Karfreitag 2020

Nun werden also zum ersten Mal in der Geschichte des Christentums einzelne römisch-katholische Priester, mit sich selbst allein, weltweit die österliche Liturgie vor leeren Kirchenräumen zelebrieren.

Zur Erinnerung: Der charakteristische architektonische Grundtypus eines Kirchengebäudes, die Basilika, entwickelte sich im vierten Jahrhundert u.Z. genau deshalb aus dem römischen Modell einer Markthalle, weil es im Vergleich mit allen anderen damaligen Religionen eine Eigentümlichkeit der christlichen Glaubenspraxis darstellte, dass diese sich in liturgischer Hinsicht als Versammlung des Volkes im Innenraum des Tempels definierte, während alle anderen Religionsgemeinschaften sich selbstverständlich VOR den Heiligtümern ihrer Götter versammelten, so wie man ja auch in irdischen Beziehungen nicht einfach ins Wohnzimmer eines Anderen, geschweige denn eines Höhergestellten eindringt. Noch im Jerusalemer Tempel war das so gewesen – aber nach dessen Verlust (70 u.Z.) entwickelte das aufkommende rabbinische Modell des Judentums die Vorstellung, dass sogar das öffentliche Pflichtgebet, obwohl man gerade den bloßen Akt des Betens rein „technisch“ betrachtet ja auch als ganz individuell ausführbar definieren könnte, das räumliche Zusammenkommen von mindestens zehn erwachsenen Männern als Voraussetzung für die gültige Erfüllung dieser religiösen Pflicht erfordere. Dabei gibt es allerdings keine Vorschrift des Ortes. Die Kirche hingegen sah den Tempel Israels als wiederhergestellt an – wenngleich in grundlegend erneuerter Form, nämlich nicht länger auf dem geographisch bestimmten Berg Zion, sondern stattdessen in global-missionarischer Vervielfältigung, als kühne Weiterentwicklung der großen prophetischen Vision eines universalisierten Israel in Jesaja 56. Zum wahren Gott kann jeder Mensch jederzeit einfach in die innerste Stube kommen – das ist die spektakuläre Botschaft, die die Kirche, gegen alle anderen Kulte, schon allein baulich verkörpert.

Deshalb gehört es logischerweise wesentlich zum kirchlichen Glaubensvollzug und Glaubensausdruck, dass zu den bestimmten heiligen Zeiten die ganze Gemeinde auch tatsächlich räumlich-körperlich um den Altar zusammenkommt. Die klerikale „One-Man-Show“, ganz zu schweigen von deren noch gesteigerter publikumsloser Variante, widerspricht mithin deutlich den ursprünglichen und eigentlichen geistigen Grundlagen der christlichen Theologie.

Meine persönliche Meinung dazu: Aus mystisch-spiritueller Sicht ist selbst eine theologische Bankrotterklärung nichts Schlimmes – die Voraussetzung dafür, dass eine bankrotte Theologie Platz machen kann für „einen neuen Himmel und eine neue Erde“, lautet allerdings, dass der Mensch sich seinen vernunfttheologischen Bankrott auch schonungs- und rückhaltlos eingesteht.

Wahrscheinlich hätte die römisch-katholische Kirche den vom Coronavirus verursachten staatlichen Versammlungsverboten weniger widerspruchslos, eilfertig und totalkapitulationsartig nachgegeben, wenn sie nicht zuvor schon seit Jahrhunderten eine höchst fragwürdige theologische Entwicklung kultiviert hätte, derzufolge die Substanz der Kirche am amtspriesterlichen Handeln hängt, und zwar zur Not unter Absehen vom Verhalten des gesamten laienhaften Rests der Christenheit. Die amtskirchlicherseits de facto vertretene Entbehrlichkeit des „Volkes“ entpuppt sich nun, zu Ostern 2020, in der bildlichen Gestalt der absurd allein zelebrierenden Priester vollends als eine Groteske, die dem ohnedies schwer angeschlagenen Image der römisch-katholischen Kirche den Rest gibt.

Dabei sind die staatlichen Maßnahmen gegen das Coronavirus in Deutschland ja bisher im Großen und Ganzen zustimmungswürdig, und an dieser Stelle soll auch keinesfalls die Auffassung vertreten werden, die Kirche hätte sich den von der weltlichen Obrigkeit mit relativ leichter Hand dekretierten hygienischen Versammlungsbeschränkungen von Anfang an unter Berufung auf die grundgesetzliche Religionsfreiheit vehement verweigern sollen.

ABER: Die Kirche hat die betreffenden, vielleicht ein bisschen zu selbstherrlichen Anordnungen der Regierenden enttäuschenderweise nicht einmal eine Sekunde lang hinterfragt, so als gäbe es hier überhaupt kein verfassungsrechtliches Problem, auf das die Kirche im Interesse ihres gesellschaftlich-kulturellen Status vernehmlich hinweisen muss. Es musste erst der angesehene Staatsrechtsprofessor Oliver Lepsius den markanten Satz formulieren: „Die Kirchen sollten jetzt vor allem eins tun: Eine Ausnahme fordern für Gottesdienste an den höchsten christlichen Feiertagen. Wenn sie ihre Grundrechte nicht einfordern, verlieren sie als Institution auch die religiöse Autorität. Die Religionsfreiheit ist dann jedenfalls beliebig abwägbar. Das droht allen Freiheitsrechten, wenn wir als Träger dieser Freiheit nichts dagegen tun, sondern uns mit einem diffusen Regelungsziel ‚Kampf gegen das Virus‘ zufrieden geben und Rechtsgüter nach einer ‚Systemrelevanz‘ differenzieren.“ („Verfassungsblog“, 6.4.2020)

Lepsius hat erhellend darauf hingewiesen, dass es zwischen Grundrechten keine Hierarchie gibt und dass „Schutz des Lebens“ nur in Situationen, in denen die Zusammenhänge als sehr konkret und unmittelbar darstellbar sind, über die anderen Grundrechte gestellt werden kann. Eine Argumentation, derzufolge diese oder jene Grundrechte eingeschränkt werden sollen, „denn wir KÖNNTEN dadurch ja VIELLEICHT ein Leben retten“, ist verfassungsrechtlich unzulässig, weil diese Art von Argumentation evidenterweise sehr schnell einen völligen Kontrollverlust über den staatlichen Umgang mit jeglichen Grundrechten nach sich ziehen würde; denn mit „könnte vielleicht“ lässt sich bekanntlich immer und überall bequem argumentieren. Lepsius zeigt überzeugend auf, dass der Zusammenhang zwischen den staatlichen Maßnahmen und dem beabsichtigten Lebenserhalt im Fall der derzeitigen Coronavirus-Pandemie ganz klar ein bloß indirekter ist: Wer wann woran wie schwer erkrankt (Stichwort: Wer ist wirklich „an“ Corona, wer eigentlich eher „mit“ Corona gestorben?) ist eine hyperkomplexe Frage, und Ziel der öffentlichen Maßnahmen ist explizit nichts anderes als die pragmatische Prophylaxe gegen eine Überlastung des Gesundheitssystems, wie alle medizinischen Experten unisono präzise formulieren – für ein Hintanstellen anderer Grundrechte zwecks „Schutz von Leben“ reicht der so dargestellte Zusammenhang juristisch eindeutig nicht aus. Schon der unerträglich beliebte Slogan „Flatten the Curve“ lässt ja erkennen, dass es hier um Statistik geht und nicht um Leben. Die Statistikkarte sticht die Verfassungskarte aber in keiner Variante unseres gesellschaftlichen Spiels.

Darauf, dass die drastische Zunahme von häuslicher Gewalt und Suiziden infolge der undifferenzierten allgemeinen Ausgangsbeschränkungen unter eine seriöse Opferbilanz der Pandemie mit aufzunehmen ist, will ich an dieser Stelle gar nicht näher eingehen.

Damit ist klar, dass wir nach drei Wochen Ausnahmezustand jetzt dringend dergestalt schrittweise zur Normalität zurückzukehren haben, dass zuerst die Gültigkeit der Verfassung und der Grundrechte in vollem Umfang wiederhergestellt wird, um die gesellschaftlich überlebenswichtige kulturelle Wirksamkeit der letzteren nicht noch weiter zu beschädigen: Zuallererst müssen die Entscheidungsprozesse über das weitere Vorgehen gegen die Pandemie wieder sauber konstitutionalisiert werden. Föderalistische Pluralität ist dabei zu bejahen und zu begrüßen, auch daran hat Professor Lepsius dankenswerterweise keinen Zweifel gelassen.

Die Kirche wäre mitverantwortlich dafür gewesen, diesen wichtigen Einspruch zu erheben. Sie hat an dieser Aufgabe mit ihrem geradezu vorauseilenden selbst-suspendierenden Gehorsam gegenüber dem Staat im März 2020 eklatant versagt und so ihren im Gange befindlichen Bedeutungsverlust noch weiter verschärft.

