Das Dilemma der Träume

„Die Realität ist für die, die ihre Träume nicht aushalten“ war ein Spielzeit-Motto, das auf einem großen Transparent am Portal des Residenztheaters prangte.

Ein geistiger Schlachtruf von zweifellos poetischem Format, und auf den ersten Blick auch von verlockend Zustimmung heischender Subversivität.

Aber auf den zweiten Blick? Es werden darin „die Träume“ gegen „die Realität“ gestellt – und zwar auf derselben Ebene der Wirklichkeit.

Das hat unvermeidlich zur Folge, dass „die Träume“ und „die Realität“ anfangen, eine dilemmatische Alternative zu bilden.

In diesem Sinne hat ein religiöser Mensch keine „Träume“ oder „Visionen“; sondern er verfügt stattdessen sozusagen über eine andere „Beleuchtung“ für die Realität.

Am häufigsten begegnet mir persönlich dieses Thema in Gestalt der unzähligen Vorschläge, wie sich die wirtschaftliche Arbeitswelt humaner, ansprechender und „alternativer“ gestalten lässt.

Einige dieser Vorschläge mögen in der Tat praktikabel bis genial und können sich meiner leidenschaftlichen Unterstützung gewiss sein.

Aber die Mehrheit der betreffenden Ideen sind „Träume“ im „suboptimalen“ Sinne, die sich von der „Realität“ nicht genügend durch die vorrangige Qualität einer „anderen Beleuchtung“ unterscheiden. Sie werden in genau demselben fahlen Licht geträumt, in dem die „Realität“ tagt. Und selbst die tatsächlich genialste Version einer „Alternative zur Realität“ bedarf fundamental jener Qualität des „anderen Lichtes“, um tatsächlich eine Alternative zu sein.

Denn eine echte Alternative kann in Wahrheit immer nur sein, was kein Dilemma verursacht.

Nichtreligiösen Menschen wird sich diese Wahrheit aber immer nur schwer erschließen.

Altar Ego

Wie gering der Abstand sein kann zwischen „Hosianna!“ und „Kreuzige ihn!“, ist eine sprichwörtliche Feststellung. In liturgischer Zeitrechnung erstreckt er sich nicht weiter als von Palmsonntag bis Karfreitag. Abgesehen davon, dass in historischer Wirklichkeit weder Jesu Weg nach Jerusalem hinein noch seinen Weg aus Jerusalem heraus tatsächlich Menschenmassen gesäumt haben dürften – zumindest nicht solche, die tatsächlich dezidiert seinetwegen dort anwesend waren -, hat die betreffende Komposition der Evangelien natürlich eine theologische Botschaft.

Es ist interessant, wie diese Botschaft im heutigen Zeitalter individualistischer Religiosität ausgedeutet wird: Wären die einzelnen Rufer – so lautet gemeinhin der Tenor – persönlich gebildeter, entwickelter und reflektierter gewesen, hätten sie kein so widersprüchliches Verhalten an den Tag gelegt, hätten sie sich zumindest am Freitag selbstkritisch erinnert, was sie am vergangenen Sonntag noch riefen. Jüngsthistorisch sensibilisiert für die Psychologie der Massen, halten wir ganz selbstverständlich dies für das Thema dieses Aspekts der Passion Jesu. Dabei hat diese Annahme bei unbefangener Betrachtung kaum Plausibilität für sich. Denn es hat – um den Einwand hiergegen nur knapp anzudeuten – auch eine Anzahl prominenter hochgebildeter Denker den mörderischen Massenphänomenen des zwanzigsten Jahrhunderts mangels der richtigen Art von individuell-persönlichem kritischem Bewusstsein zugesprochen (fast tut es mir leid, hier schon wieder die gerade wegen ihrer anderweitigen Rühmlichkeit in dieser Hinsicht besonders unrühmlichen Namen Martin Heidegger, Carl Gustav Jung, Gottfried Benn und Knut Hamsun wiederholen zu müssen). Außerdem sind es gerade die Angehörigen der „Intelligenzija“, die dazu neigen, flexibel ihre Meinung zu wechseln – prinzipiell wesentlich bereitwilliger als das sogenannte „einfache Volk“.

Die von Esoterikern so gern und viel im Munde geführte „Bewusstheit“ oder „Achtsamkeit“ ist tendenziell deshalb erheblich egozentrisch, weil sie meist impliziert, die kosmische Balance aller Dinge und Ereignisse müsse sich innerhalb des Erfahrungshorizonts jedes einzelnen Individuums abbilden, innerhalb eines einzelnen Daseins müssten sich alle „Aktiva und Passiva“ der Existenz (sozusagen) gerecht ausgleichen. Das ist aber nicht der Fall. Der große Ausgleich, die letzte „Harmonie“ repräsentiert sich im Ganzen des Universums – nicht unbedingt innerhalb von dessen „Partikeln“. Diesen Umstand reflektiert die christliche Theologie durch den bei Esoterikern so unbeliebten Begriff des „Opfers“, präfiguriert im Kreuz Christi: Ein Wesen gleicht die Daseinsbilanz des anderen aus. Diese Aussage darf man freilich nicht kalkulatorisch auffassen. Auch für einen christlichen Mystiker können „Bewusstheit“ und „Achtsamkeit“ zentrale Ausdrücke sein. Aber hier muss man sich vor Missverständnissen hüten, die sich aus subtil unterschiedlichen kontextuellen Auffassungen dieser Begriffe ergeben können.

Viele Menschen beachten andere aus Egozentrik überhaupt nicht. Sie meinen es nicht böse; sie verhalten sich hochgradig unbewusst. Manche Menschen wiederum beobachten andere sehr genau aus Argwohn und Furcht, die aus Verletztheit und Neid oder Eifersucht herrühren. Ihr Blick auf andere ist hauptsächlich wertend, taxierend. Nur wenige schauen anderen mit liebevoller, offener, freier, gelassener Freude an der Vielfalt der menschlichen Form zu. Dies wird möglich, indem einer auch im Anderen, wie in sich selbst, das „Ich“ nicht mehr so stark im Vordergrund sieht. Diese Art von Blick ist in umso höherem Maße „spirituell“ zu nennen, in dem er das Ego der Anderen und dessen Äußerungen auch dann zu ignorieren vermag, wenn jene selber subjektiv – und sogar „affirmativ“ – ganz und gar davon beherrscht sind. Am reifsten erweist sich dieser Blick in der Liebe zu denen, in deren Haltungen und Handlungen sich in den Augen der zweiten beschriebenen Gruppe „mutwillig das Böse“ zu äußern scheint.

Ohne meine Thematik im Großen zu ändern, schwenke ich nun in den spezielleren Horizont der eben zu Ende gegangenen römischen Bischofssynode ein:

Das Sakrament der Ehe ist ebenso wenig „für alle“ wie das Sakrament der Priesterweihe. Spirituell gesehen geht es darum, zu erkennen, dass diese Exklusivität zweier der sieben Sakramente für uns eine geistliche Erziehung zur Demut sein soll. Durch diesen Vorbehalt soll ebenso wenig ein Mensch mit homosexueller Veranlagung pastoral abgewertet werden, wie durch das Sakrament der Priesterweihe ein Mensch klerikal aufgewertet werden sollte. Vielleicht ist es wichtig, mit der kirchenkulturellen Zurückdrängung der bis dato üblichen exzessiven Klerikalismus-Begründung durch die Priesterweihe anzufangen, um infolgedessen indirekt auch die Beschränkung des Ehesakraments auf heterosexuelle Paare allgemein akzeptabler zu machen. Es muss deutlich werden, dass ein Katholik auch dann, wenn er weder für das Eine noch für das Andere dieser beiden Sakramente in Betracht kommt, ein „Christ erster Klasse“ sein kann und dass umgekehrt weder die Ehe noch die Weihe einen Katholiken per se zu einem besseren Menschen machen. Sondern dies sind funktionale Widmungen des Lebens – unter allen übrigen Sakramenten am ehesten der Krankensalbung ähnlich. Wer glaubt, entweder auf sakramentale Ehe oder auf sakramentales Priestertum einen Anspruch zu haben, sollte sich fragen, warum er dann nicht auch so bald wie möglich die Krankensalbung empfangen möchte?

Dieses Bewusstsein der zu bejahenden Unterschiede zwischen Personen wie zwischen Situationen fehlt unserem kirchlichen Leben gegenwärtig allgemein in fataler Weise. Ich interpretiere dies als in die Kirche hineinreichende Auswirkungen einer einerseits extrem narzisstischen, andererseits zutiefst verunsicherten und fast verzweifelt nach festen, sicheren Orientierungszeichen suchenden Gesellschaft: Man will auf mindestens eines der beiden Sakramente Anspruch haben, weil man es einerseits in völliger Demutsfremdheit gewöhnt ist, alles bekommen zu können, was man will, und weil man andererseits dadurch verlässlich zugesagt bekommen möchte, „wer man ist“. Wenn Gott einem das anders sagen möchte als durch Sakramente, akzeptiert man die Botschaft nicht oder ist nicht einmal offen und aufmerksam genug, sie überhaupt zu bemerken.

Natürlich gibt das überspannte Selbstbewusstsein vieler Kleriker als solcher kein Vorbild dafür, wie ein anderer Geist in der Kirche aussehen und sich anfühlen könnte.

Das eigentliche Problem der katholischen Ehemoral besteht für mich aus kirchlicher Innenperspektive gar nicht in der prinzipiellen Frage nach der Auflösbarkeit der Ehe, sondern in der sehr viel praktischeren Frage, ob die rechtlich denkenden Vertreter der Amtskirche bereit und in der Lage sind, denjenigen, denen gegenüber sie pastorale Funktionen ausüben, Gewissensfreiheit zuzutrauen, oder ob sie nicht davon lassen können, diese bevormunden zu müssen. Ob man, worum es dabei im tieferen Hintergrund der klerikalen Motivationen geht, „Macht“, „Identität“ oder „Ego“ nennt, kommt auf dasselbe heraus.

Eine gesamtgesellschaftliche Außensicht auf die kirchliche Subkultur, in deren Fremd-Perspektive ich persönlich mich relativ mühelos hineinversetzen kann, erwartet von der Kirche hingegen eine hilfreiche Stellungnahme zu ganz anderen, viel fundamentaleren Problemen. Da geht es etwa um eine ethische Bewertung von „social freezing„: um das Phänomen, dass große IT-Konzerne, die ständig geeignetes Personal suchen, ihren qualifizierten Mitarbeiterinnen anbieten, auf Firmenkosten Eizellen einzufrieren, um ihre Mutterschaft auf die Zeit nach dem Karriereende verschieben zu können; um die Frage, was neuartige soziale Phänomene dieser und ähnlicher Art mit unserer Gesellschaft machen und ob wir das wollen, oder jedenfalls, ob wir das hinnehmen können, ohne eine starke Stimme zu erheben, die anmahnt, über dergleichen äußerst gründlich zu reflektieren, und zwar mit mehr als nur mit dem Kalkül-Organ. Bei „social freezing“ kann einem schon soziales Frösteln kommen.

