschieht. Bestimmt heißt benennbar, im besten Fall beweisbar. Geschehnisse, die wir aktiv anzielen, müssen wir stets durch ganz besondere Maßnahmen herbeiführen, sonst geschehen sie nicht. Kommt das bekannt vor? Soweit wir uns im Bereich „passiver“ Ereignisse bewegen, die wir nicht gezielt herbeiführen, ist das Nichtgeschehen von etwas Bestimmtem stets weitaus wahrscheinlicher als sein Geschehen. Richtig?

Diese Erkenntnis – soweit wir sie nicht ohnehin vergessen haben – genügt uns aber nicht im Hinblick auf Ereignisse, die wir als besonders bedrohlich empfinden. Obwohl diese per Definition selten eintreten, versuchen wir ihr Ausbleiben durch aktive Maßnahmen zusätzlich sicherzustellen.

Was dabei regelmäßig vergessen oder übersehen wird, ist, dass solcherlei Maßnahmen niemals dieselbe Enge eines Zusammenhangs von Ursache und Wirkung aufweisen können wie Maßnahmen, die „positiv“ etwas herbeiführen sollen: Bei Aktionen, die der Kategorie der „Vermeidungsmaßnahmen“ angehören, ist auf einer empirischen, pragmatischen Ebene das Eintreten jener unerwünschten, „passiven“ Ereignisse, auf die sie sich beziehen, mit und ohne die betreffende Maßnahme derart ähnlich unwahrscheinlich, dass wir über deren Wirksamkeit prinzipiell gar keine objektive, valide und reliable Aussage treffen können. Denn der Grad jedes feststellbaren Zusammenhangs zwischen Ursache und Wirkung bemisst sich ausschließlich an der Differenz der Wahrscheinlichkeit für das Eintreten des Ereignisses mit und ohne aktive Maßnahmen. In der Kategorie „Vermeidungsmaßnahme“ bewegen wir uns in dieser Hinsicht allein schon aus logischen Gründen außerhalb der Möglichkeiten seriöser, vernünftiger Feststellbarkeit.

Das bedeutet nicht, dass wir keine derartigen „Vermeidungsmaßnahmen“ ergreifen sollen. Es bedeutet auch nicht, dass sie wirkungslos sind. Es bedeutet nur, dass wir ihre Wirksamkeit kategorisch nicht beweisen können. Und daraus folgt, dass wir uns bei unseren Entscheidungen für oder gegen sie allein auf unsere Intuition verlassen müssen, und dass alle diejenigen Unrecht haben, die meinen, uns mit vermeintlich logischen Argumenten für die eine oder andere Seite „zwingen“ zu können – oder gar zu müssen. Dieser landläufigen Sorte von mangelreflektierten Agitateuren sollten die Krankenkassen am besten ein paar Grundstudiensemester Philosophie auf Rezept anbieten.

Alle unsere „Sicherheitsmaßnahmen“ gehören in die logische Kategorie solcher „Vermeidungsaktionen“. Betrachten wir, exempli gratia, das große Lieblings-Streitthema „Impfen“: Der Nutzen des Impfens kann nicht bewiesen werden, weil es unmöglich ist, zu behaupten, zu welchem Zeitpunkt andernfalls was für eine Epidemie genau wo in welchem Maß ausbrechen würde oder ausgebrochen wäre. Mein humorvoller rumänischer Zahnarzt hat diese Logik genau durchschaut. Wenn es weh tut, sagt er: „Was meinen Sie, wie weh es getan hätte, wenn ich das nicht gemacht hätte.“ So viel Intelligenz würde man sich auch von manchem Internisten und Kinderarzt wünschen, der seine Ansichten über das Impfen zum besten gibt.

Die Schädlichkeit des Impfens kann freilich ebenfalls nicht bewiesen werden, weil sie letztlich von seiner Nützlichkeit abhängt. Natürlich hätte sich die Methode des Impfens nie in dem Maß durchgesetzt, in dem sie heute üblich ist, wenn auch nur jeder Dritte dabei halbwegs eindeutig zuzuordnende unerwünschte Wirkungen erfahren hätte. Die pseudo-epidemiologische Kaffeesatzleserei ideenfixierter Impfkritiker, die bisweilen regelrecht verfolgungswahnhaft versuchen, aus jedem behinderten Kind einen Impfschaden zu machen, ist sachlich ebenso lächerlich wie psychopathologisch bemitleidenswert. Aber „mitschuld“ an solchem Verfolgungswahn gewisser labiler Geister sind auch Pseudowissenschaftler auf der anderen Seite, deren erkenntnistheoretisch-methodologische Propädeutikkurse nicht ausgereicht haben, ihnen die Erkenntnis zu liefern, dass ihre Behauptung der fraglosen absoluten Notwendigkeit des Impfens nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert, weil strukturell-grundlegend gar nicht fundierbar ist.

