Der Sinn des leeren Grabes: eine Theologie der Vergangenheit

Der Buddha wird bekanntlich zitiert mit den Worten: „Laufe nicht der Vergangenheit nach.“ Thich Nhat Hanh kommentiert, dies bedeute nicht, jedes Betrachten der Vergangenheit abzulehnen. Es bedeute vielmehr, dass der Maßstab jeder Betrachtung der Vergangenheit sein sollte, inwiefern sie sich in der Gegenwart ausdrückt. Dies nenne man im Buddhismus „etwas Altes noch einmal anschauen, um etwas Neues zu lernen“.

Die einzig wahre Vergangenheit liegt in der Gegenwart. Und wie wir nicht in der Gegenwart leben können, ohne an ihrer Veränderung teilzuhaben, indem wir sie als bewusste Wesen auch aktiv verändern, so können wir auch die einzig wahre Vergangenheit, die nur in der Gegenwart zu suchen ist, nicht betrachten, ohne sie zu verändern. Es kommt also darauf an, die Vergangenheit im Licht unserer Gegenwart bewusst so zu betrachten, dass wir dadurch beide – die Gegenwart und die Vergangenheit gleichermaßen, aneinander gekoppelt gleichsam – zum Besseren verändern. Die Wahl, sie durch unsere Betrachtung nicht zu beeinflussen, haben wir gar nicht.

Man kann diese Feststellung dahingehend zuspitzen, dass die Vergangenheit „an und für sich“ überhaupt nicht existiert. „An und für sich“ ist sie vorbei. Alles, was real existiert, ist das Bild, das wir uns in unserem jeweiligen Heute von einer Vergangenheit machen.

Auf der Suche nach dem „historischen Jesus“ empfinden religiöse Fundamentalisten diesen Ansatz verständlicherweise als extrem bedrohlich. Ihnen kann ich leider nicht helfen.

Der Apostel Paulus ist auch und gerade unter diesem Gesichtspunkt betrachtet zurecht als der eigentliche Begründer des Christentums zu bezeichnen. Er hatte bekanntlich die fundamentale Erkenntnis, der „historische Jesus“ sei für den Glauben, den Paulus visionär empfing und verkündete, vollkommen irrelevant. Und in einem gewissen Sinne hatte er damit recht.

Ich hole mir freilich nur ungern und mit Vorsicht und Vorbehalt theologische „Schützenhilfe“ von Paulus. Tatsächlich ist die strikt und „klassisch“ paulinische Position auch nicht exakt die, die wir meines Erachtens zu beziehen haben.

Sinnvolles Christsein muss heute meines Erachtens bedeuten, dass wir die Anerkennung des – wenn man so will – „dogmatischen“ christlichen Glaubens als kerygmatisch – nicht nur von Paulus – gestifteter und traditionell gewachsener Weisheitswahrheit verbinden mit einer methodisch – wenn man so will – „postmodernen“ historisch-kritischen Sicht auf die Voraussetzungen, Ursprünge, Umstände und Frühdokumente der christlichen Bewegung. Dazu gehört selbstverständlich an zentraler Stelle ein Bild eines historischen Jesus, dessen Realität letztlich immer von der Mitteilungsbemühung desjenigen abhängt, der es jeweils „gewonnen“ oder „entwickelt“ hat. „DER historische Jesus“ als etwas „objektiv“ zu Findendes – überspitzt gesagt als das Grab, in dem er liegt und genetisch zu identifizieren ist – existiert nicht. Mindestens in diesem metaphorischen Sinne ist definitiv „sein Grab leer“.

Anders als Paulus und anders auch als jene andere Fraktion von Fundamentalisten, die man als „radikal-paulinisch“ bezeichnen könnte, haben wir allerdings dennoch nach einem „historischen Jesus“ zu suchen – und zwar unaufhörlich. Denn dieser Suchprozess ist ein entscheidender Teil des Glaubensaktes „postmodernen“ Christseins: Vor unserem geistigen Auge muss Jesus auferstehen vom Tod eines positivistischen Vergangenheitsbegriffs. Als historischer Jesus muss er für jedes einzelne glaubende Individuum unter uns persönlich sinnstiftend auferstehen – nur dadurch kann er für uns heute tatsächlich noch zum „Christus“ werden.

