Bischof Oster über „kath.net“

Er sei zwar „einverstanden und dankbar“, dass das von einem österreichischen Verein getragene Portal „kath.net“ versuche, „den katholischen Glauben in seiner Schönheit und Wahrheit darzustellen“; „wirklich schwer“ tue er sich aber mit der aus seiner Sicht „zunehmend tendenziösen Berichterstattung“, die eine Polarisierung von Bischöfen, Priestern und Theologen „in klar identifizierbare Lager“ vorantreibe. Dieser Facebook-Beitrag des Passauer Bischofs erzeugt derzeit ein vielfältiges, lautes Echo in den sozialen Medien.

In einem Nachfolgebeitrag erklärt Stefan Oster daraufhin, er äußere sich in niemandes Auftrag, wolle von keiner Seite vereinnahmt werden und habe die Absicht, gerade gegen innerkirchliche „Lager“-Bildungen einzutreten.

Und er fügt hinzu: Im 20. Jahrhundert hätten etwa Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar, Joseph Ratzinger und Johann Baptist Metz miteinander um Wahrheit gerungen und gestritten, „und ja, es ist möglich, sich in der grundsätzlichen Denkform und inhaltlichen Nähe eines jeden (!) dieser Denker zu bewegen und dennoch im rechten Glauben und in der Liebe zur Kirche zu bleiben und dabei Gott und den Menschen zu dienen.“

Persönlich schließe ich mich denen an, die für diesen Satz im Namen von Karl Rahner danken.

Obwohl Oster im selben Atemzug betont, er teile sachlich in vielem Positionen, die „kath.net“ favorisiere, – was ich von mir selbst objektiv nicht behaupten kann -, erscheint mir diese Äußerung als der relevanteste und konstruktivste theologische Beitrag, den ich in der letzten Zeit von einem deutschen Bischof gehört habe.

Denn seine Konkurrenz um diese Ehre besteht in Sätzen wie etwa jenem jüngsten von Kardinal Marx, „die Zukunft der Kirche werde sich an ihrer Stellungnahme zum Thema Familie entscheiden“. Was ich für einen kompletten Irrtum halte.

Oster erkennt, dass in der Kirche vor allem wieder echt Theologie getrieben werden muss. Er hat recht. Darauf kommt es an. Und sein Facebook-Kommentar lebt auf eine erfrischend unbefangene Weise den Geist vor, in dem allein das geschehen kann. Bravo.

Wer war das?

Als der etwa 80-jährige Obdachlose am 12. Dezember 2014 gestorben war, kam sein Leichnam zunächst in die Prosektur des Santo-Spirito-Krankenhauses in Rom, weil niemand ausfindig zu machen war, der behördengültig die Identität des Toten bezeugen konnte.

Dabei war er so vielen Vatikan-Besuchern bekannt gewesen – oder jedenfalls eindrucksvoll begegnet. Vor etwa 25 Jahren war der Mann erstmals auf den Straßen Roms rund um den Petersplatz aufgetaucht. Dort, auf den Straßen, hatte er seitdem gelebt. Nahezu täglich erschien er in der Frühmesse in der St.-Anna-Kirche am Vatikan. Mit vielen jugendlichen Rom-Touristen suchte er Jahr um Jahr das unverbindliche, flüchtige Gespräch über den Glauben. In den Weihnachtsmessen der St.-Anna-Gemeinde beteiligte er sich am Krippenspiel.

Am 9. Januar 2015 wurde der gebürtige Niederländer Willy Herteleer, nachdem er identifiziert worden war, auf dem Friedhof Campo Santo Teutonico neben dem Petersdom bestattet, der traditionell als Grabstätte für deutschsprachige und flämische Pilger in Rom dient. Die Kosten übernahm nach Angaben von „news.va“ eine deutschsprachige Familie.

„Bei mir haben noch nie so viele Menschen angeklopft, um zu fragen, wann die Beerdigung stattfindet und wie sie helfen können, um die Erinnerung an den Toten wachzuhalten“, sagt Bruno Silvestrini, der Pfarrer von St. Anna.

Schöne Neue Welt

Das jüngste Fazit von „Amnesty International“ zum Jahr 2014 lässt sich wie folgt zusammenfassen: Global gesehen war es das schlimmste Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg.

Vor diesem Hintergrund frage ich mich, ob Moral-Themen auf einem Blog wie diesem deshalb nicht eher in den Hintergrund treten müssen? Moralische Abhandlungen ergeben doch nur Sinn, wenn es Einzelfragen zu besprechen gilt. In der Gegenwart gibt es aber keine Einzelfragen zu besprechen: Das Ganze unserer Welt steht radikal zur Sinn-Diskussion.

Vielleicht werde ich hier in Zukunft eher seltener als bisher die „Moral“-Rubrik füttern. Der Weltzustand erfordert eher den Rekurs aufs Fundamentale – alles andere hilft nicht mehr.

Eichstätt

Die derzeitige Schicksalstragödie um die „Katholische Universität Eichstätt“ reflektiert nicht zuletzt den schwierigen gesellschaftsaktuellen Konflikt um das Paradigma der „Wissenschaftlichkeit“ (nach den Begriffen und methodischen Konzepten des 20. Jahrhunderts) in Kirche und Theologie. Vielleicht würde die KUE wirklich besser damit fahren, wenn die Verantwortlichen den Mut (oder die Möglichkeit?) hätten, sie zu einer kirchlichen Lehreinrichtung zu erklären, die ihren eigenen Funktionsregeln folgen darf, die sich nicht in allen Punkten notwendig an denen staatlicher Universitäten messen müssen. Aber davor scheuen derzeit noch alle zurück. Dabei ist die „Wissenschaftlichkeit“ des 20. Jahrhunderts, die unserem bestehenden (übrigens nicht nur baulich maroden bis moribunden) Hochschulwesen zugrunde liegt, erkenntnistheoretisch doch längst ein mausetotes Pferd. Nur traut sich immer noch keiner, das laut zuzugeben. Die Kirche könnte mal wieder innovativ sein. Aber vielleicht verpasst sie diese Chance auch mal wieder.

Papst-Ticker

Der neueste Wirbel um eine Papst-Äußerung, das schnodderige Wort von der „Mexikanisierung“ Argentiniens, macht eigentlich nur ein Problem deutlich: Die Schwierigkeiten des Beharrens darauf, als Papst noch „rein private“ E-Mails schreiben zu können. Was freilich konsequent zu Franziskus‘ Selbst- und Amtskonzept gehört.