Befürworter des Impfens argumentieren mit dem historischen Verschwinden gewisser schlimmer Infektionskrankheiten, die zuvor immer aufgetreten waren, seit der Einführung des Impfens. Da ist mit Sicherheit etwas dran. Wer behaupten wollte, Impfen bewirke grundsätzlich gar nichts, würde offenkundig eine allzu steile These aufstellen. Solide historisch-epidemiologische Statistiken sind zweifelsohne Wasser auf die Mühlen der Impf-Befürworter. Aber sie überschätzen das auch: Es ist kein Niagara-Fall, es ist nur ein bescheidenes Rinnsal. Diese beachtliche Bestätigung wird nämlich durch zahlreiche überaus berechtigte Einwände wieder erheblich relativiert:

Erstens – sehr allgemein – muss jede spezielle Impfung einzeln betrachtet werden. „Das Impfen“ schlechthin kann und darf es für eine echt qualitative Beurteilung gar nicht geben, deren Ergebnis zwischen den einzelnen Impfungen tatsächlich auf einer Bandbreite von „Goldstandard“ bis „Scharlatanerie“ zu variieren scheint. Zweitens – und nun werden wir weit konkreter – ist historisch relativ gleichzeitig mit der Einführung des Impfens auch die Antibiose aufgekommen: Wir können einfach nicht genau wissen, ein wie großer Teil unserer derzeitigen Seuchen-Erlösung faktisch mehr der Möglichkeit zur Bekämpfung als der zur Vorbeugung von Infektionen zu verdanken ist. Ähnliches gilt zudem von der hygienischen Breitenbildung, vom Beitrag der modernen und postmodernen Massenmedien zum Wissen jedes einzelnen Laien über die richtige Vermeidung von Ansteckungen, von der völlig neuartigen Entwicklung von „Arbeitssicherheit“ und „Verbraucherschutz“ – und „Baubiologie“ und vielem anderem – hauptsächlich seit eben jenen 70er-Jahren, die auch den Durchbruch des Impfwesens brachten. Es herrscht also durchaus hohe argumentative „Unschärfe“, wenn man die Sache wirklich reflektiert betrachtet.

Ganz besonders gewichtig ist aber auch die kritische Frage, was es bewirkt, jetzt noch gegen Krankheiten zu impfen, deren letztes epidemisches Auftreten bereits Jahrzehnte her ist. Möglicherweise bekommen wir dafür eines Tages noch eine sehr böse Quittung, weil wir unseren „konservativen“ Impfprozess von der dynamischen Mutation der Erreger, auf die er sich bezieht – bzw. ursprünglich bezog -, viel zu lange „stur“ entkoppelt haben. Es ist nicht undenkbar, dass eine „veraltete“ Impfung eines Tages plötzlich eine erhöhte Anfälligkeit für neue Mutanten „ihres“ ursprünglichen Keims nach sich zieht. Solange diese Frage nicht befriedigend geklärt ist, machen nicht nur Impfgegner, sondern auch Impfbefürworter sich in höchstem Maße der Scharlatanerie schuldig – Diagnose: „Zauberlehrling-Syndrom“.

Freilich bedarf es gar keiner albernen Verschwörungstheorien, um klar zu erkennen, dass die Pharmaindustrie an der Angst der Menschen weitaus besser verdient als an ihren Krankheiten. Da niemand krank sein möchte und alles Gemiedene grundsätzlich auch primär unwahrscheinlich ist, kann man kein Medikament so gut verkaufen wie eine Impfcharge. Angst lässt sich auch besser und einfacher schüren, als man überzeugend Werbung machen kann für die Erholsamkeit des Krankenbetts mit den richtigen Präparaten auf dem Nachttisch. Insofern ist die Geschäftsstrategie der Pharmakonzerne völlig durchsichtig; von Verschwörung keine Spur. Andererseits wären Existenz und Geschichte dieser Industrie auch unerklärlich, wenn sie nur Humbug verkaufen würden. So dumm sind wir doch nicht, oder?

Die Wahrheit liegt also irgendwo in der Mitte. Und da nichts so schwer zu finden ist wie die Mitte, bleibt uns – einmal mehr sei’s betont – nichts anderes wirklich sinnvoll übrig als die Schulung unserer Intuition für das Richtige, das heißt: für das Ausgewogene unseres Sicherheitsverhaltens und für die entschiedene Zurückweisung jeglicher verbohrter Ideologie.

SubtilebotschaftD

Das dualistische Teufelchen steckt im alltäglichen Detail.

 

Mechthild von Magdeburg

Die woestin (Wüste) hat zwoelf ding.
Du solt minnen (lieben) das niht (Nichts).
Du solt vliehen das iht (Etwas).
Du solt alleine stan
und solt zuo nieman gan.
Du solt sere unmuessig sîn
und von allen dingen wesen vrî.
Du solt die gevangenen enbinden
und die vrien twingen.
Du solt die siechen laben
und solt doch selbe nit haben.
Du solt das wasser der pine (Pein) trinken
und das fuer (Feuer) der minne mit dem holtz der tugende entzuenden.
So wonest du in der waren wuestenunge.

(Buch 1, Kapitel 35)

Maison carré

Man hat die antike Weiheinschrift am heute „Maison carré“ genannten römischen Tempel in Nîmes allein aus der Anordnung der Stiftlöcher rekonstruiert, in denen die großen Lettern aus Metall einst verankert waren. Ein Mystiker macht gleichsam genau das Gegenteil: Er betrachtet die prächtig glänzenden feierlichen Inschriften seiner Gegenwart und versucht sich vorzustellen, welches Muster wohl die tragenden Stiftlöcher dahinter in ihrem Untergrund ergeben.