Auf unterschiedlichen Ebenen der Betrachtung bildet sich immer wieder dasselbe Grundproblem ab: Der heutige Mensch – jedenfalls in jener Gesellschaft, in deren Sprache ich schreibe, aber auf die das Problem, glaube ich, nicht beschränkt ist – muss „etwas aus sich machen“. Der Gedanke, Gott könne stattdessen etwas aus ihm machen, ist ihm selbst bei religiösem „gutem Willen“ soziokulturell zutiefst fremd geworden.

Deshalb können die Theologen dieser Gesellschaft es notorisch nicht lassen, „Spiritualität“ durch „Fundamentaltheologie“ ersetzen oder jedenfalls flankierend in sie einschließen zu wollen. Nun ist gegen das akademische Fach „Fundamentaltheologie“ nicht unbedingt etwas einzuwenden; aber dazu ist es nicht da. Diese geistige Usurpation sinnt darauf, Spiritualität in Räsonnement einzulegen wie eine Leiche in Formalin. Denn Räsonieren kommt dem Individualismus entgegen; echte, lebendige Spiritualität nicht.

Deswegen muss diese Gesellschaft erst jüngst wieder darüber hadern, ob eine „Verantwortung vor Gott und vor den Menschen“ in die Präambel der Landesverfassung von Schleswig-Holstein gehört. Als ob die Kieler Landesverfassung uns allen Ernstes über diese Verantwortung irgendwie maßgeblich zu informieren hätte. Nein, bei solchen Streitigkeiten geht es im Kern um die Identitätssuche der allgemein menschlichen Egozentrik, die in Mitteleuropa heute so extrem ausgeprägt ist wie zu keiner uns sonst erinnerlichen Zeit der Geschichte. Früher stand Gott ganz selbstverständlich in allen Verfassungen, und niemanden hat es interessiert; und nur deshalb, weil es damals niemanden interessiert hat, stand er dort richtig. Heute kann eine Verfassung mit dieser ganzen Debatte um „Gottesbezug“ nichts richtig machen – egal wie sie sich entscheidet.

Anlässlich einer „Eremiten-Konferenz“ kam kürzlich in den Medien zur Sprache, dass es in Deutschland derzeit ungefähr 90 Eremiten gibt – Tendenz steigend. Das ist ein gutes Zeichen. Eremiten stützen ihre Verwirklichung einer zutiefst christlichen, zutiefst religiösen Lebensform weder auf das Sakrament der Ehe noch auf das der Priesterweihe. Entweder haben sie keines der beiden Sakramente je empfangen, oder sie machen jedenfalls nicht den Fehler, zu glauben, diese Sakramente könnten ihnen sagen, „wer sie sind“. Die steigende Tendenz der Eremiten-Statistik kann man vielleicht als ein Signal lesen zu dürfen hoffen, dass unsere Gesellschaft nach und nach wieder aufhört, dem menschlichen Ego zu huldigen, und auch die subtilen, listig selbstbetrügerischen Varianten dieses Götzendienstes, denen sie jahrzehntelang unsäglich aufgesessen ist, immer klarer kritisch zu durchschauen lernt.

Gedenktag der Gewalt

Heute vor dreißig Jahren wurde der junge Priester Jerzy Popiełuszko für seine Führungsrolle im gewaltlosen Widerstand von der polnischen Diktatur ermordet. Er ist längst ein offizieller Seliger der katholischen Kirche.

An diesem Gedenktag tobt in Syrien die Schlacht um Kobanê, in der US-Luftstreitkräfte schon seit zwei Wochen die kurdische Abwehr des „Islamischen Staats“ offensiv unterstützen – mit dem moralischen Segen auch der meisten deutschen katholischen wie evangelischen Bischöfe.

Die Frage nach dem Ethos der Gewalt bleibt eines der heißesten Eisen der christlichen Moraltheologie. Alle simplen Antworten sind verdächtig.

Im heutigen Evangelium heißt es: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ (Mt 22,15-22) Das bedeutet nicht zuletzt eine Lektion über das Gewissen und seine Freiheit.

Wer einwendet, politische Entscheidungen würden nicht von Gewissen, sondern von Strukturen getroffen, dem ist zu erwidern: Das stimmt nicht, auch politische Entscheidungen werden von Gewissen getroffen – den Gewissen von Politikern. Der Verweis auf Strukturen ist nur eine Ausrede, die aus christlicher Sicht nicht akzeptiert werden darf. Aber den Politikern muss als solchen eine Freiheit ihres Gewissens ebenso nicht nur zugemutet, sondern auch zugestanden werden wie jeder Privatperson in ihren Angelegenheiten.

Und wer nun kontert, dies sei nicht gerade ein idealer Begriff von politischem Handeln, dem sage ich, dass ein ideales politisches Handeln überhaupt nicht existiert und dass es nicht Gegenstand einer christlichen Sicht auf die Welt ist, ein ideales politisches Handeln zu entwerfen.

Politiker müssen flankiert werden von einer Kultur, die die moralischen Standards für ihr Gewissen einfordert. Geschieht dies nicht, ist es nicht den Politikern anzulasten, deren Gewissen aus Sicht der von ihnen Regierten versagt. Eine „gewissensfreundliche“ Kultur muss unvermeidlich religiös bestimmt sein. Es ist Aufgabe aller Religiösen, durch kulturelle Wirksamkeit dafür zu sorgen, dass die Gewissen ihrer Politiker sich an ihre moralischen Standards halten müssen. Andernfalls ist weniger den Politikern die Ausrede auf Strukturen als solche vorzuwerfen als vielmehr jedem, der sich in entsprechender Weise über die moralische Qualität seiner Regierung beklagt.

Zum vorläufigen Ende der Bischofssynode in Rom

Das heute veröffentlichte Abschlussdokument der Synode schafft Atmosphäre: eine andere Atmosphäre, als sie früher von solchen Dokumenten auszugehen pflegte. Offener, zugewandter, demütiger. Das ist immerhin etwas. Einen nennenswerten gegenständlichen Inhalt hat das Papier für mein Empfinden zwar nicht. Ich traue Papst Franziskus aber zu, dass das für ihn tatsächlich nachrangig ist. Er ist offenbar überzeugt, dass eine konstruktive Bewegung der Kirche nur von einem internen Kulturwandel in ihr ausgehen kann. Damit hat er zweifellos recht. Einen solchen Kulturwandel hat die von Franziskus initiierte Synode allein dadurch schon begonnen, dass sie so war, wie sie war. Die bloße Tatsache, dass diese Synode in dieser Form stattfand, hat die Traditionalisten zu ihren „Verlierern“ gemacht. Es wäre angesichts dessen töricht, im Ergebnis der Versammlung nun starke sachliche Konsensformeln zu erwarten. Die Konservativen haben Wunden zu lecken, und der Papst wird sie dabei pflegen. Denn ihn interessiert außer, dass die Kirche sich dynamisch auf den Weg in ihre gesellschaftliche Zukunft macht, vor allem eins: dass sie es einig tut, ungespalten – wie Jesus es unmissverständlich von ihr verlangt.

Für mein Empfinden liegt eine Aura des Tragischen über dieser von vielen mit so viel Freude bejubelten Synode, die zweifellos das einschneidendste Datum der katholischen Kirchengeschichte seit „Humanae Vitae“ (1968) markiert. (Wenn diese Tragik für mich auch eine etwas „distanziert“ erlebte, konkret nicht mit einer melancholischen Stimmung verbundene ist, da genau zur Zeit dieser Synode mein Kind auf die Welt gekommen ist.)

Was geschieht da in Rom? „Progressive“ fordern mit allem Recht mehr pastoralen Anschluss amtskirchlicher moraltheologischer Direktiven an die realen familiären Lebenslagen heutiger Menschen; „Konservative“ ringen dagegen verzweifelt um die Bewahrung der „wahren, reinen“ katholischen Morallehre – und dies (so sehr es manche verwundern mag, mich dies sagen zu hören) in gewisser Hinsicht mit ebenso großem Recht.

Denn ohne Zweifel leben wir heute in jenem „Westen“, der sein kulturelles Herkommen engstens mit christlicher Tradition verbunden sieht, im weitaus extremsten Zeitalter zerrüttender gesellschaftlicher Beliebigkeit, das es historisch jemals gegeben hat. Es kann auch kein Zweifel daran bestehen, dass dieser Umstand für einen großen Teil unserer gewaltigen sozialen Probleme verantwortlich ist – fast möchte ich sagen: für das katastrophale Auseinanderfallen, die fatale Desintegrationstendenz unserer kulturell und moralisch immer weiter „heterogenisierten“ Gesellschaften.

Vor diesem Hintergrund ist es mir ganz persönlich durchaus gut nachvollziehbar und begreiflich, dass manche Vertreter der Kirche in eine theologische „Bunker-Mentalität“ verfallen. Es scheint eine äußerst attraktive Antwortmöglichkeit zu sein, zu sagen, die Kirche müsse sich einfach nur kräftig profilscharf gegen alle zeitgenössisch-systemischen Missstände moralisch positionieren, und die Stärke dazu könne sie einzig aus einer unbedingten, rigorosen, lauteren expliziten Treue zum vermeintlich immer eindeutigen buchstäblichen Sinn ihrer altehrwürdigen Überlieferung beziehen. Dass ein derart literalistischer Ausgangspunkt auf sprach- und semantik-theoretisch weit unterkomplexes Denken rekurriert, lasse ich an dieser Stelle einmal großzügig außer acht.

Denn auch ohne diesen Einwand schätze ich die besagte Haltung immer noch aus genügend weiteren Gründen als verkehrt und irrig ein.

Ich beginne mit dem schon bis zum Verdruss geäußerten und doch immer noch und immer wieder notwendigen Hinweis, welche unermesslichen Güter, und zwar nicht zuletzt geistige und geistliche, wir alle dem postmodernen Modell einer Gesellschaft der Freiheit verdanken, deren unvermeidliche Kehrseite Unsicherheiten sind.