Die glaubenshistorische Rolle des Paulus war, nein, ist notwendig und richtig. Ohne sie gäbe es keine lebendige Frage nach dem historischen Jesus, weil ohne Paulus jede Erinnerung an Jesus erloschen wäre. Indem Paulus „an Jesus erinnerte, ohne nach ihm zu fragen“, bewegt er uns bis heute dazu, nach ihm zu fragen. Indem er uns zwingt, ihm in der Frage nach dem historischen Jesus zu widersprechen, genau dadurch erlischt die Glaubensfunktion des Paulus bis heute nicht. Und indem wir „gegen“ Paulus nicht ablassen, in unserer Gegenwart fortwährend „aktuell“ nach dem historischen Jesus zu suchen, verändern wir damit zugleich auch den historischen Paulus – zum Besseren.

Was verstehe ich unter „Bildung“?

Vielleicht ist es hilfreich, wenn ich an dieser Stelle einmal meinen Begriff von „Bildung“ skizziere.

Der Begriff von „Bildung“ sollte sehr pragmatisch sein. Er ist aber genau dann und nur dann wirklich pragmatisch, wenn er den Mut und die Klarheit besitzt, ein intuitives Ideal des gebildeten Menschen hochzuhalten, das sich kleingeistigem Zweckdenken und ökonomistischen Nutzenkalkülen nicht beugt. Wir alle wissen im Grunde – zumindest in einer Form von kollektivem Wissen – was ein wirklich gebildeter Mensch ist, welchen unschätzbaren Wert er für die Welt hat, und dass man ein solcher weder durch „strenge Erziehung“ – die sich im Grunde schlicht mit „Moral“ gleichsetzen lässt – noch durch „nützliche Ausbildung“ wird, sondern nur durch ein eigenständiges Drittes. Sonst bräuchten wir keine drei unterschiedlichen Worte für diese Prozesse.

Der „nach-moralische und vor-nützliche“ Kern-Menschwerdungsprozess echter Bildung umfasst daher ganz pragmatisch insbesondere alles, was die Erziehung überfordert und in der beruflichen Ausbildung keine Funktion und daher auch keinen Platz hat.

Dieser Bereich scheint sich mir wiederum in zwei Sphären zu unterscheiden, eine innere und eine äußere.

Die „innere Sphäre“ umfasst Primärfelder der Bildung, deren Erschließung für jeden sinnvollen Bildungsbegriff kategorisch unerlässlich ist. In dieser Sphäre ist also eine Vollständigkeit des bildenden Eindringens in ausnahmslos alle dazugehörigen Gebiete gefordert, und es muss dabei auch überall eine gewisse Mindesttiefe der Gründlichkeit erreicht werden, damit überhaupt von einer gebildeten Persönlichkeit gesprochen werden kann. Hierzu rechne ich:

1. Philosophisch gegründete Erschließung von allgemeiner Logik und Methodik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie, Strategie und Taktik, Spieltheorie und Diplomatie;

2. ethische Bildung, d.h. auf philosophisches Niveau gehobene moralische Orientierung, dabei insbesondere Reflexion über die Begriffe Werte, Freiheit, Sicherheit, Frieden, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Solidarität;

3. Religion, Religiosität, „Frömmigkeit“, Spiritualität und „Orthopsyche“; mit letzterem Begriff bezeichne ich eine auf Spiritualität beruhende Kompetenz der psychischen Gesundheit – buchstäblich „Seelenheil“ -, die ich letztlich für die einzige echte und wirksame psychohygienische Kompetenz halte, die es gibt; ich stelle mich also tatsächlich auf den provokativen Standpunkt, dass man ohne jeden religiösen Bezug in einem letzten Sinne nicht gebildet sein kann;

4. Sprachkultur: (a) umfangreicher Wortschatz, (b) Sicherheit in Grammatik, Syntax und Orthografie, (c) hohes semantisches Reflexions- und Bewusstheitsniveau und etymologische Bildung, (d) Stilformenbeherrschung und Rhetorik, (e) gute Fremdsprachenkenntnisse, mindestens in der wichtigsten Verkehrsfremdsprache (eindeutig Englisch) sowie in der wichtigsten kulturhistorischen Fremdsprache (in Europa: Latein); Kandidaten der zweiten Reihe sind für einen Europäer Französisch, Spanisch und Italienisch sowie Altgriechisch und Althebräisch;

