Emmeram „von Regensburg“: Franke – oder doch Ire?

Einer meiner gelegentlichen Anlässe, mich in die historisch-theologische Fachwissenschaft einzumischen, ist die gängige Ansicht, der Heilige Emmeram „von Regensburg“ sei Franke gewesen.

Er war ein Wandermönch und Wanderbischof. Dieses Konzept stellte in der insularen keltischen Kirche noch bis lange nach der Synode von Whitby (664) eine Konstituente ihrer spezifischen Askese dar, während es in der lateinischen Kirche schon früh verpönt war und als „Gyrovagentum“ angefeindet wurde.

Zwar glaube ich persönlich, dass das erste Kapitel der Benediktsregel, worin im Interesse des benediktinischen Prinzips der „stabilitas loci“ mit geradezu schockierend aggressiver Verächtlichkeit gegen die „Gyrovagen“ polemisiert wird, erst im Zuge der Reform Benedikts von Aniane gegen 820 in den Text gekommen ist. Erst aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Exemplare der Benediktsregel, die wir noch besitzen, wie etwa der textkritisch normative St. Galler Codex 914.

Dennoch muss der Sachverhalt dieses scharfen Konflikts freilich längst etabliert und „zementiert“ gewesen sein, ehe er die Form eines derart profilierten literarischen Dokuments annehmen konnte.

Zudem gibt es zumindest aus der Zeit des Benedikt von Nursia bereits ein anderes historisches Dokument, das belegt, dass das Problem als solches keineswegs erst späteren Datums ist: Schon die Synode von Agde im Jahr 507 untersagte „römischen“ Mönchen das Verlassen ihrer Klöster.

Es ist also tatsächlich überaus erklärungsbedürftig, wenn man annehmen will, Emmeram, dessen bayerisches Martyrium am ehesten in den Zeitraum zwischen 650 und 715 zu datieren ist, sei Westfranke aus Poitiers gewesen – also auch noch gleicher Nationalität wie Benedikt von Aniane.

Der Name „Haimhramm“ (wie sein Hagiograph Arbeo von Freising ihn schreibt) sei, so die Etymologen, althochdeutsch und habe entweder etwas mit „Heim/Heimat“ oder mit „Rabe“ zu tun. Allerdings fragt sich doch, warum ein Westfranke aus Poitiers einen althochdeutschen Namen gehabt haben sollte?

Arbeo könnte genauso gut auch einen keltischen Namen in eine althochdeutsche Schreibweise übertragen haben.

Bezeichnenderweise war die Stadt Poitiers eine keltische Gründung. Pictavium hieß sie bei den Römern, nach dem keltischen Stamm der Piktonen – die Verwandtschaft mit den insularen Pikten ist nicht zu übersehen. Erwiesenermaßen führte die frühmittelalterliche „iroschottische“ missionarische Emigration auf den Kontinent so gut wie immer über älteste keltische Wanderrouten, Kulturverwandtschaftsadern und „Familienbesuche“. Das Kloster Saint-Hilaire-de-Poitiers wurde bereits vor 511 gegründet. Vielleicht hat sich der vermeintlich in Poitiers geborene Ire Emmeram auch nur in diesem Kloster eine Zeit lang auf seine kontinentale Mission vorbereitet.

Suchen und Finden

Eine Schlüsselfrage für die Kirche lautet, wie sie mit „spirituellen Suchern“ umgehen soll. Insbesondere die katholische Kirche betont seit jeher, dass Christen geistlich „nicht auf der Suche sind, sondern gefunden haben“. Darin liegt einerseits ein tiefer Sinn. Denn kaum etwas ist spirituell wichtiger, als in einem bestimmten Sinne endlich mit dem „Suchen“ aufzuhören. Aber die in diesem Sinne vereinfachte kirchliche Haltung bildet weder die zeitlose Realität geistlich-biographischer Entwicklungen noch die aktuellen mentalitären Gegebenheiten und Bedürfnisse heutiger – deren eigener Meinung zufolge „aufgeklärter“ – Gesellschaften ab. Darum verliert die katholische Kirche derzeit den Anschluss an ein riesiges Reservoir potenzieller Katholiken. Dieser Umstand muss der Kirche nicht nur als ein gesellschaftspolitisches Problem gelten: Sie missachtet ihren Missionsauftrag, wenn sie sie darüber unbekümmert hinweggeht.

Pragmatisch gedacht und gesprochen braucht es wohl klare Kriterien für die Bestimmung eines gewissen geistigen Spektrums, innerhalb dessen spirituelle Suchbewegungen gut katholisch sind. Der Geist der herrschenden dogmatischen Vorgaben ist entschieden zu eng, unintelligent und ohne Vertrauen in die geistigen Fähigkeiten des Menschen. Andererseits wäre es schon viel verlangt, mit der religiösen Erziehung eines Erwachsenen jedes Mal buchstäblich wieder „bei Adam und Eva“ anfangen zu müssen – existenzphilosophische Radikal-Infragestellung von absolut allem würde ja gleichsam noch weiter zurückliegen. So weit kann und darf die Kirche ihre Türen eindeutig keinesfalls öffnen, wenn ihr Raum noch ein irdischen Realitäten entsprechender Ort funktionaler Heilsgeschichte sein soll. Aber die Abwägung des sinnvollsten Mittelweges zwischen den zwei unmöglichen Extremen muss theologisch völlig neu in Angriff genommen werden.

Sabbatheiligung, Sonntagspflicht, Sonntagsrecht

Albert Keller SJ schreibt in „Stimmen der Zeit“ 10/2004 zum Thema „Sonntagspflicht“: „Wenn Kardinal Arinze milde bemerkt: ‚Es wäre gut‘, wenn jeder Katholik am Sonntag die Messe mitfeierte, so verschleiert das ein wenig die offizielle kirchliche Position, wie sie im ‚Katechismus der katholischen Kirche‘ dargestellt wird. Dort wird vom ‚Gesetz des Herrn‘ gesprochen, von dem sich das Sonntagsgebot herleite, und zwar mit folgenden Worten: ‚Eines der Kirchengebote bestimmt das Gesetz des Herrn genauer: ‚Am Sonntag und an den anderen gebotenen Feiertagen sind die Gläubigen zur Teilnahme an der Messfeier verpflichtet‘ (CIC can. 1247).‘ Dann wird hinzugefügt: ‚Wer diese Pflicht absichtlich versäumt, begeht eine schwere Sünde‘ (2181f.). Vergleicht man diese Forderung mit der kirchlich erhobenen Zahl der Besucher der Sonntagsgottesdienste, die von 46 Prozent im Jahr 1960 jetzt auf rund 15 Prozent gesunken ist, hieße das, dass weit mehr als die Hälfte der Katholiken allsonntäglich eine schwere Sünde begehen. Es spricht einiges dafür, dass hier mit dem Ausdruck ’schwere Sünde‘ leichtfertig umgegangen wird.“

