Wichtige, zentrale Merkmale eines neuen Katholizismus

Damit eine zeitgemäßere und zukunftsfähigere, neuartige, lebendige Kultur des Katholizismus entsteht, sind meines Erachtens an die Kirche und an das katholisch-christliche Leben vor allem folgende dringende Aufforderungen zu richten:

1. existenzieller in ihrer Auffassung der Glaubenslehre:

Das entscheidende Verständnis von „Glauben“ ist nicht ein „Für-Wahr-Halten von Lehrsätzen“, sondern ein totales Vertrauen auf Gott mit allen Aspekten der gesamten Lebenshaltung.

Aber nicht nur Dogmatismus – oder Evangelikalismus, was im Grunde genau das Gleiche ist -, sondern auch „Charismatismus“ bedeutet einen Verlust existenzieller Qualität des geistlichen Lebens.

In der Katechese, die er anlässlich seiner Generalaudienz am 25.6.2014 hielt, sagte Papst Franziskus einen Satz, der besonders viel Aufsehen erregte und teilweise empörten Widerspruch wach rief: „Es gibt Menschen, die behaupten, sie hätten eine persönliche, direkte, unmittelbare Beziehung mit Jesus Christus außerhalb der Gemeinschaft und der Mittlerschaft der Kirche. Das sind gefährliche und schädliche Versuchungen.“

Das ist provokant, ja gewagt formuliert. Es konterkariert eine in der Kirche lange gepflegte Spiritualität – die aber ihrerseits einseitig und gefährlich war. Früher hat sich aus einer übertriebenen Romantik einer vermeintlichen individuell-innerlichen Christus-Beziehung einerseits, die den theologischen Christus mit dem historischen Jesus naiv gleichsetzen zu können meinte, und einer autoritären, dogmatischen und „liturgistischen“ Amtskirche andererseits eine typisch katholische Spiritualität konstituiert, die gleichsam wie auf einem Drahtseil zwischen zwei extremen Polen balancierte, mit dem barmherzigen Netz einer institutionellen Caritas darunter. Dieses alte Modell von Katholischsein kommt uns heute mit guten Gründen nicht mehr geistlich gesund vor.

Papst Franziskus hat völlig recht. Die entscheidende Frage bei seinen Worten ist, was man unter „Gemeinschaft und Mittlerschaft der Kirche“ versteht. Wir denken dabei für gewöhnlich immer noch an die klerikale Machtkirche, mit einem heute nur allzu verständlicher Weise unguten Beigeschmack. Aber wenn wir Papst Franziskus auftreten sehen, dann wissen wir doch sofort und ohne jeden Zweifel, dass er damit etwas entschieden anderes meint. Und deshalb hat er recht. Denn er meint mit „Gemeinschaft und Mittlerschaft der Kirche“ das Gesicht des Anderen, der Christus nachfolgt, in dem uns Christus erscheint. Nur dieses kann jeweils das wahre Christus-Gesicht für uns sein. Alles andere ist nur eine Christus-Phantasie, die keinesfalls gleichen Stellenwert beanspruchen darf, sonst entgleitet uns die christliche Wahrheit. In der Hierarchie dessen, was existenziell ist, müssen meine persönlichen Phantasien – so erbaulich sie bestenfalls auch sein mögen – ohne jeden Zweifel immer deutlich unterhalb der anderen Menschen rangieren, die mir mit der Realität ihrer personalen Existenz leibhaft gegenüber treten.

2. existenzieller in ihrem Verhältnis zum liturgischen Leben:

Liturgie ist eine Praxis der Kirche, die für deren irdische Gestalt von entscheidender Bedeutung ist. Es scheint mir empfehlenswert, dass die Kirche zu einer liturgischen Haltung zurückfindet, in der sie ihre Sakramente und sonstigen gottesdienstlichen Handlungen wieder stärker – natürlich niemals ganz, aber stärker als in ihrer zurückliegenden Ära – als Pflicht versteht. Damit kommen nämlich gesunde, gewöhnliche Kriterien für diesseitige, zweckgebundene menschliche Aufgaben wieder stärker ins Spiel, wie etwa Disziplin. Ich bin überzeugt, diese Gebärde tut dem liturgischen Leben gut. In den vergangenen Jahrzehnten herrscht ein gewisser „Spiritualismus der Liturgie“ vor, der das „Gestalten“ von Gottesdiensten problematischen – beispielsweise narzisstischen – Einflüssen öffnet, die die fatale Tendenz haben, Misshelligkeiten in den Gemeinden hervorzurufen. Dieser Trend muss angehalten und umgekehrt werden.

Eine kirchliche Zeremonie ist kein „Kunstwerk“, kein „Happening“, in dem sich ein kreatives Individuum verwirklicht. Auch und gerade junge Erwachsene wenden sich heute wieder verstärkt traditionalistischen Bewegungen zu. Gerade wenn man diese Entwicklung in weltanschaulicher Hinsicht nicht begrüßt, sollte man jetzt die Erkenntnis aufgreifen, dass die zuverlässige Erwartbarkeit und detaillierte Vorhersehbarkeit der Form liturgischer Vollzüge ein fundamentales spirituelles Bedürfnis erfüllt, das ein gewisser postkonziliarer liturgischer Experimentalismus irrig aus dem Blick verloren hat. Auch und gerade junge Menschen wollen nicht gesagt bekommen: „Wir denken uns tolle Gottesdienste aus!“ Ihr Bedürfnis nach kreativer Gestaltung von Erlebnissen, Ereignissen und Veranstaltungen können sie in vielen anderen Kontexten ausleben und tun das auch. Wenn Kirche sie überzeugen und gewinnen kann, dann gerade durch die Botschaft: „Wir tun hier genau das und nur das, was die Kirche seit zweitausend Jahren schon immer getan hat.“ So hinterfragungswürdig und relativierungspflichtig diese Behauptung bei genauem historisch-kritischem Hinsehen auch ist. Aber die Haltung zählt. DAS ist „existenziell“. Deswegen hat es Kraft. Mir geht es gerade darum, dieses gewaltige geistliche Potenzial nicht den Traditionalisten und Fundamentalisten zu überlassen.

Deswegen kann man natürlich trotzdem ab und zu auch mal ein etwas zeitgenössischeres Lied singen, dessen Wertschätzung und Anerkennung behutsam und stetig aus einem breiten Konsens der Gemeinde entwächst.

Das folgende Argument soll uns bei der Suche nach einem neuen Verhältnis zur Liturgie ermutigen – es will kein Angriff gegen das überkommene Verständnis sein: Nur einem einzigen unserer vier kanonischen Evangelisten lässt sich einigermaßen deutlich die Auffassung entnehmen, die kirchliche Eucharistie solle als Wiederholung des spezifischen „Letzten Abendmahls“ Jesu verstanden werden. Das ist Lukas, unterstützt von Paulus. Markus, Matthäus und Johannes hingegen sind, wenn man sie historisch-kritisch liest, weit eher der Auffassung, die Kirche solle sich bei ihrem Eucharistie-Verständnis an jener Praxis offener Tischgemeinschaften orientieren, die Jesus zu seinen Lebzeiten vor seiner Passion immer wieder gepflegt hat – und die er im Unterschied zu seinem „Letzten Abendmahl“ offenkundig absichtsvoll kaum bis gar nicht rituell „inszenierte“. Der lukanischen Anknüpfung der Eucharistie ans „Letzte Abendmahl“ stehen die übrigen Evangelisten teilweise sogar regelrecht polemisch entgegen. Gerade dieses irritierende Argument sollte uns bestärken in einem einfachen Geist des „Tun-Wollens, was Jesus getan hat“. Durch den legitimen Filter der Kirchengeschichte betrachtet ist dies die nüchterne und durchaus auch gewissermaßen „sparsame“ Einhaltung der organisch gewachsenen Praxis der Kirche.

3. existenzieller in ihrem Verhältnis zu Geschlecht und Lebensformen der Menschen:

Was das Menschenbild, das anthropologische Paradigma des christlichen Glaubens benötigt, ist mehr menschenkenntnisgesättigter, nüchterner Realismus im Umgang mit anderen Menschen, ist die Fähigkeit zu Nächstenliebe und tiefer Geschwisterlichkeit ohne grandiosen oder idyllischen, „frömmelnden“ Illusionismus. Es bedarf eines viel existenzielleren Neuverständnisses der Bedeutung jener christlich-theologischen Ur- und Kern-Aussage, dass der Mensch ein „Sünder“ ist. Diese Ausdrucksweise ist entweder unverständlich geworden oder zum frommen Blabla verkommen. Damit droht der Vermittlung christlicher Welt-, Lebens- und Menschensicht Fundamentales verloren zu gehen. „Die Sünde muss gerettet werden!“ Ob mit oder ohne Begriffsänderung auf der Suche nach zeitgemäßer Sprache – das ist egal, das ist zweitrangig. Der spirituelle Sachverhalt und seine tiefe Richtigkeit müssen im Bewusstsein der Menschen bleiben. Dazu gehört die Erkenntnis, dass die christliche Definition des Menschen als „Sünder“ eine unendlich positive ist. Wenn das nicht mehr vermittelbar ist, ist Christentum erledigt.