Früher gingen Menschen gerade während Epidemien in die Kirche. Aus heutiger positivistischer Sicht der Dinge war das freilich nicht klug. Aber vielleicht waren die Möglichkeiten des kollektiven Frömmigkeitslebens doch auch gut fürs Immunsystem. Die russisch-orthodoxe Kirche jedenfalls sieht das anscheinend heute noch so – und wie man hört, traut Zar Putin sich nicht, gegen den selbstbewussten kirchlichen Bruch des staatshygienischen Versammlungsverbots in seinem Land energisch vorzugehen. Damit sind die Russisch-Orthodoxen derzeit zwar gewiss nicht die vernünftigeren, aber doch in gewisser Hinsicht „leider“ die glaubwürdigeren Christen. Natürlich ist diese Angelegenheit gerade für eine aufgeklärte und trotzdem zugleich mystisch-fromme Kirche, wie ich sie mir wünsche, ein großes Dilemma. Gewiss wären die deutschen Kirchen an Ostern gerade dieses Jahr so voll, dass man in der Praxis nicht jede zweite Bankreihe freilassen und zusätzlich anderthalb Meter Abstand zum Nächsten einhalten könnte, und dieses Problem darf keinesfalls fanatisch-verblendet ignoriert werden.

Aber wenigstens den Mut und das geistige Format, die damit zusammenhängende notwendige heikle Debatte über bedeutsame aktuelle gesellschaftliche Grundsatzfragen anzustoßen und in Gang zu halten, eine Debatte, die zu führen noch dazu unsere Verfassung von uns fordert, hätte man sich in der aktuellen Lage von den großen Kirchen in Deutschland schon erhoffen dürfen – leider komplette Fehlanzeige.

Ich empfehle den folgenden Beitrag von Oliver Lepsius auf dem „Verfassungsblog“ vom 6.4.2020. Er zeigt meines Erachtens sehr treffend auf, wie wir in der derzeitigen Krise als Gesellschaft das Gefühl für den sinnvollen staatsbürgerlichen Umgang mit unseren Grundrechten erschreckend verloren haben:

Vom Niedergang grundrechtlicher Denkkategorien in der Corona-Pandemie

Von unbewussten Dienern der falschen Herren

Die Logorrhö des weltweiten Bloggertums selbsternannter hochgeschwinder Corona-Zeitzeugen erreicht, wie zu erwarten war, derzeit Rekordstände – ein wesentlicher Grund, weshalb ich selbst momentan eher Blog-Unlust verspüre und mich lieber mit Grundsätzlichem befasse, das wohl eher einmal zu Büchern gerinnen wird, als sich in kurzlebige Medienbeiträge zu ergießen und darin zu versickern.

Ja, auch ich muss mir derzeit allerorten von Paketklebeband auf dem Fußboden vorschreiben lassen, wo ich zu stehen habe, auch ich muss derzeit Diskussionen über selbstgehäkelte Gesichtsmasken führen, auch ich habe derzeit ein lebhaftes fünfjähriges Einzelkind zuhause zu entschärfen, auch meine engste Familie hat gerade ganz reale und konkrete gesundheitliche und wirtschaftliche Existenzsorgen. Und nein, all das ist kein Grund, sich zu fühlen und zu gebärden, als wäre man gerade in den Nabel der Welt gefallen.

Solche unangemessene Agitiertheit und Exaltiertheit vieler leistet übertriebenen und bisweilen auch von falschen und inakzeptablen Motiven bestimmten Folgerungen aus dem Auftreten eines Virus tief-untergründigen Vorschub.

So lässt sich etwa der ungarische Staatschef gerade, sozusagen von Corona gekrönt, zu unumschränktem Regieren per Dekret ermächtigen – absurd und schrecklich. Aber auch im spezifisch katholischen Milieu als solchem ereignet sich derzeit anrüchige „Zweckentfremdung“ der Pandemie: Während „retrokatholische“ Kreise hier nun endlich wieder einmal die gute alte Geißel Gottes am Werk sehen, interpretieren radikal-progressive Kirchenreformrufer den Anlass zur Nationalquarantäne als eindeutiges Wasser auf die Mühlen ihrer Forderung, nun müsse sich endlich jeder Gläubige seine eigene Eucharistie am Küchentisch zelebrieren dürfen. All das ist, mit Verlaub, Missbrauch.

Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück schreibt auf „katholisch.de“ am 01.04.2020 treffend: „Aus der Umtriebigkeit der Corona-Blogs und Kommentare spricht bei aller Sorge um die Zukunft der Kirche vielleicht auch eine Unfähigkeit zu warten und die Unterbrechung der Normalität als Anstoß zur Nachdenklichkeit zu nehmen. Jedes spirituelle Bedürfnis soll sofort gestillt werden. Die konsumistischen Imperative des Warenkapitalismus sind aber nicht auf die Kirche übertragbar. Die Not ist eine Not – und sie sollte als solche auch ausgehalten und nicht kaschiert werden.“

Von der einen Seite her schiebt also die „Ungeduld mit Gott“ – von der anderen Seite her aber zieht gleichzeitig auch noch stark der selbstunkritische Ich-Bekräftigungsreflex der je individuellen Vorzugs-Ideen, der nur allzu blind macht für deren Relativität. Mit der gegenwärtigen Seuchenkrise nun als angeblicher Hyper-Bestätigung des je eigenen persönlichen Lieblings-Ceterum-Censeo herumzufuchteln ist, unumwunden gesagt, kategorisch etliche Nummer zu klein gegeistert und einfach nur ärgerlich, ja widerwärtig. Notorischen Verschwörungstheoretikern sei eine solche Aufführung nachgesehen, sie bleiben sich damit ja bloß treu. Hierunter mögen naturgemäß auch populistische Politiker fallen. Aber für – beispielsweise – Ökologen, Ökonomen oder Theologen schickt sich eine solche Haltung unter keinen Umständen und ist tabufürchtig zu meiden.

Das, wie ich es nennen möchte, „palinfaktische“ (zu deutsch etwa: „wieder-faktische“) Medien-Phänomen Professor Christian Drosten, bei dem Millionen Menschen gegenwärtig leidenschaftlich und täglich die an Vorlesung grenzenden staubtrockenen Ausführungen eines grundsoliden nüchternen Virologen absorbieren, was noch bis in jüngstvergangene Tage jede angeblich seriöse Medienredaktion weltweit garantiert schon im bloßen Ideenstadium als unverkäuflich verworfen hätte, spricht eine deutliche Sprache der Kulturwende. Gut so. Denn das ist das beste Mittel der Menschheit gegen die unhygienische geistige Ansteckungsgefährlichkeit von Orbán & Co.

Corona

Natürlich ist ein Kommentar zur Coronavirus-Krise auch an dieser Stelle unumgänglich. Es wird über dieses Thema derzeit soviel geredet und debattiert, dass ich mir in dieser Sache höchste Knappheit des Wortes auferlege. Ich möchte hier einstweilen nichts weiter tun, als vier Fragen zu formulieren, über die derzeit meines Erachtens viel zu wenig diskutiert wird:

1. Wenn Schutzisolation angestrebt wird, wer ist denn dann eigentlich zu isolieren? Zwei derzeit unbestreitbare Fakten lauten: Erstens, wir können die Risikogruppen für eine schweren Coronavirus-Krankheitsverlauf deutlich genauer orten als die Überträger des Virus; und zweitens, die Gefährdeten stellen eindeutig eine Minderheit der Gesamtgesellschaft dar (ohne mich hier in Prozentzahlen zu ergehen, denn ich möchte mich keinesfalls als der zehnmillionenundeinste selbsternannte unfassbar erfahrene Pandemie-Fachblogger in diesem Land profilieren). Nach Jeremy Benthams „Greatest-Happiness“-Prinzip („größtes Glück der größten Zahl“) – das gewiss unbehagliche Aspekte haben mag, aber trotzdem von unverwüstlicher Zählebigkeit ist – ist ganz klar gefordert, auf die spezifische, gezielte Schutzisolation der Gefährdeten zu fokussieren, anstatt das gesamte öffentliche Leben einzustellen und die unabsehbaren Nebenfolgen einer solchen exzessiven Entscheidung in Kauf zu nehmen. Gerade aus Fürsorglichkeit einstweilen den physischen Kontakt zu reduzieren ist aber genau das, was alle, die konkret Sorge um ihre hochalterigen Eltern oder Großeltern haben, jetzt ohnehin schon tun.