Der Kernfehler in der diesbezüglichen Theologie des „KKK“ liegt meines Erachtens in der naiven Gleichsetzung von „Sabbatheiligung“ und „Sonntagspflicht“. Dass der christliche Sonntag in seinem prinzipiellen Charakter dem jüdischen Sabbat zu entsprechen hat, ist eine Tatsache, die zu bestreiten – wie es im 20. Jahrhundert selbst manche renommierte Theologen getan haben – völlig unsinnig ist. Aber die „Heiligung“ dieses Tages ist nicht identisch mit dem Besuch der Eucharistiefeier. Sie kann es nicht sein. Die Eucharistie besuchen kann (und „soll“!) ich auch an gewöhnlichen Werktagen, an denen ich danach routinemäßig arbeiten gehe. Die durch ganz auf Gott gerichtete Tätigkeit ersetzte gewöhnliche Werktagsarbeit aber ist es, die den Sonntag wesentlich vom Werktag unterscheidet. Hiervon dispensiert nichts. Der sonntägliche Messbesuch hingegen kann und darf aufgrund vielerlei und weit zu fassender praktischer Umstände durchaus entfallen, wie ja auch die formale Kirchendisziplin dokumentiert: Ob ich mich krank fühle und/oder die Messe in einer auf zumutbare Weise zu erreichenden Nähe stattfindet, entscheide schließlich notwendigerweise ich selbst allein. Die Eucharistie ist also genuiner, aber keineswegs zwingender Teil der christlichen Sabbatheiligung, während es vielmehr die letztere ist, die unter keinen Umständen entfallen kann.

Das bedeutet keine Deklassierung der Eucharistie. Wenn Gott real, konkret und leibhaft Mensch geworden, als solcher gekreuzigt worden und daraufhin nicht zuletzt im realen und konkreten sozialen „einen Leib seiner Kirche mit vielen Gliedern“ (siehe Paulus) wahrhaft auferstanden ist, dann ist der Schluss tatsächlich absolut zwingend, dass es kategorisch nicht genügt, ein Christsein, das man sich gerne zuschreiben möchte, in Form einer abstrakten wohlwollenden Gesinnung gegenüber irgendeiner theoretischen Idee des Christentums in petto zu Gewissensprotokoll zu geben, sondern dass es hierzu unbedingt einer gewissen „Realpräsenz“ ausnahmslos jedes einzelnen ernsthaft „Gläubigen“, das heißt „Christseinswilligen“, im topographischen und kanonischen Raum der „heiligen Orte und Zeiten“ der institutionell sicht- und greifbaren Kirche bedarf. Der soziale Leib der Kirche muss einander fleischlich die Hand und materiell das Brot reichen und darüber hinaus auch akustisch miteinander kommunizieren, er muss sich in einer physikalischen diesseitigen Welt ganz sinnlich verwirklichen. Jede dem entgegen lautende Auffassung wäre wesenhaft un- und antichristlich.

Es ist vernünftig, zu fordern, eine entsprechende Eucharistieteilnahme in diesem Sinne müsse mindestens einmal im Jahr stattfinden. Es ist auch sinnvoll zu bestimmen, dass dieses eine Mal sich dann auf Ostern zu terminieren hat. Denn Ostern ist definitiv das höchste und das Schlüsselfest des Christentums. Wer also wenigstens an Ostern die real existierende Kirche aufsucht und an einer ihrer zentralen Liturgien dieser Tage teilnimmt, dem ist nicht nachzusagen, er lebe in der schweren Sünde der Apostasie. Diese Auffassung ist gute, weithin geübte pastorale Praxis. Formaldisziplinarisch gilt also: Die ausschließlich auf „schwere“ Sünden bezogene kirchenordentliche Bußpflicht, die dem Recht zu anderweitigem Sakramentenempfang vorausgesetzt ist, muss nur dann in Form der Beichte erfüllt werden, wenn jede liturgische Beteiligung am Osterfest leichtfertig versäumt und dadurch faktisch „Apostasie“ begangen wurde – logischerweise hat diese Pflicht dann spätestens vor dem nächsten Osterfest erfüllt zu werden.

Dennoch ist es, formale Disziplin hin oder her, immer noch weitaus besser als das völlige Verharren im Zustand faktischer Apostasie, wenn der Betreffende zwar nicht beichtet, am nächsten Osterfest aber trotzdem „widerrechtlich“ zur Eucharistie erscheint. Welche Meinung Jesus hierzu gehabt hätte, ist derart offensichtlich, dass in dieser Frage alle „wildgewordenen“ Kanonisten schärfstens in ihre Schranken zu weisen sind mit dem Hinweis auf die Barmherzigkeit ihres obersten Chefs.

Risus paschalis

Der tiefe innere Zusammenhang zwischen Religiosität und Humor wird auf den Punkt gebracht in der Sentenz: „Humor ist die Fähigkeit, die letzten Dinge von den vorletzten zu unterscheiden.“ Je defizitärer eine Religiosität ist, desto rascher neigt sie dazu, für „letzte Dinge“ zu halten, was in Wahrheit erst „vorletzte Dinge“ sind. Darum lacht im Allgemeinen der Klaustrierte herzhafter als der Gemeindepfarrer, der Eremit herzhafter als der Klaustrierte und der Heilige herzhafter als der Eremit. In diesem Sinne lassen sich gerade wahre Katholiken, und zwar gerade im Hinblick auf die Frage des Humors, gerne vom Katholikenschlächter Oliver Cromwell instruieren, der während der Invasion Irlands zu seinen Soldaten gesagt haben soll: „Trust in God and keep your power dry – Vertraut auf Gott, aber haltet euer Pulver trocken.“ Das ist die protestantische Mindest-Messlatte für katholischen Witz.

Einige interessante historische Fakten zur Beichte

Der heilige Augustinus hat nie gebeichtet.