Ein existenzielles Verhältnis zu menschlichen Lebensformen bedeutet bejahende Integration des in gewissem Umfang unvermeidlich immer auch chaotischen, ungeordneten, unsicheren und instabilen, labilen Grundmoments von Familie und dem Heranwachsen von Kindern. Das beinhaltet eine klare Option für das außerbürgerliche Moment menschlicher Existenz. Christliches Leben heute und morgen braucht entschieden weniger Bürgerlichkeit und mehr „positive Apokalyptik“.

Ebenso gibt es ohne eine humorvolle Akzeptanz der letzten Unbewältigbarkeit unserer Sexualität, die sich niemals vollständig in akkurat geregelte Lebensvollzüge einordnen lässt, keine vitale und authentische Spiritualität. Vor diesem Gedanken muss eine „zwanghaft“ geführte „christliche Ehe“ nicht unbedingt „gesünder“ erscheinen als die zölibatäre Lebensform eines römisch-katholischen Priesters. Selbstverständlich erhält in diesem Neuansatz auch die homosexuelle Orientierung von Menschen einen aufrichtigeren Platz.

Ob die kirchlichen Institutionen nun demnächst kanonistische Neuregelungen ihrer Geschlechterdiskriminierung beim Zugang zu geistlichen Ämtern vornehmen oder nicht: Wirklich ausschlaggebend ist, ob und dass durch eine gelebte neue katholische Alltagskultur die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern immer bedeutungsloser wird, weil sie einfach keine Rolle dafür spielt, ob jemand ein „guter Christ“ ist.

Eine fortschreitende Marginalisierung von Institutionalität und Professionalität in der Kirche wird dieser christliche Kulturwandel ganz automatisch nach sich ziehen. Der faktische Wegfall der Klerus-Laien-Schranke und die umfassende, selbständige religiöse Kompetenz jeder einzelnen gläubigen Person sind unabdingbare Merkmale jeglichen Christseins der Zukunft – auch des katholischen.

4. existenzieller in ihren Vorstellungen von Sozialität des christlichen Lebens:

Wir brauchen eine neuartige Kultur des Zusammenlebens in Gemeinschaften persönlicher Beziehungen, die von religiösen Fragen bewegt, bestimmt und geprägt werden – von religiösen Fragen, das heißt nicht von religiösen Antworten. Eine solche neuartige Gemeinschaftskultur muss eine Kultur der weiten geistigen Offenheit sein, ohne dabei ihre Mitte, die sie in spirituellen Fragestellungen an das Leben hat, aus dem Blick zu verlieren. Und diese Fragen dürfen, ja müssen in den Gemeinschaften, von denen ich hier rede, auch aus der spezifischen Perspektive einer katholischen Spiritualität gestellt werden, nicht aus einer beliebigen oder esoterischen. Sie dürfen nur nicht aus einer spezifisch katholischen Perspektive gemeinschaftsverbindlich beantwortet werden wollen. Diese Versuchung mag groß sein. Aber es gibt schon genug Beispiele für katholische geistliche Bewegungen, die mit ihren verbindlichen Antworten die Kirche letztlich nicht erneuert, sondern sie dadurch nur immer enger oder jedenfalls partikulärer und „subkultureller“ gemacht haben. Dies ist nicht das Ziel, und dies ist auch nicht die Richtung, in die die Entwicklung des Katholizismus weiter zu gehen hat.

5. neu orientiert in ihrem Verhältnis zur Armut:

Wir müssen endlich eine Kirche der Reichen UND der Armen werden. „Wir befinden uns vor einem Schisma zwischen der Fleischwerdung Jesu Christi in seiner sichtbaren Kirche und jener anderen geheimnisvollen Fleischwerdung des armen Jesus in den Armen… (…) Das heißt nicht die Reichen vergessen. Jesus hat sie geliebt und nicht von allen verlangt, dass sie ihre Güter aufgeben. (…) Die Kirche muss den Reichen wie den Armen das Evangelium verkünden.“ (Paul Gauthier, aus: „Diese meine Hände“). Was das den Reichen aber in jedem Fall abverlangt, ist die Aufgabe ihrer Identifikation mit ihrem Reichtum. Das ist der unerbittliche, schwere Prüfstein der Christlichkeit eines Reichen. Die Zukunft der Kirche wird nicht darin liegen, dass sie sich einen „kommunistischen“ Anstrich verpasst. Sondern dass sie die viel schwierigere Synthese und Harmonie zwischen arm und reich leistet. Freilich ist dabei von den Armen „nur“ Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit, von den Reichen und Mächtigen hingegen sehr viel mehr gefordert. Die Gerechtigkeit Gottes beginnt mit gegenseitiger Nicht-Anfeindung der Unterschiede – angemessene elementare Existenzmöglichkeiten für jedermann selbstverständlich vorausgesetzt.

Die Verantwortung der Kirche für die Bekämpfung von Armut reicht nur bis zu dem Punkt, an dem es ohne Zynismus möglich ist, einem Armen vorzuschlagen, seine Armut „evangelisch“ aufzufassen, anstatt unter ihr zu leiden. An diesem Punkt endet die Zuständigkeit der Kirche für Armut als Politikum. Armut wird allerdings nicht automatisch umso „evangelischer“, je größer sie ist. In diesem Verhältnis gibt es klare Grenzen. Diese werden weltweit so vielfach skandalös unterschritten, dass das Berufensein der Kirche zu schärfstem politischem Engagement gewiss noch lange nicht enden wird. Aber es ist nicht Aufgabe der Kirche, „Wohlstand für alle“ zu propagieren – jedenfalls nicht in einem materiellen Sinne. Dies ist die Aufgabe politischer Parteien. Am Punkt der „Evangelisierbarkeit“ von Armut endet also nicht nur die Verpflichtung, sondern sogar das Recht der Kirche, Armut politisch zu bekämpfen. Indem sie diesen Unterschied verkennt, nicht den Mut hat, ihn zu machen, oder einfach mit populären Slogans gesellschaftlich Zustimmung heischen will, ist die Kirche schon seit langem in die Falle bürgerlicher Behaglichkeit gelaufen. Das muss aufhören und revidiert werden, denn sie verliert damit ihre wirkliche, ihre geistliche Verantwortung aus dem Blick.

Und in Wirklichkeit meint auch Papst Franziskus nichts anderes.

Auferstehung als Wiedergeburt von Lebens-„MUSTERN“

Die Reanimation von genetischem Material, das amtlich beerdigt wurde, ist eine Vorstellung von Auferstehung, die an spirituellem Niveau die schlechteste Auffassung von buddhistischer Wiedergeburt nicht übertrifft. Paulus hingegen sagt: „σπείρεται σῶμα ψυχικόν, ἐγείρεται σῶμα πνευματικόν – gesät (was sowohl gezeugt als auch beerdigt bedeuten kann) wird ein ‚psychischer‘, auferweckt ein ‚pneumatischer‘ Leib“ (1Kor 15,44). Was immer der genaue Unterschied zwischen „psychikós“ und „pneumatikós“ sein mag – den ich an anderer Stelle bereits eingehender herauszuarbeiten unternommen habe -: Klar ist jedenfalls, dass es sich hier um eine subtile Distinktion handelt, die einen über „zombiehaft“ illustrierte Anschauungen von Auferstehung nur befremdet den christlichen Kopf schütteln lässt.

Die Wiedergeburt von Individuen ist eine egozentrische Vorstellung, die spirituell arm ist. Viel interessanter und bedenkenswerter ist die Wiedergeburt von Lebens-„Mustern“, wie etwa Lebens-„Strategie“-Mustern oder auch Beziehungsmustern. Jeder kennt die Erfahrung, einem anderen Menschen das erste Mal zu begegnen und das Gefühl zu haben, ihn schon immer zu kennen. Jeder kann sich vorstellen, dass die Dynamik ganz bestimmter Arten inniger Freundschaftsverhältnisse zwischen zwei Menschen in ihren typischen kommunikativen und emotionalen Prozessen genau so schon von Millionen anderer Paare in Jahrtausenden erlebt wurde. Diese Betrachtung löst das verfehlt Personalistische im Nachdenken über Wiedergeburt auf und erklärt stattdessen viel besser jene Weise von „Wiedergeburt“, auf die Christus tatsächlich in all jenen Menschen immer wieder leibhaft aufersteht, die ihm zutiefst nachfolgen.

