Paulus‘ Alibi

Nach Apg 7,58 ff. ist der junge Paulus – noch als Saulus – bei der Steinigung des Stephanus in Jerusalem zugegen. In Apg 9 zieht Saulus nach Damaskus, um dort Jesusjünger zu verfolgen, erlebt auf dem Weg dorthin seine ekstatisch-stigmatische Bekehrung und flieht nach ersten missionarischen Konfrontationen nach Jerusalem zurück. „Als er nach Jerusalem kam, versuchte er sich den Jüngern anzuschließen; aber alle fürchteten sich vor ihm, weil sie nicht glauben konnten, daß er ein Jünger sei. Da nahm sich Barnabas seiner an, führte ihn zu den Aposteln und teilte ihnen mit, wie er unterwegs den Herrn gesehen und dieser zu ihm geredet habe, und wie er dann in Damaskus freimütig im Namen Jesu öffentlich gepredigt habe. Daraufhin ging er in Jerusalem bei ihnen ein und aus. Er predigte freimütig im Namen des Herrn und debattierte auch mit den griechischsprachigen Juden, die ihm jedoch nach dem Leben trachteten. Als die Brüder das merkten, brachten sie ihn nach Cäsarea hinab und schickten ihn von dort nach Tarsus (d.h. in seine mutmaßliche Heimatstadt, Anm.).“ (Apg 9,26-30)

In Apg 11,25 wird Paulus von Barnabas in Tarsus besucht. „Er fand ihn und nahm ihn mit nach Antiochia. Ein ganzes Jahr hindurch waren sie als Gäste in der Gemeinde tätig und unterwiesen eine beträchtliche Zahl an Menschen. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen (bzw. ‚Christianer‘, Anm.).“ (Apg 11,26) In Apg 11,30 bringen Barnabas und Saulus eine Unterstützungskollekte der antiochenischen Christen zu deren unter einer Hungersnot leidenden Glaubensbrüdern in Jerusalem; in Apg 12,25 wird ihre Rückkehr von dieser Mission berichtet. Mit Apg 13 schließlich tritt Paulus zusammen mit Barnabas seine erste Missionsreise an, die ihn nach Kleinasien führt.

Ihr dortiges Wirken wirft die Streitfrage auf, ob ein Heide das jüdische Gesetz annehmen müsse, um Christ werden zu können. „Einige (Gläubige), die aus Judäa (nach Antiochia) herabgekommen waren, lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach mosaischem Brauch beschneiden lasst, werdet ihr nicht gerettet. Nach großer Aufregung und heftigem Streit zwischen diesen und Paulus und Barnabas fasste man den Beschluß, Paulus und Barnabas und einige andere wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufziehen zu lassen.“ (Apg 15,1-2) Aus diesem sogenannten „Apostelkonzil“ geht Paulus schließlich mit einem ausdrücklichen Auftrag zur Heidenmission ohne spezifisch mosaische Verbindlichkeiten hervor.

Legen wir neben diesen Bericht nun die ersten beiden Kapitel des Galaterbriefs. Dort schreibt Paulus:

„Ihr habt ja von meinem einstmaligen Verhalten im Judentum gehört: dass ich die Gemeinde Gottes maßlos verfolgt habe und sie zu vernichten suchte… Als es aber (Gott)… wohlgefällig war, seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich die Heilsbotschaft von ihm unter den Heiden verkündigte, da habe ich mich nicht sofort an Menschen von Fleisch und Blut (um Rat) gewandt, bin auch nicht nach Jerusalem zu meinen Vorgängern im Apostelamt hinaufgegangen, nein, ich begab mich nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück. Darauf, drei Jahre später, ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas (Petrus) kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm. Von den übrigen Aposteln habe ich damals keinen gesehen außer Jakobus, den Bruder des Herrn. Was ich euch hier schreibe – vor Gottes Angesicht (versichere ich), dass ich die reine Wahrheit sage! Hierauf begab ich mich in die Gegenden von Syrien und Kilikien. Den Christengemeinden in Judäa aber blieb ich persönlich unbekannt; nur vom Hörensagen wussten sie: Unser ehemaliger Verfolger verkündigt jetzt als Heilsbotschaft den Glauben, den er einst ausrotten wollte.“ (Gal 1,13-23)

Was dann mit Gal 2 folgt, ist Paulus‘ eigene Version des Jerusalemer Apostelkonzils, die die Freiheit seines Auftritts bei dieser Gelegenheit hervorhebt; dies habe sich vierzehn Jahre nach dem zuvor Berichteten ereignet, wie Gal 2,1 ausdrücklich vermerkt.

War Paulus vor der Jerusalemer Konferenz schon dutzende Male bei den dortigen Jüngern ein und aus gegangen, oder sahen sie ihn bei diesem Anlass zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht? Es ist unmöglich, diese beiden extrem divergierenden Aussagen auf intellektuell redliche Weise miteinander in Einklang zu bringen.

Die „Echtheit“ des Galaterbriefs im Sinne seiner Herkunft vom „ersten Paulus“ ist unter Fachgelehrten weitestgehend unbestritten. Dass Paulus hier mit äußerster Intensität eine ganz bestimmte Absicht verfolgt, in deren Rahmen ihm mehr als an allem anderen daran gelegen ist, seine Verkündigung als unabhängig darzustellen, ist jedoch ebenso klar.

Auf der anderen Seite kann das lukanische Geschichtswerk schon allein aus chronologischen Gründen ausschließlich Informationen aus zweiter Hand enthalten; und auch Lukas hat eine Tendenz und ist dominiert von einem Programm.

Wer nicht zugibt, dass der Bibel keine zuverlässige historische Wahrheit zu entnehmen ist, legt seiner theologischen Interpretation derselben Schrift eine krankende Grundlage.

Was wir brauchen, ist eine Theologie der Bibel, die auch das Menschliche und Allzumenschliche dieser Texte in deren spirituelle Deutungen voll mit einbezieht.

Alles andere ist nur eine schwache Theologie.

