Pacwa vs. White zum Thema „Priestertum“

Auf YouTube kann man eine interessante US-Diskussion sehen zwischen dem reformierten Theologen James White (*1962) und dem Jesuiten Mitchell Pacwa (*1949) mit dem Thema: „Is the Roman Catholic Priesthood Biblical and Ancient?„, aufgezeichnet soweit ersichtlich am 29.5.2003.

Diese Diskussion ist faszinierend in etwas, das ich als typisch für ihre Amerikanität bezeichnen würde: Sie vollzieht sich einerseits auf einem sehr hohen akademischen Niveau und mit einer respektheischenden traditionellen Disputations-Disziplin, deren rigides Reglement sich niemand in Europa mehr für gebildete öffentliche Debatten einzufordern traut (warum eigentlich?). Und andererseits wirkt sie auf einen deutschen Theologen in ihrer Ausblendung aller Meta-Diskussionen auch gewissermaßen „naiv“.

Dabei nimmt Fr. Pacwa nämlich auf Einladung einer protestantischen Mediengruppe deren gesetztes Thema schlicht so an, „wie es ist“. Das heißt, er hinterfragt nicht den „sturen“ Biblizismus in der Argumentation von Dr. White. Das ist gewiss klug, denn im gegebenen Kontext würde eine derartige Hinterfragung wohl keinen guten Eindruck hinterlassen. Pacwa unternimmt als Bibelkenner eine Replik an den Biblizisten, die – sicherlich ganz bewusst – ausschließlich auf dessen eigenem Territorium aufmarschiert: Ob der katholische Priester so, wie er sich darstellt, in der Bibel verankert ist, das ist die Frage. Der Rahmen ihrer Beantwortung ist streng und eng gezogen. Der Jesuit hadert damit nicht. Hier ist für ihn nicht mehr zu verlieren, als zu gewinnen ist: wenig.

Das Ergebnis ist aus meiner Sicht recht zufriedenstellend. Es besteht nämlich für mein Empfinden darin, dass die erkenntnistheoretisch unterkomplexe Methodik des „Belt„-Biblizismus sich atmosphärisch selbst ad absurdum führt; während der Katholik in einer psychologisch geschickten und treffsicheren „Aufrüstung durch Selbstentwaffnung“ bekennt, was seine Kirche bibeltheologisch seit jeher „selbstverständlich“ unternehme, sei „drawing lines between the dots„.

Positiv muss man letztlich beiden Diskutanten anrechnen, dass sie nicht allzu penetrant und überlang um Worte kreisen. Natürlich ist es an Pacwa, die Vorlage zu liefern, dass die hebräischen Begriffe „kohên“ (c-h-n) und „komär“ (c-m-r) für Paulus beide disqualifiziert waren. Denn der „komär“ trägt die Konnotation eines Götzen-, eines Baalspriesters, „kohên“ hingegen kann nur ein per Geburt einem bestimmten israelitischen Stamm Angehöriger sein. Von da aus ist es naheliegend, auch den griechisch-heidnischen „hiereus“ als von Missbedeutungen kontaminiert zu empfinden.

Die entscheidende Frage ist also, ob die neutestamentlichen Begriffe „diakonos„, „presbyteros“ und „episkopos“ womöglich in sich selbst eine Bedeutung tragen, die vom jüdischen und griechischen Sinn der in diesen Sprachen für „Priester“ gebrauchten Begriffe erheblich abweicht (well aware, dass das deutsche Wort „Priester“ natürlich von „Presbyter“ herrührt und erst nach seiner speziell christlichen auch eine allgemeine objektiv-wissenschaftliche, kulturanthropologische Bedeutung im „Westen“ angenommen hat).

Die Aufgabe eines Priesters im allgemeinen kulturanthropologischen Sinne des Wortes ist ohne Zweifel das Darbringen eines kultischen Opfers als eine heilige Handlung, die auszuführen niemandem sonst obliegt und gebührt als dem Priester allein. Hierüber streiten Pacwa und White nicht.

Was aber spricht dafür, dass Jesus eine Opferpraxis stiftete, die ihrem diesem Begriff hinreichend entsprechenden Sinn zufolge ausschließlich von privilegiert geheiligten Personen auszuführen wäre?

Es ist tatsächlich die christliche Tradition, die dafür spricht – nicht die Bibel. Die Bibel spricht nicht dagegen; aber es lässt sich aus ihr heraus auch nicht mit intellektueller Redlichkeit positiv belegen.

Der Protestant White rekurriert auf sein stärkstes Argument für einen angeblichen offensiven Widerspruch des katholischen Amtsverständnisses gegen biblische Wahrheit mit Röm 6,10: „τῇ ἁμαρτίᾳ ἀπέθανεν ἐφάπαξ – tä hamartía apéthanen ephápax – für die Sünde starb er (Christus) ein für allemal„. Whites ganze Argumentation hängt im Grunde an diesem einen paulinischen Gebrauch des Wörtchens „ephápax„. Dabei leugnet kein Katholik dies.