Dabei handelt es sich nicht um „Archetypen“. Der Archetyp ist das Markante, das Markante aber ist das Seltene. So paradox es beim ersten Hören vielleicht klingt: Der „reine Archetyp“ ist logischerweise das, was in der Praxis nie auftritt. Vielmehr handelt es sich bei jener Auffassung von Wiedergeburt, die sich bestens auch und gerade christlich vertreten lässt, um das Prinzip des Lebens, das sich in seiner Christusförmigkeit in unterschiedlichen Gestalten verschieden stark verdeutlicht: Für den Erleuchteten in jedem Wesen, für „uns Normale“, „uns unterwegs“ aber in vermeintlichen „herausragenden Einzelfällen von Heiligkeit“, in denen sich die göttliche Gnade erkennbarer äußert, die uns didaktisch zur letzten Erkenntnis des „Heiligen in allem“ schrittweise hinführen will. Jede „Wieder“-Auferstehung Christi ist auf scheinbar paradoxe Weise „individuell“.

Ebenso scheinbar paradox kann man auch sagen: Das, was wir umgangssprachlich nur irrtümlich für den Leitbegriff von „Leben“ halten, leben wir vermeintlich „individuell“; den Akt wahren Auferstehens aber vollziehen wir alle „gleich“ – unter Ablösung von alledem, was wir in unserem säkularen Verständnis „Unterschiede“ zu nennen gewohnt sind und belieben. Wenn es in der Wirklichkeit der Auferstehung noch Distinktionen gibt, sind es jedenfalls kategorisch ganz andere als die irdischen.

„Aber ist nicht das Prinzip der Person eine wichtige, zentrale Grundlage christlicher Weltanschauung?“ Nur bedingt. „Personalismus“ ist ein Prinzip der christlichen Sozialethik – deren Ausweitung ins Transzendente hybrid ist. Es wird Zeit, diese wirklich wichtige Unterscheidung theologisch endlich einmal gründlicher zu thematisieren.

Domestizierte Werke, sedierter Glaube

Da ich immer wieder Frère Roger zitiert habe („Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast, und wenn es noch so wenig ist, aber lebe es“): Es gibt ein heute – wieder einmal – sehr verbreitetes Missverständnis, das dieser Ausspruch Frère Rogers nicht stützt. Dieses Missverständnis lässt sich mit der terrible simplification zusammenfassen: „Ob du ein Christ bist, zeigt sich daran, was du tust.“

Der Glaube der Kirche lehrt in aller Eindeutigkeit, dass die göttliche Gnade dem menschlichen Wollen immer zuvorkommt. Die Gnade ist es, die allen guten Willen in uns erst ermöglicht. Wenn das menschliche Bewusstsein „aus sich heraus“ überhaupt etwas Gutes tun kann, dann zuallererst also dies, dass es sich der göttlichen Gnade öffnet, sich bewusst auf sie ausrichtet. (Und natürlich kommt – wenn man sich denn die Mühe des hoffnungslosen Versuchs machen möchte, sich in diesen Dingen „exakt“ auszudrücken – auch jeglichem Bewusstsein die Gnade letztlich immer noch einen Schritt zuvor, ebenso wie dem Willen.)

Was das Zweite Vatikanische Konzil so schön über die Liturgie sagt: „Sacra Liturgia non explet totam actionem Ecclesiae; nam antequam homines ad Liturgiam accedere possint, necesse est ut ad fidem et conversionem vocentur – die heilige Liturgie füllt nicht die ganzes Tätigkeit der Kirche aus; denn bevor die Menschen zur Liturgie kommen können, ist es notwendig, dass sie zum Glauben und zur Bekehrung gerufen werden“ („Sacrosanctum Concilium“ 1,9), gilt ebenso auch von der „diakonia„: Der wahre christliche Glaube äußert sich in der Tat immer in guten Werken; aber gute Werke führen nicht zum rechten Glauben, sie können ihn nicht verursachen.

Es sei aber „der Glaube egal, solange die Taten stimmen“, ist eine fatale Fehlannahme, die auf einem schwerwiegenden Missverständnis von „Glauben“ beruht. Denn wahrer Glaube ist kein „Für-Wahr-Halten von Lehrsätzen“, sondern eine tiefst-innerliche Haltung des totalen Vertrauens auf Gott. Und diese Haltung verändert sämtliche Qualitäten jeglichen menschlichen Tuns radikal.

Darum kann es beispielsweise sehr wohl ebenso wichtig sein, sich als theologischer Blogger zu betätigen, wie in karitativen Einrichtungen aktiv zu werden. Wer das nicht anerkennt, bewegt sich in einem indifferenten Verständnisrahmen von „Gutes-Tun“, in dem er sich durch nichts von einem Marxisten unterscheidet, der persönlich einen anständigen Charakter hat.

Ein religiöser Mensch kann auch durch sein Gebet – oder, wenn einem der scheinbar zeitgemäßere Begriff lieber ist, durch seine Kontemplation – in der Welt wirken. Darum sagt etwa der große orthodoxe Heilige Serafim von Sarow: „Finde deinen inneren Frieden, und um dich herum werden Tausende gerettet.“ Mit einer gegenüber dem Leiden der Menschheit ignoranten Haltung hat das nicht das Mindeste zu tun. Wer das nicht versteht, hält sich noch sehr am Anfang seiner religiösen Bildung auf. In diesem Sinne kann man mit gutem Recht behaupten, der bedeutendste Akt der caritas sei die Evangelisation.

Mehr noch: Es wird oft implizit so getan, als seien „Werke“ irgendwie „einfacher“ als „Glauben“. Aber wie „gut“ sind „gute“ Werke eigentlich zweifelsfrei und „immer“? Die berühmten „sekundären Effekte“, von denen jede menschliche Handlung eine subtile Fülle nach sich zieht, sind oft gar nicht mehr so eindeutig „gut“ wie die oberflächlich-primäre Intention. Das macht die Welt so kompliziert. Was wir zum Beispiel klassischerweise unter dem Begriff „Caritas“ stattfinden lassen, verliert sich nur zu oft in einem Institutionalismus, der selbstreferentiell bis dubios ist. Papst Franziskus hat genau diesen Sachverhalt in seiner bemerkenswerten Rede vor dem „Welttreffen der Sozialen Bewegungen“ in der alten Synodenaula des Vatikan am 28.10.2014 in spektakulärer Weise thematisiert:

No se contentan con promesas ilusorias, excusas o coartadas. Tampoco están esperando de brazos cruzados la ayuda de ONGs, planes asistenciales o soluciones que nunca llegan o, si llegan, llegan de tal manera que van en una dirección o de anestesiar o de domesticar. Esto es medio peligroso. (…) No se puede abordar el escándalo de la pobreza promoviendo estrategias de contención que únicamente tranquilicen y conviertan a los pobres en seres domesticados e inofensivos. Qué triste ver cuando detrás de supuestas obras altruistas, se reduce al otro a la pasividad, se lo niega o peor, se esconden negocios y ambiciones personales: Jesús les diría hipócritas.

Sie (die sozialen Aktivisten) sind nicht zufrieden mit leeren Versprechen, Entschuldigungen und Ausreden. Sie erwarten auch nicht mit verschränkten Armen die Hilfe der NGOs, Hilfspläne und Lösungen, die nie ankommen, oder nur entweder mit einer betäubenden oder einer domestizierenden Wirkung. Das ist ein gefährliches Mittel. (…) Dem Skandal der Armut kann nicht begegnet werden durch Strategien, die nur beruhigen oder die Armen in gezähmte und inoffensive Wesen verwandeln. Wie traurig, wenn hinter scheinbar altruistischen Werken der Andere zur Passivität reduziert und negiert wird, oder, schlimmer noch, Geschäft und persönliche Ambition sich dahinter verbergen. Jesus hätte von Heuchlern gesprochen.“

Das bedeutet unter anderem auch: Selbsthilfe geht im Sinne des christlich-sozialethischen Grundsatzes der Subsidiarität nicht zuletzt deshalb vor Fremdhilfe, weil damit das notorische Helfer-Ego verhütet wird, das den wahren Glauben tötet, wie fromm es auf den ersten Blick auch immer aussehen mag. Ein Christ, der nie hinterfragt hat, warum er sich eigentlich beim Gleichnis vom barmherzigen Samariter vor seinem geistigen Auge intuitiv immer in der Rolle des Samariters sieht und nie in der des Überfallenen – und, Hand aufs Herz, wir alle „ticken“ so -, der ist immer auch potenziell ein etwas „gefährlicher“ Christ. Das mag hart klingen, aber es ist so. Man lese dazu etwa Carlo Carretto, der sich vom katholischen Vorzeige-Aktivisten zum Kontemplativen wandelte.