Anmerkung zu Johannes dem Täufer

Pech für die Israelis: Johannes der Täufer taufte definitiv am Ostufer des Jordan, auf heute jordanischem Gebiet. Das gibt nicht nur der Evangelist Johannes an, der trotz seiner theologisierenden Darstellung Jesu und seiner zeitlichen Distanz zu ihm in Fragen jüdischer Tradition oft erstaunlich detailsicher ist und nicht selten zuverlässiger, weil bei genauem Hinsehen stimmiger, als die Synoptiker: „Dies geschah in Bethanien, auf der anderen Seite des Jordan, wo Johannes taufte.“ (Joh 1,28)

Der Täufer wird von Herodes Antipas verhaftet, dessen Herrschaftsgebiet als „Peräa“ den Jordan nur von Osten berührte.

Mit diesem Befund deckt sich eine tiefe Theo-Logik des Täufer-Auftretens. Das Matthäusevangelium behauptet in Mt 3,1 zwar ausdrücklich, es habe sich um die judäische Wüste gehandelt. Diese liegt westlich des Toten Meeres und zugleich weitgehend südlich des Jordan. Markus und Lukas äußern sich nicht zur Tauf-Geographie. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei Matthäus ein späteres Missverständnis Eingang in den Text gefunden hat, das Johannes richtigstellte.

Wüste und Ufer-Taufplatz stehen bei Johannes spürbar in einem programmatischen Zusammenhang. Sie bildeten vermutlich nicht nur für Johannes selbst, sondern auch für jeden einzelnen seiner Anhänger zwei Schritte eines ritualisierten asketischen Weges. In diesem Fall hat es sich historisch selbstverständlich nicht um die judäische, sondern um die peräische Wüste gehandelt, das Hinterland des östlichen Jordanufers. Wenn die schematisierte täuferische Übung darin bestand, sich zuerst eine Weile fastend und büßend in der östlichen Wüstengegend aufzuhalten und danach zur Taufe von Osten her an den Jordan zu kommen, ergibt Johannes‘ Praxis plötzlich einen perspektivisch erheblich erweiterten Sinn: Sie spiegelt dann ganz gezielt den israelitischen Landnahmemythos wieder, dessen Darstellung in Jos 3 kulminiert: Wie einst unter Moses am Schilfmeer bilden die Wasser des Jordan eine Wand, als das Volk unter Josua mit der Bundeslade von Osten nach Westen hindurchzieht, um sein verheißenes Erbe in Besitz zu nehmen.

Die Taufe des Johannes signalisiert also, indem seine Täuflinge nach dem Ritual den Jordan durchqueren, um in ihre Heimat zurückzukehren: Ein neuartiges Volk nimmt ein neuartiges Reich in Besitz.

Politischer geht es nicht. Kaum verwunderlich, dass dem Täufer kein langes Wirken beschieden war: Keine Salome-Romanze war nötig, um diesen Prediger, der mit seinen Taufen mehr als jeden anderen seinen Landesherrn Herodes Antipas nass machte, den galiläisch-peräischen Staatsfeind Nummer Eins werden zu lassen.

Das Schicksal des Johannes hat dessen Meisterschüler Jesus aus Nazareth ganz sicher nicht „ent-politisiert“. Jesus hat niemals den in seiner Zeit und Kultur untrennbaren Zusammenhang von Religion und Politik relativiert. Relativiert hat Jesus als Nachfolger des Johannes nur dessen Modell der Handhabung des explosiven religiös-politischen Bewusstseins-Komplexes. Jesus entdeckte für ein Volk von Ohnmächtigen eine neue Dimension der Macht. Johannes haderte und rang noch irdisch mit Politikern. Jesus gelangte nach Johannes‘ Tod in seinem Verhältnis zur politischen Welt eine Stufe weiter, eine Stufe höher.

Jesus als unpolitisch oder gar antipolitisch interpretieren zu wollen, ist extrem verfehlt. Ihm politische Interessen nach dem landläufig unerleuchteten Begriff von Politik zuzuschreiben, ist freilich um nichts richtiger. Das ist das Geheimnis des historischen Jesus und seiner authentischen Lehre, in das einzudringen wir lernen müssen.

„Nur nichts Neues“?

Denjenigen, deren konservatives, orthodoxes, traditionalistisches religiöses Mantra „Nur nichts Neues!“ lautet, kann ich leider eine klare Entgegnung nicht ersparen, die sie beleidigen wird, so wenig das meine Absicht ist:

„Nur nichts Neues!“ ist genau jene religiöse Lebensstrategie, in Abwendung von welcher die historische Jesus-Bewegung aus der Pharisäer-Bewegung hervorging.

Natürlich bezieht die Kirche ihr Fundament nicht zuerst aus der Erinnerung an die historische Jesus-Bewegung, sondern aus der theologischen Christus-Bewegung. Deswegen heißen wir ganz richtig „Christen“ und nicht „Jesuaner“.

ABER: Wie ich bereits einmal geschrieben habe, benötigen wir außer dem historischen Jesus und dem theologischen Christus (und nebenbei einem Blick auf den „historischen Christus“, also die messianische Tradition des Judentums) dringend auch einen „theologischen Jesus“. Er bedeutet das genuine immanente Korrektiv zum theologischen Christus. Der historische Jesus wird zum „theologischen Jesus“, indem er in einer engen Sinnbeziehung zum theologischen Christus gesehen und gedeutet wird: Die göttliche Offenbarung im überlieferten historischen Jesus wird als religiös fundamentale und essenzielle Kontrollfunktion für die Entwicklung des theologischen Christus verstanden. Dass der historische Jesus der „Kontrolleur“ des theologischen Christus ist, bedeutet nicht, dass er diesen „ersetzen“ könnte, sondern er „ergänzt“ ihn einerseits und „flankiert“ ihn andererseits. Dies muss und wird das theologische Denken aller echten christlichen Zukunft sein.