Vor allem jedoch halte ich „Beton-Konservatismus“ für eine gänzlich unwirksame Strategie, wenn es darum geht, unsere kollektiv-zwischenmenschlichen und ethischen Epochenprobleme zu lösen.

Die einfachste und klarste Begründung für diese Unwirksamkeit lautet: Wir befinden uns mitten im historischen Prozess der Kirche. Dieser Prozess hat in Wahrheit überhaupt nie punktuell angefangen, wie unleugbare Fakten deutlich machen: Jesus aus Nazareth war ein orthodoxer Jude und wollte nichts anderes sein als dies. Der neutestamentliche Kanon ist ein Produkt von bereits 300 Jahren Kirchengeschichte, die seiner Fixierung voraus liegen. „Sühneopfer“-Exegese des Kreuzes Jesu – die unter anderem für das heutiger katholischer Ehemoral mittelbar zugrunde liegende Verständnis von Beziehungen zwischen Christen als Realisation des „mystischen Leibes Jesu Christi“ so wesentlich ist – fand erst in Anselm von Canterbury im 12. Jahrhundert eine anerkannte theologische Stimme. Und so weiter, und so weiter. Und dieser Prozess schreitet in Wahrheit auch heute und in Zukunft noch mit genau derselben Dynamik fort, mit der er dies immer schon getan hat und immer tun wird. Die „beständige Ewigkeit“ eines vermeintlich schon „unverändert Jahrtausende alten depositum fidei“ erweist sich dem akademisch redlichen Blick regelmäßig zu 90 Prozent als Chimäre. Ahistorisches theologisches Denken immer bloß deduzierender römischer Dogmatiker verfehlt es, dieser realen geistigen Situation der Kirche und Christenheit gerecht zu werden, wodurch sie auch der sie umgebenden Gesellschaft in kritischen Zeiten nicht mehr gerecht werden kann, und beschädigt die Kirche dadurch nachhaltig.

Ungeachtet all dessen stimme ich jedoch gleichzeitig dem kirchlich „konservativen“ Grundanliegen emphatisch zu, dass jeder „postmoderne“ Mensch dringend Orientierungsmarken gegen die bereits außerordentlich angewachsene und weiterhin zunehmende sozialpathogene Beliebigkeit seiner Lebenswelt benötigt und dass es insbesondere Aufgabe der Religion, der Kirche ist, für solche Orientierungsmarken Sorge zu tragen. Aber die Frage, wie sie das tun kann, muss entschieden anders beantwortet werden als durch simpel-stumpfen theologischen Fundamentalismus.

Nun will ich einen Satz sagen, der in den Ohren meiner allzu erneuerungsbegeisterten amtskirchenkritischen Alliierten unbequem klingen mag: Es ist zutiefst spirituell wahr, dass eine sakramentale Ehe unauflöslich ist, und es ist wichtig, dass die Kirche hierauf vernehmlich hinweist. Nicht nur, weil der biblische Jesus das ausdrücklich so sagt und offenbar auch der historische Jesus es tatsächlich so gesagt hat. Sondern auch, weil es eine existenzielle mystische Erfahrung ist, dass zwei Menschen, die auf der Basis von Liebe eine Familie gründen, eine Verbindung eingehen, die – ob sie beieinander bleiben oder sich trennen – unweigerlich die ganze Persönlichkeit beider für deren gesamtes weiteres Leben unauslöschlich sowohl emotional als auch weit über das Emotionale hinaus bestimmen wird – direkt oder indirekt, offen oder verborgen, ob sie sich dessen subjektiv bewusst sind und ob sie es wahr haben wollen oder nicht. Das sind keine Willkürbestimmungen kirchenamtlicher „Moralapostelei“, sondern das sind tiefste Erfahrungsgehalte allgemein menschheitlicher geistlicher Lebensweisheit.

Dennoch hat die Kirche weitaus mehr theologischen Spielraum, als sie bislang nutzt, was die Frage nach den Standards ihres pastoralen Umgangs mit Ehe und Familie angeht. Hier ist faktisch sehr vieles theologisch sehr wohl möglich, was bisher ohne wirklich gültige Gründe von Rom für unmöglich erklärt wurde. Dies ist der Punkt, an dem eine klerikal-machtbezogene Willkürlichkeit des Kirchenregiments ins Spiel kommt, die ärgerlich ist und endlich überwunden werden muss. Eine pastoral fokussierte Reform der Moraltheologie wird die gesellschaftliche Strahlkraft, mit der die Kirche sich der seelengefährlichen postmodernen Beliebigkeit wertgestärkt entgegensetzen kann, nicht verringern, sondern sie kann diese im Gegenteil sogar noch erheblich vergrößern.

Papst Franziskus gibt ein ganz richtiges Signal: Kein Katholik, kein Christ darf aus dem behutsam zu suchenden Konsens der Kirche mit seiner kritischen Meinung praktisch derart ausbrechen, dass er damit die Einheit der Christenheit aufs Spiel setzt. Denn das würde ein ebenso authentisches Jesuswort verletzen wie eine leichtfertige Bagatellisierung von Ehescheidung.

Bei der Sakramentalität der Ehe geht es eigentlich um die heilvolle geistige Welt, in der unsere Kinder aufwachsen mögen: eine Welt, in der menschliche Beziehungen auch schwerste Krisen zu überstehen, durchzustehen, zu bewältigen, im glücklichsten Falle zu „meistern“ imstande sind. Das vermögen sie allerdings keinesfalls als rein menschlich aufgefasste Institutionen.

Bei der Einheit der Christen geht es freilich letztlich nicht minder um genau dasselbe kostbare Gut. Denn während die über-progressiven Ehe-Bagatellisierer „die eine Seite der Medaille“ gefährden, riskieren die stur-„exklusivistischen“ theologischen „Betonköpfe“ mit der dynamischen Einheit der Kirche sozusagen die andere Seite derselben Medaille, indem sie es aufgeben, sich um eine breitenverständliche „ökumenische“ Erklärbarkeit der spezifisch römischen Lehre zu bemühen. Das sollte man nicht herunterspielen.

An meiner Zugehörigkeit zur innerkirchlichen Partei derer, die sich selber dezidiert die „Reformer“, die „Progressiven“ nennen, bleiben immer gewisse leise Zweifel. Die Zweifel an meiner Nicht-Zugehörigkeit zur Gegenpartei der „Konservativen“ sind etwas geringer. Aber ich kann gegen die Standpunkte und Charaktere dieser „Konservativen“ nicht mit persönlicher Feindseligkeit ankämpfen, wie das manche „progressive Reformer“ leider spürbar ressentimentgeladen tun. Dazu kann ich mich in die oft ebenfalls aus erkennbar sehr persönlichen biographischen Gründen leidenschaftlich Bewahrungs-Bewegten zu gut und wohlwollend hineinversetzen. Und ich bin überzeugt, dass ein zutiefst achtendes, wenngleich keineswegs zustimmendes Verstehen jenem Umgang mit Andersdenkenden entspricht, den Jesus denen ans Herz legt, die bemüht sind, ihm aufrichtig nachzufolgen.

Ein Vorbild in dieser Haltung kann man sich nicht zuletzt an Papst Franziskus nehmen, der in den Synodenpausen angeblich lieber Kekse verteilt hat, als während der Sitzungen mit ihren teilweise wohl scharfen Debatten auch nur irgendeine Meinungsregung zu erkennen zu geben.

Denn dass diese Sitzungen überhaupt stattgefunden haben, mit dem neuen Ton, der da herrschte, ist tatsächlich schon viel.

Binsenliebe

Viele Menschen scheinen zu denken: „Na ja, das ist doch eine Binsenweisheit, dass die Liebe das Wichtigste im Leben ist.“ Wenn Paulus sagt, das Größte sei die Liebe (1Kor 13,13), dann mag man folglich versucht sein, das Christentum für eine Religion der Binsenweisheit zu halten.

Dann mag es einem vielleicht scheinen, als teilte sich die Christenheit in zwei Gruppen: eine größere der naiven Simpel-Geister, die sich eine überschaubare „Religion des Nett-Seins“ zum Vorsatz gemacht haben, und eine kleinere von zwar ebenfalls recht netten, vom bloßen Nett-Sein aber geistig unausgelasteten Intellektuellen, die daher dieser Religion zusätzlich noch einen in der Praxis redundanten theologischen Überbau andichten, dessen Terminologisierungen und Spekulationen im wesentlichen hermetisch-selbstreferentiell sind, ein „Glasperlenspiel“.

Zunächst ist freilich der behauptete Binsenweisheitscharakter der Bewertung von Liebe zu hinterfragen. Manche Menschen wissen wirklich nicht, dass die Liebe die größte Kraft im Leben ist. Und bei diesen handelt es sich keineswegs nur um Personen, deren Erleben und Verhalten „gestört“ ist. Vor einer Woche äußerte der renommierte Forensiker Norbert Nedopil am Rande einer Fachtagung in München, die aktuellen Gräueltaten des „Islamischen Staats“ etwa würden weit überwiegend von Tätern begangen, die nicht psychisch krank seien im Sinne der gängigen psychiatrischen Diagnosen-Klassifikationssysteme. Im deutlichen Unterschied zu Wahnvorstellungen sei religiöser Fanatismus beispielsweise kommunizierbar.

Manchmal möchte man sich geradezu fragen, welcher Teil der sogenannten und selbsternannten „Religiösen“ seine „Religion“ überhaupt als etwas „Innerliches“ begreift. Wäre das messbar, würden wir womöglich mit Erschrecken feststellen: eine kleine Minderheit.

Aber wie dem auch sei: Nehmen wir einmal an, die Bewertung der Liebe, die Erkenntnis von der Priorität der Liebe im Leben sei tatsächlich „trivial“. Dann würde dies doch nur umso drängender die Frage aufwerfen, weshalb die so leicht als wertvoll erkennbare Liebe von so vielen Menschen nicht adäquat in ihre Lebenspraxis umgesetzt wird, warum allenthalben eine so große, weite und tiefe Kluft herrscht zwischen dem Wissen um die Liebe und dem Tun der Liebe.