„Was willst du, dass ich dir tun soll?“ fragt Jesus den Blinden in Mk 10,51. Es geht bei diesen Worten darum, dass der zu Rettende mit unbedingter Notwendigkeit selbst eine Vorstellung von seiner Rettung haben muss. Wahre caritas besteht also tatsächlich in erster Linie darin, die geistliche Fähigkeit zur Vorstellung von der eigenen Rettung zu vermitteln.

Angesichts dessen werden die angemessenen Äußerungen des wahren Glaubens durch die gute Tat eher situative als institutionell organisierte Handlungen sein.

Der Wiedergewinn dieser Einsicht hat in den derzeitigen verfassten christlichen Kirchen noch einen längeren Weg vor sich.

Konzept für eine koedukative freie katholische Oberschule, wie sie im Münchner Raum fehlt

Der Münchner Raum hat großen Bedarf an einer katholischen Schule, die (a) eine freie Schule ist, also nicht unter der unmittelbaren Direktive des Erzbischöflichen Ordinariats steht, (b) eine Oberschule ist und (c) eine koedukative Schule ist. Das wäre meines Erachtens eine wirklich zukunftsweisende Initiative. Es gibt derzeit in München nämlich überhaupt keine katholische Schule, die eine freie Schule ist, und überhaupt keine katholische Schule, die eine Oberschule und zugleich koedukativ ist (sondern nach wie vor nur Mädchenschulen). In diesem Sinne sollte dringend ein Träger- und Förderverein gegründet werden.

Eine koedukative freie katholische Oberschule muss meines Erachtens folgende primäre Profilaspekte aufweisen:

1. Eine besondere Form des Kompromisses zwischen „Fordern und Fördern“ dergestalt, dass einerseits Leistung klar bejaht und positiv bewertet und das Streben nach Exzellenz auf jede erdenkliche Weise unterstützt wird, dass dieser Aspekt andererseits aber nicht für die Frage nach der Schulzugehörigkeit im Vordergrund stehen darf, die sich vielmehr vorrangig an der Gesamtheit der inneren Einstellung, der Werthaltung und dem Sozialverhalten gegenüber Mitschülern und Lehrkräften festzumachen hat, so dass auch Schülerinnen und Schüler mit geringerem fachlichem Leistungspotenzial sich für die Dauer ihrer gesamten persönlichen Schullaufbahn an der Schule gleichermaßen willkommen, integriert, beachtet und gefördert fühlen können.

2. Eine zumindest intern und informell vorrangige Gewichtung und Pflege (a) der sprachlichen Fächer mit besonderer Berücksichtigung von Latein und dem fakultativen Angebot von Altgriechisch, (b) der musischen Fächer, (c) der gesellschaftskundlichen Fächer und (d) natürlich des Fachs Religionslehre, bei gleichzeitiger objektiv-formeller Gewährleistung einer Universalität der pädagogisch-didaktisch kompetent ermöglichten Abschlussleistungen in allen gängigen Oberschulfächern.

3. Eine vom Grundsatz der hufeisenförmigen Möblierung von Klassen-Unterrichtsräumen ausgehende pragmatische und zugleich schulintern „kategorische“ Konditionierung sowohl des prinzipiellen („reduziert-frontalen“) Unterrichtsstils wie auch der zahlenmäßigen Klassenstärken.

Mein Traum ist, dass eine solche Schule in zehn Jahren in München existiert, wenn mein Kind in das Alter kommt, sich vielleicht für eine Oberschullaufbahn entscheiden zu können – und „amtskatholische“ Institutionen jeglicher Art nach überkommenem „ecclesia-triumphans„-Muster dann vermutlich mangels klerikalem Personal überhaupt schon sehr rar geworden sein werden.

Das öffentliche Standard-Schulsystem möchte ich ihm jedenfalls schon heute nur äußerst ungern antun, und ich kann leider nicht daran glauben, dass es in zehn Jahren besser geworden sein wird.

Christus ist nicht in der Bibel

Christus ist nicht in der Bibel. Christus ist im Leben. Die Bibel ist ein Leitfaden, wie man Christus im Leben erkennt. Daher ist Biblizismus müßig – und eine historisch-kritische Lesart der Bibel nicht bloß interessant, sondern theologisch absolut notwendig. Man kann Christus in Wahrheit überhaupt nur wirklich lieben in den Gesichtern und Seelen derer, die ihm überaus offensichtlich so nachfolgen, dass sie ganz eins mit ihm wurden. Solche Menschen leben nach dem Willen Gottes zu allen Zeiten. Denn sonst wäre Christus nicht auferstanden.

Wenn man in einem wahren Sinne im Glauben wächst, bedeutet dies, dass man immer fähiger wird, Christus nicht nur in solchen besonderen Persönlichkeiten, sondern auch in ganz gewöhnlichen Zeitgenossen zu erkennen. Aber in dieser Fähigkeit sollte man sich tunlichst niemals selbst überschätzen. Wir „alle“ brauchen immer noch jene „ausgesprochenen“ Heiligen, die unentwegt die Frage aufwerfen, ob wir denn nicht eigentlich alle heilig sind? Ja, natürlich sind wir das. Aber was nützt das, solange wir noch nicht fähig sind, es wirklich zu merken?

Und so lange brauchen wir auch die Bibel. Die Bibel erklärt uns die Heiligen, und die Heiligen erklären uns die Bibel. Durch diesen zirkulären Prozess lernen wir nach und nach, die alles durchdringende Gegenwart der Heiligkeit Gottes in allem Geschaffenen zu begreifen und sie auch in unserem einzelnen Leben zu verwirklichen. Wenn wir das einmal begriffen und verwirklicht haben, dann gibt es keine Heiligsprechungen und auch keine Bibel mehr. Aber erst dann. Es wird beide also vermutlich noch sehr lange Zeit geben.

Wir sollten uns einstweilen an das bekannte Worte Frère Rogers halten: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast; und wenn es noch so wenig ist; aber lebe es.“

Simone Weil

Ich habe einen Auszug aus dem Brief gelesen, den Simone Weil am 15. Mai 1942 an ihren geistlichen Begleiter P. Jean-Marie Perrin OP richtete. Darin begründet sie wortreich die These, „dass Gott mich nicht in der Kirche will“.

Da ich diesen Gedanken aus schwierigen Zeiten meiner eigenen Biographie selber kenne, mag ich mich hierüber nicht scharf äußern. Denn wenn ich mich scharf dazu äußerte, müsste ich sagen: Das ist der intellektuelle Eiertanz einer etwas gespreizten, hochbegabten jungen Philosophin, die sich auf einer gewissen Ebene ein geistiges Ego zweifellos gerechtfertigter leisten kann als viele andere, die durch dieses geistige Ego bis zu einem gewissen Punkt groß und bewundernswert wurde, die genau an diesem Punkt aber auch anfängt, dadurch kleiner zu werden, als sie sein könnte.

Denn die Annahme, Gott wolle mich nicht in der Kirche haben, bedeutet letztlich ja doch nichts anderes, als dass er sich gefälligst mehr Mühe hätte geben sollen, für ein so fabelhaftes Wesen wie mich eine etwas vollkommenere Kirche zu erfinden.

Aber wie gesagt, ich will über eine solche Befindlichkeit nicht heftig urteilen. Das steht mir angesichts meiner eigenen mühseligen Schwierigkeiten mit der real existierenden Kirche wahrlich überhaupt nicht an. Ich beiße mir auf die Zunge.

Zur Rechten des Vaters, zur Linken des Betrachters

Bundespräsident Gauck nennt die Vorstellung eines „Linke“-Ministerpräsidenten gewöhnungsbedürftig – und Bodo Ramelow beklagt sich postwendend darüber, von einem Mitchristen als solcher negiert zu werden.

Zu diesem Zeitpunkt hat Papst Franziskus gerade vor dem „Welttreffen der sozialen Bewegungen“ in der alten Synodenaula in Rom eine flammende Rede gehalten, die nicht anders kann als mich einerseits begeistern und andererseits erschrecken angesichts des rücksichtslosen totalen Porzellanzerbrechens zwischen der Kirche und den Reichen und Mächtigen, das sie bedeutet.

