Die Kindheit Jesu

Jesu Kindheit, wo in den Evangelien nach Matthäus und Lukas von ihr berichtet wird – völlig unterschiedlich übrigens – ist überdeutlich erkennbar ein reiner Mythos. Aber was macht das? Ist nicht jede Kindheit im Grunde nur ein Mythos?

In den ersten beiden Jahrhunderten der Kirche gab es noch mehr als vier Evangelien. Die „Überzähligen“ sind heute weitgehend verloren und vergessen. Einige davon erzählten vielerlei über Jesus als Kind; und in ihnen wirkt er auch als Kind schon spektakuläre Wunder. Solche Erzählungen passten bestens in die hellenistisch-esoterische Literatur jener Zeit, wo diese etwa vom wundersamen Leben großer „Heroen“ berichtete. Matthäus und Lukas haben sich zwar für die Aufnahme gewisser Kindheitsmythen Jesu in ihre Evangelien entschieden; aber sie haben dabei beide die Kindheitswunder gestrichen. Das ist vielsagend: Ihr Jesus ist betont ein ganz menschliches Kind.

Später wird er die Kinder mit großer Wertschätzung als Lehrer der Erwachsenen herausstellen. Diese Gebärde erregte Aufsehen in einer Zeit und Kultur, in der Kinder gemeinhin nichts, wirklich gar nichts wert waren.

Als Erwachsener in einem positiven Sinne „Kind zu bleiben“ setzt eine ganz bestimmte Form von Erinnerungsvermögen voraus. Das beinhaltet auch Traumata und rechten Umgang mit diesen Traumata. Hier berührt die Spiritualität das Feld der „Orthopsyche“. „Orthopsyche“ ist keine „Psychologie“, sondern das ganz bewusste, nüchterne Fokussieren und „Herunterbrechen“ der Spiritualität auf seelische Gesundheit und Stabilität. Zwar kann man durchaus hoch spirituell und zugleich immer noch und anhaltend hoch neurotisch sein. Sogar manche Heiligenlegenden zeugen davon. Sie drücken damit aus, dass die eigentliche Erlösung auf einer noch viel übergeordneteren Wirklichkeitsebene stattfindet als selbst alles „Psychotherapeutische“. Grundsätzlich betrachtet das christliche Konzept von „Heiligkeit“ Neurosen ganz absichtsvoll und provokativ nicht anders als körperliche Behinderungen. „Orthopsyche“ jedoch ist der gezielte Versuch, durch Spiritualität auch Neurotizismus abzubauen.

Vom heiligen Seraphim von Sarow wird der Satz überliefert: “Erwirb dir inneren Frieden, und tausend Seelen um dich herum werden gerettet.” Unabhängig davon, welche übernatürlichen Wunderkräfte Jesus besessen haben mag, muss genau dies auf jeden Fall ein wesentlicher Teil seiner Fähigkeit gewesen sein, auf andere Menschen heilend zu wirken: Dass er selbst in einem tiefsten Sinne geheilt, heil war.

Dabei ist es sehr unwahrscheinlich, dass der historische Jesus im römisch besetzten Palästina eine „perfekte“ Kindheit erlebt hat. Die Wahrscheinlichkeit potenziell traumatischer Kindheitserlebnisse liegt für den Menschen Jesus schon allein aus zeitgeschichtlich-politischen Gründen seiner gesellschaftlichen Umgebung bei mindestens hundert zu eins.

Die jüdisch-hellenistische Stadt Sepphoris liegt nur sechs Kilometer von Nazareth entfernt. Im Jahr 4 v.u.Z. wurde sie von Freischärlern überwältigt, die – wie üblich – eine Mischung aus Aufständischenmiliz und Räuberbande waren. Die Römer reagierten mit klassischer Härte, und nach ihrem Besuch benannte der neue Landesherr, der Klientelkönig Herodes Antipas, die Stadt, in der umfangreiche Wiederaufbaumaßnahmen fällig wurden, recht bezeichnend in „Autocratoris“ um. Ist dies das Ambiente für eine unbeschwerte Kindheit auf den umliegenden Dörfern?

Der heranwachsende und sich geistlich bildende Jesus erinnerte sich an die gesamte biblische Geschichte seines Volkes als an seine eigene Geschichte – und erkannte dabei immer deutlicher, dass das „Himmelreich“ den Kindern gehört. Jesu Blick auf die Kinder sollte daher immer unser Urteil lenken über alle Versuche der „Erwachsenen“, der vermeintlich „Reifen“ – vielleicht auch nur „Überreifen“? -, mit menschlicher Kunst und Weisheit, wissenschaftlich oder politisch, Welt und Menschheit zu beglücken, zu befrieden, zu befreien.