5. ästhetische Bildung; Verinnerlichung des Prinzips musischer Bildung anhand einer ausgewählten Form von vertieft gepflegter Praxis sinnlich schön gestaltender und schöpferisch ausdrückend deutender Kunst, mit der man einen langfristigen, geduldigen persönlichen Entwicklungsweg geht, wodurch sich verwirklicht, dass „Bildung“ von „Bild“ kommt, also von der Fähigkeit, „Zeichen“ für die Weltverhältnisse zu finden und in „Symbolen“ zu kommunizieren; persönliche Orientierung über das innerste Wesen von „Poesie“ als Prinzip einer bestimmten Weise, die Welt zu betrachten; Manieren und Etikette, wo diese über elementare Sitten- und Benimm-Erziehung hinausgehen und sich zu Fragen nach tiefer und umfassender verstandener „Höflichkeit“, „Takt“, „Geschmack“, „Stil“, Charme, Eleganz und Würde erweitern;

6. Körperbezug, oder „Leib-Bewusstsein“ – Begriffe wie „Sport“ oder „physische Ertüchtigung“ greifen jedenfalls viel zu kurz -, und Gesundheitsbildung, die beispielsweise sowohl Erste-Hilfe-Kenntnisse als auch „Patientenkompetenz“ gegenüber Ärzten einschließt;

7. fundamentale Alltagskompetenzen und deren achtsame Realisierung als bildungsrelevante Gegenstände des Lebensvollzugs: etwa Planen und Kalkulieren, Ziele bestimmen, Ordnen und Ordnung halten, Disziplin als Rhythmus und Routine, Zeitmanagement, Organisieren, Verwalten, kritisch Reflektieren und Evaluieren, für Sicherheit sorgen, ohne Freiheit zu zerstören, Reisen, Autofahren; und gewiss noch vieles mehr;

8. Reflexion über Kommunikation, Information und Medien;

9. Orientierung über philosophisch fokussierte Wirtschafts-, Arbeits- und Organisationstheorie;

10. politische Bildung, beginnend mit politischer Interessiertheit und Informiertheit und der Frage, wie solche Informiertheit in angemessener Weise zu erlangen und aufrecht zu erhalten ist, sowie rechtstheoretische Orientierung;

11. geschichtsphilosophische Orientierung;

12. Reflexion des Bildungsbegriffs; Reflexion des Begriffspaars „Kultur“ und „Natur“; orientierender Überblick über die Systematik der phänomenalen Naturkunde, also des sinnlich bezugnehmenden Wissens über Pflanzen und Tiere, erfahrbare Stoffe und ihre Reaktionsprozesse, den Planeten Erde und das Wetter auf ihm, den Sternenhimmel und vielleicht noch weitere Aspekte der uns konkret umgebenden „Natur“.

Die „äußere Sphäre“ umfasst Sekundärfelder der Bildung. Von bloßen Ausbildungsfächern unterscheidet diese zwar immer noch, dass sie ebenso einen Bildungswert in sich selbst tragen wie die Primärfelder; aber sie können diesen ohne die Primärfelder allein nicht realisieren, d.h. selbst wer sämtliche Sekundärfelder der Bildung „vollkommen“ beherrschte, ohne jedoch in allen Primärfeldern wirklich fundiert zu sein, würde trotzdem nicht in vollem Sinne als gebildet gelten können; ferner ist eine „Vollständigkeit“ der bildenden Erschließung dieser „äußeren Sphäre“ zwar im Sinne eines umfassenden Überblicks anzustreben, eine gleichermaßen in die Tiefe reichende Durchdringung aller ihrer Felder durch die einzelne bildungsbemühte Persönlichkeit im Unterschied zur „inneren Sphäre“ aber nicht vorgesehen; ja, man kann sogar sagen, dass auf den Sekundärfeldern stets auch die Gefahr droht, „zuviel des Guten“ zu tun und in ein nicht mehr bildendes einseitiges Übergewicht der „Fachsimpelei“ zu verfallen. Die „äußere Sphäre“ ist mit diesen Merkmalen die typische Domäne der Oberschule, des Gymnasiums, während die Förderung der „inneren Sphäre“ nur sehr viel schwerer aus dem familiären Milieu „heraus-institutionalisiert“ werden kann. Zur „äußeren Sphäre“ der sekundären Bildungsfelder gehören in diesem Sinne:

1. geschichtliche Wissensbildung;

2. spezielleres Wissen und Können, also „Bildungs-Fachlichkeit„, in bildender Kunst und Musik sowie Kenntnis und Verständnis dichterischer Literatur;

3. Mathematik;

4. Naturtheorie (Physik, Chemie);

5. „reine“ Philosophie im Sinne von „Metaphysik“, „Ontologie“, spezieller Erkenntnistheorie und philosophischer Anthropologie;

6. interkulturelle Bildung („praktische Völkerkunde“);