2. Wir erleiden derzeit bereits einen enormen volkswirtschaftlichen und globalwirtschaftlichen Schaden – und zwar bisher noch in keiner Weise tatsächlich wegen des Virus selbst, sondern allein aufgrund unserer exzessiven Präventivmaßnahmen im Hinblick auf eine Corona-Pandemie. Dass solche maximale prophylaktische Reaktivität eine verantwortungsvolle politische Entscheidung darstellt, ist keineswegs ausgemacht. Denn Krankenhäuser kosten Geld – Intensivstationen ganz besonders -, und dieses Geld muss auch irgendwo herkommen, andernfalls gibt es keine Krankenhäuser und Intensivstationen. Das scheinen viele derzeit in merkwürdiger Weise zu vergessen. (Übrigens: Pflegekräfte müssen besser bezahlt werden.)

3. Derzeit werden alle Kinder in diesem Land in gravierender Weise auf behördliche Anweisung sozial isoliert. Sie haben keine Kontakte mehr außerhalb ihrer engsten Familie. Je nach Familiensituation wird dies nach einer mehr oder weniger langen Zeit für jedermann unerträglich. Wir können davon ausgehen, dass sich in etwa drei Wochen die ersten nennenswerten Zahlen merklich traumatisierter Kinder infolge der Corona-Isolation zu zeigen beginnen. Diese drei Wochen sind auch in den harmonischsten Familien etwas ganz anderes als ein Urlaub mit den Eltern. Es sind drei Wochen „Lager-Koller“. Die kindliche Vernunft kann noch nicht aufnehmen, was wir Erwachsenen ihnen erklären; die Kinder leiden einfach. Lassen wir sie wenigstens für den richtigen Zweck leiden? Die Kinder selbst jedenfalls tragen nach derzeitigem Kenntnisstand überhaupt kein gesundheitliches Risiko durch das Coronavirus. (Nur am Rande bemerkt: Auch die garantiert gerade signifikant steigenden Fallzahlen an Suiziden, an fatalen Alkoholerkrankungen, an Herzinfarkten und Schlaganfällen, die in bewegungsarmer häuslicher Umgebung unter psychischer Anspannung und Unglücklichkeit erlitten werden, sowie an tödlichen häuslichen Unfällen, die stets einen großen Teil aller tödlichen Unfälle ausmachen, muss man ehrlicherweise eigentlich in eine Kosten-Nutzen-Abwägung der Anti-Coronavirus-Isolationsmaßnahmen mit einbeziehen. Aber auf diesen Nebengedanken möchte ich mich hier nicht kaprizieren.)

4. Nach den drei Wochen, von denen jetzt immer die Rede ist, wird sich die Lage definitiv in keiner Weise gebessert haben, denn die Langfristigkeit des Problems gehört ja gerade zur Definition des Begriffs „Pandemie“. Eine Pandemie haben wir jetzt laut WHO. Länger als drei Wochen lassen sich derart einschneidende allgemeine Maßnahmen, wie sie jetzt gerade praktiziert werden, sowieso unter keinen Umständen durchhalten. Was also passiert danach? Das ist eine der allerwichtigsten Fragen, die jetzt intensiv öffentlich diskutiert werden müssen.

Wir stehen als Gesellschaft aktuell in spektakulärer Weise vor folgendem fundamentalen philosophischen und weltanschaulichen Problem: Die reine Logik lässt in der Tat keinen anderen Schluss zu, als dass die einzige konsequente Maßnahme gegen die Pandemie in einer radikalen sozialen Isolation jedes Einzelnen besteht. Deshalb legen gerade viele die amtlichen Verbots- und Quarantäne-Regelungen selbständig noch exzessiver aus, als diese es bislang in ihrem Wortlaut tatsächlich sind. Oberflächlich gesehen liegt darin gar nicht mal ein Irrtum, denn diese Leute haben die zwingende Logik hinter den Maßnahmen durchaus richtig erkannt. Was wir aber gerade erleben, ist ein besonders plastisches und drastisches Beispiel dafür, dass das menschliche Leben der rein menschlichen Logik einfach nicht folgt. Der Preis unserer Logik wäre in letzter Konsequenz die Aufgabe unseres Lebens. Die Logik an sich ist nicht falsch – aber sie nützt nichts. Das ist genau der Punkt, an dem „spirituelle“ Antworten erforderlich werden – weil die „logischen“ schlicht an der Praxis scheitern.

Nach Jahrzehnten des Spiritualitätsverlustes in unserer Gesellschaft – denn den größten Teil der Esoterikwelle der letzten fünfzig Jahre kann man nicht unter ernsthafte Spiritualität rechnen – wird es daher nun offenkundig dringend Zeit für einen dynamischen gesellschaftlichen Neufang auf jenem im Vergleich zur wissenschaftlichen Logik ganz andersartigen Boden der Erkenntnis, den bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in unserer Kultur deren christliche Tradition bestellt hat.

Wie dieser Neuanfang genau auszusehen hat – das ist mein großes Thema in diesem ganzen vorliegenden Blog.

Kinderrechte in die Verfassung?

Aktuell möchte ein gesellschaftliches Bündnis „Kinderrechte“ ins deutsche Grundgesetz schreiben, und ein dagegenstehendes gesellschaftliches Bündnis möchte das verhindern. Darüber habe ich in den letzten Tagen intensive Diskussionen geführt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ich selbst habe mit klarer Entschlossenheit die Petition gegen die angestrebte Grundgesetzänderung unterschrieben.

Repräsentativ für die Befürworter dieser geplanten Verfassungsänderung ist der folgende Text auf der Internetseite von UNICEF: „Die UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK), die den Status eines Bundesgesetzes hat, sowie die EU-Grundrechtecharta formulieren das Kindeswohlprinzip und die Beteiligungsrechte klar und stark.“ Na also. Dann aber fährt der Text fort: „Daran sollte sich auch ein deutscher Verfassungstext orientieren.“ Warum? Die UNICEF-Resolution erklärt: „Insbesondere für das Kindeswohlprinzip, das im Artikel 3 der UN-KRK geregelt ist, und das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Beteiligung halten wir die vorliegenden Formulierungen für nicht weitreichend genug. Wir sprechen uns für eine Formulierung aus, die sowohl die Gesetzgebung und Rechtsprechung des Bundes und der Länder als auch die Verwaltungspraxis im Sinne der ‚besten Kinderinteressen‘ nachhaltig beeinflusst und damit die Lebenssituation der Kinder vor Ort konkret positiv verändert. Wir dringen darauf, das Kindeswohlprinzip und das Beteiligungsrecht von Kindern und Jugendlichen grundgesetzlich ausreichend im Sinne der UN-KRK abzusichern. Mit der Verankerung dieser beiden sich ergänzenden Prinzipien kann dem Anspruch einer ernsthaften Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention entsprochen und dem aktuellen Umsetzungs- und Anwendungsdefizit der Kinderrechtskonvention in Deutschland entgegengewirkt werden. (…)“ Für mich ist das eine völlig schwammige Begründung. Dann beeilt sich der Text zu sagen: „Starke Kinderrechte richten sich nicht gegen Eltern oder gegen andere Erwachsene. Sie helfen vielmehr, die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft zu sichern. Kinderfreundliche Kommunen, die den Bedürfnissen, Interessen und Rechten der nachwachsenden Generation gerecht werden, sind – so unsere Erfahrung – lebenswertere Kommunen für die gesamte Bevölkerung.“ Das ist doch Blabla – politische Argumentation: null; juristische Argumentation: null. Nichts als eindimensionaler Lobbyismus – sorry, überzeugt mich nicht im geringsten.

Die Befürchtung der Gegner einer „Pro-explizite-Kinderrechte“-Verfassungsänderung ist, dass durch diese Gesetzesänderung dem Staat letztlich die Möglichkeit gegeben werden soll, stärker institutionell in die Familien einzugreifen. Jeder muss selbst wissen, ob er das gut findet. Ich finde es alarmierend.

Aus dem „Demo-für-alle“-Lager wird in die Auseinandersetzung häufig der Hinweis auf den aktuellen norwegischen „Barnevernet“-Skandal eingebracht. „Barnevernet“ ist der offensichtlich aus dem Ruder gelaufene, exzessiv agierende behördliche Jugendschutz in Norwegen, der teilweise aus nichtigen und unbelegten Gründen Kinder ihren Eltern wegnimmt, ohne mit den Familien überhaupt Gespräche zu führen, wobei das System auch haltlosen Denunziationen Tür und Tor öffnet. Anfangs hielt ich das für eine Verschwörungstheorie, aber auch viele unbezweifelbar seriöse internationale Medien haben inzwischen bereits wiederholt kritisch über das Thema berichtet. Ich werde am Schluss noch eine aufschlussreiche Bemerkung über meine Interpretation des Phänomens „Barnevernet“ anfügen; einstweilen möchte ich aber nüchtern und pragmatisch auf die reale Situation in Deutschland fokussieren:

Sämtliche Kinderrechte sind durch das bisherige deutsche Grundgesetz längst ausreichend geschützt. Das betonen alle seriösen Juristen, die man in dieser Angelegenheit befragt. Wenn aber unsere kompetenten und glaubwürdigen Rechtsfachleute und Rechtspraktiker nahezu durch die Bank versichern, dass die von einigen angestrebte Gesetzesänderung für den tatsächlichen Schutz der Kinder praktisch-juristisch unnötig ist, dann muss man sich schon skeptisch fragen, wozu diese legislative Kampagne eigentlich wirklich dienen soll.