Ohne Angst, ihn damit zu „zerstören“, muss der theologische Christus künftig vom historischen Jesus als „theologischem Jesus“ immer wieder korrigiert werden können. Das schließt kirchliche und theologische „Neuerungen“ ein, die wirklich auf begründete Zeitbedürfnisse antworten – ganz so, wie es der historische Jesus gegenüber dem Pharisäertum vormacht hat. Er ist es – als „theologischer Jesus“ -, durch den wir dabei das Fundament unserer Religion nicht verlieren: Er ist das Gerüst, von dem aus wir die Mauern der Kirche voller Vertrauen erneuern können, wenn sie wieder einmal morsch geworden sind. Wir brauchen nicht vereinzelte Reformationskrisen, die sich ihre Grundlage jedes mal wieder vom legitimatorischen Nullpunkt aus erkämpfen, sondern wir brauchen eine spezifisch christliche spirituelle Verfahrensgewohnheit für gleichsam beinahe „zyklische“ Reformationen. Das ist es, wofür der „theologische Jesus“ steht.

„Nur nichts Neues!“ ist eine hochgradig irreale Haltung. Wenn wir uns nicht verändern wollen, verändert das Leben uns, und zwar oft nicht zum Besten, oder es verändert sich jedenfalls unser Lebensumfeld, unsere Lebensumstände und -bedingungen, bis hin zur Entstehung extremer, am Ende nur noch ungesunder Spannungsgegensätze zwischen dem, was ist, und dem, was wir erlauben wollen. Genau das geschah mit den Pharisäern.

Ich schätze einen Pluralismus der Spiritualitäten innerhalb der katholischen Kirche. Ich habe mit den kirchlichen Konservativen weitaus weniger Probleme als sie mit mir. Aber für die Zukunft des Christseins wird es sich als entscheidend erweisen, neben den zunehmenden fundamentalistischen und eingeengten Standpunkten und Tendenzen in der Kirche unbeirrt jene andere Theologie durchzusetzen, die ich hier mit dem „theologischen Jesus“ kodiere (weil ich sie z.B. sehr ungern als „liberal“ bezeichne, wie das oft geschieht).

Der Anwendungsbereich dieser Theologie, um den ich mit den religiös Konservativen streite, ist ganz konkret und präzis die „gewöhnliche“ „weltkirchliche“ Pfarrgemeinde. Denn dort betrifft es mich persönlich, welche Theologie dem kirchlichen Handeln zugrunde gelegt wird, darum bin ich hier mitspracheberechtigt. Die Theologien und Spiritualitäten der verschiedenen Orden beispielsweise „gehen mich nichts an“. Viele davon schätze ich sehr – insbesondere die der Zisterzienser, deren Besonderheit zu umreißen ist durch die Stichworte Ursprünglichkeit (veritas) im Umgang mit der Heiligen Schrift, den Kirchenvätern und der Regula Benedicti, strenge, karge Einfachheit der Liturgie und der gesamten Lebenseinrichtung, Handarbeit und Eigenwirtschaft, Schweigen, eine intelligente und tiefgründige Theologie der Bußhaltung sowie die Mystik Bernhards von Clairvaux, Mechthilds von Magdeburg und Thomas Mertons -, obwohl ich dennoch ohne jeden Anflug des Zweifels von meiner Freiheit Gebrauch mache, den betreffenden Orden nicht beizutreten. Also brauche ich ihre Ansichten auch nicht zu kommentieren.

Wer meinen Katholizismus nicht in Frage stellt, wird in seinem Katholizismus von mir ebenfalls nicht in Frage gestellt, wenn er ihn für sich beansprucht, so wie ich das tue. Nichts anderes kann „kat-holos“ in der Praxis sinnvoll heißen.

Dass diejenigen, die „Nur nichts Neues!“ verkünden, das Katholischsein oder gar das Christsein exklusiv für sich allein in Anspruch nehmen, kommt gar nicht in Frage. Je hartnäckiger sie darauf beharren, desto schwerwiegender geraten sie in einen Konflikt mit dem Evangelium, in dem Jesus den ungeheuren Schritt vollzogen hat, die Relevanz des jüdischen Gesetzes zu relativieren. Diesen Menschen als jemanden darzustellen, der keine Anpassungen seiner Weltanschauung zulassen will, ist vollkommen unmöglich.

Der grassierende christliche Fundamentalismus ist primär als ein sozialpsychologisches Phänomen vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund einer prekären geistigen Orientierungsarmut zu deuten. Es muss aber unmissverständlich klargemacht werden, dass diese Reaktion eine Flucht in eine geistige Enge bedeutet, gegen die Jesus – der „theologische Jesus“ – im Evangelium wettert: „Warum seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen (τί δειλοί ἐστε, ὀλιγόπιστοι, ti deiloi este, oligópistoi)?“ (Mt 8,26)

Unser Christentum muss sich jetzt daran bewähren, dass es sich als in der Lage erweist, einem beängstigend entgrenzten Zeitalter nicht mit Engstirnigkeit, sondern mit adäquater geistiger Weite entgegenzutreten und dadurch zu zeigen, dass Weite etwas anderes ist als Entgrenzung. Ebenso wie alle konfessionellen Debatten spielt auch die Frage, inwieweit etwas eine kirchliche „Neuerung“ ist, demgegenüber entschieden nur eine Nebenrolle.

Der un-liturgische, vielleicht gar anti-liturgische Jesus

Lk 5,16 ist eine typische Stelle: „Er (Jesus) zog sich in die Einsamkeit zurück, um zu beten.“ Abgesehen davon, dass Einsamkeit keine Zeugen hat, hat er vielleicht nicht einmal selbst gesagt „Ich gehe jetzt in die Einsamkeit, um zu beten“, sondern dieser Satz ist das rein literarische Produkt der Befremdung darüber, dass seine Jünger ihn nie beten sahen und hörten.

Das passt zu Mt 6,5-8: „Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler… geh in deine Kammer… plappert nicht wie die Heiden… euer Vater weiß, bevor ihr ihn bittet…“ Das ist eine geradezu wütende Invektive gegen vorherrschende Gebetspraktiken und -verständnisse.