Wesentlich profunder zum Nachdenken gibt tatsächlich die jüngste Anmerkung des Münsteraner Kirchenrechtlers Thomas Schüller, Franziskus‘ Weihnachtspredigt vor den Mitarbeitern der Kurie über deren „fünfzehn Krankheiten“ sei „motivationspsychologisch blödsinnig“ gewesen.

Nockherberg

Die diesjährige Starkbierprobe auf dem Nockherberg war künstlerisch mal wieder voll auf der Höhe. Umso schlimmer nur die Erkenntnisdämmerung apokalyptischen Unbehagens in mir: Die eisig existenzielle Welt um uns herum wird dieses absolute Fehlen jeglichen Existenziellen in unserem solipsistisch-absurden politischen – bzw. nicht- oder pseudo-politischen – Weltausschnitt möglicherweise eines nicht allzu fernen Tages noch grausam hinweg fegen mit der überlegenen Gewalt ihrer Not, die kein Gebot kennt, schon gar kein ästhetisches, humoristisches oder gar prosit-gemütliches. Es gibt – jedenfalls für einen Christen – keine Weltzustände, in denen man grundsätzlich keine Witze mehr machen kann. Aber es gibt Weltzustände, in denen man gute Witze nur noch blutend machen kann. Geblutet hat auf diesem Nockherberg weniger denn je. Was daran liegen mag, dass die dort auftretenden Politiker alle vollkommen blutleer sind. Insofern freilich hat Marcus H. Rosenmüller das Singspiel-Szenario „Exodus der Politiker in den Weltraum“ visionär treffsicher gewählt. Dennoch: Nicht er, nicht seine Kunst hat die leise Unterschwelle des Grauens vibrieren lassen, die Kunst zu großer Kunst macht. Das Grauen war für mich weit neben und hinter allem präsent, was ich auf diesem Nockherberg zu sehen und zu hören bekam: Im Vakuum außerhalb der vernebelten Kapsel, die nicht nur die Politiker, sondern auch ihre „Derblecker“ letztlich genauso betriebsblind mit umschloss. In seiner Furchtbarkeit war dieses Schauspiel lohnend – paradoxerweise vielleicht gerade deshalb, weil es nicht die menschliche Kunst daran war, die diesen Effekt der Furchtbarkeit erzeugt hat, sondern das unaussprechlich Abwesend-Anwesende, an das diese Kunst nicht zu rühren vermochte.

Politischer Aschermittwoch in der Kirche

Der diesjährige Hirtenbrief unseres Kardinals zum Beginn der Fastenzeit war wieder mal sehr politisch. Ihn verlesen hörend, wurde mir immer deutlicher, wie dezidiert ich daran glaube, dass die Kirche – in einem Zusammenhang, welcher der Vernunft paradox erscheinen muss – tatsächlich nur dadurch politisch positiv wirksamer werden kann, dass sie unpolitischer wird. Aber vielleicht ist diese Haltung nur etwas für hartgesottene Mystiker.

Blinde Wut

„Erleben wir in Deutschland derzeit eine neue Welle des Antisemitismus?“ lautet eines der großen, medial forcierten Themen dieser Tage. Auch andere Themen scheinen da auf – aber seltsam: In großer Zahl muten diese Themen einander recht ähnlich an. Immer wieder geht es um Menschen, die zu Extremen neigen. Dem einen oder dem anderen.

Die wirklich entscheidende Frage hinter all den Schlagzeilen-Fragen ist aus meiner Sicht eine ganz andere: In welcher Beziehung steht das Bedürfnis, in öffentlichen Äußerungen „Dampf abzulassen“, zu einer Bereitschaft, das Geäußerte in letzter Konsequenz in die Tat umzusetzen?

Um echte Konsequenzen aus einem Gedanken überhaupt erkennen zu können, muss man sich ernsthaft und gründlich mit ihm befassen.

In gewissem Sinne könnte man sagen, dass es keine Antisemiten geben kann unter Menschen, die vom Judentum keine reelle Ahnung haben. (Geschätzt: 99 Prozent der deutschen Bevölkerung?)

Der Sprung vom Bramarbasieren zum gewalttätigen Handeln im Sinne eines echten Ursache-Wirkungs-Zusammenhangs setzt die Gewissheit voraus, mit der „eigenen Meinung“ (die allzu oft nur eine vermeintliche „eigene“ ist) etwas wirklich Wesentliches erkannt zu haben. Denn jedes „Ernstmachen“ ist auch eine erhebliche „Investition“ – wenn nicht gar ein konkretes Risiko. Man „macht nicht ernst“ für bloßes Geplapper – auch nicht für das eigene (bzw. das sogenannte eigene). Nach dieser Regel verhalten sich de facto auch die einfältigsten Menschen.

Natürlich ist es nicht zu unterschätzen, wenn Haufen von enthemmten Sprechchörlern ein vergiftetes gesellschaftliches „Klima“ erzeugen. Vermutlich kann auch die abstruseste Plapperei sich unter gewissen ungünstigen Umständen irgendwann „(von) selbst und (von) allein“ zur Betriebstemperatur politischer und menschenrechtlicher Verbrechen aufheizen. Das mag ich nicht leugnen. Aber auch die sachliche Überbewertung medialen „Auf-die-Pauke-Hauens“ gehört zu unserer realen gesellschaftlichen Problemlage – vielleicht sogar stärker als mancher andere Aspekt.

Die eigentliche Frage ist nämlich nach meinem Dafürhalten gar nicht die nach der angeblichen „Sache“. Sie lautet vielmehr: Warum bricht gegenwärtig eine derart bis zur Krawall- und Gewaltlust angestaute Frustration aus so vielen Menschen in diesem Land heraus, dass beispielsweise große Internet-Medien reihenweise die Kommentarfunktionen zu ihren Online-Artikeln deaktivieren müssen, weil die digitale Kommunikationskultur insgesamt so enthemmt, so aggressiv, so verächtlich und brutal geworden ist, dass die redaktionellen Moderatoren mit dem katastrophalen Niveau der Beiträge überfordert sind? Wer dieses Phänomen rein auf die gesellschaftliche Eigendynamik des Pionierstadiums der neuen elektronischen Medien schiebt, irrt. Es steckt mehr dahinter. Zur Eigendynamik dieses epochalen Medienphänomens mag die Überforderung gehören. Aber könnte sich die nicht grundsätzlich auch, im Gegenteil, in Verschüchterung und Verstummen äußern angesichts der praktischen Unhörbarkeit der einzelnen Stimme angesichts eines Volkes, in dem jeder plötzlich persönlich zum „Publizisten“ wird, der mit seinen privaten Botschaften theoretisch alle erreichen kann? Muss dieser Zustand zwingend „Blindwütigkeit“ des Kommunikationsverhaltens auslösen?