Das Problem der sich ändernden Zeiten besteht heute insbesondere darin, dass jene große politische Weltströmung, die man provisorisch als „sozialistisch“ bezeichnen kann, aufgehört hat, eine eindeutig areligiös dominierte zu sein, und angefangen hat, stattdessen in eine klassisch-marxistisch-antireligiöse und eine emphatisch bekennend religiöse Phase auszuflocken. Beide „sozialistischen“ Zustände bilden bis dato immer noch eine fein emulgierte Allianz im Angesicht ihrer vordergründigen gemeinsamen politischen Ziele. Aber dieses unzuverlässige Gebräu kann sich jederzeit absetzen und „umkippen“. Denn in jeder etwas profunderen Wirklichkeit ist die Motivlage eines religiösen „Sozialismus“ mit der eines antireligiösen nach marxistischem Muster nicht kompatibel.

Dies ist das tiefe Unbehagen, mit dem ich Ramelow den thüringischen Ministerpräsidentenstuhl erklimmen sehe. Der einzige Schönheitsfehler hingegen an Joachim Gaucks Bemerkung dazu ist, dass ein Hinweis auf die Vergangenheit grundsätzlich kein gültiges Argument gegen den Wandel der Zeiten sein kann (dies im Grunde wissend, hat Gauck seinen Einwand ja auch entsprechend bedeckt formuliert). Würde das Erbe der SED politisch konsequent disqualifizieren, müsste man die „Linke“ gleich ganz verbieten. Ist sie nicht verboten, muss sie sich auch am Regieren versuchen dürfen.

So wenig freilich ich selber darüber erfreut bin. Denn in der „Linken“ repräsentiert Bodo Ramelow gegenwärtig nur eine winzige Minderheit gegen eine Überzahl der Antireligiösen, mit denen ich persönlich keine strategische Allianz eingehen würde, so rasch sehe ich dieses Bündnis schon wieder an ideellen Fragen zerbrechen.

Dass Gaucks derzeitiger Nachfolger im Amt des Beauftragten für die Stasi-Unterlagen sich im gegenwärtigen Streit um den Unrechtscharakter der DDR mit einem klaren „Ja“ zu Wort meldet, begrüße ich jedenfalls.

Förster& Kreuz

Das Unternehmensberaterpaar Anja Förster und Peter Kreuz hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel: „Hört auf zu arbeiten! Eine Anstiftung, das zu tun, was wirklich zählt„. Dieses Buch wurde mir empfohlen und geschenkt, darum habe ich es gelesen und bespreche es hier.

Die in diesem Buch zunächst gebotene schonungslose Analyse des entfremdeten Menschen im gegenwärtig immer totaler vorherrschenden äußerlich und innerlich genormten Arbeitswelt-System ist zweifellos zutreffend. Mit vielen Beispielen, die großer unternehmensberaterischer Sachkenntnis entspringen, wird hier noch einmal detailliert geschildert, was längst keine Begründung mehr noch weiter verdeutlichen kann, wenn jemand es einfach nicht zur Kenntnis nehmen will oder kann: Das persönliche Glücks- oder auch nur Befriedigungspotenzial in unserem gängigen ökonomischen Arbeitsleben kann man inzwischen mit dem Mikroskop suchen.

In ihrem einleitenden Exkurs über das Bildungswesen stellen Förster&Kreuz nicht in Frage, „dass Bildung der Wirtschaft zu dienen hat“. Das ist aus meiner Sicht schlicht falsch. Bildung dient nicht der Wirtschaft. Bildung dient dem Leben, und die Wirtschaft ist freilich ein unumgänglicher Teil des Lebens. Perspektive und Proportionen erscheinen verzerrt. Die verheerenden Ist-Zustands-Analysen der Autoren sind korrekt. Dabei stimmen ihre Prämissen teilweise ebenso wenig wie ihre Folgerungen.

Die Autoren plädieren gegen die gängigen Business-Ratgeber für eine offene Vielfalt der Konzepte, nach denen die Wirtschaft und ihre Unternehmen funktionieren können. Vielfalt ist gut, aber: Man muss im Rahmen dieser Vielfalt auch und sogar darin „es anders machen“ dürfen, dass einen die „Wirtschafts“-Praxis persönlich überhaupt nicht interessiert, und trotzdem materiell in ihr zu leben haben können. Ein zustimmungswürdiges ökonomisches System zeichnet sich ganz entschieden gerade dadurch aus, dass es auch diejenigen mit allen ihren Eigenheiten ganz selbstverständlich produktiv einbezieht, die der Auffassung nicht zustimmen, Ökonomie sei an und für sich etwas Interessantes. Auch der Rückbau muss zugelassen sein, die Liebe zur evangelischen Armut. Unser fataler Energie-„Verbrauch“ schrumpft durch keine „alternative“ Energiequelle und -gewinnungsweise, auch durch keine technokratische Sparsamkeit, sondern nur durch jene Verzicht-Haltung, die aus einem radikalen, tief persönlichen Hinterfragen von Bedürfnissen hervorgeht. Dieser Gedanke hat bei Förster&Kreuz keinen Platz.

Förster&Kreuz schreiben: „Wir glauben fest daran, dass Wirtschaft bunt, aufregend, ansteckend und energiegeladen sein kann – wenn wir selbst sie dazu machen.“ (S. 145) Aber wollen wir das eigentlich? Gibt es nicht vielleicht sehr, sehr positive und konstruktive Gründe, das nicht zu wollen? Das aus ihrem Denkansatz resultierende Leben in maximaler Kreativität und Flexibilität, das Förster&Kreuz beschreiben, ist möglicherweise seelisch nicht kompensierbar. Für viele jedenfalls nicht. Für mich selber beispielsweise ganz sicher nicht. Um es am Beispiel der als wichtigstem Kapital der ökonomischen Zukunft von Förster&Kreuz viel und hoch gepriesenen Kreativität zu zeigen: Es gibt nach meiner Erfahrung keine Methode, neuartige Gedanken zu denken, außer der Stille; aber die wahre Stille lässt sich kategorisch in überhaupt keiner Hinsicht instrumentalisieren. Sobald man denkt: „Jetzt werde ich still, um eine tolle Geschäftsidee zu bekommen“, ist man schon auf einem ganz falschen Gleis unterwegs.

„An erster Stelle sollte diese Frage stehen: Was ist mir wirklich wichtig? Mir selbst!“ (S. 122) Wenn diese Fragestellung aber nicht in die perspektivische Matrix einer kritischen, philosophischen und letztlich spirituellen Reflexion darauf eingebettet ist, was „Selbst“, was „Ich“ bedeutet, dann wird die individuelle Antwort auf diese Frage kaum eine Chance haben, jener menschlichen Missentwicklung der Gier und Sucht zu entgehen, in deren Folge sie in hermetisch-egozentrischen Haltungen und Verhaltensweisen strandet. Genau durch Egozentrik, Gier und Sucht aber wird sie – in einem Zusammenhang, der nur scheinbar paradox ist – in fremdbestimmte Entscheidungsmuster zurück geleitet.

Denn wenn mir vor allem Freiheit und eine menschenwürdige Lebenswelt wichtig ist, wird meine wirtschaftliche Produktivität ganz generell viel eingeschränkter sein, als wenn ich stärker materielle Zielvisionen habe.

Förster&Kreuz haben durchaus viel verstanden. Sie warnen vor dem „Mein-Ding-Machen“ mit dem klugen Satz: „Diese Sorte Evangelium, die die neuen, für jeden erreichbaren Märkte beschwört, ist selbst ein großer Markt. Leute machen ihr Ding, indem sie Leuten erklären, wie man sein Ding macht.“ (S. 129) Doch auf diesem Markt würde in Wahrheit keiner reich – weder materiell noch ideell. Jede erfolgreiche Geschäftsidee brauche neben ihrem exzellenten Potential zur innovativen Schließung einer echten Marktlücke und betriebswirtschaftlicher Sach- und Fachkompetenz auch noch eine große Portion der persönlichen Unternehmer-Eigenschaften Disziplin, Engagement, Fleiß, Flexibilität, Durchsetzigkeit – und Realismus. So ist es. Und damit erweist sich „das eigene Ding“ als keineswegs „etwas für jedermann“. Vor allem aber reiche es nicht aus, wenn etwas noch so sehr „mein Ding“ ist, wenn es nicht zugleich auch für die Anderen von Bedeutung ist.

Förster&Kreuz veranschaulichen uns ihre Idee mittels einer Matrix. Deren eine Dimension bezeichnet die Bedeutung meiner Arbeit für „die Anderen“, die andere für mich selbst. Dem Nullpunkt beider Achsen am nächsten steht der Quadrant der „miesen“ Arbeit. Aber auch die sogenannte „gute“ Arbeit rangiert in Wirklichkeit nur auf der Achse ihrer Bedeutung für die Anderen hoch – die Werteordnung, die sie als „gut“ ausweist, ist fremdbestimmt. Umgekehrt erhält „mein Ding“ nur auf der Achse seiner Bedeutung für mich selbst hohe Punktzahl. Der von Förster&Kreuz idealisierte vierte Quadrant aber heißt: „bedeutsame Tätigkeiten„.