Wenn Jesus Gott als „Vater“ vorstellt, werden wir damit vor allem auch an unsere Kindlichkeit als an ein spirituelles Gebot erinnert.

Dabei geht es nicht darum, Kinder zu idealisieren. Kinder haben nicht nur gute Seiten; sie sind auch erziehungsbedürftig. Diese Selbstverständlichkeit war für Jesus gar nicht erwähnenswert. Die „Reform“-Pädagogik der 1970er Jahre war für ihn vollkommen unvorstellbar. Es geht um etwas anderes.

Kindlichkeit meint als geistliches Stichwort eben nicht eine Lizenz zu grenzenloser Naivität und metaphysischem „Surrealismus“ in der Theologie. Sondern sie weist darauf hin, wie deutlich man gerade Kindern, die sich ihrer eigenen Unfertigkeit tief bewusst sind, im Zuge ihrer religiösen Erziehung aufzeigen kann und muss, dass echtes religiöses „Glauben“ eben nicht ein irgendwann ein für allemal fertig geschnürtes Paket („depositum fidei“) von Bekenntnissen, Positionen und Definitionen, sondern eine lebenslange dynamische geistig-seelisch-soziale Wachstumsperspektive ist. Das ist es, woran wir uns erinnern sollen, wenn wir von Jesus aufgefordert werden, uns auf unsere bleibende innere Kindheit zu besinnen.

Genau durch diese Wachstumsperspektive – und nur durch sie – wird das geistliche Kindbleiben zur Quelle nicht nur für den oder das Glauben, sondern auch für Liebe und Hoffnung, für (Ur-)Vertrauen und (Ur-)Trost. Die „einzelne“ Liebe, die „einzelne“ Hoffnung, der „einzelne“ Trost kann immer überholt werden. Wenn man das ein paar Mal erlebt hat, weiß man es. Aber hinter allen diesen „Fällen“ waltet ein einziges, großes geistiges Prinzip der Kontinuität, das kapabel ist, mit allen neuen Herausforderungen unseres Lebens stets sinnstiftend mitzuwachsen. Wenn man einmal bloß angefangen hat, ernsthaft religiös zu werden, weiß man auch dies. Auch wenn wir etwas weiter vorausliegende Wachstumsziele dabei konkret noch gar nicht absehen, wissen wir im wahren Glauben doch schon – auf eine ahnende Weise von Wissen -, dass sie zu ihrer Zeit da sein und nicht fehlen werden. Genau wie das Kind, das sich nicht vorstellen kann, erwachsen zu sein, aber doch mit völliger Gewissheit darauf vertraut, es zu werden, auch wenn es in seinem gegenwärtigen Augenblick noch nicht einmal die Logik des Prozesses dorthin überblickt.

Nur diese Haltung vermag letztlich auch unsere Traumata zu heilen, oder jedenfalls sie zu depotenzieren, zu inaktivieren und die „Lecks“ zu schließen, die ein Trauma in unsere seelische Energie geschlagen hat.

Freud meinte, mit dem Alter von etwa sieben Jahren sei ein wesentliches Kapitel unserer frühkindlichen seelischen Beschädigungen unwiderruflich abgeschlossen und könne nur noch therapeutisch behandelt und aufgearbeitet werden. Jesus meint das nicht. Jesus meint, wir können dieses Kapitel jederzeit wiedereröffnen, um es zu korrigieren, indem wir es auf seiner eigenen Grundlage positiv fortschreiben, als hätten wir es nie verlassen. Und zwar ohne Jahre auf der psychoanalytischen Couch – und effektiver als diese. Der Weg dahin ist das Verständnis des geistlichen Kindbleibens im Sinne Jesu.

Es wird heute viel von der „Schlüsselkompetenz“ der „Problemlösungsfähigkeit“ gesprochen. In den beruflichen Kontexten, in denen dieses Stichwort fällt, verharrt das, was damit gemeint ist, aber auf einer rationalen, einer rein intellektuellen Ebene. Es gibt im Leben viel größere Probleme zu lösen als die beruflichen. Die wirklich großen Dilemmata menschlicher Existenz bewegen sich weit jenseits aller befriedigenden vernünftigen Durchdringbarkeit. Es ist die spirituelle Besinnung auf das ewige innere Kind, die in solchen schwierigsten Zusammenhängen die entscheidende intuitive menschliche Problemlösungskompetenz konstituiert.