Die Wahrheit ist: Es ist vollkommen gleichgültig, ob die betreffenden Legionen von Radaumachern ihre „Meinungs“-Schreie in das Gewand von antisemitischem oder anderem pseudo-neonationalsozialistischem, salafistisch-islamistischem oder sonstigem Verbal- und „Gedankengut“ kleiden. Der Kern der Sache ist die Radikalisierung der gesellschaftlichen Atmosphäre an sich. Die einzelnen Äußerungsvarianten dieser Radikalisierung sind nahezu beliebig und spielen „für sich genommen“ im Grunde gar keine echte Rolle. Nicht zuletzt deshalb, weil die provokativen Plärrer über die authentischen Hintergründe der von ihnen „vertretenen Positionen“ regelmäßig keinerlei fundierte Kenntnisse aufweisen. Selbst wenn ihr Geschrei in Gewalttaten umkippt, fallen diese unter solchen Umständen ihrer Art nach viel zu beliebig aus, um wirklich als „Konsequenzen“ eines Standpunktes bezeichnet werden zu können.

Meine persönliche Antwort auf die eigentliche Kernfrage steht längst fest: Das erschreckende Frustrationsniveau unserer gesamten Gesellschaft ist auf eine endemische tiefe Desorientierung zurückzuführen. In diesem Zusammenhang bietet schon bloßes spontanes Parolen-Herausbrüllen neben der affektiven Ventilfunktion ein Stück minimaler, atavistischer Selbstvergewisserung.

Jede Diskussion über einen „neuen deutschen Antisemitismus“ erscheint mir, offen gesagt, als Zeitverschwendung. Denn die Zeit drängt: Wir haben dem viel echteren, viel realeren, viel grundlegenderen Problem zu begegnen, dass Millionen von Menschen in diesem Land für ihre an der Schwelle zur Destruktivität stehende Total-Frustration angesichts „der Gesamtverhältnisse“ zunehmend hektisch und gereizt nach irgendeinem Ventil suchen.

Neben der Eigendynamik der neuen Medien – gewiss – spielt dabei an der Wurzel der Ursachen diese Zustandes unter anderem auch das tiefe existenzielle Kollektiv-Unbehagen darüber eine zentrale Rolle, dass die kategorische Hyper-Komplexität von Politik und Ökonomie heute nicht mehr glaubhaft ideologisch geleugnet werden kann, und dass der technologische Wissenschaftsgeist des 19. und 20. Jahrhunderts die Menschheitsprobleme, die er zu lösen versprach, keineswegs gelöst hat – und dass diese Erkenntnis eine endgültige ist. Zugleich hat dieser Geist aber hingereicht, die Religiosität aus der Mitte der Gesellschaft zu verdrängen und sie zu diskreditieren, so dass die Dimension religiöser Perspektiven und Antworten für viele Zeitgenossen kaum noch zugänglich ist.

Die von dieser gravierenden Turbulenz Betroffenen müssen wieder zu einer grundlegenden Lebens-Orientierung gelangen, die ihnen Gelassenheit ermöglicht, damit sie sich vom Ungeist der platten Parolen abwenden können. Möglichkeiten echter Orientierung sind zwar nicht so zahllos wie dümmliche Populismen jedweder Couleur, aber auch sie sind plural. Es gibt nicht nur die eine wahre Orientierung. Allerdings: Zum Kreis der ernsthaften Optionen zählen in jedem Fall die etablierten, traditionellen, großen Religionen. In diesem Kreis bilden sie eine starke, vielleicht die stärkste Fraktion.

Der Preis jeder echten, tragfähigen Orientierung im Leben ist die Anstrengung der Ernsthaftigkeit. Insofern ist das Fortschreiten des psycho-sozio-mental relaxierenden Konsumismus am kollektiven Desorientierungs-Problem zweifellos erheblich mitschuldig. Was immer die Mühe der Ernsthaftigkeit verlangt, zieht auch den dumpfen Unmut, den phlegmatisch-kalten Zorn, den hilflosen Hass der Relaxierten, Sedierten auf sich. Die einzige Flamme, die sie daraufhin noch in sich entdecken – und deren auf mesquine Weise wärmendes und lichtspendendes Brennen sie entsprechend genießen und füttern – ist die des plumpen Randalierens, zu dem ihnen jedes Mittel recht ist – zunächst einmal jedes verbale. Oft genug dürfte darüber der Zufall entscheiden. Eine echte Entscheidung wäre ja schon wieder eine Anstrengung.

Dem unbefangenen Blick sollte sich nüchtern darstellen, dass engagierte Juden, Muslime und Christen derzeit in Deutschland zwar gewiss nicht auf die gleiche, aber doch auf eine ähnliche Weise für ihren Glauben und ihr aus dem Glauben genährtes Leben unter Druck geraten.

Die bloße Tatsache, dass sie sich unter religiösen Vorzeichen zu einer grundlegenden, ihrem Dasein klar Form gebenden Lebensentscheidung durchringen und diese beharrlich in alltägliche Praxis umzusetzen versuchen – wie mühsam und holperig auch immer -, verursacht schon einen merkwürdigen Neid auf sie wie auf eine „Elite“. Und zwar gerade weil diejenigen, die sich selber nicht in vergleichbarer Weise innerlich bewegen, keine gültige Entschuldigung dafür finden. Der ganze Unterschied hängt ja an nichts anderem als an dem winzig kleinen (und doch so großen) Ruck „ja, ich will“. Allzu offensichtlich ist, dass die zur Religion Entschlossenen nicht „besser“ sind als die Anderen – sie wollen es lediglich sein, sie wollen es werden. Genau das macht sie den Trägen zum Ärgernis – dem Einzigen, das deren Trägheit anfallsweise suspendiert, um alles Positive, Konstruktive, durch das sie sich delegitimiert fühlen, zu attackieren.

Die naheliegende (und ins Unendliche führende) philosophische Frage nach dem freien Willen und der Gnade angesichts jeder menschlichen „Entscheidung“ soll hier nicht erörtert werden. Hier geht es rein um eine – wenn man so will – „soziologische“ Beobachtung.