Die wirklich großen spirituellen Geister sind immer diejenigen gewesen, die nicht in den Irrtum verfielen, diese Frage nur unter das Kommentarkorpus oder die Ausführungsbestimmungen zur ewigen Wahrheit zu rechnen, sondern in ihr das innerste Problem dieser Wahrheit selbst zu erkennen. Deshalb sagte etwa Jiddu Krishnamurti: „Truth is a pathless land – Die Wahrheit ist ein Land ohne Wege.“

Der seltsam schwierige Transfer der Liebe vom Philosophem zum Handeln und zur Haltung ist der Gegenstand, mit dem die wahrhaft geistige Dimension des Christentums sich eigentlich befasst. Sie erreicht in der Auseinandersetzung damit höchste theoretische Differenziertheit und Subtilität, während die Fragestellung, um die es geht, ihrem Wesen nach eine durch und durch praktische ist und bleibt. Die theoretische Gründlichkeit ihrer Beantwortung ist notwendig, weil andernfalls alle Antwortversuche unbefriedigend und unglaubwürdig bleiben.

Die Theologie erweist dabei für meinen Geschmack viele Ähnlichkeiten mit der Physik. Das beginnt schon mit der parallelen Einteilung beider Fächer in einen theoretischen und einen experimentellen Hauptzweig. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Theologen den experimentellen Zweig ihres Gebiets stattdessen lieber „praktische Theologie“ genannt haben, um aus kircheninstitutionellem Interesse mittels des Worts „praktisch“ zu simulieren oder zu insinuieren, es könnte in echt christlichem Handeln so etwas wie eine solide, etablierte Routine geben. Pustekuchen. Es ist und bleibt im christlichen Leben trotz bischöflicher Ordinariate und theologischer Fakultäten alles Experiment – „Totalexperiment“. „…Physik ist das, was nie gelingt“, weiß der Schülerspruch. Auch der Theologie misslingt es dementsprechend stetig, Erklärungen dafür zu geben, „warum überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts“. Und so scheitert sie sich akademisch zum ewigen Licht empor.

Als „die Frage nach dem Bösen“ oder nach „Gut und Böse“ ist die grundlegende Liebes-Frage des Christentums übrigens moralisch eingeengt und damit nicht zwingend und vielleicht nicht einmal überhaupt richtig formuliert. Es geht im Kern nicht um moralische Qualitätsbewertungen, sondern um die Verwirklichung von Liebe. Das ist etwas kategorisch anderes. Wer nicht liebt, der wird mit seinen moralischen Fragen nicht fertig; wer liebt, dem stellen sie sich letztlich nicht mehr. Das und nichts anderes ist die wahre Theologie des Paulus.

Die Klassifikation der großen Menschheitsfragen in der ältesten europäischen Philosophie offenbart bei unbefangener Betrachtung einen überraschenden Ort, an dem das Christentum geistig einzuordnen ist. Die „logische“ Suche nach dem „Wahren“ ist im Grunde eine „Wissenschaft von der Vergangenheit“; die „ethische“ Suche nach dem „Guten“ ist im Grunde eine „Wissenschaft von der Zukunft“; Jesu Hinweis auf das „Himmelreich“ hingegen offenbart das Christentum als eine „Wissenschaft vom Hier und Jetzt“. Und der Sinn dieses „Hier und Jetzt“ muss pädagogisch in den Sinnen verankert werden und damit philosophisch gesprochen vor allem in der „ästhetischen“ Suche nach dem „Schönen“. Das „Himmelreich“ setzt weder einen logischen noch einen ethischen Maßstab; es setzt einen Maßstab der „Schönheit“.

Dabei durchbricht die Verkündigung Jesu freilich radikal den beschränkten ästhetischen Horizont des Spießbürgertums: Das Maß aller christlichen Schönheit ist das blutige Kreuz. Das ist äußerst krass, aber zutiefst wahr. Weil kitschige Idylle für eine kulturell immer wieder „unbemerkt“ verwildernde Mehrheit das notorische, chronische Nonplusultra von Schönheit darstellt, droht die Ästhetik dauernd ihre Lizenz im Kreis der platonisch-systematischen Trias zu verlieren, die sie ursprünglich zusammen mit Logik und Ethik bildet. Dabei ist sie in Wahrheit deren glänzende Krönung: Die wahre Ästhetik thront über aller Logik und Ethik genau so, wie analog dazu die Liebe sich in den Begriffen der paulinischen Triade über pístis und élpis erhebt. Wir müssen nur lernen, Ästhetik anders zu verstehen, um diese Wahrheit in ihrer Tiefe zu begreifen.

Wer Gelegenheit hat, Verkehrspiloten bei der Arbeit zuzuschauen, stellt überrascht fest, wie der „PF„, der „Pilot Flying„, nach der Landung beim Verlassen der Landebahn den „PNF„, den „Pilot Not Flying„, unverzüglich auffordert, eine Checkliste mit den „After Landing Items“ abzuarbeiten – zu einem Zeitpunkt, zu dem der Laie so sehr vom Hochgefühl des glücklichen Ergebnisses durchflutet ist, dass ihm die Arbeit des Fliegens schon beendet erscheint. Irrtum: Der Erfolg zieht für den, der weiß, wie er möglich wurde, unmittelbar weitere konzentrierte, methodische Arbeit nach sich. Ein echt spiritueller Mensch – das heißt: ein wahrer Christ – braucht in diesem Bild weitergesprochen sogar etwas, das nicht einmal die besten Verkehrspiloten zu leisten imstande sind: Er muss „After CRASH Items“ haben und diese in jeder Lebenslage souverän abarbeiten können. Ich sage „souverän“; ich sage nicht „geordnet“, sage nicht „routiniert“. Dennoch:

Sämtliche Reflexionen sinnvoller christlicher Theologie sind nichts anderes als gleichsam die „After Crash Items“ des Kreuzes; des Kreuzes, das sich für uns nicht nur „es war einmal“ auf Golgotha aufgerichtet hat – es richtet sich jeden Tag von neuem für uns auf. „Routine“ wird man authentischem Christsein unter diesen Umständen niemals zutreffend zuschreiben können. Gleichwohl aber ist es tägliche Übung im täglichen Crash unserer „schönen“ Pläne. Im Übergang von den „schönen“ Plänen zu den angeblich „unschönen“ Realitäten vollzieht sich der geistlich lehrreiche Wandel unserer sedierten bürgerlichen Ästhetik.

Ein profunder geistlicher Schlüssel zu echter, gelebter Verwirklichung der Liebe liegt darin, dass wir anfangen, unsere Beziehung zum sogenannten „Schönen“ zu verändern. Und fundamentale biblische Bilder hierfür sind „Wunder“. „Wunder“ scheinen zunächst etwas überaus Sinnliches zu sein: der brennende Dornbusch, der Stab, der zur Schlange wird, das sich spaltende Meer, die Raben, die Brot bringen, der Gestorbene, der von seiner Totenbahre wieder zum Leben aufsteht. Aber dann erweist sich mit wachsender Bewusstheit, deren Wachstum durch die Wunder angeregt wird, nach und nach als „das eigentliche Wunder hinter jedem Wunder“ immer jener dramatische „Aha-Moment“, der etwas ganz Innerliches ist, etwas in einer die Sinne ausschließenden Gesammeltheit Stattfindendes, in einer Erleuchtung des Herzens Bestehendes, die keine Vernunft vermitteln kann. In diesem Prozess spiegelt sich der aller wahren Spiritualität konstitutive und genuine Schritt „von der Theologie zur Liebe“.

Ich gebe offen und gelassen zu, dass Papst Franziskus in der Rolle des obersten Gemeindekatecheten der Kirche, die er so gerne ausspielt, ganz und gar nicht nach meinem persönlichen Geschmack ist. Wenn er etwa zum Abschluss einer Ansprache die Menge auf dem Petersplatz auffordert, mit ihm gemeinsam dreimal laut diese oder jene naive fromme Bekenntnisformel zu wiederholen, löst das bei mir starke Aversionen aus. Dennoch genießt Papst Franziskus meine achtungsvollste Wertschätzung für sein spürbar tiefes Verständnis der Notwendigkeit jener Verbindung zwischen theoretischer Theologie und praktischer oder besser und genauer „experimenteller“ Liebe, die sich auf dem Fundament einer „mystischen Ästhetik des Kreuzes“ verwirklicht.

Wenn man Papst Franziskus beobachtet, sollte man zumindest daran zu zweifeln beginnen, ob Liebe wirklich trivial ist.

Verdammte Autonomie

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer wendet sich in jüngsten Äußerungen gegen eine Überstrapazierung des Prinzips der Patientenautonomie in der Medizin. Es dürfe nicht der Fall eintreten, dass hinter einer euphemistischen Tarnung als „Selbstbestimmung“ Menschen mit der Verantwortung für ihren gesundheitlichen Zustand und dessen Behandlung allein gelassen würden, denn so verkehre sich das Anliegen eines mitmenschlichen Umgangs in der Gesellschaft schnell ins Gegenteil. Eine solche Haltung zeuge letztlich von Desinteresse am Anderen, „von distanzierter Geschäftigkeit, welche die bedrängenden Lebensprobleme ihrer Mitmenschen lieber schnell und effektiv aus der Welt geschafft wissen will, anstatt sich womöglich langwierig und mühsam mit ihnen befassen zu müssen“.

Bischof Voderholzer hätte mit diesem Einwand absolut recht – wenn wir noch länger in einer kulturell integrierten Gesellschaft leben würden, die diese geistige Form von Solidarität effektiv leisten könnte. Die totale Eigenverantwortlichkeit ist eine furchtbare Last und Zumutung und eine massive spirituelle Gefährdung in ihrer Tendenz zur Überfrachtung des Ego – aber sie kann dem Menschen der Postmoderne derzeit faktisch nicht gesellschaftlich abgenommen werden. Die römisch-katholische Amtskirche hat zum großen Teil noch immer nicht verinnerlicht, dass die Zeiten, in denen sie diese ethische Direktivität leisten konnte, vorbei sind. Bischof Vorderholzer fordert etwas, das real nicht zu haben ist. Er mag theoretisch noch so recht haben – praktisch nützt es nichts.

In eigener Sache

Ich bin Vater geworden.

Damit stehe ich als Blogschreiber wieder einmal verschärft vor der Frage der Methode. Und diesmal ganz besonders.

Nicht nur deshalb, weil ich von nun an weitaus weniger Zeit zum Schreiben haben werde als während des zurückliegenden Jahres – was meine Texte kürzer ausfallen lassen und damit einigen meiner Leser entgegen kommen dürfte. Nein, noch aus einem fundamentaleren Grund.

Das grundlegende Dilemma allen Schreibens ist für mich seit jeher das zwischen dem Persönlichen und dem Überpersönlichen.