Änderungen der höchsten Gesetzesebene sind immer eine sehr heikle Sache, weil eine Argumentation mit dieser Ebene alle anderen Gesetze übertrumpft. Die konkrete Sorge vor einem zu starken Staat ist hier keineswegs unberechtigt oder übertrieben. Denn auch hierzulande gibt es mit einem vitalen politischen Willen bewehrte handfeste politische Interessen, denen starke Elternrechte im Weg stehen. Bestimmte umstrittene schulische Lehrinhalte, Freiwilligkeit des Kindergartens, freie Impfentscheidung und freie Therapiewahl sind Stichworte, die die Sorte aktueller politischer Themen umreißen, um die es dabei geht. Das norwegische Jugendamts-Problem bezeichnet also keineswegs den einzigen und wohl nicht einmal den entscheidenden heiklen Punkt, der sich an einem durch konstitutionell verankerte Kinderrechte gestärkten und „über-stärkten“ Staat auftun würde.

Wann immer der Staat sich in das gesellschaftliche Subsystem Familie einzumischen versucht, geht es dabei keineswegs wirklich immer nur in erster Linie um das Wohl der Kinder – „Kindeswohl“ klingt halt bloß immer gut als Begründung. Man muss da schon sehr genau aufpassen.

Ich bin einfach generell sensibel bei allem, was einem zu starken Staat den Weg ebnet. Dieses Problem sehe ich hier klar und konkret gegeben. Das ist eine extrem grundsätzliche Frage. Ich bin aus Erfahrung und aus geschichtlicher Bildung nicht staatsgläubig. Ich bin überzeugt, wann immer Lösungen angestrebt werden nach dem Motto „der Staat soll mal durchgreifen“, sind am langen Ende in 99 Prozent der Fälle die gesellschaftlichen Schäden bedeutend größer als der Nutzen.

Diese Anschauung setzt freilich die sehr fundamentale weltanschauliche Akzeptanz voraus, dass es gesellschaftliche Probleme gibt, die wir überhaupt nicht bzw. nicht sinnvoll grundsätzlich (sondern wenn überhaupt dann nur kasuistisch) politisch lösen können (wie z.B. die Existenz dysfunktionaler Familien). Weil diese Grundakzeptanz eine tiefe Anerkenntnis der generellen Begrenztheit menschlicher politischer Handlungsmöglichkeiten voraussetzt, kommt dieser Standpunkt ganz wesentlich aus der christlichen oder genauer gesagt katholischen Soziallehre (meine Basis). Dort wird der „Vorrang der Gesellschaft vor dem Staat“ vertreten. Das bedeutet: „im Zweifelsfall Vorrang der Familie vor dem Staat“.

Innerhalb der katholischen Soziallehre kann dabei der Begriff „Familie“ durchaus unterschiedlich ausgelegt werden. Viele christliche Gruppierungen, die sich dem Petitionsbündnis „Demo für alle“ gegen die Grundgesetzänderung angeschlossen haben, verstehen den Begriff „Familie“ sicherlich ausgeprägt konservativ-christlich. Aber er kann durchaus auch die postmoderne Patchwork-Familie meinen; so verstehen ihn fortschrittlich-liberale Katholiken wie ich – aber bei der Forderung nach einem letzten Primat der Familie über den Staat bleibt es für jeden noch so liberalen Katholiken.

Die SPD, die die Gesetzesänderung prominent unterstützt, steht hingegen typischerweise für das Umgekehrte, nämlich den „Vorrang des Staates“. Man muss allerdings auch sagen, dass diese alten Zuordnungen der Parteien derzeit durchlässiger werden. So rufen z.B. aktuell junge CDUler wie Amthor nach dem starken Staat, was keineswegs unproblematisch der Tradition der christdemokratischen Unionsparteien entspricht. Man muss bei der Zuordnung der Parteien in dieser Frage also inzwischen genauer hinschauen.

In Nordrhein-Westfalen wiederum forderte die AfD zur Unterstützung der Petition von „Demo für alle“ auf. Disqualifiziert sich dieses Bündnis damit als ungeeigneter Koalitionspartner für jemanden wie mich? Antwort: Manchmal kann sinnvolle – und vielleicht die einzig sinnvolle – Politik durchaus darin bestehen, „zusammen“ mit den falschen Leuten die richtigen Ziele zu verfolgen. Ich höre ja auch nicht auf, für den Umweltschutz zu sein, nur weil es immer mehr „Grün-Braune“ gibt. Auch jegliche Koalitionen hätten dann in letzter Konsequenz keine Berechtigungen mehr. In der konkreten Einzelpraxis muss man das alles natürlich sehr differenziert und mit viel Fingerspitzengefühl angehen. Sonst wäre Politik ja ziemlich simpel. Ist sie aber nicht. Auf einer Demo möchte ich neben niemandem von der AfD stehen.

Aber eine Petition ist etwas anderes als eine Demo. Zumal die fragliche E-Petition an den Bundestag keinen Haupt-Petenten auswies. Selbst wenn die ein AfDler gestartet hätte, wüsste das keiner. Hinsichtlich etwaiger zweifelhafter Initiatoren oder Schulterschluss-Partner eines gesellschaftspolitischen Vorstoßes, dem man sich anschließt, gilt in solchen Fällen dann für mich das gute, alte, robuste Prinzip: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!“ Also kann man sich hier getrost auf den Sachgehalt der Frage konzentrieren.

Wir leben derzeit leider in einer tief verunsicherten Gesellschaft. Eine wichtige Säule der Solidität darin ist unsere erfolgreiche Verfassung von 1949 – wichtiger denn je. An ihr irgendetwas zu verändern ohne absolut zwingenden Grund halte ich für gesellschaftspolitisches Hasardieren. Aus meiner Sicht wollen hier ein paar ego-gekränkte Politiker, die sonst nicht viel Spektakuläres bewirkt haben, weil die echten gesellschaftlichen Problemthemen eben nun einmal verdammt kompliziert sind, stattdessen mit viel Knalleffekt einen sachlich ziemlich sinnlosen persönlichen Fußabdruck im Grundgesetz hinterlassen – sorry, dass ich das mal so hart formuliere. Aber das ist ein No-Go, als Spielwiese für politische Egos ist unsere kostbare Verfassung echt nicht da.

Abschließend, wie versprochen, eine weiterführende Anmerkung zu meiner Sicht auf die Besonderheiten des norwegischen „Barnevernet-Problems“:

Die Trennung zwischen Kirche und Staat erfolgte in Norwegen eklatant später als im Rest Europas. Die Norwegische Kirche (Bokmål: Den norske kirke, Nynorsk: Den norske kyrkja) ist die evangelisch-lutherische Volkskirche in Norwegen. Nach einem längeren Reformprozess bildet sie erst seit dem 1. Januar 2017 ein vom norwegischen Staat unabhängiges Rechtssubjekt. 2008 einigte sich das norwegische Parlament auf ein Gesamtpaket zur Reform der Norwegischen Kirche. Das Verhältnis von Staat und Kirche wurde auf eine neue Grundlage gestellt. Die notwendige Verfassungsänderung erfolgte am 21. Mai 2012. Der König ist nicht länger Oberhaupt, er und seine evangelisch-lutherischen Minister bilden nicht länger den Staatskirchenrat (den kirkelige statsråd). Damit entfällt auch das bisherige Quorum, dass mindestens die Hälfte der Regierungsmitglieder der Kirche angehören musste. Statt wie bisher vom Staatskirchenrat ernannt werden die Bischöfe zukünftig in demokratisch legitimierten Wahlen bestimmt. Das Storting (das norwegische Parlament) tritt weiterhin als Gesetzgeber des Kirchengesetzes (kirkeloven) in Erscheinung, lediglich für die inneren Angelegenheiten der Kirche ist es nicht mehr zuständig. Die Norwegische Kirche bewahrt als mit Abstand größte Glaubensgemeinschaft des Landes den Status einer „Volkskirche“. Die Verfassung sichert ihr weiterhin die besondere Unterstützung des Staates zu. Bischöfe, Pröpste und Pastoren blieben bis Ende 2016 dienstrechtlich Staatsbeamte. Die Kirche finanziert sich weiterhin durch staatliche Zuweisungen, nicht etwa durch Mitgliedsbeiträge. (siehe Wikipedia) Diese Informationen sind in folgendem Licht zu betrachten: Die katholische Soziallehre fordert klar den Vorrang der Familie vor dem Staat – Martin Luthers reformatorische politische Theologie hingegen erhob in voller Absicht den jeweiligen Territorialfürsten zum Kirchenoberhaupt, was die vehemente Differenz zwischen Katholiken und Lutheranern in diesem Punkt bereits deutlich macht. Ich persönlich bin fest überzeugt, dass dieser spezifisch „staats-lutherische“ kulturelle Aspekt (der für die meisten heutigen deutschen Protestanten eine veraltete Form der evangelischen Theologie darstellt) hinter der norwegischen „Barnevernet“-Ideologie eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Fazit: Unabhängig von allen praktischen Problemen mit der Funktionalität der Jugendämter, die wir auch in Deutschland haben mögen – was die deutsche Gesellschaft in erster Linie braucht, ist der fortgesetzte und erneuerte kulturelle und politische Mut, Eltern die enorme individuelle Verantwortung zuzumuten und zuzutrauen, die sie für das Wohl ihrer Familien zu übernehmen haben. Keine andere weltanschauliche Grundentscheidung ist mit einer echt christlichen Sicht auf die menschliche Gesellschaft vereinbar. Natürlich gibt es auch Familienstrukturen, die dramatisch versagen und daher subsidiäre Interventionen nötig machen. Aber was in Anbetracht dessen zur Unterstützung unserer Jugendämter wirklich erforderlich ist, ist keine pathetisch-poetische Blumigkeitssteigerung von bewährten Verfassungstexten, sondern die simple Bereitschaft der Regierung, eine entsprechende Ausstattung der Jugendschutzbehörden zu budgetieren.