Die Antwort auf die Frage, die er aufwirft – „Wie wird man ein Missionar der Orientierung, der jedem seine eigene Orientierung zu finden hilft, aber doch auf jeden Fall eine echte?“ – enthält dieser Artikel nicht. Er liefert aber, wie ich glaube und hoffe, einmal mehr ein Beispiel dafür, dass eine richtig gestellte Frage hilfreicher ist als eine Menge überaus kluger und richtiger Antworten auf eine falsche Frage.

Berufung

Wenn, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, sein Glaube für jeden religiösen Menschen mit einer besonderen göttlichen „Berufung“ (vocatio) verbunden ist, so gilt es sorgfältig zu erörtern, woran man diese „Berufung“ eigentlich zuverlässig erkennt, wenn man sie reflektiert.

1. Man SOLL sie reflektieren und hinterfragen: Jede Zielsetzung, die mit einer „ideologischen“ Gebärde ihre eigene kritische Reflexion negiert, kann sich eo ipso auf keine authentische Berufung beziehen.

2. „Berufung“ meint immer eine umfassende Lebensweise. Der Begriff bezieht sich bei sinngemäßem Gebrauch nie bloß auf einen einzelnen, isolierten Aspekt der Existenz, wie beispielsweise die Arbeit. Nicht zuletzt deshalb ist eine einfache, „rezeptartige“ Definition von „Berufung“ kategorisch unmöglich. „Berufung“ ist immer komplex – sowohl hinsichtlich ihres Inhalts als auch hinsichtlich ihres Vorgangs. Dies gilt es grundlegend anzuerkennen, und die authentische Berufung selbst muss diese Erkenntnis in ihrer Struktur stets widerspiegeln, indem sie sich bewusst grundsätzlich und andauernd als entwicklungsoffen versteht (wenngleich sie natürlich nicht täglich nach Belieben geändert werden kann).

3. Jede authentische Berufung muss zwingend immer folgende Aspekte mit einschließen:

a) Leben in Fülle – authentische Berufung bedeutet niemals einen „Verzicht“ auf Lebendigkeit,

b) Leben aus Liebe – authentische Berufung richtet sich niemals primär „gegen“ etwas, sondern will zuallererst positiv etwas hervorbringen und fördern,

c) Leben mit Freiheit – authentische Berufung äußert sich niemals als Zwang, Gängelung, Einengung, harsche „Entweder-Oder“-Alternative oder drückendes Dilemma. Kurz gesagt: Wenn jemand etwas „unbedingt tun MUSS, weil er nichts anderes tun kann“ – hat er schon allein deshalb keine authentische Berufung dazu.

4. Jede authentische Berufung akzeptiert bereitwillig, durch folgende nüchternen äußeren Kriterien determiniert zu werden:

a) Förderlichkeit oder Hinderlichkeit gesellschaftlicher, politischer oder wirtschaftlicher Umstände im Hinblick auf die realistische Setzbarkeit eines Ziels (nicht im Hinblick auf seine Erreichbarkeit!). Beispiel: Wenn ich mich berufen fühle, Verfolgten oder Unterdrückten beizustehen, kann dies gewiss auch unter großen Schwierigkeiten und Gefahren eine überaus sinnvolle Berufung sein; wenn ich allerdings schon akut mein Leben riskieren muss, um mit dieser Zielgruppe überhaupt in Kontakt kommen zu können, kann dies durchaus auch ein ernsthafter Hinweis darauf sein, dass die Zielsetzung meiner vermeintlichen „Berufung“ unrealistisch und diese daher auch nicht authentisch, sondern in tieferer Wirklichkeit eher von subtilen egoischen Motiven gespeist ist (wozu beispielsweise auch jedes Begehren nach einem „Martyrium“ zählt). Oder, vielleicht etwas weniger dramatisch: Wenn sich in meinem Leben eine Liebesbeziehung ereignet, aus der ein Kind hervorgeht, so sollte dieser Umstand durchaus als Evidenz hingenommen werden, dass ich eben nicht berufen bin, nach den derzeit geltenden Regeln katholischer Priester zu werden. (Was zwar keine Aussage über Möglichkeit oder Wünschbarkeit einer Änderung der Zölibats-Regel darstellt. Abermals gilt jedoch: Würde jemand seine Berufung definieren als „die historische Mission, die Abschaffung des Zölibats herbeizuführen“, wäre diese Berufung nicht realistisch und also auch nicht authentisch.)

b) Meine Kompetenz und Qualifikation, meine objektive Befähigung, etwas zu tun, muss evident ausreichen, ich muss in einer spezifischen Weise talentiert, (vor-)gebildet und erfahren genug sein, damit die Zielsetzung meiner Berufung als seriös gelten kann.

c) Ich muss über eine hinreichende Gesundheit verfügen, die den körperlichen und seelischen Beanspruchungen der Berufungs-Zielsetzung aller Voraussicht nach sinnvoll gerecht wird.

d) Der Rat etablierter religiöser Autoritäten zu Fragen der Lebensführung muss ernsthaft und gründlich angehört und erwogen worden sein, und falls meine individuelle Berufungswahrnehmung von deren Empfehlungen schließlich abweicht, muss dies auf der Basis einer sehr fundierten, sowohl tief verinnerlichten als auch nachvollziehbaren Begründung geschehen, und nicht „leichthin“.

5. Fundamentale Skepsis gebührt folgenden vermeintlichen, scheinbaren Kriterien, auf welche die Begründung einer authentischen Berufung sich daher NICHT stützen sollte:

a) Berufensein als „Gefühl“. „Gefühle“ sind nicht weniger egoisch als Kalküle – im Gegenteil.

b) Vernünftig benennbarer, intellektuell erkennbarer, argumentativ aufzeigbarer „Sinn“ als Maßstab. Dies führt ins Äußerliche. Authentische Berufung muss von Anfang an das „Resilienz“-Potenzial mit beinhalten, Sinnkrisen bewältigen, durchstehen und überwinden zu können. Also kann sie sich (so paradox das vielleicht auch klingen mag) nicht auf explizite „Sinn“-Konzepte gründen – sondern nur auf „implizite“, nicht „aussprechbare“ Sinn-Gefüge.

c) „Frieden“ oder „Zufriedenheit“ als Maßstab. Die Befindlichkeit innerlicher Ruhe und Stille, die sich mit einer Selbstbestimmung, Selbstverortung, Haltung oder Rolle verbindet, ist kein Kriterium für die Authentizität einer Berufung.

d) Primat von „Leistung“. Weil „Berufung“, wie schon eingangs bemerkt, ein sehr komplexes Phänomen ist, gerät ihre Authentizität unter Verdacht, wenn allzu einseitig ihre produktiven Effekte in den Mittelpunkt ihrer Beschreibung treten – so „segensreich“ für Dritte diese Effekte auf den ersten Blick auch sein mögen. Hier droht abermals Vordergründigkeit, Oberflächlichkeit.