7. angewandte Psychologie und Pädagogik: praktische Kommunikation, Gesprächsführung, „Rhetorik jenseits der Sprache“, Beraten und Begleiten, Motivieren und Werben, Kreativitätsförderung, Gruppendynamik, Moderation, Konfliktlösung, Deeskalation, Krisenintervention, usw.; was die Erwerbsarbeitswelt in diesem Bereich an Kompetenzen fordert und fördert, ist sehr oberflächlich, weitgehend unreflektiert – wie etwa ihre „Team“-Idealisierungen -, einer gefährlich „sozialtechnokratischen“ Mentalität verhaftet und für eine echte Entwicklung der Persönlichkeit insuffizient, weshalb man das Lernen in diesem Bereich nicht nur dem beruflichen Kontext überlassen kann; dazu auch „Elternkompetenz“;

Alle weiteren Lerninhalte – wie etwa Technik, Wirtschaftstheorie oder Rechtskunde – gehören bereits nicht mehr in den Bereich der Bildung, sondern der Ausbildung. Auch eine Ausbildung kann für eine bestimmte Persönlichkeit durchaus einen hohen Bildungswert entfalten; aber sie trägt diesen Wert im Unterschied zu echten Bildungsfeldern dennoch niemals in sich, sondern entfaltet ihn gegebenenfalls lediglich individuell und situativ. Und es rührt selbst aus der völligen Unkenntnis dieses oder jenes bestimmten Ausbildungsfachs – oder sogar aller Ausbildungsfächer, also beispielsweise vollständiger technischer, ökonomischer und juristischer Unkundigkeit jenseits der Alltagskompetenzen – dennoch kein Bildungsdefizit her.

Abschließend ist zu sagen: Trotz aller sorgfältiger Unterscheidung sind diese Bildungsaspekte freilich im Grunde nicht als getrennte, nicht als „isolierbare“ Bereiche zu verstehen, sondern ihr Bildungswert liegt vielmehr darin, dass sie in der gebildeten Persönlichkeit letztlich alle in einem Punkt zusammenlaufen.

Somit wird deutlich, weshalb es eine derart große Anzahl Menschen gibt, die trotz hoher beruflicher Qualifikation und manchmal sogar trotz guter Erziehung eklatant ungebildet sind.

Das Problem ist: Ein wirklich erfülltes und gelingendes menschliches Dasein ist ohne echte Bildung schwerlich möglich. Erziehung allein reicht hierfür bisweilen nicht aus, und berufliche Etablierung allein niemals.

Über den Tellerrand

„Er interessiert sich nur noch für das Essen auf seinem Teller.“ In dieser Engführung liegt eine ganz außerordentliche Weite gegensätzlicher Bedeutungsmöglichkeiten. Denn wenn das Essen auf seinem Teller in einem absoluten Sinne sein einziges Interesse ist, so ist der Betreffende zweifellos eine elende Ausgeburt des Stumpfsinns. Wenn aber das Essen auf seinem Teller vielmehr das einzige GEGENSTÄNDLICHE Interesse darstellt, das ihm noch verblieben ist, so handelt es sich bei dem Betreffenden um einen Erleuchteten, einen Zen-Meister. Es ist also überaus entscheidend, ob wir selbst bei einer solchen Beobachtung über den Tellerrand unserer Worte, Begriffe und Sätze, in die wir sie fassen, hinausschauen.

Katholikenschnarchtag?

Der heutige Bericht im Rahmen der ARD-Sendung „Gott und die Welt“ scheint zu bestätigen, was meine Freunde von der Kirchenreformbewegung signalisieren, die auf dem Katholikentag in Regensburg dabei waren.

Im besagten Fernsehbericht kommt die KirchenVolksBewegung zwar nicht zu Wort. Aber das wäre ja zu verschmerzen, wenn wenigstens die entscheidenden Themen medial repräsentiert wären. Fehlanzeige.

Es sind dauernd Kleriker im Bild, aber kein einziger Laie, der Dienste an der Gesellschaft im Namen der Kirche verantwortet. Ein Armenpriester aus Buenos Aires erhält – bei allem Respekt! – einen Aufmerksamkeitsraum, der völlig unangemessen ist für die knappe Darstellung eines Katholikentags, der nach der Situation der Kirche in Deutschland fragen soll.