Auch Förster&Kreuz wissen: „Es ist keine Systemfrage, sondern eine Sache der Einstellung, der inneren Haltung.“ (S. 150-151) Aber auch innerhalb dieser Option gibt es erneut eine Menge Unterscheidungen, unter denen Förster&Kreuz für meinen Geschmack nicht die richtige Wahl treffen. Die besondere Lebens- und Erfolgskraft derjenigen Haltung zum und im Beruf, die ich tatsächlich für befreiend halte, liegt in ihrer unter allen Umständen ungebrochenen Positivität. Sie ist durch die üblichen Schicksals-Schnippchen des Arbeitslebens – wie Entlassenwerden, oder, schlimmer noch, Zweifel an der Bedeutsamkeit des eigenen beruflichen Tuns – überhaupt nicht ernsthaft tangierbar, sie empfindet dergleichen nicht dramatisch-pathetisch als Schicksals-„Schläge“. Die These von Förster&Kreuz hingegen lautet, auf den Punkt gebracht: „Wir glauben, dass wir alle die Fähigkeit haben, uns ein besseres Leben zu schaffen, wenn wir aufhören zu arbeiten und anfangen, etwas Bedeutsames zu tun. Etwas, das wirklich zählt. Am selben Ort wie bisher. Mit denselben Kollegen, in demselben Unternehmen, mit denselben Kunden. Wir sagen nicht: Tut etwas anderes! Wir sagen: Tut es anders!“ (S. 146)

Wenn die Autoren vorschlagen, die Unternehmenskultur, von der man als Angestellter betroffen ist, beispielsweise dadurch zu verändern, dass man „sich im Meeting als Einziger traut, nein zu sagen, weil man den Beschluss für falsch hält“, „für eine kleine Idee zu kämpfen oder eine alte, aber inzwischen sinnlose Regel zu bekämpfen“, „einmal zu fragen: Warum machen wir das eigentlich so?“, „in einer Frage Position für den Kunden zu beziehen und nicht für den Chef“, „für ein Ideal einzustehen, exzellente Qualität einzufordern, mutig zu sein, sich etwas zu trauen“ (S. 165), so ignorieren sie dabei letztlich die Frage, woher ein Mensch die Energie dazu beziehen soll? Was ist die Basis für ein solches Auftreten? Wenn das so leicht wäre, täte es jeder. Die Autoren sagen zwar selbst: „Das ist nicht leicht.“ Aber diese Feststellung ist irreführend: Es ist nicht nur nicht leicht, es ist absolut unmöglich ohne eine extrem tiefes persönliches Fundament, auf das die Autoren nicht wirklich näher eingehen und das mir aus nichts von alledem, worüber sie in ihrem Buch sprechen, automatisch zu folgen scheint. Die wichtigste aller Erklärungen bleiben sie somit schuldig.

Denn: Was macht das Bedeutsame bedeutsam? Oder: „Wann ist es genug?“ Es gibt kein „Genug“. Die Definition eines „Genug“ ist immer illusorisch. So bleibt nur die Frage als einzig sinnvoll übrig, welche Ziele, Interessen und Freuden es wert sind, die philiströse Frage nach dem „rechten Maß“ von vornherein auszuschließen, weil man in ihnen wirklich zurecht nie genug bekommen kann. Wenn man sich in etwas über das „rechte Maß“ den Kopf zerbrechen muss, kann man ebenso gut gleich ganz darauf verzichten.

Die Autoren stellen fest: „Wir alle brauchen in unserem Leben eine innere Haltung, eine ganz persönliche und starke innere Haltung.“ Aber woher soll die kommen? Die Autoren fahren fort, indem sie die Frage stellen: „Ist das, was ich tagtäglich tue, wirklich ein Beitrag dazu, die beste Version meiner selbst zu werden?“ (S. 185) Nein. Denn: Was immer „die beste Version meiner selbst“ bedeuten mag – ich werde es überhaupt nicht durch irgendetwas, das ich tue. Niemals. Da liegt der Haken.

Der provokante zeitgenössische Autor Tom Hodgkinson tritt im besagten Buch übrigens unausgesprochen als der typische englische Kryptokatholik auf. Edmund Burke hätte sein Vergnügen. Die protestantische Arbeitsethik entstand im Zeitalter der Reformation. Die mittelalterlichen Zünfte seien antikapitalistisch gewesen, da das ganze Zinswesen in ihnen äußerst kritisch beäugt wurde. Derlei Betrachtungen seien zwar richtig, aber rückwärtsgewandt. Förster&Kreuz beanspruchen für ihre Position, „so etwas wie Hodgkinson, aber mit ökonomischer Zukunfts-Zugewandtheit“ zu sein.

Förster&Kreuz sagen über Hodgkinsons Bewegung der „Idler“: „Das ist kein echtes Aussteigen, sondern nur eine clever eingerichtete Nische. Bei genauerem Hinsehen wird klar: Sich wirklich konsequent von der modernen Gesellschaft zu distanzieren wäre so aufwendig und anstrengend, dass von Müßiggang keine Rede mehr sein könnte.“ (S. 143-144) Richtig. Genau deshalb liegt die echt katholische Lösung des Problems darin, dass wir uns nicht mehr schlecht fühlen, wenn wir unser Erwerbsleben improvisieren und es individuell auf unser persönliches Leistungs- und Aufwands-Minimum hin optimieren. Auf diesem Weg Zufriedenheit und Glück zu erlangen – das allein ist die wahre katholische Option und überhaupt die einzige echte und konsequent denkbare Berufs-Lösung für jemanden, der nicht im kapitalistischen „System“ aufgehen will.

Hört auf zu arbeiten!“ ist ein sehr religiöses Buch. Dass es in der Zukunft noch Wirtschaftswachstum geben könnte, ist eine echte Glaubensbotschaft. Das wichtigste Wachstum des Menschen ist das innere. Spirituelle Menschen verändern die Welt durch ihre innere Kultur. Spiritualität kommt in diesem Buch nicht vor. Aber mit den in ihren praktischen Aspekten äußerst vage bleibenden Ideen – nicht einmal „Rezepten“, aber das ist ja eigentlich ein Lob -, die Förster&Kreuz statt Spiritualität bieten, werden sie und wir auf einen Kulturwandel in den Unternehmen sicherlich bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten. Mir persönlich ist es unmöglich, mich im Vertrauen auf die Glaubensaussage, unsere Wirtschaftsweise habe noch eine Zukunft, ins Getümmel des forcierten Ringens um diese Zukunft zu stürzen – ganz egal, ob man dieses Ringen nun „Arbeit“ nennt oder anders.

Ich bin dankbar, auf dieses Buch gebracht worden zu sein. Es markiert den zwangsläufigen Endpunkt, das Nonplusultra aller beruflichen Ratgeber-Literatur. Im nächsten Schritt kann Arbeiten nur noch zur religiösen Frage werden, zur conditio humana der Genesis, in der es untrennbar mit Sünde zusammenhängt.

Spirituell ist, diese biblisch gegründete Sichtweise nicht als „negativ“ und „pessimistisch“ zu verstehen, sondern zu begreifen und immer tiefer zu ergründen, weshalb niemand mit so großer Freude an seine Arbeit geht wie ein wahrhaft religiöser Mensch.

Nuhr in Koalition mit Bayern-F.D.P. versus Islam

Aus aktuellem Anlass: Wenn ein Kabarettist auf pfiffige Weise Religionen und ihre Eigenheiten durch den Kakao zieht, müssen diese das verkraften können. Das gilt für alle Religionen gleichermaßen. Das ist ein kategorisches, rigoroses Gebot jeder echten Freiheits-Gesellschaft, und in einer solchen wollen wir leben.

Trotzdem muss es auch in einer Freiheits-Gesellschaft ganz entschieden einen griffigen und wirksam sanktionsbewehrten „Blasphemie-Paragraphen“ geben, um Satiriker zu höchstmöglichem Niveau anzuhalten. Ein bisschen Gefahr ist die schmackhafteste Würze der Kunst. Minderwertiger, plumper Trottel-Humor ist eine nicht tolerierbare Beleidigung und Aushöhlung jeder kultivierten Gesellschaft.

Blasphemie ist ein differenziertes Geschmacksurteil, das seinem Wesen nach nicht formalisierbar, nicht simplifizierbar, nicht automatisierbar ist. Solche Art von Urteil macht Mühe. Derartige Mühe muss eine höher entwickelte Gesellschaft sich eben machen, wenn sie eine solche sein will. Kabarettisten haben die Macht, sie durch ihr provokantes Wirken dazu zu zwingen. Und das ist auch gut so. Punkt.