Wie ein Mystiker über die Dinge denkt: gar nicht, denn ein Mystiker denkt nicht ÜBER, sondern UNTER die Dinge.

Der Philosoph lässt Antworten lieber offen, der Mystiker lieber zu.

Guy Fawkes

Die jungen Leute bei „Anonymous“ und „Occupy“ hinter ihren Guy-Fawkes-Masken wissen wahrscheinlich gar nicht, was für ein altes Stück sie spielen: Marxisten hinter katholischen Fratzen. Inzwischen haben wir längst schon das Gegenteil gehabt. Aufmerken, weil etwas ernstlich voran gehen könnte, werde ich erst, wenn ich wieder Katholiken bemerke, die katholische Gesichter aufsetzen.

Mein kirchenpolitisches Programm

Was die „KirchenVolksBewegung“, „Wir sind Kirche“, „Gemeindeinitiative“ etc. eint, ist eine kirchenpolitische Zielsetzung, keine theologische. Die Unterscheidung zwischen Theologie und Kirchenpolitik ist elementar, auf sie muss viel Wert gelegt werden. Aus rein theologischen Gründen hätten sich die kirchlichen Reformgruppen sicherlich nie zusammengefunden. Nicht, dass sie es nicht gewollt hätten; aber sie hätten dann bei weitem keine so klare gemeinsame Basis gewonnen, nicht so viele Sympathisanten angezogen und keine so dynamische Wirkung entfaltet. Das tragende integrative Moment dieser Reformbewegung ist präzis die Forderungstrias von synodalem Ende des Klerikalismus, Geschlechtsneutralität aller kirchlichen Ämter und Freiwilligkeit des priesterlichen Zölibats. Darüber hinaus reichen die stabilen Konsense der unter den genannten Fahnen organisierten Reformer faktisch nicht. Sie sind keine dogmatischen oder liturgischen, moralischen oder ökumenischen Konsense; erst recht keine „spirituellen“. Das sollte man nicht verkennen. Gewiss werden hinter den drei gemeinsamen kirchenpolitischen Zielen in der Praxis in vielen Fällen auch zahlreiche sonstige verbindende kirchliche und religiöse Ansichten stehen. Aber dafür steht keine der zitierten Bewegungen mit ihrem Namen ein, geschweige denn mit ihrem Programm. Das ist auch gar nicht nötig – ja, es wäre gar nicht gut; denn es würde die Gefahr erhöhen, dass die kirchliche Reformbewegung zu einer „Gegenkirche“, zu einer schismatischen Veranstaltung depraviert. Das kann nicht gewollt sein.

Die römische Amtskirche leugnet den Unterschied zwischen Theologie und Kirchenpolitik. Für sie ist ihr zwangszölibatärer, zwangsmännlicher Zwangsklerus eine Glaubensfrage.

Angesichts dessen bleibt der Kirchenreformbewegung meines Erachtens nichts anderes übrig, als echt und profund theologisch hiergegen zu argumentieren. Es nützt nichts, immerfort nur zu sagen: „Nein, unsere Kritikpunkte betreffen nicht wirklich die Theologie, sie sind in Wahrheit nur Politik!“ Rom beharrt einfach auf dem Gegenteil. Und selbst wenn eine Mehrheit der sogenannten „Laien“ der Reformposition zustimmen würde, wäre es immer noch ein bedenklichster schismatischer Akt, die bislang gültigen kirchenamtlichen Vorgaben in diesen drei Punkten einfach zu ignorieren, anstatt sich die Mühe zu machen, sie auf ihrem eigensten geistigen Feld zu widerlegen und zur Kapitulation zu zwingen vor dem Richterstuhl der intellektuellen Redlichkeit. Sollten die Vertreter Roms es dann wagen, sich auf unmittelbar göttliches Recht zu berufen, so kann man ihnen getrost entgegnen, dass Gott nicht als Berufungsinstanz tätig wird für Wahrheitsfindungen, die nicht zuerst der Würde der uns von Gott gegebenen Vernunft gerecht wurden.

Ich bin überzeugt, dass man innerhalb des Prämissenrahmens der traditionellen katholischen Theologie sehr starke und präzise Argumente für die Forderungen der katholischen Reformbewegung und gegen den „petrifizierten“ römischen Standpunkt artikulieren kann. Und dass man sich dieser Anstrengung auch und gerade dann gründlichst unterziehen muss, wenn man selber die Fragen, um die es einem geht, gar nicht für ein eigentlich theologisches Thema hält.

Diese Aufgabe mache ich mir im besonderen persönlich zu eigen im Interesse der kirchlichen Erneuerung.

Konkrete Gedanken zur priesterlosen Eucharistiefeier

Die liturgische Praxis der Eucharistefeier gründet sich auf Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Dieses Schriftwort wird verletzt, wenn die Handlung, zu der Christen im Evangelium unmissverständlich aufgefordert werden, aufgrund einer kirchlich-theologischen Selbstblockade, wie wir sie heute erleben, nicht mehr ausgeführt werden kann. Die Amtskirche vertritt die Position, angesichts des Priestermangels hätten die Gläubigen auf Eucharistiefeiern zu verzichten. Nachdem das gesamte Neue Testament aber keine näheren Ausführungsbestimmungen zu Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25 enthält, hat die Amtskirche fraglos kein Recht, ihre nachschriftlichen Traditionen über ein eindeutiges Schriftwort zu stellen.