Jahrhundertelang konnte man nur ein einziges Mal im Leben die kirchliche Rekonziliation empfangen, und die heiligen Bischöfe Galliens predigten, Buße zu tun, aber erst auf dem Sterbebett zu beichten. Manche alten Konzilien warnten davor, einem jungen Menschen in Lebensgefahr das Sakrament der Versöhnung (wie wir es heute nennen) zu spenden, weil die lebenslänglichen Bußpflichten im Falle seines Überlebens ihn überfordern könnten.

Im 11. und 12. und bis ins 13. Jahrhundert lehrten alle Theologen, dass dieses Sakrament nicht die Schuld vor Gott tilge, sondern andere, sekundärere Wirkungen habe. Noch für Thomas von Aquin war es selbstverständlich, dass der Beichtende durch die Reue bereits gerechtfertigt sein musste, ehe er das entsprechende Sakrament begehrte.

Erst im 13. Jahrhundert kommt die Unterscheidung auf zwischen „vollkommener Reue“, die aus dem Bewusstsein heraus erfolgt, durch die Sünde Gott beleidigt zu haben, und „unvollkommener Reue“ aus Angst vor zeitlicher oder ewiger Strafe, und mit ihr die indikative Absolutionsformel „Ego te absolvo“, vor der die „unvollkommene Reue“ genügt. So lehrt es Thomas von Aquin. Bis dahin lautete die Absolutionsformel „Misereatur tibi omnipotens Deus et dimissis peccatis tuis perducat te ad vitam aeternam – Der allmächtige Gott erbarme sich deiner, er lasse dir die Sünden nach und führe dich zum ewigen Leben“ – und das war selbstverständlich nur unter der Voraussetzung „vollkommener Reue“ möglich. So lehrte es noch Thomas’ Zeitgenosse Bonaventura – bei dem das „Ego te absolvo“ nur die konkrete Strafe für die Sünde erlässt, nicht die Schuld selbst.

Unter dem vorherrschenden Einfluss von Thomas von Aquin wurde die jährliche vorösterliche Pflichtbeichte für denjenigen, der keine Todsünde begangen hat, kirchendisziplinarisch faktisch abgeschafft. (Dies wird lediglich amtskirchlicherseits nie klar kommuniziert.)

Bis ins hohe Mittelalter herrschte die Ansicht, dass man im Notfall auch vor einem Laien beichten müsse. Noch Ignatius von Loyola hat sich daran gehalten.

(siehe: Karl Rahner, „Beichtprobleme“, 1954)

Vignettensammlung 26. März 2015

Gebildet ist, wessen ständige aktive, „fluide“ Beschäftigung mit bildenden Dingen ihm selbst wichtiger ist als die Frage, über welches Depositum an vermeintlich ein für allemal erworbenem, „kristallinen“ Bildungswissen er verfügt. Gebildet ist, wer verstanden hat, dass Wissen nicht umso bildender ist, je objektiver, sondern vielmehr je subjektiver es ist, weil Bildung immer nur eine subjektive, auf die Person bezogene und von der Person abhängige Qualität sein kann; wer also verstanden hat, dass „implizites“ Wissen bildender ist als „explizites“; wer also verstanden hat, dass Bildungsgegenstände als solche umso wertvoller sind, je weniger sie in dem allgemeinen Ruf stehen, auf „harte Fakten“ bezogen zu sein; dass „harte Fakten“, je „härter“ sie sind, desto eher einen Gegenstand für „Ausbildung“ darstellen als für wirkliche „Bildung“.

Es ist so ergiebig für einen Menschen, der sich wahrhaft bilden will, sich vorzugsweise mit Sprache, Geschichte und Religion zu befassen, weil gerade diese drei Phänomene die Eigentümlichkeit aufweisen, dass der Einzelne zu ihnen keinerlei Zugang finden kann ohne die Vermittlung durch seine Gesellschaft und zugleich die Gesellschaft sie in keiner anderen Gestalt wahrhaftig und lebendig zu besitzen vermag als in der Persönlichkeit des jeweiligen gebildeten Einzelnen. Das ist ein Mysterium.

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Sinn und Zweck der Philosophie ist die Verbesserung der Religion.

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Sieh, in welcher Sackgasse der Doktor Faust steckt. Gott hat dem Menschen in der Neuzeit die Natur gerade eben weit genug entschlüsselt, um ihm Spiritualität wieder zu ermöglichen.

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Wenn du für ein Problem eine kollektive Lösung suchst, treibst du Politik. Wenn du für ein Problem eine objektive Lösung suchst, treibst du Wissenschaft. Den religiösen Weg beschreitest du, wenn du für ein Problem eine Lösung findest, die weder objektiv noch kollektiv ist.

Politik will die Welt praktisch ordnen. Wissenschaft will Theorien, um die Welt zu ordnen, weil die Ordnungspraxis der Politik allzu unvollkommen bleibt. Kunst schreitet von den Theorien zu den Phänomenen „fort-zurück“, weil die Theorien sich als unzuverlässig, ja unglaubhaft erweisen. Religion schließlich hält an den Phänomenen fest, indem sie gleichzeitig auch noch den Irrglauben der (Nur-)Künstler ablegt, die Phänomene seien in sich selbst das Wesentliche an der Welt.

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Wenn du gerechtfertigt sein willst in deinem Anspruch, dich mit einer Lehre, die du gesellschaftlich vorgefunden hast, zu identifizieren – zum Beispiel mit einer Religion -, so suche sie an dem Ort auf, an dem sie am schärfsten und strengsten definiert ist, und weise nach, dass deine eigene, persönliche Auffassung derselben Lehre dieser Definition nicht widerspricht. Aber niemand kann dir verwehren, zum Zweck dieses Aufweises alle geistigen Mittel einzusetzen, die dir zur Verfügung stehen.

Amtliche Dogmen sind nur insoweit hilfreich, als sie uns davon abhalten, unsere Privat-Dogmen zu beweihräuchern.

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Der besondere Vorzug des Prinzips der vielen kleinen Schritte liegt darin, dass es uns davon abhält, in jene überspannte Ungesinnung zu verfallen, die angesichts kleiner menschlicher Schwächen, welche sie sich nicht verzeihen zu können meint, aus unmäßigem Verdruss gleich ein ganzes großes Unterfangen verloren gibt.