Die „inneren zwölf Jünger“ – ein religionspädagogisches Modell

Der folgende Versuch beschreibt ein religionspädagogisches Arbeitsmodell, mit dem ich mich identifiziere:

Unser „innerer Christus“ hat „innere zwölf Jünger“, „innere zwölf Apostel“. Wer sind diese?

Sie sind keine „Theologen“. Sondern es sind „Seelenanteile“ und „Seelenbausteine“ in uns, die mit Jesus auf dem Weg sind. Ihre Botschaften liegen daher nicht in großen, abstrakten Gedanken, sondern in kleinen, konkreten Taten, Verhaltensweisen und Haltungen, die auf dem Weg Jesu weiterführen, dessen letztendliches Ziel mit Worten zu benennen nicht unsere vordringlichste Aufgabe ist. Durch welche Merkmale sich der Weg Jesu auszeichnet, ist indessen klar genug. Und für seine Markierungen stehen die „inneren zwölf Apostel“. Sie bezeichnen ganz praktisch eine wahrhaft christliche Lebensweise. Sie „heißen“:

1. Ganz im Sinne des profunden Judentums Jesu: den Sabbat (Sonntag) heiligen, was noch mehr meint als an „Liturgie“ oder „Eucharistie“ teilzunehmen – und notfalls sogar ohne letzteres möglich ist. Denn die Gewohnheit einer vom „Alltag“ geistlich abgesetzten Gestaltung dieses wöchentlichen Tages entfaltet „aus sich selbst heraus“ mit der Zeit mehr und mehr eine spirituelle und mystische Dimension in uns, die wir kaum beschreiben, geschweige denn „definieren“ können, so fundamental und innerlich lebensumfassend ist sie. Man erkennt die Wirkmächtigkeit dieser Praxis gerade daran, wie schwierig es ist, sich diesen Tag wirklich im Ganzen unter seinen religiösen Vorzeichen zu „nehmen“. (In magnis et voluisse sat est.)

2. „Almosen geben“ – was „weniger und zugleich mehr“ bedeutet als „institutionelle gute Werke zu leisten, Fürsorge und Wohlfahrt zu organisieren„, weil es viel „situativer“, „persönlicher“, „einmaliger“ und „spontaner“ ist. Die institutionelle Dimension der Barmherzigkeit gehört nicht zum innersten Kern des Christentums. Zu dessen innerstem Wesen gehört vielmehr die ganz persönliche Dimension des „Erbarmens“ als tätigen Mitgefühls. Das bedeutet keine Ablehnung karitativer Institutionen, aber das klare Postulat, dass diese Institutionen nur unter der Bedingung überhaupt einen echt christlichen Sinn haben, dass jeder an ihnen Beteiligte zuerst seine ganz „private“ Nächstenliebe in voller Lebendigkeit realisiert – und nicht etwa stattdessen in den „Strukturen“ diakonischer Einrichtungen tätig wird. Diese Gefahr besteht sehr real. Der Begriff „Almosen“ soll weit mehr umfassen als bloß das freiwillig teilende Abgeben von Geld, über das man Verfügungsrechte hat; darauf wird er zu Unrecht oft reduziert. Aber gerade das pekuniäre Almosen verdeutlicht den sehr gegenständlichen Aspekt des Sich-von-Besitz-Trennens, der für unsere spirituelle Entwicklung von ganz eigener Bedeutung ist. Zugleich impliziert die Hilfeleistung in Geldform besonders wenig Bevormundung des Hilfeempfängers, da dieser in einem weiten Spielraum selbst und frei bestimmen kann, welche genauen Vorteile er daraus ziehen, wofür er das Geld ausgeben will. Gerade mit Geld-Almosen entsagt der Hilfegeber also „paternalistischen“ Tendenzen des Helfens. Außerdem enthält speziell die „unwirtschaftliche“ finanzielle Hilfe auch noch das Moment einer politischen Provokation, die dem Religiösen unter heutigen „turbo-kapitalistischen“ Gesellschaftsverhältnissen sehr erwünscht sein muss. Es ist also aus vielerlei Gründen höchste Zeit für eine grundlegende Rehabilitierung des im 20. Jahrhundert in eine höchst fälschliche Geringschätzung geratenen Konzepts „Almosen“.

3. Gemeinschaft der Christen verwirklichen – konkret und praktisch gelebt einerseits öffentlich in kirchlicher Gemeinde sowie andererseits privat entweder in Ehe und Familie oder in monastischer oder quasi-monastischer Kommunität. Das impliziert notwendig eine weitgehende Achtung und Annahme der „verfassten“ Kirche, „wie sie ist“, und Teilnahme an deren Leben, sowie die Lehren, Standpunkte und Erscheinungsformen dieser Kirche nicht so sehr äußerlich verändern als sie vielmehr vor allem innerlich immer wieder neu auffassen, auf neue Weise sich aneignen zu wollen – und dadurch in erster Linie über das eigene persönliche Beispiel mittelbar dann vielleicht auch äußerliche positive Veränderungen in der Kirche herbeizuführen.

4. Die Bibel und andere von fundierten christlichen Autoritäten anerkannte religiöse Schriften intensiv studieren und meditieren.

5. „Evangelische Armut“ leben, deren Kern nicht „Sparsamkeit“ ist, sondern „Einfachheit“: Schlichtheit, Redlichkeit, Klarheit, Geradheit, Leichtigkeit, Unmittelbarkeit, Ursprünglichkeit.

6. Zeugnis ablegen für den Glauben, das heißt jederzeit bereitwillig erkennbar werden lassen, „dass ich das, was ich im Rahmen des hier Beschriebenen tue, genau deshalb tue, weil ich Christ bin, und nicht aus irgendeinem anderen Grund“.