In dem Gebet, das er anschließend seine Jünger lehrt, kommt nicht einmal das Wort „Gott“ vor. Seinem Vater hält man keine rhetorischen Reden, will das besagen. Übrigens ergibt das „Vaterunser“ erschreckend viel Sinn, wenn man es als einen einzigen politischen Angriff gegen Rom, Reich und Kaiser liest: Der Vater im Himmel – nicht der in Rom; Sein Name ist heilig – nicht der des Kaisers; Sein Reich komme, Sein Wille geschehe; Er gibt uns genügend Brot – der Kaiser nicht; Seine Herrschaft ist keine Schuldknechtschaft wie die römische; die Versuchung, in die Gott uns nicht führen möge, ist – drohend unausgesprochen, aber schreiend deutlich – konkret und präzis die der hasserfüllten physischen Gegengewalt gegen die Unterdrücker, die jedem der Zuhörer Jesu täglich in den Fingern juckt; das personifizierte Böse, von dem Er uns erlösen möge, ist Rom, Rom, Rom. Es wäre keineswegs absurd zu weit gegangen, wenn man sagen wollte, das „Vaterunser“ sei ursprünglich, auf Jesu eigenen Lippen, geradezu so etwas wie die Parodie eines „spirituell hochtrabenden“ Gebetes gewesen.

Natürlich ist der Text sehr wohl legitim in der Lage, für uns heute noch eine ganz andere, viel weitere Bedeutung anzunehmen. Das macht seine eigentliche Größe aus. Aber man sollte die uns ungewohnte ironische Konnotation seines Ursprungs nicht übersehen und nicht verkennen. Das allein relativiert schon viele liturgische Verstiegenheiten.

Jesus beschimpft in Mt 23 heftig die Pharisäer, die idealtypischen Protagonisten eines rituell durchgeordneten Lebens: „Nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln… sie legen den Menschen unerträgliche Lasten auf die Schultern… wehe euch, ihr Heuchler… ihr übertünchten Gräber…“ – und immer so weiter, sechsunddreißig Verse lang! Ein so zorniger Jesus ist schon manchem idyllisierenden Frömmler zu viel geworden. Die Stelle wird gern übersprungen. Dabei kommt man um sie nicht herum, sie ist massiv.

Gleich am Anfang des Markusevangeliums „sucht“ Jesus den offenen Konflikt mit der pharisäischen Paragraphenkrämerei und prägt anlässlich ihrer Kritik am feiertäglichen Ährenlesen seiner Jünger die grandiose Sentenz: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat!“ (Mk 2,27)

Die Synagogen, die Jesus besucht, sind weit weniger liturgische Orte als Orte des geistlichen Lernens. Bei der einzigen Gelegenheit eines Tempelbesuchs Jesu in Jerusalem, von der wir wissen, inszeniert er eine ebenso gewohnheitsmäßig wie fälschlich und irreführend als „Tempelreinigung“ betitelte aggressive Symbolhandlung, die mit äußerster Schärfe besagen soll, dass Kult vor Gottes Augen kein Ersatz für praktische alltägliche Gerechtigkeit „draußen“ ist (merke: eine „Räuberhöhle“ ist nicht der Ort, an dem Räuber rauben, sondern an dem sie sich verstecken). Dieser Auftritt hat hohen historischen Glaubwürdigkeitskredit; er dürfte ein entscheidender Tatbestand gewesen sein, der Jesu Todesurteil als Aufrührer zugrunde lag.

Dem in all diesen Indizien historisch greifbaren Jesus irgendwelche vorrangig kultisch-liturgischen Interessen zu unterstellen, ist, wie wir nur allzu deutlich sehen müssen, komplett absurd.

Liturgie war und ist für die christliche Kirche – die der historische Jesus nicht gestiftet hat, sondern der theologische Christus – von Anfang an konstitutiv und integrativ absolut notwendig. Daran gibt es keine Zweifel, dies anzuerkennen ist unumgänglich.

ABER: Der Sinn des „historischen Jesus“ liegt darin, dass er uns als Korrektiv dienen kann und soll, wenn unser Bild vom „theologischen Christus“ auf Abwege gerät. Der heutige „Liturgismus“ der römisch-katholischen (und mancher anderen) Kirche ist ein Abweg.

Die Ent-Liturgisierung der Kirche, die manche protestantische Kirchen angesichts dessen vollzogen haben, hat sich nicht als sinnvolle Alternative erwiesen.

Sondern der Weg, den wir in die Zukunft der Kirche zu beschreiten haben, ist liturgische „Konzentration“, liturgischer „Minimalismus“, liturgische „Parsemonie“, ganz im Sinne der schönen bayerischen Redensart: „Kurz und katholisch!“ So sagt auch das 2. Vatikanische Konzil in seiner Konstitution über die Liturgie „Sacrosanctum Concilium“: „Ritus nobili simplicitate fulgeant – die Riten sollen in edler Einfachheit erstrahlen.“ (Art. 34)

Das ist einer der wenigen theologischen Sätze, über die Jesus sich sicherlich gefreut hätte.

Dann nämlich entsteht mehr Raum für die anderen, die außerliturgischen Orte wahren Christseins. Diesen Raum brauchen wir dringend. Der nächste Kampf wird freilich absehbar sogleich darin bestehen, diesen Raum dann gegen diejenigen zu verteidigen, die meinen, wenn er nicht mehr durch Liturgie ausgefüllt wird, ihn ganz für die Forderung nach mehr karitativen und diakonischen Projekten vereinnahmen zu sollen. Das ist vorschnell und genauso ein Irrtum.

„Sühneopfer“

Nicht nur Hans Küng, sondern auch weitere prominente Namen wie Robert Zollitsch, Eugen Biser, Wolfgang Huber, Nikolaus Schneider stehen heute für Kritik an der traditionellen christlichen Sühneopfertheologie und Satisfaktionslehre in der Interpretation des Kreuzestodes Jesu. Die Frage wird unter Theologen heute extrem kontrovers diskutiert. Was ist davon zu halten?

Richtig ist: Diese Doktrin ist rein nachbiblische Lehrtradition. Aber das allein macht sie objektiv noch nicht falsch.

Richtig ist weiter: Die Ansicht, Gott müsse in menschlich-juridischen Begriffen für unsere Sünden versöhnt werden durch ein blutiges Opfer, ist absolut untragbar – und zutiefst unchristlich.

Richtig ist aber auch: Die Sühneopfertheologie enthält eine tiefste mystische Wahrheit, sofern sie klar voraussetzt, dass sie nicht in den Zusammenhangsverständnissen menschlich-juridischer Logik funktioniert, sondern nach einer ganz anderen Ratio. Den Zugang hierzu findet aber nur ein konsequent nondualistisches Bewusstsein.