Auf den Podien wird mit großer Gebärde über „Donum Vitae“ diskutiert, weil dieses heiße Eisen sich deutlich anbietet, um auf eine sehr subtile Weise Moraldebatten im Grunde immer nur schön abstrakt und akademisch durchzuexerzieren und lieber das Für und Wider eines Stückchens Papier abzuwägen, anstatt wirklich an die Substanz zu gehen. In gleicher Weise gibt auch das Stichwort der „wiederverheirateten Geschiedenen“ einmal mehr seine dankbare Rolle als Alibi-Lieblingsschwiegersohn der kleruszensierten kircheninternen Öffentlichkeit zum besten – sorry an alle hiervon echt Betroffenen, aber die Dauerzelebration als Pseudo-Gretchenfrage und theologische Aufblähung dieses pastoralen Wundschnellverbands-Jobs weckt inzwischen einfach ärgsten Überdruss. Als ob nichts anderes zu bereden wäre im katholischen Deutschland.

Konsternierender noch: Der Schatten von Skandalen (war da was?) scheint schon wieder gnädig gewichen zu sein von den Kirchtürmen wie ein vorüberfliegendes Wölkchen. Sintflutartige Kirchenaustritte mit gravierenden Begründungen beunruhigen das Regensburger heilige Universum anscheinend nicht.

Die Zölibatsfrage wird bei „Gott und die Welt“ pflichtschuldig lendenlahm und brav touchiert, aber nicht die Frage nach dem Frauenpriestertum – und vor allem eine Frage nicht, die noch viel wichtiger ist als all das: Dass nämlich keine Priester mehr da sind, der brennende Seelsorgsnotstand in sämtlichen deutschen Diözesen und Gemeinden.

Entweder war diese Fernsehsendung also erbärmlicher Journalismus – oder der 99. deutsche Katholikentag war kaum etwas besseres als eine Schmierenkomödie glaubensnestwarmer Besinnlichkeit für Orientierungs- und Haltsucher mit sehr bescheidenen Ansprüchen – selbst „Sinnsucher“ wäre vielleicht schon zu viel gesagt.

Da ich selber in Regensburg – wie bisher stets üblich auf Katholikentagen – durch Abwesenheit geglänzt habe, muss ich es anderen überlassen, zwischen diesen beiden Erklärungsmöglichkeiten ihre kompetente Wahl zu treffen.

Natürlich kann man mir entgegenhalten: Wärste mal da gewesen – hätten die Revoluzzer eine Stimme mehr gehabt! Aber ich bestehe darauf, dass auch die Gegenfrage berechtigt ist: Lohnt sich das? Denn schließlich: Was entscheidet sich auf Katholikentagen? Ich habe leider keinen Zweifel an der Antwort: Gar nichts.

Entscheiden wird sich die Zukunft der katholischen Kirche ausschließlich im künftigen mutigen pastoralen Alleingang jener Gemeinden, die von ihren Bischöfen keine priesterlichen Seelsorger mehr angemessen zur Verfügung gestellt bekommen. Es ist gar kein anderer Ort denkbar, an dem kirchliche Zukunftsgestaltung legitim und sinnvoll stattfinden könnte.

Die Logik der Zwei Naturen

Heute besteht unter Theologen sehr weitgehend Einigkeit darüber, dass die Frage nach dem historischen Jesus für den christlichen Glauben nicht in isolierter Form ausschlaggebend sein kann.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, wenn wir unser nizänisch-christliches Dogma von der Doppelnatur Jesu Christi – als Jesus und als Christus – wirklich ernst nehmen, dass auch die Frage nach der Göttlichkeit Christi für den christlichen Glauben nicht in isolierter Form ausschlaggebend sein kann.

Wenn der historische Jesus für uns überhaupt nur eine echte Bedeutung haben kann im Licht des Christus des Glaubens, dann kann auch der Christus des Glaubens für uns überhaupt nur eine echte Bedeutung haben im Licht des historischen Jesus.

Wobei es weniger um dessen effektive wissenschaftliche Greifbarkeit geht als vielmehr um unsere Intention, ihn zu suchen.

Sein wesentlicher heilsgeschichtlicher Sonderstatus erscheint dann in erster Linie als der unseres „ältesten Bruders“ im Hinblick auf die Realisation der „präsentischen Eschatologie“ des „Himmelreichs“.

Die Autoren der Evangelien, die ihre Texte gewissermaßen als Ausgleichsdokumente zum paulinischen Christus verfassten, hatten diesen Zusammenhang genau erfasst.