Ich will mein Privatleben nicht krampfhaft aus diesem Blog heraus halten; und gleichzeitig würde seine „Privatisierung“ seinen geistigen Untergang bedeuten. „Idiotisch“ – für uns ein Schimpfwort – bedeutete für die alten Griechen so viel wie „(rein) privat“. Diese Begriffsgeschichte kommt nicht von ungefähr. Blogs, die sich im Privaten erschöpfen – und das sind die meisten – stranden zu Hunderten und Tausenden in der „Idiotie“. Das ist sozusagen der traurige Normalfall der Blogosphäre.

Mein Vatersein bewegt mich, und ich habe nicht die Absicht, diesen Umstand an irgendeiner Stelle zu dissimulieren. Dennoch werde ich es hier nicht in den Mittelpunkt rücken, es nicht zum Thema machen, sondern lediglich künftig mehr auf jene unter den allgemein „katholischen“ Themen fokussieren, die sich aus einer Affinität zu meiner Vaterrolle heraus zur Behandlung anbieten. Mal sehen, welche das sein werden.

Das Dilemma zwischen dem Persönlichen und dem Mehr-Als-Persönlichen ist ein wirkliches, das heißt ein subtiles, ein mehr als bloß vordergründiges: Das Persönliche, das nicht überpersönlich sein will, wird schnell gehaltlos, substanzlos, und damit auf mittelbarem, aber unausweichlichem Wege unpersönlich. Das Persönliche hingegen, das danach strebt, „mehr als nur persönlich“ zu sein, wird gerade dadurch und erst dadurch überhaupt in einem wirklichen, höheren und tieferen Sinne persönlich. Das paradoxe Muster dieser Art von Zusammenhang bildet die nondualistische – oder vielleicht sollte man sagen: „transdualistische“ – Grundstruktur des universalen spirituellen Weltgeheimnisses.

Dieser Umstand spiegelt sich sehr genau in der ersten Aufgabe, vor die die Kirche mich als Vater stellt: Eine Taufe zu veranlassen.

Mein Kind, das von nun an Persönlichste in meinem Leben, wird von der Kirche christlicher Tradition gemäß einem – zumindest in den Augen vieler – „unpersönlich“ wirkenden, detailliert vorgeschriebenen Ritual unterzogen. Aber es hat tatsächlich nicht viel wahren Sinn, wenn „Feiertagschristen“ monieren, die Kirche möge doch individuellen Geschmäckern bei der Formgebung ihrer familiären Anlässe stärker entgegen kommen.

Es liegt tiefer Sinn, tiefe Weisheit in mancher vielleicht gelegentlich „unpersönlich“ wirkenden Förmlichkeit der Kirche. Das Persönliche eines Lebens könnte tatsächlich nur in einen schalen, eitlen Egozentrismus münden, würde es nicht kraftvoll in Beziehung gesetzt zu einer überpersönlichen universalen Wirklichkeit und Wahrheit, und würde es sich nicht genau und gerade aus dieser Beziehung heraus verwirklichen. Das ist die tiefste Bedeutung von „kat-holos„, „allumfassend“: Der Ausweg aus dem „Regen-Traufe“-Dualismus von Individualismus oder Kollektivismus ist der „Interpersonalismus“ der phasischen Polarität („Dialektik“ wäre hier meines Erachtens eher unzutreffend) zwischen Person und Außerperson oder Überperson. Dies wäre vielleicht eine mögliche sinnvolle philosophische Beschreibung von „religiös sein“.

In diesem Sinne möchte ich als Täuflingsvater unbekümmert den Vorschriften der römisch-katholischen Kirche – derzeit noch repräsentiert durch ihre tief in tridentinischen Selbstbegriffen verwurzelten Kleriker – Folge leisten, ohne mit den daraus resultierenden Bedingungen und Bedingtheiten zu hadern.

Und gleichzeitig freilich auch ohne den Druck solcher Vorschriften zu verinnerlichen, als wäre jeder liturgische Wink im Rituale Romanum vom Allerhöchsten selbst redigiert worden.

Ab und zu muss man die Kirche daran erinnern, dass Jesus selber niemanden getauft hat. Zwar hat er seinen Jüngern aufgetragen, dergleichen zu tun; dennoch sagt diese klare Tatsache mehr über die Relativität der Rolle von Ritualen im wahren Christsein aus, als der Amtskirche lieb ist. Von Liturgie und Sakramenten gilt generell: „Katholik ist man, wenn man’s trotzdem macht.“ Nämlich exakt wegen der Erkenntnis der Notwendigkeit des Außer- und Überpersönlichen in allem wahren Persönlichen.

Die Krise des Sozial-Institutionalismus

„Sozial-Institutionalismus“ möchte ich die ausgeprägte öffentliche Tendenz nennen, soziale Belange in Institutionen zu organisieren. Institution bedeutet schlicht: Jemand unterstützt andere bei der Lösung ihrer Probleme nicht aus einer vorher schon gewachsenen persönlichen Beziehung heraus, sondern weil er dafür bezahlt wird.

Als Argument dafür rücken wir gerne in den Vordergrund, dass die Helfer in diesem Fall auch professionell ausgebildet werden und Erfahrung sammeln.

Ich habe inzwischen aus eigener langer, intensiver gesellschaftlicher Erfahrung mehr als reichlich Gründe, offen und stark in Zweifel zu ziehen, ob dieser Vorteil wirklich den schweren Nachteil einer nicht im Vorhinein natürlich gewachsenen persönlichen Beziehung zwischen Helfer und Hilfeempfänger durchschnittlich aufwiegt.

Die Häufigkeit von Situationen, die tatsächlich die Anwendung einer besonderen professionellen Kompetenz von Helfern in sozialen Dienstleistungsbereichen erforderlich machen, würde von daher eine sofortige quantitative Reduktion der sozialen Institutionalismus-Quote unserer Gesellschaft auf allerhöchstens ein Zehntel des Status Quo rechtfertigen. Der gesamte Rest ist mit simplem gesundem Menschenverstand des Einzelnen – den keine Institution jemals wird ersetzen können – absolut problemlos zu bewältigen, und es bleibt immer noch genügend Zeit, die „Profis“ hinzuzuziehen, wenn sie denn einmal wirklich gebraucht werden.

Es wird Zeit, endlich der Tatsache ins Auge zu sehen, dass alle scheinbar ach so zwingenden Argumente für eine sozial „durchinstitutionalisierte“ Gesellschaft im Grunde, hart gesagt, nur sedativer Selbstbetrug sind bis auf ein einziges: Institutionalisierung gehört zu den entscheidenden Instrumenten einer kapital-zentrierten Ökonomie. Institutionalisierung steigert die Effizienz der Erledigung von Aufgaben – nicht deren Qualität, sondern vielmehr auf Kosten der Qualität.

Kinder werden in Schulen behütet, damit ihre Eltern arbeiten gehen können. Wer dieses Argument nicht mit an erster Stelle nennt unter den Gründen für die Existenz von Schulen, irrt oder lügt. Chronisch Kranke und Alte werden „stationär“ gepflegt, um die ökonomische Produktivität ihrer Angehörigen weniger zu hemmen, nicht, weil diese dadurch gesünder würden. Wer letzteres behauptet, ist entweder ahnungslos oder zynisch.

Besonders drastisch fallen aber speziellere Fälle aus, die bisher noch weniger in den ohnehin nicht immer ausreichend kritischen Fokus der Öffentlichkeit vorgedrungen sind: Wehen werden eingeleitet, wenn das Gesundheitssystem meint, es würde Zeit für die Entbindung – nicht wenn das Kind es meint. Auch so gut wie jedes Kind, dem es bestens geht, wird spätestens am siebten Tag „über dem Termin“ von den Ärzten „geholt“. Warum? Letztlich nur aus einem einzigen Grund: Weil die Kliniken für die Geburt eine „Fallpauschale“ bekommen und daher ungehalten werden, wenn eine werdende Mutter in einem Krankenhausbett – in dem übrigens 99 Prozent aller Schwangerschaften gar nicht enden müssten – zu lange „rumgammelt“. Und das Kind? Ist nur Statist dabei und soll außerdem froh sein, wenn das erste Gesicht, das es in seinem Leben erblickt, das eines kompetenten Mediziners ist.

Und das ist nur ein winziger Bruchteil all jener endlosen Beispiele für ähnliche institutionalistische Missstände und Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft, die jeder, der wachen Auges und Ohrs in dieser Gesellschaft lebt, wenn er einmal begriffen hat, worum es geht und woran das liegt, massenweise aus dem Ärmel schütteln kann. Überlegen Sie selbst.

Schöne Neue Welt des Institutionalismus! – „Neu“? Um genau zu sein: seit etwa 1950. Vorher gab es zwar auch schon Schulpflicht und Krankenhäuser, aber diese ersetzten die Familie noch nicht, und niemand erwartete das. Und Hausgeburt war die Norm.

Wenn wir an unserem sozialen Institutionalismus in Zukunft weiter reflexionsverweigernd festhalten, – rechtfertigend bemäntelt mit der Illusion einer für jeden solidarischen Handgriff angeblich unentbehrlichen förmlich geschulten Fachkompetenz -, dann wird nicht nur die gesamtmenschheitliche Intelligenz, die unter der Seuche des ubiquitären selbsternannten „Expertentums“ ohnehin schon gelitten hat, dramatisch abnehmen, sondern dann werden wir das auch und vor allem unentschuldbar auf Kosten der wirklichen Lebensqualität unserer Schwächsten tun: der Kinder, der Alten und der Kranken.

Wir müssen uns entscheiden, was sie uns wert sind: ob mehr oder weniger als die Moloch-Dogmen unseres Turbo-Kapitalismus, um den es bei der Sozial-Institutionalisierung unserer Gesellschaft in letzter Wahrheit geht.

Die bereits katastrophale und immer noch weiter zunehmende „Burnout“-Rate unter sämtlichen Angehörigen sozialer Berufe ist vor allem ein Alarmsignal dafür, dass der chronische und notorische inhumane Qualitätsmangel jeglicher bei uns geleisteter institutionalisierter „karitativer“ Arbeit sich zumindest für alle „Insider“ nicht mehr länger übertünchen und hinweg-beschwichtigen lässt. Die „sozial“ Beschäftigten zerbrechen nicht so sehr an dem in Deutschland insgesamt wieder zunehmenden menschlichen Elend, das sie beruflich miterleben, als daran, dass man dieses öffentlich-kollektiv-doktrinär hinweg definiert, als sähen jene unbegreiflich Leidenden bloß „des Kaisers neue Kleider“ nicht.