Jede akzeptable Argumentation in dieser Sache muss sich also auf den Priestermangel beziehen. Solange genügend Priester vorhanden sind, haben die Traditionen der Kirche – zumindest solange keine eindeutige Mehrheit aller Gläubigen sich eindeutig gegen sie ausspricht – durchaus mehr Gewicht als aktuelle Reformwünsche einer kirchlichen Teilgruppe.

Wenn jedoch amtskirchliches Agieren unverkennbar einem biblischen Auftrag widerspricht, so ist dagegen auch die kleinste Minderheit im Recht.

Übrigens ergibt es kategorisch keinen Sinn, zwei unterschiedliche Arten der Gedächtnisfeier gemäß Lk 22,19 und 1Kor 11,24-25 konstituieren zu wollen, eine priesterliche und eine nichtpriesterliche. Dies würde das Gedächtnis ja gerade trüben, weil verundeutlichen, und wäre somit kontraintentional.

Tatsächlich MÜSSEN bei Priestermangel sogenannte kirchliche „Laien“ Eucharistiefeiern vorstehen, da die Gemeinden andernfalls ein biblisches Gebot verletzen. Aus dem Beispiel des gesamten Lebens der Kirche schon seit der ersten Zeit ergibt sich zwingend die Norm, dass in jeder christlichen Gemeinde an jedem ersten Tag der Woche eine Eucharistiefeier stattzufinden hat. Wo diese Norm nicht eingehalten wird, machen alle einzelnen Gemeindemitglieder sich einer Verletzung fundamentaler Maßgaben ihrer Religion schuldig.

Über die moralische Schwere der Schuld kirchlicher Amtsträger, die einen solchen Missstand politisch systematisch verursachen, wage ich hier nicht zu spekulieren. Aber jede einzelne Christin und jeder einzelne Christ ist unbedingt dafür verantwortlich, dass einem solchen seelsorglichen Missstand tatkräftig abgeholfen wird.

Hierzu sind meines Erachtens drei Punkte praktisch zu beachten.

Der erste und wichtigste ist, dass die Laien, die einer Eucharistiefeier vorstehen, nicht nur keine Priester sind, sondern auch keine Priester sein SOLLEN, das heißt keine Priester ersetzen sollen: Die theologische Grundlage dieses Schritts darf keinesfalls der Anspruch sein, „contra legem neue, eigene Priester zu weihen“. Der Laie, der einer Eucharistiefeier vorsteht, muss seine Rolle vielmehr ganz im Gegenteil bewusst als Kontrastprogramm zu allen „klerikalen“ Konzepten auffassen und darstellen. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens wäre ein „Priester contra legem“ ein ebenso eindeutiger wie unnötiger Verstoß gegen das Kirchenrecht, während im Gegensatz dazu ein priesterloser Vorsitz der Eucharistiefeier bei Priestermangel umso gerechtfertigter ist, je dezidierter und deklarierter er durch Personen erfolgt, die beanspruchen, nicht Priester, also, im amtskirchlichen Sprachgebrauch, Laien zu sein. Zweitens ist das „klerikale“ Konzept ganz einfach wahrscheinlich überhaupt kein zukunftsfähiges Modell für Kirche mehr, und es wäre ein schwerer kirchenpolitischer Fehler, eine Gelegenheit wirklich zukunftsweisender kirchlicher Reformen zu versäumen, indem man wegen eines unreflektierten Bedürfnisses nach inkonsistenten Pseudo-Rechtfertigungen für unausweichlich gewordene Modifikationen der Tradition unnötig auf überholte Denkweisen rekurriert.

Der zweite Punkt ist, dass diese pointierte, akzentuierte Nicht-Priesterlichkeit des Eucharistievorsitzes sich grundsätzlich durch eine profilscharf konturierte konstitutive Verteilung der liturgischen Funktionen auf mehrere Personen ausdrücken sollte. Das heißt, die laiengeleitete Eucharistiefeier sollte sich grundsätzlich für nicht durch eine einzelne Person allein vollziehbar erklären. Diese freiwillige Selbstbestimmung, die in der Praxis auf die einfache Regel hinauslaufen wird, dass bestimmte Teile der Feier nicht von derselben Person zelebriert werden dürfen wie bestimmte andere, verdeutlicht insbesondere, dass derjenige, der die Wandlungsworte spricht, dabei nicht in einem grundsätzlichen, sondern nur in einem sehr bedingten, funktionalen und punktuellen Sinne die Stelle Christi vertritt, und nicht aufgrund eines „character indelebilis“ von „Weihegnade“. Dabei ist diese Eucharistiefeier in demselben Sinne sakramental gültig wie eine Nottaufe oder auch wie das Ehesakrament, das die Eheleute sich nach lateinischer Theologie gegenseitig spenden.