Das ganze Problem ist ein zutiefst kulturelles. Für die mystischere und liturgischere Spiritualität eines Katholiken gibt es keinen Widerspruch zwischen dem ein für allemal aufgerichteten Kreuz Jesu Christi einerseits, das Sünde und Tod abschließend, „perfekt“ besiegt hat, und der immerwährend wiederholten Repräsentation dieses Opfers in der Eucharistie andererseits, welcher der geweihte Priester, unbeschadet des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen, als besonderer „alter Christus“ vorsteht. (Ob das so sein muss, ist übrigens eine ganz andere Frage; hier geht es lediglich darum, dass diese Auffassung grundlegend theologisch einwandfrei möglich ist.)

Die Reformation war und ist eine typische Revolution gegen eine übermäßig selbstreferentiell gewordene gesellschaftliche Autorität. Dies ist das Schicksal des katholischen Priestertums seit damals und bis heute. Aus dem Individualismus der Renaissance geboren, war die Reformationszeit überreif für eine Aufspaltung der integralen mittelalterlich-abendländischen Kultur in den für ihre Neuzeit konstitutiven dialektischen Modus zweier distinkter, paralleler und interaktiver Lebensformen christlicher Kultur, die eo ipso dieser Formulierung und Sichtweise für das heutige kulturelle Europa beide gleichermaßen wesentlich sind: Es gibt eine katholische und eine protestantische religiöse Erlebniskultur, die je für sich eine eigene Totalität des Lebens- und Weltzugangs entwickelt haben. Rechthaberische Streitigkeiten zwischen ihnen sind idiotisch, und derartige Idiotie ist in der jüngeren europäischen Geschichte schon längst viel zu exzessiv betrieben worden.

Das soll natürlich nicht den Vorwurf insinuieren, Pacwa und White veranstalteten dergleichen. Allerdings schließt die Aufgabenstellung der aufgezeichneten Debatte, für die White verantwortlich zeichnet, ein wirklich konstruktives Ergebnis methodisch von vornherein aus.

Der protestantische Standpunkt des ausschließlichen „allgemeinen Priestertums aller Gläubigen“ erscheint mir mit seiner biblischen Begründung grundsätzlich als durchaus akzeptabel. Ich persönliche sehe deswegen allerdings noch lange keine Not, ihn zu übernehmen, und habe auch sonst keinen Grund und Anlass, es zu tun. Natürlich ändert daran auch der praktische katholische Priestermangel nicht das Geringste, da es hier um eine Grundsatzfrage geht, nicht um eine dem geordneten Nachsinnen ermüdend chaosförmig erscheinende soziologische Turbulenz oder Entropie (so gravierend diese sich auch auf unser heutiges deutsches Leben als Katholiken auswirken mag).

Die Tradition hat ihren tiefen Sinn. Dieser beginnt vermutlich in der einfachen anthropologischen Gesetzmäßigkeit der Entwicklung religiöser Autorität durch religiöse Elite: Jener Charakterunterschied zwischen Menschen, demzufolge der primäre Seinsfokus der Einen stärker auf der religiösen Sphäre liegt als bei anderen, wird unvermeidlich immer eine gesellschaftliche Dynamik religiöser Eliten- und damit auch Autoritätsbildung in Gang setzen – bis hin zum Punkt der vielleicht ebenso zyklisch-unausweichlichen revolutionären Katastrophe, wenn Hierarchien zu sehr kristallisiert sind. Es ist die conditio humana, die nach der Priesterrolle ruft – so „unmöglich“ diese im Grunde kategorisch ist.

Abgesehen davon, dass „der“ interpretations-unbedürftige Sinn einer biblischen Textstelle nicht existiert – was jeder philosophische Proseminar-Absolvent begriffen hat, aber kaum ein Biblizist -, steht die Bibel auch nicht am Anfang der Kirche. Wäre es so, hätten die konstitutiven ersten zehn Generationen der Christenheit ein massives Legitimationsproblem. Und im übrigen ist das geltende katholische Priesterverständnis, wenn man es auf seinen geschichtlich zweifelsfreien Ursprung zurückverfolgt – nämlich nicht bis in die Urkirche, wohl aber bis zur Gregorianischen Reform -, immer noch beinahe doppelt so alt wie die ekklesiologische Glaubensvariante der Reformatoren. Das sind simple Fakten, die Dr. White zu ersparen Fr. Pacwa an gegebener Stelle – wo sie sich vor ihrer Devianz ins Polemische vielleicht kaum hätten hüten können – wohl durchaus gut und recht getan hat.

Sieht man den historischen Jesus in der Tradition der deuteronomistischen Propheten stehen, wie ich es tue, beschleichen einen freilich von diesem Aspekt her zusätzlich Zweifel, ob er an Fragen des Priestertums in historischer Tatsächlichkeit irgendein Interesse hatte.

Aber der Christus der Kirche ist ein Elaborat seiner gewachsenen Tradition – und zwar zu recht. Und mit ihm seine Priester. Ich habe keinerlei Schwierigkeiten damit, Protestanten den gleichen Respekt vor dieser Position abzuverlangen, den ich ihrem theologischen Andersmeinen entgegenbringe.

Denn der Grad exklusivistischer Sanktionierungen der eigenen Glaubensauffassung bezeichnet nicht den Grad des wahren Katholizismus.

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