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Die Intuition weiß und erkennt mehr als die Vernunft; aber das eigentliche, größte Erkenntnisproblem liegt für die Meisten nicht hierin, sondern darin, dass die letzten Wahrheiten auch kontra-intentional sind: etwa, dass der Mensch ein „Sünder“ ist; dass das Leben nicht „führbar“ ist; dass keine Dualität existiert; dass Gewaltlosigkeit der richtige Weg ist. Deshalb braucht es „Offenbarung“. Zur Überwindung der Vernunft allein bräuchte es sie noch nicht; dazu genügt die Intuition.

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Man kann Demut nicht als Strategie einsetzen. Das Wesen strategischer Verhaltensweisen und Kalküle ist niemals demütig. „Strategische Demut“ ist immer nur Irrtum oder Täuschung oder Betrug. Eine demütige Haltung und eine unstrategische Lebensart bedingen einander gegenseitig.

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Das eigentliche innerste Wesen von Schönheit besteht darin, dass eine Bewegung auf dem kürzesten Weg in die Ruhe zielt. Exakt dies und dies allein ist der Grund, weshalb das Kriterium des „Schönen“ ein besserer Wegweiser in die Tiefe der Spiritualität ist als das Kriterium des „Wahren“ oder des „Guten“. In einem anderen Sinne könnte der Gekreuzigte gewiss kein „schöner“ Anblick sein. Aber das Kreuz verweist uns kürzestenwegs auf den absoluten Ruhepunkt des Kosmos.

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Die Feststellung, ein Mensch „rede drauf los, wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, sagt nichts darüber aus, wie lang, mühsam und schmerzhaft der Wachstumsprozess seines Schnabels war.

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Wir haben einen Autoritätskomplex. Dabei sind alle unsere menschlichen Erfahrungen, auf denen so etwas wie Autorität überhaupt beruhen könnte, so flüchtig. Heinrich Böll bemerkte, einen religiösen Menschen erkenne man daran, dass er in dieser Welt nie ganz zuhause ist. Wie kann es dann aber in der Religion überhaupt „Autoritäten“ geben in einem tieferen Sinne als in einem sehr oberflächlich-organisatorischen?

Viele Erwachsene sind in Glaubensdingen wie Kinder, die man auf den Fahrersitz eines Autos setzt: Sie sind so fasziniert von den blinkenden Armaturen, dass sie völlig verkennen, dass das Entscheidende der Blick auf die Straße ist, den sie noch nicht haben, weil sie noch zu klein sind. Aber da sie ja in den Augen der Welt Erwachsene sind, können sie einen amtlichen Führerschein vorlegen, was sie zu gefährlichen Einbildungen von „Weisheit“ verleitet.

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Seltsam: Derzeit sind ausgerechnet der erste „Grüne“ und der erste „Linke“, die dieses Amt je innehatten, die beiden renommiertesten Katholiken unter allen deutschen Ministerpräsidenten (Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg und Bodo Ramelow in Thüringen). Auch das ist wohl Signal für einen tiefgreifenden Kulturwandel.

Jede Partei, die zu ideologisch wird, ist für einen Christen kategorisch nicht mehr wählbar – ganz egal welche Ideologie sie verfolgt. Umgekehrt ist jede Partei, die nicht ideologisch wird, für einen Christen prinzipiell wählbar. Hierin entscheidet allerdings die Vernunft das Wenigste, das Gewissen das Meiste.

Schlüsselkriterien für das Christentum der Zukunft

Zu dem, was ich vorangehend über die allgemeinen philosophischen Qualitätsmerkmale einer religiösen Position geschrieben habe, müssen speziell für eine zukunftsfähige Auffassung des Christentums meines Erachtens folgende Momente hinzutreten:

1. Ein sinnvoll kritisch reflektierter Bezug zur dominierenden biblischen Grundlage des christlichen Glaubens – ein Bezug, der in heutiger Zeit vor allem durch elementare bibelkundliche Bildungsmaßnahmen erst einmal von ganz neuem grundlegend wieder ermöglicht werden muss, was die Breite unserer Gesellschaften angeht.

2. Vertiefter Sinn für die strukturell besonderes ausgeprägte Orientierung gerade des christlichen Glaubens an seiner eigenen Geschichtlichkeit (vgl. Bernhard Welte), „keine Angst vor dem historischen Jesus“.

3. Ein forcierter systematisch-theologischer Primat der Gnade.

4. Ein forcierter praktisch-theologischer Primat der Demut.

5. Eine forcierte moraltheologische Priorität evangelischer Armut und der Option für die Armen.

6. Keine Abwertung des Begriffsfeldes „Symbol“, „symbolisch“, „Zeichen“ (als bezeichne dies etwas „nicht Wirkliches“).

7. Primat der Kontemplation, d.h. konkret z.B. Anerkennung der Wortlosigkeit als höchstes Ziel von Gebetspraxis, und Option für die Traditionen der Mystik.

Philosophische Qualitätsmerkmale der Religiosität

Die philosophischen allgemeinen Qualitätsmerkmale der Religiosität bestehen in einer siebenfachen Harmonie:

1. Harmonie mit dem obersten interreligiösen spirituell-ethischen Wertbegriff einer universalen „Bejahung“ und grundlegend „nondualistischen“ Haltung.

2. Harmonie mit dem obersten säkular-ethischen Wertbegriff der „Freiheit“.

3. Umfassende zwischenmenschlich-geschwisterliche Harmonie, realisiert als eine auf höherer („subtilerer“, nicht „buchstäblich-naiver“) Ebene empfundene und ausgedrückte Gleichheit aller Wesen über alle Grenzen und Unterschiede der Konfessionen, Religionen, politischen Parteiungen, säkularen Kulturmomente, Geschlechter, sexuellen Orientierungen und sonstigen Veranlagungen oder Einstellungen der Personen hinweg.

4. Umfassende Harmonie mit der gesamten Geschichte der konkreten eigenen Religion, mit der Kontinuität ihrer vollständigen Tradition und mit deren historisch-kritischer Betrachtbarkeit, ein Anti-Eklektizismus also, der gerade nicht dogmatisch, sondern nur hermeneutisch großzügig und gesellschaftlich dynamisch und weiterentwicklungsoffen möglich ist.

5. Harmonie mit dem Ideal umfassender Bildung ohne Grenzen im Kopf und Denkverbote, was unter anderem Harmonie mit dem kritischen Geist der Philosophie, mit dem positiv forschenden Geist der Wissenschaft, mit dem Geist politischer Klugheit sowie mit dem Geist sinnlich schön gestaltender und schöpferisch ausdrückend deutender künstlerischer Auffassung und Wiedergabe des Religiösen beinhaltet.