Vorsorge für den Fall von Schwierigkeiten beim Auferstehen

In der Grünen Moschee in Medina, in der der Prophet Mohammed begraben liegt, ist ein freier Platz direkt neben ihm für Jesus reserviert. Eine muslimische Legende besagt, der Prophet Jesus halte sich verborgen, werde eines Tages ins Heilige Land zurückkehren, den Antichrist besiegen, vierzig Jahre regieren und dann an besagter Stelle bestattet werden.

Es ist schon eine süffisante Spitze gegen die Christen, wenn ihnen auf solch plakative Weise entgegen gehalten wird, Jesus habe den Tod nicht hinter, sondern noch vor sich.

Andererseits, muss man sagen, sind die Muslime nicht nur sehr pfiffige, sondern auch sehr höfliche Leute: Denn so, wie wir Christen heute mit unserem Jesus umgehen, ist es schon sehr zuvorkommend, als Muslim trotzdem anzunehmen, das Grab neben Mohammed sei immer noch leer.

Hoffnungsboten

Ich habe jüdische Gelehrte gehört, die ihre Religion historisch-kritisch betrachten und gelassen einräumen, dass der biblische Mose höchstwahrscheinlich weitaus stärker ein literarisches Konstrukt ist, als er ein einzelnes benennbares historisches Vorbild hatte. Und Juden sind.

Ich habe christliche Theologen gehört, die sagen: Wir sind eigentlich nichts anderes als Reformjuden, und wir wollen nicht, was Jesus wollte, der nur einige Aspekte des mosaischen Gesetzes stärker betonen wollte als andere, wenn wir etwas anderes sein wollen – sogar dem Willen des Paulus entsprechen wir dann nicht. Und Christen sind.

Ich habe muslimische Gelehrte gehört, die betonen, dass der Islam niemals so etwas wie „Originalität“ beansprucht habe, sondern nur, zur ursprünglichen monotheistischen Tradition der Prophetie zurückzukehren, an ihr festzuhalten, sie fortzuschreiben, und zwar ohne irgendetwas zu verwerfen, das jemals historisch auf ihrem Weg lag. Und Muslime sind.

Ich habe es gehört; und ich habe Hoffnung.

Geistliche Geometrie

Ein katholischer Geistlicher in USA tritt aus dem Portal seiner prächtigen Kathedrale und schickt sich an, würdevoll die breiten Stufen hinabzuschreiten. In diesem Moment überquert ein anglikanischer Geistlicher den Vorplatz, blickt neidisch zu dem katholischen Priester empor und meint: „Ihr habt die besseren Viertel, aber wir haben die besseren Hälften.“

Lebte Jesus ehelos?

1. Alle Texte über Jesus, die wir besitzen, schweigen sich über seinen Familienstand vollständig aus. Maria Magdalena als Liaison oder den johanneischen „Lieblingsjünger“ als Indiz für gelebte Homosexualität zu interpretieren, ist alles hochgradig spekulativ. Jedes hierzu zitierte Detail kann ohne weiteres immer auch etwas ganz anderes bedeuten – angefangen beim Schweigen selbst. Schlüsse aus dem Schweigen („argumentum ex silentio“) sind umso problematischer bei einem geistlichen Lehrer, an dem jedes Detail seiner persönlichen Lebensweise Vorbildwirkung für seine Jüngerschaft hat. Wenn wir aber davon ausgehen, dass solche impliziten „schweigenden Übereinkünfte“ für ein „Evangelium“ besonders unwahrscheinlich sind, dann hat die Annahme, dass das Nichterwähnen einer Ehe bedeutet, dass keine bestand, erheblich höhere Wahrscheinlichkeit als die Annahme, dass Jesu Ehestand für selbstverständlich erachtet worden sei. Ganz zu schweigen von verschiedensten dynamischen, vielleicht auch nur indirekten Effekten, mit denen diese Ehe sich vermutlich in dem in den Evangelien berichteten Geschehen um Jesus irgendwie niedergeschlagen und bemerkbar gemacht hätte.

2. Alles, was wir über Jesu Lebensweise und Mission wissen, wäre mit Ehe und Familie schwer zu vereinbaren gewesen.

3. Die Vernachlässigung seiner Ehefrau und Familie wäre ihm von seinen Gegnern vernehmlich, wenn nicht gar genüsslich vorgeworfen worden, hätte er sie gehabt.