Ihre Arbeit kann unter solchen Umständen nämlich gar nicht mehr in einem wirklich angemessenen Sinne „karitativ“ sein. „Caritas“ ist die Zuwendung zum Nächsten. Eine solche „Zuwendung“, in der das Herz nicht in jeder dabei entstehenden Situation persönlich-authentisch bei der Sache sein kann – und sei es manchmal auch in menschlichen Stressreaktionen, die man sich und dem Anderen offen, frei und demütig eingestehen darf -, ist nichts besseres als eine Beleidigung. „Professionelle Nähe“ ist eine absolut inhumane Phrase; ich erlaube keinem fehlgeleiteten Sozialpädagogen mehr, dass er sie in meiner Gegenwart drischt.

Zu diesem strukturellen Problem der sozialen Berufe tritt natürlich die fortschreitende Entchristlichung und Entgeistlichung der Gesellschaft als entscheidender Faktor hinzu. Als areligiöser Mensch kann man eine menschlich herausfordernde soziale Arbeit grundsätzlich nur entweder mit dem naiven „sozialtechnokratischen“ Enthusiasmus der „Institutionalisten“ bewältigen oder mit dem bitteren, zugespitzten Existenzialismus eines Camus – oder man muss an ihr zerbrechen.

Nur eine tief religiöse Haltung kennt dazu eine weitere psychomentale Alternative, die auf einem spirituellen Fundament ruht, das im Unterschied zu allen anderen sozialen Haltungen auch Hilf- und Aussichtslosigkeit sowie strukturelles Nicht-Zufriedenstellen-Können zwischenmenschlichen Tuns zu integrieren und zu bewältigen vermag – und das alte europäische Christsein kannte diese Alternative bis vor sechzig Jahren vielleicht noch am besten von allen Weltreligionen. Wie weitgehend wir diese profunde Erkenntnis gegenwärtig eingebüßt haben, bezeichnet einen unserer tragischsten und folgenschwersten kulturellen Verluste der vergangenen Jahrzehnte.

Mit dem systemisch devianten Ungeist unserer heutigen, „kalten“ sozialen Institutionen werden wir keine wirklich menschliche und lebenswerte Gesellschaft aufbauen und erhalten können, darüber sollten wir uns keinen irrealen Phantasien hingeben.

Angehörige sind Angehörige, weil man für sie sorgt: man selber, konkret, praktisch, täglich, umfassend und demütig. Mit all seiner Inkompetenz und all seiner Vertrautheit; mit all seinem Versagen und all seiner Überlegenheit über jeden sogenannten „Profi“ in dieser Disziplin.

Wenn wir uns hieran nicht schleunigst und intensiv wieder erinnern, verkommen wir in Kürze zu einer „Gesellschaft ohne echte Angehörige“. Und das wiederum ist nur ein anderer Name für die Hölle, in der es – wie wir nicht erst seit Clive Staples Lewis‘ „Dienstanweisung für einen Unterteufel“ wissen – jede Menge sinniger, ehrwürdiger Institutionen gibt.

Versuch eines griffigen Lektüreschlüssels für die Evangelien

Hier möchte ich einen relativ einfachen, Zusammenfassung und Übersicht bietenden historisch-kritischen Lektüreschlüssel für die Evangelien zu formulieren versuchen.

Die Textgeschichte der Evangelien setzt sich aus vier Momenten zusammen, die ich hier nach dem Alter ihrer historischen Anfänge ordne:

1. „Berichte vom Lehrer Jesus“,

2. „vorverlegte Berichte von Wundern des Auferstandenen“,

3. „Passions-Mythos“,

4. „Lost-Years-Mythen“.

1. „Berichte vom Lehrer Jesus“ beginnen als ältestes Moment mit „Augen- und Ohren-Zeugnissen“ von Auftritten Jesu als Wanderprediger, Gleichnis-Erzähler, Initiator symbolischer egalitär-offener Tischgemeinschaften und Akteur symbolischer therapeutischer Handlungen.

2. Die nächste Stufe der Entwicklung christlicher Überlieferung ist die Aussage: „Jesus ist auferstanden“. Dies wird historisch zunächst untermauert mit zahllosen sagenhaften Berichten von Wundertaten des Auferstandenen, die einer lebhaften religiösen Fabulierkultur der allerersten christlichen Urgemeinde entspringen. Die Evangelisten entwickeln später erhebliche missionsstrategische Vorbehalte gegen dieses Material, und zwar umso stärker, je länger sich die „Parusieverzögerung“ hinzieht: Diese ursprünglichen Wunderberichte zeugen von einer „Ungeduld der Erlösungserwartung“, die sich ihrer Erfahrung gemäß nicht „eins zu eins“ einlöst. Sie können das in ihren Gemeinden bekannte und beliebte Material in ihren Evangelien aber auch nicht ignorieren. Also „schichten sie es um“, „transponieren“ es in ein „vorösterliches Setting“, wo es zudem den Vorteil hat, noch stärker den göttlichen Charakter Jesu als des Christus zu betonen: Ein Auferstandener TUT weniger Wunder, als er ein Wunder IST; wer hingegen innerhalb seiner „biologischen Lebensspanne“ Wunder vollbringt, dessen Wundertaten wächst dadurch vergleichsweise nur umso mehr eigenständiges Gewicht zu im Sinne eines Belegs dafür, dass die betreffende Person nicht bloß ein „Objekt“ wunderbaren göttlichen Wirkens ist – worauf sich die Rolle eines Auferstandenen grundsätzlich ja beschränken könnte -, sondern dass er vielmehr selbst das handelnde göttliche Subjekt ist bzw. an diesem kosmischen Subjekt intimen Anteil hat.

3. Die Entstehung des „Passions-Mythos“ reflektiert die zunehmende Integration der Bedeutung des Kreuzes Jesu in die frühchristliche Theologie. Mit der Zeit erwies das Kreuz sich zunehmend als ebenso verstörend wie unumgänglich und erforderte eine profunde theologische Aufarbeitung und Erklärung. Zusätzlich wurde die Dynamik hinter der Herausbildung der überaus detaillierten Passionserzählung angeheizt durch den Umstand, dass aus den Reihen der Jüngerschaft Jesu, also des Personenkreises mit „Insider-Perspektive“, historisch sicherlich keine Augen- und Ohrenzeugen in den entscheidenden, gefährlichen Minuten und Stunden anwesend waren, was ihren Versuchen zur nachträglichen Erklärung der Vorgänge eine umso größere spekulative Energie verlieh. Die daraus resultierende Suggestivkraft schuf eine reportagehaft wirkende Erzählung, an der in Wirklichkeit mit Sicherheit so gut wie nichts den Kriterien für solide historische Faktizität standhält. Alles daran ist vorwiegend bis gänzlich theologisch, nicht historisch.

Im Detail standen drei unterschiedliche Teil-Interessen hinter der Ausbildung des Passions-Mythos:

(a) Die Ergebnisse eines historischen Prozesses, der als solcher insbesondere aus der „Insider-Sicht“ der „Betroffenen“ zu wenig reell dokumentiert war, sollten plausibilisiert werden.

(b) Es sollte mit dem „Passions-Mythos“ ganz erheblich „Politik gemacht“ werden, insbesondere im Hinblick auf die Rolle „der Juden“ sowie „der Römer“ beim Prozess Jesu.

(c) Damit die Geschichte von Jesus jüdischen Hörern und Lesern möglichst vertraut klingt und dadurch annehmbarer wird, am besten ihnen sogar als Erfüllung altehrwürdiger jüdischer Prophetie erscheint, ist der „Passions-Mythos“ bemüht, so viel wie möglich Bezüge zu setzen zum „Alten Testament“. Er ist in diesem Sinne voller Zitate und Anspielungen, die dem jüdischen Publikum bekannt vorkommen mussten.

Ein Beispiel: Wenn Jesus nach dem „Letzten Abendmahl“, das das Mahl der Israeliten vor dem Auszug aus Ägypten reflektiert, „hinaus an den Ölberg geht“ (Mk 14,26; Mt 26,30; Lk 22,39), so ist dies eine Reminiszenz an die Flucht König Davids aus Jerusalem vor der zeitweiligen Usurpation seines Sohnes Absalom. Die Szene vom tödlich bedrängten König, der ins Exil aufbricht, wird in zahlreichen ergreifenden Details geschildert. So nimmt etwa David das Heiligtum nicht mit, sondern sagt zu seinem Priester Zadok: „Bring die Lade Gottes in die Stadt zurück! Wenn ich vor den Augen des Herrn Gnade finde, dann wird er mich zurückführen und mich die Lade und ihre Stätte wieder sehen lassen. Wenn er aber sagt: Ich habe an dir keinen Gefallen!, gut, dann mag er mit mir machen, was ihm gefällt.“ (2Sam 15,25-26 – eine Schlüsselstelle für die Theologie der „Deuteronomisten“) Im Anschluss daran heißt es: „David stieg weinend und mit verhülltem Haupt den Ölberg hinauf; er ging barfuß und alle Leute, die bei ihm waren, verhüllten ihr Haupt und zogen weinend hinauf.“ (2Sam 15,30)

4. Die „Lost-Years-Mythen“ sind das jüngste Moment der Evangelien. Sie stehen offenkundig im engsten Zusammenhang mit dem literarischen Wirken der Evangelisten selbst. Deshalb sind hier die Unterschiede zwischen Matthäus und Lukas so extrem. Erst nachdem „der Auferstandene“ und „der Gekreuzigte“ thematisiert wurden, machte sich das Streben nach einer Komplettierung der „Biographie“ Jesu durch Auffüllen der großen historischen Lücke seiner ersten ca. dreißig Lebensjahre bemerkbar, und dieses Interesse war von Anfang an mit der Funktion verbunden, Jesu „präexistente“ Göttlichkeit aufzuzeigen. Die entsprechenden literarischen Konstrukte dienen, zumal sie bei einer chronologischen Lebensbeschreibung Jesu am Anfang stehen müssen, angesichts ihrer Fiktionalität naheliegenderweise insbesondere auch als „Programmerklärung“ des jeweiligen Evangelisten. Da Matthäus und Lukas deutlich unterschiedliche theologische Programme haben, weisen ihre „Lost-Years-Mythen“ nahezu keinerlei Überlappungen auf.

Die Reihenfolge der Schritte des historischen Wachstums des Bildes Jesu in den Augen seiner Anhänger, das sich in diesen vier unterscheidbaren Momenten der Evangelien widerspiegelt, lautet also: „zuerst Lehrer – dann Auferstandener – dann Gekreuzigter – schließlich göttliche Person“.

Es ist für eine umfassend verstehende Lektüre der Evangelien sehr hilfreich, wenn man immer ungefähr weiß, in welcher „Schicht“ man sich historisch-kritisch gerade befindet.