Auch die Bibel war mal neu

Die Orthodoxen sagen: Nichts Neues! Die ihrer Meinung nach falsche Tendenz zu Neuem in der Kirche entstehe dadurch, dass jeder Einzelne meine, die Heilige Schrift nach seinem eigenen Verstand interpretieren zu dürfen. Dies sei darum nicht gestattet, weil die Kirche (Geburtstag um das Jahr 30) um rund ein Dritteljahrtausend älter ist als das Neue Testament (kanonischer Geburtstag um das Jahr 360) und deshalb die alleinige Deutungshoheit über „ihre“ Schrift besitzt. Aber wie wäre denn dann die kanonische Bibel überhaupt in die Kirche gekommen, wenn nicht der Geist ständiger spiritueller und theologischer Innovation konstitutiver und struktureller Bestandteil der alten Gemeinden gewesen wäre? Neuerung verwerfen heißt die Bibel verwerfen. Neuerung ist gewiss immer auch gefährlich; aber die Bibel verlangt auch inhaltlich von uns, mit der Gefährlichkeit des Lebens zu leben, anstatt der Gefahr in einem idyllischen Missverständnis von Frömmigkeit auszuweichen. Die Kirche ist auch ein schützendes, bergendes Haus, und das ist gut und wichtig; aber das Gebäude ist nicht das, worin sie letztlich besteht – und zwar weder das architektonische noch das dogmatische oder das liturgische Gebäude. Dieser Standpunkt ist übrigens keineswegs „evangelisch“, er ist ganz katholisch.

Theologie nach dem Exempel des „decken Pitter“

Der „decke Pitter“, die große Kölner Domglocke, wird seit ihrem Klöppelbruch, heißt es, von einem Computer in ihrem Schwingkreis begrenzt, damit sie nicht den ganzen Turm in kritische Schwingung versetzt. Was für ein schönes Beispiel für den Einsatz modernster Wissenschaft zum Wohl der Kirche. An den richtigen Stellen ist es durchaus ein Segen, wenn mittels Computern Theologie gemacht wird. Wenn man etwa den mittelalterlichen Schwingkreis der Spekulativität und Deduktion in der Theologie jetztzeitlich-nüchtern begrenzt, muss das keineswegs eine Begrenzung für den echten Schwingkreis des Geistes bedeuten – im Gegenteil.

Vignettensammlung August 2014

Vielleicht ist es wirklich gar nicht schlimm, wenn Religion als Fach an den öffentlichen Schulen nicht mehr vertreten ist. Die Menschen interessieren sich am meisten für das, was sie nicht in der Schule lernen konnten, z.B. für ihre Gesundheit. Wenn Schüler (trotz Schule) noch genügend Zeit haben, etwas über ihre Gesundheit zu lernen, dann über Religion erst recht.

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„Weltnähe“ des Lebens und Denkens schien mir immer erstrebenswert; aber ihre „Weltnähe“ kann eine Person auch ruinieren, wenn die Menschenwelt entgrenzt, amorph, „über-plural“ geworden ist – so wie heute etwa. Eine Zeit wie die jetzige muss zwangsläufig eine Menge relativer „Eremiten“ hervorbringen, deren Charaktere sich zu anderen Zeiten eher munter ins Getümmel stürzen würden. Aber genau das sind die „guten“ unter den sozialen und mentalen „Insulanern“: die, die nie vergessen, dass sie eigentlich zur „Weltnähe“ bestimmt sind – wenn diese nicht temporär zerstörerisch wäre.

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Wenn man sich mit der inneren Einstellung eines antiken kynischen Philosophen zum Ziel setzt, äußerlich angepasst und unauffällig zu leben – während jene notorisch hemmungslose Provokateure waren -, mag man diese Haltung mit einigem Recht christliche Lebenskunst oder gar christliche Moral nennen; aber den eigentlichen Kern des Christseins, der so wenig wie irgendeine andere echte Religion in Moral oder Lebenskunst besteht, berührt diese Haltung noch gar nicht.