6. In konkreter, praktischer Weisheit gelebte Harmonie mit der eigenen menschlichen Körperlichkeit, Leiblichkeit und Sinnlichkeit.

7. In konkreter, praktischer Weisheit gelebte Harmonie mit der eigenen menschlichen Endlichkeit, Sterblichkeit, Begrenztheit, Bedingtheit und Nicht-Perfektionierbarkeit.

Dies sind die kategorischen Bedingungen, unter denen jede fremde religiöse Position uneingeschränkte Achtung verdient.

Das Problem des „Gutmenschen“

Mit wenigen Stichworten möchte ich hier das Problem des Ausdrucks „Gutmensch“ erörtern.

„Gutmensch“ wurde zum „Unwort des Jahres 2011“ nominiert und erhielt in dieser Auswahl den zweiten Platz.

Der Deutsche Journalisten-Verband versuchte in Zusammenarbeit mit Sprachforschern des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung einen Ursprung des Begriffs im Nationalsozialismus aufzuzeigen (Jürgen Hoppe/Deutscher Journalisten-Verband: Memorandum zur „Initiative Journalisten gegen Rassismus“, 27. März 2006).

Diese Anstrengung ist jedoch ihrerseits nicht als tendenzfrei anzusehen. Sie will einen „Anruch“ in die Debatte tragen, ohne Stichhaltiges vorweisen zu können. Nicht gerade sauberer Journalismus. Natürlich „passt“ der Ausdruck „irgendwie“ zu den Nazis – konkret belegbar ist er in ihrem Gedankengut und Wortschatz aber nicht.

Gleiches gilt für Nietzsche und leider auch etwa für den Artikel von Katrin Auer: „’Political Correctness‘ – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten“, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, 31, 2002, S. 291–303. Solche vorschnellen, ihrerseits weitaus mehr polemischen als objektiven „Verschubladungen“ sind alles andere als hilfreich.

Relativ solide ist einzig die Feststellung, dass der Gebrauch des Ausdrucks mit der „halbsachlich“-publizistischen „68er“-Kritik der 90er-Jahre aufkommt.

Natürlich ist „Gutmensch“ ein „Kampfbegriff“. Aber ist es ein „schlechter“? Manchmal muss man „kämpfen“. Ist der Ausdruck „Gutmensch“ dabei wirklich ein „hässliches Mittel“?

Zunächst zum Sinngehalt des Wortes: Es kritisiert und ironisiert Moralismus. Es kritisiert und ironisiert damit implizit auch Naivität, weil Moralismus naiv ist. Diese Feststellung kann ich leider nur unterschreiben.

Sämtliche öffentlichen Äußerungen zu diesem Thema versäumen allerdings die Differenzierung, weshalb jemand Moralismus für naiv hält. Darauf kommt es aber ganz entscheidend an.

Grundsätzlich insinuieren diejenigen, die sich wütend gegen den Ausdruck „Gutmensch“ zur Wehr setzen, diejenigen, die ihn gebrauchen, täten dies grundsätzlich aus zynischer Verachtung für jede Form von Moralität.

Damit haben sie allerdings nur ein weiteres Beispiel für ihre intellektuelle Unbedarftheit geliefert.

Moral wird zum Moralismus durch den Irrglauben, Moral sei aus sich selbst heraus tragfähig.

Ich selbst gehöre zu denjenigen, die häufig eine gewisse Lust verspüren, den Ausdruck „Gutmensch“ zu verwenden, und zwar genau deshalb und nur deshalb, weil ich überzeugt bin, dass Moral nicht „aus sich selbst heraus“ gültig und tragfähig ist, dass sie nicht „für sich selbst und allein zu stehen“ vermag, sondern vielmehr ganz und gar davon abhängt, dass sie eine tiefe Wurzel in der Religiosität hat – so sehr, dass echte Religiosität den Rekurs auf „Moral“ mitunter sogar vollständig (und „befriedigend“) zu ersetzen vermag. (Nicht immer und nicht unter allen Umständen natürlich – deswegen gibt es überhaupt „Moral“ als ein einigermaßen eigenständiges Phänomen, gleichsam als ein „pulverisiertes Instant-Applikat“ der Religiosität.)

Gerade anlässlich der jüngsten „gutgemeinten“ Äußerungen eines Konstantin Wecker etwa ist dringend daran zu erinnern, dass es auch die radikal-moralistischen Pazifisten der letzten 50 Jahre sind, deren „naive“ Aktivitäten nicht mehr Frieden auf der Welt herbeigeführt haben als vorher.

Muss ich einen solchen Satz notwendigerweise als „Zyniker“ sagen? Nein, ich kann ihn auch – ganz im Gegenteil! – als echt religiöser Mensch sagen. Und darin eben zeigt sich umso mehr die Naivität der „Gutmenschen“, dass sie dieser Möglichkeit philosophisch überhaupt nicht gewahr sind.

Der echt religiöse Mensch begibt sich in erster Linie in eine alles andere als naive Demut – nicht in Tatenlosigkeit! – angesichts der überwältigenden Indizien, dass vieles an der Steuerung der Weltläufte unserem Einfluss entzogen ist, auch dem „gutmeinendsten“.

Es hat schon seinen tiefen Sinn, dass das Christentum den Menschen in erster Linie als „Sünder“ beschreibt – was ja nun ganz offenkundig das genaue Gegenteil eines „Gutmenschen“ ist. Der spezifisch christliche Standpunkt in dieser heiklen Debatte ist noch nirgendwo adäquat herausgestellt worden. Der vorliegende Artikel möchte einen ersten Anstoß dazu liefern.

Ich halte es in der Tat für denkbar bis wahrscheinlich, dass persönliche religiöse Demut – selbst dann, wenn sie sich aus einer konkreten existenziellen Situation heraus, so „ideologiefrei“ wie möglich, entscheidet, zur Waffe zu greifen (was ich absolut nicht „verherrliche“!) – mehr wertvollen echten Frieden geschaffen hat (und darum auch in Zukunft zu schaffen vermag) als ideenverstiegener „Pazifismus“.

Ich weiß, dass diese Sätze provokant sind – genauso provokant wie der polemische Ausdruck „Gutmensch“. Ich möchte hier gar nicht versuchen, meine These „erschöpfend zu rechtfertigen“, sondern sie lieber als Diskussionsgrundlage stehen lassen.