4. Johannes der Täufer, Jesu spiritueller Lehrmeister, „trat in der Wüste auf“ (Mk 1,4), er „trug ein Gewand aus Kamelhaaren… und lebte von Heuschrecken und wildem Honig“ (Mk 1,6). Es ist schwerlich anzunehmen, dass er bei diesen asketischen Übungen eine Gattin an seiner Seite hatte. Ganz abgesehen davon, dass das Schließen einer Ehe bei apokalyptischer Weltsicht wenig Sinn ergibt. (Ob das Führen einer Ehe apokalyptische Weltsicht nach sich ziehen kann, wäre eine andere Frage.) Johannes‘ Meisterschüler werden sicher ähnlich gelebt haben. Sie werden sich ihm kaum als verheiratete Familienväter angeschlossen haben, sondern eher als sehr junge Erwachsene. Zwar gab Jesus, als er selbständig aufzutreten begann, Askese und apokalyptische Weltsicht des Johannes auf, aber es wäre dennoch kurios, anzunehmen, er habe zwischendurch rasch – sozusagen „in Las Vegas“ – geheiratet, etwa „um einen besseren Eindruck zu machen“, „weil das seiner Karriere diente“.

5. Er war, als seine Solo-Rolle begann, immer noch ein relativ junger Mann, zwar gewiss alt genug, um nach den Maßstäben seiner Gesellschaft längst verheiratet zu sein, aber keineswegs zu alt, um die Ehe noch vor sich zu haben – insbesondere in Anbetracht seines geistlichen Werdegangs bis dahin: Auch in religiösen Kulturen, in denen Geistliche heiraten dürfen, heiraten sie sehr häufig deutlich später als der Rest der Gesellschaft. Seine Anhänger (und Anhängerinnen!) könnten sich sehr wohl mit dem Eindruck zufrieden gegeben haben „da kommt noch was“.

6. Unter diesem Eindruck hatten Jesu Zeitgenossen Anlass, das Ehe-Thema im Hinblick auf die Person ihres Meisters so weit wie möglich in Ruhe zu lassen, und diese Ausblendungstendenz ist in die Berichte der Evangelien eingegangen. Wenn überhaupt für irgendetwas, spricht das evangelische Schweigen in punkto Ehe also für „Unentschiedenheit“ der Situation. „Unentschieden“ wäre sie aber nicht mehr gewesen, wenn Jesus verheiratet gewesen wäre. Davon hätte dann auch jeder in seiner Umgebung gewusst.

7. Für eine Ehe gab es auch gesellschaftliche Bedingungen, die erfüllt sein mussten, nicht zuletzt materielle. Jesu Herkunft war vermutlich nicht reich genug, dass er diese Bedingungen erfüllen konnte, ohne für Geld zu arbeiten. Das scheint er aber kaum je intensiv getan zu haben. Es ist anzunehmen, dass er sich das Heiraten gar nicht leisten konnte.

8. Wir haben keinen Anlass, Mt 19,10-12, worin Jesus den Zölibat in höchsten Tönen lobt, für eine spätere theologische „Fiktion“ zu halten. Die Stelle klingt durchaus sehr nach „O-Ton“, nach „ipsissima vox“.

9. Kurz zuvor, in Mt 19,8-9 verdammt Jesus die Ehescheidung mit einer Radikalität, die unter dem mosaischen Gesetz nie üblich war. Wäre er selber verheiratet gewesen, hätte er über Scheidung vielleicht nachsichtiger gedacht. Okay, das war jetzt ein Witz. Aber war es wirklich NUR ein Witz?

10. Ferner ist nicht zu unterschätzen, inwieweit Jesus durch seinen Zölibat eine gewollte Parallele mit gewissen spirituellen Vor- und Leitbildern unterstrich, mit denen er zumindest bis zu einem gewissen Grad ganz sicher verglichen werden wollte: Die Ehelosigkeit passte perfekt zur Prophetenrolle. Namentlich bei Jeremia hatte sie bereits einmal eine explizite symbolisch-theologische Bedeutung angenommen. Bei ihm repräsentierte sie die jammervolle Geschiedenheit und Verlassenheit des ehedem auserwählten Volkes von seinem Gott.

11. Dass Jesus dieses Konzept aufgegriffen haben könnte, drückt sich im besonderen Bild des „leidenden Gottesknechts“ aus, dessen er sich bedient (vgl. Jes 53). Einen „leidenden Gottesknecht“ kann man sich ebenfalls schwerlich verheiratet vorstellen.