Der dritte Punkt schließlich ist, dass die Gemeinden ihre Rechtfertigung des Schritts zur priesterlosen Eucharistiefeier dadurch unterstützen müssen, dass sie sich um eine gründliche liturgische Unterweisung aller ihrer für eine entsprechende Vorsitzfunktion geeignet erscheinenden Kandidaten durch kooperative gültig geweihte Priester ernsthaft bemühen müssen. Bietet beispielsweise ein den innerkirchlichen Reformkreisen wohlwollend gesonnener Pfarrer den betreffenden Laien in seiner Gemeinde ein einschlägiges liturgisches Training an, so würde es deren Berechtigung zum Eucharistievorsitz entscheidend entkräften, wenn sie dieses Angebot ausschlagen würden.

Dem bleibt nur noch hinzuzufügen:

Ist eine von Priestermangel betroffene Gemeinde der Ansicht, dass einige Frauen aus ihrem Kreis für die Funktion des Eucharistievorsitzes besonders geeignet sind, so genießt diese Berufung mehr Gewicht als alle kirchenrechtlichen Einwände hiergegen, da priesterlicher Maskulinismus ausschließlich aus sekundär-indirekten biblischen Indizien abgeleitet ist. Es obliegt allein dem mehrheitlichen Wunsch und Willen der einzelnen betroffenen Gemeinde, ob sie weiterhin nur Männer oder auch Frauen zum Eucharistievorsitz zulassen will. Um des Friedens willen sollte formal hierfür eine möglichst klare Entscheidung angestrebt werden, also nicht bloß eine absolute, sondern besser beispielsweise eine Zweidrittelmehrheit. Zudem wäre gegebenenfalls zu vereinbaren, dass denjenigen Gemeindemitgliedern, die sich mit einem Eucharistievorsitz durch Frauen vorläufig noch unüberbrückbar schwer tun, hinreichend die Möglichkeit angeboten wird, an von Männern geleiteten Eucharistiefeiern teilzunehmen. Jedes andere, „rigorosere“ Reformvorgehen in dieser Hinsicht würde nicht praktikabel sein und eine unverantwortliche Gefährdung des Gemeindefriedens darstellen.

Wohingegen auf innergemeindliche Widersprüche gegen priesterlose Eucharistiefeiern überhaupt aus den genannten Gründen im Falle des Fehlens von Priestern keine Rücksicht genommen werden DARF – wie viele und schwere Konflikte dies auch verursachen mag. Denn die Verantwortung jedes einzelnen Christen für das Stattfinden eines genuin christlichen religiösen Lebens wiegt zu schwer – nicht zuletzt im Hinblick auf eine lebendige religiöse Bildung nachkommender Generationen.

Guter Rat aus der Ferne

Von mystisch-kontemplativer Spiritualität kann religionshistorisch sinnvoll erst ab genau dem Zeitpunkt die Rede sein, ab dem eine deutlich anders geartete „gegenständliche“ Spiritualität nachweisbar wird, von der die Praxis der mystischen Kontemplation sich bewusst abgrenzt. Für diesen Nachweis sind insbesondere die Ursprungszeugnisse eines dezidiert liturgischen Geistes interessant, der zwischen säkularer und sakraler Sphäre – mithin meist zugleich auch zwischen den sozialen Sphären der „Laien“ und der „Kleriker“ – eine scharfe, separative Trennlinie zieht. Ein Initialzündungsmoment solcher Dominanz religiöser Eigenpraxis dokumentiert beispielsweise Ex 7,16, worin der Gott der Israeliten den ägyptischen Pharao durch den Mund des Mose auffordert: „Lass mein Volk in die Wüste ziehen, damit es mir dort Opfer darbringen kann!“ Opferkultorte in Wüsten aufsuchen ist genau das, womit kontemplative Mystiker NICHT beschäftigt sind.

„Wenn ihr das Heilige liebt und das Gewöhnliche verachtet, schaukelt ihr noch immer mitten im Ozean der Verblendung.“ (Rinzai Gigen, + um 866)

Erleuchtung in sieben Strophen

Die Sklaventunnels unter dem Colosseum, den Caracalla-Thermen, der kaiserlichen Villa in Tivoli betrachten: Wenn Tunnels etwas für Knechte sind – dann heraus aus den Katakomben mit allen wahren Christen! Das Dasein zu einer Oase machen in der labyrinthischen Wüste der Gedanken. Die Nuss Welt, die man nicht knacken kann, in die Tasche stecken.

Das Credo so sprechen, wie man eine Nationalhymne singt. Nicht aus dem Denzinger beten. Mit der Vernunft glaubt man nicht. Man kann auch nicht mit den Ohren essen.

Zu zweifeln trainiert, mit Biegsamkeit gerüstet, in Sanftheit gestählt, bis an die Zähne bewaffnet mit Friedfertigkeit – warten auf Gottes ersten Schritt. Erkennen, dass das Himmelreich keine Utopie ist, sondern eine „Pantopie“. Dass ein Geheimnis kein Rätsel ist, das man auflösen kann.

Einsehen, dass man nicht besser ist, sondern es nur besser hatte. Lieber seine zehn Cent geben und sich dafür von Herzen sagen:
 Dies gebe ich als ein Geizhals, und für einen Geizhals ist das schon ganz gut. Das Almosen, das die Welt verbessern will, ist ein Stein im Magen des Hungernden, eine Kröte in der Hand des Verzweifelten, ein Gift in den Adern des Kranken.