7. Gnadenbewusstsein: Die zentrale Meditation des Christen, also sein „impressiv vertieftes intellektuelles Nachdenken“ über seinen Glauben, in dessen Licht er alle Zusammenhänge dieser Welt betrachtet, kreist fortwährend um den überaus engen inneren Zusammenhang der biblischen und kirchlichen Aussagen über göttliche „Gnade“ und unseren absoluten Bedarf an ihr – „Erlösungs-“ und „Offenbarungsbedürftigkeit“ genannt -, den existenziellen menschlichen Zustand der „Sünde“, der die Ursache dafür ist, das jesuanische „Metanoeite (Kehrt um!)“ und die daraus gespeisten theologischen Begriffe der „Buße“ und des „Opfers“ – ultimativ symbolisiert im Kreuz -; denn in diesem Gefüge ist die gedankliche Mitte alles spezifisch Christlichen zu verorten. Wem an diesen Begriffen ein „negativer“ Beigeschmack aufstößt, der hat die wirkliche Mitte, auf die sie verweisen, noch nicht zutreffend wahrgenommen.

8. Mit der Vergänglichkeit umgehen können – „ars moriendi„: Sich Konfrontationen mit Tod und Endlichkeit, Abschied und Trauer aller Art nicht entziehen, sondern bewusst stellen. Gerade aus dieser Perspektive der Betrachtung des irdischen Daseins folgt eine sehr vitale Regel für den christlichen geistigen Umgang mit der uns geschenkten Zeit: „Projekte statt Routinen!“

9. Arbeit: Der Christ ist „unentwegt“, „unermüdlich“ in dieser Welt tätig, ohne dabei an die Notwendigkeit seines besonderen individuellen Einflusses auf deren Verhältnisse oder auch nur an die Möglichkeit irgendeiner echten rein personalen „Selbstwirksamkeit“ zu glauben; sondern er handelt ständig vorwiegend in dem Bewusstsein, damit ein „Diener Gottes“ zu sein. Dabei gibt er sogar bis zu einem gewissen Grad die Forderung auf, der „Sinn“ der ihm jeweils gestellten Aufgaben müsse ihm vollständig erkennbar sein. Daher ist er auch bereit, seine Arbeitszeit nüchtern auf die Erwirtschaftung seines materiellen Lebensunterhalts auszurichten unter den jeweiligen Bedingungen, die die Vernunft in seiner konkreten biographischen Situation ausreichendem Gelderwerb stellt. Er führt seine diesbezügliche Tätigkeit unter allen Umständen mit der Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Wertschätzung spiritueller Bewusstheit aus. Gleichzeitig bleibt sein produktives Tätigsein für den Christen immer eingeordnet in einen umfassenderen Lebenskontext, den es qualitativ niemals dominiert: Der Fest- und Feiertag bedeutet ihm kategorisch eine tiefere Realität als der „Werktag“.

10. Der Christ lebt eine grundlegende Option für die Freiheit als für denjenigen Wert, der höher steht als alle anderen irdischen Werte, was notwendigerweise verbunden sein muss mit einer zutiefst nondualistischen Geisteshaltung und mit einer ethischen Gesinnung der konsequenten Gewaltlosigkeit. Diesen Zusammenhang hat Jesus uns radikal vorgelebt.

11. Gebet: Das bedeutet in seinem tiefsten Sinne eine Praxis der Kontemplation, auf der Erkenntnis beruhend, dass höchste Bewusstheit nicht in irgendwelchen weisen Gedanken besteht, sondern letztendlich überhaupt nichts mit Denktätigkeit zu tun hat, ja von dieser sogar behindert werden kann. Wir haben zu erkennen, dass alle Praxis des „Gebets“ in diesem Sinne letztlich in die Wortlosigkeit zielt – wenn auch freilich gerade die völlige „Formlosigkeit“ des Gebets sorgfältig und behutsam gelernt werden muss, um nicht gravierenden Selbsttäuschungen zu unterliegen. Deshalb sollen wir regelmäßig für gewisse Zeiträume völlige äußerliche Stille und Abgeschiedenheit anstreben – und aufmerksam wahrnehmen, wie schwer uns das tatsächlich fällt. Als zentrales Hilfsmittel hierzu dient die „doppelte Askese des Wortes“: ad extra Schweigen, d.h. kein verbaler „Output“, ad intra Verzicht auf Medienkonsum, d.h. kein informativer „Input“ – keine unnötigen „Nachrichten“, keinerlei mediale Unterhaltung und Ablenkung (auch keine „Meditationsmusik“). Im asketischen Schweigen sollen nicht nur die gesprochenen Worte verstummen, sondern vor allem auch jede Form von „Angelegenheiten“, Meinungen, Plänen, Vorhaben – kurzum all jene Geistesaktivität, die sich notorisch nicht mit dem Hier und Jetzt begnügen will.

12. Entdeckung und Pflege echten, wahren, herzlichen, freundlichen Humors, der Ironie gestattet, zugleich aber Zynismus nicht erlaubt und gegen diesen immunisiert. Solcher recht verstandener Witz fungiert als Schule für eine Heiterkeit des Gemüts, die entscheidend zu Freude und Glück befähigen hilft in einer Welt, die keineswegs nur schön ist und die von Christen äußerst realistisch wahrgenommen wird.

Natürlich kann man diese zwölf Positionen möglicherweise auch mit etwas anderen Begriffen und Konzepten besetzen. Es will sich bei alledem, wie gesagt, nicht um eine „dogmatische“, sondern um eine religionspädagogische Aussage handeln, die helfen soll, das Wesen von Christsein zu erfassen, umzusetzen und wirklich fühl- und greifbar ins alltägliche Leben zum implementieren.

Das Phänomen der Keltischen Kirche

Momentan beschäftigt mich – wenn auch nicht allzu intensiv – die Frage nach dem Phänomen der merkwürdigen Eigenständigkeit der spätantiken und frühmittelalterlichen keltischen bzw. iroschottischen Kirche, von der ab dem 5. Jahrhundert trotz ihrer „Andersartigkeit“ entscheidend die christliche Re-Missionierung, ja Re-Christianisierung Kontinentaleuropas ausging. Vieles, was ich zu diesem Thema publiziert finde, befriedigt und überzeugt mich nicht.