12. Und schließlich würde die Ehelosigkeit sogar mit einem „Kokettieren“ mit der traditionell-jüdischen „Messias“-Rolle gut harmonieren: Es gab und gibt stets gute Gründe dafür, dass ein Königssohn in noch unverheiratetem Zustand seine Thronfolge antritt. Denn erstens ist der Wert eines Kronprätendenten auf dem fürstlichen Heiratsmarkt noch nicht so hoch wie in dem Moment, in dem sich seine Erbfolge tatsächlich aktuiert. Gerade je mächtiger eine königliche Familie also ist, desto eher wird sie es sich leisten, mit der Verehelichung ihres Thronfolgers bis nach dessen Amtsantritt zu warten. Was zweitens den zusätzlichen Effekt hat, dass seine angeheiratete Königin dabei nur in einem geringeren ideellen Grad „mitgekrönt“ wird. Kommt das Paar hingegen gleichzeitig auf den Thron, könnten daraus höhere Machtansprüche der Angeheirateten im Falle des Ablebens ihres Gatten abgeleitet werden, was politisch meist nicht gewollt ist. In dynastischen Kulturen ist daher das Idealbild gerade des noch unverheirateten als eines besonders mächtigen Thronfolgers sehr lebendig und unterstützt das zölibatäre Rollenattribut des Messias, der sich, die ihm zustehende Macht ergreifend, mit Jerusalem als seiner „Braut“ vereinigt – etwa durch einen feierlichen Einzug in die Stadt auf einem Esel…

Unter Berücksichtigung all dieser Erwägungen halte ich die Hinweise für „erdrückend“, dass Jesus tatsächlich ehelos gelebt hat.

Aus aktuellem Anlass

Wenn ich hier nicht im einzelnen auf Fälle eingehe, in denen Menschen nicht nur von anderen Einzelnen oder Gruppen, sondern sogar von Gesetzen und Gerichten wegen ihres religiösen Glaubens mit dem Tod bedroht werden, so hat mein Schweigen damit zu tun, dass es zu solchen Vorkommnissen wirklich absolut nichts zu sagen gibt. Denn derlei spielt sich unter Voraussetzungen ab, die durch einen unüberbrückbaren Graben getrennt sind von Kulturen, in denen diskursives Wahrheitsstreben eine Rolle spielt. Also haben alle Erörterungen eines solchen Falles in einem Blog oder wo auch immer keinen Sinn.

Wenn man so etwas mitbekommt, dann muss man Petitionen unterschreiben oder nach anderen Mitteln suchen, um gegen die betreffende Situation praktisch anzugehen. Aber zu „besprechen“ gibt es in einem solchen Fall nichts. Es wäre geradezu pervers, die Auseinandersetzung mit etwas, das durch eine Verweigerung des Geistigen zustande gekommen ist, auf eine geistige Ebene heben zu wollen – auch und gerade nicht in Form von „Kulturkritik“.

Man kann sogar sagen: Die Würde einer Kultur, die so etwas zulässt, muss dadurch gewahrt werden, dass ihr keinerlei Entschuldigungsgründe zugestanden werden. Es ist eine Auseinandersetzung auf gleicher Augenhöhe, wenn wir klar und deutlich „Nein“ sagen – und nichts weiter.

Jesus und die Traube

Im pfälzischen Teil meiner Sippe verbindet sich tief verwurzeltes Christentum mit der Lebenserfahrung einer Winzerkultur.

Wenn man mit einem Pfälzer die Frage nach dem historischen Jesus debattiert, kann man die Antwort bekommen: „Es ist wie mit dem Wein. Die richtige Traube ist wichtig. Aber wenn ich mit dieser Traube nichts mache, wird kein Wein draus.“

Genau so verhält sich auch die Eigenberechtigung der kirchlichen Tradition zum historischen Jesus: Weise, fromme Menschen haben über die Jahrhunderte im Symbolsystem ihres Glaubens tiefe Wahrheiten erkannt, die in Jesus, seinem Auftreten und seiner Botschaft zwar implizit angelegt waren, die er selbst jedoch nie geäußert, ja tatsächlich nicht einmal gedacht hat. Was Jesus indirekt enthielt, wurde erst durch die Tradition seiner Anhänger deutlich.

Dabei wären die Einzelheiten ihrer theologischen Folgerungen vielleicht nicht immer alle zwingend gewesen; aber insgesamt ergaben und ergeben sie doch ein großes, differenziertes religiöses Symbolsystem von überwältigender Stimmigkeit und Richtigkeit.

Und der Pfälzer fügt diesem Gedanken dann vielleicht noch illustrativ hinzu: „Der Messwein ist ja auch meistens ein völlig minderwertiges Gesöff. Und trotzdem ist die Liturgie deswegen nicht ungültig.“