Erkennen, dass es nicht Zusammenhänge und Zusammenhangsloses gibt, sondern nur schwere und leichte, helle und dunkle Beziehungen. „Armut bekämpfen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Frieden schaffen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Energie sparen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Erinnerung bewahren“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht). „Die Wahrheit sagen“ ist vielleicht ein Irrtum (vielleicht).

Als größte Hoffnung immer hoffen, dass man Unrecht hat. Heilt es den Patienten, wenn der Arzt gesund ist? Die Immerklugen sind die Dümmsten von allen, weil in einer Welt der Unvollkommenheiten, der Ärgernisse und des Leidens die Mühe, die es kostet, immer klug sein zu wollen, unrentabel ist.

Das Leben nicht in Routinen, sondern aus Projekten bestehen lassen.
 Ein skrupelloser Zeitgewinnler sein! Auf allen Festen tanzen, die gerade gefeiert werden, unter der unsichtbaren Kapuze des Ordens der Anonymen Eremiten.

Mal wieder ein poetischer Text

– freilich ein teilweise äußerst scharf-ironischer: für Leser mit leicht verletzlichen kirchlichen Empfindungen vermutlich nicht geeignet bzw. nur auf eigene Gefahr! Bitte immer die Vorrechte poetischer Freiheit beachten, der nicht dieselben Maßstäbe gebühren wie sachlicheren Texten! Und immer bedenken: Nicht ich bin zynisch – Rom ist zynisch! Der Text ist bis auf wenige Ergänzungen bereits vor einigen Jahren entstanden. Ich veröffentliche ihn hier, weil ich aus heutiger Sicht der Meinung bin, dass er in keinem Buch erscheinen wird.

Eine Romreise

Eine biblische Flaschenpost, ein gläsernes Weidenkörbchen, eingeschlossen in ein hermetisches, starres, zerbrechliches, durchsichtiges fremdes Selbst, durch eine Unendlichkeit gleitenden Wandels treibend, die uns mal als reißender Wildbach, mal als träger, horizontloser Ozean umgibt; das Schleusenbecken unter dir hoch gefüllt bis zum Rand – fast schlagen die Fluten über die Tore -, während im Unter-, ja sogar im Oberlauf deines Weges der Wind den Staub übers ausgedörrte Flussbett wirbelt: so steigst du in Termini oder Fiumicino aus, so kommst du an.

Römisches Wetter, römischer Himmel, römisches Klima! Der intelligente Designer tupft nahtlose Kacheln zu einem Operationssaal in den Wolken.

Der Petersdom! Himmlische Heerscharen von Liturgen litaneien unentwegt in ihre Kaseln: „Asperger me, Domine, Asperger uralt in aeternum“ (darum heißt das vatikanische Staatsgefängnis, mitsamt seinen internationalen Außenstellen, auch „Festung Hohenasperger“). Die Beichtväter verabschieden ihre Beichtkinder mit den Worten: „Grüßen Sie Ihre Witwe.“ Sie bekommen hier Beichtstuhlzulage. Man spielt ein Tedeum von Schopernikus. Im inneren Kuppelfries steht in mannshohen goldenen Lettern: „Alle Macht geht dem Volke aus.“ Die Kohle der Kirche verschwindet in einem Rauchfass ohne Boden. Aber jeder Hartzkrümel, den der Staat sich an einem Christen spart, ist eine himmlische Herdprämie für die, die nach Jesu Geburt in Rom zu Hause bleiben.

Ich bekam einen Ferienjob als Gedenktage-Erfinder beim Osservatore Romano. Mir wurde dafür von Gammarelli eigens eine Kluft als päpstlicher Kaminkehrer geschneidert. Immer zum Angelus machen wir blau und sehen alle geistliche Welt durch den Damasus-Hof wallen: Athos-Mönche, Porthos-Mönche, Aramis-Mönche. Oh, der Klerus, dieser Himmelreichs-Heimatverein, diese Himmelreichs-Heimwehr! Manchmal falle ich dann auf die Knie und bete: Kreuz, unsägliches Sperrholz! Ja, hier herrscht noch Heiliges Römisches Recht Deutscher Nation; hier regiert die sakrosankte Zuckerpeitsche.

Zum Abendmahl in der blättrigen Herberge gibt es Hirtenstäbchen, gefüllt mit Mitrakäse. Als Süddeutscher werde ich mehrmals gefragt, ob ich mir dazu noch Tebarzdn draufschmieren möchte.

Ich kam pünktlich zum Konklave. Die den obersten Priester wählen, ersticken an ihren eigenen Gebräuchen: Den Ofen verstehen ihre Hände nicht zu bedienen, der ihre Stimmen verbrennen soll zur Eintracht. Selbst den Rauch zu leiten sind sie zu ungeschickt. Des Ofens Qualm füllt ihre feierliche Stätte; er bewölkt ihren Blick auf das Jüngste Gericht, wenn sie ihn heben zum versteinerten Himmel über ihnen, und verrußt dort, was erst jüngst gereinigt wurde mit Mühe nach Jahrhunderten: das Werk eines weisen Meisters.