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Wie in so vielen Bereichen der Gesellschaft hat auch in der Kirche die allgemeine Entwicklung gegenwärtig die Tendenz, „scherenartig“ zu verlaufen, zum Beispiel hinsichtlich theologischer Qualität: Die „Spitzen“ werden immer exzellenter – aber zugleich zahlenmäßig weniger -, die Masse immer mediokrer. Die hervorragenden Theologen spielen kaum noch eine öffentliche Rolle, während die „Normalchristen“ von „ihrem Glauben“ zunehmend keine Ahnung mehr haben und er ihren Alltag auch nicht mehr bestimmt. Vielleicht ist auch in dieser Hinsicht das, was seit etwa 1950 in Deutschland passiert, einigermaßen sinnvoll zu vergleichen mit dem, was seit etwa 450 im alten Rom geschah. 529 schloss Kaiser Justinian die platonische Akademie in Athen und Benedikt gründete Monte Cassino. Wie werden wir in fünfzehn Jahren auf das tausendfünfhundertste Gedenkjahr einer damals in ihrer Zeit und Situation angemessenen kulturpolitischen Reaktion für unsere eigene Zeit und Situation angemessen reagieren?

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Klerikale Seelsorger predigen den Menschen sehr gerne, wie wichtig diese als Einzelne seien. Darin spiegelt sich auch ein Typisches der klerikalen Persönlichkeit wider. Außerinstitutionelle (also wirkliche) spirituelle Lehrmeister hingegen konfrontieren ihre Zuhörer viel eher damit, von wie geringer Wichtigkeit alles „Persönliche“ nur ist, nur Teil einer flüchtigen Welt vergänglicher Formen. Beides zugleich ist wahr. Aber das Zweite würde sich nicht so insistiv als notwendig erweisen, wenn das Erste nicht amtskirchlich-amtstheologisch so ubiquitär überzogen würde.

Bund und Segen – noch ein Beitrag zum Verständnis des Alten Testaments

Das Alte Testament wirft genau besehen die Frage auf, worauf es mehr ankommt:

– auf den moralisch begründeten Bund (b’rit) mit Gott, wie bei Noah;

– auf diesen allgemeinen ethischen Bund in Verbindung mit einem besonderen, erwählenden Segen, wie bei Abraham;

– oder insbesondere auf den speziellen göttlichen Segen (b’rachah) in der ritualisierten Form seiner Weitergabe vom Vater auf den Sohn, in welcher Form dieser besondere Segen sogar gewisse („kleinere“?) moralische Grundsätze des Bundes hintan stellen kann – wie bei Jakob.

B’rit und b’rachah sind natürlich sprachlich und damit auch gedanklich im Hebräischen engstes verwandt: Wir haben es hier nicht mit zwei verschiedenen Konzepten, sondern mit etwas unterschiedlichen Ausprägungen oder Entwicklungsstufen des im Grunde immer noch selben Konzeptes zu tun. Dies scheint zumindest das Selbstverständnis der Bibel zu sein. Aber wie denken wir selbst darüber?

Das erste Buch der Bibel, in dem alle diese Geschichten – Noah, Abraham, Jakob – erzählt werden, ist die genuine Domäne einer der beiden miteinander theologisch rivalisierenden Parteien, deren großer Dualismus den die ganze hebräische Heilige Schrift durchziehenden und sie „paradox integrierenden“ Spannungsbogen konstituiert: Die hier tonangebenden „aaronidischen“ Verfasser der sogenannten „Priesterschrift“ profilieren sich ganz allgemein durch Betonung des Kultes, durch das Programm „Gesetz und Kult“ in dem Sinne, dass im Mittelpunkt des Gesetzes das Kultgesetz steht; Sinn des Erzählens ist in ihrem Werk eine Darstellung des geschichtlichen Wachstums kultischer Institutionen. Für diese Autoren stellte die Entwicklung von Noah über Abraham zu Jakob offenkundig eine qualitative Steigerung des religiösen Lebens dar.

Im Gegensatz dazu steht für die „deuteronomistische“ Theologie der „Zadokiden“ die Betonung des Gesetzes als Instrument irdischer Gerechtigkeit, der Moral und der sozialen Ordnung im Vordergrund; Sinn des Erzählens ist für die „Deuteronomisten“ ein historisches Exemplifizieren des Tun-Ergehen-Zusammenhangs.

Letztere hatten also an der „priesterschriftlichen“ Geschichte Jakobs und seines Linsengerichts gewiss einiges auszusetzen.