Ich meine, das spätantike Irland, Schottland und Wales war vor allem ein einzigartiger Fall einer ganz besonderen Mischung aus Nähe und Distanz zum römischen Imperium: Rom konnte sich diese von seinem Machtzentrum allzu entfernt gelegenen Gebiete mangels Kräften nicht mehr unterwerfen – es schien ihm freilich geostrategisch auch nicht notwendig, besondere militärische Kräfte hierauf zu konzentrieren, denn „hinter“ Irland und Schottland „kam ja nichts mehr“, „hörte die Welt auf“ -, und dennoch waren diese Regionen, wie alles Keltische, der römischen Kultur enger verbunden als alle anderen kulturellen Elemente vor den Grenzen des römischen Reiches; weitaus enger als beispielsweise die Germanen oder die Perser. Daher konnten diese nordwestlichen Gebiete bereits im 3. Jahrhundert, nicht zuletzt vermutlich dank eines geringeren Verfolgungsgrades als anderswo zu dieser Zeit, hinreichend christlich werden und es im folgenden Jahrhundert bleiben, ohne die „Konstantinische Wende“ mitzuvollziehen. Dass die iroschottische Kirche sich infolgedessen vergleichsweise nicht-territorial strukturierte und organisierte (dass es beispielweise mehrere Bischöfe am selben Ort geben durfte, was anderswo „konstantinisch“ nicht erlaubt war), begünstigte ihre geringe Fokussierung auf stabilitas loci und mithin ihre besondere missionarische Ausrichtung.

Daneben aber spielen noch zwei andere Faktoren eine Rolle, die mir ständig verkannt oder unterschätzt zu werden scheinen.

Zum einen hatte das hellenistische Judentum dem Christentum längst im ganzen römischen Reich und darüber hinaus den Weg gebahnt. Ich habe ja schon darüber geschrieben, dass das hellenistische Judentum die erfolgreichste missionarische Religion im römischen Reich war und erst seine „rabbinische“ Entwicklung dieses missionarische Moment weitgehend abgelegt hat. Rabbinisches Judentum und Christentum gingen gleichzeitig aus dem älteren hellenistischen Judentum hervor, indem sie es beide nach unterschiedlichen Richtungen hin einerseits verließen, andererseits fortführten. Dabei gab nicht nur das rabbinische Judentum den missionarischen Charakter, das Christentum hingegen die Gesetzesbezogenheit des vorangegangenen Judentums weitgehend auf, sondern noch ein weiteres Moment scheint erwähnenswert, das besonders vor dem kulturellen Hintergrund der Inselkelten ein wichtiges Motiv für diese dargestellt haben dürfte, das Christentum anderen Strömungen des Judentums im 3. (vielleicht sogar schon im 2.) Jahrhundert vorzuziehen (abgesehen davon, dass ersteres die am missionarischsten auftretende jüdische Strömung war): Während das rabbinische Judentum auch die altisraelitische kultische Opferpraxis einstellte, da der Tempel in Jerusalem, der ihm als einzig legitimer Ort dafür erschien, zerstört war, setzte das Christentum diese jüdische Opferpraxis in seiner Eucharistie gewissermaßen ungebrochen fort. Eine Religion ohne Opferkult wäre insbesondere den Kelten trotz all ihrer gleichzeitigen Befähigung zu abstrakter spiritueller Geistigkeit undenkbar erschienen. Diese hohe Ambivalenz zwischen dem Konkreten und dem Abstrakten zeichnet altkeltische Religiosität nämlich besonders aus, soweit wir sie rekonstruieren können.

Ein weiteres Element schließlich bildet der alttestamentliche Fokus des frühen Christentums als eines Judentums auf eine ganz besonders durchmeditierte Programmatik des Monotheismus. Das zentrale Thema der Propheten Israels, auf die der Jesus der Evangelien vorrangig und eindringlich Bezug nimmt, ist der menschliche Götzendienst. Wir unterschätzen, wie präsent dieser Aspekt den frühen Bekehrten war, weil wir selbst ihn vergleichsweise auf dem Blick verloren haben. Tatsächlich erscheint JHWH bei genauem Hinsehen im Alten Testament viel weniger als ein Gott, der bestimmte „einzelne“ andere Götter bekämpft, als vielmehr als der absolute Repräsentant des Prinzips der göttlichen Nondualität, der andere Gottesvorstellungen vor allem insoweit angreift, als sie wesentlich das ihm entgegengesetzte Prinzip eines „Kampfs oder Wetteifers zwischen verschiedenen Göttern“ repräsentieren. Der „einzelne“ andere Gott ließe sich „als solcher“, „für sich genommen“ möglicherweise durchaus als „bloß ein anderer Name“ für den einen Gott verstehen; aber insofern und sobald ihm das Moment seines Streitens gegen andere Götter wesentlich eignet, ist er ein „Götze“. Dieser biblische Gedanke lieferte den Inselkelten einen hervorragenden Ansatz zur Ordnung und Harmonisierung ihres riesigen, disparaten Götterhimmels, der just zur Zeitenwende in eine tiefe theologische Krise geraten war: Der Namen für Gott durften wohl viele sein – sie hatten lediglich mittels einer Enthaltung von jeglichem Kampf gegeneinander zu beweisen, dass sie keine „Götzen“ bezeichneten.

Vignettensammlung 11. Februar 2015

Es ist umso erstaunlicher, was der gewöhnliche menschliche Selbstbetrug zu leisten imstande ist, wenn einem erst einmal so recht aufgeht, WIE TIEF man sich eigentlich in der Religion verwurzeln muss, um überhaupt ohne solchen Selbstbetrug mit dem Leben zurecht zu kommen.

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Ein Koan: Ich kann nicht an „mir“ arbeiten, indem ich an „mir“ arbeite.

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Bankrott ist tatsächlich immer nur eine Frage der Perspektive. Meine linke Hosentasche ist pleite – weil mein Geldbeutel in der rechten steckt. Einem „Staatsbankrott“ keine geringere, sondere eine umso größere „Realität“ anzudichten, ist kein umso geringeres, sondern nur umso größeres Nonsens-Unding. Es gibt keinen „Staatsbankrott“. Es gibt nur einen Menschheitsbankrott. Vor dem stehen wir allerdings bald, wenn mit diesem Irrsinns-Kapitalismus nicht schleunigst Schluss ist.

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Auch wenn es nur einen Gott gibt, können irdisch doch unterschiedliche „Geister“ atmosphärisch herrschen. Nur von dieser Tatsache her ergibt Jesu Predigt vom „Reich Gottes“ überhaupt Sinn: Gott gestattet seinem Geist, den er mühelos allgeltend werden lassen könnte, sich auf ein Reich „neben“ anderen Reichen auf dieser Erde zu beschränken und „zurückzuziehen“ – für die Menschen auffindbar, aber ernsthafte, angestrengte Suche danach voraussetzend, deren Erfolg, ja deren Stattfinden wiederum einer Gnadenunterstützung vorbehalten bleibt, so dass der erste und bereits hauptsächliche Schritt dieser Suche darin besteht, sich an Gott um gnadenhafte Unterstützung zu wenden. Dieser aus rationaler Perspektive als zirkulär-dialektisch zu beschreibende Prozess zwischen dem Geist Gottes und dem Geist des Menschen ist offensichtlich das, was Gott mit dem „Mechanismus“ des menschlichen Daseins „heilspädagogisch“ intendiert. Aber ohne all die „anderen“, auch und gerade die „bösen“ Geister in dieser irdischen Welt, ohne die Möglichkeit des existenziellen Irrtums, fände dieser spirituelle Wachstumsprozess des Menschen nicht statt.