Jetzt mal ernsthaft – und sehr wichtig:

Liebe Leserin, Lieber Leser!

An dieser Stelle mal ein Wort in eigener Sache von Ihren/Eurem Blog-Autor: Da mir anderweitige Möglichkeiten, mittels legaler Einkünfte meinen materiellen Lebensunterhalt zu bestreiten, aufgrund von allgemeiner Inkompetenz leider nicht zu Gebot stehen, und ich infolgedessen darauf angewiesen bin, das öffentliche Verbreiten meiner unmaßgeblichen Meinungen zu meinem Beruf zu machen, richte ich heute folgende Bitte an Sie und Euch:

Von der Tätigkeit der Meinungsverbreitung zu leben ist kaum möglich, solange nicht eine kritische Masse von ca. 1 Million Menschen meine Meinungen regelmäßig konsumiert. „Konsumieren“ ist hierbei definiert als das Zurückpritschen beliebiger vegetativer Signale dafür, dass eine von mir verbreitete Meinung das Blut meiner Leserinnen und Leser auf irgendeine beliebige Art und Weise in Wallung versetzt hat. Auf diese postfaktische Beobachtung hin werden nämlich die hochintelligenten berufsmäßigen Vermarkter verschiedenster, unseren Planeten vermüllender, ansonsten jedoch völlig bedeutungsloser spätkapitalistischer Industrieerzeugnisse unfehlbar und umgehend mit dem spontanen Angebot an mich reagieren, auf meiner Website wohldotierte Werbeanzeigen für ihren nutzlosen Kram zu schalten; wovon ich wiederum gut werde leben können – was den erschöpfenden Sinn meiner vorliegenden Ausführungen darstellt.

Ich bitte Sie und Euch daher, im Internet irgendwo und irgendwie massenhaft höchste Begeisterung für meine bloggerischen Meinungsäußerungen zum Ausdruck zu bringen. Sie/Euch kostet diese kleine Gefälligkeit nichts – aber ich werde infolge des dargestellten marktwirtschaftlichen Zusammenhangs dann finanziell endlich mal richtig auf den Putz hauen können. Dafür wird es langsam höchste Zeit, denn ich bin schon Mitte vierzig.

Um die erforderlichen unverkennbaren Anzeichen für hingebungsvollst-followerliche Verehrung meiner erhabenen Meinungen im Internet zu hinterlassen, bitte ich darum, meine Person bei jeder Erwähnung in allen betreffenden Kommentaren immer mit „Seine Allerhöchste Influenz“ zu titulieren. So werden die Marketing-Helden am schnellsten erkennen, wie wichtig ich bin, und mir prima Verträge anbieten.

Vielen Dank für Ihr/Euer Verständnis und Ihre/Eure Mitwirkungsbereitschaft an meinem steigenden Wohlstand!

Mit freundlichen Grüßen, Ihr/Euer Blog-Autor Joachim Elschner-Sedivy

Käpt’n Rackete

„Auf einer organisatorischen Basis, die überwiegend privat ist (lasst es uns mal so ausdrücken), mit einem Schiff aufs Mittelmeer nahe der libyschen Küste rauszufahren, dort auf schiffbrüchige Migranten zu warten, die von Schleppern absichtlich auf seeuntüchtige Boote gesetzt wurden, und die Geretteten dann in einen Hafen zu bringen, dessen zuständige Regierung, nämlich die italienische, genau dies rechtskräftig untersagt hat, und dies alles deshalb zu tun, weil man der Meinung ist, dass derjenige, der Lebensrettung sabotiert, von einer höheren Warte aus eh nichts zu melden hat“ – das ist die aktuelle moralische Problemlage: Darf man das?

Wie kriegt man eine Antwort hierauf so kurz wie möglich?

Die Philosophie streitet über zwei Grundansätze der Ethik. Sie streitet seit Jahrtausenden. Wir dürfen also getrost davon ausgehen, dass es unmöglich ist, jemals zu entscheiden, dass der eine Ansatz dem anderen eindeutig vorzuziehen sei. Der eine Grundansatz, ich schließe mich der simplen Benennung „A-Ethik“ an, stellt die einzelne menschliche Person in den Mittelpunkt der Betrachtung. Weil einzelne Menschen aber im großen Endeffekt nur vergleichsweise wenig beeinflussen und kontrollieren können, geht es bei diesem ersten Grundansatz zentral um Begriffe wie etwa „Gesinnung“, „Gewissen“, „Pflicht“ und „Tugend“. Der andere Grundansatz, die „B-Ethik“, rückt „das große Ganze“ in den Mittelpunkt. Weil „das große Ganze“ aber ein klassischer Kandidat für „Verantwortungsdiffusion“ ist, geht es bei diesem zweiten Grundansatz zentral um den Versuch, irgendwie vernünftig zu bestimmen, wie denn eigentlich das „insgesamt relativ beste Endergebnis“ oder die „relativ befriedigendste pragmatische Lösung“ definiert werden sollte.

Beide Grundansätze haben allerdings auch richtig hässliche Schwachstellen. Die richtig hässliche Schwachstelle der A-Ethik ist, dass sie dem menschlichen Ego besonders gut gefällt und daher eine prägnante Anziehungskraft auf Egozentriker und Narzissten ausübt. „Pure“ A-Ethik trägt auf diese Weise erheblich zu einer fatalen moralischen Überbewertung (im Falle von Narzissten) oder moralischen Überbeanspruchung (im Falle von Nicht-Narzissten) des menschlichen Ichs bei. Die richtig hässliche Schwachstelle der B-Ethik hingegen ist, dass sich hinter den überbreiten Wattepolsterschultern des rhetorischen Wichtigtuer-Jacketts, das sich dem schmächtigen Skelett an wirklich soliden Erkenntnissen darin perfekt anpassen lässt, jeder x-beliebige Gewissensfaulpelz überaus behaglich pseudo-argumentativ in seiner amoralischen Selbstgefälligkeit einnisten kann. Für alle, die diesen Satz jetzt nicht verstanden haben, hier nochmal einfacher: „Pure“ B-Ethik nährt wegen ihrer vertrackten intellektuellen Komplexität nahezu beliebig auch die scheinheiligsten Argumentationen einer bloß vorgetäuschten Moralität. Letzteres ist es, was derzeit bevorzugt Rechtspopulisten mit der B-Ethik anstellen.

Spricht ihr Missbrauch durch Rechtspopulisten gegen die B-Ethik? Nicht stärker, als das Vorkommen von Gutheits-Narzissten gegen die A-Ethik spricht. Gutheits-Narzissten sind genauso verheerend wie Rechtspopulisten, da lohnt sich keine Diskussion darüber, welches der beiden kranken Phänomene mehr oder weniger schlimm ist als das andere.