Weite Begriffe

In der Regula Benedicti (Kap. 58, Aufnahme-Ordnung) heißt es: „suscipiendus (…) promittat de stabilitate sua et conversatione morum suorum et oboedientia“.

Weil daraus die drei distinkten benediktinischen Ordensgelübde „Sesshaftigkeit“, „klösterlicher Lebenswandel“ und Gehorsam wurden, wurde im Rückschluss in diese Stelle immer wieder eine hohe Aussagepräzision hineingelesen, die sie ursprünglich nicht besitzt.

„Stabilitas“ bedeutet zunächst nur ganz allgemein Beständigkeit, Nicht-Sprunghaftigkeit in dem Wunsch, ein Mönch im Kloster Benedikts zu werden. „Conversatio“ heißt schlicht „Hinwendung“. So lautet etwa der erste Satz des 58. Kapitels: „Noviter veniens quis ad conversationem, non ei facilis tribuatur ingressus… – Wenn einer neu ins Kloster kommen will, soll ihm der Eintritt nicht leicht gemacht werden…“. „Conversatio morum“ meint dementsprechend, dass nicht nur der äußere, sondern auch der innere Mensch sich der neuen Lebensform zuwenden soll.

Wenn eine Lebensregel echt christlich ist, dann muss sie notwendig für jeden Christen einen guten Sinn haben. Das heißt nicht, dass sie für jeden Christen exakt denselben positiven Sinn entfalten muss – aber einen positiven. Das heißt, dass der zitierte Satz der Regula Benedicti auch für denjenigen Christen eine wichtige Botschaft enthalten muss, der sich nicht zum monastischen Leben berufen weiß. Die Benediktiner leiten ihre ganz spezifischen Gelübde daraus ab – was aber entnehmen wir anderen daraus?

Wer auf die unverbindliche Vielfalt seiner eventuellen Möglichkeiten verzichtet, um irgendein konkretes Leben auf religiöser Grundlage zu verwirklichen, und diesem seinem gewählten Ansatz mühebereit treu bleibt, solange ihn nicht der Druck größter objektiver Widrigkeiten bewegt, ihn vernünftigerweise zu ändern, entspricht durch diese Haltung der von Benedikt geforderten frommen stabilitas.

Wer immer nicht nur sein Äußeres, sondern auch sein Inneres möglichst ganz und konsequent einer konkreten individuellen Verwirklichung seines Christseins zuwendet, vollzieht conversatio morum.

Und wer immer konsequent jener inneren Stimme folgt, die aus der Ausrichtung auf Spiritualität als leitenden Lebensmaßstab heraus vernehmlich wird und sich dabei gelegentlich auch in anderen Personen manifestiert, leistet oboedientia im Sinne Benedikts.

Ebenso ist beispielsweise tatsächlich jeder Christ dazu aufgerufen, in einem gewissen Sinne „zölibatär“ zu leben: Nämlich in dem Sinne, dass eine Ehe, eine Liebespartnerschaft, eine Familienidentität nicht zu einem égoisme à deux / à trois / à quatre… (oder wie viele Glieder die betreffende Familie in diesem engen Sinne haben mag) degenerieren, sondern stets für die tiefe empathische Beziehung der fraternitascaritas, misericordia und compassio gegenüber allen anderen Wesen weit geöffnet bleiben soll.

Entsprechend differenzierte Gedanken kann man sich natürlich auch über die je eigene Umsetzung der Idee „evangelischer Armut“ machen.

Kriegsenkel

KNA bringt eine Meldung über die Buchautorin Sabine Bode (*1947): Rund ein Drittel der Deutschen leidet bis heute unter Symptomen, die sich auf Weltkriegsbelastungen zurückführen lassen – und zwar auch trans-generationär. Mit den Spätfolgen der Kriegskinder und auch der „Kriegsenkel“ hat Bode sich in mehreren Büchern auseinandergesetzt. Es habe in Deutschland zwar eine intellektuelle Aufarbeitung des Krieges gegeben, aber keine emotionale. Erst im Alter könnten viele Traumatisierte ihre seelischen Beschädigungen erkennen und deren Ursache zuordnen.

