Origenes

In letzter Zeit bemerke ich immer wieder eine „theologische Höflichkeit“, die Origenes (185-254) fast wie einen „Kirchenvater“ oder „Kirchenlehrer“ respektiert. Als solcher ist er nie offiziell anerkannt worden. Und das hat seine guten Gründe.

Das Problem des Origenes ist die Synthese, die seine Person und sein Werk repräsentieren, aus einerseits strikt biblischem, andererseits strikt platonischem Weltbild bzw. Weltzugang. Für uns heute ist eine solche Synthese überhaupt nicht mehr möglich. Wir müssen den biblischen Weltzugang als kategorisch un- und anti-platonisch erkennen. Vermittlungsversuche haben hier keinen Sinn. Das heißt, sie sind zwar vielleicht nicht in jeder Hinsicht völlig an den Haaren herbeigezogen, aber sie führen ganz entschieden zu nichts, was die intellektuelle Anstrengung wert wäre.

Selbst der relativ „beste“ Platonismus birgt immer noch die Gefahr, den geistigen Zustand des Menschen idealistisch, rationalistisch, intrinsezistisch, in allen geistigen Dingen quasi-positivistisch erklärungswütig, spekulativ-kalkulierend, „gnostisch“ und „esoterisch“ ausarten zu lassen – Charakteristika einer geistigen Existenzweise, die jeder echten Spiritualität, zumal jeder echt christlichen, mit konträrer Schärfe entgegengesetzt ist.

Freilich müssen wir akzeptieren, dass für die Zeit des Origenes in dieser Hinsicht noch etwas andere Beurteilungskriterien zu gelten haben, weil sein Zeitalter aus unserer Sicht „vorwissenschaftlich“ war. Der Neuplatonismus stellte damals tatsächlich die aussichtsreichste Option eines „wissenschaftlichen“ Weltzugriffs dar, und es ist Origenes nicht zu verdenken, dass er diesen Erkenntnisansatz mit dem christlich-biblischen zu harmonisieren trachtete. Aber dieser Versuch war und bleibt zeitbedingt. Er besitzt ohne Zweifel seinen tiefen Sinn in der Art und Weise, in der er die christliche Geistesgeschichte in einem bestimmten Stadium ihrer Entwicklung angetrieben hat. Wenn wir aber versuchen, ihn zu „aktualisieren“, erweist er sich durch und durch als gescheitert und zum Scheitern verurteilt.

Wenn heute christliche Theologen versuchen, in ihrer Wissenschaft einen „Hellenismus“ zu konservieren, der nie umhin kann, auf dem Neuplatonismus zu fußen, so müssen diese Bestrebungen als unfruchtbar beurteilt werden.

Denn wenn der „christliche“ spätantike Neuplatonismus auch zu anderen inhaltlichen Ergebnissen kommt als jenes ihm zeitgenössische Denken, das gemeinhin als „Gnosis“ angesprochen wird – und das schon Irenäus von Lyon angriff, der ein halbes Jahrhundert älter war als Origenes -, so entstammen Platonismus und Gnosis doch stets derselben geistigen Grundstruktur, demselben Denkmuster.

Wie es Origenes überhaupt gelang, Bibel und Platonik argumentativ zu vereinbaren, mag eine gewisse intellektuelle Bewunderung zweifellos rechtfertigen. Aber das ist heute nur noch ein rein historisch-akademisches Vergnügen und kann nicht mehr sein. Irenäus hingegen dachte nur biblisch. Genau das aber macht ihn keineswegs „ärmer“, sondern ganz im Gegenteil in Wahrheit gerade viel interessanter als Origenes vor dem Hintergrund eines Zeitalters, in dem es „Mode“ war, jegliche Erkenntnissuche mit einer neuplatonischen „Soße zu übergießen“.

Irenäus ist der Gewährsmann, an den wir uns für das zweite christliche Jahrhundert halten müssen, nicht Origenes.

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