Übrigens habe ich keine Ahnung, was genau Herr Nuhr gesagt hat. Es ist mir auch Wurscht. Ich bin im Kabarett nur für die ehernen Prinzipien zuständig, nicht für die Kritik an einzelnen Gags.

Ausgebrannte Wende-Promis?

Friedrich Schorlemmer lehnt in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ vom Samstag die Bezeichnung der DDR als „Unrechtsstaat“ ab mit dem Argument, eine derartige „Generaldelegitimation“ befriedige nur das Bedürfnis nach einem Feindbild und berge dabei die Gefahr, „dass die DDR auf eine Stufe mit dem Nationalsozialismus gesetzt wird, was eine Verharmlosung von Judenmord und Angriffskrieg wäre“. Ist der Mann noch ganz auf der Höhe seiner geistigen Fähigkeiten?? (Arme SZ!)

Freiheit heißer Götterfunken

Vor ziemlich exakt zwanzig Jahren hieß mich Gerhard Feige, der gerade vom Dozenten zum ordentlichen Professor für Alte Kirchengeschichte, Patrologie und Ostkirchenkunde aufgerückt war, als oberster Studienbetreuer am Philosophisch-Theologischen Studium in Erfurt willkommen, wo ich meine akademische Laufbahn begann. Diese meine erste Vier-Augen-Begegnung mit der beeindruckenden Persönlichkeit Feiges zählt zu jener Sorte biographischer Momente, die man nicht vergisst.

Jetzt wird der Magdeburger Bischof Gerhard Feige zu 25 Jahren Mauerfall interviewt. KNA fragt: „Welche Hoffnungen vom November 1989 haben sich erfüllt?“ Und Feige antwortet: „Den Freiheitsaspekt kann man nicht genug betonen. Aber Freiheit ist eben auch anstrengend, und manche sagen heute: Die Freiheit ist grauer als der Traum von ihr.“

Auch Wolfgang Ipolt gibt dieser Tage ein Interview. Der heutige Bischof von Görlitz war bis kurz vor „meiner Zeit“ Subregens am Erfurter Priesterseminar, in dem ich für meine erste Nacht als frisch angekommener Aspirant der Theologie in Erfurt Quartier fand. „Das Christsein ist anders geworden“, sagt Ipolt. „Es ist nicht unbedingt einfacher geworden, als Christ zu leben. Früher wusste man genau, wo der Feind des Glaubens saß. In der heutigen pluralen Gesellschaft wissen viele nicht immer so genau, was dem Glauben schadet, was dem Aufbau der Gemeinde dient.“

Durch solche weisen Diaspora-„Hirten“-Worte erinnert uns der aktuelle politische Gedenk-Anlass einmal mehr an unser spätestens seit der „Wende“ chronisches, endemisches, ubiquitäres postmodernes Problem der Multiperspektivität, die ein wesentliches Merkmal echter Freiheit ist.

Wir können moralisch werten, aber es hilft uns nicht viel, das zu tun. Wie der prominente Journalist Udo Reiter „selbstbestimmtes Sterben“ explizit propagiert hat und jüngst mit gutem oder schlechtem Beispiel vorangegangen ist, kann uns zum Anlass der Ereiferung werden. Aber ernsthafte Substanz hat am Ende bei alledem doch einzig und allein die Tatsache, dass das individuell-persönliche innere Lebensgesetz jedes einzelnen Lebewesens, dem dieses folgt, als produktive Herausforderung für die Anderen dient. So gesehen ist alles, was existiert und geschieht, faktisch funktional. Es gibt nichts Disfunktionales. Der Einbrecher stimuliert die Entwicklung besserer Schlösser.

Eine gefährliche Perspektive, gewiss. Denn natürlich gilt sie, wenn sie gilt, für IS-Terroristen ebenso, die nicht nur sich selber umbringen, sondern dabei auch noch andere. Gefährlich ist diese Sichtweise – und unumgänglich. Allein in unseren Antworten, unseren Reaktionen auf „böse“ Phänomene wie den Terror liegt die menschliche Evolution; und es ist unsere Freiheit, zu bestimmen, in welche Richtung diese Evolution geht – sofern wir diese Freiheit zu nutzen verstehen. Die Kunst dieses wahren Nutzens beginnt damit, dass wir nicht in reiner Reaktivität gefangen bleiben, sondern unsere Reaktionen zu echter Aktion befreien. Echte Aktion aber heißt: eine Aktivität entfalten, die ganz tief in der Seele beginnt – und nicht bloß in unseren unbewusst ausgelösten Rückenmarksreflexen, deren eng getaktete Kampfzone Populisten bis in ihr vermeintliches Großhirn hinein ausweiten.

Wenn man versucht, über das Problem der Freiheit mit reflexiven Worten mehr zu sagen als dass sie für jede wahre, das heißt existenzielle Philosophie eine Aporie bleibt, so überzeugt mich in etwa die folgende Feststellung: Wir sind frei und wir sind nicht frei; und das heißt: Wir haben tatsächlich keine andere „letztinstanzlich“ ernste Verpflichtung als gegenüber unserem „inneren Lebensprogramm“, das ganz individuell ist. Aber das jeweilige „innere Lebensprogramm“ aller anderen Wesen um uns herum stammt aus derselben göttlichen Quelle wie unser eigenes. So betrachtet können die „inneren Lebensprogramme“ der verschiedenen Wesen folglich doch niemals völlig beziehungslos nebeneinander stehen, also auch nicht mit letzter Plausibilität vollkommen „frei“ sein. Aber ihre einzige wahre verpflichtende Beziehung zueinander verläuft nicht simpel „direkt-horizontal“ menschlichen Normen folgend, sondern vielmehr über den „vertikalen Umweg“ zum Göttlichen, dem sie alle grundlegend gleichermaßen verbunden sind.

Man könnte diese Vorstellung mit dem Prinzip der „sternförmigen Kommunikationsstruktur“ vergleichen – die in rein menschlich-„immanenten“ Zusammenhängen begreiflicherweise einen eher mittelmäßigen Ruf genießt; denn kein geschaffenes Wesen ist geeignet, als integrale Mitte aller Kommunikation zu fungieren. Ich habe dieses Modell an anderer Stelle bereits einmal als das Fundament jeder wirklich gelingenden Ehe beschrieben, in der die Partner „gemeinsam nach oben“ schauen, nach einer gemeinsamen Mitte in der Transzendenz hin blicken, als eine bessere Alternative zu einem nur-irdisch-verliebten Sich-Anschauen ohne einen „dazwischengeschalteten absoluten Maßstab“ ihrer Liebe, ohne den ihre Beziehung sich nämlich allzu leicht in einer bloßen grandiosen Illusion über sich selbst und den Anderen verliert.

Als ich während der Jahre meiner Arbeit im Rettungsdienst häufiger Umgang mit EKG-Kurven hatte, spielte dabei unter anderem die Frage nach „breiten Kammer-Komplexen“ diagnostisch eine entscheidende Rolle: Normal ist, wenn die Zacke, die den Herzschlag anzeigt, sich schön spitz und schmal darstellt; erscheint sie verbreitert und abgestumpft, so ist dies ein Hinweis auf einen kranken Herzmuskel. Dieses Bild ließe sich vielleicht symbolisch auf die „sternförmige Kommunikation der wahren Freiheit“ übertragen: Wenn das über das Göttliche verlaufende Dreieck spirituell vertiefter Kommunikation zwischen zwei irdischen Wesen einen „schmalen, scharf gezackten“, spitzwinkligen Komplex bildet, so repräsentiert diese Metapher „wahre Freiheits-Kommunikation“. „Schmale, abgeflachte“ Beziehungsmuster hingegen, in denen der „obere, dritte Pol“ in Unschärfe verblasst, symbolisieren ein tendenzielles Sich-Verlieren der Kommunikation im Immanenten, in der „horizontalen“ Fixierung der „geschaffenen“, „formbegrenzten“, egoischen Wesen auf einander – eine Beziehungsweise, aus der der Geist wahrer Freiheit unweigerlich verdunstet.

Die größte Hypothek der sich öffnenden Schlagbäume von 1989 ist die damals schon längst eingefleischt gewesene Areligiosität der meisten Menschen beiderseits der Grenze zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

Ja, ich möchte so weit gehen zu sagen: Die Menschen in Ost und West brauchten diese Grenze 1989 schon längst hauptsächlich noch als Stimulus für einen Traum, in dem die Freiheit bunter sein kann als in der Realität.