Die sogenannten „Kriegsenkel“ – das sind die 1960er- und 70er-Jahrgänge – litten häufig „unter unerklärlichen Ängsten und einem unsicheren Lebensgefühl, für das ihr bisheriges Leben gar keinen Grund bietet“. In vielen Fällen seien sie mit dem Gefühl aufgewachsen, ihre Eltern aufgrund deren unverarbeiteter Traumata stabilisieren zu müssen. „Das ist eine Überforderung, die lebenslang anhalten kann“, so Bode. Eltern mit Kriegstraumata falle es zudem schwer, empathisch auf ihre Kinder einzu- gehen: „Die Hilflosigkeit und Angewiesenheit des Kindes rührt ihr eigenes Empfinden von unterdrückter Hilflosigkeit und Bedürftigkeit an.“ Das Bewusstsein für die Problematik wachse. Inzwischen gebe es mehrere Selbsthilfegruppen, und Psychotherapeuten bildeten sich entsprechend weiter. Eine umfassende Untersuchung über Kriegskinder und -enkel existiert laut der Autorin bislang allerdings nicht.

Ich selbst weiß mich von exakt dem, was Bode beschreibt, ohne jeden Zweifel exemplarisch betroffen. Die vielen Einzelheiten, die das begründen, mag ich hier nicht ausführen. Mir geht es an dieser Stelle um eine allgemeine Erwägung:

Wenn man die Weitergabe tiefer psychischer Konditionierungen durch einschneidende äußere Erlebnisse über Generationen hinweg in Betracht zieht, projizieren die derzeitigen Vorgänge im Irak, in Syrien, Israel, Afghanistan, der Ukraine, sowie in weiteren Ländern, von denen wir momentan weniger reden – aber leider ganz sicher sehr bald wieder mehr reden werden -, ein nur umso düstereres Bild der Zukunft: Spätestens jede zweite Generation ist mit menschengemachten grausamen gesellschaftlichen Katastrophen konfrontiert – wann soll sich die „Kollektivseele“ davon jemals erholen?

Das ist es, was unter anderem Eckhart Tolle den starken „kollektiven Schmerzkörper“ nennt.

Psychotherapeuten werden „die Menschheit“ unter diesen Umständen niemals heilen können. Ihr Ansatz kann im Einzelfall entscheidend helfen – politisch und geschichtlich ist und bleibt er dennoch kategorisch wirkungslos.

Die einzige Chance einer grundlegenden menschengesellschaftlichen Verbesserung besteht darin, die Zahl derer zu erhöhen, denen es gelingt, auf das Bewusstwerden ihrer „konstitutiven“ Traumatisierung anstatt mit pathologischen mit spirituellen Konsequenzen zu reagieren. Dies ist der einzige echte Ausweg aus dem circulus vitiosus des kriegerischen Menschheitselends.

Nur unter dieser Option ergibt das, was der Menschheit seit Jahrtausenden widerfährt, auch überhaupt irgendeinen „Sinn“: Alles Geschehende dient letztlich nur dem Zweck, dass wir innerlich wahrhaft „erwachen“ mögen. Vielleicht wachen wir in diesem Sinne in Wirklichkeit nämlich erst dann auf, wenn unser „Wecker“ besonders schreckliche Geräusche macht.

Walter Kardinal Brandmüller spricht

Der 85-jährige emeritierte deutsche Kardinal Walter Brandmüller, ehemaliger Vorsitzender des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften, äußert sich im Interview mit der Hamburger Zeitschrift „Zeit Geschichte“ zu einigen kritischen Themen.

Zunächst über die Begeisterung um Papst Franziskus: „Das ist oberflächlich. Wäre diese Bewegung eine religiöse, wären die Kirchen voll.“

Das stimmt teils-teils. Die Begeisterung etlicher für Franziskus geht sehr wohl sehr tief, und sie gehen so lange nicht in die Kirche, solange dort Männer wie Brandmüller autokratisch regieren, deren Regime sie unendlich satt haben und das sie auch nicht mehr im mindesten als im Einklang mit theologischen Notwendigkeiten ansehen.

Zur Diskussion um Zölibat und Frauenpriestertum: „Wir ziehen bezüglich des Glaubens klare Grenzen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Laissez-faire, Laissez-aller würde bedeuten, der Zerstörung der Kirche von innen tatenlos zuzusehen.“

Die letztere Ansicht teile ich nicht – ein bisschen Vertrauen auf den Heiligen Geist ist schon o.k., Herr Kardinal -; aber im Vergleich mit allzu vielen seiner Amtsbrüder ist diese Haltung wenigstens von erfreulicher Klarheit und schätzenswertem Mut zur Positionierung. Wie sagte Oscar Wilde? „Parteinahme ist der Anfang der Aufrichtigkeit.“ Seit bevorzugt die glattesten Mediengesichter unter den Klerikalen in den Episkopat aufsteigen, lernt man für die Knorrigkeit alter Schule fast schon dankbar zu sein.