Natürlich ist „Gutmensch“ ein kämpferisches Wort. Die Empörung, die ihm entgegenschlägt, zeigt aber, dass ein Kampf, ein Kulturkampf, bei dem Thema, das es berührt, längst unvermeidlich geworden ist.

So ermisst sich mein persönlicher wesentlichster Vorbehalt gegen dieses Wort an der Frage, ob es eine Alternative zu ihm gibt.

Es ist ein „Schlag-Wort“ – unleugbar ein sehr treffendes. „Schlagen“, „treffen“: Ich bin gegen Gewalt. Aber an erster Stelle steht für mich die religiöse Demut, Auseinandersetzungen anzunehmen, wenn sie unvermeidbar sind. Dann habe ich immer noch die freie Wahl, sie mit klugen Worten zu führen anstatt mit anderen, noch schlechteren Mitteln.

Man kann es drehen und wenden, wie man mag: „Gutmensch“ ist und bleibt eine semantisch gelungene, prägnante Wendung. Daher wird sie sich auch schlicht und einfach mit der „normativen Macht des Faktischen“ im rhetorischen Leben als „alternativlos“ erweisen für das, was sie sagen will.

Wie dem auch sei: Ich kann diejenigen, die über das Wort „Gutmensch“ in den letzten Jahren aggressiv herfallen – teilweise mit unlauteren, z.B. pseudowissenschaftlichen Mitteln -, nicht einfach gewähren lassen. „Wer schweigt, stimmt zu“, und zustimmen kann ich ihnen nicht. Dafür sind sie relativ gesehen zu sehr im Unrecht – stärker im Unrecht, als andererseits der Gebrauch des Ausdrucks „Gutmensch“ durchaus bedenklich sein mag. Der jedoch immerhin „den Finger auf einen ernsthaft wunden Punkt legt“.

Deswegen schreien sie ja schließlich so.

Jedenfalls muss ich ihnen das Ansinnen, „Gutmensch“ als eindeutig politisch „rechten“ Wortschatz abzustempeln, entschieden verwehren. Das ist eine absolut unerlaubte Vereinfachung, in deren Folge jede echte religiöse Weltsicht in dieser Debatte auf der Strecke bleiben müsste.

Auch wenn sich ein echt religiöser Mensch gewiss zumeist scheuen wird, selbst spontan zu einer so relativ aggressiven Wortwahl zu greifen, wie sie „Gutmensch“ zweifellos repräsentiert: In der Sache bleibt der Begriff weiterhin kontrovers zu diskutieren. Er ist keinesfalls erledigt.

Sonnenfinsternis

Bitte morgen nicht in die Sonne schauen!

1999 wurde die Nation noch mit großem Aufwand auf ein solches Ereignis vorbereitet.

Diesmal haben es alle „verschlafen“. (Schutzbrillen sind aus.)

War man lässig, weil es diesmal „nur“ eine partielle ist? In Verkennung der Tatsache, dass partielle erfahrungsgemäß MEHR Akut-Augenpatienten zurücklassen als totale?

Ich erlaube mir die Spekulation, dass die zurückliegenden knapp 16 Jahre auch einen Kulturwandel in Deutschland dokumentieren: Die „Kümmer-Republik“, die penibel für alles sorgt und vorsorgt, ist an ihre Grenzen gestoßen. Die heimischen Heerscharen selbsternannter ehrenamtlicher „Verkehrsanwälte des Vaterlandes“, typisch-deutscher „Universal-Paternalisten“ und Tag-und-Nachtwächter, die permanent vor anderer, „ärmerer“ Leute Türen erzenglische bis wichtelhafte Kehrwoche haben, sind mit der Fülle der zeitgenössischen gesellschaftlichen Notbaustellen endgültig überfordert. Der (vermeintliche) totale Wohlfahrtsstaat entlässt seine Bürger derzeit gerade ohne großes Aufsehen erstmals wirklich in jene Freiheit, die ohne individuell getragene Gefahr nicht zu haben ist.

Tragisch nur, dass wir noch nicht gelernt haben, mit dieser „neuen alten“ Freiheit verantwortlich umzugehen. Auch deshalb nicht, weil die öffentlichen Instanzen mit den Grenzen des Fürsorgestaates nach wie vor nicht ehrlich sind, sondern bis zum Zynismus dessen wählerfreundliche Illusion weiter aufrecht erhalten.

Aber, zugegeben, auch aus Hilf- und Ratlosigkeit.

Denn die totalste Sonnenfinsternis herrscht derzeit hinsichtlich unserer kollektiven Wertorientierung.

Klare Lehren aus der Mittelfinger-Affäre

Ist das Video, in dem der griechische Finanzminister den Mittelfinger zeigt, echt oder nicht? Und: Welche Art oder Ebene von Realität sind die prominenten „Bekennerschreiben“, die das Corpus Delicti aktuell zum satirischen Anschlag erklären?

Die eigentliche – und einzige ernsthafte – Botschaft des Vorfalls sollte mehr als klar sein: Die Technik hat einen Stand erreicht, von dem ab gelten muss, dass man keinem Video mehr irgendetwas glauben darf. Alles, was im Internet veröffentlicht wird, muss fortan einem radikalen Generalverdacht der Lüge und Fälschung unterworfen werden.

Auf den ersten Blick mag das neurotisch klingen. Bei eingehender Betrachtung erweist dieses Prinzip sich aber als in Wahrheit äußerst heilsam für unseren Geisteszustand.

Pressespiegel zu zwei Jahren Papst Franziskus

Gestern jährte sich Franziskus‘ Wahl zum zweiten Mal. Echo und Bilanzen in der Presse fielen konträr bis zur Paradoxie aus.

Die konservativen bis traditionalistischen bis reaktionären katholischen Stimmen sind inzwischen fast alle empörend unverschämt in ihren halbverdeckten negativen Insinuationen. Wer sich als Traditionalist seiner eigenen Logik gemäß notwendigerweise auch unbedingten Papstgehorsam auf die Fahnen zu schreiben hat, der sollte sich für derart mesquines, verdruckstes, unaufrichtiges, hinterhältiges Giftverstreuen gegen seinen obersten Eidesadressaten schämen. Sobald ein Papst an den theologischen Betonköpfen, die ihre Allianz mit ihm gepachtet zu haben glaubten, auch nur die leiseste Kritik äußert, ist sofort alle ihre vermeintliche Nibelungentreue dahin – als hätten sie, die populistischen Hüter des ewigen Wahren, ihrem personalen Gral vorzuschreiben, was unfehlbar ist. Solches Verhalten ist einfach ekelhaft.