Einzig denkbare überzeugende pragmatisch-moralische Lösung: Der Sinn des dualistischen Existierens von A-Ethik und B-Ethik ist, dass diese beiden einander ständig gegenseitig zu regulieren haben als ein Gespann von „Agonist und Antagonist“, wie man in der Biologie sagen würde. Die richtige Mischung macht’s. Und diese richtige Mischung muss wahrscheinlich fallweise immer wieder neu bestimmt, kalibriert und justiert werden. Wie ist angesichts dieser letzten Feststellung aber nun wieder ein Einreißen von scheinheiliger Beliebigkeit zu verhindern? Ganz einfach: Immer müssen beide ethischen Grundelemente innerhalb jeder einzelnen moralischen Angelegenheit deutlich erkennbar bleiben – diese simple und doch anspruchsvolle Regel vereitelt, dass sich hier Unmoral hinter Scheinmoral verstecken kann.

Nun tritt noch ein spezifisch Christliches hinzu: Jesus schreibt für seine Anhänger ganz klar fest, dass die A-Ethik immer einen gewissen Vorrang zu genießen hat vor der B-Ethik. Die Beweisführung aus dem Evangelium spare ich mir hier, liefere sie aber jederzeit gerne nach.

Manche Christen scheinen heute dem Irrtum verfallen zu sein, dies bedeute einen Ausschluss der B-Ethik durch Jesus. Diese Auffassung ist absurd. Solche Einseitigkeit könnte niemals funktionieren, und auch Jesus wusste das. Jesus schreibt lediglich fest, dass die B-Ethik für Christen immer nur die Rolle des Korrektivs einzunehmen hat, niemals die Rolle des tonangebenden Elements einer ethischen Argumentation. Als Christen sollen wir immer von der A-Ethik ausgehen und dann mittels der B-Ethik als Kontrollgerät aufmerksam checken, wo wir uns A-Ethik-geleitet vielleicht in ein Übermaß, eine Selbstüberschätzung, einen Fanatismus verrennen.

Wie sieht also nun die Sache mit Käpt’n Rackete aus dieser echt christlichen Perspektive betrachtet aus?

Erstens: Vorwurf, den libyschen Schlepperbanden „in die Hände zu spielen, weil in deren Opfern die verzweifelte Hoffnung zusätzlich genährt wird, dass ja sowieso ein Rettungsschiff da draußen knapp hinterm Horizont auf sie wartet“: Ziemlich komplexe und dabei auch noch vergleichsweise recht abstrakte Argumentation, zusammengesetzt aus vielen gründlich differenzierungs- und klärungsbedürftigen Einzelprämissen – so etwas akzeptiert die jesuanische Ethik nicht. Abgehakt, mit diesem Einwand brauchen sich die Seenotretter als Christen nicht herumzuschlagen.

Zweitens: Vorwurf, so etwas nicht machen zu dürfen, wenn nicht von vornherein ein verlässlicher Zielhafen für die zu Rettenden feststeht: Hierbei kommt es wesentlich auf die innerliche Einstellung der Handelnden an. Bei jeder gefährlichen Handlung, bei der das Risiko fürs eigene Überleben im Vorfeld einigermaßen vernünftig auf geringer als fünfzig Prozent veranschlagt werden durfte, kann ein am Ende eventuell doch eintretender fataler Ausgang aus christlicher Sicht potenziell auch als Martyrium eingestuft werden, sofern die bewusste geistige Haltung der Handelnden dieser Auffassung tatsächlich entsprochen hat. Nur Suizid ist im Christentum verboten, und Suizid ist hier zu definieren als eine von vornherein offensichtliche Lebensgefahr von mehr als fünfzig Prozent. Der letztere Fall liegt bei den mutigen Seenotrettern im Mittelmeer nicht vor.

Bleibt als dritte und letzte kritische Frage nur die, was mit dem Versuch ist, mit dem eigenen einzelmenschlichen (oder kleingrüpplichen) Handeln bestimmte politische Konsequenzen zu erzwingen. Denn darum geht es ja offensichtlich, wenn staatliche Vorgaben hinsichtlich des Anlaufen eines Hafens ostentativ ignoriert werden. Auch das kann unter bestimmten Umständen aus christlicher Sicht gerechtfertigt sein. Jesus hat uns nicht gelehrt, dass staatliche Strukturen als solche immer recht haben. Ob entsprechende außerordentliche politische Umstände in diesem Fall tatsächlich vorliegen, ist allerdings eine überaus diskussionswürdige Frage. Als absoluter Normalfall sollte die derzeitige rechtspopulistische italienische Regierung immerhin hoffentlich nicht zu bezeichnen sein. Aber wenn eine etwaige behauptete Christlichkeit der Gesinnung hinter einer „Piraterie der Humanität“ wirklich echt ist, dann gehört zu ihr auch die Bereitschaft, in aller Konsequenz für das eigene Handeln und dessen beabsichtigte moralpolitische Signalwirkung in ein italienisches Gefängnis zu gehen – notfalls auch für zwanzig Jahre -, und letztlich nicht allzu sehr auf die strafverkürzende Schützenhilfe einer internationalen volkszornigen Basisbewegung zu spekulieren. Da wären wir wieder beim Stichwort Martyrium.

Im Sinne einer echt christlichen Korrektur der A-Ehtik durch die B-Ethik wäre es freilich moralisch ebenso völlig legitim gewesen, den Moment, in dem eine formell einigermaßen ordnungsgemäß vom Volk gewählte Regierung die ihr unterstehenden Häfen verschließt, welches die Häfen sind, die man für die eigene Mission benötigt, als den Moment zu erkennen, in dem die B-Ethik ihre Korrekturfunktion tatsächlich fühlbar geltend macht, und daher eine Seenotrettungsmission im Mittelmeer einstweilen einzustellen. Wie jeder andere Mensch, so muss auch jeder Christ selbst und letztlich allein entscheiden, ab welcher Windstärke er dem Sturm den Rücken kehrt.

Letztenendes befürworte ich für Christen das Konzept „Berufungsethik (Ethics of Calling)“, die als „C-Ethik“ ein zusätzliches Korrektiv neben der B-Ethik bilden sollte. Derjenige, der nicht schon als Kind sich dafür zu interessieren begann, Boote zu rudern und zu segeln, wird später auch mit erheblich geringerer Wahrscheinlichkeit Kapitän eines Rettungsschiffs im Mittelmeer werden. Unsere individuellen Lebenswege führen uns schlüssig an individuelle Erfüllungsziele. Wir sollten uns von ihnen bewusst und reflektiert führen lassen. Das geht so weit, dass man sagen kann: Was für den Einen bloßer Suizid wäre, kann beim Anderen ein echtes Martyrium darstellen. Diese Erkenntnis sollte uns generell zurückhaltender machen im Herausposaunen moralischer Urteile.

Ich mag kein zusammenfassendes Urteil aussprechen, aber ich hoffe ich konnte aufzeigen, worin die Kriterien für unser christliches Urteil über diese Vorgänge zu bestehen haben – und diese Kriterien sind meines Erachtens durchaus eindeutig genug.

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Fleischhauers Double Bind

Jan Fleischhauer schreibt gestern in seiner Kolumne auf „SPIEGEL Online“: Menschen mit Migrationshintergrund, die uns in Abrede stellen, auf ihr unmittelbar fremdländisches Aussehen mit einer Frage nach ihrer Herkunft reagieren zu dürfen, machten uns damit „wahnsinnig“ und trügen so selbst zur wachsenden Ablehnung von „Ausländern“ bei. Wie meistens bei Fleischhauer ist der unmittelbaren These an sich zuzustimmen – und die eigentliche kritische Nachfrage muss lauten, welche subtileren Folgerungen daraus er damit lancieren möchte? Er verweist für seine These auf Gregory Bateson. Ich glaube, das verrät eine Menge, denn Fleischhauer selbst ist meiner Meinung nach ein Meister der politisch gezielt eingesetzten „Double-Bind“-Kommunikation.

Missbrauch – nach B16 hätt ich dann aber auch noch meinen Senf dazuzugeben

Die laute breit-öffentliche Empörung über den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche konzentriert sich immer mehr auf den Aspekt, dass viele Bischöfe ihre Täter-Priester geschützt haben und weiter schützen, und dass die römische Amtskirche inzwischen zwar den massenhaften Missbrauch bekennt, aber weiterhin nicht dessen nahezu systematische obrigkeitliche Vertuschung.

Die Debatte darüber wird aber nicht tiefgreifend genug geführt – nicht nur im jüngsten umstrittenen Beitrag von Ex-Papst Benedikt XVI. nicht.

Wo Menschen sich in einem hohen Grad in Institutionen organisieren, genießen sie die Vorteile und nehmen die Nachteile in Kauf; und wo Menschen entweder noch nicht an dem Punkt angekommen sind oder aber kritisch darauf verzichten, sich stark in Institutionen zu organisieren, genießen sie ebenfalls gewisse Vorteile daraus und nehmen andererseits gewisse Nachteile dafür in Kauf.