Über Ökumene: „Nach wie vor ist die Kirche im Sinne Luthers eine rein geistige Größe. So bleibt der Protestantismus im Widerspruch zum katholischen Glauben.“

Das stimmt – allerdings ist es ziemlich unwichtig verglichen mit Joh 17,21ff: „Alle sollen eins sein…“. Wenn Jesus erfährt, dass wir die von ihm gestifteten offenen solidarischen Mahlgemeinschaften nicht einmal unter Christen noch bedingungslos fortsetzen wollen, weil wir uns über theologische Brotrezepte und Winzerweisheiten nicht einigen können, wird es garantiert richtig eng mit eschatologisch feuerfesten Ausreden – da schützt auch keine Staatsgrenze rund um den Vatikan.

Und schließlich zum Zeitgeist: „Die Moderne fragt nicht: Was ist wahr?, sondern: Was nützt es? Ist es machbar? Pragmatismus und Utilitarismus sind die großen Häresien der Gegenwart.“

Abgesehen davon, dass „Moderne“ für einen Historiker eine putziger Ausdruck ist, wenn er vom Heute sprechen möchte, ist diese Feststellung schlicht und einfach zutreffend.

Und damit wäre also ein halbwegs versöhnliches Ende gefunden.

Wir „fördern“ uns zu Tode

Forscher der University of Colorado in Boulder haben Kinder mit und ohne total verplante Freizeit hinsichtlich der Fähigkeit verglichen, „eigene Ziele zu verfolgen“. Dabei schnitt die Selbständigkeit derjenigen, die nicht mittels eines lückenlos durchstrukturierten Terminkalenders „gefördert“ wurden, besser ab.

Die Kirche ist ein Ort des Freiraums. Man wird kaum vernehmlich genug mittels dieser neuen Studie an der Hand darauf hinweisen können, dass eine kirchliche Jugendgruppe wirklich eine hervorragende Alternative zu Sporttraining, Klavierstunde, Schachturnier & Co. ist.

Kann Kunst Politik bewegen?

In Lindau tagten die Nobelpreisträger, und Mario Vargas Llosa beklagte den Rückzug der Intellektuellen ins Private; viele seien völlig unpolitisch („Schwäbische Zeitung“, Samstag). Künstler seien „pessimistisch, weil sie nicht glauben, dass Kunst die Geschichte ändern oder das politische Leben beeinflussen kann“. Er hielt dem die 70er- und 80er-Jahre entgegen.

Das sind typische Illusionen eines Bildungsbeflissenen, dessen Kulturbegriff sich völlig aufs Säkulare beschränkt oder reduziert hat.

Damit will ich nicht behaupten, über die Religion könne Kunst unmittelbarer Einfluss auf die Politik nehmen. Aber religiöse Menschen erkennen den einzigen Zusammenhang, über den Kunst tatsächlich politisch wirksam werden kann, bejahender und zufriedener an und nutzen ihn daher als Künstler produktiver aus. Und dieser Zusammenhang stellt sich wie folgt dar:

Sehr große künstlerische Werke können eine gesamte Kultur prägen, und die dadurch bestimmten Aspekte der Gesellschaft beeinflussen dann auch feststellbar deren politisches Geschehen. Eine solche Wirkung eines Kunstwerks zeigt sich aber gegebenenfalls frühestens nach etwa zwei Jahrzehnten. In dem Moment, in dem er es schafft, kann sein Schöpfer diesen Einfluss nie voraussehen. Zudem handelt es sich in solchen Fällen bezeichnenderweise zumeist gerade um Kunstwerke, die auf jeden direkten politischen Anspruch bewusst verzichtet haben. Dadurch wurden sie in erforderlicher Weise zeitunabhängig.

Religiöse Menschen denken in größeren zeitlichen Zusammenhängen als nichtreligiöse, für die kaum Relevanz hat, was sich nicht innerhalb der Lebenszeit eines einzelnen Individuums von Aussaat bis Ernte vollständig manifestiert. So bleibt dem nichtreligiösen Menschen in punkto politische Kunst in der Tat nur die Alternative zwischen Illusionen und Pessimismus, denn sein Leben ist zu kurz für das, was er sich mit Mario Vargas Llosa von der Kunst für die Politik erwarten mag.