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Immer noch und noch VIEL stiller werden, sich zurücknehmen, das Ich verschwinden lassen, nur noch „Diener Gottes“ sein, in allem, was gerade zu tun ist; so „sinnlos“ dies „bloß Vorhandene“ dem ruhelosen Verstand vielleicht auch scheinen mag. – „Aber man will doch für Gott wirken! Muss das nicht deutlich erkennbar werden, wenigstens einem selbst?“ – Nein. Weiß man denn gewiss, auf welche Weise man das wirklich am sinnvollsten tut? Wenn man sich sicher sein könnte, es zu wissen – wozu bräuchte man dabei dann Gott? Wie aber könnte ich einem dienen, den ich nicht brauche, damit er mir sagt, womit und wodurch ich ihm diene? Hüte dich vor dem „frommen“ Aktionismus, der sich allzu gewiss zu sein meint, Gott zu dienen – wie „karitativ“ er beispielsweise auch aussehen oder sogar tatsächlich sein mag!

Ein Reformprogramm

Es gibt kein „anderes“ Katholisch-Sein (adjektivisch), es gibt nur ein „anders“ Katholisch-Sein (adverbial), eine andere „Mentalität“, eine veränderte geistige Nuance innerhalb des einen Katholischen. DAS ist es, was auch Papst Franziskus will. Dieses neuartige Licht, in dem die „wesentlich“ unveränderten katholischen Glaubenswahrheiten erscheinen, beleuchtet insbesondere folgende Elemente neu:

1. Stellung und Funktion der Kirchendisziplin und des Kirchenrechts – die nicht „Glaubensinhalte“ sind

2. Rolle und Stellung von Amt und Priestertum in der Kirche (Problem des Klerikalismus)

3. Rolle und Stellung der Frauen in der Kirche

4. Rolle und Stellung der Beichtpraxis (nicht des Sakraments der Versöhnung an sich), des verbalen Gebets, des liturgischen Lebens außerhalb des engeren Vollzugskerns der Sakramente sowie des erweiterten katholischen Brauchtums

5. Rolle und Stellung der Marien-, Heiligen- und Reliquienverehrung sowie der Ablasspraxis

6. Stellung und Funktion von dogmatischen Wahrheitsformeln und Aussprechen des Glaubensbekenntnisses

7. Verhältnis der Religion zur Wissenschaft – wobei heute weniger die Naturwissenschaften das zentrale Problem darstellen als vielmehr die historisch-kritische Betrachtung von Kirchengeschichte und Bibel

8. Verhältnis der Religion zur Politik

9. zeitgemäßes Konzept der Mission und „postmoderner“ Begriff der gesellschaftlichen „Ränder“

10. Spiritualität und Moral der Armut

11. Spiritualität und Moral des Gehorsams

12. Spiritualität und Moral der Sexualität

In der Kirche herrschte zu allen Zeiten eine unstrittige Einheit der Wahrheit, eine umstrittene Einheit der Theologie und ein unstrittiger Pluralismus der „Spiritualitäten“. In diesem Sinne ist das absolut Entscheidende, das die Kirche heute braucht, eine neue Spiritualität einer möglichst großen Konsens-Gruppe der Gegenwart und der Zukunft zugewandter Katholiken, die gleichwohl fest auf dem Boden der einen katholischen Wahrheit und Theologie stehen und die Berechtigung anderer Spiritualitäten außer ihrer eigenen niemandem streitig machen und nicht in Abrede stellen, während sie zugleich konsequent darauf hinarbeiten, das geistige Klima innerhalb der katholischen Kirche künftig ebenso entschieden zu dominieren, wie dies derzeit noch eine eher „rückwärtsgewandte“ Theologie tut.

Zurück zur Wahrheit

Eine verbreitete Simpel-Meinung lautet, Christen glaubten an eine Offenbarung der Wahrheit, weil sie nicht an die Vernunft glauben. Das ist zwar richtig. Aber das allein genügt nicht. Denn wer nicht auch der Versuchung widersteht, statt an die Vernunft an seine „Intuition“ zu glauben, landet bei „Gnosis“ und „Esoterik“, nicht im Christentum. Ob „Mensch gleich Sünder“, „Leben nicht führbar, sprich: Gnaden-Verwiesenheit“, „Nondualität alles Wirklichen“ oder „konsequente Gewaltlosigkeit alles Moralischen“: Es ist ein seltsames Merkmal der letzten Wahrheit, dass sie von den wohl weitaus Meisten nicht nur kontra-rational, sondern auch kontra-intuitional empfunden wird, weshalb man sie überhaupt erst dann als Wahrheit erkennt, wenn man sie nicht nur gegen den Widerstand der Logik – der gar nicht so groß ist, weil die Logik sich ohnehin sehr vieles zu adaptieren vermag -, sondern auch gegen den Widerstand seiner sogenannten, oft genug nur vermeintlichen „Intuition“ – der viel größer ist – akzeptiert hat; und es ist eben dieses kategorische, ausschließliche A-posteriori-Funktionieren und -Sinnergeben der letzten Wahrheit, welches das Konzept ihrer Vermittlung per „Offenbarung“ erforderlich, notwendig, zwingend macht.

Praktisch ausgedrückt: Das notorische menschliche Problem mit der Wahrheit ist nicht, dass sie so schwierig, so kompliziert wäre; sondern dass wir die ersten Male, die wir ihr begegnen, mit höchster Wahrscheinlichkeit nahezu achtlos an ihr vorübergehen, weil uns „intuitiv“ ausgeschlossen scheint, dass es sich dabei um die Wahrheit handeln könnte, und wir danach erst gegen den rasch anwachsenden Sisyphus-Berg unserer Irrtümer, diese Steinchen für Steinchen „rückbauend“, zu ihr um- und zurückkehren müssen. Und ohne die Vorstellung von „Offenbarung“ gibt es überhaupt keinen „vernünftigen“ Grund, warum überhaupt irgend ein Mensch jemals eine solche Umkehr vollziehen sollte.