Wann immer christliche Mystiker angefangen haben, von „Gott in uns, Christus in uns“ zu sprechen, hat dies der Amtstheologie nicht geschmeckt. In der Kreuzigung Jesu hat sich äußerlich-historisch realisiert, was jeden Tag in uns geschieht: Wir kreuzigen in uns die Wahrheit, wir kreuzigen uns selbst, wir leiden, leiden an uns selbst, und durch das Leiden erwachen wir. Nur auf dem Weg der Kreuzigung erwacht Gott in uns. Und man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen: Wir müssen den äußeren Christus kreuzigen, damit er ein innerer werden kann. Dies geschieht auf dem Weg der Reue und Buße, die zur wahren Demut führen. Dies alles ist tiefste mystische Erkenntnis der mittelalterlichen, vor allem der monastischen Theologie, die uns verheerenderweise weitgehend verloren gegangen ist. Nicht einmal das Wenige, was ich selbst davon erst begriffen habe, kann ich an dieser Stelle annähernd umfassend genug ausführen, also belasse ich es ganz bei bloßen Andeutungen, in welcher Denkrichtung nach dem tieferen Sinn solcher Kreuzestheologie zu suchen ist.

Zu dieser Dimension haben die oben erwähnten Theologen nach meinem Eindruck leider allesamt keinen ausreichenden Zugang. Das verbindet sie miteinander. So geraten sie – gewiss völlig wider ihre Absicht! – zu theologischen „Wegbereitern“ eines durchgeknallt narzisstischen Zeitalters, für das etwas so Antiquarisches wie eine innere Haltung der „Buße“ – ha ha! – leichthin überhaupt kein Thema mehr sein kann. Aber was, bitte, hätte Jesus dann mit seinem maximal authentischen und originären „metanoeite“ gemeint, dem identifizierbaren Schlüsselbegriff seiner historischen Botschaft? „Kehrt um!“ Löst das nicht wenigstens ein gesundes Unbehagen mehr in uns aus?

Den plump-hyperrealistischen kanonistisch-dogmatisch-katechetischen „Beichtspiegel“-Formalismus, den die römische Amtskirche daraus geschustert hat, finde ich freilich mindestens ebenso fürchterlich und verfehlt, vor allem in der Art und Weise, in der er von manchen traditionalistischen Kanzeln gepredigt wird.

Was, um Himmels Willen, ist uns abhanden gekommen, wenn heute behauptet wird, mystisches Bewusstsein sei dem sogenannten „einfachen kirchlichen Laien“, dem gläubigen „Schaf“, allzu schwer zu vermitteln? Die mittelalterliche Kirche war bis in ihre „letzten“ Glieder (die übrigens die ersten sein werden) mystisch durch und durch. Das ging manchmal in die Irre, gewiss. Aber deshalb hat doch nie ein mittelalterlicher Theologie daran gezweifelt, dass jedem Christen die komplexe Wahrheit der Mystik grundsätzlich zuzumuten ist. Sie ist überraschenderweise unintellektuellen Menschen viel leichter verständlich als die argumentativen Pirouetten akademischer Theologie. Vielleicht geht es bei dieser ganzen Debatte ja in Wirklichkeit viel weniger um das Problem „einfacher“ Gläubiger, die Wahrheit zu kapieren, als um die ganz besonders gesteigerten Probleme, die viele theologische Nur-Akademiker mit Mystik haben?

Was einmal kurz vor einem Pessachfest plus-minus 30 unserer Zeitrechnung bei Jerusalem geschah, war kein „Sühneopfer für die Sünden der Welt“, sondern eine standardisierte römische Aufrührer-Hinrichtung. Aber nicht darauf basiert die Kirche, sondern darauf, wie dieses Ereignis im Rückblick bald darauf von einer rapide wachsenden Zahl von Menschen gesehen und interpretiert wurde. Und in dieser Interpretation liegt potenziell eine unermessliche Wahrheit.

Man darf getrost sein: Der Karfreitag ist gerettet. Aber weder die Glaubenskongregation in Rom hat ihn gerettet noch die Kanzlei Zollitsch Huber Schneider & Kollegen.

Denkanstoß „theologischer Jesus“

Wir haben einen „theologischen Christus“. Er ist für die Kirche traditionell maßgeblich. Dieser Tradition liegt real nichts voraus. Die Kirche IST diese Tradition. Das heißt aber nicht, dass sie sich neuen Entwicklungen verweigern kann, solange diese begründen können, weshalb sie mit der Tradition nicht brechen, sondern diese sinnvoll fortschreiben.

Dann haben wir einen „historischen Jesus“. Er ist äußerst interessant und spannend und eine Herausforderung für den „theologischen Christus“ – und lässt uns am Ende immer etwas ratlos zurück.

Dann haben wir einen „historischen Christus“. Er meint die Kulturgeschichte der Messias-Rolle – und gibt am Ende nicht viel her außer etwas akademischer Reflexion.

Wo aber ist der „theologische Jesus“? Er ist der „missing link“ einer christlichen Theologie der Zukunft.

Wie politisch ist Jesus zu verstehen?

Wenn wir uns die Frage stellen, wie politisch der historische Jesus aufzufassen ist, können und müssen wir von einer Schlüsselerkenntnis ausgehen, über die wir Gewissheit haben: Die Unterscheidung von „religiös“ und „politisch“ hat zu seiner Zeit definitiv nicht existiert – ganz besonders wenig im Judentum, das diesen Unterschied noch heute weniger zu betonen scheint als andere Kulturen. Diesbezüglich haben insbesondere wir Europäer nach der Aufklärung ein massives Vorstellungsproblem: Wir können uns in eine Kultur, die diesen Unterschied nicht macht, kaum noch hineinversetzen – so tief habituell geworden ist er uns selbst.

Hinzu kommt, dass es unter den überaus angespannten mutmaßlichen Zeitumständen Jesu selbst in einer Gesellschaft, die Religiöses und Politisches kulturell strikt voneinander zu separieren gewohnt ist, undenkbar wäre, dass irgendeine öffentliche Äußerung als „gänzlich unpolitisch“ betrachtet werden könnte.