Ein ernsthafter Künstler muss die Gesellschaft bewegen wollen, nicht die Politik, geschweige denn die Geschichte. Politik und Geschichte sind nur sekundäre und tertiäre Folgen des Gesellschaftszustandes. Wer aber diese simple Einsicht für eine pessimistische Sichtweise hält, ruiniert mit dieser seiner Ideologie nur die Kunst – nichts weiter. Die Gesellschaft aber ist das, was vor und nach aller Politik und Geschichte immer schon und immer noch und zur Not auch ohne alle Politik und Geschichte existiert, und vor und nach dem Individuum und ohne es. Aus einem einfachen Grund: Weil der Mensch ein Wesen ist, das nicht alleine leben kann.

Der Fehler jener großen Zahl heutiger Künstler, von denen Vargas Llosa spricht, liegt nicht im Unpolitisch-Sein, sondern im Pessimistisch-Sein. Für einen religiösen Menschen gibt es keinen Grund, pessimistisch zu sein, nur weil er erkennt, dass die derzeit gesellschaftsüblichen Erwartungen an die Heilsmächtigkeit der Politik weit übertrieben sind.

Dem religiösen Menschen bietet die Religion einen anderen, eigenen Hebel, den er an politische Fragen ansetzen kann. Er braucht sich diese Funktion nicht von der Kunst zu erwarten – auch als Künstler nicht. Die Kunst wird mit dieser Erwartung immer überfordert sein.

Gänswein und Gottesmutter

„Zum Glück gibt es andere Länder, in denen sich mehr Früchte zeigen, weil die Marienfrömmigkeit eine intensivere Rolle spielt“, sagt Kurienerzbischof Georg Gänswein über sein Heimatland („Tagespost“, Samstag). Mögliche Auswüchse einer Volksfrömmigkeit, die ausschließlich im Gefühlsbereich bleibe, müssten freilich „versäubert und abgeschnitten“ werden. (Hä? Was ist denn das für eine Sprache?)

Jedenfalls: Eine Marienfrömmigkeit kann ohne Zweifel spirituell sehr viel Sinn ergeben. Aber die penetrante und doktrinär nötigende Art und Weise, in der Personen wie Gänswein auf ihr als theologischem Gedanken insistieren, hat einen Hautgoût, einen unangenehmen Beigeschmack: Allzu offensichtlich, ja aufdringlich geht es solchen Äußerungen darum, mit Marienverehrungsfleiß als vermeintlichem Maßstab rechten Glaubenseifers kirchlich konservative Profilierungspolitik zu betreiben, für die die Gottesmutter längst zu einem unangemessen vereinnahmten (Pseudo-)Symbol, einem Schibollet, einem „Schlachtruf“ avanciert ist.

An einer solchen Existenz, meine Herren, hat Maria keine Freude. Sie will ohne jede Absicht, ohne jeden Hintergedanken verehrt werden. Denn die absolute Lauterkeit, die Teilnahmslosigkeit gegenüber jeglichen Kalkülen, ja „Uninteressiertheit“ einer gleichwohl – und dadurch erst recht – positiv-dynamisch-vitalen Hingabe des menschlichen Daseins an sein von Gott getragenes, weil von Gott bestimmtes „Schicksal“ – das genau dadurch und nur dadurch eben gerade kein „Schicksal“ mehr ist – ist das Eigentliche, wenn nicht Einzige, was Maria wirklich mit tiefster Wahrheit symbolisiert.

Ich möchte es an Deutlichkeit nicht fehlen lassen: Im lautstarken Munde von vatikanischen Kirchenpolitikern empfinde ich den Aufruf zu mehr Marienfrömmigkeit als abstoßend. Mit ihren prunkliebenden Karrieren repräsentieren diese Kirchenfürsten nicht die konstitutive Demut Mariens, die solche Äußerungen angemessen erscheinen lässt.

(Ausdrücklich möchte ich den emeritierten Pontifex von dieser Kritik ausnehmen, dem ich seine gelehrte Frömmigkeit sehr wohl glaube. Der gegenwärtige war sowieso von Anfang an der kuriose Anti-Typus eines Karrierepriesters, der im Extremfall zwar Papst werden kann, aber niemals Kurienfunktionär. Insofern war sein Vorgänger vielleicht genauer betrachtet sogar die größere Kuriosität.)