Ich selbst habe durchaus auch Kritik an Papst Franziskus. Aber diese Art und Weise des erzkonservativen Lagers, sich gegen jegliche Reformen mit allen hemmungslosen Mitteln zur Wehr zu setzen, ist durch und durch inakzeptabel und würdelos.

Genau und gerade diese Personen haben nicht das moralische Recht, Franziskus Populismus vorzuwerfen – wie sie es tun -, nur weil das Pew Research Center soeben erst wieder internationale Bestnoten ermittelt hat für das öffentliche Ansehen dieses Papstes bei der breiten gläubigen wie nichtgläubigen Bevölkerung – und zwar trotz seiner jüngst drastisch gehäuften „Gates“ („Prügel-Gate“, „Karnickel-Gate“, „Mexi-Gate“…).

Meine deutlichste Kritik an Franziskus betrifft das hohe Risiko, das er derzeit läuft, die Kirche zu spalten.

Seine Freunde ebenso wie seine Gegner machen in der aktuellen Presse immer noch und immer wieder denselben impliziten Fehler, eine einzige zukunftsweisende Theologie für die ganze Kirche zu erwarten. Diese kann es nicht geben, es hat sie nie gegeben und es wird sie nie geben. Nicht nur ich kann meine persönliche Theologie nicht zum Maßstab der ganzen Kirche machen – auch der Papst vermag derlei nicht sinnvoll zu tun. Und das ist gut so, das „gehört so“. Aber im Gegensatz zu unseren Ultrakonservativen hat der jetzige Papst genau dies zutiefst begriffen und lässt sich auch von all seiner Macht an dieser Erkenntnis nicht irre machen. Darin liegt der Gipfel seiner Größe, für die er geliebt wird.

Das wahre Problem seines Pontifikats liegt meines Erachtens darin, dass er in seinem persönlichen geistigen, seelischen, sozialen und spirituellen Format die Zugänglichkeit dieser Erkenntnis für weite Teile von Kirche und Kurie überschätzt, die von vielen als schwierig empfunden wird. Und die Betreffenden sind, muss man ehrlicherweise sagen, nicht alles nur theologische „Kleinkarierte“. Ihr Kopf mag groß sein, aber ihre Seele ist eng. Warum?

Die größte Last, die die katholische Kirche derzeit mit sich herumschleppt, ist eine etwa 150 Jahre alte Neutradition gewisser (ja, wagen wir es, dieses scharfe Wort zu gebrauchen) totalitärer Denkmuster, die zuvor so nie in der katholischen Kirche heimisch waren. Alle Katholiken müssen solchen Anschauungsmustern zufolge alles gleich machen und gleich denken. Wäre dies nicht der Fall, so die mittlerweile weithin glaubens-endemische Befürchtung, geriete die Einheit der Kirche angesichts der bösen Moderne und Postmoderne durch Pluralität sofort in höchste Gefahr.

Wir müssen diesem schweren faktisch-fundamentaltheologischen Missbefinden der christlichen Neuzeit zwar mit barmherzigem Verständnis für seine tragische kultur- und gesellschaftsgeschichtliche Bedingtheit begegnen. Dennoch ist es ausgeschlossen, es einfach tatenlos gewähren zu lassen. Und zwar um der innersten Wahrheit Jesu Christi willen ist dies unmöglich.

Es muss ein hoher Wert für uns alle sein, dass die Kirche nicht institutionell gespalten wird. Aber es führt auch überhaupt kein Weg daran vorbei, dass alle einzelnen Diözesen künftig weitreichende ortskulturelle Freiheiten haben müssen in ihren Entscheidungen über die richtige Vorgehensweise zur lokalen und regionalen Regelung bestimmter praktisch-theologischer Herausforderungen.

Gegen diese Forderung haben die fundamentalistischen Blockierer vor dem Urteil der Geschichte keine ernsthafte Chance. Auch und gerade vor dem Urteil der Heilsgeschichte nicht. Vielleicht können wir sie für mehr Offenheit gewinnen, indem wir gezielter ihren Schmerz begleiten, der oft weit mehr und tiefer ist als bloß jenes eher oberflächliche Gefühl, das wir heute unter dem Begriff „Nostalgie“ zu verstehen gewohnt sind.

Diese Menschen haben panische Angst um die einzige ihr Leben tragende Wahrheit, die sie gar nicht von genug anderen wortwörtlich bestätigt bekommen können. Wer das intellektuell verstehen kann, dem ist auch das Bemühen um geistliche Einfühlung in diese bedrängte Befindlichkeit geboten. Das Signal aber, das diesen theologisch Verängstigten zu senden ist, lautet: Die Wahrheit liegt nicht in Dogmen, – schon gar nicht in kirchenrechtlichen Ordnungsbestimmungen -, sie kann nicht dort liegen; sie ist einzig in der Personalität Jesu, des Christus, und unserer tiefsten inneren, persönlichen Beziehung zu ihr zu finden, zu der alle Dogmen und Canones immer nur eine sehr ungefähre Leitlinie darstellen.

Man kann schlechterdings nicht behaupten, man lebe zutiefst aus dieser Christusbeziehung, und im selben Atemzug beanspruchen, dazu unbedingt die gegebene Kirche in monolithisch starrer Unveränderlichkeit ihrer kleinsten Formen zu brauchen. Dass dies ein unglaubwürdiger Widerspruch ist, muss schonungslos vermittelt werden, um niemanden womöglich in einem frömmelnden Selbstbetrug gewähren zu lassen, wo man ihm helfen könnte, spirituell über diese Stagnation hinaus zu gelangen. Hier „liegt die Barmherzigkeit gerade in der Strenge“ – und es sind (was manche verwundern mag) gerade die sogenannten kirchlichen „Progressiven“, in deren Mund dieser scharfe Satz gegenwärtig seinen berechtigten Platz hat.

Papst Franziskus ist zweifellos ein „Konservativer“. Aber er hängt an Jesus, dem Christus – an nichts anderem. In vielen Punkten sieht er persönlich bestimmt nicht ein, weshalb ich und andere sich Veränderungen in der Kirche wünschen. Aber er erkennt die Notwendigkeit, auf solche Bedürfnisse nach pluralisierten und individualisierten katholischen Spiritualitäten bis in die rechtliche Kirchenordnung hinein angemessen zu reagieren.