Die 40-jährigen

Unter dem Titel „Sklaven der Work-Life-Balance“ wurde der Soziologe Heinz Bude gerade auf „SPIEGEL Online“ über „die 40-jährigen“ interviewt. Er nennt sie die „Generation Null Fehler“, die „hart an sich selbst arbeitet, härter vielleicht als vorherige Generationen“, sich nichts Schieflaufendes verzeihen kann und daher, weil sie sich ständig „alle Optionen offen halten muss“, immer nur in „Szenarien“ denkt, anstatt zu echten „Haltungen“ zu gelangen. Er sagt: „Sie wagen keine kausalen Hypothesen, mit denen man einen Knoten durchschlagen kann.“ Deshalb könne man mit typischen Vertretern dieser Generation über wirklich existenzielle und „letzte“ Themen nicht sinnvoll reden. Sie kommunizierten immer nur „ironisch, smart und hochbeschleunigt“. Dahinter herrsche Leere.

Alle Bemühungen der 40-jährigen drehten sich darum, den Begriff eines „gelungenen Lebens“ für sich einzulösen. Dazu verlange ihr Selbstanspruch allerdings von ihnen, Beruf und Privatleben gleichermaßen souverän und perfekt zu meistern. Auf diese Weise führe ihr Selbstoptimierungswahn sie geradewegs in die Selbstversklavung und Selbstausbeutung und von dort aus in die Depression. Bude wendet auf diesen Komplex Michel Foucaults Begriff der „Selbsttechnologie“ an, bei der man im Ersetzen der „Fremdsteuerung“ durch „Eigensteuerung“ psychologisch gleichsam „vom Regen in die Traufe“ kommt, was die Freiheit angeht.

Bei der Frage nach Gründen fällt Bude auf: „Die Jahrgänge des Nachkriegs, die bislang das Sagen hatten, waren noch von dem Gedanken geprägt, dass das Schlimme hinter ihnen lag. Die nach 1964 Geborenen hingegen haben das dumme Gefühl, dass das Schlimme erst noch kommt.“ Dies verursache eine defensive, abwartende und reaktive Haltung, die zweifellos effizient und rational sei, aber Gefahr laufe, nur noch Informationen zu verarbeiten, anstatt praktisch-konkret wirksame, entschlossene Urteilskraft zu entfalten, was voraussetzt, dass man sich „Wissen zutraut“.

Dieses Porträt meiner Generation spricht meinen eigenen kritischen Wahrnehmungen meiner etwa gleichalterigen Zeitgenossen aus dem Herzen.

Ich mache allerdings ganz zentral und wesentlich den fortschreitenden gesamtgesellschaftlichen Verlust religiöser Bewusstseinsmuster hierfür verantwortlich, dessen Anfänge auf das Ende der 50er-Jahre zu datieren sind. Hinweise auf diese Entwicklung liefern etwa die öffentliche Reflexion des „Sputnik-Schocks“ sowie der Nobelpreis für Albert Camus im Jahr 1957 oder das Erscheinen und der prompte Erfolg der „Blechtrommel“ sowie die Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils im Jahr 1959; dazu natürlich die Einführung der „Pille“ 1960 mit ihren unüberschätzbaren gesellschaftlichen Folgen. Seit dieser Zeit haben sich die überkommenen religiösen Selbstverständlichkeiten der meisten europäischen Gesellschaften, insbesondere aber der deutschen, verflüchtigt.

Damit ist keine bestimmte Konfession gemeint, nicht einmal eine bestimmte Religion. Natürlich handelte es sich bei der traditionellen Religion in Deutschland zuvor immer um das Christentum, und dies je nach Gegend ebenso nahezu selbstverständlich entweder in seiner katholischen oder in seiner evangelischen Variante. Aber viel entscheidender ist im vorliegenden Zusammenhang das Grundmuster eines „überhaupt“ religiösen Lebenszugangs, der sich theoretisch ebenso gut an irgendeiner anderen Religion konkret festmachen könnte. Es geht nicht darum, wie wenige Christen es in Deutschland nur mehr gibt, sondern darum, wie wenige „überhaupt“ wirklich religiöse Menschen in diesem Land nur noch leben und in welchem Ausmaß inzwischen jedes Religiös-Sein an sich ironisiert wird.

Wenn sich die nach 1964 Geborenen – provisorisch übernehme ich Budes Generationen-Datierung – mehrheitlich auch nur vage bewusst wären, dass es die Folgen genau dieses fundamentalen mentalitätsgeschichtlichen Wandels sind, an denen sie leiden, würden sie nicht daran leiden. Es fehlt ihnen typischerweise jede Reflexion darauf. Religiosität jeder Art ist ihnen unglaublich fremd. Das „höchste der Gefühle“ ist bei ihnen eine diffuse, unverbindliche Esoterik, die durch Lebenskrisen nicht zuverlässig und nicht sinnvoll hindurchträgt, was zu deformierten, exzentrischen Persönlichkeiten führt, die heute das Bild dessen prägen, was allgemein als „spirituell“ gilt. Dies alles ist nichts als ein Szenario dürftigster geistlicher Verarmung.

Diesen von ihrer pathologischen Selbstquälerei betäubten „Null-Fehler-Selbstoptimierern“ die christliche Theologie des „Sünder-Seins“, die ihnen so bitter fehlt – auch einem Großteil derer, die formal noch Mitglieder einer Kirche sind -, in ihrer ganzen existenziellen Bedeutsamkeit zu vermitteln, wird eine heimatmissionarische Mammut-Aufgabe – ganz gleich, ob man den gewiss nicht leicht verdaulichen Theologen-Ausdruck „Sünde“ dabei lieber durch einen anderen ersetzen möchte oder nicht.

Mal wieder ein offener Brief an Kardinal Marx

Sehr geehrter Herr Kardinal Marx!

Bei der Diakonenweihe am vergangenen Samstag sagten Sie: „Wir haben genügend Berufungen, wir müssen sie nur erkennen, es sind nicht nur Berufungen zum Priestertum und zum Diakonat.“ Ihre Äußerung freut mich.

Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich eine Berufung zum Theologen habe. Vielleicht können Sie sie nutzen.

Ihre Äußerung muss logisch beinhalten, dass die Amtskirche auch nicht vordefinieren kann, was eine „sinnvolle“ Berufung ist und was nicht. Sie sprachen von einer „an vorhandenen Charismen orientierten Seelsorge“. Ein „Charisma“ ist in theologischer Sprache, wie wir wissen, ein „Gnadengeschenk“. Es entfaltet seinen Nutzen von einer höheren Bestimmung her, nicht von einem menschlichen „Ich brauche – ich suche – wer bietet“ aus.

Wenn Sie die Kirche Ihrer Diözese voranbringen wollen, sorgen Sie doch beispielsweise für eine bessere Wertschätzung lebhafter theologischer Debatten. Das wird für die lebendige Kirche der Zukunft viel wichtiger sein als routinierte liturgische „Abfütterung“ strukturell dekompensierter Pfarrverbände, und sogar wichtiger als eine reibungslos weiterfunktionierende großinstitutionelle Caritas.

Denn Fundament aller „guten Werke“, in denen der rechte Glaube sich notwendig äußert, ist und bleibt kategorisch das jeweilige spontane nächstenliebende Handeln jedes einzelnen Christen „vor seiner eigenen Haustür“. Und eine entsprechende innere Haltung wird in erster Linie von vertiefter persönlicher religiöser Bildung motiviert, und erst in zweiter Linie von der Existenz behördenartiger Caritas-Einrichtungen, die attraktive Anstellungsverträge nach salomonischstem kirchlichem Arbeitsrecht bieten. Daher sind wirklich vielfältige, anregende und mitunter auch provokative theologische Impulse genauso wichtig wie liturgische und diakonische Angebote. In dieser Hinsicht ist es für einen kirchlichen Paradigmenwechsel mindestens ebenso höchste Zeit wie in (anderer) pastoraler Hinsicht.

Da Sie auf meinen letzten Brief nicht geantwortet haben, habe ich diesmal gleich darauf verzichtet, dieses Schreiben zusätzlich Ihrer Pressestelle zu schicken, die anscheinend ohnehin schon überfordert ist.

Aber meine Anmerkungen werden an den richtigen Stellen schon gelesen werden. Ich vertraue da ganz auf ein viel höheres Ordinariat als das in der Rochusstraße. Nichts für ungut.

Mit freundlichen Grüßen!

Aktive Sterbehilfe?

Man sollte angesichts der gesellschaftlichen Realitäten und Tendenzen pragmatisch argumentieren. Und das bedeutet für mich persönlich ganz klar eines: Ein gesetzlicher Vorstoß zur Liberalisierung aktiver Sterbehilfe ist moralisch, wenn überhaupt, ausschließlich möglich unter der Bedingung, dass dabei mit äußerster Gründlichkeit und Konkretheit bestimmt wird, wie alte, kranke und behinderte Menschen vor jedem individual- und sozialpsychologischen Druck, ihr Leben „freiwillig“ beenden zu sollen, intensiv systemisch geschützt werden. Denn das Entstehen eines solchen gesellschaftlichen Drucks würde eine ungeheuerliche kulturelle Depravation bedeuten, der unter gar keinen Umständen zuzustimmen ist. Erst wenn diese Schutz-Frage wirklich befriedigend beantwortet werden kann, soll meinetwegen eine Diskussion um das Erlauben aktiver Sterbehilfe unter bestimmten weiteren Bedingungen beginnen. Ohne Erfüllung dieser Vorbedingung ist die ganze Diskussion für mich grundsätzlich ausgeschlossen. Es hat also keinen Sinn, über das zu spekulieren, was nach Erfüllung der Vorbedingung kommt, solange die Vorbedingung nicht erfüllt ist. Jedem Gesetzesentwurf, der diese Vorbedingung missachtet, muss von Seiten jedes authentischen Christen ohne Zweifel totaler Widerstand entgegengebracht werden.

Diese pragmatische Argumentationsweise ist deshalb so wichtig, weil sie im Interesse unserer Kultur der Menschlichkeit einen Haltungsvorschlag anbietet, der auch von einsichtigen Nichtchristen mehrheitlich angenommen werden kann. Stattdessen „mit der Bibel auf dem Tisch herumzuhauen“, ist angesichts unserer gesellschaftlichen Realitäten kontraproduktiv, wenn es wirklich darum geht, das Ziel des Lebensschutzes effektiv zu erreichen – und nicht bloß die eigene dogmatische Christlichkeit, letztlich zum Zweck reiner Selbstbestätigung, möglichst lautstark öffentlich zu zelebrieren.