Es liegt im Wesen von Institutionen, dass sie Obrigkeitsstrukturen bilden, zu deren Grundaufgaben es gehört, alle Mitglieder der Institution in deren Auftreten und Tätigsein als solche zu schützen. Also schützt ein Bischof seine Priester und geht auch nicht zu Unrecht zunächst davon aus, dass ein der Sache nach grundsätzlich schwer beweisbarer Vorwurf wie sexueller Missbrauch womöglich dazu dienen könnte, den Beschuldigten und mit ihm die Institution zu diskreditieren. Es lässt sich kaum theoretisch verallgemeinernd festlegen, anhand welcher Kriterien ein Bischof an welchem Punkt anfangen sollte, den Schutz eines beschuldigten Priesters zurückzunehmen und stattdessen verstärkt dessen Disziplinierung in die Wege zu leiten.

Vermutlich werden tatsächliche und böswillig unterstellte Fälle sich immer korrespondierend häufen: Je mehr Vorfälle tatsächlich passieren, desto eher werden weitere fälschlich unterstellt; und je mehr Vorfälle zu Unrecht unterstellt werden, desto eher werden sich tatsächliche entsprechende Täter hinter der letzteren Argumentation verstecken. Es wäre lächerlich zu behaupten, dass grundsätzlich niemand dem Ruf einer weltanschaulichen Organisation Böses will; aber es ist genauso lächerlich, ignorieren zu wollen, dass die durch die faktische Erfahrung erheblicher Verleumdungsattacken verursachte Neigung zu starken institutionellen Schutzreflexen sehr wahrscheinlich wirklich ein Brutmilieu für Täternetzwerke begünstigt.

Der Verdacht, der katholisch-priesterliche Pflichtzölibat könnte in besonderer Weise psychosexuell unreife männliche Persönlichkeiten anziehen und im Sinne einer fortgesetzten entsprechenden „verordneten“ Entwicklungsstagnation auch „hervorbringen“, scheint mir zwar nicht von der Hand zu weisen, andererseits aber in diesem Zusammenhang auch nicht von vorrangiger Relevanz zu sein; denn Missbrauchsphänomene häufen sich nachweislich in allen in irgendeiner Weise und aus irgendeinem Grund besonders gegen die Gesamtgesellschaft hin abgeschlossenen sozialen Systemen – nicht nur in Kirchen, sondern beispielsweise auch in Internatsschulen, in Gefängnissen oder im Militär. Es ist unzulässig, die letztere Anmerkung eo ipso schon als „Abwiegelung“ oder gar „Problemleugnung“ abzutun – im Gegenteil, es ist sehr wichtig, das Problem in seinem weitesten Kontext zu betrachten, um es wirklich angemessen ernst zu nehmen und profund genug darauf zu reagieren.

Das diesbezügliche eigentliche Kernproblem ist also immer eine starke strukturelle soziale Separation bestimmter organisierter, institutionalisierter Gruppierungen. Die bestmögliche Antwort auf dieses Problem lautet, die Vorzüge der Vernetzung anzustreben, ohne dabei in die Schattenseiten des Institutionalismus zu verfallen. Das kann freilich immer nur ein lebendiger Balanceakt sein.

Zunächst einmal ist der Respekt vor dieser allgemein menschlichen Grundsituation wichtig. Die römisch-katholische Kirche ist schon seit langem schicksalhaft in traditions-archivalischem Institutionalismus erstarrt, und nicht jeder heutige Bischof dieser Kirche, dessen Amtshandeln sich nicht aus den Eigengesetzmäßigkeiten der überkommenen Bedingungen seiner Institution hinreichend zu befreien vermag, ist deshalb ein in letztem, bösem Sinne mutwilliger Missbrauchsvertuscher. Nur diese „barmherzige“ Perspektive birgt echtes Lösungspotenzial für das riesige aktuelle Problem, vor dem eigentlich alle Kirchen stehen, nicht nur die römisch-katholische Kirche allein.

Weltlehrerpreis 2019 – bloß nichts Religiöses

Der Kenianer Peter Tabichi erhält den Weltlehrerpreis 2019 – und „SPIEGEL Online“ berichtet darüber, ohne zu erwähnen, dass der Prämierte Franziskaner ist, obwohl sogar das Foto zu dem Artikel ihn im entsprechenden Habit zeigt. „Huch, das haben wir ja ganz vergessen zu erwähnen“? Eine solche Haltung wäre der Gipfel der Lächerlichkeit. Nein, ein solches „beredtes Schweigen“ spricht Bände über die journalistische Kultur in einem deutschen Leitmedium und über den derzeitigen Umgang mit allem Katholischen. Es ist so bequem, die katholische Kirche auf die Missbrauchsdebatte zu reduzieren. Alles, was da nicht ins Bild passt, wird unterschlagen. „Aber, ehrlich gesagt, wir fürchten doch nur die brutalen Leserkommentare“? Nun, ein echter Franziskus-Mann fürchtet sie bestimmt nicht.

Impf-Petition

Auf der Plattform „Change.org“ habe ich folgende Petition gestartet:

„Impfbefürworter in der Politik, überzeugen Sie mich durch Ihr politisches Verhalten!

Ich bin kein Impfgegner. Aber ich kann gut verstehen, dass die vielen Impfgegner in Deutschland sich an zwei Sachverhalten festbeißen, die zu ändern in Ihrer Macht steht, Herr Spahn. Erstens: Sie sorgen dafür, dass in Deutschland von offizieller Seite energisch für das Impfen geworben wird. Aber Sie dulden, dass die angeblich unabhängige ‚Ständige Impfkommission (STIKO)‘ des Robert-Koch-Instituts, die über die öffentliche Empfehlung von Impfungen entscheidet, bekanntermaßen so gut wie ausschließlich mit Personen besetzt ist, die in engen geschäftlichen Verhältnissen mit der pharmazeutischen Industrie stehen. Wie wollen Sie so von der Unabhängigkeit der Impfempfehlungen der STIKO überzeugen? Und zweitens: Sie dulden, dass viele Impfstoffe in Deutschland überhaupt nur als Kombinationspräparate erhältlich sind. Dies dient allein geschäftlichen Interessen – nicht der Gesundheit der Bevölkerung. Die freie Bürgerin / der freie Bürger kann so nicht selbst darüber entscheiden, welche Impfungen er/sie wirklich haben möchte und welche nicht. Wie wollen Sie auf diese Weise davon überzeugen, dass Impfpolitik in Deutschland Lobby-unabhängig ist und allein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt? Es liegt in Ihrer Hand, dies sofort zu ändern, Herr Spahn: Tun Sie es! Verpflichten Sie alle Mitglieder der STIKO, ihre Verbindungen zur Pharmaindustrie offenzulegen, und verpflichten Sie die Pharmaindustrie, jeden Impfstoff auch als Einzelpräparat anzubieten! Dann haben Sie das Beste getan, was Sie derzeit tun können, um Impfgegner zu überzeugen.“

Diese Petition ist wichtig, weil in Deutschland derzeit eine aggressive und undifferenzierte Propaganda-Kampagne gegen Impfkritiker mächtig ins Rollen kommt, angeschoben von Behörden und politischen Entscheidern – hinter diesen jedoch von der Pharmaindustrie, für die Impfen ein Riesen-Geschäft ist: ein Geschäft mit der Angst (das sind leider viel zu oft die besten Geschäfte) – und leider ein politisch unkontrolliertes.

ACHTUNG: Ich selbst bin KEIN Impfgegner, sondern prinzipiell Impfbefürworter. Viele der verfügbaren Impfungen sind offenkundig wertvoll und von überzeugender positiver Wirkung. ABER: Wenn man das Thema „Impfen“ einmal wirklich nüchtern betrachtet, ist es wissenschaftlich offensichtlich äußerst komplex. In diesem Sinne sehe ich, dass vielen der klugen, differenzierten Impfkritiker in meiner engsten Umgebung derzeit arg Unrecht getan wird – und diese „Hetze“ nimmt zu.

Wirklich nüchtern betrachtet muss man eindeutig feststellen: Aus beiden Lagern im Streit ums Impfen werden uns leider in Form plumper Thesen viel zu viele anmaßende Wissensbehauptungen propagandistisch aufgetischt, die letztlich bloße Wissenseinbildungen sind. Was also lässt sich wirklich Sinnvolles zu diesem Thema beitragen?

Wenn die Regierung jetzt so sehr Druck macht „pro Impfen“, dann muss sie ihr Interesse daran zugleich auch auf eine persönlich überzeugende und moralisch saubere Weise darstellen. Denn die Behauptung, die Wissenschaft stehe pauschal hinter dem Impfen, ist einfach gelogen – sie steht lediglich ÜBERWIEGEND hinter dem Impfen. Das ist ein Unterschied. Intelligente Kritik an öffentlichen Impfempfehlungen muss daher nicht nur erlaubt und salonfähig sein, sondern sie ist weiterhin dringend nötig, um seriöse Forschung voranzutreiben.