Was bedeutet die Untrennbarkeit von Religion und Politik im Auftreten Jesu für uns praktisch?

Aus meiner Sicht gibt es auf diese Frage nur eine sinnvolle Antwort: Wir müssen die entstandene Trennung für uns selbst ebenfalls wieder in eine Einheit zurückführen.

Dies geschieht aber in Wirklichkeit ebenso wenig durch politische Aufladung der Religion wie durch religiöse Aufladung der Politik. Sondern es geschieht durch die Orientierung am Prinzip der „Unmittelbarkeit des Handelns“. Was meine ich damit?

Jesus lehrt uns etwas über unser Verhältnis zu unserem „Nächsten“. Auf die Frage „Wer ist mein Nächster?“ erzählt er bei Lukas das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter (Lk 10,29-37). Die Botschaft ist klar: Meinem „Nächsten“ komme ich prinzipiell nicht dadurch nahe, dass ich karitative Strukturen organisiere, sondern durch persönlichste Beziehungsaufnahme, ausgerichtet an den präzisen Erfordernissen einer konkreten Situation.

Es gibt gesellschaftliche Umstände, unter denen das Organisieren neuer Strukturen zu einem Gebot der praktischsten Nächstenliebe wird. Ohne Zweifel. Radikaler Strukuren-Anarchismus ist Nonsens und regelrecht unmenschlich. Aber die besagten Umstände, unter denen sich ein Politiker unmittelbar als Samariter erweist, treten nur sehr selten auf. Viel seltener, als das Menschen zu glauben pflegen, die einem gewissen übersteigerten Enthusiasmus des Politischen verfallen. Man darf nicht vergessen, dass „organisieren“ wörtlich „verwerkzeuglichen“, „zum Werkzeug machen“ bedeutet. Klingt das etwa sonderlich anziehend oder gar lebenserfüllt?

Eine einfache Faustregel mag lauten können: Wann immer ich meine Begegnung mit einem Menschen durch mein „politisches“ Gesinnungsäußern, Verhalten und Auftreten überhaupt erst herbeiführe, wird mein Verhältnis zu diesem Menschen auch primär „politisch“ sein und bleiben und nicht „persönlich“ werden, und bevor ich Verhältnisse solcher Art eingehe, werde ich mir gut zu überlegen haben, ob es nicht andere Menschen gibt, für deren Belange als meine „Nächsten“ zu sorgen mir in unmittelbarer Weise aufgetragen ist, und ob die Gesamtheit meiner bzw. unserer Lebensumstände wirklich ein derart erhöhtes Maß an „Politisiertheit“ in den Rang eines echten, unmittelbaren Dienstes am „Nächsten“ erheben.

Das bedeutet, dass eine Lebensweise des kontemplativen Rückzugs für einen Christen legitim ist, solange er sich dabei und dadurch seiner Begegnung mit der Not anderer nicht aktiv verschließt. Das heißt nicht, dass er sich nicht in ein Kloster einschließen darf, sondern nur, dass er die Not anderer, wenn sie trotz Klostermauern zu ihm vordringt, nicht abweisen darf. Die Not der Mittellosen findet freilich nach der Vorsehung der Natur ihre Wege, sie hat gerade die dicksten Klostermauern noch stets leichter durchbrochen als die bestgerüstete Erstürmungsarmee. Das ist die Herausforderung des Mönchs, die nicht ausbleibt.

Es bedeutet auch, dass es für eine christliche Lebensweise nicht den geringsten Unterschied macht, ob man als Gelderwerbstätigkeit zwecks materiellem Lebensunterhalt einen sogenannten „sozialen“ Beruf ergreift oder nicht.

Dies sind Punkte, über die in unserer fatal sozialtechnokratisch gesinnten Gesellschaft noch viel christlicher Aufklärungsbedarf besteht. Je mehr wir auf „Selbermachen“ unseres Glücks und Heils beharren, desto mehr berauben wir uns der Mitwirkung Gottes mit unseren schwachen Kräften, oder vielmehr der effizienten Einpassung unseres geringen willentlichen Beitrags in ein umfassenderes göttliches Wirken, welches letztlich für allen Nutzen unseres Tuns ausschlaggebend ist.

Lebe, was du verstanden hast

Des Taizé-Gründers Frère Roger Schutz bekannte Sentenz: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast, und wenn es noch so wenig ist, aber lebe es“ bietet für mein Empfinden vor allem zwei sehr bedenkenswerte Aspekte an:

Erstens, dass alles intellektuelle Deuten des Evangeliums rasch an seine Sinngrenzen stößt, wir das ständige Bemühen darum aber trotz dieser Erkenntnis nicht unterlassen dürfen, weil Verständnis – was leider viel zu wenige realisieren – auch abnehmen, auch schrumpfen kann: Im Gegensatz zum Wirtschaftsprozess, von dem wir dies nur zu Unrecht annehmen, ist Verstehen das Einzige, was tatsächlich ständig wachsen muss, damit der Wohlstand, auf den es sich bezieht, erhalten bleibt. Wenn wir nicht fortschreitend immer umfassender begreifen, ist irgendwann merkwürdigerweise überhaupt kein Verständnis mehr da, das wir leben können. Es verdunstet. Deswegen darf geistiges Ringen um die Wahrheit des Evangeliums nie aufhören, auch wenn wir wissen, wie aussichtslos dieses Ringen ist, wenn wir uns auf intellektuellem Gebiet eine „letzte Erleuchtung“ zum Ziel setzen, die wir auf intellektuellem Gebiet nie erreichen werden.

Und zweitens: Neben der intellektuellen hat die Wahrheit des Evangeliums auch eine induktive Seite. Was wir durch unseren Entschluss in Gang setzen, das von uns jeweils Verstandene des Evangelium zu leben, formt ganz entscheidend die Wahrheit des Evangeliums, die wir konkret-lebenspraktisch erfahren, und genau dadurch wächst unser Verständnis auf die beste Weise.