Nun aber tritt der Neuerwählte auf die Loggia. Es ist Papst Matthäus Petrus, der sich im Konklave qualifiziert hat mit seiner Apostolischen Konstitution „Oderint dum metuant“, seiner Liturgischen Konstitution „In Vino Veritas“, seiner Enzyklika „Do ut des“, seinem Motu Proprio „In Dubio Pro Deo“ und seiner Barcarole „Discorso della luna“. Ein Star ist geboren.

Inkognito unter den tobenden Massen rüttle ich an den Gittern vor den Kunst-Verliesen der Vatikanischen Museen und schreie: „Gebt uns die Heilige Vorhaut heraus!“ Der Papst tritt hoch droben ans Fenster seiner Amtswohnung, und da es Ostern ist und die Gewohnheit besteht, dass er zu diesem Termin dem Volk einen Gefallen tut, sagt er: „Wollt Ihr, dass ich euch Barabbas ausliefere?“ Und er zerrt Kardinal Barabbas zu sich ins Fenster, den Präfekten der Glaubenskongregation. Die Menge auf dem Petersplatz aber brüllt: „Nein, nicht diesen, sondern die Heilige Vorhaut!“ Nicht Theologie wollen wir, sondern Frömmigkeit!

Denn wir waren wie Hirten, die keine Schafe haben.

Gott guckt katastrophalles Kirchenkino, auf seinen Knien eine kathedralle Tüte; wie Popcorn urknalln Kosmen auf aus kryptischen Körnern, asketischen Kernen: Röstknall-Romkorn-Gottpop-Apokalypse.

Derweil drüben im bodenlosen Colosseum Weltzirkus-Getier vieler Arten hervor jagt aus unterschiedlichen rollenden Käfigen, nur umstandshalber gleicher Dressur als Schicksalsfamilie in der Arena ihres Augenblicks mit einem einzigen Sprung durch einen Reifring hitzelos brennender, folgenlos flammender Ereignis-, Daten- und Zufallsatome, der als scheinbar bedeutungsvoller Malstrom inmitten der Haltlosigkeit von Raum und Zeit um seine eigene leere Achse kreist, springend in ein allschwarzes Dorthin, das die einschmeichelnde Sprache der geisterhaften Dompteure ihnen stets mit einer Stimme der Transparenz als „die andere Seite“ bezeichnet hat in jenem warmen Käfigwagen ihres Heranwachsens, auf dessen ins Nichts hinaus ragendem Trittbrett unser letzter kurzer Blick zurück vor dem Absprung schon die Nächsten nachkommen sieht. Und doch ist es nicht kalt und nicht windig auf den Rängen, solange man kein Philosoph ist.

Wahrheit ist, worüber man die Schultern hängen lassen kann. Wahrheit ist, worauf die gespitzten Lippen eine Melodie mit Synkopen finden. Wahrheit ist, was man sogar in der Kirche findet: Seht, wenn die Wahrheit sogar in Rom sein kann, dann muss sie wirklich stimmen.

Heimkehr! Heimkehr! Im oberen Maintal unter einem alten Baum zwischen Flussufer und Eisenbahntrasse, zu Füßen des Klosters Banz, sitzt in tiefer Versenkung der goldene Buddha von Vierzehnheiligen, die Hanns-Seidel-Stiftung auf Kloster Banz im Rücken, den Blick hinter den geschlossenen Lidern nach Osten auf die Wallfahrtsbasilika Vierzehnheiligen geheftet voll Ruhe, und die Pilgerströme, die das Maintal durchqueren von Banz nach Vierzehnheiligen und zurück, ziehen am goldenen Buddha von Vierzehnheiligen in einiger Entfernung vorüber – die Meisten ohne ihn zu bemerken. Ich aber bin vom Pilgerpfad abgewichen. Oh goldener Buddha von Vierzehnheiligen! Du lehrtest mich katholischer als alle päpstlichen Hausprälaten. Der goldene Buddha von Vierzehnheiligen hat geholfen! Tatata!

Fazit: Man muss nicht zwingend verneinen, dass einen, wenn man nach Jerusalem will, der Weg nach Rom weiterbringt. Es ist Ansichtssache. Ich kam an, als ich über Rom reiste; andere sagten, sie hätten auf dieser Route das Ziel verfehlt. Ich habe die Reise einmal über Rom gemacht; beim nächsten Mal nehme ich einen anderen Transit und kümmere mich nicht um das Keifen der Römer, die meinen, sie hätten immer einen Anspruch auf Streckenmaut für diese Verbindung. Ohne dass ich deswegen undankbar bin für die Lektionen, die sie mir erteilt haben.

Und ohne mir deswegen eine Fahrkarte nach Wittenberg zu kaufen.

Sich aufregen

Ich hatte ein interessantes Erlebnis im Bio-Supermarkt. Schon seit Jahren stelle ich immer wieder fest, dass große Bio-Supermärkte in Innenstädten besonders sichere Gelegenheiten bieten, signifikant unentspannten Zeitgenossen zu begegnen. Wie alle Supermarkt-Stories spielt auch die vorliegende an der Kasse, wo sich, wie üblich in solchen Geschichten, eine Schlange gebildet hatte.