Die beiden Punkte, auf die ich mich in meiner Petition konzentriere, sind für die Impffrage deshalb so entscheidend, weil sie sich nicht in die wissenschaftliche Debatte einmischen (was mir persönlich mangels Expertise auch gar nicht zustünde), sondern vielmehr mit jedermanns bloßem gesundem Menschenverstand bereits hinreichend beurteilbar sind: Nämlich, hier lässt unsere Regierung tief blicken, wie ungeheuerlich sie an den Marionettenfäden der Pharma-Lobby hängt.

Eine authentische Unabhängigkeit der angeblich unabhängigen Expertenkommission für Impfempfehlungen (der STIKO des Robert-Koch-Instituts) zu gewährleisten sowie jeder Bürgerin und jedem Bürger auf Wunsch vollständigen Zugang zu Einzel-Impfstoffen zu garantieren ist eine Forderung, die keinerlei wissenschaftlich-theoretische Probleme oder Zweifel nach sich zieht. Das einzige praktische Problem unserer amtierenden Regierung mit dieser Forderung ist, dass diese Maßnahmen ihren industriellen „Gönnern und Paten“ nicht gefallen, gegen die sie sich nicht durchsetzen kann – und von denen wir alle deshalb in Wirklichkeit „einseitig“ regiert werden.

Meine intelligent-impfkritischen Freunde und Angehörigen bekommen diese politische Abhängigkeit unserer pseudo-regierenden Amts- und Mandatsträger mehr und mehr in inakzeptabler Weise zu spüren in Form von primitiven Verbalattacken gegen sie wegen ihrer Geistesfreiheit – sogar seitens etablierter Medien. Ein Teil des Wutbürgertums übernimmt die Parolen einer Regierung, die ihrerseits mit diesen holzschnittartigen Parolen beginnt, das gesellschaftliche Phänomen des Wutbürgertums strukturell zu umschmeicheln. Und ein sich verantwortungslos bereichernder Industriezweig lacht sich ins Fäustchen. (Diese Situationsbeschreibung wiederum ist übrigens kein „Holzschnitt“, sondern das kann heute jeder sehen, der bloß die Augen aufmacht.) Dieser gefährlichen Entwicklung müssen wir dringend Einhalt gebieten.

Unterschreiben Sie deshalb bitte meine Petition, die sicherstellen soll, dass der Einfluss der Pharmaindustrie auf die Politik durch den Einfluss echter, seriöser Wissenschaft angemessen in Schach gehalten wird – und das gesellschaftliche Diskussionsklima in unserem Land sich dank mehr Sachlichkeit wieder verbessert.

Wer hat Angst vor der juristischen Über-Person?

Mariana Mazzucato („The Entrepreneurial State: debunking public vs. private sector myths“, London 2013) schreibt, der Staat besitze große Produktivkraft, und der medienpräsente niederländische Historiker Rutger Bregman (*1988) weist jetzt nachdrücklich darauf hin, dass es die Privatwirtschaft sei, in der die weitaus meisten „Bullshit-Jobs“ entstünden, nämlich im Marketing, in den Finanzdienstleistungen und sogar in der kommerzialisierten Technologie. Viele Finanzdienstleistungen wurden übrigens bis in die 70er-Jahre hinein beim Bruttosozialprodukt noch nicht einmal mitgemessen. Lasst uns jetzt den Mut haben, wirklich sinnvolle Dinge zu tun im Zusammenspiel zwischen dem Staat und dem freien Einzelnen – und die hybriden Strukturen der „Industrien“, die einen erstickenden Keil in dieses gesunde ursprüngliche Verhältnis getrieben haben, endlich wieder abbauen.

„Lebe besser, hilf oft, staune mehr“ – und dann?

„Lebe besser, hilf oft, staune mehr“, verkünden die „Geistesfreien“ – das wissen also auch die lebensklugen Areligiösen oder Anti-Religiösen; darin kann also weder das eigentliche Wesen von Religion noch das eigentliche Wesen von Spiritualität bestehen.

Neue Christliche Werte NCW+

Ich habe meinen Blog in „Neue Christliche Werte NCW+“ umbenannt, weil das besser ausdrückt, worum es mir aktuell und in Zukunft geht.

Der Name ist problematisch, aber das macht nichts, im Gegenteil, seine Ecken, an denen man sich stoßen kann, sind sogar gut.

Ich teile die Auffassung, dass „Werte“ ein Begriff aus der Welt der Ökonomie ist, der in Theologie und Spiritualität im engeren Sinne eher wenig verloren hat. Und trotzdem heißt mein Blog jetzt so.

Ich teile auch die Auffassung, dass es „neue“ christliche Werte in engerem Sinne gar nicht geben kann. Und trotzdem heißt mein Blog jetzt so. Denn man kann darunter auch die „Erneuerung“ einer christlichen Ausrichtung der Gesellschaft verstehen, und das ist es, worum es mir geht. In meiner Vorstellung ist diese Erneuerung aber keine „Restauration“; man kann nicht einfach „zu etwas Altbewährtem zurückkehren.“ Sonst wäre mein Blog ja nur ein weiterer von den vielen (ultra-)konservativen, fundamentalistischen oder traditionalistischen christlichen Blogs, die es schon gibt. Das Alte, das wirklich erneuert wird, bleibt nicht das Alte, es wird in gewissem Sinne etwas ganz Neues, das an etwas Altes erinnert. Anders geht es nicht. Deshalb ist der neue Titel meines Blogs trotz allem genau richtig.

Die „christlichen Werte“ können so alt sein, wie sie wollen – wir müssen jetzt trotzdem etwas ganz Neues daraus machen.

Die römische-katholische Kirche wird ihre derzeitige Vertrauenskrise, die der massenhafte sexuelle Missbrauch Jugendlicher durch Priester und Ordensleute sowie vor allem auch die regelmäßige systematische Vertuschung all dieser Missbrauchsfälle durch die zuständigen Bischöfe ausgelöst hat, definitiv nicht in der Form überleben, in der sie denjenigen von uns noch vielfach bekannt war, die sich an die 80er-Jahre erinnern.

In vielen der über 900 Beiträge zu meinem bisher „Offenkatholisch (Offkath)“ betitelten Blog, die ich heute auf „Unpublish“ gesetzt habe, habe ich mich mit Angelegenheiten der römisch-katholischen Kirche beschäftigt. (Freilich, in den letzten vier Jahren hatte ich an diesem Blog bereits nur noch sehr wenig weitergeschrieben.) Die römisch-katholische Kirche ist jetzt endgültig nicht mehr mein Thema. Sondern mein Thema ist ab jetzt das gesellschaftliche Überleben des Christentums ohne die kirchlichen Institutionen, die wir bisher kannten. Für diese Kehrtwende scheint es mir jetzt Zeit zu sein.

Manche Kirchenkritiker und Kirchenreformer steigern sich in die Erregung hinein, die Äußerungen von Gerhard Ludwig Kardinal Müller würden immer abstruser. Der Münchner Dogmatik-Professor Gerhard Ludwig Müller nahm einmal den sein Fach betreffenden Teil meines Lizentiatsexamens in katholischer Theologie ab, und ich kann zuversichtlich sagen, dass das Gebäude seiner Ansichten völlig schlüssig und durchdacht ist und ganz auf der Tradition der römisch-katholischen Kirche beruht. Jemanden an einem Punkt anzugreifen, an dem er nicht angreifbar ist, blamiert den Angreifer. Niemand, der qualifizierte Kirchenkritik üben möchte, sollte so tun, als wüsste GLKM nicht, was er sagt. Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Timothy Radcliffe, ehemaliger Chef des Dominikaner-Ordens, hat erkannt, dass die römisch-katholische Kirche längst tief gespalten ist zwischen „Communio-Katholiken (Communion Catholics)“ und „Himmelreich-Katholiken (Kingdom Catholics)“. GLKM ist der Wortführer der „Kommunionisten“. Ich bin ein radikaler „Himmelreich-Christ“. Das Letztere ist vermutlich das Erklärungsbedürftigere – und in den Augen vieler Menschen auch das schwerer zu Erklärende. Letztlich ist es diese Erklärung, um die es in meinem Blog fortan geht. Ausführungen über die „Müllerianer“ tragen dazu schlicht wenig bei.

Pi mal Daumen

„Pi-mal-Daumen-Buchführung“ – dieses Stichwort hört man jetzt im Kontext der neuen Selbstkritik diözesanen Finanzgebarens im katholischen Deutschland. Für eine wahre Kirche Christi finde ich „Pi-mal-Daumen-Buchführung“ völlig okay – so hat Judas die Kasse der Apostel auch geführt. Wenn man natürlich ganz und gar eine Institution nach gesellschaftlichen Standards geworden ist, ist man auch in deren Falle getappt und braucht Wirtschaftsprüfer.

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