Beide Aspekte aber unterstreichen, dass „wir“ unser Verstehen des Evangeliums nicht „machen“, nicht „herstellen“ können. Dieses Verständnis ist Gnade, und der Schritt zu dem Entschluss, das Evangelium zu leben, obwohl sehr wahrscheinlich ist, dass wir es erst unvollständig verstanden haben, ist ein Akt der Demut: Wir nehmen damit bewusst die Demütigung in Kauf, später noch einmal demonstrativ belehrt werden zu müssen – und nicht nur einmal, sondern womöglich immer wieder. Nie sind wir unantastbare Experten des Evangeliums. So etwas gibt es nicht. Nie schickt sich der erhobene Zeigefinger, der Gestus des überlegenen Lehrmeisters. Und immer wieder müssen wir sogar unser Aufbrausen herunterschlucken, wenn andere uns mit diesem erhobenen Zeigefinger kommen. Wir dürfen dann nicht einmal denken, dass sie Dummköpfe sind, die nicht merken, wie viel sie vor ihrer eigenen Tür noch zu kehren haben. Solche Gedanken müssen wir sogleich selber streng korrigieren, weil wir selbst in den Irrtum unserer entsprechenden Gegenüber verfallen, wenn wir rechthaberische theologische Streitereien mit ihnen anfangen. Das ist hart und bitter. Für mich jedenfalls. Und um ehrlich zu sein, ich glaube keinem so recht, der behauptet, ihm falle dies leicht.

Es sei denn, er besitzt wirklich die unübertreffliche Heiligkeit absoluter Naivität. Menschen dieser Art liebt außer dem Lieben Gott ganz besonders auch die Amtskirche. Solche sind aber sicherlich eher nicht die Zielgruppe dieses Blogs.

Zielgruppe dieses Blogs sind vielmehr, könnte man sagen, Menschen, die dem Evangelium eher allzu Vieles, auch sich Widersprechendes entnehmen, und die daher nur der Liebe Gott allein liebt. Diese können den zwei Zeilen von Roger Schutz eine ganze geistliche Lebensstrategie – oder, sofern sie sich vornehmen, sich mit der Amtskirche zu arrangieren, auch Überlebensstrategie – entnehmen.

Die Abschaffung der unsichtbaren Kirche

Immer wieder erfahre ich etwas über die orthodoxe Kirche in den USA. Sie ist dort medial recht präsent und positioniert sich als nicht-autochthones Phänomen sehr interessant gegenüber den Problemen der amerikanischen Gesellschaft.

Dabei dominiert US-orthodoxerseits deutlich der Standpunkt, die letzten Jahrzehnte hätten sich bemüht, die Kirche in die säkulare Welt zu tragen, hätten dabei aber nur die säkulare Welt in die Kirche getragen, was ein Fehler sei. Und: „nothing new, nothing novel“.

Ich halte es ebenfalls für einen Fehler, die Kirche dem Zeitgeist anpassen zu wollen. Auf der anderen Seite geht es ohne Veränderungsbereitschaft nicht, weil Veränderungen in dieser Welt nicht nach unserer Meinung fragen, ob sie stattfinden dürfen, und die abgelehnten und bekämpften Veränderungen stets nicht nur als die schmerzhaftesten, sondern auch als die problematischsten im Ergebnis ausfallen.

Wie also ist diesbezüglich ein gesunder Mittelweg zu steuern?

Für das Wichtigste halte ich die Bereitschaft zu der Erkenntnis, dass alles, was man sinnvoll unter „Kirche“ verstehen kann, immer nur ein äußerliches Phänomen des religiösen Lebens ist. Auch die beste Kirche berührt und betrifft als solche nicht das persönlichste Innerste des religiösen Menschen und hat kein Recht, dies zu beanspruchen. Für die richtige Balance zwischen Konsequenz und Kompromissen in der Kirche scheint mir das eine entscheidende geistige Voraussetzung zu sein.

Amtskirchliche Theologen sind zu dieser Sichtweise regelmäßig nicht bereit oder nicht fähig. Natürlich nicht: Sie relativiert ja ihre Bedeutung, sie mindert ihre Autorität oder gar, um ein böseres Wort zu benutzen, ihre Macht. Aber es gibt kein wirklich stichhaltiges Argument für die in dieser Richtung überspannte, bei Priestern so beliebte Corpus-mysticum-Theologie. Aus den Äußerungen des Paulus über „den einen Leib und die vielen Glieder“ geht sie nicht hervor. Besonders wenig hilfreich ist es, wenn manche „Laienrechtler“ glauben, ausgerechnet mit der Aneignung dieses Konzeptes die Stellung der sogenannten „Laien“ in der Kirche theologisch stärken zu können. Das Wort des Paulus über den „einen Leib und die vielen Glieder“ (1Kor 12,12-26) ist ganz deutlich ausschließlich auf eine sichtbare Kirche bezogen. Nirgendwo geht es in 1Kor 12 um Gesichtspunkte ganz persönlicher Frömmigkeit oder spiritueller Weisheit, sondern immer nur um Formen äußerlicher Leistung für die Gemeinde: Aposteldienst, Lehren, Prophezeien, Heilen, Wunderwirken. Sogar mit „Glauben“, πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, pistis en to autô pneumati (1Kor 12,9) ist hier eine bestimmte gemeindlich-seelsorgliche Aufgabe innerhalb einer uns fremden antiken Vorstellungswelt gemeint, nicht „Gläubigkeit an sich“, die natürlich nicht nur „einigen“, sondern allen gegeben ist. Eine „unsichtbare Kirche“ wird mit 1Kor 12 nicht konstituiert.

Kirchenkritiker müssen vor allem unerbittlich sein in der Zurückweisung der „unsichtbaren“ Befugnisüberschreitung, der geistlichen „Amtsanmaßung“ hierarchischer Theologie auf Gebieten, in denen diese nichts verloren hat: „Kirche“ ist entschieden eine Institution der sichtbaren Welt und hat sich nicht als „unsichtbare Kirche“ zu gerieren. „Jenseits“ – oder „diesseits“ – der Kirche liegt ein weites Feld christlichen spirituellen Lebens und christlicher spiritueller Wahrheit, das diese gesellschaftliche Institution nicht zu ihrem Vorgarten zu degradieren berechtigt und auf dem jeder sogenannte kirchliche „Laie“ jedem Bischof, Mönch oder Theologen in jeder Hinsicht unterschiedslos gleichgestellt ist. Diese Sichtweise leugnet übrigens keineswegs eine „göttliche Stiftung“ der Kirche.