Die Kundin, die der Grund für die Schlange war, war offensichtlich der Meinung, nicht sie selbst, sondern vielmehr die Kassiererin sei der Grund dafür. Ich habe überhaupt keine Meinung dazu, welche dieser beiden Sichtweisen plausibler ist, weil ich Genaueres gar nicht mitbekam von ihren Komplikationen. Als die betreffende Kundin endlich gehen konnte, machte sie zum Abschluss, „partherpfeil-artig“, noch ihrem Ärger Luft und griff die Kassiererin – in dem typischen halb-gehobenen Stil, in dem sich die autochthonen Aggressionen großer innenstädtischer Bio-Supermärkte zu entladen pflegen – unter anderem dafür an, „dass sie die ganze Zeit über nicht sie, sondern immer nur ihren Sohn angeschaut“ habe. Die Kassiererin, deren leichten Akzent ich als polnisch einschätzte, reagierte kühl und beherrscht, indem sie etwas von „so weit hoch schauen müssen“ erwiderte. Nachdem die Kundin außer Hörweite war, sagte ich zur Kassiererin: „Manche Leute müssen sich eben aufregen.“

Es war freundlich gemeint, mit dem einzigen Zweck, die Kassiererin aufzumuntern, und es war für keine anderen Ohren bestimmt. Aber der Herr hinter mir in der Schlange hatte es gehört und begann mich sogleich für diese Äußerung mit schwäbisch-pädagogischem Zungenschlag ebenso scharf wie eloquent zu tadeln: Manchmal gebe es durchaus einen Grund, sich aufzuregen, und meine Äußerung sei respektlos gegenüber der Dame! Ich erklärte ohne den Gebrauch näherer Argumente begütigend, so sei es nicht gemeint gewesen. Während sie meine Waren über den Scanner zog, sagte die Kassiererin so deutlich zu mir, dass der Herr hinter mir es hören konnte: „Wir dürfen den Mund nicht aufmachen, und jetzt dürfen Sie als Kunde den Mund auch schon nicht mehr auf machen.“ Während ich nur still in mich hinein schmunzelte, weil mir dieses fatalistische Fazit durchaus typisch osteuropäisch vorkam, konnte ich mich plötzlich gleichzeitig in die Sichtweise des Herrn hinter mir erstaunlich gut hineinversetzen:

Es gibt diese Umwandlung eigener Aggressionen in betont distanzierte Arroganz mit „Abperl-Effekt“ nach dem Motto: „Lächeln und Winken!“. Freunde dieser emotionalen Strategie spielen ihre ostentative Unaufgeregtheit in der Form aus, dass sie dabei letztlich die daraufhin nur umso potenzierteren affektgeladenen Reaktionen mancher anderer – wie vermutlich des Herrn hinter mir – als „Stellvertreter-Ventil“ benutzen und genießen. Das war und ist bei mir nicht der Fall. Mir war aber plötzlich ganz klar, dass der Herr hinter mir mich und mein Verhalten genau in diesem Sinne betrachtete und einordnete. Aus seiner unerbetenen Rückmeldung konnte ich daher tatsächlich etwas lernen: Es wäre klüger gewesen, sich jeder Bemerkung zu enthalten und die Kassiererin einfach nur durch kommentarlose Freundlichkeit aufzumuntern. Denn schließlich bestand neben dem unerwünschten Mithören Dritter ja auch noch die Gefahr, dass die Kassiererin meinen Kommentar selbst ebenso intentionswidrig interpretierte, wie es der Mit-Kunde tat.

Meine Diskussion mit diesem setzte sich noch ein klein wenig fort, ich blieb begütigend, wobei ich aber versuchte, ihm zu zeigen, dass ich auf ihn einging, indem ich sagte: „Aufregung setzt sich doch nur immer weiter fort und automatisiert sich“; er aber wiederholte eindringlich den Vorwurf der Respektlosigkeit an mich. Am Ende war ich mir ziemlich sicher, eine Person vor mir zu haben, die selber die Überlegenheit ihrer eigenen Einsichten deutlich größer einschätzt, als sie wirklich ist, die mir aber dennoch eine Lektion erteilt hatte, die ich nicht missachten mochte. Denn immerhin wäre es ja gelogen, wenn ich von mir selber behaupten würde, ich rege mich nie auf; nur weil Supermarktkassen nicht das Niveau sind, auf dem in dieser Hinsicht meine persönlichen Herausforderungsmarken liegen.

Warum schreibe ich diese Geschichte auf? Weil ich glaube, dass man aus ihr etwas lernen kann darüber, wie man mit alltäglichen Situationen in einem tieferen Sinne gut umgehen sollte. Nicht ich als Person bin es, der diese Lektion vermittelt – genauso wenig wie der schwäbische Herr. Die Situation selbst ist die Lehrerin. Was aber die Methode angeht, eine Situation lehrreich auszuwerten, ist der Verfasser der Situationsbeschreibung selbst genauso Lernender wie der Leser. Die Geschichte ist gleichsam ein „Praktikumsbericht“ des Lebens, zu mentorieren vom Leben selbst – zum Beispiel in Gestalt der Leser, die auf einem Blog die Kommentarfunktion benutzen können. Dieses Procedere, diese „Verfahrensethik“ menschlicher Entwicklung ist das Entscheidende, worauf es bei den praktischen Gesichtspunkten der Spiritualität ankommt.