Insofern entpuppte sich ihnen der Mauerfall zwangsläufig als „Ent-Täuschung“.

Potenziell als heilsame.

Katholischer Medienkongress

In Bonn hat jetzt ein erster bundesweiter „Katholischer Medienkongress“ stattgefunden. Dort sagte Paul-Bernhard Kallen, der Vorstandsvorsitzende der Hubert Burda Media AG: „Wir brauchen mehr kirchliche Kommunikation denn je, wenn wir eine christliche Gesellschaft bleiben wollen.“ Wie der Burda-Konzern selbst müsse auch die Kirche zu einer medialen Priorität des Internets übergehen. Kallen mahnte, die Qualität der Beiträge müsse stimmen. Inhaltlich müsse die Kirche stärker versuchen, mit Menschen in Kommunikation zu treten, die „an ihrem Rand“ stehen, sich aber für Glaubensfragen interessieren. Er habe den Eindruck, die kirchliche Medienarbeit befasse sich zu stark mit dem Kern der treuen Kirchgänger.

Noch deutlicher wurden in dieser Richtung der Medienbischof der Deutschen Bischofskonferenz, Gebhard Fürst, und der Intendant der Deutschen Welle, Peter Limbourg, die „Schrebergartenmentalität“ in der katholischen Medienarbeit in Deutschland beklagten. „Jedes Bistum denkt in den eigenen Grenzen, aber wenn es einen Skandal gibt, wird er der gesamten Kirche angelastet“, sagte Limbourg.

Total daneben

Ich habe ja schon dargelegt, dass es für mich gute Gründe gibt, theologisch zunächst einmal tatsächlich von einer sakramentalen Unauflöslichkeit der Ehe auszugehen.

Was mich aber gegen die ultrakonservativen selbsternannten Eheband-Verteidiger in der katholischen Kirche aufbringt, ist ihr methodisches Verhalten in der Frage nach dem pastoralen Anwendungsumgang mit religiösen Normen.

Denn dieselbe Bergpredigt, auf die sie sich berufen, wenn sie hartnäckig-stur mit fundamentalistischer Rücksichtslosigkeit gegen das humane Maß die Unauflöslichkeit der Ehe predigen (Mt 5,31-32), fährt unmittelbar danach fort:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel für seine Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs. Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen. Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen.“ (Mt 5,33-37)

Das ist nicht minder deutlich als Jesu vorangehendes Verbot der Eheauflösung. Ein Fundamentalist sollte sich also gefälligst genauso viel Mühe wie mit der „Verteidigung“ der Ehe auch mit der Begründung machen, weshalb das Schwurverbot Jesu nicht auch für jegliche katholische Praxis von Ordensgelübden etc. etc. gelten sollte.

Die von einer durch und durch einseitig tendenzgetränkten Theologie bemäntelte willkürliche Selektivität der Argumentation von Menschen, die ihr persönliches starres religiöses Weltbild, das sie wie selbstverständlich zum geistlichen Maßstab aller Dinge erheben zu können meinen, aus der Bibel zu rechtfertigen bestrebt sind, ist das Unerträgliche. Mit echtem „Katholizismus“ hat solcher Fundamentalismus in Wahrheit wenig zu tun; denn eine „allumfassende“ Haltung ist etwas gründlich anderes.

Ein Bibelskandal

Zur Lesung des heutigen Sonntags gehört der Vers Ex 22,24. Laut Einheitsübersetzung besagt er angeblich, der Fromme dürfe keinen „Wucherzins“ nehmen für Geld, das er verleiht.

Das ist eine dreiste, unverschämte Manipulation des Textes, die völlig inakzeptabel ist. Das Wort „Wucherzins“ will hier absichtlich so klingen, als sei Zinsnehmen in Ordnung, solange der Zinssatz sich einigermaßen in Grenzen hält. Tatsächlich wird hier klipp und klar jede Form von Zinsgeschäften verboten. Vielleicht kann man theologisch darüber diskutieren, für wen das gilt und in welchen Fällen. Vielleicht. Aber kurzerhand mit Hilfe einer getricksten Übersetzung den unbequemen Sachverhalt zu verwischen, dass hier eine allgemein übliche Praxis vehement biblisch gemaßregelt wird, ist über alle Maßen schäbig. Das ist eine unerhörte, schmeichlerische Liebedienerei gegenüber den einflussreichen katholischen Kapitalisten, die unter gar keinen Umständen toleriert werden kann. Diese tendenziöse Missübersetzung muss kompromisslos revidiert werden.

Vielleicht kann man Katholik sein und gleichzeitig an Finanzgeschäften verdienen, solange man weiß, dass man damit einmal mehr ein Sünder ist. Vielleicht. Darüber kann und mag ich nicht urteilen. Aber sich von der Bibel pseudo-philologisch eine Anerkennung zu erschleichen für eine Verhaltensweise, die der Intention der Schrift klar zuwider läuft, ist absolut würdelos. Darüber traue ich mir ein klares Urteil zu.

Mutmaßungen über Goliat

In 1Sam 17,55 scheint König Saul den jungen David nach dessen Sieg über Goliat noch nicht zu kennen, den er im Kapitel davor doch bereits als seinen Zitherspieler und Waffenträger angenommen hat.

Und 2Sam 21,19 registriert, ein gleichnamiger Goliat aus eben derselben Philisterstadt Gat sei von einem gewissen „Elhanan, Sohn Jairs“ getötet worden, einem der „Helden Davids“.

Codex Vaticanus Graecus 1209, einer der ältesten und wichtigsten Textzeugen der Septuaginta (der griechischen Version des Alten Testaments), enthält die Verse 1Sam 17,55-58 nicht. Aus diesem Umstand kann aber nicht geschlossen werden, dass der alttestamentliche Text sich zur Zeit der Konstantinischen Wende inhaltlich noch erheblich veränderte; auch ein Versehen ist möglich und recht wahrscheinlich – antike Kodizes waren wegen der Unübersichtlichkeit ihres Schriftbildes schwer zu redigieren.

2Sam 21,19 allerdings lässt in der Tat kaum einen anderen plausiblen Schluss zu als den, dass eine ältere Überlieferung erst später David angedichtet wurde.

Lassen wir den Befund der Textüberlieferung einmal getrost beiseite und stellen wir fest:

Wer immer die Samuelbücher endredaktionell komponiert hat, hat Widersprüche in sie mit aufgenommen, die keine Versehen sind. Denn praktische Lesbarkeit hin oder her – wer in der Spätantike und im Mittelalter die Heilige Schrift studierte, tat dies zwar mit weniger philologischem und historisch-kritischem Apparat als wir heute, aber mit mindestens ebenso viel scharfer Intelligenz des gesunden Menschenverstandes. Was in der Bibel steht, steht in jeder Hinsicht bis ins Detail ganz bewusst darin. Aber nach welcher Logik?

Über die Zeiten hinweg entstand eine ganze Reihe von Erklärungsmustern für solche eklatanten Widersprüche in der Bibel, manche davon höchst abstrus. Wie also sind diese Widersprüche aus heutiger Sicht zu bewerten?

Die Endredakteure der David-Erzählung wollten alle Traditionen ihres Volkes bewahren, deren sie habhaft werden konnten. Teils haben sie auf eine Harmonisierung dabei entstehender Widersprüche verzichtet, wenn sie andernfalls etwas hätten „unter den Tisch fallen lassen“ müssen, was ihre geistliche Loyalität ihnen nicht gestattete, die im Zweifelsfall stets größer war als die Verpflichtung, die sie gegenüber poetisch-narrativen literarischen Prinzipien empfanden.

Aber sie zahlten diesen Preis möglicherweise keineswegs mit dem Unbehagen einer literarischen Peinlichkeit zugunsten theologischer Redlichkeit. Man kann durchaus eine eigene Schönheit in der Annahme entdecken, dass Widersprüche in der Bibel Absicht sind und eine tiefe Bejahung seitens ihrer Verfasser genießen.

Es soll wohl nach ihrem Willen durchaus erkennbar werden, dass David weniger eine historische als eine theologisch-„funktionale“ Erzählgestalt ist. Die programmatische Fiktion darf durch die bisweilen groben Nähte des Plots hindurch scheinen. Denn ebenso wie ein perfekt geschliffenes Epos würde auch ein reine knochenhart-faktische Historie zu sein beanspruchender Text Gefahr laufen, in seiner theologischen und spirituellen Priorität verkannt zu werden.

Unsere Altvorderen hatten mutmaßlich eine erheblich besser ausgeprägte Fähigkeit als wir, einen Text auf mehreren Ebenen gleichzeitig zu verstehen, ohne von den erzählhandwerklichen Spuren dieser Mehrdimensionalität kleinlich irritiert zu sein.