Dieses Verständnis macht sie freier, sich zu verändern – oder auch nicht. Auf jeden Fall setzt es die Abwägung zwischen Veränderung und Beharrung in günstigere Ausgangsbedingungen.

Vor diesem Hintergrund wird man dann leichter zu der meines Erachtens richtigen Unterscheidung gelangen, dass es weder die kirchliche Logik – also die Dogmatik – noch die kirchliche Ethik noch die kirchliche Ästhetik – also die Liturgie – sind, die verändert werden sollten, sondern allein die kirchliche Struktur – also das Kirchenrecht -, d.h. man kommt klareren Kopfes in die Lage, die Verflechtungen des Kirchenrechts mit den übrigen Aspekten aufzulösen und dann die entbehrlich oder hinderlich gewordenen Fäden aus diesem Geflecht herauszuziehen.

Entscheidend aber ist: Wenn die Kirche als Gedanke nicht mehr „total“ sein kann, wird sie auch eher aufhören, sich als Institution „totalitär“ zu benehmen.

Don’t cry for me Argentina

Am Sonntagabend werde ich voraussichtlich meine bislang schwerste Meinungsverschiedenheit mit Papst Franziskus haben.

Glücklicherweise stimmen wir zuverlässig in der fundamentalen Auffassung überein, dass es außerhalb des Rasensports noch eine umfassendere Sinn-Dimension menschlicher Existenz gibt, in der immer nur einer Welt-Meister ist, me olam ad olam, amen.

Doppelte Protestlähmung

Unter dem heutigen Datum stehe ich in zwei aktuellen Fällen gleichzeitig innerlich auf der Seite der lautstark Protest Erhebenden, habe aber dennoch ganz persönlich keine motivationale Energie, entsprechend laut mitzuprotestieren. So etwas widerfährt mir öfters, wenn ich klar sehe, dass eine Situation allzu systemisch ist, um von diplomatischen Protesten in irgendeiner Form effektiv berührt zu werden.

Der erste Fall ist die Aufforderung der Bundesregierung an den obersten Vertreter der US-Geheimdienste, das Land zu verlassen. Die derzeitige Spionageaffäre stellt dem politischen Gebaren der Obama-Regierung zwar ein Zeugnis von absoluter Unsäglichkeit und restloser Kommentarunwürdigkeit aus; aber sie liegt doch zugleich auch konsequent in der „natürlicherweise“ hemmungslos entgrenzten Logik jeglichen Geheimdienstwesens, und diese wiederum liegt konsequent in der absurden bis perversen Sozio-Logik aller heutigen Staatswesen jenes inzwischen weltweit verbreiteten Musters, dem die USA und Deutschland zugehören. Vor diesem tief strukturellen Hintergrund nehmen sich, da er inzwischen so offensichtlich ist, Proteste und Diplomaten-„Ausweisungen“ leider lächerlich aus. Und im übrigen ist es ja ganz schlicht wahr: Wer soll uns vor einem Krieg schützen, den unsere einzigen wahren Feinde mit den Mitteln des Terrorismus führen, – da wir ihnen schon längst keine anderen Mittel mehr gelassen haben -, wenn nicht Geheimdienste? Diese Tatsache ist überaus hässlich; aber sie zu leugnen ist überaus bescheuert.

Der zweite Fall, der sich neben dem ersten ausnimmt wie einer jener Stoffe, aus denen freundliche Illustrierte für ältere Damen des ebenso wohlsituierten wie intellektuell anspruchsbefreiten Milieus gemacht sind, betrifft Rainer Maria Kardinal Woelki. Ich habe keine Meinung dazu, ob es begrüßenswert ist, dass er jetzt Erzbischof von Köln wird. Aber meine „Wir-sind-Kirche“-Freunde schlagen gegen die damit verbundene völlige römische Missachtung der Vorschlagsliste des Kölner Domkapitels mit einer Verve Rabatz, in die ich mich nicht „einturnen“ kann. Sicherlich ist es skandalös, dass eine solche Missachtung von „Basiswünschen“ – obwohl es freilich höchst verwunderlich klingen mag, ein Domkapitel plötzlich als kirchliche „Basis“ zu apostrophieren – in Rom immer noch leichthin System hat.

Aber hinsichtlich der Logik von Lohn und Strafe innerhalb der hierarchischen Karriereleiter ist an die real existierende Kirche nun wirklich beim übelsten Willen kein anderer Maßstab anzulegen als an die säkulare Ordnung. Rückten Ackermann oder Overbeck auf den Kölner Stuhl aus Erz vor, zögen sie an Woelki offenkundig unbegründet vorbei auf ihrem cursus honorum. Der Posten des Berliner Diaspora-Kardinals stellt einen typischen Fall von „Klasse ohne Masse“ dar. Letztere bekommt der betreffende Amtsinhaber mit seinem Aufrücken nach Köln nun gebührlich nachgeliefert, und es hätte schon sehr viel aufsehenerregend Negatives um ihn passiert sein müssen in den letzten Jahren, damit man ihn mit einem derart unfreundlichen Vorenthalt des Vorrechts dieser anciennitären Progression düpieren dürfte.

Deshalb sagt mir mein Gefühl, dass die KirchenVolksBewegung ihre berechtigte Empörung über diese Petitesse relativ rasch wieder zu den Akten legen und zur Thematisierung weitaus wichtigerer Kircheninterna zurückkehren sollte, die schon länger auf ihrer Agenda stehen und die auch nicht übermorgen wieder vergessen sein werden und dürfen.

Es mag freilich sein, dass ich mich mit dieser etwas „phlegmatischen“ – wohlgemerkt, und darauf bestehe ich: nicht zynischen oder defätistischen! – Einstellung gegenüber einem erheblichen Teil aller sogenannten „Skandale“ nicht so recht zum „Politiker“ eigne – nicht einmal zum Kirchenpolitiker -; weshalb ich mich ja auch in erster Linie als katholischer Blogger betätige.