Man muss nicht alles richtig finden, was Franziskus tut und sagt. Manches darf man sogar als bedenklich bezeichnen. Aber wer diesen Papst aus theologischer Intriganz in den Medien „hinterrücks“ herabsetzt, ist ein Schuft. Eine mildere Bezeichnung hat ein solcher schlicht nicht verdient.

Hoch und schnell

Unter Piloten erfreut sich der Witz klassischer Beliebtheit, dass ihre Oma ihnen rät: „Flieg nicht so hoch und nicht so schnell!“ Dabei ist es am gefährlichsten, niedrig und langsam zu fliegen. Metaphorisch existenziell umgemünzt bedeutet das: Die eigene Biographie niedrig und langsam abzufliegen, bietet das bei weitem reichere Abenteuer. Das „Hoch und Schnell“ der sogenannten „Karrieren“ ist im Grunde nur eine versteckte Form von Armut. Ein echt christliches Leben vollzieht sich in jedem Fall als eine niedrige und langsame, mithin als eine wahrhaft abenteuerliche Reise.

Farben des Martyriums

Die keltische Kirche, entstanden mit dem Ende des römischen Reiches, dessen Teil die hibernische Insel nie gewesen war, und erst nach der Synode von Whitby 664 in der römischen Kirche aufgegangen, wurde als solche nie verfolgt. Neben ihrer clanmäßig und monastisch dominierten und nicht primär territorialen Kirchenordnung (in der es, anders als in der römischen Kirche, mehrere Bischöfe am selben Ort geben konnte und Äbte über Bischöfen standen) lag ein Charakteristikum der keltischen Christenheit darin, dass sie in der Glut ihres jungen Glaubens beschämt eine Möglichkeit zum „roten Martyrium“ vermisste. Also erfand sie in keltischer Kreativität andersfarbige Martyrien, die sie stattdessen leidenschaftlich auf sich nehmen konnte: das „grüne Martyrium“ – radikale asketische Verzichtübung und Entsagung in der abgeschiedenen Wildnis der „grünen Insel“ und deren winzigster, kargster Vorinseln – und das „weiße Martyrium“: freiwilliges Exil zum Zweck der Heidenmission, wo sie am mühsamsten ist.

Soweit die Tradition. Aber für unsere heutige Spiritualität kann es sogar noch mehr Martyrien-Typen geben als für die damalige keltische. Im folgenden einige Vorschläge:

Das „graue Martyrium“: geschärft bewusstes Ertragen der uninspirierten Langeweile und Mittelmäßigkeit einer in der heutigen Zeit normalen bürgerlichen Existenz mit durchschnittlicher Erwerbstätigkeit und Haushaltsführung, in ständiger hellster Gewärtigkeit der Gefahr, darüber geistlich einzuschlafen und von diesem schmalen Grat heilsbiographisch fatal abzustürzen. Die sogenannten „Helden des Alltags“ kann es ohne eine zutiefst religiöse Komponente ihres Bewusstseins meines Erachtens eigentlich überhaupt nicht schlüssig geben.

Das „blaue Martyrium“: religiös getragenes, entschlossenes Ringen mit den eigenen quälenden seelischen wunden Punkten, Untiefen und Neurosen, ob Traurigkeit und Trostlosigkeit, Melancholie oder Depression, Unglücklichkeit über die Familie, die man hat, oder über die Familie, die man nicht hat, überkochende Aggressionen von Zorn und Wut, Hass und Rache, Angststörung oder Suchtkrankheit, Traumatisierungen oder Schuldgefühle. Nicht immer löst die spirituelle Entwicklung all dies einfach auf. Aber immer vermag sie den Betroffenen auf eine „höhere Warte“ zu führen. Der Selige Matt Talbot etwa gilt in diesem Sinne als ein besonderes Beispiel für den frommen Kampf gegen den Alkohol.

Und für einige wenige vielleicht das „gelbe“ bzw. „goldene Martyrium“: wenn Erfolg, Glanz und Pracht, Reichtum, Amt und Würde, Wichtigkeit, Macht, Ruhm, Prominenz, öffentliche Aufmerksamkeit, medien-interferiertes Dasein, der „goldene Käfig“, sich in grausamer Klarheit als belastende Bürde erweist in mindestens zweierlei Hinsicht, nämlich sowohl im ständigen Widerstehenmüssen gegen äußerliche und innerliche Korruption des ganzen eigenen Wesens als auch im mitleidlosen Unverständnis der Vielen, dass man mit großen „Privilegien“ durchaus große Probleme haben kann, der von dieser Erkenntnis Betroffene aber dennoch den Entschluss fasst, diese „Gaben“ nicht zu verwerfen, sondern sie in besonderer Weise zum Wohl der Vielen einzusetzen, ohne selbst im geringsten jenen befriedigenden Vorteil und Genuss daraus zu ziehen, den die Allgemeinheit ihm unwissend zuschreibt. Gelegentlich gibt es so etwas. Mark Aurel vielleicht. Oder Papst Franziskus?

Auf jeden Fall: Für jeden ist etwas dabei. Jeder Christ hat eine Chance auf sein Martyrium, sein „Zeugnis“.

Kirchensteuerrekord

Eine Sprecherin der Bischofskonferenz begründete das aktuelle Kirchensteuer-Rekordergebnis von 5,68 Mrd. Euro unter anderem mit der hohen Zahl von Katholiken in regulären Arbeitsverhältnissen.

Zweifellos müssen wir sehr aufpassen, dass die Kirche nicht auf vielerlei subtilen Wegen zu einer Veranstaltung wird, in der bürgerliche Normen in einer Weise Geltung erlangen, die zu einer impliziten Marginalisierung unbürgerlicher Lebenssituationen führt.

Das Beispiel Jesu ist ganz ohne jeden Zweifel ein radikal un- und anti-bürgerliches; daher bezieht die jesuanische Option für das gesellschaftlich Marginalisierte ihre entscheidende Kraft.

Eine faktisch von bürgerlichen Vorstellungen dominierte Kirche kann deshalb trotzdem gerechtfertigt sein; aber in jedem Fall nur solange das Bürgerliche in ihr nicht zu einem wesentlichen Kriterium wird. Die Gefahr besteht. Um für 5,68 Mrd. nicht „käuflich“ zu sein, reicht es nicht, fromm zu sein, man muss schon heilig sein. Und dorthin sind doch gewiss viele von uns erst unterwegs und noch nicht am Ziel.