Kinder über alles?

Wenn Kinder für ihre Eltern das Wichtigste in deren Leben sind, neigen wir individuell und gesellschaftlich dazu, diese Haltung zu idealisieren. Ich vermute stark, dass auch ich selbst, wenn ich Vater werde, dazu neigen werde, meinem Kind alles andere als „gleichgültig“ gegenüberzustehen – um es mal vorsichtig zu formulieren.

Dabei gibt es gegen eine Idealisierung der Kinder durch ihre Eltern gewichtige, sowohl intuitive als auch vernünftige Einwände, die auf echte, gravierende Probleme verweisen, die entsprechende Wahrnehmungsverzerrungen und Verhaltensfehler keineswegs als bloßes „pädagogisches Kavaliersdelikt“ erscheinen lassen:

1. Es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die betroffenen Kinder durch ihre Idealisierung seitens der Eltern übermäßig bestärkt werden in ihrem – anfänglich natürlichen – Selbstbild, sie seien „der Mittelpunkt der Welt“, und dass dieses mit dem Alter zunehmend unrealistische Selbstbild auf ihre Entwicklung längerfristig absolut keinen positiven Einfluss nimmt.

2. Es besteht die Gefahr, dass die betroffenen Kinder keine echten und starken eigenständigen Interessen entwickeln können, die sie durch ihr Leben leiten, wenn sie das Haben und Pflegen solcher Interessen, das sich manchmal auch gegen widrige soziale Umstände behauptet, an ihren Eltern nicht beispielhaft erlebt haben, weil diese immer – „sofort auf jedes Gequengel hin“ – gänzlich nur mit ihnen, den Kindern, beschäftigt waren.

3. Es besteht die erhebliche Gefahr, dass die Eltern infolge einer unnötigen, fragwürdigen „totalen Aufopferung“ für ihre Kinder auf Dauer mit ihrem eigenen Leben nicht zufrieden sind und das Gefühl entwickeln, ihre vielfältigen biographischen Möglichkeiten nicht ausreichend genutzt zu haben – und zwar unabhängig davon, ob sie über die Entwicklung ihrer Kinder, in die sie dieses Übermaß an eigenem Leben investiert haben, letztendlich glücklich sind oder nicht.

4. Einem echten Christen ist es nicht gestattet, seine Präferenz für seine „Angehörigen“ im Verhältnis zu seiner Option für das Wohl jedes „Nächsten“ ein gewisses Maß überschreiten zu lassen. Das ist es, was ich meine, wenn ich sehr pointiert sage, jeder einzelne christliche Laie unterliege gewissermaßen einem relativen „Pflichtzölibat“: Es kommt ihm aus der Tiefe seiner theologisch begründeten Ethik heraus nicht zu, seine Ehe und Familie gegenüber den Bedürfnissen beliebiger anderer Menschen, die „seinen Weg kreuzen“, zu verabsolutieren. Wenn Kinder diese „Offenheit der Seele“ lernen sollen, damit sie authentische Christen werden können, dann müssen ihre Eltern ihnen diese Haltung quasi an ihnen selbst bis zu einem gewissen Grad konkret vorleben (selbstverständlich ohne jedes Risiko der Vernachlässigung).

5. Hinter der Idealisierung der Kinder verbirgt sich zumeist ein unbewusstes psychologisches Bedürfnis der Eltern, ihre Beziehung zu ihren Kindern kompensatorisch zu idealisieren. Kompensatorisch, weil sie die Beziehung zu ihren eigenen Eltern nicht als glücklich erlebt haben und deswegen bisweilen aus Ressentiment gegen die eigene Kindheit, häufiger aus Angst vor einer Wiederholung des eigenen kindlichen Beziehungsleidens, am häufigsten aber aus paradoxem schlechtem Gewissen gegenüber den eigenen Eltern heraus panisch bemüht sind, ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern projektiv zu antizipieren. Das Dumme ist nur, dass ein solcher Komplex nichts dazu beiträgt, tatsächlich ein gutes, weil vertrauensvolles Verhältnis zu den Kindern aufzubauen. Es ist also sehr wichtig, dass Eltern sich über ihre eigenen biographischen Beziehungskomplexe Rechenschaft geben, damit sie nicht Unbewusstes mit unabsehbaren Konsequenzen an ihren Kindern „spiegelbildlich“ ausagieren – und zudem, damit sie nicht ihre eigene sinnvolle seelische Weiterentwicklung und „Heilung“ blockieren.

Kinder sollten vor allem mit einer gewissen Selbstverständlichkeit und Natürlichkeit ihrer Existenz und Anwesenheit in der Familie aufwachsen. Gerade diese gesunde Einstellung der Eltern begründet allerdings auch klare und effiziente direktiv-erzieherische Maßnahmen zur Einpassung der Kinder in das soziale Gefüge ihrer Familie wie auch ihrer sonstigen Umwelt.

Wie ein Liebes-Profi aus einer Begriffsfalle entkommt

Auf „SPIEGEL Online“ kommentiert Stefan Kuzmany unter dem amüsanten Titel „Show-Profi in der Sex-Falle“ die „Familien“-Synode in Rom: Die katholische Kirche stecke in einer Zwickmühle zwischen ihren Ultraorthodoxen und denjenigen, die im Falle von moraltheologischen Reformen nicht mehr wüssten, was dann eigentlich noch der Unterschied zur evangelischen Kirche sei. Deshalb werde sich durch die aktuelle Synode nichts ändern – „bis auf dieses: Papst Franziskus wird damit seinen Ruf weiter festigen als einer, der ernsthaft Reformen versucht, als ein Mann am Puls der Zeit, als der sympathische Typ aus Buenos Aires, der seiner Kirche mit einer grandiosen PR-Offensive noch ein paar gute Jahre verschafft hat.“

Zunächst einmal: Die Ansicht, gelockerte Partnerschafts- und Familienmoral sei das zentrale Kennzeichen des Protestantismus, ist haarsträubender Unsinn. Für einen Kulturredakteur eines nicht ganz unbekannten Medienorgans ist das eine erschreckend dürftige Äußerung.

Der wirkliche Unterschied zwischen den beiden großen christlichen Konfessionen liegt in einer subtilen Divergenz spiritueller Lebensgefühle, äußerst komplexer Varianten religiöser Daseinsbefindlichkeit, die jeweils die ganze innere und äußere Lebenswelt ihrer sogenannten „Gläubigen“ in einer bestimmten Weise umfassen und sie symbolisch-rituell unverwechselbar ausdrücken und kommunizieren. Dies auf Ehemoral zu reduzieren, ist ungefähr so intelligent wie die Behauptung, das Entscheidende an einem guten Wein sei sein Alkoholgehalt.

Es ist mehr als offensichtlich, dass das katholische religiöse Lebensgefühl heute weltweit immer noch viel besser verstanden und enthusiastischer angenommen wird als das klassisch-evangelisch-protestantische. Die einzige wirkliche Konkurrenz des Katholizismus kommt innerchristlich von den charismatischen „pfingstlerischen“ Bewegungen, die völlig andere geistige und soziologische Muster repräsentieren.

Insgesamt gesehen hat die katholische Kirche natürlich auch bei richtiger Einschätzung der Verhältnisse in der Tat ein großes Verständnisproblem. Ihr wahres Dilemma ist, dass sie dieses Verständnisproblem weder durch „Verbeliebigung“ ihrer Lehre lösen kann und wird noch dadurch, dass sie sich ihren Radikalkonservativen „an den Hals wirft“.

Es bleibt ihr unter diesen Umständen nichts anderes übrig, als die Auslegung ihrer Normen zu hinterfragen anstatt der Normen selbst. Jesuiten wie Papst Franziskus wissen das seit bald fünfhundert Jahren, und zu Zeiten, in denen noch etliche Jesuitenschüler in allen deutschen Kulturredaktionen saßen, war diese Erkenntnis auch dort schon mal angekommen; leider hat sich das wieder verloren. Auch Verluste können manchmal Gewinne sein; dieser ist keiner.

Strategisches Ziel von Franziskus wird und muss eine künftige Koexistenz von fundamentalistisch-wörtlichen und im Vergleich dazu eher symbolisch-„liberalen“ Auffassungen und Interpretationen der einen, unantastbaren kirchlichen Lehre sein. Eine andere realistische Möglichkeit besteht gar nicht, wenn die Einheit der Kirche gewahrt bleiben und sogar ökumenisch weiter verbessert werden soll, was höchste Priorität hat.

Theologisch wird zu zeigen sein, dass an der Wurzel des Christentums ein normenkritischer und ein normativer Impuls gleichberechtigt nebeneinander stehen, ein Umstand, dem mit der kirchenamtlichen Gleichberechtigung „buchstäblicher“ und bis zu einem gewissen Grad „transferisch“-übertragener oder sogar regelrecht „metaphorischer“ Auffassungen christlicher Normen Rechnung zu tragen ist. Kerygmatisch, homiletisch und katechetisch-religionspädagogisch ist dem zu entsprechen durch ein paralleles Miteinander der Angebote einerseits semantisch niederschwelliger und andererseits differenzierter, qualifizierter, die Erfordernis von traditioneller kirchlicher Bildung zumutender sprachlicher Zugänge zur christlichen Botschaft. Denn weder bloß mit dem Einen noch mit dem Anderen allein kann die Kirche zukünftig bestehen.

Wer an die Synode die Erwartung einer Veränderung des vordergründigen Wortlauts kirchlicher Lehre richtet, wird nicht nur enttäuscht werden, er ist auch unerlaubt naiv.

Damit das Mindeste passiert, was man als ein echtes positives Signal aus Rom wird werten können, müssen allerdings auch manche landläufige explizite Kommentare zur kirchlichen Lehre ebenso explizit zurückgenommen werden, wie sie einst von vielen einflussreichen Katholiken öffentlich goutiert wurden. Diese Notwendigkeit ist mäßig problematisch, solange die betreffenden Kommentare nicht von Päpsten oder Konzilien stammen und solange diese Päpste oder Konzilien nicht den Fehler gemacht haben, in derartige „Low-Context“-Plattitüden zu verfallen, dass keine Exegese mehr möglich ist. Konzilien sind solche Fauxpas im allgemeinen nicht unterlaufen, Päpsten nur selten. An den spektakuläreren unter den letzteren Fällen werden sich die Reformer der Synode gewiss einige Zähne auszubeißen haben, aber am Ende hoffentlich doch nicht alle Zähne.

Da darf man auf Papst Franziskus hoffen, den cleveren Jesuiten.